Part 5
Wir fuhren in dem schwankenden Bötchen, das keine Handbreite Tiefgang hat und darum das kleinste Rinnsal noch befahren kann, eines der schmalen, braunen Seitenflüßchen hinauf, gegen Abend noch mit der Flut. Da war zwischen den Pfahlhütten das gewohnte unschuldig bewegte Leben, Netzfischerei jeder Art, worin die Malayen wie im Vogelfangen und im Rudern wahre Meister sind, nacktes, schreiendes Kindergewimmel, kleine, schwimmende Händler mit Sodawasser und Syrup, leise rufende Verkäufer von Koranen und winzigen mohammedanischen Andachtsbüchlein, badende Buben. Streitende sieht man hier selten, Betrunkene nie, und der Reisende aus dem Westen schämt sich, daß dies ihm auffällt.
Wir fuhren gemächlich weiter, der Bach ward schmal und seicht, die Hütten hörten auf, Sumpf und Busch umgab uns grün und schweigend, Bäume standen da und dort am Ufer und im Wasser selbst. Sie wurden unmerklich zahlreicher, streckten tausendfältige Wurzelstelzen nach uns aus, und über uns hing dichter und dichter ein grünes Netz und Gewölbe von Laub und Geäst. Bald war kein Baum mehr einzeln zu erkennen, jeder hing mit Wurzeln und Luftwurzeln, mit Ästen, Zweigen und Schlingpflanzen in die anderen verstrickt und verwoben, alle von hundert Farren, Lianen und andren Schmarotzerpflanzen gemeinsam umarmt und verbunden.
In dieser stillen Wildnis flog zuweilen farbenblitzend ein Eisvogel auf, die hier in Menge nisten, oder grau huschend eine kleine Schnepfe oder schwarz und weiß wie eine Elster der fette, amselartige Singvogel des Urwaldes, sonst war kein Laut und kein Leben da als das innige Wachsen, Atmen und Ineinanderdrängen des dicken Baumgewölbes. Der Bach, oft kaum noch breiter als unser Boot, beschrieb in jeder Minute einen neuen, launenhaften Bogen, jedes Gefühl für die Maße und Entfernungen ging vollständig unter, wir fuhren betroffen und still durch eine wirre, grüne Ewigkeit dahin, vom Baumgewirre dicht überwölbt, von großblättrigen Wasserpflanzen umdrängt, und jeder saß stumm und staunte, und keiner dachte daran, ob und wann und wie dieser Zauber wieder könnte gebrochen werden. Ich weiß nicht mehr, ob er eine halbe Stunde, oder eine Stunde, oder zwei Stunden gedauert hat.
Er wurde unversehens gebrochen durch ein wildes, vielstimmiges Gebrüll über unseren Köpfen und durch heftiges Wipfelschwanken, und alsbald glotzte eine Familie von großen, grauen Affen uns an, beleidigt und gestört durch unser Eindringen. Wir hielten an und blieben regungslos, und die Tiere begannen wieder zu spielen und sich zu jagen, und eine zweite Familie kam dazu, und wieder eine, bis über uns das Dickicht von großen, langschwänzigen, grauen Affen wimmelte. Zuweilen schauten sie wieder erbost und mißtrauisch herunter, schnoben zornig und knurrten wie Kettenhunde, und als wohl über hundert von den Tieren da über uns saßen und wieder zu schnauben und aus nächster Nähe die Zähne zu fletschen anfingen, da gab unser Palembanger Freund uns lautlos ein warnendes Zeichen mit dem Finger. Wir hielten uns behutsam still und hüteten uns, auch nur an einen Ast zu streifen, denn in Busch und Sumpf eine Stunde von Palembang von einem Affenvolk erwürgt zu werden, hätte jedem von uns ein vielleicht nicht schändliches, doch aber ein unfeines und unrühmliches Ende geschienen.
Vorsichtig tauchte unser Malaye sein kurzes, leichtes Ruder ein, und still und geduckt fuhren wir sorgsam zurück, unter den Affen und unter den vielen Bäumen durch, an den Hütten und Häusern vorüber, und als wir den großen Strom wieder erreicht hatten, war die Sonne schon untergegangen und aus der rasch einbrechenden Nacht glänzte die zauberhafte Stadt zu beiden Seiten des gewaltigen Wassers mit tausend kleinen, schwachen Lichtern her.
Die Gräber von Palembang
An jedem schönen Vormittag verließ ich die Stadt gleich nach dem Frühstück und blieb zwei, drei Stunden im Freien draußen, um reine Luft zu atmen, Grün zu sehen und gelegentlich einen Schmetterling zu fangen. Alle diese Städte, auch das große Singapur, liegen ganz von Dörfern, Weilern, Höfen und primitivster Ländlichkeit umgeben und lösen sich still und ohne Umriß in die fruchtbare grüne Wildnis auf. Eben erst warst du noch in einer dröhnenden Straße mit Geschäftshäusern, Lastwagen, ausrufenden Händlern und zigarettenrauchenden Lausbuben, du bist in einen stilleren Seitenweg eingebogen, wo helle freundliche Bungalows vereinzelt weitab von der Straße in Gärten stehen, und unversehens fühlst du dich, wunderlich erwachend, vollkommen auf dem Lande, wirst von weidenden Ziegen oder Kühen beschnobert oder hörst im wilden Gehölz die Sprünge der Affen rauschen.
In Palembang führte mein Spazierweg meistens am Fischmarkt vorbei, vorüber am grausigen Anblick lebend umherliegender Fische jeder Art und in Massen aufgehäufter abgehauener Fischköpfe, und an den Häusern und Magazinen der Großhändler hin bis zu einer alten Moschee, immer parallel mit dem Flusse, und von da rechtwinklig landeinwärts, und schon hier begann die typische Mischung von Dorfleben und Buschwildnis. Schönes kleines Rindvieh weidet überall, kreuzt sorglos die Fahrstraße und ist sehr zutraulich. Auf der Straße geht zu manchen Stunden ein starker Verkehr, Fußgänger und Lastträger, sehr viele Zweiräder, Ponywagen und auch schon Automobile. Zehn Meter davon, im dichten Busch, ist man in vollkommener Urwildnis, von Eichhörnchen und Vögeln in Menge umschwärmt, von Affen beknurrt und gelegentlich durch ungeheure, zum Teile giftige Tausendfüßler und Skorpione erschreckt. Wer sich auskennt, kann hier auch häufig Tigerspuren finden.
Nirgends aber kann man hundert Meter gehen, ohne auf Gräber zu stoßen. Überwachsen und vergessen liegen überall die Malayen- und Arabergräber, den unseren ganz ähnlich, die neueren mit welken Grasbüscheln geschmückt, die von den Mohammedanern am Freitag dort niedergelegt werden. Manchmal ist eine kleine Begräbnisstätte von einer Mauer umgeben, deren Portal mit edlem Bogen und fein profilierten Pfeilern, von hohen Gräsern umwachsen und von riesigen Bäumen überhangen, schattig und vereinsamt in seiner romantischen Verwahrlosung steht, so schön und nobel wie nur irgendein feiner stiller Ruinenwinkel in Italien.
Dazwischen kommt immer wieder, riesig und mit großen goldenen Buchstaben an den Pfeilern leuchtend, ein Chinesengrab, eine ummauerte Halbkreisterrasse am Abhang von fünf, zehn, zwanzig Metern Durchmesser, je nach Bedeutung und Reichtum des Beerdigten, in der schön emporgeschweiften Mauer blau und golden die Inschriften, das Ganze kostbar, feierlich und schön wie alles Chinesenwerk, ein wenig kühl und leer vielleicht, und überall rechts und links darum her und in den Lüften darüber aufgeschossen dicke Busch- und Baumwirre.
Manche von den mohammedanischen Grabanlagen werden früheren Sultanen zugeschrieben, dort sind einige der Mauerportale so schön und in sich abgewogen wie die allerbeste Renaissance. Man ist erstaunt, das auf Sumatra zu finden, aber man erstaunt noch mehr, wenn man hört, daß eine verschwommene alte Palembanger Sage behauptet, hier liege Alexander der Große begraben. Bis hierher sei er gekommen und hier sei er gestorben. Mir fiel dabei das Gespräch ein, das ein Freund von mir in Italien am Trasimener See mit einem Fischer hatte. Der Fischer erzählte Ungeheuerliches von der blutigen Schlacht, die hier vor langen Zeiten der große General Hannibal geschlagen habe, und als mein Freund weiter fragte, gegen wen denn Hannibal damals gefochten habe, wurde der Mann unsicher, meinte dann aber ziemlich bestimmt, es werde wohl Garibaldi gewesen sein.
Bei den Gräbern vor Palembang habe ich schöne wunderliche Stunden hingebracht, allein in dem krausen grünen Busch, von den großen Schillerfaltern umflogen, auf die vielen Rufe der Waldtiere und die wilden, phantastischen Gesänge großer Insekten horchend. Ich saß ausruhend und von der Hitze erschöpft auf den niederen Mauern der Chinesengräber, die so groß und fest und reich gebaut sind und doch vom wilden Leben und Wachstum dieses Bodens alle bald überholt, bezwungen und zugedeckt werden. Ich wurde von schwarzen und weißen Ziegen und von kleinen, sanften, rotbraunen Kühen besucht und betrachtet, oder von Rast haltenden Affen still beäugt, oder von umherschwärmenden Malayenkindern mit Scheu und Neugierde umringt. Ich kannte nur wenige von den Bäumen und Tieren, die ich um mich sah, mit Namen, ich konnte die chinesischen Inschriften nicht lesen und konnte mit den Kindern nur zehn Worte reden, aber ich habe mich nirgendwo in der Fremde so unfremd und so von der Selbstverständlichkeit und vom klaren Fluß alles Lebens umschlossen gefühlt wie hier.
Maras
Wer eine Zeitlang in Palembang war und auf der Rückseite des Hotel Nieukerk nach dem schwärzlichen Kanälchen hinaus gewohnt hat, vom Gestank und von den Moskitos verfolgt und ohne die Möglichkeit in reinem Wasser zu baden, der verfällt schließlich einem brennenden Verlangen nach Abreise, einerlei wohin, und beginnt die Stunden bis zum nächsten Schiffstermin zu zählen. Seit einem Monat ohne Post, fiebernd von Schlaflosigkeit, ermüdet vom Leben der sonderbaren Stadt, von der Hitze und dem Mangel an Bädern erschlafft, hatte ich mir einen Platz auf dem chinesischen Dampfer „Maras“ bestellt, der am Freitag früh ankommen und im Laufe des Sonnabends wieder nach Singapur abgehen sollte, und nun lag ich hoffend unterm Moskitonetz und wartete den Freitag Morgen ab. Zu lesen hatte ich längst nichts mehr, meine große Kiste stand in Singapur, die Nachrichten von Hause blieben Woche um Woche aus, ich konnte nichts tun, als mich täglich in der Stadt herumtreiben, bis ich ermüdet war, und dann viele Stunden liegen und warten, im Notizbuch blättern und malayische Vokabeln lernen. Aber nun war ein Schiff in Aussicht, noch einen Tag oder zwei, dann würde ich abfahren können, und bald würde, wie tröstliche Erfahrungen uns lehren, alles Widerwärtige dieser Tage in der Erinnerung einschrumpfen und vergehen und nur das viele Schöne, Bunte, freudig Erlebte bleiben.
Allein der Freitag Morgen und auch der Nachmittag verging, ohne daß der „Maras“ kam, auch während der Nacht zum Sonnabend lauschte ich vergeblich alle die vielen Stunden lang auf das Pfeifen eines einlaufenden Schiffes, und der ganze Sonnabend verging ebenso, und erst am Sonntagmorgen kam die Nachricht, es sei nun da und wenn es nicht zu viel regne, werde man vielleicht morgen abfahren.
Am Sonntag war ich von früh bis abends auf dem Flusse unterwegs. Ich hatte mich einer Krokodiljagd angeschlossen und saß mit einem schweren alten holländischen Militärgewehr auf den Knien, die Augen von der Hitze und dem Sonnenreflex des Stromes brennend, im kleinen Boot auf der Lauer. Aber an solchen Tagen hat man kein Glück; wir kamen nie zum Schuß und mußten bei dem viel zu hohen Wasserstande froh sein, daß wir wenigstens einige Krokodile zu sehen bekommen hatten.
Einerlei, morgen ging mein Schiff, und dann konnten mir alle Krokodile von Sumatra –. Bei der Rückkehr nach der Stadt erfuhr ich, der „Maras“ würde vielleicht morgen früh abfahren, vielleicht auch nachmittags oder abends, und ich packte meine Koffer mit suggestiver Gründlichkeit und Liebe. Der „Maras“, der am Morgen nicht gefahren war, fuhr auch am Nachmittag nicht, aber es wurde mir mitgeteilt, ich könnte abends an Bord gehen und müsse spätestens um zehn Uhr da sein, wenn ich mitreisen wolle.
An mir sollte es nicht fehlen, ich fuhr um neun Uhr durch die dicke Nacht (wir haben ja in Europa gar keine Ahnung von richtiger Nachtfinsternis!) nach dem Schiff, suchte und fand in der laternenlosen Dunkelheit tastend über fremde Boote und schlafende Ruderkulis hinweg für mich und mein Gepäck einen Weg zur unbeleuchteten Falltreppe und turnte hoffnungsvoll empor. Das Schiff war stark geladen, die Innenräume alle voll Yeloton und Baumwolle, aber es lagen noch zwanzig und mehr Lastboote voll Rottang beim Schiff, und so wurde weiter geladen, hundert Kulis schwärmten auf dem überfüllten dunkeln Deck, wo ich über Kisten und Balken klettern mußte, und wenn sie einer von den wenigen Laternen nahe kamen, glänzten ihre nackten, gelben, schweißbedeckten Körper warm aus dem finsteren Getümmel.
Es war ein holländischer Kapitän da und ich bekam eine Kabine, aber sie war so heiß wie ein Dampfbad und als ich die Stiefel auszog, merkte ich alsbald die Ursache: der Fußboden war von den benachbarten Heizräumen her so heiß, daß mir die Sohlen schmerzten. Die Luke war ein wenig größer als das Zifferblatt einer Taschenuhr. Dagegen war ein elektrischer Ventilator und elektrisches Licht da, die aber seit Jahren nicht mehr funktionierten, und der Raum wurde durch eine kleine rußende Erdölampel erleuchtet.
Von einer Stunde zur andern wurde die Abfahrt erwartet und verheißen, ich blieb bis nach ein Uhr steif vor Müdigkeit auf einem Stuhl am Oberdeck sitzen und schaute betäubt aus geschwollenen Augen in das Schiff, ging dann in die Kabine und legte mich nieder, hörte den Schweiß in schweren Tropfen von meiner herabhängenden Hand zu Boden fallen, stand wieder auf und rauchte eine Zigarre draußen im Regen zwischen den Kulis, irrte im dunkeln Schiff umher, fiel über Schlafende, warf einen Käfig mit lebenden Affen um, stieß mich an Kistenecken und fand mich bei Tagesanbruch zerstört und erschöpft an Oberdeck wieder.
Früh um sechs Uhr hatte ich noch niemals in meinem Leben Bordeaux getrunken und starke indische Zigarren geraucht. Heute tat ich es, und nun kann ich schon wieder fast ohne Schmerzen und Anstrengung die Augen offen halten.
Jetzt, wo ich diese Notizen aufschreibe, fährt das Schiff. Es fährt seit einer Stunde, seit Mittag, und ich täte gern irgend etwas anderes als schreiben, wenn das nicht eben das einzige wäre, was mir übrig bleibt. Die Kabine ist unmöglich, mehr als ein Stuhl steht mir an Deck nicht zur Verfügung, und höre ich mit Schreiben auf, so kommt der Kapitän und will mich in eine Unterhaltung ziehen. Er ist ein sympathischer Mann und hat seine Frau mit an Bord. Sie wohnen am Oberdeck in der Kapitänskabine. Er hat eine ungeheure Briefmarkensammlung und einen räudigen chinesischen Hund, der leider untreu ist und sich zu mir hält, und die Frau hat fünf junge Katzen und zehn oder elf Singvögel in Käfigen. Außerdem haben wir vier lebendige Affen (dieselben, die ich in der Nacht umgeworfen habe) an Bord, von denen der kleinste ganz zahm ist und sich von mir anfassen und streicheln läßt. Leider stinken sie teuflisch.
Wir fahren langsam flußabwärts und werden abends die See erreichen und vielleicht in etwa 32 Stunden in Singapur sein.
_Nachtrag am Abend_ ... Ich nehme alles zurück. Als ich zu schreiben aufhörte, ward ich von niemand belästigt, vielmehr zu einem recht guten Mittagessen aufgefordert. Nachher machte mir die Kapitänsfrau vorn am Oberdeck ein Feldbett zurecht, wo ich zwei Stunden ruhen konnte. Da sah alles gleich wieder besser aus. Der chinesische Hund ist, glaube ich, nicht räudig; er hat nur, wie ja fast alle Hunde in den Tropen, den Haarschwund, wird von hinten her kahl, was schade ist, denn er muß früher, den Resten nach zu schätzen, ein ganz hübscher rotblonder Kerl gewesen sein. Die Kabinenluke ist beinahe so groß wie das Zifferblatt einer bescheidenen Wanduhr; die Taschenuhr war eine Übertreibung.
Ich habe mich tüchtig eingeseift und mit Flußwasser begossen, das erste frische Bad seit zehn Tagen! Nun kann ich wieder ohne Mühe aus den Augen sehen. Es ist abends fünf Uhr und schon dämmerig, wir sind in der weiten Flußmündung angekommen, vor uns liegt hellgelb das seichte Meer, der Pilot arbeitet am Steuer und kann uns nun bald verlassen. Gegenüber steht mit langen hohen Bergketten schön und ganz tiefblau die Insel Banca.
_Nachtrag nachts zehn Uhr_ ... Der Hund ist doch räudig, die Berührung mit ihm hat mich zwei von meinen kostbaren Sublimatpastillen gekostet. Außer ihm, den Katzen, Vögeln und Affen sind noch zwei Gürteltiere, ein Stachelschwein und ein junger schöner Jaguar an Bord, alle lebend. Sie sind in Käfige gesperrt, aber sie haben weit mehr Luft als ich in meiner Kabine. Das Abendessen war sehr gesellig, die Kapitänin besitzt ein großes, heftig wirkendes Grammophon, das wurde mir zur Ehre losgelassen, Dollarprinzessin und Caruso. Alle Europäer in den Tropen haben Grammophone, und so bin ich denn schon vor der Rückkehr nach Singapur wieder von der operettenhaften Atmosphäre umgeben, die mir seit dem Betreten des Lloydschiffes in Genua als das Charakteristikum des Europäerlebens im Osten erscheint.
Spaziergang in Kandy
Das berühmte Kandy liegt in einem bedrückend engen Tal an einem unglücklichen, künstlichen See und hat außer seinem alten Tempel und seinem freilich wunderbar schönen Baumwuchs keine Verdienste, wohl aber alle Laster und Mängel eines von allzu reichen Engländern systematisch verdorbenen Fremdenstädtchens. Dafür aber führen von Kandy weg nach allen Seiten die schönsten Spazierwege der Welt in eine wundervolle Landschaft hinaus. Leider sah ich dies alles trotz einem längeren Aufenthalt nur halb, die Regenzeit hatte sich verspätet, und Kandy lag beständig in einem tiefen Regengrau und Nebelbrei, wie ein Schwarzwaldtal im Spätherbst.
Im leise strömenden Regen schlenderte ich eines Nachmittags durch die ländliche Malabar Street und hatte mein Vergnügen am Anblick der halbnackten singhalesischen Jugend. Ein atavistisches Behagen und Heimatgefühl, das ich zu meiner Enttäuschung der typisch-tropischen Landschaft gegenüber nie empfunden habe, empfand ich doch jedesmal beim Anblick unbekümmert primitiven Naturmenschentums; das gedeiht und vegetiert hier in Indien noch weit schöner und ernsthafter als etwa in Italien, wo wir sonst die „Unschuld des Südens“ suchen. Namentlich fehlt hier im Osten völlig die wahnsinnige Wichtigtuerei und Freude am brutalen Lärm, mit der in den mittelländischen Küstenstädten jeder Zeitungsjunge und Streichholzhausierer sich als schallenden Mittelpunkt der Welt kundgibt. Die Indier, Malayen und Chinesen füllen die unzähligen Straßen ihrer volkreichen Städte mit einem intensiven, bunten, starken Leben, das dennoch mit fast ameisenhafter Geräuschlosigkeit vor sich geht und damit unsere südeuropäischen Städte alle beschämt. Speziell die Singhalesen, so wenig sie sonst imponieren, gehen allesamt durch ihr einfaches, leichtes, wenig differenziertes Leben mit einer liebenswürdigen Sanftmut und einem stillen, rehartigen Anstand, die man im Westen nicht findet.
Vor jeder Hütte hing, schwebend zwischen Hauswand und Straßenbord, ein ganz kleines, naives Gärtchen, und in jedem blühten ein paar Rosen und ein Bäumchen mit _Temple flowers_, und vor jeder Schwelle trieben sich ein paar hübsche, schwarzbraune, langhaarige oder auch drollig rasierte Kinder herum, die Kleineren völlig nackt, aber auf der Brust mit Amuletten, an Fuß- und Handgelenken mit Silberspangen geschmückt. Sie sind, was mir als Kontrast zu den Malayen auffiel, ohne jede Scheu vor Fremden, kokettieren sogar sehr gerne und lernen den bettelnden Ruf nach Money als erste englische Vokabel, oft noch, ehe sie Singhalesisch können. Die Mädchen und ganz jungen Frauen sind oft wunderschön, und schöne Augen haben sie alle ohne Ausnahme.
Ein steil ins dicke wirre Grün verschwindender Seitenweg zog mich an, ich stieg hinab durch eine betäubend pflanzenreiche Schlucht, die wie ein Treibhaus gärend duftete. Dazwischen lagen auf zahllosen, winzigen Terrassen schlammige Reisfelder, in deren Morast die nackten Arbeiter und die grauen Wasserbüffel pflügend wühlten.
Plötzlich, nach einem letzten Absturz des Pfades, stand ich überm Ufer des Mahawelli. Der schöne, vom Regen geschwollene Bergfluß strömte in raschem Fall am dunkeln Urgestein der engen Felsenufer hin, kleine wilde Steininseln und Klippen standen schwarz und blank, wie aus glatter Bronze im bräunlichen Wasserschaum.
An einer breiten Felsenbank legte eben eine floßartige Fähre an, ein alter, blinder Mann ward ans Land geführt und tastete mit geduldigem Gesicht und mit welken gelben Händen, von denen ihm das Regenwasser in die Kleider rann, empor nach dem steilen Ufersteig. Rasch betrat ich das kleine Floß und fuhr hinüber, durch die rötliche, felsige Uferlandschaft, und stieg jenseits über die Felsstufen einen Weg durch neue Buschfinsternis hinan, wieder an Hütten und Reisterrassen vorüber. Die Leute haben soeben geerntet und pflügen nun den Sumpf ungesäumt wieder um, um sofort wieder auszusäen, denn in diesem guten Klima und auf diesem Urbrei von Boden wächst jahraus, jahrein Ernte nach Ernte. Das enge Tal mit roter Erde und überquellend dichtem Wachstum strömte im rauschenden Regen einen Geruch von heißer Fruchtbarkeit aus, als koche überall der weiche Erdschlamm in geheimnisvoller Urzeugung.
Zwei Meilen weiter oben sollte ein buddhistischer Felsentempel stehen, der älteste und heiligste von Ceylon, und bald sah ich das Klösterchen und den kleinen Hausgarten der Priester über mir am steilen Bergabhang kleben. Nun kam der Tempel, davor der ausgehöhlte Felsenboden voll Regenwasser stehend, eine schäbige Vorhalle mit nackten Mauerbögen aus neuerer Zeit, alles verlassen, dunkel und grämlich. Ein Junge lief und holte mir einen Priester herbei, die erste Tür des Heiligtums ward erschlossen, zwei winzige Stümpfe von Wachskerzen in der Hand des Priesters flimmerten ängstlich und konnten die schwarzen, stillen Räume nicht erhellen, es schwamm nur der greise, schlichte Kopf des Priesters in einem dünnen, roten Lichtschimmer, der da und dort an den Wänden ein Stück uralter Malerei auferweckte. Ich wollte die Wände besehen, und wir leuchteten nun mit den beiden schwachen, rußenden Lichtlein Zoll für Zoll die Wand entlang und bis zum Boden hinab, als wäre die mächtige Freskenwand eine Briefmarkensammlung. In alten primitiven Konturen, schwach gelb und rot gefärbt, kamen unzählige schöne, liebliche, auch lustige Darstellungen aus der Buddhalegende zum Vorschein: Buddha, das Vaterhaus verlassend, Buddha unter dem Bo-Baume, Buddha mit den Jüngern Ananda und Kaundinya. Unwillkürlich fiel mir Assisi ein, wo in der großen, leerstehenden Oberkirche von San Francesco Giottos Franzlegenden die Wände bedecken. Es war genau derselbe Geist, nur war hier alles klein und zierlich, und in der Zeichnung der Bildchen war wohl Kultur und Leben, aber keine Persönlichkeit.
Aber nun schloß der alte Mann die innerste Tür auf. Hier war es völlig finster, im Hintergrunde schloß sich die Felsenhöhle. Dort war etwas Ungeheuerliches zu ahnen, und da wir mit den Kerzen näher kamen, entstand aus Glanzlichtern und Schatten schwankend eine riesige Form, größer als der Kreis unserer schlechten Lichter, und allmählich erkannte ich mit einem Schauder das liegende Haupt eines kolossalen Buddha. Weiß und riesig glänzte das Gesicht des Bildes her, und unser bißchen Licht ließ nur die Schultern und Arme noch erfühlen, das andere verlor sich in der Dunkelheit, und ich mußte viel hin und her gehen und den Priester bemühen und mit den zwei Kerzen Versuche machen, ehe ich dämmernd die ganze Figur zu sehen bekam. Der liegende Buddha, den ich erblickte, ist zweiundvierzig Fuß lang, er füllt die Höhlenwand mit seinem Riesenleib, auf seiner linken Schulter ruht der Fels, und wenn er aufstünde, fiele der Berg über uns zusammen.
Und auch hier fiel mir ungesucht ein ähnliches Erlebnis ein. Vor Jahren trat ich einst in eine kleine gotische Kapelle in einem elsässischen Dorf, das Tageslicht fiel schwach und farbig schräg durch gemalte und verstaubte Scheiben, und aufblickend sah ich mit heftigem Erschrecken über mir im halben Lichte einen riesengroßen, geschnitzten Christus schweben, am Kreuz, mit roten grimmigen Wunden und mit blutiger Stirn.