Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Part 3

Chapter 33,768 wordsPublic domain

Die Rittmeister König und Hagemann scherzten in etwas derber Weise mit Frau Stark herum, Leutnant Pommer aber wich nicht von Frau Kahles Seite.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, hatten die meisten Herren den lebhaften Wunsch, endlich diesem langweiligen Zusammensein, zu welchem man sie unter der Maske einer dienstlichen Besprechung herbeigenötigt hatte, entschlüpfen zu können. Da rief Frau Stark in den Saal hinein:

»Wie wäre es, Herr Oberst, wenn wir die Gelegenheit benutzten und ein kleines Tänzchen arrangierten? Es hat doch wohl niemand von den Herrschaften etwas vor? Ich fände es reizend, entzückend!«

Der Oberst besann sich einen Augenblick, dann erklärte er sich sofort mit Freuden bereit, denn ein Wunsch der Frau Stark hieß ein Befehl.

Die Herren waren wütend. So ein Blödsinn, bei der Hitze zu tanzen, es war doch viel vernünftiger, auf der Veranda in Ruhe ein Glas Bier zu trinken! Leutnant Specht aber ärgerte sich besonders, denn er wollte um zehn Uhr sein Verhältnis an der Bahn abholen. Er machte seinem Unmut Lust, indem er sich an Borgert wandte:

»Die alte Schraube ist verrückt mit ihrer Tanzerei, wir wollen sie aber heute bewegen, bis ihr der Schaum auf dem Buckel steht!«

Während der Saal ausgeräumt und zum Tanzen hergerichtet wurde, unternahm man eine kleine Promenade im Garten.

Der Halbmond leuchtete schwach vom Horizont herüber und ließ die Türme und Häuser der Stadt als nebelhafte Silhouetten erscheinen. In dem jungen Grün der Büsche klagte eine Nachtigall ihr Lied in die milde Luft hinein, während vom Saal her das Stimmen der Geigen dazwischen klang. Aus der Stadt tönten einige vom Winde oft jäh unterbrochene Akkorde einer Karoussellorgel durch den stillen Abend, dessen wohlige Ruhe ganz danach angetan war, den Menschen elegisch, träumerisch zu stimmen.

Oberleutnant Borgert gab indes einer Anzahl jüngerer Herren eine Gratisvorstellung auf dem Tennisplatz, indem er treffend Frau Stark nachahmte, wie sie die Bälle schlug und aufhob, und die Herren hielten sich den Bauch vor Lachen, so vorzüglich verstand der Oberleutnant seine improvisierte Rolle. Er beschloß erst sein Spiel, als er ganz drüben am Gartenrand ein weißes Kleid durch das Blattgrün schimmern sah.

Wer war das? So allein? Er mußte hinschleichen und die Ohren spitzen, vielleicht gab es da wieder etwas Interessantes.

Vorsichtig und geräuschlos huschte er über den Rasenteppich und versteckte sich hinter einem Fliederbusch. Wenige Schritte vor ihm stand Leutnant Pommer, welcher seinen Arm um Frau Kahles Taille gelegt hatte und eifrig leise auf sie einsprach. Schade, daß sie so flüsterten, aber verstehen konnte man doch manchmal einen Satz.

»Was macht es denn, Grete! Wenn er dich so behandelt, hast du ein Recht, dich schadlos zu halten. Er ist außerdem viel zu taperig, etwas zu merken! Und wenn du wüßtest, wie lieb, wie unendlich lieb ich dich habe!«

»Wenn du mich wirklich lieb hast, dann will ich nicht nein sagen, ich möchte so gern einmal wieder glücklich sein!«

Da umschlang der dicke Leutnant das kleine Persönchen mit seinen ungelenken Armen und küßte sie stürmisch auf Mund und Augen. Sie aber entwand sich ihm und huschte wie ein Reh über den Rasen dem Kasino zu, aus dessen weit geöffneten Fenstern jetzt der Walzer »Über den Wellen« in die Mainacht hinausklang. Pommer schlich auf der anderen Seite herum dem Hauptportal zu, auf daß man nichts merken sollte. Dann verließ auch Borgert sehr befriedigt seinen ehrenhaften Posten.

Im Saal ging es flott her. Am meisten tanzte Frau Stark, sie flog von einem Arm in den anderen und schwitzte dabei wie ein Soldat im Laufschritt. Besonders Leutnant von Meckelburg wurde immer wieder als Opfer vorgedrängt, er tanzte aber entsetzlich schlecht und konnte nicht in Takt kommen. Wenn die dicke Dame den kleinen Baron mit ihren prallen Armen gegen den gewaltigen Busen drückte, verschwand er fast ganz in den Falten des schwarz und gelben Kleides.

Schließlich konnte sie nicht mehr und ließ sich pustend in einen Sessel fallen, dabei fuhr sie mit dem Rücken der Hand über die Stirn, auf welcher erbsengroße Schweißperlen leuchteten. --

Leutnant Specht vergnügte sich auf seine Weise und tanzte mit vorgedrückten Knien, wie man es in den Amorsälen sieht.

Borgert stand in einer Ecke halb über Frau Leimann gebeugt, welche ermüdet auf einem Stuhle saß und sich Kühlung mit dem Taschentuch fächelte. Der Blick des Oberleutnants ruhte auf der Stelle, wo das Weiß des zarten Busens durch die Stickerei des Halsausschnittes leuchtete, und er sog mit gierigem Behagen den Duft ein, welcher dem jugendlich schönen Körper entströmte.

Im Lesezimmer füllten Ordonnanzen die schon oft geleerten Gläser mit kühler Maibowle, während eine Anzahl Herren um den runden Tisch herum saßen, einen Pfennigskat spielend.

Leutnant Specht benutzte den nächsten Walzer, sich französisch zu empfehlen, es war die höchste Zeit zum Zuge, und, da es zu spät zum Umziehen war, holte er seine Dame in Uniform ab. Sie trug drei kleine Packete mit Eßwaren, welche sie aus ihrer Tasche zur Führung des Haushaltes gekauft hatte.

In der Sophaecke saß gedankenvoll der Leutnant Bleibtreu. Er rauchte bedächtig seine Cigarre und hörte nur mit halbem Ohre den witzelnden Reden der Skatspieler zu. Er war nicht besonders guter Laune, denn es tat ihm leid, daß Frau König, die einzige Dame, mit welcher er sich gut unterhielt, nicht anwesend war; dann schweiften seine Gedanken nach der Heimat, wo jetzt die Wälder in ihrer jungfräulichen Sommerpracht standen und wo er so manche schöne Stunde verbracht hatte in den Armen der Natur und mit Menschen, die ihn liebten.

Wie ganz anders schien es doch hier! Lauter Menschen, denen man innerlich nie recht nahe kam, deren Interesse meist nur äußerlichen Dingen und Vergnügungen oft zweifelhafter Art gewidmet war. Zwar hatte man hier den Dienst, den man liebte, aber er genügte nicht, um einen Menschen zu befriedigen, dessen Lebensbedürfnisse nicht so eng begrenzt waren, wie die der meisten Kameraden. Nun sollte man noch jahrelang in dieser Umgebung leben, dazu fern von allem, was eine Abwechslung bot in dem ewigen Einerlei des Dienstes, unter Menschen, mit denen man im Verkehr nie über die Äußerlichkeiten des guten Tons hinauskam und die stets auf der Lauer lagen, wo sie aus den Schwächen ihres Nächsten Kapital zu schlagen vermochten.

Und das war Kameradschaft, die im deutschen Heere so viel gepriesene Kameradschaft!

Ein Zusammenleben unter gleichen Lebensbedingungen, der Zwang, mit einander leben und auskommen zu müssen, sich gegenseitig mit äußeren guten Formen bedienen und gemeinsam beim Dienst, im Kasino und zu allen möglichen Veranstaltungen zu erscheinen, das war es, was man unter Kameradschaft verstand.

Wo aber blieb das innerliche Sichanschließen, das gegenseitig Ineinanderaufgehen und das Bestreben des einzelnen, seinem Nächsten nur helfend und fördernd, nie aber mißgünstig und übelwollend zu begegnen? In diesem Punkte sank das schöne deutsche Wort zu einer leeren Phrase herab!

Gewiß gab es Fälle, wo Angehörige eines Offizierkorps sich auch wirklich innerlich verbrüderten, wo eine treue, zu jedem Opfer fähige Freundschaft die Herzen verband, aber zwei solche Kameraden im echten Sinne des Wortes waren ja so selten, eine so außergewöhnliche Erscheinung! Ging es einem gut und hatte man nichts verbrochen, so war man allen gut Freund, d. h. der Verkehr mit den Kameraden bewegte sich in liebenswürdigen Formen, man prostete sich zu, man scherzte, trank, vergnügte sich zusammen und erwies sich Gefälligkeiten, welche für den, der sie leistete, meist kein Risiko, keine Unannehmlichkeit, kein Opfer bedeuteten. Aber die Kameradschaft als solche fordert weit mehr! Befindet sich ein Kamerad auf schiefer Bahn, beweist er, daß es ihm hier und dort noch fehlt und kehrt er Seiten heraus, die anderen peinlich, unangenehm werden, oder hat er aus Unverstand, Unkenntnis, mangelnder Erziehung etwas Falsches, Tadelnswertes begangen, so weist man ihn höchstens, wenn es überhaupt geschieht, in schroffer Form auf seine Fehler hin, anstatt in liebevoller, freundschaftlicher Weise bemüht zu sein, die Schwächen seines Nächsten zu heilen, seine Eigenheiten zu berücksichtigen, seine Fehler mit den eigenen zu vergleichen, ja, man läßt ihn links liegen und behandelt ihn wie einen Menschen, der wenig oder gar nichts taugt und eben nicht »hineingehört«; nur dann drückt man ein Auge zu, wenn von dem Sünder noch ein Vorteil zu erwarten steht oder wenn er sich durch andere Verdienste und Leistungen besonders beliebt gemacht hat.

Wieviel besser war doch ein Civilist daran! Fand er keinen wahren Freund, so lebte er für sich, ohne gezwungen zu sein, bei allen Mahlzeiten und sonstigen Gelegenheiten mit Menschen zusammen zu sein, denen man innerlich fremd blieb.

Im Dienst ist das eine andere Sache.

Solche Gedanken beschäftigten Bleibtreu, als Rittmeister König aus dem Saale kam und sich neben ihm auf dem Sopha niederließ.

»Das nennt der Mensch nun ein Vergnügen!« brummte er. »Wahrscheinlich wird man uns noch öfter mit solchen Festen langweilen, um uns zu ersetzen, daß wir nicht mehr nach der Stadt hinüber dürfen. Meine Frau wird schöne Augen machen, wenn ich ihr das erzähle!«

»Ich muß auch sagen, Herr Rittmeister, daß ich die heutige Verordnung haarsträubend finde,« stimmte Bleibtreu zu. »Hätte es der Oberst den Leutnants allein verboten, so wäre es hart und dabei noch ungeschickt, aber den Verheirateten gegenüber ist es eine tolle Bevormundung und eine beispiellose Rücksichtslosigkeit. Er fährt natürlich, so oft er Lust hat!«

»Solche Feste wie heute möchten ja noch angehen, wenn sie im allgemeinen Einverständnis oder auf vorherige Verabredung hin veranstaltet würden, aber nein, Madame Stark befiehlt und wir gehorchen! Denn es sollte einer kommen und sagen, er hätte etwas anderes vor, der Oberst würde ihn morgen ganz gehörig zurechtstutzen. Sie haben ja wieder ein kleines Exempel gehabt.«

»Nicht einmal trinken kann man, was man will,« fuhr der Rittmeister fort, »der Oberst braut einfach eine Bowle und wir bezahlen. Die kostet heute doch mindestens sechs Mark pro Mann. Er kann ja gar nicht wissen, ob ich nicht vielleicht nur für eine Mark trinken will, vielleicht Bier oder Selterswasser! Hinterher aber stellt er sich hin und raisonniert über die Kasinoschulden!«

»Sie haben recht, es wäre manchem dienlicher, wenn er etwas sparsamer lebte, z. B. diesem Borgert und wie sie alle heißen. Es ist traurig, daß unter den sämtlichen Herren noch nicht der dritte Teil zu rechnen versteht,« erwiderte Bleibtreu.

»Ja ja,« sagte König, »aber das ist einer der Krebsschäden unseres Standes. Es ist ja kaum glaublich, wie viele Offiziere alljährlich wegen Schulden um die Ecke gehen. Und wie kommt das? Warum können junge Leute in anderen Stellungen vernünftiger wirtschaften? Erstens, weil sie nicht gezwungen sind, mit Leuten zusammen zu leben, die in besseren Verhältnissen sind. Hat einer kein Geld, dann lebt er nach seinem Gusto und fühlt sich schließlich ganz wohl dabei. Aber im Kasino sitzt der Kapitalist neben dem armen Schlucker. Es ist leicht gesagt, die Reichen im Offizierkorps sollen ihre Lebensweise den Mitteln der ärmeren Kameraden anpassen. Ich kann aber doch unmöglich verlangen, daß ein Millionär zum Essen Wasser trinkt und auf eine elegante Wohnung oder schöne Pferde verzichtet, lediglich, um einen Kameraden mit fünfzig Mark monatlichem Zuschuß nicht zum Mittun zu verführen! Auf die Dauer gefällt dem Unbemittelten sein bescheidenes Dasein nicht mehr, wenn er sieht, wie besser gestellte Kameraden in Saus und Braus dahinleben, und das Ende: er macht eben mit. Geld braucht er nicht gleich, auf seinen bunten Kragen hin borgt man ihm, so viel er will. Geht es aber ans Zahlen, dann ist das Elend groß. Findet sich nicht ein rettender Engel in Gestalt eines Juden oder dergleichen, so geht er einfach über die Höhe. Und bei den Versuchen, Geld zu erlangen, kommt es oft zu unsauberen Machinationen. Vielleicht scharrt der Vater noch seine letzten Groschen zusammen und gewöhnt sich die Abendcigarre ab, um den Jungen über Wasser zu halten. Und gelingt es dem jungen Offizier wirklich, aus der Klemme herauszukommen, so fängt er bald von Neuem an in dem schönen Vertrauen, daß sich auch das nächste Mal eine offene Hand finden werde.«

»Dagegen läßt sich aber doch kaum etwas machen, jeder ist eben für sich selbst verantwortlich,« entgegnete Bleibtreu.

»Nichts machen ließe sich da?« rief der Rittmeister. »Ei gewiß. Man braucht nur ein Gesetz aufzustellen, etwa dahin lautend, daß die Schulden des Offiziers bis zum Rittmeister ausschließlich nicht einklagbar sind. Dann werden sich die Kaufleute schon vorsehen und nicht mehr ins Blaue hinein einem Leutnant von dreiundzwanzig Jahren borgen, dessen Verhältnisse sie gar nicht kennen. Einem Civilisten, der vielleicht dreimal so viel Geld hat, wie jener, borgt man nicht für hundert Mark, wenn man nicht genau weiß, wer und was er ist, wie er steht usw., aber an den Offizier drängen sich die Geschäftsleute geradezu heran, weil sie wissen, sie bekommen ihr Geld in den meisten Fällen, weil es sonst dem Schuldner an den Kragen geht.«

»Ich meine, es ist überhaupt die ganze Sonderstellung des Offiziers, die ihn zu einem kostspieligen Leben veranlaßt. Man sollte daher wenig Bemittelte einfach ausschließen,« versetzte Leutnant Bleibtreu.

»Das wäre übertrieben, aber energische Schritte sollte man tun gegen solches Luxustreiben,« fuhr König fort. »Es ist schön und wohlgemeint, wenn man verordnet: »je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, umso mehr soll der Offizier auf eine einfache Lebensweise bedacht sein.« Das ist ein frommer Wunsch, man wird es aber niemals tun, wenn man bei anderen Klassen ein gesteigertes Wohlleben bemerkt, denn der Offizier hält sich rücksichtlich seiner bevorzugten gesellschaftlichen Stellung für verpflichtet, wie kein anderer, diesen Luxus wenigstens mitzumachen, wenn nicht gar zu übertreffen. Er hält sich eben für mehr wie andere, und der Leutnant sieht oft mit Verachtung, mindestens aber mit einem bedauernden Lächeln auf die herab, die sich durch ihrer Hände Arbeit oder durch geistiges Schaffen der Welt nützlich machen. Dieser Dünkel ist der Fluch unseres Standes und geeignet, Volk und Offizierkorps immer mehr von einander zu entfernen, während das Gegenteil zu wünschen ist, denn das Volk muß seinen männlichen Nachwuchs dem Offizierkorps zur Erziehung in die Hände geben. Wenn aber das Vertrauen zu ihm mehr und mehr schwindet, dann wird auch die Lust am Soldatsein, die damit Hand in Hand gehende Vaterlandsliebe, allmählich getötet. Man sollte den Offizier mehr geistig beschäftigen und ihm zeigen, was ihm in Vergleich zu anderen Ständen fehlt, und welchen Nutzen diese für den Staat bedeuten. Dann würde er die ihm von niemand streitig gemachten Prärogative und Privilegien dankbar anerkennen lernen, statt in ihnen einen Grund zur Selbstüberhebung zu erblicken.

Und in dieser haben noch andere Mängel ihren Ursprung. Sie ist schuld daran, daß so viele Offiziere in dem gemeinen Soldaten nicht den zukünftigen Vaterlandsverteidiger und Kameraden sehen, den sie fördern sollen, sondern nur den Gegenstand zahlreicher Mühen und reichlichen Ärgers. --

Und damit wird ein neues Übel in die Welt gesetzt. Der junge zwanzigjährige Mann fühlt mit innerem Mißbehagen diese Entfremdung von seinem Vorgesetzten. Er verliert allmählich die Lust an seinem bunten Rock, besonders, wenn die Vorgesetzten noch mit übertriebenen Anforderungen an ihn herantreten oder Ungerechtigkeit in der Behandlung walten lassen. Solange der Soldat unter dem Druck des Militarismus steht, wird er sich schwer hüten, seinen Ansichten Ausdruck zu verleihen, ist er aber der militärischen Fesseln los und ledig, wird sich meist sein vielleicht vorhandener Hang zum Sozialismus umso kräftiger entfalten, nach den Erfahrungen, die er in seiner Dienstzeit gemacht. Und das ist schlimm, wenn ein Hauptmittel zur Bekämpfung des in riesigem Wachsen begriffenen Sozialismus, nämlich die Dienstzeit der noch einer Beeinflußung und Belehrung zugänglichen jungen Leute, in ein Förderungsmittel umschlägt, und das tut es, solange man aus dem Offizierkorps heraus derartige Vorbilder als militärische Erzieher wirken läßt.«

»Sollten das alles nicht nur vorübergehende Erscheinungen sein, an denen der Offizierstand krankt?« warf Bleibtreu ein.

»Nein, das ist gerade das Traurige, es sind fest eingewurzelte Krebsschäden. Aber selbst diese könnten eingedämmt oder ganz und gar vernichtet werden, wenn man sich mit allem Ernst der Sache annehmen wollte, statt sich in dem Dünkel zu wiegen, daß ein deutsches Offizierkorps oben an stehe und keiner Reform bedürfe. Noch ist es Zeit zu retten, denn jene Mißstände haben noch keine Form angenommen, die eine Unterdrückung unmöglich macht, noch haben wir trotz aller Übel vortreffliche Leistungen zu verzeichnen, und der Ruf unseres Heeres im Ausland ist ein glänzender. Aber Eile tut not, man soll das Eisen schmieden, solange es warm ist. Eine Armee ist eben zum Kriegführen da, und deshalb muß sie unter einem dreißigjährigen Frieden leiden. Aber wir brauchen keinen Krieg, um jene Übel zu töten, sondern Männer mit Umsicht und einem klaren Kopf, die offen eingestehen, daß etwas faul ist im Staate Dänemark.«

König hatte sich ordentlich warm geredet. Er tat einen tiefen Zug aus dem Bierglase, das ihm soeben eine Ordonnanz gereicht, er hatte nämlich dem Oberst zum Trotz auf die Bowle verzichtet. Es war ihm Bedürfnis, sich ab und zu alles von der Leber herunter zu reden, was ihn bedrückte, und war das geschehen, so fühlte er sich wohl und frei.

Borgert hatte in der Nähe gestanden und den Ausführungen des Rittmeisters aufmerksam gelauscht, denn wenn zwei etwas zu reden hatten, fehlte er nie im Hintergrunde. Im Stillen lächelte er über diese beiden Grübler, welche offenbar die Vorteile, die sich ihnen boten, nicht zu würdigen verstanden. Warum dachten sie nicht wie er? Das Leben genießen, wie es kommt, und die Feste feiern, wie sie fallen! Das war sein Standpunkt, und deshalb schmeckte ihm der unbezahlte Sekt so gut! Er fühlte sich ganz wohl in diesem kleinen Nest, denn hier gab es mitunter ein kleines Skandälchen, das ihm in der früheren Garnison so sehr gefehlt. Als man aber seine Vorliebe für solche Art von Abwechslung entdeckt, schickte man ihn an die Grenze, wo er sich austoben konnte zu Nutz und Frommen seiner Kameraden.

Mit halbgeschlossenen Augen und überlegener Miene stand er an den Türpfosten gelehnt, als er sich plötzlich aufmerksam umsah.

Wo war denn der dicke Pommer? Er hatte ihn doch noch eben ziemlich betrunken zwischen den Damen herumstolpern sehen, jetzt war er fort. Und Frau Kahle? Richtig! Auch weg. Schnell auf die Suche also, vielleicht konnte er noch ein neckisches Schauspiel erleben.

So schlich er denn hinaus in den Garten, nachdem er die Cigarre zur Seite gelegt, damit sie ihn nicht verraten solle. Der Mond hatte sich diskret hinter dem Horizont versteckt, um nicht mit anzusehen, was da unten hinter den Büschen vor sich ging, nur matt erleuchteten seine Strahlen eine Wolkenschicht, welche über seinem Versteck schwebte.

Und richtig! dort saßen sie, eng aneinander geschmiegt, auf der schmalen Holzbank an der Gartenmauer. Die Nachtigall sang noch immer, nur etwas weiter in der Ferne. Pommer sprach konfuse Worte, ohne sich sonderlich Mühe zu geben, nicht laut zu sein, Frau Kahle lehnte mit dem Kopf an seiner Schulter und lauschte den Tönen der Liebe, die ihr Ohr seit dem ersten Jahre der Ehe nicht mehr vernommen. Ab und zu küßte der Leutnant schmatzend die kleinen Hände und den Mund der jungen Frau. Sein rechter Arm umschlang fest die zierliche Taille, und die große Hand ruhte auf ihrem wogenden Busen.

»Siehst du, Grete, geliebte Grete, du mußt dich freimachen von diesem Mann, er ist ein Tyrann, hat kein Gefühl und ist auch viel zu groß für dich!«

»Er ist ein guter Kerl, aber er versteht mich nicht! Ich muß jemand haben, der mich versteht und wirklich liebt. Ich will dir das Leben so schön machen, wenn du müde vom Dienst nach Hause kommst und du sollst es so gut haben!«

»Wie ich dich lieb habe, du kleiner, süßer Racker!«

»Ich dich auch, Hans! Und denke nur, das hat mich furchtbar gekränkt, mein Mann hat das ganze vorige Jahr mit der Frau vom Amtsrichter herumgeliebelt, die doch dazu gar nicht schön und schon ziemlich alt ist. Kürzlich ist er sogar der alten Hebamme nachgelaufen, die er nicht erkannte, weil sie ein Tuch um den Kopf trug. Sie hat ihn mit ins Haus gelockt und dann ganz ruhig ihr Tuch abgenommen. Dann sagte sie: »So, Herr Rittmeister, das werde ich Ihrer Frau erzählen, was Sie für ein Bürschchen sind!« Und sie hat es mir erzählt.«

»Das kannst du dir nicht gefallen lassen, Grete, das würde ich nie tun!« Dabei umschlang er sie mit sinnlichem Verlangen so fest, daß sie leise aufschrie.

Da tönte laut der Name des Offiziers vom Kasino herüber, man verlangte nach ihm.

Aus Furcht, auf seinem Ehrenposten gesehen zu werden, wenn das Paar sich jetzt erhob, schritt Borgert auf die beiden zu und sagte, als er vor dem verdutzten Liebespärchen stand:

»O Gott, bin ich erschrocken! Aber pardon, ich will nicht stören!« Dabei zog er sich schnell wieder zurück und eilte ins Kasino. Keiner ahnte natürlich, warum die vorher so gelangweilte Miene des Oberleutnants jetzt einen so pfiffigen, lächelnden Ausdruck zeigte. Jetzt wußte er genug und konnte sich noch ein Weilchen dem Tanze hingeben, es war doch gar zu schön, so ein reizendes Weib wie diese Leimann im Arm zu haben! Die wäre wohl noch eine Sünde wert gewesen!

Das Fest währte jetzt nicht mehr lange. Die Damen waren müde, besonders Frau Stark war halb zu Tode getanzt worden. Selbst Frau Oberst hatte genug und schwieg, was bei ihr als Seltenheit galt. Frau Leimann aber klagte plötzlich über Kopfweh und bat Borgert, sie nach Hause zu bringen, da ihren Gatten das heulende Elend, wie oft nach einer Bowle, gepackt hatte und er schluchzend im Garten umherstolperte.

Die Herren hatte fast alle der frische Maitrank überwältigt, und sie waren unangenehm laut, einige auch recht derb in ihren Scherzen geworden. Es war also Zeit, sich zu trennen, und so bestieg man die am Kasinotor seit zwei Stunden wartenden Krümperwagen. Die Kutscher mußten erst mit einigen Kosenamen und Püffen geweckt werden, sie waren müde von der anstrengenden Felddienstübung am Vormittag.

* * * * *

Am nächsten Morgen um zehn Uhr lag der dicke Pommer noch in den Federn. Er hatte den Dienst verschlafen, und da es nun doch zu spät war, drehte er sich noch einmal um und schnarchte weiter.

Als er um elf Uhr erwachte, sah er erst blöde vor sich hin, dann fuhr die Rechte, die noch vor wenigen Stunden Frau Grete's Hand gedrückt, in das wirre Haar.

Donnerwetter, was brummte ihm der Schädel! Was war denn los gewesen? Ach richtig, die verdammte Bowle gestern Abend!

Aber da war noch etwas! Ein weißes Kleid flocht sich in der Erinnerung an den gestrigen Abend, und allmählich stand ihm verschwommen wieder alles vor Augen, was sich zugetragen. Er sah nach der Uhr. Was, schon elf vorbei?

Mühsam und keuchend kroch er aus dem Bett und in die Hosen hinein, dann machte er etwas Toilette. Es war ihm alles gleich heute, sein Kopf schmerzte ihn zu sehr, und dabei immer der Gedanke an das Ereignis von gestern! Es war unerträglich! Mißmutig ließ er sich auf einen Stuhl nieder, und als der Bursche vom Kaffeebrett den Löffel fallen ließ, fuhr er ihn wütend an:

»Dummes Schwein, mache nicht so einen Radau, sonst fliegst du vor die Tür.«

Pommer versuchte sich ganz genau die Ereignisse des gestrigen Tages vor Augen zu führen, und je mehr sie ihm ins Gedächtnis zurückkehrten, umso größer ward sein Entsetzen über seine Handlungsweise.