Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Part 2

Chapter 23,726 wordsPublic domain

»Das ist noch gar nichts,« rief Leimann dazwischen, »als sie kürzlich in meiner Gegenwart wieder einen Krakehl miteinander hatten, brachte der Dicke seine Frau einfach mit den Worten: »Halt's Maul!« zum Schweigen.«

»Es scheint überhaupt dort manchmal nicht ganz friedlich zuzugehen,« entgegnete der Adjutant.

»Vorgestern hatte sich Stark im »Weißen Schwan« etwas festgetrunken, und als er so ziemlich blau war, kam seine Frau, machte ihm eine Szene und nahm ihn unter dem Gelächter der übrigen Gäste mit nach Hause. Dort werden sie sich nachher wohl nicht gerade geküßt haben.«

»Das kommt übrigens öfter vor, sie holt ihn sogar aus dem Kasino zum Essen und nennt ihn vor den Ordonnanzen einen Lüdrian,« warf ein anderer ein.

»Nun ja,« sagte König, »sie paßt eben auf ihren Mann gut auf, denn er will jetzt Major werden, oder besser gesagt, sie Majorin.«

»Aber das ist ja ganz ausgeschlossen,« rief Borgert entrüstet, »wenn dieser unfähige Patron Major wird, dann werde ich General. Es scheint ja allerdings, als ob der Oberst alles für ihn aufböte!«

»Dafür hat er seinen Grund!« entgegnete Leimann bedächtig.

»Wieso?«

»Kennen Sie denn die Geschichte nicht? Die Spatzen pfeifen sie schon von den Dächern.«

»Nein, erzählen Sie, das ist ja rasend interessant!« Dabei rieb sich Borgert vergnügt die Hände und rückte etwas näher zu seinem Freunde heran.

»Voriges Jahr hatte der Oberst bekanntlich durch eine seiner berühmten Taktlosigkeiten einen Herrn vom Civil beleidigt. Dieser schickte ihm eine Forderung. Da wurde es dem guten Oberst doch etwas flau zu Mute, denn mit dem Munde ist er stets voran, hat er aber etwas zu riskieren, dann sitzt ihm das Herz in der Hose. Da ging seine Freundin, diese Stark, zu jenem Herrn hin und sagte, sie sei an der ihm zugefügten Kränkung schuld, indem sie eine unwahre Behauptung ausgesprochen habe. Sie hat dem Oberst also das Leben gerettet, denn der andere ist als unfehlbarer Schütze bekannt wie ein bunter Hund. Darum hat sie ihn jetzt ganz in der Tasche, und wenn sie ihm etwas befiehlt, gehorcht er wie ein Stubenhund. Was dabei herauskommt, sehen Sie ja alle Tage.«

»Aber das ist ja großartig,« rief triumphierend Borgert, »wissen Sie noch so Geschichtchen? Es ist überhaupt längst Zeit, daß man diese beiden aufgeblasenen Personen abhalftert. Er hat Manieren wie ein Bursche und sie wie eine Waschfrau, ich werde einmal herumhorchen und Material sammeln. Es ist eine Schande, daß man sich dieses Weib gefallen lassen muß.«

»Sie soll ja früher auch sonderbare Beziehungen zu einem adligen Herrn gehabt haben, man munkelt so etwas!«

»Von wem wissen Sie denn das wieder?«

»Mein Bursche hat es mir neulich erzählt, der ist aus ihrer Heimat.«

»Was Sie nicht sagen, da muß ich doch einmal gründlich nachforschen, denn das Geld für ein Auskunftsbureau ist sie ja doch nicht wert, diese.... Nun, ich kann das Wort nicht aussprechen, das mir auf der Zunge schwebt.«

»Dann wundert es mich aber, daß sie überall so großartig auftritt, wenn sie so viel auf dem Kerbholz hat.«

»Das ist eben ihre Manier!« entgegnete Müller wichtig.

»Dieselbe Sache wie mit dem Wagen. Den geschmacklosen Karren hat sie irgendwo aufgetrieben, setzt den Burschen im Cylinder und gelben Stiefeln hinten drauf, spannt zwei Schwadronsgäule ein und fährt den Leuten etwas vor. Dabei biegen sich die Axen, wenn die dicke Person darin sitzt. Daß sie täglich auch ein Dienstpferd reitet, dagegen sagt der Oberst nichts, obwohl in den Vorschriften beides streng verboten ist. Frißt ein anderer aber nur eine Kleinigkeit aus, so steckt er ihn drei Tage ein und kommt sich höllisch schneidig vor.«

»Der Oberst ist eben ein ganz pflaumenweicher Bruder, dabei schnurrt er wie gedruckt. Einem mir bekannten Herrn hat er erzählt, wie ausgezeichnet er mit dem Civil stände, und wie sein Tennisplatz belagert sei. Er spielt aber doch meist allein, wer sich vor diesen Leuten drücken kann, tut es doch sicher.«

»Ich wette, daß er vor der nächsten Versammlung des Tennisklubs eine dienstliche Besprechung ansetzt, dann hat er uns alle in der Falle.«

* * * * *

Während dieser Unterhaltung hatte Frau Leimann mit leuchtenden Augen dem Oberleutnant Borgert zugehört, wie er in seiner gewandten Weise über den Oberst und Stark's zu Felde zog, der Rittmeister sog nachdenklich an seiner Cigarre und unterdrückte ein Gähnen, während seine Gattin in Gedanken versunken mit einer Quaste der Tischdecke spielte.

»Warum so ernst, meine Gnädige?« redete Borgert sie an.

»Ich dachte gerade darüber nach, wie Sie später über uns reden würden, wenn uns einmal irgend etwas auseinanderbringt!« erwiderte sie lächelnd.

»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, Sie scheinen an meiner guten Erziehung zu zweifeln, trauen Sie mir so etwas zu? Und überhaupt, wie könnte........«

Er brach seine Rede ab, denn Frau Kahle hatte sich erhoben, um Abschied zu nehmen, mit ihr Leutnant Pommer, welchen sie um Begleitung bat, denn ihr Gatte befand sich auf einer Dienstreise.

Der Kreis war somit wieder etwas kleiner geworden, und als man von neuem um den Tisch Platz genommen hatte, bemerkte Borgert:

»Dieser Kahle mit dem Schusterjungengesicht könnten wir eigentlich einmal ein neues Kleid schenken, außer der verwaschenen Fahne, die sie immer trägt, scheint sie nichts zum Anziehen zu haben.«

»Sie sollten sie erst einmal im Hause sehen,« entgegnete wegwerfend Müller, »da sieht sie aus wie ein malproperes Dienstmädchen; das schmutzige Hauskleid einmal zu flicken, scheint sie auch keine Zeit zu haben, ihr Junge läuft ebenfalls immer herum wie so ein Gassenbube aus der Unterstadt. Außerdem kann der Bengel schon lügen, daß es eine Lust ist.«

»Das hat er von seiner Mutter!« lachte Borgert, als ihn ein vorwurfsvoller, kalter Blick aus Frau Königs Augen traf und zum Schweigen brachte. So ward die Unterhaltung allmählich eintöniger. Der Rittmeister gähnte schon etwas deutlicher, und Leimann war ganz in seinem Sessel zurückgesunken und hielt nur noch mühsam die Augen auf, während seine Gattin eine äußerst gelangweilte Miene zeigte, wodurch ihre Züge alle Anmut und Schönheit verloren und alt, ja abgelebt erschienen. Müller verdaute noch immer, und so schien es an der Zeit, sich zum Aufbruch zu rüsten.

Unter lebhaften Versicherungen, wie reizend der Abend gewesen, trennte man sich, und der Rittmeister geleitete seine Gäste die Treppe hinab, um dann den Riegel an der Haustür vorzuschieben.

Als er wieder im Wohnzimmer stand, sagte er, die Gasflammen ausdrehend, zu Frau Clara: »Ein interessanter Abend! Vor diesen beiden Herren heißt es sich in Acht nehmen!«

Zweites Kapitel.

»Unteroffizier Meyer! Lassen Sie gefälligst den Mist aus dem Stalle schaffen, das ist ja eine schamlose Schweinerei! Was? die Stallwache ist nicht da? Dann machen Sie es selbst, es fällt Ihnen keine Perle aus der Krone. Vorwärts, dann bringen Sie mir das Parolebuch!«

»Zu Befehl, gnädige Frau.«

Frau Rittmeister Stark schritt, von zwei großen struppigen Hunden begleitet, mit langen Schritten im Stalle auf und ab. Sie trug ein schmutziggraues, schlechtsitzendes Reitkleid und einen runden Hut. In der Rechten hielt sie eine Reitgerte, welche sie manchmal sausend durch die Luft fahren ließ, daß sich die Hunde ängstlich hinter ihr verkrochen. Mit scharfem Blick musterte sie alles, die Streu, die Namentafeln über den Ständen der Pferde, und studierte eifrig das schwarze Brett, auf dem mit Kreide der Tagesdienst geschrieben stand. Hinter zwei Pferden, den einzigen beim Ausrücken zurückgebliebenen, machte sie Halt und schaute mit zornigen Augen auf das zottige, schlecht geputzte Fell der mageren Tiere, deren Kruppen mit den Hüftknochen ein gradliniges Dreieck bildeten. Dann hob sie dem einen Wallach den Hinterfuß und besah den Huf, holte ein Notizbuch aus der Rocktasche und notierte: »Remus Nr. 37 fauler Strahl, vorn links neues Eisen.« Darauf schritt sie die Treppe zum Heuboden hinauf. Dort lagen zwei Mann der Stallwache in süßem Schlummer, ohne das Eintreten der Schwadronsmutter zu bemerken. Wütend fuhr sie die erschrockenen Schläfer an:

»Faules Pack, schert Euch an die Arbeit, sonst mache ich Euch lebendig, ihr trägen Lümmels ihr!«

Und sie stürzten an die Futtermaschine, als stände der leibhaftige Teufel hinter ihnen. Dann stieg sie die Treppe hinab und ging Unteroffizier Meyer entgegen, welcher atemlos mit dem Parolebuche ankam. Er schlug die Sporen klirrend zusammen und hielt der Gestrengen das Buch vor.

»Halten Sie es gefälligst, während ich lese, oder meinen Sie, ich wollte mir die Finger an dem schmutzigen Umschlag fettig machen? Hier steht, daß morgen Revision des Sattelzeuges ist. Haben Sie alles in Ordnung?«

»Ich will den Herrn Wachtmeister fragen.«

»Vorwärts holen Sie ihn, aber Galopp!«

Der Wachtmeister war nicht sehr entzückt, daß man ihn in seiner Ruhe störte, denn die Zeit, während welcher sich die Schwadron auf dem Exerzierplatz befand, war für ihn die angenehmste des Tages. So saß er denn bei einer Tasse Kaffee seiner Ehehälfte gegenüber und rauchte behaglich die Morgenzigarre, als Meyer den Wunsch der »Gnädigen« überbrachte.

Zornig stampfte er auf und brummte:

»Was fällt nur diesem Frauenzimmer ein, sie tut gerade, als hätte sie etwas zu sagen! Es ist ein Skandal, daß man sich das gefallen lassen muß, aber tut man es nicht, gibt es Stank mit dem Oberst, der tanzt ja ganz nach ihrer Pfeife.«

Mißmutig schnallte er den Säbel um, stülpte die Mütze auf den kahlen Kopf und ging schimpfend die Treppe hinab. Langsam schlenderte er über den Kasernenhof dem Stalle zu und trat vor Frau Stark mit einem Gesicht, das sagen zu wollen schien: »Du kannst mir den Buckel herunterrutschen!«

Sofort fuhr sie ihn an:

»Wachtmeister, ist alles für morgen in Ordnung?«

»Ich denke, will aber heute Abend nochmals nachsehen.«

»Was, heute Abend? Sofort geschieht es, die Bummelei hat jetzt ein Ende. Außerdem verbitte ich mir Ihren brummigen Ton, sonst werde ich Sie dem Oberst melden. Bringen Sie mir jetzt mein Pferd.«

»Das ist zum Fouragieren, alle Pferde sind mit ausgerückt, bis auf die beiden Lahmen dort!«

»Was? Mein Pferd zum Fouragieren? Was ist das für eine neue Frechheit! Lassen Sie es sofort holen, der Unteroffizier kann zu Fuß gehen.«

Da wandte sie sich um, als sie Schritte vernahm, und, den Oberleutnant Borgert erblickend, rief sie ihm in schmelzendem Tone zu:

»Ah, sehe ich recht, mein lieber Oberleutnant Borgert, nicht wahr? Schon so früh im Dienst? Ich wollte gerade den Pferden meines Gatten etwas Zucker bringen, sehe aber, sie sind nicht da, mein lieber Mann rückt immer so entsetzlich früh aus.«

»Ihr Interesse für die Schwadron muß ich loben, gnädigste Frau, habe Sie schon so oft bewundert, wenn Sie im Stalle Befehle erteilten.«

»Befehle? Ich richte nur dann und wann kleine Bestellungen an den Wachtmeister aus, wenn mein Mann etwas vergessen hat. Man muß sich doch auch etwas um die Schwadron kümmern.«

»Sie sind zwar die »Gefreite« Ihres Gatten, aber ich sehe, Sie führen das Regiment. Meinen Glückwunsch zu diesem Avancement!«

»O Sie kleiner Schäcker! Sie machen immer zu niedliche Scherze! Ich sehe Sie doch heute Abend im Kasino?«

»Gewiß, gnädige Frau, wir haben bereits um 5 Uhr eine dienstliche Besprechung.«

»Ach richtig, das hätte ich fast vergessen. Sie wird nicht lange dauern, es gibt nur einige Kleinigkeiten.«

»Sie wissen.....«

»Aber gewiß, man interessiert sich doch auch ein wenig. Ich habe den Oberst auf Verschiedenes aufmerksam gemacht, das wird er wohl besprechen wollen.«

»Ich bin neugierig darauf! Doch da sehe ich gerade den Rittmeister König, mit welchem ich etwas zu erledigen habe. Guten Morgen, meine Gnädigste!«

»Adiö, mein Lieber, auf Wiedersehen!« Dabei hielt sie ihm die Hand vor den Mund, welche in einem schmutzigen Reithandschuh ihres Gatten steckte.

Während Frau Stark sich wieder dem Wachtmeister zuwandte, eilte Borgert dem Rittmeister König nach, der gerade in den Hof der dritten Schwadron einbog.

»Guten Morgen, Herr Rittmeister! Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich störe, aber eine dringende Angelegenheit veranlaßt mich, eine Bitte vorzutragen.«

»Nanu, was gibt es denn,« fragte erstaunt der Rittmeister, »ist es denn etwas so Wichtiges?«

»Heute Nachmittag wird der Oberst wohl wegen der Kasinorechnungen sprechen, und da wäre es mir vor den jüngeren Herrn außerordentlich peinlich, wenn er dabei meinen Namen nennen würde.«

»Aber ich kann Ihnen das Geld jetzt nicht geben, es war mir schon schwer, vor 8 Tagen die 100 Mark für Sie aufzutreiben.«

»Wenn ich trotzdem meine Bitte wiederhole, Herr Rittmeister, so tue ich es, weil ich mich in einer außerordentlich peinlichen Lage befinde. Habe ich nicht bis zum Abend 400 Mark, so erwachsen mir die größten Unannehmlichkeiten und unabsehbare Folgen.«

»Das ist ja alles ganz gut und schön, aber ich habe das Geld einfach nicht!« entgegnete König achselzuckend.

Einen Augenblick sahen beide schweigend vor sich hin, dann brachte Borgert zögernd hervor:

»Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben dürfte, Herr Rittmeister?«

»Nun, und der wäre?«

»Ich bitte aber das, was ich sage, nicht falsch zu verstehen! Könnte man nicht einstweilen die Schwadronskasse in Anspruch nehmen, da es sich nur um kurze Zeit handelt?«

»Aber um Gotteswillen, mein Lieber, was muten Sie mir zu! Ich kann doch keine Kasse angreifen!«

»Ich fände darin insofern kein Vergehen, da Herr Rittmeister doch allein für die Kasse verantwortlich sind und ein Eingriff in die Kasse nicht vorliegt, sondern nur das Entnehmen eines Betrages, der sofort wieder ersetzt werden kann!«

»Nein, nein, das geht beim besten Willen nicht!«

»Aber ich bin völlig ratlos, Herr Rittmeister, was ich machen soll,« entgegnete Borgert in wehleidigem Tone.

König überlegte und drehte sinnend seinen Schnurrbart. Eigentlich wäre es schlau gewesen, sich diesen Mann, der mit seiner spitzen Zunge und seinem Einfluß auf das gesamte jüngere Offizierkorps unter Umständen einem sehr schaden konnte, wenn man einmal nicht mehr mit ihm stand, möglichst zu verpflichten. Die lumpigen 400 Mark lagen ja zu Hause im Schreibtisch, die hätte er ihm also ruhig geben können. Glaubte aber Borgert, das Geld entstamme der Schwadronskasse, so stand zu erwarten, er würde so bald nicht mit einem ähnlichen Anliegen kommen, wenn er die Schwierigkeiten sah und die unsauberen Wege, die man einschlagen mußte. So beschloß denn König, ihm das Geld aus eigener Tasche zu leihen, ihn jedoch in dem Glauben zu belassen, der Betrag sei der Kasse entnommen.

»Gut,« sagte er nach einer Weile, »Sie sollen das Geld haben! Wann können Sie es bestimmt zurückbezahlen?«

»In zehn Tagen ist alles glatt, Herr Rittmeister! Mein Wort darauf!«

»Schön, heute Mittag können Sie auf's Bureau kommen!«

»Meinen gehorsamsten Dank, Herr Rittmeister!«

»Bitte, bitte, hoffentlich war es das letzte Mal! Jetzt muß ich aber fort, die Schwadron ist schon lange draußen!«

Dabei reichte er Borgert die Hand, bestieg sein Pferd und ritt im Trabe zum Kasernenhof hinaus.

Borgert eilte erleichtert und freudigen Herzens seiner Wohnung zu, der Dienst begann heute erst um 10 Uhr. Er hätte den Mann umarmen mögen, er war doch ein furchtbar anständiger Kerl und half einem immer aus der Klemme! Zehn Tage hieß eine lange Zeit, da würde schon irgend jemand Rat schaffen!

Leimann wartete indes unruhig in Borgerts Zimmer, und als dieser jetzt freudestrahlend eintrat, wichen die Falten von seiner Stirn.

»Hat er es getan?« rief er dem Freunde entgegen.

»Natürlich, ohne Weiteres! Gehen Sie um elf Uhr auch zu ihm, Sie haben ja nur zweihundert Mark Rest von Ihrer letzten Gesellschaft her, er tut es glatt; was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.«

Und als am Mittag die beiden Freunde im Kasino bei einer Flasche Eckel saßen, sah man an Leimann's ausgelassener Heiterkeit, daß auch er keine Fehlbitte getan. --

* * * * *

Pünktlich um fünf Uhr standen sämtliche Herren des Offizierkorps mit Säbel und Mütze im Lesezimmer des Kasinos, als der Oberst mit Dienstmiene eintrat und von den Schwadronschefs die Meldung entgegennahm, daß »Alles zur Stelle« sei.

»Meine Herren,« begann der Gestrenge, »ich habe Sie hierherbefohlen, um Einiges mit Ihnen zu besprechen. Ad 1. Ich möchte Sie ersuchen, bei Bällen und ähnlichen Gelegenheiten Tanzsporen zu tragen, damit unangenehme Zwischenfälle, wie vorgestern Abend, vermieden werden. Ein Herr, den ich nicht nennen will«, -- dabei fixierte er scharf den Leutnant von Meckelburg -- »hat nämlich mit seinen Sporen der Gattin des Herrn Rittmeisters Stark den ganzen Saum vom Kleide gerissen. Das darf nicht vorkommen, meine Herren, und ich werde künftig in ähnlichen Fällen Bestrafung eintreten lassen. Ferner ist es unter wohlerzogenen Menschen üblich, einer Dame nicht zuerst die Hand zu reichen. Tut es die Dame aber, dann erfordert wohl der gute Ton den in unseren Kreisen üblichen Handkuß. Daß einige von Ihnen, meine Herren, in diesem Punkt noch der Erziehung und Nachhülfe bedürfen, beweisen mir die diesbezüglichen Klagen einer Dame des Regiments.« Das bezog sich darauf, daß Leutnant Bleibtreu es kürzlich vorzog, Frau Stark gegenüber diese Höflichkeit zu unterlassen, da sie Handschuhe aus Hundeleder trug, welche noch dazu vom Regen durchnäßt waren.

Eine Träne zu Boden schleudernd, fuhr er fort:

»Ferner, meine Herren, verbiete ich Ihnen, eine andere Stadt ohne Urlaub aufzusuchen. Wer hinüber nach dem Nachbarort will, hat mich um Urlaub zu befragen, wenn der Weg auch nur ein paar Minuten weit ist. Sie wissen alle, daß zwei Herren des Regiments unter betrübenden Umständen ihren Abschied nehmen mußten, weil sie dort das Pflaster nicht vertragen konnten und Schulden in kaum glaubhafter Höhe gemacht haben.«

»Gestatten Herr Oberst eine Frage?« unterbrach ihn Rittmeister König.

»Bitte schön, Herr Rittmeister!«

»Gilt diese Bestimmung auch für die verheirateten Herren zum Besuch von Gesellschaften, Theater, Konzerten u. s. w.?«

»Natürlich, ich will über jeden von Ihnen genaue Kontrolle haben, wie oft er die Garnison verläßt. Zuwiderhandlungen werde ich unnachsichtlich nach dem Strafgesetzbuch bestrafen und zwar nicht als Übertretung, sondern als Nichtbefolgung eines gegebenen Befehls.«

Es entstand eine Pause, während welcher der Oberst sein Taschentuch herausholte und damit das linke Auge wischte.

Als er sich dann im Kreise umsah, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen, glaubte er in aller Gesicht Erstaunen und Empörung zu lesen.

Soweit war man nun also! Weil zwei leichtsinnige Vögel nicht Maß halten konnten, wurde das ganze Offizierkorps in diesem elenden Neste eingesperrt; die einzige Abwechslung, ein Konzert oder ein gutes Glas Bier, gehörte nun auch wie so vieles unter die Rubrik der frommen Wünsche. Denn wer hatte Lust, sich jeden Tropfen nachrechnen zu lassen, den er da drüben trank? Lieber ging man gar nicht hin. Fragte eine Dame des Regiments ihren Gatten, ob er nicht Lust habe, sie am Abend bei den Besorgungen in der Nachbarstadt zu begleiten, weil dort alles besser und billiger sei, so hieß es: Nein, ich darf nicht, ich muß erst fragen, wie ein Schuljunge seinen Lehrer, ob er einmal hinaus dürfe: Dafür bin ich Rittmeister und 15 Jahre im Dienst!

So hatte denn der Oberst seiner Leistungsfähigkeit als Kommandeur und seinem Schneid ein neues Denkmal gesetzt, es fehlte jetzt nur noch, daß man um Erlaubnis bitten mußte, ein Glas Bier in der eigenen Garnison trinken zu dürfen. Aber das kam vielleicht noch später! -- Daß der Oberst besonders den jüngeren Herren eine Gelegenheit gab, gegen einen Befehl zu handeln, wenn diese nach dem Dienst Vergnügungen nachgehen wollten, die sie in der Garnison nicht fanden, bedachte er nicht, er hatte ein neues Förderungsmittel der Disziplin und des militärischen Gehorsams in die Welt gesetzt. --

»Nunmehr, meine Herren,« fuhr der Oberst fort, »wollen wir zur Wahl des Kasinovorstandes schreiten, denn das laufende Jahr ist um. Sie, Herr Rittmeister Kahle, haben im vergangenen Jahre den Posten inne gehabt, und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß die Art und Weise, wie Sie Ihres Amtes gewaltet haben, meinen vollsten Beifall gefunden hat. Wir alle, meine Herren, sind dem Herrn Rittmeister zu großem Danke verpflichtet, denn er hat unter Aufopferung des größten Teiles seiner Mußestunden alles daran gesetzt, das Kasino in die Höhe zu bringen, hat unser Vermögen vergrößert und zahlreiche sehr wohl bedachte Änderungen und Einrichtungen getroffen. Ich meine daher, wir können nichts Besseres tun, als Herrn Rittmeister Kahle zu bitten, das Amt zu behalten, denn es ist in unserem eigensten Interesse. Sollte aber jemand andere Vorschläge haben, dann wollen wir die Abstimmung durch Zettel vornehmen.«

Ein Beifallsgemurmel, wie es der Oberst nach seinen Worten noch nie vernommen, ging durch die Reihen, und so war denn Kahle für das weitere Geschäftsjahr als Kasinodirektor gewählt.

»Ich sehe davon ab,« setzte der Oberst noch hinzu, »die Bücher zu revidieren, denn ich bin sicher, daß ich alles in bester Ordnung finden würde. Aber noch eins, meine Herren! Es ist durchaus unstatthaft, daß die Herren Kasinorechnungen anwachsen lassen, wie es wieder der Fall ist. Die beiden Kontos mit den höchsten Beträgen sind allerdings heute bezahlt worden, aber ich werde rücksichtslos vorgehen, wenn nicht zum Ersten nächsten Monats alle Reste gedeckt sind. Richten Sie sich danach! Ich danke, meine Herren!«

Also schnell, Ihr Leutnants, hieß es nun, lauft zu einem Juden oder Wucherer und pumpt Euch Geld, denn Ihr habt alle ein paar Hundert Mark stehen, eine ratenweise Zahlung von Eurer Zulage gestattet man Euch nicht, sonst bekommt Ihr einen Klecks in die Konduite und das hängt Euch nach, bis Ihr alte Esel seid. Aus dem Nest hinaus dürft Ihr nun auch nicht mehr, laßt es Euch aber bei Leibe nicht einfallen, jetzt öfter im Kasino zu sitzen, dann bekommt Ihr höhere Rechnungen und werdet doch noch eingesperrt!

Inzwischen versammelten sich im Lesezimmer die Damen des Regiments und zwei Herrn vom Civil, denn jetzt kam der Hauptteil des Abends, die Vorstandswahl für den Tennisklub und die Verabredung der regelmäßigen Spieltage im Kasinogarten.

Frau König war als einzige nicht erschienen, ihr Gatte hatte sie unter einem Vorwand entschuldigt, denn jede Gelegenheit, wo sie mit den Damen des Regiments zusammen kommen konnte, mied sie nach Möglichkeit. Sie fühlte sich nicht heimisch unter ihnen; die inhaltlose, oft schrecklich langweilige Unterhaltung, welche sich meist um höchst gleichgültige Dinge drehte, war ihr ein Greuel, sie paßte auch gar nicht hinein in diese Gesellschaft und war nicht danach geartet, an einem nur auf Äußerlichkeiten und strengen Formen beruhenden Verkehr Gefallen zu finden. Ganz besonders aber war es ihr zuwider, wenn sie sah, wie man eben noch in der liebenswürdigsten Weise mit einander umging, um eine Minute später, wenn irgend einer sich empfohlen hatte, über ihn herzuziehen und kein gutes Haar an ihm zu lassen. Wenn sie nicht offen über alles urteilen und reden durfte -- und das hätte ihr übel bekommen mögen -- ließ sie es lieber ganz und blieb in ihren vier Pfählen.

Die Verhandlungen im Lesezimmer dauerten lange, jede der Damen hatte einen besonderen Wunsch, auch bedurfte es einer ausführlichen Ermunterungsrede seitens des neugewählten Vorstandes, mehrere noch zögernde Herren zum Beitritt zu bewegen. Daß die meisten von ihnen niemals zum Spiel erscheinen würden, war ja vorauszusehen -- jetzt erst recht mochte keiner dem Oberst einen Gefallen tun -- aber man hatte doch etwas mehr an Eintrittsgeldern.

Endlich öffneten sich die Flügeltüren zum Speisesaal, wo jetzt ein einfaches Abendessen eingenommen werden sollte. Die kreischende Stimme der Frau Oberst übertönte die Unterhaltung, in den Ecken standen einzelne Gruppen jüngerer und älterer Herren, die neuesten Bestimmungen seitens des Obersten einer scharfen Kritik unterziehend.