Aus Indien

Part 4

Chapter 43,590 wordsPublic domain

Der zweite Abend einer Flußreise auf einem kleinen chinesischen Raddampfer den Batang Hari hinauf. Ein hübscher junger Javane, Schneidermeister, der den halben Tag fleißig mit seiner Singerschen Nähmaschine geklappert hatte, war mein Nachbar auf Deck. Er packte seine Maschine ein und seine Matratze aus, nahm langsam und gründlich alle Übungen seines mohammedanischen Abendgebetes vor und legte sich nieder. Er zog ein arabisch gedrucktes Erbauungsbüchlein aus dem Gürtel, las darin, sang halblaut ein paar Seiten daraus vor sich hin und schlief ein. Noch im schlaffen Einnicken verwahrte er sorglich das kleine Büchlein wieder im Gürtel. Hinter ihm, unter der rauchenden Laterne, spielten drei Chinesen Karten, daneben lag eine Malayin mit vier Kindern schlafend auf der Bastmatte. Eins von den Kindern lag im schwachen, roten Licht, ein sehr schönes, langhaariges Mädchen von neun oder zehn Jahren, sie trug noch keinen Ohrschmuck, aber dicke, silberne Spangen an den Gelenken der zierlichen Hände und Füße, und an der zweiten Zehe beider Füße je einen goldenen Ring. Sonst überall Schläfer und Halbschläfer, in den weichen, wohlig animalischen, elastischen Bewegungen der Naturvölker dem Boden angeschmiegt, einer auch im Sitzen oder Hocken (auf beiden Fußsohlen) schlafend, dazwischen eine Männergruppe leise plaudernd. Hinten am Heck rauschte das große Rad wie in einer Mühle und draußen war dicke, schwarze Finsternis, zuweilen durchflogen und noch schwärzer gemacht durch einen kurzlebigen Funkenregen aus dem mit Holz geheizten Maschinenofen.

Eine Stunde blieb ich noch munter, versuchte beim mageren Lichtschein in meinen Notizen zu lesen und mich geistig von dem Gestank zu isolieren, der mich umgab. Der Geruch des Kokos- oder Zitronellaöls, mit dem die Natives kochen und mit dem sie sich leider auch den Leib einreiben, ist von einer trüben, ekelhaften Zähigkeit, und während meines ganzen Aufenthaltes im Osten war dieser Geruch der einzige Punkt, in welchem meine Menschlichkeit sich von der Menschlichkeit der Natives ernstlich, ja widerwillig abwandte.

Ich ließ meine Matratze am Boden ausbreiten, putzte die Zähne mit Sodawasser, zog die Taschenuhr auf, nahm mein tägliches Quantum Chinin ein und verbarg Schlüssel und Geldbeutel unterm Kopfkissen. Dann stellte ich, um nicht nachts etwa auf die Nase getreten zu werden, zwei Stühle überm Kopfende der Matratze auf, kleidete mich gemächlich aus, schlüpfte ins Schlafkleid und legte mich nieder. Nun gaben auch die Chinesen ihr Kartenspiel auf und verhängten die Laterne mit einer Leinenjacke, und wir alle ruhten beim monotonen Geräusch der Schiffsmaschine in einer Dunkelheit, die beinahe ebenso dicht und zäh und schwer war wie der dicke, schlimme Kokosölgeruch. Manchmal lärmten unter uns die Matrosen, manchmal ließen sie mitten in der pechfinstern Wildnis mit Heftigkeit die heisere Dampfpfeife spielen, und da ich nach zwei Stunden den Schlaf noch nicht gefunden hatte, stand ich auf und ging aufs Vorderdeck, wo in vollkommener Finsternis der Steuermann stand und mit rätselhafter Sicherheit in die gleichmäßig schwarze, undurchdringliche Nacht hineinsteuerte. Er mußte Nachtaugen haben wie ein Tiger, und es war beinahe unheimlich, ihn am Steuer drehen zu sehen und zu wissen, daß wir in der schmalen Fahrtrinne eines Urwaldstromes mit hundert launischen Windungen unterwegs waren, während ich mit aller Anstrengung vom Ufer keinen Schimmer noch Schatten wahrnehmen konnte. Der Kapitän schlief zusammengekauert nebenan.

Wieder legte ich mich nieder. Es war sehr heiß und auf meiner Schiffsseite ging kein Luftzug; immer wieder warf ich die Reisedecke ab, unter der ich die bloßen Füße geschützt gehalten hatte, und immer wieder nötigten mich die Bisse der Moskitos, sie von neuem zu bedecken. Und endlich, etwa um Mitternacht, schlief ich doch noch ein, und meinte lang geschlafen zu haben, als das oft wiederholte Geheul der Schiffspfeife mich weckte. Es war aber erst halb zwei Uhr. Da und dort richteten erschrockene Schläfer sich taumelnd auf, die meisten sanken alsbald wieder zurück und blieben ruhig, andre standen auf und zogen das Tuch von der Laterne, deren Licht ringsum einen ganzen Knäuel von Schlafenden enthüllte. Die Pfeife schrie weiter, die Maschine stoppte, das Schiff drehte sich; an die Reling tretend, sah ich plötzlich Land, ein Floß und eine Rohrhütte dicht neben uns, mit einem kleinen Stoß legten wir an. Wir hatten keine Feuerung mehr und mußten Holz einnehmen.

Die „Königstreppe“ herab kamen vom hohen Ufer zwei dunkle Männer mit rauchenden Fackeln gestiegen, ihre Fackeln waren aus dürren Blättern gedreht und mit Baumharz getränkt. Auf dem Floß lagen große Haufen von Holzscheiten gestapelt, und nun begann das Holzfassen, dem ich zwei Stunden lang zuschaute und namentlich zuhörte. Beim Fackellicht standen die Matrosen und Holzkulis in zwei Ketten, ein Holzscheit nach dem andern ging von Hand zu Hand, im ganzen mehrere Tausend, und Scheit für Scheit wurde vom Ablieferer mit lautem Gesange gezählt. Mit seiner weichen, trägen, hübschen Malayenstimme sang er in freien, wunderlich feierlichen Melodien mit unaufhörlichen Variationen immerzu die Zahl der gelieferten Holzscheite in die schwarze Nacht und das Strömen des Flusses hinein: ampat – lima! lima – anam! anam – tujoh! So arbeitete er und sang gleichmäßig und gleichtönig zwei Stunden lang, und bei jedem neuen Hundert tat er einen melodischen Freudenschrei. Dann sang er weiter, bald schläfrig und klagend, bald hoffnungsvoll und tröstlich, immer dieselbe Grundmelodie mit kleinen, der Stimmung nachgehenden, kapriziösen Beugungen und Variationen. So singen die Arbeiter und Landleute hier alle, wenn sie abends im kleinen Einbaum unterwegs sind und die Nacht anbricht; dann werden sie ängstlich und unendlich trostbedürftig, dann fürchten sie das Krokodil und die Geister der Toten, die nachts überm Fluß unterwegs sind, und dann hört man sie mit Ergebung und mit Inbrunst, mit Schmerzen und mit Hoffnung singen, unbewußt wie der Bambu im Nachtwind singt.

Ich lag wieder still und dämmerte ein, während die Maschine von neuem zu arbeiten begann. Es regnete jetzt und manchmal sprühte ein Dutzend lauer Tropfen zu mir herein; ich wollte mir noch die Decke über die Kniee ziehen, doch war ich schon zu müde, und nun schlief ich ein.

Als ich wieder die Augen auftat, war ein bleicher, kühler Nebelmorgen, mein Nachtkleid war durchnäßt und ich fror, schläfrig griff ich nach der feuchten Reisedecke und zog sie an mich. Als ich dabei den Kopf drehte, sah ich jemand über mir stehen. Ich schaute empor, da stand mit den kleinen, braunen, ringgeschmückten Füßen neben meinem Kopf das hübsche, langhaarige Malayenkind, hielt die Hände auf dem Rücken und betrachtete mich aufmerksam mit schönen, ruhigen Augen und sachlichem Interesse, als könne sie vielleicht im Schlaf erlauschen, welcherlei Tier eigentlich der weiße Mann sei. Ich hatte dabei genau dasselbe Gefühl, wie wenn man auf einer Bergreise im Heu erwacht und die schönen, neugierigen Augen einer Gais oder eines Kalbes auf sich gerichtet findet. Das Mädchen blickte mir noch eine Weile fest in die Augen; als ich mich aufrichtete, ging sie davon und zur Mutter.

Auf Deck war schon Leben, nur wenige schliefen noch, einer davon zusammengerollt und in sich selbst verkrochen wie ein Hund in kalter Nacht. Die andern rollten ihre Bastmatten zusammen, zogen den Sarong um die Hüften, banden das Kopftuch oder den Turban auf und blickten blöde und nüchtern in den feuchten Morgen.

Waldnacht

Wir waren kurz vor Sonnenuntergang von einem Ausflug im kleinen Boot zurückgekehrt, müde nach der Schwüle und dem stundenlangen Plätschern auf dem breiten braunen Strom zwischen den ewigen Wäldern. Wir waren dem chinesischen Dampferchen begegnet, das jede Woche auf dem Batang Hari fährt und heimwärts nach Djambi unterwegs war. Wir hatten ein paar Tauben und einen Nashornvogel geschossen, eine Bambushütte photographiert, die als letzter Rest einer vorjährigen Reispflanzung in der Öde stand und wo sich ein alter Malaye mit seinem Weib sorglos vom hereinwachsenden Dschungel belagern läßt, wir hatten ein paar große grüne Schmetterlinge gefangen und uns schließlich beeilen müssen, um vor der Nacht zurückzukommen.

Als wir anlegten und steif vom langen engen Sitzen über den kleinen Ländefloß vor unserer Hütte stiegen, ging eben die Sonne dunstig über dem Walde unter, der Strom blinkte trüb herauf, und die Ufer wurden schon finster, als bräche der Wald von beiden Seiten herein und wolle die schmale schwache Lichtbahn erdrücken.

Ehe die Nacht und die Krokodile kamen, war es eben noch Zeit, sich am Ufer ein paar Eimer voll Flußwasser über den Kopf zu gießen, ein frisches Hemd anzuziehen und sich auf unsere große Veranda zu begeben, wo der dicke wohlwollende Chinese schon das Abendessen bereit hielt. Ich blickte hinauf; es war schon dunkel geworden, und unsere Hütte stand mit der schwach erleuchteten Veranda schön und breit zwischen dem Urwald und dem steilen Flußufer, kaum hob sich noch das weiche Palmblätterdach vom schwarzen Himmel ab. Was Nacht ist, weiß man nur in den Tropen. Wie ist sie schön und fremd und feindlich, die tiefe satte Dunkelheit, der schwere schwarze Vorhang, um so viel unergründlicher und finsterer, wie der Tropenmittag glühender und prahlender ist als der nordische.

Wir setzten uns um den großen unbeweglichen Eisenholztisch, wir aßen Fischchen in Öl und Zwieback, wir tranken von den vielen schweren, guten, ungesunden Getränken Holländisch-Indiens. Zu sagen hatten wir uns wenig, wir waren seit Tagen und Tagen beisammen, zu dreien, und wir waren müde und trotz des Bades schon wieder heiß und feucht. In der Finsternis schrien ringsum die hunderttausend großflügeligen Insekten, gläsern und schrill oder tief und dunkel surrend, lauter als ein Streichorchester. Wir halfen dem Chinesen den Tisch abräumen, nur die Flaschen blieben stehen, das schwache Lampenlicht floß matt an der geflochtenen Wand hin und in die offene Nacht hinaus. Die Flinten lehnten am Eingang, das Schmetterlingsnetz daneben. Einer legte sich in den Liegestuhl unter der Hängelampe und versuchte in einem Tauchnitzband zu lesen, der andere begann die Flinten abzureiben und ich faltete kleine Düten aus Zeitungspapier für die Schmetterlinge.

Früh, es war kaum halb zehn Uhr, sagten wir einander Gutnacht und gingen hinein. Ich warf die Kleider ab und schlüpfte rasch im Dunkeln unter das hohe Moskitonetz, streckte mich auf der guten weichen Matratze aus und sank in den weichen müden Zustand von Halbschlummer, in dem ich seit langem meine Nächte hinbrachte. Es war nicht nötig, die Augen zu schließen, nur mit Mühe und gutem Willen vermochte ich das Viereck des offenen Fensterloches zu erkennen. Da draußen war es kaum um einen Schatten heller als zwischen meinen Bambuswänden und Bastmatten, aber man spürte die wilde Natur draußen gären und kochen in ihrem nie unterbrochenen geilen Treiben und Zeugen, man hörte hundert Tiere und atmete den krautigen Geruch von üppigem Wachstum. Das Leben ist hier wenig wert, die Natur schont nicht und braucht hier nicht zu sparen. Aber wir Weißen sind schon dahinter her, wir haben unsere Bambushütte und haben schon einen kleinen Kampong mit fast hundert Malayen, die uns helfen müssen, den ewigen Urwald anzuzapfen, und seit kurzem klingt hier, zum erstenmal seit die Welt steht, Axtschlag und Arbeitsgetöse durch das Dickicht. Vor drei Jahren wurden hier noch in wilden schnöden Streifzügen die Ureinwohner niedergeschossen, die dunkeln scheuen Kubus, die sich nicht so lange halten konnten wie die listig grausamen Atschi im Norden. Die Seelen der Gemordeten schweben nachts überm Fluß, aber sie werden nur von ihren Brüdern gefürchtet, und wir Weißen schreiten ruhig und herrisch durch die Wildnis, erteilen in unserem verdorbenen Malayisch kalte Befehle und sehen die dunkeln uralten Eisenholzbäume ohne Rührung fallen. Man braucht sie zum Werftenbau.

In blassen Halbgedanken dämmerte ich ein, hing müde schwüle Stunden zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich war ein Kind und war am Weinen, und eine Mutter wiegte mich mit Gesumse, aber sie sang Malayisch, und wenn ich die bleischweren Augen öffnen und sie ansehen wollte, so war es das tausendjährige Angesicht des Urwaldes, das über mich gebeugt hing und mir zuflüsterte. Ja, hier war ich am Herzen der Natur; hier war die Welt nicht anders als vor hunderttausend Jahren. Man konnte Drahtseile an den Gaurisankar nageln und den Eskimos ihre Fischjagd mit Motorbooten verderben, aber gegen den Urwald würden wir noch eine gute Weile nicht aufkommen. Da fraß die Malaria unsere Leute, der Rost unsere Nägel und Flinten, da verwesten und vergingen Völker, und aus dem Aashaufen trieb eilends und immerzu neues Völkergemisch empor, geil und nicht umzubringen.

Eine mächtige Erschütterung weckte mich plötzlich; ich sprang unmittelbar aus dem Schlaf in die Höhe, fiel wieder um, stand wieder auf und zog, nun erwacht, den Mückenschleier auseinander. Ein wildes, weißes, furchtbar grelles Licht schlug mir blendend entgegen, und erst nach Augenblicken erkannte ich, daß es das Licht von vielen, ohne Pause aufeinanderfolgenden Blitzen war. Der Donner rauschte mit Gekeuche hinterher, die Luft war seltsam bewegt und voll von Elektrizität, die ich in meinen Fingerspitzen zucken fühlte.

Benommen taumelte ich zum Fensterloch, das im Licht der Blitze vor mir schwankte und seine Ränder verschob wie die Fensterreihe eines vorüberrasenden Eisenbahnzugs. Da schaute, auf zwei Schritt Entfernung, der Wald mich an, ein umgerührtes Meer von Formen, von Astgeschlinge, Laubmengen und Fasern, wogend und in Verzweiflung sich wehrend, von den Blitzen überflogen und jäh bis ins zuckende dunkle Herz hinein verwundet, krachend und empört. Ich stand am Fenster und starrte in das Unwesen, geblendet und betäubt, und fühlte mit überwachen Sinnen das rasende Leben der Erde sich ergießen und vergeuden, und stand dazwischen mit meinem europäischen Gehirn und Gefühlswesen, das sich dem Toben nicht unterordnete, und sah neugierig zu und dachte an viele Nächte und Tage meines Lebens, an alle die vielen, vielen Stunden, da ich so wie hier irgendwo auf Erden gestanden war und fremde Dinge und Erscheinungen betrachtet hatte, geführt und verlockt von dem seltsamen Trieb des Zuschauens. Es kam mir nicht einen Augenblick sinnlos vor, daß ich im Süden des Sumpfurwaldes von Sumatra stehe und einem tropischen Nachtgewitter zusehe, ich empfand auch keinen Augenblick eine Ahnung von Gefahr, sondern ich fühlte voraus und sah mich noch hundertmal, an weit von hier entfernten Orten, einsam und neugierig stehen und dem Unbegreiflichen mit Verwunderung zusehen, dem das Unbegreifliche und Vernunftlose in mir selbst Antwort gab und sich verbrüderte. Genau mit demselben Gefühl von Ergriffenheit und unverantwortlicher Zuschauerschaft hatte ich als kleiner Knabe Tiere sterben oder Schmetterlingspuppen aufbrechen sehen, mit demselben Gefühl hatte ich in die Augen von Sterbenden und in die Kelche von Blumen gesehen – nicht mit dem Wunsche, diese Dinge zu erklären, nur mit dem Bedürfnis, dabei zu sein und ja keinen der seltenen Augenblicke zu versäumen, in denen die große Stimme zu mir sprach und in denen ich und mein Leben und Empfinden hinschwand und wertlos wurde, weil es nur ein dünner Oberton zu dem tiefen Donner oder noch tieferen Schweigen des unbegreiflichen Geschehens wurde.

Die Stunde war da, die seltene, lang erharrte, und ich stand und sah im weißen Licht der tausend Blitze den Urwald sein Geheimnis vergessen und in tiefer Todesangst erschauern, und was da zu mir sprach, das war genau dasselbe, was ich zehn- und hundertmal im Leben gehört hatte, beim Blick in eine Alpenschlucht, beim Fahren durch einen Meersturm, beim Sausen des einbrechenden Föhns auf einer Skihalde, und was ich nicht ausdrücken kann und doch immer wieder zu erleben trachten muß.

Und plötzlich war alles zu Ende, und das war sonderbarer und schauerlicher als der ganze Gewitterlärm. Kein Blitz, kein Donner mehr, nur namenlos dicke Finsternis und das Niederstürzen eines wilden, gierigen, selbstmörderisch wütenden Regens. Ringsum nichts mehr als das tiefe, wühlende Rauschen und der geile Geruch des aufgewühlten Urwaldbodens, und eine so tiefe Müdigkeit und Schlafbereitschaft, daß ich noch im Stehen einschlief und auf meine Matratze taumelte und nicht wieder erwachte, bis beim gelben Sonnenaufgang der Wald vom hundertstimmigen Gebrüll der Affen widerhallte.

Palembang

Palembang ist eine Pfahlbaustadt von etwa fünfundsiebzigtausend Einwohnern im Südosten von Sumatra, am sumpfigen Ufer eines großen Flusses gelegen, und hat von oberflächlichen Reisenden den sehr unzutreffenden Namen des malayischen Venedig erhalten, womit nichts gesagt ist, als daß die Stadt an und auf dem Wasser liegt und hauptsächlich Wasserverkehr hat.

Palembang liegt von Mittag bis Mitternacht im Wasser, von Mitternacht bis Mittag im Sumpf, in einem grauen, zähen Schmutz, der fabelhaft stinkt und dessen Anblick und Geruch mich eine Woche lang und nach der Abreise noch bis aufs offene Meer hinaus mit einem leisen Schleier von Ekel und Fiebergefühl verfolgte. Dazwischen und durch diesen Schleier hindurch erlebte ich die schöne, merkwürdige Stadt wie ein aufregendes Abenteuer.

Der Fluß und die hundert stillen, kanalartigen Seitenflüßchen, an deren Ufern Palembang liegt, fließen am Morgen alle in entgegengesetzter Richtung als am Abend, denn die ganze völlig flache Gegend liegt nur etwa zwei Meter über dem Meere, das siebzig oder achtzig Kilometer weit entfernt ist und dessen Flut jeden Tag den weiten Weg herauf kommt, die Strömung umkehrt, die Sümpfe zu Seen, die Schmutzstadt zu einem herrlichen Märchenort und das ganze Gebiet überhaupt bewohnbar macht.

Während dieser Flutzeit, die mit den Tagen wechselt und während meines Dortseins um Mittag begann, spiegeln sich die tausend Pfahlbauten zart und berückend in dem bräunlichen, schwach bewegten Wasser, auf dem kleinsten Kanal wimmeln hundert schlanke, malerische Prauwen mit stiller Lebendigkeit und verblüffender Geschicklichkeit durcheinander, nackte Buben und verhüllte Frauen baden am Fuß der steilen Holztreppen, die von jedem Haus ins Wasser führen, und die Laternen der schmucken, auf Flößen schwimmenden Chinesenkaufläden reißen wundervolle Ausschnitte eines asiatischen Abend- und Wasserlebens aus der Dunkelheit.

Zur Zeit der Ebbe aber ist dieselbe Stadt zur Hälfte eine schwarze Gosse, die kleinen Hausboote liegen schräg im toten Sumpf, braune Menschen baden harmlos in einem Brei von Wasser, Schlamm, Marktabfällen und Mist, das Ganze schaut blind und glanzlos in den unbarmherzig heißen Himmel und stinkt unsäglich.

Übrigens darf ich den Eingebornen nicht unrecht tun. Sie können nichts dafür, daß ihr Fluß kein Gefälle und darum kein sauberes Wasser hat, daß der Abfall der Küchen und der Kot der Abtritte um die Häuser her stehen bleibt und daß die wilde Sonne den Schlamm so rasch zur Gärung bringt. So sehr es dem Fremden manchmal graut, wenn er hiesige Reinlichkeitsverhältnisse betrachtet, so stolz er sich den Malayen überlegen fühlen mag, wenn er tagelang aufs Bad verzichtet und seine Zähne mit Sodawasser putzt, so bleibt doch die Wahrheit bestehen, daß der Ostasiate viel reinlicher ist als der Europäer und daß wir unsre ganze moderne europäische Reinlichkeit von den Indiern und Malayen gelernt haben. Diese moderne Reinlichkeit, die mit der Forderung des täglichen Bades beginnt, stammt von England, und sie kam in England auf unter dem Einfluß der vielen Angloindier und heimgekehrter Tropenleute, und diese hatten das Baden, das häufige Mundspülen und alle diese Reinlichkeitskünste von den Natives in Indien, Ceylon und der malayischen Welt gelernt. Ich sah einfache Weiber aus dem Volk nach jeder Mahlzeit die Zähne mit feinen Holzstäbchen und den Mund mit frischer Wasserspülung reinigen, was bei uns keine fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung tun, und in Württemberg und Baden kenne ich Bauern genug, die allerhöchstens zwei oder dreimal im Jahre baden, während die Malayen und Chinesen das mindestens einmal im Tage, meistens öfter, tun. Und sie tun es schon sehr lange, wenigstens findet man schon in uralten chinesischen Büchern gelegentlich solche Reinlichkeitsübungen als selbstverständlich erwähnt, zum Beispiel im „Buch vom quellenden Urgrund“: „Als er zur Herberge kam und fertig war mit Waschen, Mundausspülen, Abtrocknen und Kämmen – –“.

In Palembang, in dieser sonderbaren Stadt, wird mit Yeloton und Rubber, mit Baumwolle und Rottang, mit Fischen und Elfenbein, mit Pfeffer, Kaffee, Baumharzen, mit einheimischen Geweben und Spitzen gehandelt; eingeführt werden imitierte Sarongstoffe aus England und der Schweiz, Bier aus München und Bremen, deutsche und englische Trikotwaren, sterilisierte Milch aus Mecklenburg und Holland, eingemachte Früchte aus Lenzburg und aus Kalifornien. In der holländischen Buchhandlung sind Übersetzungen der übelsten Kolportageromane aller Sprachen zu haben, Multatulis Havelaar aber nicht. Für den Gebrauch der Weißen sind die abgelegtesten Geschenkartikel aus europäischen Kleinstadtläden da, die Natives werden durch japanische Schundgeschäfte mit deutscher und amerikanischer Talmiware versehen. Tausend Meter davon entfernt holt sich der Tiger Ziegen und wühlt der Elefant die Stangen der Telegraphenleitung zuschanden. Über dem sumpfigen, von herrlichen Wasservögeln, Reihern und Adlern wimmelnden Lande und unter den Kanälen durch fließt unsichtbar und still, Hunderte von Meilen weit her, immerzu das rohe Petroleum in Eisenröhren nach den Raffinerien der Stadt. Einen alten chinesischen Seidenschal kaufte ich hier für das Anderthalbfache der Summe, die der Händler für eine Zwölfdutzendschachtel europäischer Stahlfedern verlangte. Und komischerweise lebt man in den zollfreien englischen Hafenstädten Penang und Singapur oder Colombo fast doppelt so teuer als hier bei den überaus hohen holländischen Zöllen, die den Handel lahmlegen, wie denn überall der holländische Kolonialbetrieb ein wenig den Eindruck einer kurzsichtigen Ausbeutung der Natives macht. Hingegen ist die niederländisch-indische Reistafel zwar nicht immer glänzend, aber sie ist noch im schlimmsten Falle ein Paradies im Vergleich mit dem Essen, das die Engländer in den teuren Prachthotels ihrer Kolonien sich vorsetzen lassen. Schade, die Engländer wären weitaus das erste Volk der Erde, wenn ihnen nicht zwei elementare und für ein Kulturvolk kaum zu entbehrende Talente fehlten: der Sinn für feine Küche und der Sinn für Musik. In diesen beiden Punkten erwarte man in englischen Kolonien das geringste; alles andere ist erster Klasse.

Das Volk hat hier jene furchtsam kriechende Unterwürfigkeit, die der europäische Beamte und Kaufmann schätzt, die unsereinem aber gelegentlich störend auffällt. Indessen ist der geknechtete Malaye äußerst flink im Übernehmen europäischer Bequemlichkeiten, Genüsse und Herrenmanieren. Der Kuli, den du vor einer Stunde in seiner dienstbaren Dürftigkeit tief bedauert hast, begegnet dir stolz im weißen Anzug (der vielleicht dir gehört und den dein Wäscher ihm vermietet hat) auf dem gemieteten Zweirad, die Stunde für zehn Cents, und tritt herrisch als Habituee in gelben Schuhen und mit brennender Zigarette in den Billardsaal. Nachher geht er in seine Hütte zurück, zieht den Sarong wieder an, macht sichs bequem und putzt auf der hölzernen Treppe am Ufer seine Zähne im Kanalwasser genau an derselben Stelle, an der er eine Minute zuvor seine Notdurft verrichtet hat.

Wassermärchen

Mit einer geliebten Frau möchte ich den Weg noch einmal machen, den ich gestern von Palembang aus in der kleinen, schmalen Prauw gefahren bin.