Chapter 27
Eine eigenartige Erklärung für diese Tatsache möchte ich hier anführen. Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette tätig gewesen war, vertrat die Anschauung, daß der Lärm der quakenden Frösche in den Flußarmen und feuchten Wiesengründen so stark gewesen sei, daß er selbst das Geräusch unserer vorfahrenden Brückenwagen übertönte. Mag ein anderer über diese Mitteilung denken, wie er will, ich möchte nur versichern, daß ich den Erzähler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem Jägerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende Erklärung für das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage vor Beginn unseres Angriffes ein preußischer Unteroffizier gebracht, der auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas über einen deutschen Angriff sagen könnte, gab dieser folgende Auskunft:
„In den frühesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein mächtiges deutsches Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Täuschungszwecken, denn der anschließende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen Freiwilligenabteilungen ausgeführt werden. Die Moral der deutschen Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in Flandern so erschüttert, daß sich die Infanterie einem allgemeinen Angriffsbefehl offen widersetzt hat“.
Der Offizier gab offen zu, daß ihm diese Angaben den Eindruck voller Glaubwürdigkeit gemacht hätten, und daß er deswegen am 27. Mai in voller Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu können glaubte. Vielleicht kommen diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich drücke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres, dem er einen so unschätzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Täuschung des feindlichen Offiziers hätte übrigens nicht so gelingen können, wenn nicht die feindliche Propaganda durch die sinnlose Übertreibung unserer bisherigen Verluste einen günstigen Boden für die Glaubwürdigkeit der Angaben des preußischen Unteroffiziers vorbereitet hätte. So rächen sich hier und da propagandistische Unwahrheiten und Übertreibungen.
Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glänzenden Verlauf. Wir hatten ursprünglich damit rechnen zu müssen geglaubt, daß unser Angriff an der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen würde, und wollten dann über diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht wenig überrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages die Meldung erhielten, daß die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem Südufer der Aisne liegen, und daß unsere Infanterie dorthin noch am gleichen Tage vorgehen wollte.
Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen Tagen die Marne von Château-Thierry bis Dormans. Unsere Flügel schwenkten nach Westen gegen Villers-Cotterêts und nach Osten gegen Reims und das Höhengelände südlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze Aufmarschgebiet der französischen Frühjahrsoffensive von 1917 mit seinen noch vorhandenen reichen Vorräten aller Art war in unserem Besitz. Die Anlage neuer Straßen, Lagerbauten für viele Tausende von Mannschaften und anderes legten Zeugnis davon ab, in welch großzügiger Weise der Franzose damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir hatten die Sache kürzer gemacht!
In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem unsere größten Geschütze aus den Waldungen bei Crépy, westlich Laon, das Feuer gegen Paris eröffnet hatten, begannen nämlich feindliche Batterien aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglückliche Stadt. Ich möchte damit nicht behaupten, daß die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut wüteten ohne verständlichen militärischen Zweck. Sie nahmen wohl an, daß die Munitionszufuhr zu unseren Paris so lästigen Batterien über Laon gehen würde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine große Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevölkerte Stadt, auch warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder. Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung bedrohten Heimstätte nicht losreißen konnte, mußte in Kellern oder Erdräumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus ähnlichen Gründen auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen Verteidigungsfronten mit ansehen mußten, ohne etwas daran ändern zu können. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschütze am Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschießung Laons ein Ende genommen. Ein Zugehöriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt geführt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Häuserviertel besuchen zu dürfen, da ihn die Lage der Schüsse seiner Geschütze interessiere. Welch überraschender Tiefstand eines durch den Krieg versteinerten Herzens!
Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern fanden sich weiche Herzen nach hartem Männerkampfe. Von den mir erzählten Beispielen möchte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. März in dem noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen sich in den zerschossenen Straßen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene, aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten gezwungen. Sie legen ihre Bürde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter deutscher Soldat, dem Tode näher als dem Leben, den ermattenden Arm suchend und stöhnt zu dem sich niederbeugenden Träger: „Mutter, Mutter.“ Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt: „_Mother, yes, mother is here!_“
Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen Fühlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals über die kurz vorher erstürmten Höhen westlich Craonne. Bei jedem der noch nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bückt er sich und bedeckt das noch entblößte Gesicht, eine Huldigung an die Majestät des Todes. Er sorgt aber auch für lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwäche zurückgebliebene Verwundete und veranlaßt ihren bequemen Transport. Auch schon früher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses Deutschen zu blicken. In den Märztagen des Jahres fahre ich in der Gegend von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der Spitze einer dieser Kolonnen läßt er Halt machen und spricht den dort vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung für die tapfere Haltung ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis tröstend, daß das härteste Los, das der Gefangenenschaft, oft den trifft, der am tapfersten ausgeharrt hat. Die Wirkung dieser Worte scheint groß. Am größten bei einem jungen hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer berührt bisher den Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer Blick trifft das Auge – meines Kaisers.
Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch während der Kämpfe in dem bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Flügel unseres Angriffes nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur unvollständig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am 9. Juni in Richtung Compiègne führten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterêts gelangten zu keinem größeren Ergebnis. Wir mußten uns davon überzeugen, daß wir in der Gegend von Compiègne-Villers-Cotterêts die Hauptkräfte des feindlichen Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kräfte nicht besaßen.
Zusammenfassend möchte ich meine Bemerkungen über die Schlacht von Soissons-Reims damit schließen, daß uns die Kämpfe viel weiter geführt hatten, als es ursprünglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Daß diese schließlich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmählichen Erschöpfung der eingesetzten Kräfte begründet. Unseren allgemeinen Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen für die Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich ununterbrochen nach Flandern.
Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918
Das von uns in den drei großen Schlachten Erreichte stellte vom kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem Geländegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Größe der deutschen Erfolge. Wir hatten das Gefüge des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten erschüttert. Unsere Truppen hatten sich den großen Anforderungen, die wir an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen Angriffskämpfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, daß der alte Geist durch die jahrelangen Verteidigungskämpfe nicht erstickt war, sondern sich unter dem Worte „Vorwärts“ bis zu der Höhe des seelischen Schwunges des Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: „_What an admirable and gallant infanterie you have_“, so sprach ein feindlicher Offizier sich gegenüber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluß an diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in vorderster Linie gestanden. Ein mächtiger Einheitszug war durch das Ganze hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwärts gestrebt, um teilzuhaben, mitzuwirken und mitzufühlen an dem großen Geschehen! Wie oft löste sich da ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet. Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen, der mich wie ein Herüberwehen aus meiner längst vergangenen militärischen Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unverändert geblieben. So hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von Königgrätz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt wieder sprachen und sangen in den großen Kämpfen um Dasein und Vaterland, für Kaiser und Reich.
Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht, den Gegner militärisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach außen hin schien im Gegenteil jede militärische Niederlage den Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstärken. Dieser Eindruck wurde auch nicht dadurch abgeschwächt, daß ab und zu im gegnerischen Lager Stimmen zur Mäßigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen Staatsgebäude war im großen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Völker zusammen und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle diejenigen unschädlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag für mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stützten ihre eigenen Hoffnungen und verwiesen ihre Völker in erster Linie auf das allmähliche Ermatten unserer Kraft. Diese mußte sich nach ihrer Anschauung allmählich verbrauchen. Der Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kämpfe hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten kampfgeschulten Truppen bei Château-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns dort entgegen, noch ungelenk aber von kräftigem Willen geführt. Sie wirkten auf unsere schwachen Verbände überraschend durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit.
Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange gehegten französischen und englischen Hoffnungen endlich erfüllt. War es da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmänner jetzt weniger als je an einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es, um ihren eigenen Völkern die auferlegte Blutsteuer erträglich erscheinen zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermürben. So war ein Ende des Krieges für uns nicht abzusehen.
Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militärische Lage für den Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach erfolgverheißenden Anfängen war der Angriff Österreich-Ungarns in Italien gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besaß, aus dem Mißlingen des österreichisch-ungarischen Unternehmens größeren Vorteil zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet, die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs hätten entstehen können. Das Mißgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglück auch für uns. Der Gegner wußte so gut wie wir, daß Österreich-Ungarn mit diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges geworfen hatte. Von jetzt ab hörte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr für Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu müssen, daß Italien sich nunmehr dem Drängen seiner Verbündeten nicht mehr entziehen könnte und auch seinerseits Kräfte auf den alles entscheidenden westlichen Kriegsschauplatz werfen würde, nicht nur, um die feindliche politische Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kämpfen eine wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf unsere Schultern allein fallen, so mußten wir österreichisch-ungarische Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der für uns maßgebende Grund für das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare österreichisch-ungarische Unterstützung. Große Wirkung konnten wir uns von dieser Unterstützung allerdings zunächst nicht versprechen. Die Entscheidung über die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr als je ab von Deutschlands Kraft.
Die Frage war also, ob diese noch ausreichen würde, um ein siegreiches Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glänzenden Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten:
Bei aller Liebe und Anerkennung für unsere Soldaten durften wir doch die Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Mängeln in dem Gefüge unserer Armee nicht verschließen. Das Fehlen einer genügenden Zahl langgeschulter Führer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern großen Angriffsschlachten sehr fühlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und zu bedenklich gelockert. Es war an sich verständlich, daß der Soldat sich inmitten der erbeuteten reichen Bestände gegnerischer Depots dem Genusse lang entbehrter Lebens- und Genußmittel hingab. Aber es hätte verhindert werden müssen, daß er sich auf diese Genüsse zur Unzeit stürzte und dabei seine augenblickliche Pflicht vernachlässigte. Ganz abgesehen von den auflösenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat auch die Gefahr ein, daß uns günstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten.
Die Kämpfe hatten weitere schwere, unausfüllbare Lücken in unsere Truppen gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines völlig neuen Aufbaues. Die Bausteine hierfür waren dem alten Material moralisch meist nicht mehr gleichwertig. Die Schwächen der heimatlichen Verhältnisse spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld nachkommenden Ersatz durchdrangen.
Unter dem Einfluß unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die Stimmung der Heimat in weiten Kreisen mächtig gehoben. Man folgte den Nachrichten aus dem Felde mit größter Spannung und hoffte auf ein baldiges, glückliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen, manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein glücklicher Schluß des ungeheuern Duldens in greifbare Nähe gerückt blieb. So bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Führung versäumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen Ideenrichtungen durchtränkt waren, die bei ihrer Nervenzerrüttung und sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glück und den Frieden des Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschließlich im feindlichen Lager, das Böse ebenso ausschließlich im eigenen Lande suchten und zu finden glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt für die Zersetzung, die unsern ganzen Volkskörper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen Irrlehren drangen über unsere Grenzpfähle und fanden zahlreiche Anbeter in allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggründen. Die feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort. Sie warf sich mit wechselnder Stärke auf alle Gebiete unseres Lebens.
So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden. Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage geben zu können. Mit ihrer Hilfe zu einem glücklichen Ende zu kommen, war nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung. Vorbedingung für solche Erfolge war, daß wir die Vorhand nicht verloren, das heißt im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn wir ihn selbst aus der Hand gaben.
Wir konnten uns durchkämpfen, wenn nur die Heimat uns weiter die körperlichen und sittlichen Kräfte gab, über die sie noch verfügte, wenn sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die Bundesgenossen nicht versagten.
In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortführung unseres bisherigen Gesamtplanes heran.
Im Angriff gescheitert
Der Plan zur Schlacht bei Reims
Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen mußte.
Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.
An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen wieder zu entziehen.
Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft.
Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff übergehen würde.
Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen.
Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der französischen und englischen Front verschoben werden. Der Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende Verhältnisse veranlaßt wurde.
Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht wesentlich.
Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.