Aus meinem Jugendland

Part 18

Chapter 183,598 wordsPublic domain

Es war, als ob mitten in dem harten deutschen Frostwetter der schöne griechische Vogel leibhaft zum Fenster hereingeflattert käme, daß ich vor Überraschung einen Schrei ausstieß. In nicht mehr als dreißig Tagen wurde die ganze Ilias mein, eine Meisterleistung des Lehrers, die ihm später niemand glauben wollte. Die Brüder, die mindestens ihre vier Jahre im Gymnasium hatten schanzen müssen, bevor sie überhaupt an den Homer kamen, schüttelten ungläubig die Köpfe und ärgerten sich doch zugleich ein wenig über die von ihnen verbrauchte Zeit; besonders Alfred rächte sich am Lehrer und an der Schülerin durch spöttische Bemerkungen. Allein wir ließen uns nicht stören. Wenn es auch etwas holterpolter durch die Grammatik ging, so war doch der Lehrer zu gewissenhaft, um meine Findigkeit im Erraten des Sinnes durchgehen zu lassen; es mußte jede schwierige Form vorgenommen und genauer untersucht werden, bevor er meine Ungeduld weitereilen ließ. Daher mir trotz dem von den Brüdern bemängelten Laufschritt der Geist der Sprache recht wohl aufging, wenn ich auch natürlich in der Grammatik nicht sattelfest werden konnte wie sie. Aber ein wie viel größerer Lebensgewinn floß mir aus den karg bemessenen Studien zu, als ihnen die dauerhaftere Kenntnis der unregelmäßigen Verba und der sichere Gebrauch des Aorists gewähren konnte. Meine glückseligen Kindertage kamen mir noch einmal in verstärktem Glanze zurück. Da stand wieder das unsterbliche Roß des Achilleus, wie es die wallende Mähne trauernd durch das Joch senkt, während es dem Halbgott sein nahes Ende verkündigt. Und ich verstand jetzt klarer, was mich am Bilde dieses Helden von jeher so einzig gefesselt hatte: daß es keine höhere Verkörperung des Idealismus durch die Poesie gibt als ihn. Sämtliche Gestalten der Ilias sind nach dem Leben gebildet von dem vielredenden Nestor bis zu dem rohen Draufgänger Diomedes, von Odysseus ganz zu schweigen, aus dem der griechische Mensch mit seinem geschichtlichen Charakter blickt. Achill allein ist nicht aus der Erfahrung, sondern aus der Seele geholt. In ihm sehen wir, wie das adligste aller Völker sich den adligsten aller Menschen _dachte_. Die griechische Geschichte hat nur _einen_ hervorgebracht, der an ihn erinnert: Alexander, in dem man mitunter die bewußte Angleichung zu spüren glaubt. Als Sohn der zartesten Göttin verbindet der Heros das Feingefühl mit dem Dämonischen und erscheint durchweg auf das Gemütsleben gerichtet. Nicht die Taten des Achilleus will Homer singen, sondern seinen Zorn. Darum wird er nur gegen das Ende kämpfend eingeführt, während man die andern immer beim Totschlagen sieht. Indes jene würgen, sitzt er am Meer und spielt die Leier, aber es ist dafür gesorgt, daß wir nicht vergessen, wie ohne ihn nichts Rechtes geschehen kann. Jedes Lob der andern wird eingeschränkt durch den Zusatz „nach dem tadellosen Achilleus“, wie der König von jedem Zins den Löwenanteil empfängt; nur die Schlauheit wird ihm abgesprochen: sie gehört der niederen Menschheit, nicht ihrem Idealbilde an. Er allein von den Helden Homers ist über das Irdische erhaben und dadurch den Göttern ähnlich. Er bedarf der Nahrung nicht, wenn seine Seele in ihren Tiefen aufgestürmt ist, während Odysseus als der hochbegabte, aber innerlich gemeine Mensch keinen Augenblick des Leibes Notdurft vergißt. Alle die andern gieren als naive Naturmenschen nach Gewinn, der Sohn der Thetis schätzt Beute und Sühnegeschenke nur um der Ehre willen und nimmt auch hierin das spätere Ritterideal voraus. So erscheint auch seine ganze Umgebung durch ihn veredelt, indem sie sich ihm angleicht, und sie wirft ihren Adel auf ihn zurück. Patroklos vor allen, „so sanftgesinnt und so tapfer“, ist wie die schwächere Verdoppelung eines Regenbogens, ihm in allem ähnlich, aber weniger als er. Für ihn allein geschehen Wunder: von seinem unbeschützten Haupt lodert die Feuerflamme Athenes, das unsterbliche Roß gewinnt Sprache, der kunstfertige Gott schmiedet ihm die Waffen im Schweiße seines Angesichts. Aber all diese Vorrechte genießt er nur, weil er das Leben, das ihm so hold ist, wegwirft, um seinem Herzen zu genügen.

Wie weise der Dichter ihn vom Kampfe aufspart bis zuletzt; der Held wäre gemein, wenn er jetzt nicht, um den Freund zu rächen, über alle Schranken ginge, daß seine Taten mit denen der anderen in gar keinen Vergleich mehr gebracht werden können. Sein Kampf mit dem Stromgott ist ein Stück antiker Romantik inmitten der Sachlichkeit Homers. Der tobende Ausbruch des Helden muß seine nachfolgende schöne Menschlichkeit dem Gemüte desto lebendiger machen, während er doch auch in seinen weichsten Augenblicken noch der Gefährliche bleibt und selber vor dem Dämon, der ihn fortreißen könnte, warnt. Wie er mit dem alten Priamos im Zelte sitzt und die zwei Todfeinde über den Jammer des Kriegs, dessen Opfer sie beide sind und dem sie bei aller Macht keinen Einhalt zu tun vermögen, zusammen weinen, das ist vielleicht das Größte, was der Dichtung jemals gelang.

Auch die homerische Landschaft, die so wunderbar an das Raumgefühl spricht, wirkte mächtig auf die Einbildung. Die Skamanderebene mit den gemauerten Gruben für die troischen Wäscherinnen, wie ich deren später in südlichen Landen viele sehen sollte, und dem ehrwürdigen Male des Ilos, das in eine graue Zeitenferne zurückweist und dadurch die dargestellte Gegenwart so jung und so lebendig macht, das nahe Rauschen der Meerflut, aus der die Thetis steigt, die geheimnisvolle südliche Nacht, die bei dem Schleichgang des Dolon um die Griechenzelte webt: dies alles wurde zur persönlichen Nähe und weckte ein unauslöschliches Verlangen nach dem Boden, aus dem jene ewigen Gesänge gestiegen sind. Damals gaben Lehrer und Schülerin sich das Wort, wenn einmal beide es im Leben zu etwas gebracht hätten, zusammen Griechenland und die Inseln zu bereisen. Ein Menschenleben mußte vergehen, bevor das Gelübde erfüllt werden konnte. Als es endlich dahin kam, hielt der griechische Boden noch mehr, als er versprochen hatte, und war zugleich so vertraut, als ob man eine lange vermißte Heimat wiederfände: aus Landschaft und Kunst blickte mich wie durch einen verschönernden Spiegel die deutsche Seele mit an. Vor den noch erhaltenen Werken der großen Zeit ging mir ganz plötzlich das Geheimnis der Griechenkunst auf: daß sie nicht um der Kunst willen da war, sondern um der Religion und dem Vaterlande zu dienen und das Band der Einheit fester zu schlingen. Der griechische Boden predigt mit tausend Zungen, daß kein Mensch sich geistig außerhalb des eigenen Volkstums stellen kann. Und die Hellenen, die mir so oft Lehrmeister gewesen waren, lehrten mich auch, nach einem im Ausland verbrachten Leben wieder Deutsche zu werden. --

Nach Beendigung der Ilias lasen wir noch in ähnlichem Zeitmaß die Antigone und Bruchstücke aus den Lyrikern. Aber der „Agamemnon“ des Äschylos, nach dem mich gleichfalls verlangte, entmutigte mich bald durch seine Schwierigkeiten, und auch den begonnenen Aristophanischen „Wolken“ zeigte sich meine Sprachkenntnis nicht gewachsen.

Um die Weihnachtszeit verließ uns Ernst, um nach Rußland zu gehen. Sein Abschied war ein kleines Fest. Mama, die ihre Rührung nicht zeigen wollte, zerdrückte ab und zu im Nebenzimmer eine Träne. Der Scheidende wollte beim Aufbruch ein paar bewegte Worte sagen, aber seine Schülerin schob ihm, als er den Mund öffnete, schnell ein Stück Kuchen hinein und stopfte, während er damit rang, ein zweites nach, daß er zwischen Lachen, Weinen und Kauen nicht mehr zum Sprechen kam. So schied dieser treueste meiner Jugendfreunde auf Jahrzehnte aus meinem Leben.

Das Griechische wurde danach noch eine Zeitlang unter anderer Leitung, aber mehr im philologischen Sinne fortgesetzt, wobei die Poesie hinter der Grammatik zurücktrat. Dagegen gaben Edgar und ich uns das Wort, inskünftige, solange wir noch beisammen wären, jedes Jahr die„Antigone“ gemeinsam in der Ursprache zu lesen, wozu es jedoch nur einmal und bruchstückweise kommen sollte. Mir aber waren und blieben die Griechen mehr als bloße Wegweiser des Schönen; diese herrlich strengen, jeder Willkür abholden Lehrmeister wurden mir auch Erzieher fürs Leben. Sie bildeten mein seelisches Rückgrat, denn in der unbegrenzten Freiheit, in der ich mir selber Maß und Gesetz suchen mußte, wäre ich vielleicht ohne sie zerflattert. Sie warnten mich auch, den Fuß nicht allzu fest auf die Erde zu setzen und das Auge nie vor den schaurigen Abgründen zu verschließen, an denen die Blumen des Lebens blühen.

Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte.

Noch einmal ging mir in der Heimat ein neues Leben auf, als ich meiner guten Mutter die Erlaubnis abgedrungen hatte, die Reitschule der Universität besuchen zu dürfen. Schon als Kind war ich auf jeden mir erreichbaren Pferderücken gestiegen, und da sich der Hausarzt meinem Wunsche anschloß, um mir bei dem seßhaft gewordenen Leben mehr Bewegung zu verschaffen, wagte sie nicht nein zu sagen. Die Reitschule war als akademische Anstalt nach damaligen Begriffen dem weiblichen Geschlechte verschlossen, daher nie ein Frauenfuß die Reitbahn betrat. Auch wurde mir eingewendet, daß die nur wenig zugerittenen Zuchthengste vom Landesgestüt in Marbach, die dem studentischen Reitunterricht dienten, nicht zu Damenpferden geeignet seien. Dies schreckte mich jedoch nicht ab, und der damalige Universitätsstallmeister Baron Sternenfels, der ein Mann von Welt war, kam meinen Wünschen aufs artigste entgegen. So saß ich denn eines Tages im Sattel, und binnen kurzem war es so weit, daß ich auf meinem friedlichen alten Ebor neben dem feurigen Othello des Stallmeisters gen Lustnau trabte. Und da der Lehrer mir nicht auf die Länge so viel Zeit allein widmen konnte, verband er von nun an meinen Unterricht mit dem der Schüler. Einmal neckte er mich, indem er mir am unteren Ende der Reitbahn den Platz anwies und dann einen plötzlichen Kavalleriesturm gegen meine Stellung befahl. Als Roß und Reiterin ruhig blieben, war er mit meinen Nerven zufrieden. Da sah man denn des öfteren einen langen Reiterzug durch die Straßen stampfen mit einem blonden Mägdlein an der Spitze neben dem Stallmeister, ein in Tübingen nie dagewesener Anblick. Es tat mir leid, meinen Mitbürgern, die ohnehin an dem Tone unseres Hauses so viel auszusetzen fanden, ein erneutes Ärgernis geben zu müssen, allein ich konnte doch unmöglich warten, bis ihre Anschauungen sich so weit gewandelt hatten, daß sie an einer Dame zu Pferd keinen Anstoß mehr nahmen, was noch Jahrzehnte dauern sollte. Es wäre auch zu schade gewesen. Jene Morgenfrühen, wo es durch die schlafende Stadt hinausging in Felder und Wälder, die noch im Tau funkelten, und wo die Pferde mit Freudengewieher den weit aufgehenden Raum begrüßten, möchte ich nicht um vieles in meiner Erinnerung missen; es war ein Gefühl wie von Herrschaft über die Erde.

Im Stall befand sich ein stattlicher Rapphengst, auf den ich wegen seines schönen, rundgebogenen Halses mit der wallenden Mähne gleich ein Auge geworfen hatte. Er hieß Shales, war englisches Halbblut mit sehr gutem Stammbaum, aber persönlich ein launenhafter, tückischer Gesell, dessen ungute Charaktereigenschaften sich auch auf alle seine Nachkommen vererbten, daß im Landesgestüt noch lange danach die Bosheiten des Shalesschen Geschlechts wohlbekannt blieben. Einmal sperrte er mich, als ich ihm freundlich in seinen Stand ein Stück Zucker brachte, ein, indem er mir mit den Hinterbeinen den Ausgang verschloß. Kein Zureden half, auch die Reitknechte waren machtlos, erst die Kommandostimme seines Gebieters bewog ihn, mich wieder freizugeben. Ich war jedoch verliebt in den Shales und nahm ihm seine Unarten nicht übel. Und ich lag immer aufs neue dem Stallmeister in den Ohren, einmal den Shales für mich satteln zu lassen, was er als zu gefährlich ablehnte.

Eines Morgens kam meine Mutter noch im Dunkeln an mein Bett und bat mich dringend, nur heute nicht auszureiten: sie habe mich soeben im Traum auf einem durchgegangenen schwarzen Pferde gesehen, in wildem Galopp auf der Landstraße hinrasend. Ich beteuerte ihr, daß sie völlig ruhig sein dürfe, weil der einzige Rappe, der in Betracht käme, mir noch ganz kürzlich rundweg verweigert worden sei. Das ängstliche Mutterherz wollte sich schwer zufriedengeben und blickte mir vom Fenster nach, solange ich mit der Gerte in der Hand, das lange Reitkleid über den Arm geschlagen -- man trug damals noch die tief herabwallenden Reitkleider, die zwar sehr schön, aber auch sehr gefährlich waren --, die Kronengasse hinunterschritt. Im Reitstall fand ich einen der rotröckigen Knechte, der noch halbverschlafen zu meiner höchsten Überraschung soeben dem Shales den Damensattel auflegte. Er erzählte, in aller Frühe, noch beim Laternenschein, sei der Herr Baron herübergekommen und habe ihm so befohlen. -- Heut können wir was erleben, brummte der Mann, der mit sichtlichem Widerstreben gehorchte, das Vieh ist hartmäulig und kommt ja fast immer ohne seinen Reiter heim. Blitzschnell schoß mir Mamas Traum durch den Kopf, doch das Wohlgefallen an dem stolzen Anblick des Tieres drängte das Bedenken zurück. Beim Ausritt hieß der Stallmeister mich in der Nachhut bleiben, allein der Shales setzte sich gewaltsam an die Spitze, und ich spürte gleich, daß ich ihn nicht im Zügel hatte. Auf der Straße hielt er sich noch gesittet, aber kaum waren wir in der Nähe des Waldhörnle auf Wiesengrund gekommen, der auch die anderen Pferde aufregte, so war es mit der Mäßigung des Shales vorbei, er brach quer über die Wiese los, erflog die Böschung und rannte mit mir auf der Landstraße unaufhaltsam gegen die Stadt zurück. Ich hörte noch den Befehl des Stallmeisters: Alle zurückbleiben! dann war ich schon weit hinweg. Kein Zügel wirkte das geringste, doch ich saß zum Glück fest und ließ den Shales in Gottes Namen rennen. Es war jetzt genau das Bild, das meine Mutter zwei Stunden zuvor im Traum gesehen hatte. Wir waren schon nahe an den Bahnschranken, wo die Sache kritisch werden konnte, da hörte ich endlich die Hufe des Othello hinter mir donnern, was den Shales natürlich zu vermehrtem Laufe antrieb. Aber jetzt wurde er von einer Männerfaust gepackt und in den Zügeln gerüttelt und bekam von dem Gertenknauf des Barons einen Hieb um den andern auf seine arme Nase, bis ihm das Blut herunterlief und er endlich Vernunft annahm. Zu Hause schwieg ich von dem Vorfall, jedoch der Zügel hatte mir den dicken Lederhandschuh buchstäblich durchgesägt und in die Hand eingeschnitten, auch war mein linker Arm von der Anspannung so verschwollen, daß er vierzehn Tage lang unbrauchbar blieb; so kam Mama allmählich doch hinter die Sache. Es war nicht das einzige Mal, daß sie Dinge träumte, die unmittelbar danach geschahen. Diese Anlage zu Wahrträumen hatte sie auch auf mich vererbt, nur daß ihr der Traum den kommenden Vorgang klar erzählte, während er ihn mir in ein mehr oder minder durchsichtiges Symbol zu verschleiern liebte, das sich erst beim Erwachen enthüllte.

Bald nach dem Abenteuer mit dem Shales wurde zu meinem Leid Baron Sternenfels von einem Herzschlag jählings hinweggenommen. Sein Nachfolger, Rittmeister Haffner, war ein gemütlich derber alter Schnauzbart, dessen Ton von dem ritterlich vornehmen seines Vorgängers wesentlich abstach, der aber einen prächtigen eigenen Stall mitbrachte. Er war außer sich über die unlenksamen Zuchthengste, die jedesmal in den Frühjahrsmonaten bei ihrem eigentlichen Beruf auf den „Platten“ wieder ganz verwilderten, auf denen er daher den Studenten keine feinere Reitkunst beibringen konnte. Seine Verzweiflung darüber pflegte sich in drastischer Weise zu äußern. Diese Hunde von Hengsten, schrie er einmal, blau vor Wut, als wieder alles durcheinander ging -- und die Esel, die auf den Hunden sitzen, es ist eine Schweinewirtschaft!

Zoologie schwach, bemerkte ein neben mit reitender Mediziner.

Ich ritt nun die feingeschulten Tiere seines eigenen Stalles, was freilich eine ganz andere Sache war. Er besaß zwei edle arabische Hengste, den Schimmel Soliman, der für mich bestimmt wurde, und Abdel Kerim, den Goldfuchsen, den er zuerst ganz allein ritt, weil das Tier für schwierig galt und in der Tat unter seinem Herrn, den es nicht zu lieben schien, immer unruhig ging. Es hatte ebensolchen „Schwanenhals“ wie der Shales und dazu die feurige Anmut seiner edlen Rasse. Mein Wunsch, auch einmal den Fuchsen besteigen zu dürfen, wurde anfänglich als unerfüllbar abgelehnt. Aber schließlich geschah doch, was ich wollte, und diesmal wurde mein Vertrauen nicht getäuscht. Der Araber war ein ritterlicher Charakter und völlig verschieden von dem undankbaren Shales. Er ging so gern unter der leichteren Last und der weicheren Hand, daß er fortan mein Leibroß wurde und sich willig auch von mir das Gebiß anlegen ließ. Das kluge Tier zeigte ein sichtliches Verantwortlichkeitsgefühl, sobald der lange Reitrock an ihm niederwallte, und machte niemals mit mir die geringsten Mätzchen. Es horchte sogar auf unser Gespräch, denn wenn ich halblaut den Stallmeister um die Erlaubnis zum Galoppieren bat, setzte es sich sogleich, ohne die Hilfen abzuwarten, in Galopp. Immer willig trug mich Abdel Kerim steile Waldeshänge hinauf und hinab bis in die Ausläufer des Schwarzwalds hinüber, bald durch seichte Wasserläufe patschend, bald über Wiesen hinfliegend, und wenn er sehr gut gelaunt war, so gab er im Schritt eigentümliche summende Töne von sich, die wie Gesang klangen. Wer nie die Welt von einem Pferderücken aus gesehen hat, der weiß nichts von dem Rausch des Raums, der die Sinne ergreift und sich mit dem aufsteigenden Dampf des Pferdekörpers zu einem halb göttlichen, halb tierischen Wonnegefühl mischt. Mein neuer Lehrer ritt fast immer mit mir allein, was mich in der Kunst sehr förderte. Er war stolz auf seine einzige Schülerin und liebte es besonders, mich bei der Rückkehr nach der Stadt in so kurzem Galopp ansprengen zu lassen, daß sein Soliman daneben Schritt gehen konnte. Die Mähne meines prachtvollen Tieres wehte dabei hochauf und flog wie Goldstaub durch die Luft, die Hufe dröhnten und blitzten. Dieses Kunststück erschien den wackeren Bürgersleuten als eine gewollte Herausforderung und trug mir das grimme Mißfallen des damaligen Stadtoberhauptes ein. Unser Hauswirt, der wackere Pole Genschowsky, der mein besonderer Freund war, hatte alle Not, im Gemeinderat unsere Familie gegen die Maßregelungen in Schutz zu nehmen, mit denen der Hochmögende mir von Amts wegen das Reiten zu verleiden suchte. Die Gassenjugend war mir gleichfalls feindlich; diese kleinen Unholde gehören ja immer zu den stärksten Verfechtern des Vorurteils. Als ich später nach vieljähriger Abwesenheit wieder einmal aus der Fremde kam, betrachtete ich mit einer Art von Rührung die neuen, in der Straße spielenden Blondköpfe, weil von diesen wenigstens keiner je mit Steinen nach mir geworfen hatte. Einen Seelentrost aber trug ich davon, als eines Tages im Mühlgäßchen ein einfacher Mann mich ansprach, um mir zu sagen, er sei ein alter Unteroffizier der Kavallerie und er fühle sich gedrungen, mir wegen meiner Zügelführung seine Hochachtung auszusprechen. Das fachmännische Lob tröstete mich über viele Kränkungen.

Mein Griechischlernen hatte die Gemüter auch nicht milder gegen mich gestimmt. Ich hätte diesen Schatz ja gerne als tiefstes Geheimnis gehütet, wäre das bei dem Temperament meiner Mutter möglich gewesen. Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern, und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge darüber stolperte. Schon Hamlet kannte den Pfiff: „Ihr stellt euch aus Eitelkeit unwissend, gebt Gottes Ebenbildern verhunzte Namen.“ Wenn Frauenlyrik an die Öffentlichkeit trat, so mußte sie ganz zahm und hausbacken sein oder in formlose Empfindelei zerfließen. Heyse und Bodenstedt bemühten sich damals vergeblich, ein paar Gedichte von mir in ich weiß nicht mehr welchen Almanach zu bringen. Der Verleger verweigerte die Aufnahme, er fand die Sprache für ein junges Mädchen zu kraftvoll. Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.

Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach und nach der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens an _einem_ Tag der Woche, und wäre es auch nur für _eine_ Stunde, das Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer und eine liebenswürdige junge Professorsgattin von auswärts waren meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen. Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! -- zu deutsch: Wo hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? -- zuzurufen. Es war einer der schicksalsvollen Augenblicke, wo ein kleiner Anstoß eine lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf ganz zu verlassen.

Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender Lebensschritt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen, daß sie ihn mir gab. Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen und anderes, womit ich auswärts ebensogut und besser vorwärts kommen konnte als daheim. Wohin ich wollte, wußte ich gleichfalls, denn ich hatte schon bei wiederholten Besuchen in München den Boden abgetastet und die Hoffnung geschöpft, dort Fuß fassen zu können. Daß Erwin mir dorthin vorangegangen war als Zögling der Akademie der bildenden Künste, erleichterte meiner Mutter die Trennung, denn sie konnte die Geschwister eins in des anderen Obhut empfehlen. Auch ich riß mich getrosten Mutes los, weil sie mich als Stütze in häuslichen Stürmen nicht mehr brauchte. Es gab deren keine mehr. Edgar und Alfred, die ehemals feindlichen Brüder, begannen jetzt in ihre lebenslange Freundschaft hineinzuwachsen. Und an unseres Balde Krankenbett waren die beiden Mediziner nützlicher als ich.