Part 3
Ich gab ihm die Hand und erzählte ihm, daß ich nach Asien fahre, um den heiligen Baum und die Schlange zu sehen und um in die Quelle des Lebens zurückzugehen, in welcher alles seinen Anfang nahm und welche die ewige Einheit der Erscheinungen bedeutet.
Aber ein Händler hielt mich eifrig an und nahm mich in Anspruch. Es war ein Englisch redender Singhalese, er zog aus einem Körbchen kleine Lappenbündel hervor, die er auseinanderwickelte und aus denen kleine und große Mondsteine zum Vorschein kamen.
„_Nice moonstones, Sir,_“ flüsterte er beschwörend, und da ich mich heftig abwenden wollte, legte jemand eine leichte Hand auf meinen Arm und sagte: „Schenken Sie mir ein paar Steinchen, sie sind wirklich hübsch.“ Die Stimme fing mein Herz alsbald ein wie eine Mutter ihr entlaufenes Kind, ich wandte mich glühend um und begrüßte Miß Wells aus Amerika. Unbegreiflich, daß ich sie so ganz hatte vergessen können!
„O Miß Wells,“ rief ich erfreut, „Miß Annie Wells, sind Sie denn auch hier?“
„Wollen Sie mir einen Mondstein schenken, Deutscher?“
Ich griff schnell in die Tasche und zog den langen gestrickten Geldbeutel hervor, den ich als Knabe von meinem Großvater bekommen und als Jüngling auf meiner ersten Italienreise verloren hatte. Es war mir lieb, ihn wiederzuhaben, und ich schüttete eine Menge silberner Ceyloner Rupien heraus; aber mein Reisekamerad, der Maler, von dem ich nicht gewußt hatte, daß er noch da sei und neben mir stehe, sagte lächelnd: „Die können Sie als Hosenknöpfe tragen, sie gelten hier keinen Cent.“
Verwundert fragte ich ihn, wo er herkomme und ob er die Malaria wirklich überwunden habe. Er zuckte die Achseln und sagte: „Man sollte die modernen europäischen Maler alle einmal in die Tropen schicken, da könnten sie sich ihre Orangepalette wieder abgewöhnen. Gerade hier kommt man mit einer dunkleren Palette der Natur viel näher.“
Es war klar, und ich stimmte lebhaft bei. Aber die schöne Miß Annie hatte sich inzwischen im Gedränge verloren. Beklommen ging ich auf dem riesigen Schiffe weiter, wagte jedoch nicht, mich an einer Gruppe von Missionsleuten vorbeizudrängen, die im Kreise sitzend die ganze Deckbreite versperrten. Sie sangen ein frommes Lied, in das ich bald einstimmte, da ich es von Hause her kannte:
Darunter das Herze sich naget und plaget Und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget ...
Ich war damit einverstanden, und die schwermütig pathetische Melodie stimmte mich traurig, ich dachte an die schöne Amerikanerin und an unser Reiseziel Asien und fand so viel Ursache zur Ungewißheit und Kümmernis, daß ich einen der Missionare fragte, wie denn das nun sei, ob sein Glauben denn wirklich gut und auch für einen Mann wie mich zu brauchen sei.
„Sehen Sie,“ sagte ich trostbegierig, „ich bin Schriftsteller und Schmetterlingssammler – –.“
„Sie irren sich,“ sagte der Missionar.
Ich wiederholte meine Erklärung. Aber auf alles, was ich sagen mochte, gab er mit einem hellen, kindlichen, bescheiden triumphierenden Lächeln dieselbe Antwort: „Sie irren sich.“
Verwirrt floh ich davon. Ich sah, daß ich hier nicht zurecht kam, und ich beschloß, auf alles zu verzichten und meinen Vater zu suchen, der würde mir gewiß helfen. Wieder sah ich das Gesicht des ernsten englischen Offiziers und glaubte seine Worte zu hören: „Ihr Vater ist hier und ist dort, er ist in Ihnen und außer Ihnen.“ Ich begriff, daß dies eine Mahnung war, und ich kauerte mich nieder, um mich zu versenken und meinen Vater in mir selbst zu suchen.
So saß ich still und versuchte zu denken. Allein es ging schwer, die ganze Welt schien auf diesem Schiffe versammelt, um mich zu stören. Auch war es furchtbar heiß, und ich hätte gerne meines Großvaters gestrickten Geldbeutel für einen frischen Whisky-Soda hingegeben.
Von diesem Augenblick an, wo sie mir zum Bewußtsein gekommen war, schien diese satanische Hitze beständig anzuschwellen wie ein furchtbarer, unerträglich gellender Klang. Die Menschen verloren alle Haltung, sie soffen aus Korbflaschen gierig wie Wölfe, sie machten es sich auf die seltsamsten Arten bequem, und es geschahen rings um mich her unbeherrschte und sinnlose Taten; das ganze Schiff war offenbar im Begriff, wahnsinnig zu werden.
Der freundliche Missionar, mit dem ich mich nicht hatte verständigen können, war zwei riesengroßen chinesischen Kulis zum Opfer gefallen und wurde von ihnen auf das schamloseste als Spielzeug benützt. Sie wußten ihn durch einen heillosen Kunstgriff echt chinesischer Mechanik dazu zu bringen, daß er auf einen Druck hin seine gestiefelten Füße zu seinem eigenen Mund herausstreckte. Auf einen anderen Druck hin hing er beide Augen lang wie Würste aus den Höhlen, und als er sie wieder zurückziehen wollte, sah er sich dadurch verhindert, daß sie ihm Knoten darein geschlungen hatten.
Es war grotesk häßlich, aber es focht mich weniger an, als ich gedacht hätte, jedenfalls weniger als der Anblick, den Miß Wells mir bot, denn sie hatte sich ihrer Kleider entledigt und trug in überraschend draller Nacktheit nichts auf dem Leibe als eine wundervolle, braungrüne Schlange, die sich rund um sie geringelt hatte.
Verzweifelt schloß ich die Augen. Ich hatte das Gefühl, unser Schiff fahre sehr rasch abwärts in einen glühenden Höllenrachen.
Da hörte ich, dem Herzen tröstlich wie Glockengeläut einem im Nebel verlaufenen Wanderer, vielstimmig ein feierliches Lied ertönen, das ich alsbald mitsang. Es war das heilige Reiselied: „Wir fahren nach Asien,“ und es klangen darin alle menschlichen Sprachen, es rauschte darin alle Ehrfurcht, alle müde Menschensehnsucht, die Not und das wilde Verlangen aller Kreatur. Ich fühlte mich von Vater und Mutter geliebt, vom Guru geleitet, von Buddha gereinigt und vom Heiland erlöst, und ob das, was nun käme, Tod sei oder Seligkeit, schien mir durchaus gleichgültig.
Ich erhob mich und tat die Augen auf. Um mich her waren sie alle, mein Vater, mein Freund, der Engländer, der Guru und alle, alle Menschengesichter, die ich je mit Augen gesehen. Sie schauten geradeaus, mit ergriffenen, schönen Blicken, und auch ich schaute, und vor uns tat ein vieltausendjähriger Hain sich auf, aus himmelhoher Wipfeldämmerung rauschte Ewigkeit, und tief in der Nacht des heiligen Schattens glänzte golden ein uraltes Tempeltor.
Da fielen wir alle auf die Knie nieder, unser Sehnen war gestillt und unsere Reise zu Ende. Wir schlossen die Augen, und wir beugten uns tief und schlugen unsere Häupter an die Erde, einmal, und wieder, und nochmals, in atemloser, rhythmischer Andacht.
Hart schlug meine Stirn auf und schmerzte, Lichtfunken drangen in meine Augen, und mein Körper arbeitete sich mühsam aus tiefer Erstarrung. Meine Stirn lag auf der hölzernen Kante der Brüstung, unter mir dämmerten bleich die rasierten Schädel der chinesischen Zuschauer, die Bühne war dunkel, und Beifallgemurmel hallte in dem großen Kinematographentheater wider.
Wir standen auf und gingen. Es war quälend heiß und roch durchdringend nach Kokosöl. Draußen aber wehte uns nächtliche Meerluft, Lichtergeflimmer des Hafens und matter Sternenschein entgegen.
Überfahrt
Von Singapur aus fuhr ich auf einem kleinen holländischen Küstendampfer über den Äquator weg nach Südsumatra. Die Sache begann mit Gepäckschwierigkeiten am Pier und wäre beinahe im ersten Anfang schon verunglückt, denn kaum war das kleine Motorbötchen, das uns und unsre vielen Kisten an Bord des Brouwer bringen sollte, vom Pier abgestoßen, so fuhr uns ein etwas größeres Boot in eiliger Konkurrenz so wild mitten in der Breitseite an, daß wir alle übereinander fielen und schon ans Schwimmen dachten. Es war jedoch wider alle Wahrscheinlichkeit Gerechtigkeit geschehen und der Angreifer war der Geschädigte; mit einem großen Loch im Bug mußte er abziehen.
Auf dem Brouwer waren wir zu dreien die einzigen Passagiere der ersten Klasse und hatten das Schiff für uns wie eine Privatjacht. Das kleine Hinterdeck ward mit holländischer Behaglichkeit für uns eingerichtet, ein weiß gedeckter Tisch mit altväterischen Lehnstühlen, daneben vier von den nicht genug zu lobenden asiatischen Liegestühlen mit Holzgestellen zum Hochlegen der Beine, weiter zwei naive biedere Kanapees mit weiß und rot gestreiften Bezügen. Die gesamte Bedienung war malayisch, und alsbald wurde uns von drei aufmerksamen, geschickten, hübschen Javanen eine erste Mahlzeit aufgetragen, ein überaus reichhaltiges, solides Reisessen, das ich nach den schlimmen Schaubroten der indischen Gasthöfe mit Dankbarkeit begrüßte. In den Hotels der Straits und Malay States wird man überall von chinesischen Boys bedient, die fast ebenso schlecht und lieblos servieren wie europäische Kellner in einem Durchschnittshotel. Die Javanen hier waren dagegen um unser Wohlergehen mit der einschmeichelnden Treue guter Krankenschwestern bemüht, sie umkreisten uns beständig mit Aufmerksamkeit und kamen jedem kleinsten Bedürfnisse lächelnd und ohne Hast zuvor; sie trugen uns Speisen auf, boten das Beste mit bescheidener Gebärde lobend an, schenkten jedes Trinkglas nach jedem Schluck wieder sorglich voll, verteilten den Rest der gemeinsamen Flasche mit liebevoller Gerechtigkeit zwischen uns dreien, schützten uns vor der Sonne und vor dem Winde, standen augenblicks mit brennendem Streichholz bereit, wenn eine Zigarre ausgegangen war, und alle ihre Mienen und Bewegungen drückten weder widerwilliges Diensttun noch feige Sklaverei aus, sondern eitel freudige Dienerschaft und ergebenstes Wohlwollen.
Mittschiffs lagen drei Chinesen und spielten Karten, ohne zu sprechen, aber genau mit demselben leidenschaftlich hoffenden Auftrumpfen der guten und demselben resigniert ärgerlichen Hinschmeißen der schlechten Blätter, wie man es bei schwäbischen Soldaten, bayrischen Jägern und preußischen Matrosen sieht. Eine Malayenfamilie aus Tonkal lag auf ihrer Reisebastmatte: ein Großvater, ein Elternpaar, vier Kinder. Die Kinder hatten es gut, sahen wohlgehalten aus und trugen Halsketten und silberne Fußspangen. Beim Sonnenuntergang suchte sich der Großvater einen freien Raum, verneigte sich, kniete nieder, erhob sich wieder und vollzog mit langsamer Würde die Übungen des abendlichen Gebets. Sein alter Rücken krümmte und streckte sich in genauem Gleichtakt, sein roter Turban und sein spitzer grauer Bart standen scharf in der einbrechenden Dämmerung. Wir setzten uns mit den beiden Offizieren zu einem reellen holländischen Abendessen. Sterne kamen herauf, das Meer dunkelte tiefschwarz und die zackigen Silhouetten der kleinen Berginseln waren kaum mehr zu erfühlen. Wir waren still geworden und wären gerne zu Bett gegangen, doch war es allzu heiß, wir saßen alle ruhig und waren naß vom unablässig rieselnden Schweiß.
Wir bestellten Whisky und hatten kaum danach gerufen, so sprang schon einer der längst auf Deck schlafenden Jonges auf und lief nach Schnaps und Sodawasser.
An hundert Inseln vorüber fuhren wir durch die brütende Nacht, manchmal von Leuchttürmen begrüßt, wir nippten am lauen Getränk, rauchten holländische Zigarren und atmeten langsam und unwillig unter dem heißen schwarzen Himmel. Wir sprachen hin und wieder ein Wort, über das Schiff oder über Sumatra, über Krokodile und Malaria, aber es war keinem wichtig, und manchmal stand einer auf, trat an die Reling, ließ die Asche seiner Zigarre ins Wasser fallen und suchte, ob in der Finsternis etwas zu sehen wäre. Und wir gingen auseinander und lagen jeder für sich, an Deck oder in der Kabine, und der Schweiß rann beständig an uns nieder, und für diese Nacht waren wir alle reisemüde und verstimmt.
Am Morgen aber fuhren wir, schon jenseits des Äquators, in die breite kaffeebraune Mündung eines der großen Ströme von Sumatra ein.
Pelaiang
Der Europäer, der mit anderen als geschäftlichen Absichten nach den malayischen Inseln fährt, hat stets, und auch wenn er gar nicht auf Erfüllung hofft, als Hintergrund seiner Vorstellungen und Wünsche die Landschaft und die primitive Paradiesunschuld einer van Zantenschen Insel. Reine Romantiker werden diese Paradiese gelegentlich auch finden und eine Weile, bestochen von der gutartigen Kindlichkeit der meisten Malayen, Teilhaber an einem köstlichen Urzustande zu sein glauben.
Mir ist der volle Genuß einer solchen Selbsttäuschung nie geworden, aber einen kleinen weltfernen Kampong habe ich doch gefunden, wo ich eine Zeitlang im Urwalde zu Gast war, wo mir wohl und heimisch wurde und der in meiner Erinnerung die ganze Wald- und Stromwelt von Sumatra kristallisiert und ausdrückt. Dieser kleine Kampong mit hundert Einwohnern heißt Pelaiang und liegt zwei Tagereisen weit von Djambi flußaufwärts im Inneren des noch wenig bekannten Djambigebietes, das erst kürzlich pazifiziert wurde und zum größten Teil aus jungfräulichem Urwald besteht.
Dort wohnten wir zu vieren samt unsrem chinesischen Koch Gomok in einer Hütte aus Bambu, deren Dach und Wände aus Palmblättern geflochten waren und die auf hohen Pfählen ruhte. Da hingen wir in unsrem gelben, zierlich geflochtenen Käfig zweieinhalb Meter hoch in der Luft und lebten, wie es uns gefiel. Die beiden Kaufleute taxierten die im Walde ruhenden Kapitalien an Eisenholz, der Kunstmaler stieg mit dem Aquarellkasten am Ufer herum und ärgerte sich über die Malayenweiber, von denen gerade die hübschen sich durchaus nicht abzeichnen und nicht einmal gern aus der Nähe anschauen ließen. Und ich ließ mich von Tageszeit und Wetter treiben und lief in der endlosen Waldwelt herum wie in einem fabelhaften Bilderbuch. Jeder ging seinen Weg und wurde auf seine Weise mit den Moskiten, mit den wilden Gewittern, mit dem Urwald, mit den Malayen und mit der ewig lastenden heißfeuchten Schwüle fertig. Am Abend aber, der in den Tropen allzu früh einbricht, kamen wir stets alle zusammen und saßen und lagen auf der Veranda beim Tisch und bei der Lampe. Draußen brüllte der Gewitterregen oder schrie das rasende Insektenkonzert des Urwalds, der uns in die Fensterlöcher schaute; wir aber waren dann der Wildnis satt, wir wollten es gut haben und der lästigen Tropenhygiene vergessen, wir wollten fröhlich sein und nichts von der Welt wissen, und so lagen und saßen wir und schöpften aus vier großen Kisten Flaschen mit Sodawasser und Whisky, mit Rotwein und Weißwein, mit Scherry und mit Bremer Schlüsselbier. Und dann schliefen wir unterm Mückennetz auf unseren guten Matratzen am Boden, jeder mit dem Talisman der wollenen Leibbinde versehen, oder wir lagen still und hörten dem Regen zu, wie er in Kübeln herabklatschte oder auch zart und singend übers Blätterdach lief, bis am frühen Morgen der Nashornvogel und die vielen unbekannten Singvögel ihr Lied begannen und die Affen mit wahnsinnigem Geheule den Tag begrüßten.
Dann ging ich an den sechs oder sieben Hütten vorbei in den Wald, vor den Blutegeln und Schlangen geschützt durch dieselben Lodengamaschen, die ich im Winter in Graubünden trage, und alsbald nahm das zähe Dickicht mich auf und lag zwischen mir und der Welt fremder und trennender als alle Meere. Da liefen stille schöne Eichhörnchen vor mir weg, schwarze mit weißem Bauch und roten Vorderbeinen, und große Vögel sahen mich aus starren Waldaugen unfreundlich an, und bald erschienen in zahlreichen Familien die Affen, rannten im grünen Astgeschlinge, durch das kein Himmel blickte, wildfröhlich hinauf und hinab oder hockten hoch im Gezweig und heulten toll in lang gedehnten schmerzlichen Tonleitern. Schaukelnd flog manchmal einer von den großen schillernden Schmetterlingen über mich hin, selig in seiner Schönheit, und am Boden tat das kleine Gezücht seine Arbeit. Fußlange Tausendfüßler rannten in blinder Eile durchs Gedränge, und überall strebten in dichten dunklen Zügen mächtige Ameisenvölker, graue, braune, rote, schwarze, geordnet nach gemeinsamen Zielen. Dicke faulende Baumstämme liegen umher, tausendfach überwachsen von formenreichen Farnen und dünnem zähem Dorngeschlinge. Hier gärt die Natur ohne Pause in erschreckender Fruchtbarkeit, in einem rasenden Lebens- und Verschwendungsfieber, das mich betäubt und beinahe entsetzt, und mit nordländischem Gefühl wende ich mich jeder Erscheinung dankbar zu, die inmitten des erstickenden Zeugungstaumels eine einzelne Form besonders ausgestaltet zeigt. Da steht zuweilen, vom dicken Gewirre umgeben und als herrlicher Sieger darüber empor gebrochen, ein einzelner Riesenbaum von unwahrscheinlicher Stärke und Höhe, in dessen Krone tausend Tiere leben und nisten können, und aus seiner fürstlichen Höhe hängen still und vornehm schnurgerade, baumdicke Lianenfäden herab.
In diesem Walde wird seit kurzem auch von Menschen gearbeitet. Die Djambi-Maatschappji hat in dem noch völlig brach liegenden Lande die erste große Waldkonzession erworben und beginnt dort Eisenholzstämme zu holen. Ich ließ mich eines Tages zu einer Stelle führen, wo vor kurzem große Stämme gekappt und behauen worden waren, und sah eine Weile der mühseligsten Waldarbeit zu. Da wurden Stämme von zwanzig Meter Länge, schwer wie Eisen, von singenden und keuchenden Kulischaren mit Winden und Hebeln, an Tauen und Ketten aus tiefen, urweltlich dämmernden, sumpfigen Waldschluchten herauf geschleppt, auf Holzrollen und auf primitiven Schlitten, über Sumpf und Dorngestrüppe, über Busch und fettes feuchtes Gekräut hinweg, Elle für Elle gezerrt, gehalten, unterstützt und wieder weiter geschleppt, jede Stunde ein kleines Stück weiter. Ein kleiner Ast von diesem Holze, den ich spielend mit einer Hand aufnehmen wollte, erwies sich als so schwer, daß ich ihn auch mit beiden Armen und voller Kraft nicht zu heben vermochte. Dieser Schwere wegen ist das Holz unendlich mühsam zu transportieren: Bahnen gibt es im Lande noch nicht, die einzige Straße ist der Strom, und das Eisenholz schwimmt nicht.
Es war großartig und merkwürdig zu sehen, aber es ist kein Vergnügen, der Arbeit von Menschen zuzusehen, wo sie noch Last und Fluch und Knechtung ist. Diese armen Malayen werden nie, wie es Europäer, Chinesen und Japaner tun, als Herren und Unternehmer solche Werke betreiben, sie werden immer nur Holzfäller und Schlepper und Säger sein, und was sie dabei verdienen, das geht fast alles für Bier und Tabak, für Uhrketten und Sonntagshüte wieder an die ausländischen Unternehmer zurück.
Unberührt von den paar winzigen Feinden, die da an seinem Reichtum zu zapfen versuchen, steht noch immer der Urwald. Am Flußufer sonnen sich die Krokodile, unerschöpflich glüht in der feuchten Hitze das Wachstum weiter, und wo die Natives ein Stückchen roden, um Reis darauf zu bauen, da steht in zwei Jahren schon wieder hoher Busch und in sechs Jahren schon wieder hoher Wald.
Ehe wir abfuhren, versenkten wir unsre leeren Flaschen in den braunen Fluß. Unsre Matratzen wurden in Bastmatten eingerollt und auf das Boot gebracht und wir sahen unsre gelbe Bambuhütte am schwarzen Rande des ewigen Waldes stehen und kleiner werden, bis mit der ersten Windung des Flusses alles versank.
Sozieteit
Es war ein großer Kampong oder ein kleines junges Städtchen an einem der schönen breiten Ströme von Südsumatra. Vor drei, vier Jahren war hier noch Krieg, jetzt liegen nur noch etwa hundert holländische Soldaten im Städtchen und machen hie und da einen dekorativen Streifzug, um etwaigen rebellischen Einwohnern zu zeigen, daß man da ist und aufpaßt. Was man von Eingeborenen zu sehen bekommt, ist ein kindlich harmloses Gemisch von Urmalayen und Javanen, schattiert und gebrochen durch zwanzig wenig zuträgliche Einflüsse und Kreuzungen. Man sieht javanische Tagelöhner das Gras mit Schwertern abmähen, alle Viertelstunde eine Handvoll, und das Tragen eines Wasserkruges über die Gasse ist eine Mannesarbeit für einen Vormittag. Gearbeitet wird meist von den Frauen, und dann von den Chinesen, die auch hier sich am kleinsten aufblühenden Örtchen alsbald einfinden und die genügsamste Pionierarbeit tun; sie halten Kaufläden, sie treiben Schiffahrt, sie kaufen Gummi und verkaufen Reis, Fische und deutsches Bier. Gearbeitet wird auch von den paar Europäern; es gibt eine Eisenholzunternehmung, deren Leiter ein überaus landeskundiger Schweizer ist, die übrigen Weißen sind ohne Ausnahme holländische Beamte.
Ich besuchte den Residenten und den Kontrolleur, und bekam mit vieler Höflichkeit ein großes Papier zugestellt, von dessen Notwendigkeit ich zuvor gar nichts gewußt hatte und das eine Aufenthaltsbewilligung für Niederländisch-Indien darstellte.
Ich hatte mich viel im Kampf mit Moskitos, Dornen und Sumpfgras im Busch herumgetrieben, als ich nach dem Städtchen zurückkehrte. Alsbald ward ich eingeladen, mich in der „Sozieteit“ einzufinden, und ging also abends in den Klub, des Kontrolleurs wegen, der ein feiner und zartsinniger Mensch war, wie sie seit Multatuli je und je da draußen vorkommen.
Die Basarstraße, die Hauptdorfgasse, war schon dunkel. Die Malayen lehnten am Zaun und hatten ihre Kinder auf den Armen, die Chinesen werkelten geräuschlos im erleuchteten Hintergrund ihrer Kaufläden. Mitten inne lag ein heftig erleuchtetes Bretterhaus, das war der Klub, und beim Eintreten fand ich zwei Drittel der hiesigen Europäer versammelt. Viere standen um das Billard, drei ältere Herren und eine Dame saßen auf Schaukelstühlen vor den Fenstern nach der Flußseite, wandten der Sozieteit den Rücken zu und genossen schweigend in ruhigen Atemzügen die schwach gekühlte Luft der Abendstunde. Der Rest der Gesellschaft saß in der Mitte des Raumes um einen großen runden Tisch und spielte Karten. Zu ihnen setzte ich mich und wurde mit Munterkeit begrüßt, und nachdem man mit Enttäuschung vernommen, daß ich nicht Karten spielen könne, lud man mich zu einem Würfelspiele ein. Es ging um eine Runde Schnaps und jeder ließ sich seine Getränke kommen, Whisky, Bitter und Bols, Gin und Scherry, Wermut und Anis in den abenteuerlichsten Mischungen. Das Würfelspiel war so kompliziert und witzig, wie man es auf Schiffen und Leuchttürmen anzutreffen pflegt, wo die Leute Zeit haben.
Nun saßen wir, etwa zehn Männer und zwei Damen, im grellen Licht zweier Glühlampen von halb sieben bis gegen halb zehn Uhr und würfelten fleißig, immer wieder um eine Runde. Einmal blickte ich empor und im Raume herum und sah um die Lampen einen mächtig großen Schmetterling flattern, größer als meine flache Hand, mit gelb und grüner Zeichnung auf schwarzem Grunde. Ich beschloß, ihn später zu fangen und mitzunehmen, um doch etwas von diesem Abend zu haben, und nun tröstete und erheiterte es mich, hie und da aus dem Kreis der Raucher und Würfelspieler heraus einen Blick nach dem herrlichen Falter zu werfen, der in diese rauchende und trinkende Sozieteit so wenig paßte wie diese guten Holländer in den Urwald passen.
Die letzte Runde verlor ein armer Leutnant, der höchstens zweihundert Gulden im Monat kriegt. Er wurde mächtig ausgelacht, wie überhaupt alle diese langen Stunden hindurch Gelächter und laute Freudigkeit nie aufgehört hatten, und ich erhob mich zum Abschiednehmen. Wir schüttelten einander die Hände und man bedauerte sehr, daß ich schon weggehe, eben jetzt wo es fidel zu werden anfange.
Der Riesenschmetterling war mehrmals gegen das Licht geflogen und hatte sich verbrannt. Ich suchte eine Weile nach ihm und fand ihn, scheinbar wenig verletzt, tot auf dem Fußboden liegen. Als ich ihn aufhob, war sein Leib schon halb verschwunden und wimmelte von jenen winzigen grauen Zwergameisen, die man hier draußen im Zucker, in den Schuhen und Strümpfen, in der Zigarrentasche und im Bett findet und über deren wilde Beutegier man geduldig die Achseln zucken lernt wie über die Grausamkeit der Chinesen, die Verlogenheit der Japaner, das Stehlen der Malayen und andre große und kleine Übel des Ostens.
Nacht auf Deck