Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Part 5

Chapter 53,672 wordsPublic domain

Durch die beiden nach Osten gelegenen, mit schweren Portieren behangenen Fenster sah man heute dunkelgraue Wolkenmassen am Himmel dahintreiben, ein eintöniges, farbloses Meer, aus dem ab und zu kalte Regen- oder Hagelschauer sich lösten und, vom heulenden Winde getrieben, wie gewaltige Wogen über die Stadt und die öden Felder wälzten.

Wenn der Regen so gegen die Scheiben prasselte, und der Wind im Ofenrohre pfiff, dann fühlte man sich um so wohliger in der warmen Stube und bedauerte die Kameraden, welche jetzt draußen im Freien Dienst tun mußten.

Es war die Zeit, zu welcher das Regiment alljährlich seine Reservisten einzog und sie in den hinter der Kaserne gelegenen Baracken unterbrachte. Dann war es oft nicht angenehm, bei einem Hundewetter wie heute auf dem Exerzierplatz herumstehen zu müssen, und man beneidete die Rekrutenunteroffiziere, welche im Stall oder auf den Stuben Instruktion abhalten durften.

Einen Vorteil aber brachte die Reserve doch. Man bekam eine Zulage, und besonders Roth, der als Wachtmeister zur ersten Reserve-Eskadron kommandiert war, stand sich ganz gut dabei. Ferner sah man mitunter einen alten Bekannten älterer Jahrgänge wieder, auch frühere Einjährige befanden sich unter den Reservisten und hatten meist einen offenen Beutel, wenn sie sich dadurch den Dienst etwas erleichtern konnten.

Schmitz war Futtermeister der vierten Schwadron und ebenfalls zur Reserve kommandiert. Er versah sein Amt vortrefflich, wer sich davon überzeugen wollte, brauchte nur einen Blick auf die Pferde zu werfen, wie sie glänzten im Haar, wie schön rund und sauber sie im Stroh standen. Der Stall selbst war stets ein Muster von Sauberkeit, kein Strohhalm hing aus den Ständen heraus auf den blank gefegten Damm, die Wände waren schön weiß gekalkt und die Fenster klar und hell.

Wenn Schmitz den Stall zwischen den Pferdereihen hinabging, dann war es geradezu drollig anzusehen, wie alle Tiere seinen Tritt, seine Stimme kannten, wie sie die Köpfe nach ihm wandten und leise wieherten, wenn er den einen oder anderen seiner Lieblinge anrief. Da war das »Klärchen«, ein reizendes Füchschen, das ihm nachlief wie ein Hund und immer mit den Nüstern an seinen Taschen nach einem Stück Zucker schnüffelte, dann sich auf die Hinterbeine stellte oder bittend einen Vorderfuß erhob, und die »Ahnfrau«, ein altes kleines Pferdchen mit tiefschwarzem Glanzhaar, das wegen seines Alters aller Liebling war und oft mit Leckereien bedacht wurde.

Der besondere Stolz des Futtermeisters aber waren die zwölf Chinesen. Sie hatten den ostasiatischen Feldzug mitgemacht und waren dann in das Regiment eingestellt worden, schöne Pferde mit herrlichem Haar und kräftigen Knochen, wenn auch nicht alle so groß wie »Peiho«, »Wu« und »Kwangsü«. --

Die beiden Freunde saßen noch plaudernd am Kaffeetisch, als Frau Roth eintrat, eine mittelgroße Brünette mit kleinen Augen und einer gebogenen Nase. Ihr Gesicht hätte dem eines Vogels gleichen können, doch verlieh das wellige, kastanienbraune Haar dem an sich nicht schönen Kopf einen gewissen Reiz. Sie hielt ein Servierbrett, mit einer gestickten Serviette überdeckt, in den Händen, darauf stand eine Flasche Moselwein, drei Gläser und eine schmale Zigarrenkiste.

»Donnerwetter Roth, bei dir geht's heut aber mächtig üppig zu! So eine Feier lasse ich mir gefallen,« rief Schmitz erstaunt.

»Man hat nur einmal im Jahr Geburtstag, da kann man schon etwas springen lassen. Schenk' ein, Alte!«

Die Frau goß die Gläser bis zum Rande voll, daß sie fast überliefen. Ein freudiges »Prost« ertönte, und alle gossen auf einen Zug das edle Naß hinunter. Dann hoben sie noch einmal die Gläser zu einander und sahen sich an. Das hatten sie den Herren Offizieren abgelauscht.

Die beiden Männer zündeten sich eine Cigarre an, welche zur Feier des Tages eine Leibbinde trug, und füllten die Gläser von Neuem. Eine Stunde war ja noch Zeit bis zum Abendstalldienst, und vorher gab es nichts zu tun, denn Oberleutnant Specht, der die Reserve-Eskadron führte, kam des Nachmittags nie zum Dienst, man hatte also Ruhe.

»Fährst du Weihnachten auf Urlaub?« fragte Roth seinen Freund.

»Weiß noch nicht!« gab Schmitz achselzuckend zur Antwort. »Ich möchte ganz gern, ich bin jetzt zwei Jahre nicht aus dem Drecknest fortgekommen. Aber es lohnt sich auch gar nicht, für die paar Tage eine solche Reise zu machen, denn bis ich hier vom Ende der Welt nach Hause komme, brauche ich achtundvierzig Stunden, Rückreise ebensoviel, das macht vier Tage und mehr wie sechs gibt es nicht. Die Sache ist auch verflucht teuer!«

»Was kostet's denn?«

»Ziemlich dreißig Mark, und so viel hab' ich nicht übrig!«

Roth lachte höhnisch auf.

»Um die paar Kröten geht's? Lumperei!«

»Ja, du hast gut lachen, für dich spielen sie keine Rolle, aber für den, der sie nicht hat, z. B. mich!«

»Kann ich dir pumpen, Kleinigkeit!«

»Sag' mal, alter Freund, du hast wohl in der Lotterie gewonnen? Es geht immer so hoch bei dir her in letzter Zeit, alle Augenblicke fährst du 'nunter in die Stadt, rauchst 10 Pfennig-Cigarren und willst auch noch verpumpen! Du mußt mindestens geerbt haben!«

»Hab' ich auch, aber es ist keiner gestorben vorher!« lachte Roth übermütig. »Die Hauptsache ist, daß man ein bischen schlau ist und alles mitnimmt, was einem so über den Weg läuft!«

»Du hast wohl einen Juden totgeschlagen?«

»Nee, doch nicht ganz!«

»Na wie meinst du's denn, ich verstehe dich nicht!«

Roth blinzelte nach seiner Frau hinüber und dann zu Schmitz, der mit neugierigen Augen dasaß. Seine Frau sollte also wohl nichts hören. Als sie aber gleich darauf aufstand, um eine neue Flasche Wein zu holen, begann Roth leise:

»Ich kann's dir ja sagen, aber.......« -- dabei legte er bedeutsam den rechten Zeigefinger auf den Mund --, »Maul halten!«

»Selbstredend, ich bin der Letzte, der dich verklatscht!«

»Also, ich habe doch jetzt schon die zweite Reserve. Voriges Mal waren eine ganze Portion alte Einjährige dabei, reiche Bauernjungens. Du erinnerst dich doch an den dicken Kramer, das vollgefressene Schwein, dann den Roßbach, der zwölf Pferde zu Hause im Stall hat, und den Scheller, den Unterrocksjäger, und diese Gesellschaft? Die Kerls wissen nicht, wohin mit allem Geld, und da werde ich doch den Deubel tun, denen auch noch Löhnung, Bekleidungsgeld u. s. w. geben, auf die paar lumpigen Groschen kommt's denen doch nicht an. Der Scheller hat mir auch so nebenbei einen kleinen Verdienst zukommen lassen. Wie ich am letzten Abend vor der Entlassung nachsehe, ob alles in der Klappe liegt, da hat der Kerl eine Sau mitgenommen, und wie ich eben loslegen will, da sagt er mir ins Ohr: »Nischt sagen, Herr Wachtmeister!« Na, ich hab's Maul gehalten, und am nächsten Mittag stak ein blauer Lappen im Mantel.«

»Donnerwetter, Kerl, hast du Dusel! Wenn die Brüder nun aber später etwas verraten, wenn sie nicht befördert werden?«

»Sagt keines was, sie sind froh, wenn sie mit dem Kommiß nichts mehr zu schaffen haben.«

»Na, ich hätte Angst, es gäbe mal Spektakel!«

»Denkt nicht dran. Jetzt sind wieder da so ein paar fette Jungens, der reiche Metzgerjunge da aus Braunschweig und diese Brüder, klotzig reiche Kerls, sage ich dir. Soll ich denen die paar Mark auszahlen, damit sie's nachher versaufen? Nee, das besorge ich lieber selber. Na prost!«.

Die Gläser erklangen hell und im Augenblick waren sie wieder leer.

»Schmeckt dir das Zeug? Kostet drei Mark die Pulle!«

»Verflucht teuer, wo hast du das her?«

»Stammt noch vom vorigen Jahr, weißt du. Du kennst doch noch den Einjährigen Römer? Wie der nicht Unteroffizier werden sollte, habe ich mich ein bischen ins Zeug gelegt beim Chef, und da kriegte er die Tressen. Dafür hat er so eine Kiste Wein geschickt. Anständig, was?«

»Das glaub ich wohl!«

»Siehst du, alter Freund, man muß immer praktisch sein. Bis voriges Jahr hatte ich doch die Menage, nicht? Der Metzger kam nun alle Augenblicke und sagte, es wären etwas zu viel Knochen, es hätte sonst nicht genug Gewicht. Ein paar mal war auch das Fleisch saumäßig schlecht, zu leicht oder zu sehnig. Als ich nun mal Dampf machte und mit Meldung drohte, sagte er: Nischt verraten, Sergeant, ich tu's nicht vergessen! Seit der Zeit lasse ich auch mein Fleisch da holen und er wiegt anständig, daß muß ich schon sagen. Vorgestern war es aber nichts wert, mein Fleisch, und da habe ich ihm, als er vorm Laden stand, gesagt: »Jungeken, Du weeßt doch noch?« Und gestern kam der tadellose Schweinebraten gratis und franko, den meine Alte heute gemacht hat. Ja, das summt sich, alter Freund, hier ein Rebbes und dort ein Profitchen.«

Schmunzelnd klopfte der Vizewachtmeister auf seine Hosentasche, in der ein gefüllter Geldbeutel klapperte, dann stürzte er ein Glas Wein hinunter.

»Trink doch, Kerl, Schmitz, du bist wohl schon voll?«

»Von wegen Vollsein, so schnell geht's nun doch nicht! Prost!«

In diesem Ton ging die Unterhaltung fort, und als die dritte Flasche leer war, hörte man beiden an, daß sie nicht mehr viel vertragen konnten. Die Augen stierten gläsern und die Köpfe waren hochrot von dem ungewohnten Weingenuß. Dabei tönte ihre Rede laut und polternd, besonders Roth brachte kaum noch einen richtigen Satz zusammen.

Plötzlich sah er nach der Uhr. Schon sechs! Also Zeit zum Abendstalldienst!

»Komm, Schmitz, wir müssen in den Stall, das Viehzeug hat Hunger!«

Sie erhoben sich wankend, Roth schnallte den Säbel um und beide polterten die Steintreppe der Kaserne hinab. Roth ließ dabei seinen Säbel schleppen, und es gab einen Mordsspektakel, wie die schwere Plempe von Stufe zu Stufe klappernd niederfiel.

Mancher steckte neugierig den Kopf zur Tür hinaus und als er die beiden angeheiterten Vorgesetzten gewahrte, dachte er: »die haben genug! Wenn einer von uns so besoffen in der Kaserne herumtorkelte, ginge es ihm gleich an den Kragen.«

Am Ausgange des Gebäudes trat der Gefreite Dietrich der vierten Schwadron an Roth heran:

»Ich möchte Herrn Wachtmeister bitten, für Stube X ein paar Kohlen herauszugeben, mein Beritt war zum Fouragieren und wir sind alle ganz naß geworden. Es ist kalt oben und die Sachen werden sonst bis morgen nicht trocken!«

»Was! Kohlen? Geht zum Quartiermeister, ich habe für Euch Lümmels keine Kohlen!« lallte Roth.

»Der Quartiermeister ist in die Stadt und da haben Herr Wachtmeister doch den Schlüssel zum Keller!«

»Scher' dich weg, Ihr braucht nicht gleich Kohlen, wenn es ein paar Tropfen regnet. Legt Euch ins Bett, wenn Ihr friert, Schweinepack, gemeines!«

Der Gefreite stand zögernd einen Augenblick still, dann ging er mit wütendem Gesicht in die Kaserne.

Im Stall war es schon leer geworden, die Leute befanden sich bereits wieder in ihren Stuben, nachdem sie die Streu aufgeschüttelt und die Pferde getränkt hatten. Nur die Stallwache war noch anwesend.

Der eine von ihnen, ein Gefreiter, hatte sich im Civil einen so dicken Bauch gezüchtet, daß der Quartiermeister beim besten Willen keinen auch nur leidlich passenden Rock für den »vollgefressenen Reservehund« finden konnte, der Ärmste mußte also seine Übung im Drillichanzug als Stallwache ableisten. Der zweite war lungenkrank. Man merkte es erst eine Woche nach dem Eintritt und nun hatte es keinen Zweck mehr, den Mann noch zu entlassen, im Stall hatte er ja nichts auszustehen. Der dritte war ein halber Idiot aus der Polackei, grinste wie ein Irrsinniger stets vor sich hin und war im Dienst nicht zu gebrauchen, da er alle Vorgesetzten mit »du« anredete und stets zum Honneur die Mütze abnahm.

Der Futtermeister erschrack, als er merkte, daß die Futterzeit schon überschritten war, denn für seine Pflegebefohlenen sorgte er gut, das mußte ihm der Neid lassen. So rief er denn schnell die Stallwache heran und trieb sie mit einem: »Galopp, faules Zeug!« zur Eile an. Der kleine Futterwagen wurde mit Hafer und Hecksel gefüllt und auf die Stallgasse gefahren. Das Quietschen der Holzräder war den Pferden die liebste Musik am Tage. Als sie es vernahmen, kam Leben in die erst träge, mit hängenden Köpfen dastehenden Tiere, denn sie hatten schon gedacht, man habe ihre Abendmahlzeit vergessen. Jetzt sprangen sie wild in den Ständen herum, neckten und bissen einander, schlugen übermütig aus, und das Rasseln der Ketten mischte sich mit dem Wiehern und Quiecken der Pferde zu einem lauten Geräusch. Der »Napoleon« hatte solchen Hunger, daß er angesichts der Futterschwinge dem dicken Gefreiten aus übermütiger Freude vor den Bauch schlug, sodaß dieser den Hafer fallen ließ und mit schmerzverzerrtem Gesicht beide Hände auf die getroffene Stelle preßte.

Der Vizewachtmeister sah das und rief ihm zu:

»Vorwärts, heb' den Dreck wieder auf, deinem dicken Wanst schadet so ein Puff nichts!«

Der Gefreite aber machte keine Miene, dem Befehl nachzukommen, sondern hielt noch immer seinen Bauch fest, während ihm Tränen in die Augen traten. Da wankte Roth auf ihn zu, knuffte ihn mit der Faust in den Rücken und drückte ihn, seinen Hals von hinten umfassend, so tief nieder, daß dem armen Kerl das Blut zu Kopfe stieg, während er den verschütteten Hafer zwischen der Streu heraussuchte. Als er damit fertig war, gab ihm Roth noch einen Schubs, daß er gegen »Napoleons« Hinterbeine flog und diese in seiner Angst umklammerte, um nicht unter das Pferd zu fallen.

Das ging aber »Napoleon« über den Spaß. Erst kein Futter und dann noch solche Scherze! Er keilte mit beiden Beinen kräftig aus und schleuderte den armen Gefreiten auf die Stallgasse, wo er bewußtlos liegen blieb.

Roth erschrak. Zum Glück hatte keiner den Vorgang mit angesehen, denn Schmitz war mit den beiden anderen gerade am Ende des Stalles beschäftigt. So rief er denn die beiden Reservisten herbei und ließ den Bewußtlosen nach der Revierstube tragen. Fatal war ihm die Geschichte doch, denn der arme Kerl hatte ordentlich eine ins Gesicht gekriegt.

Als der Oberleutnant am nächsten Morgen fragte, warum der Gefreite ins Lazaret gekommen sei, antwortete Roth:

»Er ist ungeschickt an das Pferd getreten und hat es erschreckt, da schlug es aus und traf ihn an den Kopf!«

»So ein Esel,« schalt der Oberleutnant, »eigentlich sollte man den Kerl noch obendrein einsperren, daß er uns die Pferde verdirbt!«

Für heute Abend aber war dem Vizewachtmeister die Laune verdorben.

Im Stalle war es ruhig geworden, man vernahm nur noch ein Rauschen, als die vielen Pferdezähne den Hafer zermalmten.

Roth warf einen Blick in die Futterkiste.

»Gib den Rest dem »Zeus«, der ist so mager!« sagte er zu Schmitz.

»Nein, dem gebe ich nichts mehr, der hat genug, außerdem hat er heute morgen einen geschlagen. Das Vieh wird ja ganz verrückt, wenn es immer lahm im Stall steht und so eine Menge Hafer frißt!«

»Gib's ihm nur, er kann's vertragen!«

»Aber wozu denn, es ist doch Unfug!«

Der Wachtmeister wurde puterrot, nichts konnte ihn wütender machen als ein Widerspruch.

»Gib ihm den Rest, sage ich!« polterte er Schmitz nochmals an.

Schmitz aber klappte den Deckel der Kiste zu und entgegnete kurz:

»Ich bin froh, wenn ich etwas sparen kann!« Damit zog er den Wagen fort.

Wütend brauste Roth auf:

»Sergeant Schmitz, Sie wollen meinen Befehl nicht ausführen? Ich werde Sie melden!« Damit ließ er den verdutzten Futtermeister stehen, ging schwankend, mit finsterer Miene durch den Stall nach seiner Wohnung, trank einen Schnaps zur Beruhigung der Nerven und warf sich in der Uniform aufs Bett.

Der Lungenkranke und der Pole steckten noch jedem Pferd eine Hand voll Heu in die Raufe und legten sich auf das Stroh in der Ecke des Stalles schlafen, Sergeant Schmitz aber ging bedächtig nach seiner Stube.

Am folgenden Mittag übergab die Ordonnanz der Reserve-Schwadron dem Regiment ein Schriftstück folgenden Inhalts:

Tatbericht.

Gestern gelegentlich des Abendstalldienstes erteilte der die Aufsicht führende Vizewachtmeister Roth dem Futtermeister Sergeant Schmitz einen Befehl, welchen dieser nicht ausführte. Als Vizewachtmeister Roth den Befehl nachdrücklich wiederholte, weigerte sich p. Schmitz nochmals, demselben Folge zu leisten. Der Vorfall geschah in Gegenwart der Stallwache, auch war Sergeant Schmitz nach Angabe des p. Roth betrunken.

_=Specht=_, Oberleutnant und Eskadronführer der 2. Reserve-Übungs-Eskadron.

Der Futtermeister saß gerade beim Essen, als der etatsmäßige Wachtmeister an ihn herantrat, ihn für seinen Arrestanten erklärte und nach dem Arrestlokal brachte, wo er bis zur Aburteilung des Falles verbleiben sollte, denn man hatte sein Vergehen als »ausdrückliche Verweigerung des Gehorsams vor versammelter Mannschaft« bezeichnet. Als solche galten bereits die beiden Posten der Stallwache.

Mit Windeseile ging der Vorfall von Mund zu Munde, alle waren empört über die Handlungsweise Roth's, selbst die Offiziere erklärten einstimmig, einem solchen Vorgesetzten müsse man so bald als möglich den Laufpaß geben.

Roth aber kam sich groß vor und glaubte, eine Heldentat vollbracht zu haben. Außer Dienst war er ein Kamerad, der mit sich spaßen ließ, und kein Spielverderber, aber im Dienst, Teufel auch, da sollten sie ihn kennen lernen, da hatte jede Vertraulichkeit ein Ende, da hieß es: ich befehle und du gehorchst, sonst breche ich dir das Genick.

Sergeant Schmitz saß indes in seiner düsteren, kalten Zelle. Wie leblos stierte er den ganzen Tag auf die rauhen Steinfließen, er glaubte zu träumen, konnte und konnte nicht glauben, daß er wegen eines militärischen Vergehens hier hinter Schloß und Riegel säße. Hatte er nicht neun lange Dienstjahre hinter sich, in denen er sich tadellos geführt, ohne jemals bestraft worden zu sein?

Erst allmählich kam ihm der Ernst seiner Lage zum Bewußtsein, und damit wuchs ein glühender Haß heran gegen den Mann, welchen er für einen Freund gehalten, der ihm in einer Laune, unter dem Einfluß der Trunkenheit die Früchte seines bisherigen Lebens und damit die Zukunft zerstört hatte. Dem Schurken wollte er es zeigen, wenn er wieder auf freiem Fuße stand, niemand sollte es verborgen bleiben, welche grundgemeine Gesinnung dieser Hallunke hinter seinem schöntuerischen Wesen verbarg.

Daß man ihn vor ein Kriegsgericht stellen würde, schien ihm außer Zweifel, tatsächlich lag ja eine ausdrückliche Gehorsamsverweigerung vor, aber die Verhandlung mußte ergeben, daß die näheren Umstände dem scheinbaren Vergehen jedes erschwerende Moment benahmen und es sich sonach nur um einen Wortwechsel handelte, dem allerdings leicht ein dienstlicher Charakter untergeschoben werden konnte, wenn man das bis zu dem Augenblick der strafbaren Handlung bestehende und willkürlich abgebrochene freundschaftliche Verhältnis Roth's zu Schmitz außer Acht ließ.

Dieser Punkt aber mußte bei einer Verhandlung geschickt und eingehend beleuchtet werden, denn an ihm hing der Ausgang der Sache!

Sergeant Schmitz meldete daher beim Regiment, er erbitte die Gestellung eines Verteidigers und gleichzeitig die Erlaubnis, mit diesem in schriftlichen oder mündlichen Verkehr treten zu dürfen.

Er war aber nicht wenig erstaunt, als schon nach wenig Tagen die Mitteilung an ihn gelangte, ein Verteidiger könne von Militärgerichtswegen nur bei Aburteilung über Verbrechen gestellt werden, doch stehe der Annahme eines solchen auf eigene Kosten sowie eine Besprechung mit demselben während der Untersuchungshaft nichts im Wege.

Also auch das noch! Woher das Geld nehmen für einen Verteidiger? Und ohne den war geringe Aussicht auf Erfolg, er fühlte sieh dem redegewandten Roth und gar den Richtern gegenüber nicht gewachsen, er konnte nicht die Umstände ins richtige Licht setzen, wie sie ihm als Erklärung der Angelegenheit so wichtig erschienen. Es half also nichts, das Geld mußte beschafft werden!

Nach dreiwöchiger Untersuchungshaft wurde endlich der Termin anberaumt, an welchem die Hauptverhandlung stattfinden sollte. Schmitz glaubte dem Ausgange ruhig entgegensehen zu dürfen, hatte ihm doch selbst sein Verteidiger erklärt, eine ungünstige Wendung sei nicht zu erwarten, sobald man den Richtern von der Handlungsweise Roth's und den näheren Umständen ein klares Bild entworfen haben würde. Schmitz sah daher in dem für den Termin bestimmten Tag den Augenblick der Befreiung, der ihn von diesem einsamen, schauerlichen Dasein der letzten Wochen erlösen werde.

Selbst die ihm endlich zugestellte Anklageschrift vermochte seine Hoffnung nicht niederzudrücken, darin stand eben alles von der schroffsten Seite beleuchtet, damit man überhaupt eine Handhabe zur Anwendung der in Frage kommenden Gesetze habe.

Sie lautete:

»Wider den Sergeanten Ferdinand Julius Schmitz ist Strafantrag wegen Vergehens gegen §§ 94 des Militär-Strafgesetzbuches gestellt.

Wenngleich der Angeklagte behauptet, mit dem Vizewachtmeister Roth in einem besonders freundschaftlichen Verhältnis gestanden zu haben, so ist hierin kein Grund zu erblicken, der zur Nichtbefolgung eines Befehls im Dienst berechtigt. Vielmehr geschah die Gehorsamsverweigerung in Bezug auf einen zweimal mit Nachdruck gegebenen Befehl in Gegenwart der Stallwache, also vor versammelter Mannschaft.

Die Entschuldigung des Angeklagten, infolge Weingenusses in erregter Stimmung gewesen zu sein, ist kein Milderungsgrund, vielmehr ist in dem Umstand, daß die Tat auf Trunkenheit im Dienst zurückzuführen ist, ein Grund zur Erhöhung des Strafmaßes zu erblicken.

Aburteilung hat durch das Kriegsgericht zu geschehen.«

Das klang ja allerdings ganz gefährlich, wie wenn er ein Verbrecher schlimmster Sorte wäre, er, der sich neun Jahre vorwurfsfrei geführt. Er mußte fast lachen über diese Anschuldigung, sie enthielt eben nur eine ganz subjektive, einseitige Beurteilung des Falles.

Am 20. Oktober Mittags zwölf Uhr begann die Verhandlung.

Die Richter waren aus dem Sitz des Generalkommandos herübergekommen und saßen mit ernsten Gesichtern an dem langen Tisch, ein Major, ein Hauptmann, ein Oberleutnant, ein Kriegsgerichtsrat als Führer der Verhandlung und ein zweiter, welcher die Anklage erhob.

Nachdem Schmitz nochmals den Sachverhalt geschildert, wurde Roth als Zeuge vernommen. Er stellte die Angelegenheit im grellsten Lichte dar, wollte nichts von einer Freundschaft wissen und leugnete auch auf das Entschiedenste, ebenfalls betrunken gewesen zu sein, wie es Schmitz behauptete. Als Zeugen seiner Nüchternheit hatte er den Lungenkranken und den Polen gewonnen, welch' letzterem er eingepaukt hatte, auf alle Fragen mit dem Kopfe zu schütteln, womit er auch Glück hatte, da die Fragen zufällig entsprechend gestellt waren. Schließlich beschwor der Vicewachtmeister mit fester Stimme die Wahrheit seiner Aussage.

Das war allerdings eine unerwartete Wendung. Schmitz hatte nicht erwartet, auch noch mit der Lüge kämpfen zu müssen, und seine Hoffnungen sanken beträchtlich, als er den Major mißbilligend mit dem Kopfe schütteln sah.

Es folgte sodann die Anklagerede des Kriegsgerichtsrats, die etwa wie die Anklageschrift lautete.

Sodann erhob sich der Verteidiger. Mit beredten Worten schilderte er nochmals den Vorgang, erwog die näheren Umstände, wies auf das ihm durch Zeugen bestätigte frühere Verhältnis der Gegner und schließlich darauf hin, daß sich der ganze Vorgang im Anschluß an eine Geburtstagsfeier zugetragen habe. Nach alledem, und mit Rücksicht auf die bisherige Führung des Angeklagten sei auf Freisprechung zu erkennen.

Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und es dauerte lange, bis die Herren mit ernsten Gesichtern wieder im Verhandlungszimmer erschienen.

Schmitz glaubte einen Augenblick die Besinnung verlieren zu müssen, als er das Urteil vernahm: zwei Monate Gefängnis!

Er sah sein Leben vernichtet. Umsonst waren die langen Jahre, die er mit Aufopferung seiner besten Kraft dem Vaterlande gedient; seine Zukunftspläne, nach zwölfjähriger Dienstzeit eine Anstellung am Bürgermeisteramt seiner Vaterstadt zu erhalten, waren mit einem Schlage vernichtet. Was würden seine Eltern, seine Geschwister sagen, was sollte aus seiner Braut werden?