Aus meinem Jugendland

Part 19

Chapter 193,335 wordsPublic domain

Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte, hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe seiner Mutter. Diese nahm er mit der Naivität des Kranken ganz für sich in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte, rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er, daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im „Novellenschatz des Auslands“ erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb; ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne des kranken Bruders innige Freude an den „Goldenen Träumen“, die den Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie auf diesen Weg gekommen.

Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in mein neues Leben hinein.

Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar verloren hatte und, vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine seltsame Verzauberung aus. Mich brachten sie durch Vorspiegelung von einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte, dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde. Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme.

München.

Es waren freundliche Sterne, die das junge Mädchen nach München führten. Ich fand von vornherein herzlichen Anschluß an zwei Familien, die mich zuvor schon als Gast beherbergt hatten, die des berühmten Rechtslehrers v. Brinz, eines köstlich frischen, tatfrohen Österreichers, und seiner seelenvollen Gattin, die uns von Tübingen her nahestanden, sowie an das Ludwig Bareißsche Haus, jenes Urbild altschwäbischer Gastlichkeit, das um jene Zeit unsern alten Freund Ludwig Pfau als Dauergast beherbergte. Dieser erwies mir nun den Liebesdienst, mich in die Münchner Schriftsteller- und Künstlerkreise einzuführen, vor allem in das Haus des Komponisten Robert v. Hornstein, dessen entzückende Frau mich alsbald unter ihre Fittiche nahm. Baronin Hornstein war eine feenhafte Persönlichkeit, in der sich Schönheit, Anmut, Seelengüte, Mutterwitz mit dem leichtbeweglichen rheinischen Naturell zu einer unvergleichlichen Mischung vereinigten. Wer diese Frau gesehen hatte, der konnte desselben Tages nicht mehr traurig sein; sie hielt immerdar ein unsichtbares Füllhorn in der Hand, aus dem der Segen auf alles, was ihr nahetrat, strömte. Sie kam gleich, zu sehen, wie ich untergebracht sei, und da ihr mein Ofen kein Zutrauen einflößte, schickte sie mir einen aus ihrem eigenen Haushalt. Zuneigung ist eine Sache, die sich auf magnetischem Wege mitteilt, sie füllt die Luft und braucht nicht ausgesprochen zu werden. So ging es mir mit Charlotte v. Hornstein. Ich wußte sogleich, daß ich dieser Frau unbedingt vertrauen durfte und daß ich sie nie wieder aus meinem Leben verlieren würde. Sie erwies mir die Auszeichnung, mich gleich als ständigen Gast zu ihrem berühmten Sonntagskaffee einzuladen, wo ich als einziges junges Mädchen unter lauter reiferen Frauen und den Spitzen der Münchener Künstler- und Gelehrtenwelt saß. Der Hausherr war äußerlich das völlige Widerspiel seiner eleganten, glänzenden Gattin. Klein, unansehnlich, von wenig gepflegtem Anzug, schweigend, wenn er nicht etwas Besonderes zu sagen hatte, zog er doch mit seinem köstlichen Humor und seiner geistreichen Urwüchsigkeit stets die Lacher auf seine Seite. Er schwäbelte ein wenig und hatte bei seiner Abstammung von einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht den allerdemokratischsten Hang im Blute, der ihn zwang, von Zeit zu Zeit für ein paar Tage wie ein Handwerksbursch auf die Wanderung zu gehen und sich unter dem Volke umherzutreiben. Solche Naturhaftigkeit und Freude an allem Ursprünglichen bei altadeligem Geblüt und großer seelischer Verfeinerung heimelte mich von meiner Mutter her an, und ich schloß mit ihm noch eine Sonderfreundschaft, wie in der Folge mit allen Gliedern seiner Familie.

Noch eine andere der gefeierten Münchner Frauen nahm sich des jungen, alleinstehenden Mädchens mit Wärme an, die durch selbständiges Denken und männliche Charaktereigenschaften sowie durch ihre strenge Schönheit ausgezeichnete Rosalie Braun-Artaria, die mir auch einen ernsteren geistigen Austausch bot und deren Freundschaft mich gleichfalls durchs Leben begleiten sollte. Damit war der Eingang in die sonst so abgeschlossene Münchner Gesellschaft gefunden, und manches glänzende Haus öffnete mir seine gastlichen Pforten. Aber auch wenn es anders gewesen wäre, der bloße Umstand, daß ich keinen kleinstädtischen Mißverständnissen mehr ausgesetzt und nur noch für mein eigenes Tun und Lassen verantwortlich war, ließ mich aufatmen. Nur was ich mir von Kindheit an so innig ersehnt hatte, das volle „Dazugehören“, fand ich auch in München nicht. War’s die Folge der langen Verkennung und Anfeindung, war’s, daß ich mich jetzt als einzige Werdende unter lauter Gereiften, Fertigen befand, oder war’s mir angeboren? Ich konnte mich nur als liebevoll empfangenen Gast, nicht als Mitglied des erlesenen Kreises empfinden, und das Gefühl des Fremdseins, das immer und überall mit mir ging, verließ mich auch in München nicht. Was der empfindsamen Kindesseele Leides zugefügt worden ist, das hinterläßt eine Narbenschrift, die schwer verlöscht. Und ich brauchte auch noch größeren Raum, um zu wachsen.

Daß Paul Heyses von edelstem künstlerischem Geschmack regiertes Haus, wo die junge, sehr schöne, von ihm angebetete Frau anmutig thronte, mir gleichfalls gastlich offen stand, ergab sich aus seiner engen Freundschaft mit meinem verstorbenen Vater von selbst. Heyse, in seiner lange bewahrten Jugendlichkeit selber noch ein schöner und gewinnend liebenswürdiger Mann, herrschte widerspruchslos in der Gesellschaft wie in der Literatur, wo sich ja sein Einfluß bis in die Schreibart herunter bemerkbar machte. Als ein Meister der Rede hatte er mit seiner hohen Kultur und seinem ganz norddeutsch gerichteten Witz, der in hundert Fassetten funkelte und auch das Wortspiel bis herab zum Kalauer nicht verschmähte, in jedem Gespräch die Oberhand, wobei er doch nie die vornehme Verbindlichkeit außer acht ließ, die ihn zu einer wahrhaft fürstlichen Erscheinung machte. Dieser spielerischen Grazie, die das Wort als Selbstzweck behandelte, waren die süddeutschen Zungen nicht gewachsen. Zwar im schlagenden Einfall war ihm Franz Lenbach, im leichten gesellschaftlichen Geplänkel die Baronin Hornstein ebenbürtig. Aber bei schärferen Redekämpfen fand sich niemand, der ihm die Stange hielt, und es war ein Schauspiel, Heyse in solchen Augenblicken zu sehen. Einer so bestechenden Dichterpersönlichkeit konnte eine begeisterte weibliche Gemeinde nicht fehlen, die ihm stets unbedingt beipflichtete und sich geistig ganz nach ihm gemodelt hatte. An der Tochter seines Freundes, der er bisher aus der Ferne eine Art literarischer Vormund gewesen war, fand er aber im persönlichen Verkehr ein unlenksames Mündel. Zwar seinen Rat, keine Gedichte drucken zu lassen, ehe ein ausgereifter Band beisammen wäre, habe ich weislich befolgt und ihm zeitlebens gedankt. Im übrigen aber wehrte ich mich gewaltig gegen sein Übergewicht. Was er meinem Vater gewesen, in dessen verdüstertes Leben er den letzten tröstlichen Abendschimmer goß, konnte mich nur mit tiefer Dankbarkeit erfüllen, und ich war ja zur Verehrung für ihn geradezu erzogen worden. Auf beide Eltern hatte er einen unerhörten, bestrickenden und sie selbst beglückenden Zauber geübt: andere Freunde, die meine Mutter mit ihrem Überschwang necken wollten, sprachen von ihm nur als von „Ihme“. Allein wenn er mit meinem Vater zu Fuß durch die alten Städtlein und Dörflein Württembergs wanderte, voll feurigen Eingehens auf den älteren Freund und voll Freude an jeder Äußerung des Volkstums, so war er ein anderer als in seiner eigenen Umwelt, die fast einem Hofe glich, wo der Ton ein gedämpfterer war, wo alle Natur wie stilisiert erschien und das Leben sich nur in einwandfreiester Gestalt zu zeigen wagte. Heyse war ja zeitlebens auf den Höhen der Menschheit gewandelt, und sein tiefes Ordnungs- und Schönheitsbedürfnis zwang ihn, von dem dämonischen Untergrund alles Daseins, der Elend und Schuld gebiert, die Augen abzuwenden, dem Vernunftwidrigen aus dem Wege zu gehen. Er stand sogar solchen Verwicklungen, wie er sie in seinen Werken darzustellen liebte, im bürgerlichen Leben schroff gegenüber, wie mir übrigens ähnliches auch von Ibsen erzählt worden ist. Ging doch sein Sinn für das Herkommen so weit, daß er es richtig fand, seine eigenen Romane, die damals für sehr frei und den ganz Zurückgebliebenen sogar für unmoralisch galten, jungen Mädchen lieber nicht in die Hand zu geben. Von dem allem war der Geist, in dem ich aufgezogen worden, fast das gerade Gegenteil, und unsere Gespräche endeten daher meistens in ein kleines Scharmützel. So war ihm auch mein romantischer Napoleonkultus höchlich zuwider, und er konnte sich bis zum Zorn, ja bis zur Ableugnung der titanischen Größe dagegen ereifern. Zwischen Gleichaltrigen hätten die Gegensätze zu einem fruchtbaren Austausch geführt, allein meiner Jugend stand ein Fertiger gegenüber, der sich die Welt auf seine Art ausgelegt und sein Weltbild der näheren und ferneren Umgebung, ja man kann wohl sagen, einer ganzen literarischen Epoche seines Vaterlandes aufgezwungen hatte. Ich fühlte es auch bald selber, daß mein anfänglich ganz unbefangener Widerspruch wie Undankbarkeit erscheinen konnte -- und beginnt nicht jede Entwicklung mit einer Auflehnung und einem Undank? -- Darum hielt ich es nun, wo ich nicht mitgehen konnte, für passender, zu schweigen, aber das verletzliche Gewissen ließ mich dieses Verstummen als Unaufrichtigkeit empfinden und machte mich alsdann beklommen. So hatte ich von seiner Gegenwart häufig nicht den Vollgenuß, den mir sonst der Anblick einer so sieghaften Persönlichkeit bereitet hätte. Ganz wundervoll war Heyses Auftreten bei gesellschaftlichen Empfängen; ich dachte oft, daß hinter dem Dichter eigentlich ein hoher Diplomat stecke, und wahrlich, wenn solche nicht angelernte, sondern aus dem Innersten fließende Würde und Höflichkeit in Deutschland eine verbreitetere wäre, so stände es besser um das Ansehen der Deutschen in der Welt.

Grundverschieden von Heyse und doch ihm aufs innigste befreundet war mein engerer Landsmann, der von allen geliebte Dichter Wilhelm Hertz. Ein Stück edelsten Schwabentums, wurzelecht wie ein Erzschwabe, aber ins Weltschwabentum erweitert und erhöht. Die Uhlandsche Geisteswelt war in ihm wiedergeboren, nur ohne den Zug ins Altbürgerliche und ohne politische Richtung, ganz aufs Schöne gewendet. Jene edle Grenzmark der Poesie und Wissenschaft, in der man so tiefe, befreite Atemzüge tun konnte. Wo er erschien, da strömte seine untersetzte Gestalt mit dem keineswegs schönen, aber männlichen Gesicht eine Ruhe und Sicherheit aus, die wie unmittelbar aus dem Erdboden kam; man mußte sich fragen, ob er nicht in einem fernen Vorleben ein Baum gewesen sei, so einer mit tiefen Wurzeln und breitem Wipfel, und ob er nicht dunkle Erinnerungen an den Erdenschoß bewahre. In einer beglückenden wissenschaftlichen und dichterischen Tätigkeit und einer ungemein harmonischen Ehe lebend, erschien er als der Glückliche schlechtweg, bei dessen Anblick auch andere zufrieden wurden. Er war zugleich ein künstlerischer Genießer des Lebens, der aus jeder Gabe Gottes ihren vollen Wert zu ziehen wußte und der einen edlen Tropfen Weins auf der Zunge zergehen ließ wie einen Vers von Goethe. Wenn Hertz seine dunkle Stimme erhob, um sein Wort langsam und nachdrücklich ohne alles persönliche Schimmern in die Erörterung zu werfen, so war es, als hätten jetzt die Dinge selbst gesprochen und ihr wahres Wesen enthüllt, so daß gar keine Zweifel übrig blieben. Vor allem bewunderte ich den Gerechtigkeitssinn, mit dem er sich dem so leicht einreißenden Spott über Abwesende widersetzte. Er widersprach nur ungern und schonend; lieber erzählte er dann einen rühmlichen Zug aus dem Leben des Betroffenen, der diesen über jeden Angriff hinaushob. Hertz war mir ein glänzender Beweis, wieviel mehr Geist dazu gehört, die Vorzüge der Menschen zu sehen als ihre Fehler. Welch ein Meister der Geselligkeit er war, erfuhr ich freilich erst bei meinen späteren Aufenthalten, wenn ich an den Hertzschen Teenachmittagen teilnehmen durfte, die mir stets als Musterbeispiel edelster geistiger Bewirtung vorschwebten. Da war kein Ungefähr im Zusammenstellen der Gäste, alle verstanden und ergänzten sich, und nie ging die Zahl über die klassischen Neune hinaus. Der Hausherr hielt das Gespräch unmerklich in der Hand, daß es nicht zersplitterte und daß jeder der Geladenen sich nach seiner persönlichen Art entfalten konnte, während die Hausfrau ihn geräuschlos in den Pflichten des Wirtes unterstützte. Da wurde die Luft so hell und rein, und die verschiedenen Stimmen klangen wie ein Konzert ineinander, daß für einen Augenblick die Welt ganz Harmonie war. Und das müßte ja der Zweck jeder edleren Geselligkeit sein. Zum Schlusse erschien dann immer noch eine Flasche Sekt, und die Gäste trennten sich auf dem Höhepunkt der Stimmung, die noch tagelang nachklang.

Eine weitere sehr ausgeprägte Persönlichkeit war der nach allen Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder, ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin den Zugang fand.

So war es also mit der gesellschaftlichen Anlehnung trefflich bestellt, und im übrigen hieß es abwarten. Ich hatte nach einigen Erfahrungen an Münchner Zimmervermieterinnen mit Erwin eine kleine leere Wohnung zu ebener Erde an der Ecke der Karls- und Luisenstraße bezogen, die wir selber einrichteten. Das Essen ließen wir uns aus einer nahen Wirtschaft holen, es kostete damals nur fünfzig Pfennig für die Person, war aber auch danach. Gelegentlich kam von Hause eine Schachtel mit einem großen, von Josephine geschmorten Braten, der uns auf mehrere Tage sättigte. Als ich mir in der Au eine durch Frau von Hornstein empfohlene Zugeherin besorgen wollte, erlebte ich gleich zum Einstand ein sehr bezeichnendes Stück Münchner Volkstum. Im tiefen Schnee der Straße kam mir eine Jammergestalt laut klagend entgegen, mit Schlappen an den Füßen, im allerdünnsten Kattunröckchen und ebensolcher Bluse, Kopf und Hals bloß. Sie rief mich an, ob ich kein Dienstmädchen brauchen könne, sie sei in schrecklicher Not und wolle mir gewiß treu sein, wenn ich mich ihrer annehme. Ich konnte zwar die Leidensgeschichte, die sie mir erzählte, nicht nachprüfen, nahm aber an, daß es meine Pflicht sei, sie zu retten. Also ließ ich die Gutempfohlene fahren und dingte die Zugelaufene, der ich außerdem noch zehn Mark Vorschuß geben mußte, um ihren von der früheren Herrschaft -- ich weiß nicht weshalb -- zurückbehaltenen Koffer auszulösen. Sie schrieb mir ihren Namen auf einen Zettel, das war meine Sicherheit. Natürlich wurde ich von den befreundeten Damen weidlich ausgelacht, ich ließ mich jedoch nicht irremachen, und siehe, am bestimmten Tage stellte sich das Mädchen, ein spindeldürres, scheinbar gelbsüchtiges und auszehrendes Geschöpf, in anständiger Kleidung bei mir ein. Ich brachte sie bei einer benachbarten Kramerin unter, die ihr gleichfalls Arbeit gab, und sie bediente mich längere Zeit gewissenhaft und anhänglich. Sie war jedoch eine geborene Streunerin und wurde des trockenen Tones bald satt, also verschwand sie eines Nachts geräuschlos durch das Fenster, um, wie die Kramerin sagte, „mit den Maurern zu gehen“; sie hielt es scheint’s mit dieser ganzen Berufsklasse. Aber scheidend hatte sie noch für mich gesorgt, indem sie den Bäcker, die Milchfrau und andere Lieferanten beauftragte, mir morgens den Bedarf, den sie sonst abholte, vor die Tür zu stellen, ein Charakterzug, der mich mit ihrem Leichtsinn versöhnte.

In Erwartung meiner ersten Unterrichtsstunden brauchte ich nicht müßig zu gehen, sondern übersetzte in buchhändlerischem Auftrag ein französisches Werk. Allmählich fanden sich auch einige Schülerinnen ein. Die erste war eine baltische Baronin, die ich im Italienischen zu unterrichten hatte, eine Dame von sehr großem Stil, die deshalb zu meinem Erstaunen von der Gesellschaft für eine bedeutende Persönlichkeit angesehen wurde, nach deren häufigen Migränen man mich stets mit eifrigem Anteil befragte. Da sie mich oft weit über die Stunde hinaus festhielt, um sich über alles Erdenkliche auszusprechen, sah ich unter den schönen Verkehrsformen in eine geistig ganz unfruchtbare und schablonenhafte Natur hinein. Es war das erstemal, daß mir dieses Mißverständnis der Gesellschaft begegnete, daher es meiner Indianerseele als merkwürdig auffiel.

Bei weitem anziehender war eine geistig regsame und selbständige Schwedin, die sich bei mir im Deutschen üben wollte und die mir den Unterricht leicht machte, da ich mir nur von ihr den „Faust“ und die „Iphigenie“ vorlesen zu lassen und mit ihr über das Gelesene zu sprechen brauchte, wobei ich die Freude hatte, ihre Augen immer höher aufglänzen zu sehen. Sie bat sich von vornherein aus, daß ich sie im falschen Gebrauch der Artikel nicht stören dürfe, weil sie aus einer Familie stamme, in der bei hohem Bildungsstand niemand je mit dem Der, Die, Das zurechtgekommen sei. Ich war es zufrieden; die deutschen Sprachschnitzer meiner Schülerinnen klangen mir immer so drollig, daß es mir leid tat, sie schulmeisterlich berichtigen zu sollen. Noch besser verstand ich mich mit einer gleichaltrigen Amerikanerin, die sich ganz allein in Europa aufhielt, einem Geschöpf von kecker, knabenhafter Anmut, jungfrisch und so voraussetzungslos, als wäre sie eben aus dem Ozean gestiegen. Auch diese Liebenswürdige wollte, wie sie mir anvertraute, nichts als „ein Gespräch höheren Stils in deutscher Sprache führen lernen“, und der Unterricht bestand bei ihr wie bei der Schwedin darin, daß sie auf meinem Kanapee saß, um über Literatur und Verwandtes zu plaudern. Als sie entdeckte, daß auch ich ihre Lieblinge Burns und Byron liebte, war ihre Freude groß. Ich lernte ebenso von ihr wie sie von mir, denn ich horchte auf die Äußerungen amerikanischen Seelenlebens, das mir noch nie zuvor so nahe getreten war. Ich hatte dabei zum erstenmal den Eindruck, der sich mir bei späteren Beziehungen zu Amerikanern stets wiederholte und vertiefte, daß der amerikanische Denkapparat viel einfacher eingerichtet sei als der unsrige und unsere verwickelteren Gedankengänge gar nicht mit uns gehen könne, daher unsere halb scherzhaften Paradoxen und unsere übertragenen Wendungen oft ganz naiv tatsächlich und buchstäblich genommen werden. Solch ein amerikanisches Gehirn erschien mir als ein jungfräulicher Grund, noch nicht durch die Denkarbeit früherer Geschlechter durchwühlt und vorbereitet und deshalb im geistigen Verkehr mit der kulturälteren deutschen Welt Mißverständnissen ausgesetzt.

Erwin, der die Malklasse besuchte, war mir ein guter Kamerad. Zwar kam er gern des Abends etwas spät nach Hause, wobei ich ihn zu erwarten pflegte, aber ich gönnte ihm die Freiheit und wußte ja auch hinlänglich, daß Ermahnungen in solchen Fällen nichts fruchteten. Dafür kam er auch einmal in die Lage, mich erwarten zu müssen, als ich ohne Hausschlüssel ausblieb, was ihm ein großer Triumph war. Ich hatte mich von Hornsteins überreden lassen, den Abend mit ihnen auf einem weitentlegenen Keller zu verbringen, weil ich das Münchner Kellerleben noch nicht kannte. Es wurde spät und später, ich konnte nicht mehr allein nach Hause und mußte ausharren bis zum Schluß. Zwei Herren, darunter Wilhelm Hertz, hatten denselben Heimweg, sie brachten mich vor meine Tür, aber jetzt war guter Rat teuer; wie hineingelangen? Hertz schlug mir einen Einbruch durch mein eigenes Fenster vor, wofür er seinen Rücken als Aufsteigschemel anbot; er meinte, einer geübten Reiterin müsse das Auskunftsmittel passen. Aber meine schönen Milchtöpfe, die auf dem inneren Fensterbrett standen, schon halb gestockt, die Hoffnung des morgigen Abends? Während ich noch zauderte, wurden sie plötzlich von innen leise weggestellt, und Erwins Kopf erschien, von allen mit Zuruf begrüßt. Es war der ganz unverhoffte Fall eingetreten, daß der Bruder früher als die Schwester aus dem Wirtshause gekommen war und einmal seinerseits auf die Heimkehr der Nachtschwärmerin warten mußte.