Chapter 26
Die Frühdämmerung des 21. März fand das nördliche Frankreich von der Küste bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je höher die Sonne stieg, um so dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrückt. Er beschränkte zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschützen jeden Kalibers im heftigsten Feuer standen.
Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewähr geben für die Wirkung unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war örtlich und zeitlich von wechselnder Stärke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten Gegner, als eine systematische Bekämpfung des lästigen Feindes.
Also auch jetzt noch keine Gewißheit, ob nicht der Engländer in voller Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der über allem lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stürmte gegen 10 Uhr vormittags unsere brave Infanterie. Zunächst kamen von ihr nur unklare Meldungen, Angaben über erreichte Ziele, Abänderungen dieser Nachrichten, Widerrufe. Erst allmählich hob sich die Ungewißheit, und es ließ sich überblicken, daß wir überall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen.
In den späten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger Klarheit zu erkennen. Die rechte Flügelarmee und die Mitte unserer Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung zum Halten gekommen. Die linke Armee war über St. Quentin hinaus mächtig vorwärts geschritten. Kein Zweifel, daß der rechte Flügel den stärksten Widerstand vor sich hatte. Der Engländer spürte die ihm aus nördlicher Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfügbaren Reserven entgegen. Der linke Flügel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender Überraschung die verhältnismäßig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der Kräfteverbrauch war im Norden über unser Erwarten groß, sonst entsprach er unseren Voraussetzungen.
Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen sich auch unsere vom Schlachtfeld zurückkehrenden Generalstabsoffiziere aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns geführt hatte, nämlich eine Versumpfung des Vorwärtsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch.
Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Flügel im Besitz der zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte feindliche Widerstandslinie genommen, während die linke Armee im vollen Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte von feindlichen Geschützen, ungeheure Mengen Schießbedarfs und sonstige Beute jeder Art lagen im Rücken unserer vordersten Linien. Lange Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertrümmerung der englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da unser rechter Flügel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch genug vorwärts gekommen war.
Der dritte Kampftag veränderte nicht das bisherige Bild des Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Flügels, wo höchstgespannte englische Zähigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafür weiterer großer Geländegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Flügel. Südlich Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte sogar überschritten.
An diesem Tage, dem 23. März, fallen die ersten Granaten in die feindliche Hauptstadt.
Bei diesem glänzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens möglich. Amiens ist der große Vereinigungspunkt der wichtigsten Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen Kriegsgebiet des mittleren und nördlichen Frankreichs, letzteres das hauptsächliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von größtem strategischen Wert. Fällt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns, wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kräftiges Artilleriefeuer zu bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt, der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Länder durch solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die beiden Namen „Calais“ und „Paris“. Darum vorwärts gegen Amiens!
Und in der Tat geht es auch weiter vorwärts mit Riesenschritten. Für lebhafte Phantasien und heiße Wünsche freilich immer noch nicht rasch genug. Muß man doch befürchten, daß auch der Gegner die ihm nunmehr drohende Gefahr erkennt, und daß er alles versuchen wird, ihr zu begegnen. Englische Reserven vom Nordflügel, französische Truppen aus ganz Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben. Auch ist zu erwarten, daß die französische Führung sich unserem Vordrängen von Süden her in die Flanke werfen wird.
Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Händen. Peronne und die Sommelinie südwärts liegt schon hinter unseren vordern Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten; für manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten Erinnerungen, für alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern, aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Gräben, aus dem majestätischen Schweigen über den verödeten Flächen und aus den Tausenden von Gräbern an das menschliche Herz dringt.
Starke Frontteile der Engländer sind völlig geschlagen und weichen ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurück. Zunächst stockt aber nun das Vorschreiten unserer rechten Flügelarmee. Um die Schlacht hier wieder in Fluß zu bringen, greifen wir das Höhengelände ostwärts Arras mit neuen Kräften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der linke Flügel stößt am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen französische Angriffe aus südlicher Richtung über Roye bis Montdidier vor.
Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens. Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwärts zu kommen. Aber bald wird auch hier der Widerstand zäher und zäher, die Bewegung langsamer und langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen müssen zurückgeholt werden. Die Tatsachen müssen so betrachtet werden, wie sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stückwerk. Günstige Gelegenheiten werden versäumt, nicht überall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen, selbst da, wo ein glänzendes Ziel in Aussicht steht. Man möchte es jedem einzelnen Soldaten zurufen: „Dringe vorwärts auf Amiens, gib den letzten Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen Höhen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen können!“ Vergebens, die Kräfte sind erlahmt.
Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren würde. Er wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage für den Verbündeten und für sich selber.
Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir müssen Atem schöpfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glück war es, daß wir teilweise aus den reichen Vorräten des geschlagenen Gegners leben konnten; wir hätten sonst die Somme wohl nicht überschreiten können, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen Stellungen verschütteten Straßen können erst durch tagelange Arbeit wieder benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung, Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht völlig auf. Am 4. April versuchen wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheißungsvoll lauten an diesem Tage zuerst die Nachrichten über das Vorschreiten unseres Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rückschlag und Enttäuschung.
Amiens bleibt in den Händen der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer berührt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht unterbinden kann.
Die „Große Schlacht“ in Frankreich ist zu Ende!
Die Schlacht an der Lys
Unter den Schlachtentwürfen für den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach Osten vorspringenden englischen Nordflügel beiderseits Armentières zu wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den Zusammenbruch herbeizuführen. Die Aussichten, die eine solche Operation im Falle günstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der Durchführung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenüber. Zunächst war es klar, daß wir es hier mit der stärksten englischen Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhältnismäßig engem Raum zusammengefaßt, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgeländes beiderseits Armentières. Da waren zunächst die meilenbreiten Wiesengründe der Lys und dann dieser Fluß selbst zu überwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken überschwemmt, im Frühjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken für die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Nördlich der Lys stieg das Gelände allmählich an und erhob sich dann schärfer zu den gewaltigen Höhenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre mächtigsten Eckpfeiler hatten.
Bevor die Lys-Niederung nicht einigermaßen gangbar war, ließ sich an die Durchführung dieses Angriffes überhaupt nicht denken. Ein genügendes Trockenwerden war bei gewöhnlichen Witterungsverhältnissen erst gegen Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben zu können. Mußten wir doch ununterbrochen die Möglichkeit des Eingreifens von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff vorhandenen Bedenken ließen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch vorbereiten. An seine Verwirklichung war für den Fall gedacht, daß unsere Operation bei St. Quentin die gegnerische Führung veranlassen würde, starke Kräfte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem Durchbruch entgegenzuwerfen.
Dieser Fall war Ende März eingetreten. Sobald sich nun übersehen ließ, daß unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen mußte, entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front zurückzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht erhielt die Antwort: Der Angriff über die Lys-Niederung sei dank des trockenen Vorfrühlingswetters schon jetzt möglich. Mit außerordentlicher Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeeführungen und Truppen gefördert.
Am 9. April, am Jahrestage der großen Krisis von Arras, erhoben sich aus den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentières bis La Bassée unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwühlten Morast, zwischen tiefen, mit Wasser gefüllten Geschoßtrichtern oder auf den wenigen einigermaßen festen Geländestreifen den feindlichen Linien entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang trotz aller natürlichen und künstlichen Hindernisse das überraschende Vorgehen, an das anscheinend weder die Engländer noch die zwischen ihnen eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen verließen größtenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und verzichteten endgültig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit. Unsere Ausnützung der Überraschung und des portugiesischen Versagens fand freilich in dem Gelände die größten Schwierigkeiten; nur mit Mühe konnten einzelne Geschütze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwärts gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle überschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf der nächstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunächst günstig. Der 10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der Gegend nordwestlich Armentières Gelände gewonnen. Am gleichen Tage wird unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die Trümmerstätten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder gestürmt.
Auch der nächste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen. Armentières wird vom Gegner geräumt, Merville von uns genommen. Wir nähern uns von Süden her der ersten Stufe zu dem mächtigen Höhengelände, von dem aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten. Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hören am linken Flügel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den nächsten Tagen noch Bailleul und setzen von Süden her den Fuß auf das Hügelgelände. Auch Wytschaete fällt in unsere Hand. Damit erschöpft sich jedoch dieser erste Schlag.
Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Süden her angreifenden Truppen gelegt. Schießbedarf kommt in nur ungenügenden Mengen durch, und wir sind nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage, unsere Truppen ausreichend zu verpflegen.
In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere Infanterie außerordentlich, ihre Erschöpfung droht, wenn wir nicht eine Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits drängt die Lage zu einer Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff äußerst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten, nur im Vorwärtskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen.
Wir müssen den Kemmelberg stürmen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, daß ihn der Gegner zum Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder unserer Flieger enthüllen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, daß der äußere Eindruck des Berges stärker ist als sein wirklicher taktischer Wert. Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpaß, bei den Kämpfen in den transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewährt hatten, dürften vielleicht auch hier das scheinbar Unmögliche möglich machen.
Voraussetzung für das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist, die französische Führung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher zunächst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, daß der französischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens näherliegen würde als die Hilfeleistung für den schwer bedrängten englischen Freund in Flandern. Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen. Der Verlust dieser Stütze erschüttert die ganze feindliche Flandernfront. Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen Rücksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von Südosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muß die ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die Hoffnungen und eilen bis an die Küste des Kanals. Ich glaube zu fühlen, wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen Schlacht folgt.
Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurückzuweichen. Freilich kommen Nachrichten über das Versagen einzelner unserer Truppen. Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versäumnisse begangen. Doch solche Fehler und Versäumnisse liegen in der menschlichen Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am Kemmel, reißen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunächst wenigstens bis Cassel! Von dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschütze Boulogne und Calais erreichen. Beide Städte sind vollgepfropft mit englischen Kriegsvorräten, sie sind außerdem die hauptsächlichsten Ausschiffhäfen der englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am Kemmelberge überraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf großen Erfolg. Trifft keine französische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands äußerster Not. Mit verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat, versuchen die eintreffenden französischen Truppen, uns diesen Stützpunkt zu entreißen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten großen Anstürme gegen die neuen französisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr durch.
Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung über, oder, wie wir damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung.
Die Schlacht bei Soissons und Reims
Der von uns zur Erreichung unseres großen Zieles eingeschlagene Weg wurde auch nach Beendigung der Kämpfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch weiterhin „durch eng zusammenhängende Teilschläge das feindliche Gebäude derartig erschüttern, daß es gelegentlich doch einmal zusammenbricht“. So kennzeichnete eine damals verfaßte Niederschrift unsere Absichten. Zweimal war England in äußerster Krisis durch Frankreich gerettet worden; vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgültigen Sieg gegen diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordflügel blieb auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt für unsere Operationen. In der glücklichen Durchführung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Küste des Kanals, so berührten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in die denkbar günstigste Lage für Bekämpfung seiner Seeverbindungen, sondern wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschützen sogar einen Teil von Britanniens Südküste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten bis in die französische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergrößerung dieses Wunders ist nötig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Küste bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten für Großbritannien damals, aber auch weiter für alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach Kruppschen Gedanken nunmehr überall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien oder Kriegserreger gegeben sind, muß die Zukunft entscheiden. England hat wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden für die ihm drohenden Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch Frankreich im geheimen schon die Folgerungen daraus gezogen. Daß man über solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden selbstverständlich; doch fühlt man wohl beiderseits die Waffe in der Tasche des anderen.
Für uns handelte es sich im Mai 1918 zunächst darum, die beiden jetzigen Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen, wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Möglichste Eile ist notwendig, sonst entreißt uns der wieder gestärkte Gegner die Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken Verteidigungsfronten würde unsere Absichten empfindlich stören, ja unmöglich machen.
Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist die politische Atmosphäre gegenwärtig ziemlich stark geladen. Unsere Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung gebracht, doch können wir hoffen, daß dies gelingt, wenn wir näher an die Stadt heranrücken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir wissen, die französische Verteidigung zahlenmäßig besonders schwach, doch gerade hier im angriffsschwierigsten Gelände.
Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon die Terrasse der Präfektur am Südteil der eigenartig aufgebauten Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines herrlichen Vorfrühlingtages. Eingefaßt zwischen zwei Hügelrahmen im Westen und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Süden, dort abgeschlossen durch einen mächtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor 103 Jahren hatten Preußen und Russen unter Blüchers Führung nach kampfheißen Tagen südlich der Marne die Höhen des Chemin des Dames von Süden her überschritten und sich nach dem mörderischen Gefechte bei Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im Ostgelände des steilen Laoner Felsens entschied sich in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1814 der Kampf zugunsten der Verbündeten.
An den Höhen des Chemin des Dames war die französische Frühjahrsoffensive 1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917 aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordöstlich Soissons vom Gegner gestürmt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu räumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurückzulegen.
Über die Steilhänge des Chemin des Dames hinüber hatten unsere Truppen nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Überraschung ab. War eine solche nicht möglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an den nördlichen Steilhängen des Höhenrückens. Die Überraschung gelang jedoch vollständig.