Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Part 4

Chapter 43,695 wordsPublic domain

Was hatte er getan! Die Frau eines Kameraden verführen wollen, er, dessen Ansichten und Grundsätze sonst so streng waren, der doch fast als einziger bei den Kameraden etwas galt, wenn er ihnen schonungslos den Kopf zurechtsetzte, denn jedermann wußte, er redete nicht nur, sondern lebte auch nach dem, was er anderen predigte.

Sein früheres Leben ließ er an seinem Geiste vorüber ziehen. War da irgend ein schwarzer Punkt, ein Makel zu finden? Nein, rein und fleckenlos lag die Vergangenheit hinter ihm, und jetzt, nachdem er die Klippe der leichtsinnigen Jugendjahre unversehrt überwunden, lud er eine so schwere Schuld auf sich, er betrog einen Kameraden mit seiner Frau! Pfui!

Aber hatte sie ihm nicht selbst gesagt, daß sie unglücklich sei, von ihrem Gatten schlecht behandelt werde, sodaß sein Tun als entschuldbar, vielleicht sogar edel erscheinen durfte?

Nein und abermals nein, er hatte gefehlt, schwer gesündigt an dem Heiligsten, was ein Mann sein Eigen nennt.

Die ehrenhafte Gesinnung des Offiziers lag in hartem Kampfe mit ihm selbst, er zweifelte an der Lauterkeit seiner Gesinnung, und diese Qualen waren ihm eine Folter.

Das Blut stieg ihm zu Kopfe, es tanzte ihm vor den Augen, sterben hätte er mögen, nur schnell sterben, nachdem er so die Moral mit Füßen getreten und sein Gewissen mit einem Fluch belastet hatte, der ewig auf ihm ruhen mußte.

Aber wie hatte es nur kommen können, daß er sich so vergaß?

Der verdammte Sektfrühschoppen mit dem leichtsinnigen Saufaus, dem Borgert, und dann das schwere Türkenblut, das Müller zum Essen spendierte, weil er eine Wette verloren, und dann die unselige Maibowle am Abend, das alles hatte ihm, der selten ein Glas Wein zu trinken pflegte, den klaren Verstand geraubt! Die gemeinen Kerle, die das merkten und ihm immer mehr zu trinken gegeben hatten, wahrscheinlich weil er sie in der Trunkenheit amüsierte!

Freilich mochte er die kleine zierliche Frau gern leiden, sie war so ganz nach seinem Geschmack, niedlich, mollig und zutunlich. Oft verlieben sich große, starke Männer in kleine Frauen. Aber so etwas wie gestern war ihm doch nie in den Sinn gekommen, es war ihm unerklärlich. Er mußte hingehen und tausendmal um Verzeihung bitten, rückhaltlos seine Sünde eingestehen, das konnte seine Schuld etwas mindern, wenn auch nicht tilgen.

Da klopfte es an der Tür. Als wenn der Rachegeist schon selbst erscheinen müsse, fuhr der gequälte Mann zusammen und ließ ein dumpfes »Herein« ertönen.

Oberleutnant Borgert trat über die Schwelle, den Helm in der Hand. Er schien etwas erstaunt, den Kameraden in diesem Zustande vorzufinden, dann aber nahm er ihn scharf ins Auge und sagte:

»Verzeihung, wenn ich störe, aber eine peinliche Angelegenheit veranlaßt mich, mit Ihnen zu reden.«

»Dienstlich oder privat?« brummte Pommer.

»Beides, wie Sie wollen,« antwortete Borgert dreist.

»Für Privatsachen bin ich jetzt nicht in Stimmung. Bitte lassen Sie uns den Fall ein andermal besprechen.«

»Bedaure sehr, ich wünsche den Fall _=jetzt=_ zu erledigen. Sie wissen wohl, daß ich als Dienstälterer das Recht habe, Sie wegen einer Angelegenheit zur Rede zu stellen, wenn ich es für nötig halte.«

Pommer besann sich einen Augenblick. Er, der vor seiner Offizierslaufbahn drei Jahre die Universität besucht und dann in großen Bankhäusern tätig gewesen war, der das Leben von der ernstesten Seite kennen gelernt und die doppelte Erfahrung besaß, wie die meisten seiner Altersgenossen, er sollte sich von einem Menschen zur Rede stellen lassen, der nichts als trinken, schimpfen und Geld ausgeben konnte, der im Dienst eine Null war? Und zu dieser Handlungsweise war jener berechtigt, sie war dienstlich sanktioniert?

Richtig, ja, es war so, jetzt fiel es ihm ein, daß er schon früher einmal über diese widersinnige Bestimmung nachgedacht und überlegt hatte, wie sehr jenes Recht gemißbraucht werden könnte, wenn es einem nur daran lag, einem jüngeren Kameraden ordentlich eins auszuwischen, ohne daß dieser sich wehren konnte. Alle durften sich also einem Jüngerem gegenüber jederzeit als Vorgesetzte aufspielen, wenn es ihnen eine Laune eingab! Wirklich großartig!! --

Ein spöttisches, grimmiges Lächeln ging über Pommers blasses Gesicht, dann antwortete er mit fester Stimme:

»Bitte, was steht zu Diensten?«

»Der Zufall führte mich gestern Abend in den Garten, wo ich etwas sah, das ich mir noch nicht erklären kann. Sie haben......«

»Jawohl, ich habe eine Dame, die Gattin des Rittmeisters Kahle geküßt, ihr von Liebe gesprochen u. s. w., das weiß ich.«

»Darf ich Sie um eine Erklärung bitten, wie Sie dazu kommen?«

»Ich war betrunken, sonst wäre es nicht vorgekommen!«

»Nun, Ihre Erklärung klingt ja ganz kurz und einfach, warum betrinken Sie sich, wenn Sie es nicht vertragen können und so wenig Herr Ihrer Handlungen bleiben?«

»Daß ich betrunken war, ist nicht nur meine Schuld, in erster Linie mußten andere.....«

Borgert schnitt ihm das Wort ab, um nichts zu hören, was ihn als Vorwurf treffen konnte. Mit ironischer Miene fiel er ein:

»Sie scheinen sich über die Schwere Ihrer Handlungsweise nicht ganz im Klaren zu sein, deshalb möchte ich Sie nochmals darauf hinweisen!«

»Ihrer Belehrung darüber bedarf ich nicht, ich weiß selbst, was ich......«

»Pardon, ich rede wohl, mein Verehrter, ich gestatte Ihnen nicht, mich zu korrigieren, denn ich bin gekommen, _=Sie=_ zu korrigieren!«

Pommer wollte auffahren, aber die kalten Augen und der entschiedene, schneidende Tonfall der Worte des Oberleutnants geboten ihm Schweigen.

»Was Sie da getan haben, ist das schwerste Vergehen gegen die Kameradschaft, welches ich mir denken kann. Die Frau eines Kameraden anfassen, heißt einen Treubruch, fast ein Verbrechen begehen, welches mit Recht eine schwere Sühne fordert. Bedenken Sie nur, was Sie tun würden, wenn Sie Ihre Gattin in den Armen eines anderen fänden, ich glaube, Sie würden ihn sofort umbringen oder wenigstens nachher zum Zweikampf auf Leben und Tod herausfordern. Sie aber haben sich an einer verheirateten Frau vergriffen, an einem Etwas, das uns ein Nolimetangere, ein Heiligtum sein soll! Schon ein Händedruck, ein Blick kann zum Ehebruch werden, allein der geheime Wunsch, die Frau eines anderen zu besitzen, zu küssen! Können Sie dem Manne jetzt noch ehrlich ins Gesicht sehen, nachdem Sie ihn so hintergangen und betrogen haben? Ich könnte es nicht! Ich würde vor ihn treten, meine Sünde freiwillig eingestehen und ihm Genugtuung geben. Nie hätte ich von Ihnen geglaubt, daß Sie einer solchen Handlungsweise fähig wären, schämen Sie sich bis in den Grund Ihrer Seele! -- Ich will Sie nun nicht ins Unglück stürzen und den Fall nicht weiter verbreiten, denn sonst dürften Sie verloren sein. Abgesehen von Ihrer Stellung würde Ihr Leben auf dem Spiele stehen. Ich erwarte aber von Ihnen, daß Sie noch heute der Dame einen Besuch machen, um Verzeihung bitten und sich vergegenwärtigen, was ich für Sie getan habe!«

Borgert reckte sich siegesgewiß in die Höhe und mit überlegenem Blick schaute er auf den armen Pommer herab, dessen erst widerwillige Miene allmählich den Ausdruck stiller Ergebenheit, eines großen Schuldbewußtseins angenommen hatte. Immer mehr war der große starke Mann auf seinem Stuhl zusammengesunken, und sein leerer Blick starrte wie leblos zu Boden.

Zwei dicke Tränen blinkten ihm im Auge, der Mann weinte. Tat er es, weil seine Schuld ihm so schwer auf dem Gewissen lag, oder weil er vielleicht gar noch vor die Pistole des betrogenen Gatten treten mußte? Nein, gefehlt hatte er nun einmal, und er war Manns genug, die Folgen zu tragen. Feige war er nicht.

Aber er schämte sich! Und das Gefühl der Scham ist es, welches den Mann am meisten vor sich selbst erniedrigt.

Zugleich stieg ein warmes Gefühl der Dankbarkeit in ihm auf gegen den, welcher Zeuge seines Verbrechens gewesen, ihn aber jetzt, statt ihn der Kugel des Betrogenen zu überantworten, großmütig auf seinen Fehler hinwies. Und es war recht gewesen, was er gesagt hatte!

Da erhob sich der Offizier und reichte Borgert stumm die Hand, ihm fest ins Auge blickend. Borgert's Auge aber wich scheu nach der Seite und der Oberleutnant sagte gütig:

»Nun, trösten Sie sich nur! Machen Sie die Sache wieder gut und nehmen Sie sich künftig in Acht!«

»Ich danke Ihnen«, brachte Pommer mit tränenerstickter Stimme hervor. »Ich habe Ihr Wort, daß die Sache unter uns bleibt? Es ist nicht meinetwegen, aber der Dame soll man nichts nachsagen können:«

»Sie haben mein Wort, ich schweige!«

Und als er jetzt dem Oberleutnant mit dankerfüllten Blicken nachschaute, während er ihn verließ, glaubte er, über die Schwelle schritte ein Freund, dem er sein Leben danken müsse! --

Der großmütige Held war recht befriedigt von seiner Mission. Das war so ganz ein Fall nach seinem Geschmack! Zu riskieren gab es nichts dabei, im Gegenteil, er spielte die Rolle eines guten, rettenden Engels, der den Fehlern des Nächsten Verzeihung bot und ihn liebevoll auf den verlassenen Pfad der Tugend zurückgeleitete. Außerdem war es ja ein ganz amüsantes Schauspiel, einen Kameraden, der sonst als ganzer Mann dastand und den nichts rühren konnte, jetzt zu seinen Füßen zu sehen. Auch schien ihm ein glücklicher Gewinn, daß er Pommers Einfluß auf das gesamte jüngere Offizierkorps nun in seine Hand bekommen und sich dienstbar machen konnte. Schließlich fehlte auch das Pikante an der Sache nicht, denn er würde natürlich auch Frau Kahle demütigen und sie fragen, in welcher Weise die Sache ihre Erledigung gefunden habe. Wie freute er sich darauf, wenn die kleine Frau weinend vor ihm niedersank und ihn um Schweigen bat!

Ein Liedchen trällernd, betrat Borgert sein Haus, gab dem Burschen Säbel, Mantel und Helm und stieg die Treppe zu Leimanns hinaus.

Er traf sie nicht allein. Der Regimentsadjutant war anwesend, er hatte heute schon um 1/2-12 das Geschäftszimmer verlassen, weil der Oberst sich auf Jagd befand. Frau Leimann trat auch herein, und, da die beiden Herren gerade plaudernd zum Fenster hinaus auf die Straße sahen, wo Frau König mit Leutnant Bleibtreu vorbei ritt, küßte er der Angebeteten stürmisch beide Hände.

Die Herrschaften aber wollten sich vor Lachen ausschütten, als Borgert in der ihm eigenen witzigen Weise mit furchtbar drolligen Gesten und trefflichem Mienenspiel seine neuesten Erlebnisse zum Besten gab.

Inzwischen saß Pommer am Schreibtisch und machte in einem langen Briefe an seine Mutter dem gepreßten Herzen Luft. Dabei sang er dem neuen Freunde wahre Loblieder und rühmte seine vornehme Gesinnung in überschwänglicher Weise.

Er war jetzt ruhiger geworden, die Vorgänge des verhängnisvollen Abends erschienen ihm zwar immer noch in demselben Lichte, aber mehr vom Standpunkte eines Menschen betrachtet, der, im Innersten überzeugt, eine verwerfliche Tat begangen zu haben, sich sagen kann, daß nur durch einen unglücklichen Zufall, nicht aber aus verderbter Gesinnung oder Schlechtigkeit jener Fehltritt geschah.

Um die Mittagsstunde kleidete er sich fertig an, um Frau Kahle aufzusuchen, denn um diese Zeit pflegte der Gatte nicht zu Hause zu sein. Vielleicht wäre es ihm gleich gewesen, was ein Fremder mit seiner Frau zu verhandeln hatte, aber man konnte nicht wissen, es war besser so.

Klopfenden Herzens, mit dem Gefühl einer tiefen Reue und Beschämung, schritt er die teppichbelegten Stufen zu Frau Kahle's Räumen empor, und er hatte auch nicht lange zu warten, bis man ihn einließ.

Mit einem leichten Aufschrei eilte die Dame auf ihn zu, umschlang seinen Hals und küßte dem Widerstrebenden stürmisch den Mund.

»Wie danke ich dir, daß du kommst! Wie habe ich mich nach dir gesehnt! Jetzt bin ich wieder glücklich, da du bei mir bist. Mein Mann ist bis zum Abend fort, bleibe bei mir, Hans, ich kann nicht ohne dich sein!«

Bei diesen Worten hatte sie ihn neben sich auf den Divan gezogen und schloß ihm den Mund mit stürmischen Küssen.

»Die ganze Nacht habe ich ruhelos verbracht,« fuhr sie süß flüsternd fort, »ich konnte mein Glück nicht fassen, ich glaubte, es sei ein Traum, daß ich in dir ein Wesen gefunden habe, das ich lieben darf, das mich liebt. O, wie danke ich dir, du einzig Geliebter!«

Leutnant Pommer saß da wie versteinert. Er brachte kein Wort hervor und duldete schweigend die Liebkosungen der Frau. --

Wo waren seine Vorsätze geblieben, wozu war er hierher gekommen? Um sein Unrecht wieder gut zu machen, um seiner Reue Worte zu verleihen, um zu beichten, daß alles nur die Eingebung eines unseligen Augenblicks, die Tat eines vom Rausch verwirrten und entfesselten Gefühls gewesen sei!

Aber er konnte sich jetzt nicht anklagen, konnte nicht mit einem banalen Wort den Traum zerstören, welcher die liebende Frau umfing. Und was er vorher für eine Ehrenpflicht gehalten, erschien ihm jetzt unmöglich angesichts der lodernden Glut, die er im Herzen des Weibes entfacht. Lieber sterben, als jetzt eingestehen müssen, es ist alles nur Lüge, Schein, Laune gewesen. Dieser glühenden Liebe durfte er nicht mit einem Faustschlag antworten!

Und als der Kopf der ganz den Gefühlen ihres Glückes hingegebenen Frau an seinem Busen ruhte, in welchem das Herz zum Zerspringen klopfte, ging eine Wandlung in ihm vor: aus dem sonst so willensstarken Manne ward ein willenloses Opfer einer gewaltigen Macht: der Liebe. --

Sein Blick streifte an der Gestalt des Weibes herunter, die ihn in ihren Armen hielt. Das leichte Morgenkleid ließ die Formen eines jugendlichen Körpers erkennen, die weißen Arme, von denen die Spitzen des Ärmels herabgeglitten waren, und der Duft, welcher von ihnen ausströmte, alles verwirrte und betäubte ihm den Sinn und ließ den letzten Rest Entschlossenheit in dem sonst so zielbewußten Manne ersterben. Und er umschlang das zitternde Weib mit wilder, sinnlicher Glut. -- -- --

Der Tag neigte sich schon seinem Ende zu, als Pommer die Tür des Hauses hinter sich schloß, in dem Frau Kahle wohnte.

Mit scheuem Blick, wie verstört, schritt er über die Straße und achtete nicht der Soldaten, die des Weges kommend, ihm die schuldige Ehrenbezeugung erwiesen, er wäre auch an Oberleutnant Borgert vorbeigegangen, hätte ihn dieser nicht mit einem über die Straße gerufenen Gruß aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Zögernd blieb er stehen und schaute wie geistesabwesend nach dem Kameraden, der jetzt über den Straßendamm auf ihn zukam.

»Guten Tag, lieber Pommer! Nun, was macht Ihr Kater?«

»Danke, danke, es ist gut, ich fühle mich ganz wohl, sehr wohl, und was ich noch sagen wollte,.... ich bin dort gewesen!«

»Bei ihr? Na sehen Sie, das war vernünftig! Alles in Ordnung?«

»Natürlich, alles glatt, jawohl, alles in bester Ordnung.«

»Na, dann leben Sie wohl, ich muß weiter. Adieu!«

»Adieu! Und nochmals vielen Dank!«

»Aber ich bitte Sie! Es war gern geschehen, Sie haben wohl gesehen, daß ich es gut mit Ihnen meine!«

»Ja, wir wollen gute Freunde werden!«

Als Pommer in seiner Wohnung anlangte, glaubte er verzweifeln zu müssen. Was hatte er getan?! --

Statt das Vergehen vom gestrigen Tage durch ein offenes Bekenntnis seiner Schuld zu sühnen, war er noch tiefer in die Sünde hineingeraten, er hatte aus einem Fehltritt ein neues, weit größeres Verbrechen entstehen lassen, statt mit aller Entschlossenheit gegen seine Schwäche anzukämpfen. Und noch mehr! Er hatte einen Freund betrogen, sein Vertrauen, seine ehrenhafte, liebevolle Handlungsweise in gemeinster Weise mit Füßen getreten!

Aber es war zu spät! Jetzt gab es kein Befreien mehr aus den Ketten der Sünde, der Lüge, jetzt hieß es den einmal betretenen Pfad weiter schreiten, wie auch das Ende sein mochte. Und er suchte sich vor seinem Gewissen zu entschuldigen, daß die Macht des Zufalls, an der sein Wille sich gebrochen, ihn in seine jetzige Lage hineingezwungen habe.

* * * * *

Wochen und Monate vergingen.

Das Paar traf oft zusammen, machte Spaziergänge im nahen Wäldchen, begegnete sich »zufällig« auf der Straße oder genoß, wenn der Gatte abwesend war, ein Schäferstündchen in Frau Gretes traulichem Boudoir.

Pommers Zuneigung zu dem pflichtvergessenen Weibe hatte ihn in der ersten Zeit ganz in ihren Bann gezogen. Doch war jener Reiz mehr sinnlicher Art gewesen, einer wahren inneren Liebe fand er sich nicht fähig zu einer Frau, deren seichte Moral, deren oberflächliche Anschauungen über die Pflichten einer Gattin und Mutter, deren rückhaltlose Hingabe an den ersten, welcher ihr seine Liebe gestand, ihren inneren Wert bald hatten erkennen lassen. Und so gab es Stunden, wo dem Manne der Verkehr mit der heißblütigen, hysterischen Frau allmählich überdrüssig schien, denn es fehlte der innere Kern, der moralische Halt dieses Verhältnisses, und wie bald ist der Mensch von Genüssen übersättigt die sich in regelmäßiger Folge wiederholen und nicht im Herzen wurzeln, wie sie allein uns auf die Dauer mit Freude erfüllen! So ward aus der Zuneigung mit der Zeit eine schroffe Abneigung, eine Art Ekel und Widerwillen gegen jene Frau, welche in seinen Augen mit jedem Tage an Wert verlor und den Mangel an weiblicher Tugend mehr und mehr erkennen ließ, sie war ihm nur noch das Weib, wie es als solches die Schöpfung dem Mann bot.

Und je mehr diese Empfindung in ihm wuchs, um so geringer galt ihm das Vergehen, welches ihm früher als ein ehrloses Verbrechen erschien und sein Gemüt bedrückte. Aber offen eingestehen, daß sie ihm nicht genüge, daß er an ihren Reizen keinen Genuß mehr finde, das konnte er nicht, es schien ihm unmännlich und undankbar, denn hatte er nicht auch schöne Stunden durch sie genossen? --

Schreiben mochte er nicht, das war zu gefährlich, denn kam dem ahnungslosen Gatten der Brief in die Hände, konnte die Sache noch ein übles Nachspiel haben, und das war sie nicht wert.

Hätte Pommer in Frau Gretes Innerem lesen können, wäre er ein Frauenkenner gewesen, so hätte er bald eingesehen, daß eine Lösung des Verhältnisses nur eines einzigen Wortes bedurfte, denn auch sie fand keinen Reiz mehr im Verkehr mit einem Manne, der ihr zu pedantisch, zu linkisch und unbeholfen vorkam, der sich auf jedes Schmeichelwort besinnen mußte und immer erst einen Rippenstoß brauchte, den gebotenen Genuß zu kosten. Sie liebte das Feurige, das stürmische Sichhingeben, ohne das ewige Grübeln über Recht und Unrecht! Wem sie ihre Liebe gab, der mußte mit vollen Zügen den Freudenbecher trinken und ihn von neuem begehren, war er in wilder Leidenschaft geleert!

Als dann Pommer eines Tages die Mitteilung erhielt, daß er unter Beförderung zum Oberleutnant versetzt sei, kostete es ihm keine große Überwindung, von Frau Kahle Abschied nehmen zu müssen.

»Ich gehe fort, wir sehen uns nicht wieder!«, hatte er mit kühler Ruhe gesagt.

Und sie stieß einen Schrei aus und sank wie niedergeschmettert auf den Divan.

Da hatte er leise die Tür geöffnet und war verschwunden. Sie aber schaute ihm durchs Fenster nach, und als er um die Ecke gebogen, schlug sie den Flügel auf und spielte einen lustigen Walzer von Strauß.

Da fiel ihr ein, man könnte sie herzlos nennen, wenn sie die Trennung so leicht überstände; und so schrieb sie einen acht Seiten langen Brief an Oberleutnant Borgert, indem sie den Schmerzen und Seelenqualen einer betrogenen, unglücklichen Frau beredten Ausdruck verlieh. --

So sehr waren ihre Worte von dem Empfinden eines wahren, tiefen Schmerzens durchweht und so rührend, tief ergreifend die Ausbrüche des Jammers um den verlorenen Geliebten, daß niemand sich denken konnte, das alles sei nur ein Schauspiel, die virtuos durchgeführte Rolle einer Ophelia oder Desdemona. --

Selbst die Herrn des Offizierkorps konnten eine stille Teilnahme nicht unterdrücken, als Borgert am Abend den Brief im Kasino verlas, nur einer rief mit verschmitzter, verständnisinniger Miene:

»Fauler Zauber!«

Wußte er das aus Erfahrung? --

Drittes Kapitel.

Am Spätnachmittag eines Herbsttages saß in seiner angenehm durchwärmten Stube der Vizewachtmeister Roth und mit ihm Sergeant Schmitz am Kaffeetisch.

Die Einrichtung des im ersten Stock der Kaserne gelegenen Raumes machte den Eindruck der Wohlhabenheit, und man hätte beim ersten Anblick glauben können, ein Mitglied der »oberen Zehntausend« habe hier sein Lager aufgeschlagen, wenn sich nicht das Meiste bei näherer Betrachtung als überladener, wertloser Putz entpuppt und darauf hingewiesen hätte, daß nur die Sucht, dem Raum einen gediegenen Geschmack zu geben, welcher gerade in der Einfachheit zu wirken sucht, diese tote Pracht geschaffen. Die grün und blau geblümte Tapete war durch große Bilder in schweren Eichen- und Goldrahmen stellenweise ganz verdeckt. Über dem Sopha aus rotem Plüsch hing eine Reproduktion von Lenbach's »Fürst Bismark«, rechts und links davon die Bildnisse zweier Pferde, in Öl gemalt. An der Wand gegenüber stand ein Klavier von schwarzem Holz mit silbernen Armleuchtern, obgleich weder der Vizewachtmeister Roth noch seine Gattin, eine frühere Ladenmamsell, in die Kunst des Klavierspielens eingeweiht waren. Doch mit diesem Klavier, auf welchem nur allsonntäglich ein junger Unteroffizier der Schwadron mit monotoner Akkordbegleitung die »Donauwellen« hervorzauberte, hatte es seine besondere Bewandtnis, und nie ruhte der Blick des Besitzers ohne einen gewissen Groll auf der schuldlosen »Drahtkommode«.

Im ersten Jahre ihrer Ehe nämlich hatte es die Frau Wachtmeisterin oft schmerzlich empfunden, nicht ein Klavier oder gar einen Flügel, das Kennzeichen einer »gebildeten« Einrichtung, ihr eigen nennen zu können, denn die Kollegin der zweiten Schwadron besaß ein Instrument. Sie bedauerte aber das Fehlen eines solchen umso mehr, als sie häufig behauptete, in ihrer Jugend Klavierunterricht genossen zu haben.

Roth sprach daher des öfteren mit Nachdruck gegenüber den vier Einjährigen der Schwadron von den Talenten seiner Lebensgefährtin auf musikalischem Gebiete, die nun elend verkümmern müßten, da er zur Anschaffung eines »Pianinos« nicht die nötigen Mittel besäße. Es hatte ihn daher kaum gewundert, als er eines Tages jenen »schwarzen Wimmerkasten«, wie er ihn nannte, in seinem »Salon« vorfand mit einer schriftlichen Widmung der gütigen Spender.

Als aber für die Einjährigen der Tag der Entlassung kam, kam für den entsetzten Wachtmeister ein großer Wagen, dessen Rosselenker die Weisung hatte, das für sechs Monate gemietete Klavier wieder abzuholen. Um nicht zum Gespött der Kameraden zu werden und auf flehentliches Bitten seiner Gattin kaufte Roth das Klavier auf Ratenzahlung von zehn Mark monatlich, und nun stand das unselige Instrument unbenutzt an der Wand, während die Rechnung dafür noch lange nicht abbezahlt war und es jeden Ersten einen köstlichen Goldfuchs verschlang. Daher die Wut des Wachtmeisters auf dieses Prunkstück seines Salons!

Über dem Klavier prangte ein gewaltig großer Stahlstich von Vernet's bekanntem »Leichenschmaus« in schwerem Brokatrahmen, an dessen Ecken je ein kleiner japanischer Fächer befestigt war.

Neben dem Klavier stand ein Vertikow aus Nußbaum und darauf sechs grüne Weingläser, diesmal ein bar bezahltes Geschenk früherer Einjähriger. Auch ein großer eichener Schreib-Tisch fehlte nicht, dessen Ecke von einem Vogelbauer mit gelbgefiedertem Bewohner zweckmäßig besetzt war, während ein Lineal, ein gewaltiges Schreibzeug aus Hirschhornstangen und ein Federhalter die berufliche Ausrüstung dieses Hausmöbels darstellten. Über dem Schreibtisch hing, von Rehgehörnen umgeben, ein großes Kaiserbild, darunter zwei gekreuzte Säbel und eine Kukuksuhr. Ein großer Blumentisch stand am Fenster, bei näherer Betrachtung aber ergab sich, daß die Blüten nicht in einem Gewächshause, sondern unter der Schere einer geschickten Blumenmacherin erblüht waren.

Den Boden bedeckten zwei weiße Felle und drei Teppiche, sowie ein echter Kelim unter dem Sophatisch, über dessen Kanten eine blaue Plüschdecke mit großen Quasten fast bis zum Boden herabhing.