Part 20
Aber schöner als die schönste Geselligkeit war es doch, des Abends ganz allein im stillen Zimmer zu sitzen. Da kam ein Besuch, der von allen der willkommenste war, der unsichtbare „Andere“. Seit meinem Märchen für den kranken Bruder traute ich mir nun wirklich etwas zu, ich nahm also einen stärkeren Anlauf und versuchte es mit einer Novelle. Eine romantische Liebesgeschichte mit Treue in der Untreue nebst einer Anzahl nach der lebendigen Mustersammlung gemalter Nebenfiguren war leicht erfunden, Zeit und Gegend, in die ich sie verlegte, gaben Gelegenheit zu abenteuerlichen Begebnissen und zu weiten Landschaftsbildern nach meinem Herzen. Im Feuer des Gestaltens gönnte ich mir nicht einmal mehr die nötige Zeit zum Essen und Schlafen, aus Furcht, ich könnte etwa über Nacht wegsterben und mein Werk unvollendet hinterlassen. Jeden Morgen fühlte ich eine ganz besondere Genugtuung, noch am Leben zu sein und mich sogleich wieder an den Schreibtisch setzen zu können, um zu erfahren, wie die Geschichte weiterging. Denn dies wußte ich selber nicht, ließ es mir vielmehr von jenem Unsichtbaren gewissermaßen in die Feder diktieren. Es ging mit Windeseile, ganze Stöße beschriebenes Papier türmten sich auf, und wenn auf dem kleinen Tisch der Raum zu eng wurde, so schob ich, ohne aufzusehen, die Blätter über den Rand hinunter auf den Boden, um ja keine der kostbaren Minuten, wo die Esse glühte, zu verlieren. Im Schreiben verliebte ich mich selber in meinen Helden, in dem ich ein Stück dämonisches Übermenschentum hatte schildern wollen, und als er tot und die Geschichte zu Ende war, legte ich den Kopf auf den Tisch und weinte selige, befreite Tränen. Es war drei Uhr nachts am dritten Tag, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte. Nun konnte ich endlich beruhigt zu Bette gehen.
Es ist schön, ein Geisteskind in die Welt zu setzen, aber wenn es hernach da ist und seine Geschicke auf die unsern einzuwirken beginnen, bekommt die Sache ein anderes Gesicht. Durch gewogene Freundesherzen, denen ich mich anvertraut hatte und die an der hervorgesprudelten Erzählung ein Wohlgefallen fanden, erfuhr Paul Heyse davon. Zu meinem größten Schrecken erschien er gleich in meiner Wohnung und begehrte als väterlicher Freund und Zensor, der über mein literarisches Heil zu wachen habe, die Novelle zu lesen. Ich verweigerte sie, denn ich wußte, daß ich von andern nichts lernen konnte, sondern abwarten mußte, was mir das Leben selber zu sagen hatte. Aber schon war er auf dem Schreibtisch der aufgestapelten Blätter ansichtig geworden, hatte sie blitzschnell, bevor ich es hindern konnte, in die Tasche gesteckt und suchte trotz meinem Widerspruch mit seinem Raub lachend das Weite. Mir schwante Böses, als ich des andern Tags durch einen Zettel zu ihm gerufen wurde, aber auf eine Strafpredigt wie die, womit ich empfangen wurde, war ich nicht gefaßt. Hätte er mir doch lieber den Rat gegeben, das Erzeugnis einzusiegeln und erst nach Jahresfrist wieder zu eröffnen, gewiß wäre mir hernach seine Unreife von selber aufgegangen, und die Handschrift wäre vermutlich ins Feuer gewandert. Allein er griff mich von der moralischen Seite statt von der künstlerischen an, indem er sich über die sittliche Anbrüchigkeit meines Helden wie über eine wirkliche Person entrüstete und die Behauptung vertrat, ein so gewissenloser Mann könne einer reinen Frauenseele keine Leidenschaft einflößen, wovon sich leicht aus Geschichte und Leben das Gegenteil erhärten ließ. Hier war gewiß der Brennpunkt all unserer Meinungsverschiedenheiten: er sah das Leben vernunftgemäß an und verlangte auch von der Dichtung widerspruchslose, gesetzmäßig aufzulösende Charaktere, während für mich zur inneren Wahrheit die Widersprüche mit gehörten. Niemand verstand es, wärmer und herzlicher zu loben als Heyse, wo er innerlich einstimmte; umgekehrtenfalls konnte er aber unverhältnismäßig schroff werden, wie ich ihn diesmal sah. Wir stritten heftiger als je, und das kalte Sturzbad mitten in die ersten Schöpferfreuden hinein griff mich mehr an, als ich zeigen mochte. Aber heimlich dachte ich doch, erfundene Gestalten, die solchen Sturm entfesselten, könnten nicht ganz talentlos gemacht sein. Und nun geschah es in der Folge, daß die Novelle gedruckt wurde zu einer Zeit, wo ich schon darüber hinausgewachsen war und ihre Schwächen einsah, daß sie bei den Lesern mehr Anklang fand, als mir lieb war, und zu meinem größten Verdruß während einiger Jahre bald da, bald dort nachgedruckt wurde, ohne daß ich es zu hindern vermochte. Da ich vor lauter Ernüchterung nicht einmal mehr die Korrekturbogen gelesen, sondern sie schleunigst verkrümelt hatte, ging das Ding nun auch noch mit den irrsinnigsten, Fehlern behaftet durch den Blätterwald. Nur der Umstand, daß ich damals schon in Italien lebte und daß von all den Menschen, die mir in den Straßen von Florenz begegneten, wohl niemand die Mißgeburt gelesen hatte, tröstete mich über den unerwünschten Erfolg.
Sobald die Münchner Sonne wärmer schien, war es mein erstes, mir zur Lust und den Tübinger Moralbegriffen zum Trotz Schwimmunterricht zu nehmen in der Würm. München besaß natürlich in dem durch einen Stellwagen mit der Stadt verbundenen Ungererbad schon seine Damenschwimmschule. Nach dreien Malen war es geschehen: ich konnte meine Schwimmblasen wegwerfen und mich vom Wasser tragen lassen; welch ein Hochgefühl! Aber noch ahnte ich nicht, wozu das binnen kurzem gut sein sollte.
Eines Tages stand Edgar wie aus der Pistole geschossen vor mir: er kam, von meinen Briefen angezogen, sich nach einem Wirkungskreis in München umzusehen. Die leidigen Verhältnisse wiesen ihn, der durchaus für eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn geboren war, in die Praxis, aber die Heimat hatte keine Verwendung für ihn. Stuttgart war überfüllt mit Ärzten, zum Landarzt paßte er nicht, in eine Kleinstadt noch weniger; auch legte man ihm seiner sozialistischen Gesinnung wegen überall Schwierigkeiten in den Weg. Zwei Tage hielt er sich in München auf, besuchte Kliniken und Ärzte, und ich gab mich schon der Hoffnung hin, ihn gleichfalls festwachsen zu sehen. Aber der dritte Tag machte diese Erwartung zunichte, er erklärte, daß München kein Platz für ihn sei. Ob die Umstände wirklich so ungünstig lagen oder ob der Drang nach einem ferneren, lockenderen Ziele ihn weitertrieb, weiß ich nicht. Edgar war kein Mann von langsamen Entschlüssen: ehe ich mich’s versah, hatte er sich schon verabschiedet und fuhr Italien zu.
Das war im Frühjahr gewesen. Bevor der Sommer ins Land kam, hatte er sich ohne irgendwelchen Vorschub noch Gönnerschaft in Florenz eine ärztliche Stellung gegründet, und es war bereits beschlossene Sache, daß ihm Mama mit Balde, dem man durch ein südliches Klima das Leben zu fristen hoffte, dorthin nachfolgen sollte. Die Sorge für den Kranken hatte schon bestimmend auf die Wahl des Aufenthalts eingewirkt. Jetzt verband er sich mit der Mutter, um auch mich zum Anschluß zu bewegen. Dieser Vorschlag war wie ein Blitz, der in eine plötzlich erhellte wundersame Gegend blicken läßt, und nahm mir fast den Atem. Es ging ja gegen alle bürgerliche Vernunft, das wertvolle kaum Errungene schon nach drei Vierteljahren um etwas völlig Unbekanntes zu vertauschen. Allein die großen Entscheidungen des Lebens werden nicht durch die Vernunft getroffen, sondern durch das Dämonische in uns, das unsere Bedürfnisse besser kennt als wir selber. Ich habe sein Walten niemals bereut. Es entzog mich der damaligen deutschen Kulturphase, die keine schöne war, und ließ mich mein Weltbild ungetrübt aus dem eigenen Innern gestalten. Freilich forderte es einen hohen Preis dafür, indem es mich all der unberechenbaren Vorteile beraubte, die der Zusammenschluß mit anderen gewährt. Ich hatte meinen künstlerischen Weg nun ganz allein, ohne Vorschub noch Anlehnung irgendwelcher Art, zu machen. Meine neuen Freunde schüttelten natürlich die Köpfe und hielten mir alle Bedenken vor, die mir schon selber aufgestiegen waren. Aber Edgar schrieb von den alten Palästen am Arno, von der Etruskerstadt Fiesole und von Sommern an dem nahen Meere. Das war es, was am stärksten zog; nicht die Kunst Italiens, von der ich noch wenig wußte, nicht die herrlichen Städtebilder, die man ja nicht wie heute schon aus ungezählten Abbildungen kannte, auch nicht im dunkeln Laub die Goldorangen beherrschten so meine Träume wie das blaue, unendliche Meer. Ich meinte, erst am Meere könne mein innerer Mensch sich vollenden. Der Wunsch, wieder mit den Meinigen vereint zu sein, und literarische Aufträge, die mich hoffen ließen, auch dort meine Selbständigkeit begründen zu können, zogen die Waage vollends nach dieser Seite herunter. Als ich der hoffenden und wartenden Mutter mein Ja geschrieben hatte und den Brief in einen Briefkasten der Briennerstraße werfen wollte, zuckte meine Hand noch einmal zurück. Ein plötzlicher Zweifel hatte mich befallen, und ich beschloß, die Frage noch einmal in die Hand des Schicksals zurückzulegen. Ich zählte die Fenster des Hauses auf Ja und Nein. Der Spruch hieß ja, der Brief fiel in den Kasten und ein großer Jubel erfüllte meine ganze Seele.
Bevor ich schied, erwarteten mich noch vierzehn köstliche Sommertage, die ich bei Hornsteins in Ambach am Starnberger See verbringen durfte. Des Morgens auf Feld und Wiesen entstanden kleine Lieder, die der Hausherr alsbald in Musik setzte und die des Abends schon von der gleichfalls als Gast anwesenden gefeierten Sängerin Aglaja Orgeniy am Klavier gesungen wurden. Die ganze übrige Zeit lag ich im See und genoß voraus die Wonne, daß ich künftig im Meere schwimmen würde! Ich erinnere mich, wie einmal Ludwig II. in seiner glänzenden Karosse schnell wie ein Traumgedanke an unserem Badestrand vorüberrollte und wie die jungen Mädchen gleich Wasservögelchen in die Höhe fuhren, um ihm aus den Fluten ihren Knicks zu machen. Eine selige Losgebundenheit und überschwengliche Erwartung verzauberte mir die ganze Welt, und das neue Glück, dem ich entgegenging, verschönte das gegenwärtige, das ich verlassen sollte.
Letzte Tage in der Heimat.
Während meiner letzten Münchner Wochen rüstete sich Tübingen zur Vierhundertjahrfeier der Gründung seiner Universität durch den Herzog Eberhard von Württemberg, und die akademische Bürgerschaft plante einen großen historischen Festzug, bei dem von vornherein auf meine Teilnahme gerechnet war. Auf dem prunkvollsten der Wagen, der den Stifter der Universität samt seinen Räten trug, sollte ganz vorn die Muse als Lenkerin des Gespannes stehen, und dieser Teil des Festplans, der bei den steilen, holprigen Gassen Tübingens zu anderen Eignungen auch sportliche Sicherheit erforderte, war in der Tat ohne meine Mitwirkung nicht auszuführen. Meine Mutter übermittelte mir brieflich die Bitte der Professoren- und Studentenschaft, daß ich zu der Feier nach Tübingen komme und die Rolle der Muse übernehme. Ich verspürte zuerst wenig Neigung dazu, denn ich betrachtete meinen Abgang aus Tübingen infolge der mißlungenen Werbearbeit für das Damenschwimmen doch als eine Art Scherbengericht, und es wurde mir einigermaßen coriolanisch zumute, daß mich nun die Vaterstadt in der Not durch meine Volumnia zurückrief. Der plötzliche Entschluß, mit nach Italien zu übersiedeln, machte jedoch meine vorherige Rückkehr nach Hause notwendig. Und kaum war ich in Tübingen, so erschien im Auftrag des Ausschusses Professor Leibniz, der akademische Zeichenlehrer, der, wie ich glaube, die künstlerischen Entwürfe für den Festzug gemacht hatte, und stellte mir vor, daß ich doch nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen bestrafen und um weniger Übelgesinnter willen den schönsten Teil des Festzuges zunichte machen dürfe, bis ich mich umstimmen ließ und ja sagte. Die Gewandung lieferte das Stuttgarter Hoftheater, das auch an dem großen Tage eine Garderobiere herüberschickte, um mich anzukleiden. Ihre Auffassung von einem griechischen Gewand war allerdings von der meinigen so verschieden, daß mir die weiße Tunika noch am Leibe völlig aufgetrennt und umgeheftet werden mußte. Der breite Messinggürtel mit den künstlichen Edelsteinen hatte zu meinem bleichen Schrecken eine lange Schnebbe! Da blieb nichts übrig, als ihn umzukehren und die Schnebbe nach oben zu richten, was, wenn auch nicht einer antiken, doch allenfalls einer Renaissancemuse ähnlich sah. Das geschah unter dem Widerspruch der Garderobiere, die versicherte, alle Iphigenien trügen einen Schnebbenleib. Ein langer blauer Peplos, der an den Schultern befestigt wurde, verdeckte, was noch stilwidrig war, und die Haare schmückte ein Kranz von Lorbeer. So angetan erstieg die Muse ihren Vorderplatz auf dem hochgetürmten Wagen und ergriff die Rosenzügel. Vier gewaltige Grauschimmel, von Pagen geführt, zogen das schwere Fuhrwerk. Auf dem Hochsitz hinter mir thronte der Fürst mit seinem Gefolge, eine jugendliche Schülergruppe kauerte zu meinen Füßen. Die Muse war die einzige, die völlig frei stand, und es bedurfte in der Tat aller Aufmerksamkeit, in der hügeligen Stadt das Gleichgewicht zu bewahren, besonders als es die damals noch jäh abfallende Neckarstraße hinunterging. So kam es, daß ich am Ende von dem berühmten Festzug, an dem mir eine Hauptrolle zugefallen war, nichts gesehen hatte als die Rücken meiner Apfelschimmel und die herzoglichen Herolde und Bannerträger, die vor meinem Wagen ritten. Den Rest des Zuges mit der Gruppe der drei Flüsse Tübingens und mit all den geschichtlichen Persönlichkeiten, den Gelehrten, Schülern, Rittern, Pagen, Mönchen, Landleuten, Flößern und so weiter lernte ich erst später aus Beschreibungen und einer rohen Zeichnung kennen; Momentaufnahmen gab es damals noch keine. Auch mitten im Festjubel blieb das Philistertum sich selber gleich, denn kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt, so beeilten sich geschäftige Zungen, mir neue Bosheiten zuzutragen. Aber am Nachmittag erschien die Ästhetik selbst in Gestalt Friedrich Vischers, um mir ihren warmen Glückwunsch und Beifall zu überbringen. Während draußen die Festfreude weiterlärmte, die gegen Abend in laute Trunkenheit ausartete, saß er bei Mutter und Tochter und erzählte als guter Kenner Italiens mit Begeisterung von den Dingen, die uns dort erwarteten.
An dieser Stelle sei es mir gestattet, den Manen dieses außerordentlichen Mannes für das herzliche Wohlwollen zu danken, das er mir schon von meiner frühesten Jugend zuwandte. Was er seinen Deutschen war, braucht von mir nicht gesagt zu werden. Was er _mir_ war, kann ich ohne Ruhmredigkeit aussprechen, denn es war seine Güte, nicht mein Verdienst, wenn er mich schon als Kind zu sich heranzog. Er lud mich als Zwölfjährige mit der Mutter zum Kaffee, den er selbst braute und einschenkte, ich mußte dann neben ihm auf dem Kanapee sitzen, er ließ sich meine Zöpfe aufflechten und erzählte mir Geschichten, unter andern das ganze Märchen von den Pfahlbauern, das er später dem „Auch Einer“ einverleibt hat. Wäre er länger in Tübingen geblieben, so hätte ich im Heranwachsen gegen die Anfeindungen des Philistertums einen Halt und Trost gehabt. Aber ihn selber trieb die Kleinstädterei von dannen, und er zog den Lehrstuhl an der Stuttgarter Technischen Hochschule dem der Tübinger Universität vor, weil er dort freiere Menschen, die sich in der Welt umgesehen hatten, fand. -- Als ich dann in den frühen achtziger Jahren zum erstenmal aus Italien wiederkam und ihn in Stuttgart besuchen wollte, stieß mir das peinliche Versehen zu, daß ich mir die Vormittagsstunde desjenigen Wochentags, wo er ganz ungestört bleiben wollte, um sein Kolleg vorzubereiten, in der Eile als die für Besuche willkommenste aufschrieb. Erst als ich die Klingel gezogen hatte und er selbst im Schlafrock mit einem Blatt Papier in der Hand mir öffnete, erkannte ich mit jähem Schrecken den Mißgriff. Er ließ mich aber durchaus nicht mehr entwischen, ich mußte sogar viel länger, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte, in der bei solchem Ruhme wahrhaft ergreifenden Einfachheit seiner Gelehrtenstube ihm gegenübersitzen, und es schien ihn gar nichts zu stören als sein Schlafrock, der ihm nicht schön genug war, denn er klagte wiederholt, daß er einen viel schöneren bestellt habe und nun zu seinem Ärger vom Schneider im Stich gelassen sei, wo er ihn doch so nötig hätte, um „einen anständigen Eindruck zu machen“. -- Und jetzt reisen Sie ab, wo der neue Rock fertig ist? sagte er ein paar Tage später vorwurfsvoll. So rührend jugendlich im kleinsten wie im größten war und blieb er bis ans Ende. Ein paar Jahre später hielt ich mich abermals einige Winterwochen in Stuttgart auf, da ließ er sich in seiner ritterlichen Zuvorkommenheit nicht abhalten, mich fast täglich, trotz Wind und Wetter und trotz der nassen Füße, die der fast Achtzigjährige zu scheuen hatte, in meiner Pension zu besuchen. Wenn man die kleine, zarte, obschon zähe Gestalt sah, das geistig verfeinerte Gesicht mit der übermächtigen Stirn und dem abgeblaßten Veilchenblau der Augen, die noch gar nicht vertrocknete, fast rosige Haut, die sich fest um die abgezehrten Wangen legte, so mahnte das ganze Bild des Mannes ergreifend und beängstigend, daß dieses ausdauernde Gehäuse allmählich doch zu dünnwandig wurde für den Geist, der es bewohnte. Ich wurde schließlich so besorgt, daß ich ihm einen früheren Tag der Abreise nannte und mich selber um die mir noch zugedachte Zeit brachte, die nie mehr vergütet werden konnte, denn es war das letztemal, daß ich ihn mit Augen sah.
Er hatte den höchsten faustischen Lebensgipfel erstiegen, von dem aus sich die Verworrenheit der Dinge zu großen, übersichtlichen Gruppen gliederte. Dabei wehte aber keine eisige Altersluft um ihn her, es gab kein Versteifen ins Gewohnte, kein Wiederholen des längst Gedachten. Seine Gedanken entstanden im Augenblick, wo er sie aussprach, das Neueste war ihm ebenso lieb wie das Alte, wenn es einen tüchtigen Boden hatte. Vischer war ein wundervolles Beispiel des ganz großen Deutschen, der mit leidenschaftlicher Inbrunst an der Muttererde haftet und zugleich mit dem Geist durch alle Länder schreitet. Und da er alle Register in der Gewalt hatte, so quoll er auch bei den ernstesten Gegenständen von Anekdoten, Witzen, Schnurren nur so über. Seine feinhörige Sprachmeisterschaft fühlte man in jedem Wort. Er erklärte mir auch seinen dritten Teil „Faust“ als aus dem unwiderstehlichen Zwang entstanden, in den hüpfenden, gleitenden Reimen des zweiten Teils weiterzuwirbeln; ein warnender Wink für solche, die den Urkeim eines Gedichts immer in der Idee suchen. Er wollte jedoch nicht nur geistreich sein, er wollte helfen, wirken. Er brachte Bücher, die er liebte, beriet in literarischen Angelegenheiten. Und war dabei so menschlich-vertraulich, als ob man ihm gar keine Ehrfurcht schulde.
Zu seinem achtzigsten Geburtstag sandte ich aus Florenz einen Lorbeerkranz und eine eben aufgegangene Magnolienblüte aus dem eigenen Garten, diese nach italienischer Sitte zusammengeschnürt, damit der Duft nicht vor der Zeit entweiche. In einigen begleitenden Strophen wurde der Kranz als Sinnbild der langen Ruhmesbahn, die Blume mit den stark strömenden und verströmenden Düften als Ausdruck des höchsten ausgeschöpften Augenblicks gedeutet. Er antwortete noch mit einem Gedicht, das kurz vor seinem Tode geschrieben wurde und jedenfalls zu seinen letzten gehört, wenn es nicht das allerletzte ist. Ich weiß nicht, was ich mehr darin bewundern soll, die edle, in unserer Zeit sagenhaft anmutende Bescheidenheit oder das Selbstgefühl des seltenen Mannes, der sich bewußt ist, noch am äußersten Lebensziel alle Möglichkeiten der Weiterentwicklung in sich zu tragen:
Zur Blume, die des Duftes feinste Geister Im Kelche sammelt, spendend sie entläßt, Zum Kranze, der, ein Schmuck für größre Meister, Den Strebenden begrüßt am Greisesfest, Läßt du aus Dichterworten mich ersehen, In welche Tiefen deine Blicke gehen[3].
Die dumpfen Seelen, die gedankenschiefen, Was wissen die von Ewigkeit und Zeit? Den Zeitmoment zur Ewigkeit vertiefen, Das ist es, ja, das gibt Unsterblichkeit. Dazu ward Leben, das bringt Rat und Licht, Bringt Reim ins ungereimte Weltgedicht.
Die letzte Zeile ist eine Anspielung auf den Schluß meines Gedichtes „Weltgericht“:
Das ungereimte Weltgedicht, Nehmt’s, wie es ist, und krittelt nicht.
Er hatte für dieses Gedicht eine besondere Vorliebe und pflegte es gleich nach seinem Erscheinen mit sich in der Tasche zu tragen und in Gesellschaften vorzulesen, wovon auch Ilse Frapan in ihren warmherzigen Vischer-Erinnerungen spricht. Er nahm es in Schutz gegen die heftigen Angriffe der Scheinfrommen, die nicht imstande waren, durch den Scherz hindurch die innere Pietät zu erkennen, und er schrieb mir damals nach Italien lange, launige Episteln im gleichen Versstil und mit spaßhaften Erfindungen im Geiste des „Auch Einer“, die er mir als Zusätze vorschlug. Er sprach auch noch von einer italienischen Reise und dachte an ein Wiedersehen in Venedig, wo mir jetzt ein Bruder, der uns nachgezogene Alfred, lebte. Statt dessen kam so rasch nach dem Altersfeste die erschütternde Todesbotschaft. -- Nach seinem Hingang schien die Welt um vieles kälter und leerer geworden, und ich mußte lange dem Rätsel nachstaunen, wohin diese gesammelte, sich immer ergießende und sich immer erneuernde Fülle und Wärme nun mit einem Male gekommen war.
Jetzt noch einmal ins alte Tübingen zurück, wo ich Mama und Josephine beim Packen und Ausräumen half. Alle leichtbewegliche Habe wie Bücher, Bilder, Wäsche usw. sollte uns nach Italien begleiten, die schweren Gegenstände blieben stehen, voran die wertvolle Biedermeiereinrichtung aus dem Brunnowschen Hause, um von den zurückbleibenden Brüdern Alfred und Erwin nach unserer Abreise versteigert zu werden. Meine Mutter trennte sich ohne Schmerz von den alten Erbstücken, weil kein äußerer Besitz ihr das geringste galt, mir aber war es ein Abschied von lieben, unvergeßlichen Freunden meiner Jugend. Die auch in ihren Beschädigungen noch köstliche Empirestanduhr mit dem schwarzen Adler, der einen mit Goldbienen besäten blauen Mantel über dem goldenen Zifferblatt mit dem Schnabel zusammenhielt, konnte ich nie ganz verschmerzen. Wer kann wissen, wohin sie geraten ist? Alles ging zu Schleuderpreisen weg, weil damals der Wert solcher Altertümer noch gar nicht verstanden wurde. Dagegen erzielte ein weggeworfener Hut meiner Mutter (wenn sie einen wegwarf, war wirklich nichts daran zu halten) einen Liebhaberpreis: er wurde von einem „Parteigenossen“ erworben und als Andenken im Triumph davongetragen, wie die Brüder später launig nach Florenz berichteten.