Aus der Schweiz

Part 12

Chapter 123,822 wordsPublic domain

Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge für ein Einbürgern in unsere Welt zu thun. Mit großer Demuth hörte er mich an, begleitete Alles, was ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen und am Ende kam es doch heraus, er wolle bleiben, wo und wie er sei. Es werde nicht recht gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei zu alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht auch zu träge,« bemerkte ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« -- er gab es mit schmerzlichem Bewußtsein seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren ist zu etwas, ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. »Aber, Pietro, Ihr werdet dann nie mehr Hunger haben.« -- »O, Signor, der Hunger kommt selten, selten, und es ist immer besser, bisweilen einen Tag zu hungern, als alle Tage thun zu müssen, was uns nicht gefällt«. Damit küßte er mir die Hand, bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' es nicht. Er war so =con amore= Vagabond, Heimathloser -- es wäre Grausamkeit gewesen statt Güte, ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch vermehren mochte, war, wie ich erwähnte, die Erinnerung an einige unschuldige Fehltritte, begangen auf dem Markt des Lebens und angemerkt von der =bête noire= der Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's Füße hatten die Grenzmarken der Civilisation überschritten -- er war mit seinem Vater und allein einige Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der übrigen Schweiz gewesen, aber wie ich denke, nicht immer mit besonders gutem Gewissen wieder in sein Waldasyl zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine Lust, sich legitim bei Tageslicht und Angesichts der Menge sehen zu lassen.

»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste vergeblich fand, »thut wie Ihr wollt, aber bei denen, welche Ihr Eure Leute nennt, werde ich nichtsdestoweniger versuchen, sie für etwas Besseres als die Heimathlosigkeit zu gewinnen.«

Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen klugen Blick an und antwortete: »Ich zweifle, daß sie wollen werden -- ich bin gewiß, daß sie nicht wollen werden.«

»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der rauhen Erde, unter dem oft mitleidlosen Himmel?«

»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die Erde und den Himmel -- wir haben die Freiheit. Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, wann wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer Gesellschaft tausend Fesseln, von denen eine einzige uns die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum Gefängniß machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten als Schmuck zu tragen -- wir würden das nicht verstehen. Wundert Euch nicht, mich so reden zu hören. Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel -- wir denken auch nach und verständigen uns über unsere Gedanken. Auch haben wir einige Studirte unter uns, die -- irgendwie unglücklich gewesen sind. (Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) Von denen lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« fuhr Pietro fort, »und, Signor, verzeiht mir, es geht nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden -- das ist natürlich, noch mehr, Euch muß unser Zustand schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes Herz habt, möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten ist's, Ihr lasset uns, wie Ihr uns findet.«

Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. Ich konnte mich nicht überzeugen, daß sie auch die der übrigen Zweihundert sein sollte -- so viel dieser Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. Gewiß waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen nach dem bürgerlichen Dasein litten, für welche diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde schlafen zu können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein ungeheures Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.

Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu meinem Vorhaben zurück, die Heimathlosen kennen zu lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht mehr zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem Esel. Man ist hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen liefen mir nicht nach, obwohl meine langen Beine von dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten.

Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel der Heimathlosen; wohin Pietro mich geleitete -- er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut empfangen -- von Gefahr war nie die Rede, wenigstens glaub' ich es nicht. Tiger trabte immer mit uns. Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus -- Tiger brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript hing unbeschreiblich an mir -- er konnte, leider, nicht mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen hatte, aber es war eben so gut, als thäte er's.

Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen Bergen, ich auf dem Esel, Pietro mit Stock und Provianttasche neben mir und der unbeschreibliche Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's wirklich sei. Aber ich war's.

Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein wenig verrückt, wenn nicht für ganz und gar. Anfangs machte man mir Vorstellungen über das, was ich wage -- selbst der Wirth ließ sich herab: =Mais, monsieur!= zu mir zu sagen. Ich gab ihm Recht, bedankte mich und war den nächsten Tag wieder mit Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit.

Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum -- ich fing an, das Alles zu begreifen. Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch, oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu war ich zu sehr, um mit Immermann's Münchhausen zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern. Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr mit dieser Horde, die mitten in Europa ohne Gott, Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott -- das muß ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem Walde. Sie beteten zu ihm, die Einen so, die Andern so.

Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner, Heiden, Christen, Verbrecher, Herumtreiber, Verfolgte?

Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht -- sie waren Heimathlose.

Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer Existenzen.

Die Prosa des Elends.

Die Poesie der Armseligkeit.

Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie.

Voll Rohheit und voll Weichheit.

Seelen zum Schaudern und zum Weinen.

Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen über sich selbst, wie das böse Gewissen.

Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller, hätte ich studiren können.

Epopöen der Schuld hört' ich.

Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an Brod, auch an Gottes Wort.

Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren mir die liebsten -- die Studirten dagegen sehr zuwider. Sie sprachen so viel, waren so erhitzte Ankläger der ganzen Menschheit und so weitschweifige Vertheidiger von den schlechtesten Bruchstücken derselben, von sich selbst. Dabei hatten sie immer so ungeheuer viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im Kleinen sein müssen, um sie befriedigen zu können. Was meine Mittel nicht überstieg, that ich. Aber bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre Contrebande nach Amerika versendete.

Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird gegen die tausend socialen Ueberflüssigkeiten, welche wir ihm so freigebig aufbringen.

Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen Freunden am liebsten gewonnen, konnte ich am wenigsten thun. Ihr Geschick war fertig, ihr Gemüth hineingewachsen. Einige Kinder übergab man mir -- was aus denen zu machen ich hoffen darf, würden die Tage lehren, die noch kommen sollen. Bei den Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's Münchhausen zu reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon vorgekommen, hätte ich irgend mir einbilden können, sie auch nur halb zu civilisiren.

Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke und dazu Ziegen. Was diese Thierchen brauchten, konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle, Decken, Flachs, Kessel kaufte ich auch -- für wenig Geld möblirte ich meine Heimathlosen königlich.

Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich ihnen, Herr, Freund. Die Welt war in mir zu ihnen gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht lieblos.

Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten. Sie war größer, etwas fester gebaut als die übrigen Wohnungen, aber immer verschlossen. Die Heimathlosen sagten mir: dort wohnten die Einsiedler.

Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter. Sie lebten ganz geschieden von den sie Umwohnenden. Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte schön gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein, sehr fein.

»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt sie sich gut, haben sie's besser als Ihr?«

»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau sieht Euch so an, bewegt die Hand so, wie nur vornehme Damen es thun. Signor, ich verstehe mich darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen habe.«

Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat Pietro, dem Manne von mir Dienstleistungen anzubieten. Pietro brachte mir einen Dank und eine Ablehnung.

Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und meine Gedanken waren in der Hütte.

War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen? Wenn ich vielleicht eine unerträgliche Lage beenden konnte --

Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr verstörte?

Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles natürlicher und ehrwürdiger vorgekommen, als jedes andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf, wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht sich von selbst nur nach dem Gesetz.

So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, untersagte mir selbst die Neugier und fing nach und nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm zu sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren sein, so schnell verzehr' ich alle Interessen, die sich mir darbieten.

Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen Brief »von der Frau aus der stillen Hütte«, wie er ausdrucksvoll sagte.

Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich das nothdürftig zugeklebte Blatt auseinander und las in deutscher Sprache:

»Herr Graf!

»Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns kommen wollen und sind nicht angenommen worden. Jetzt komme ich zu Ihnen -- werden auch Sie mich zurückweisen?

Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene Hand zurückgestoßen. Er that es, Er, für den ich keinen Namen weiß; denn jeder Name, den ich ihm geben würde, wäre eine Schande für mich. Doch ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen.

Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden Sie kommen? Es hängt von Ihnen ab, ob verzweifeln oder gerettet werden soll

Feodora Freiin von S.«

Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen und sah noch immer hinein, nachdem ich ihn schon lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die mir schrieb -- sie war aus Berlin -- eine Jugendfreundin meiner Mutter. Von ihrem Schicksale nachher, jetzt nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung hätte Folge leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig zum Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie hatte an mich ohne Adresse geschrieben, mein Name war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich ihr nenne? dachte ich. Doch sie schien »=to take it coolly=« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief mißfiel mir ungemein. So ganz und gar theatralisch, und das von einer Frau, die wenigstens gegen funfzig Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort hinauf und hineingerathen sein mochte? -- Was ich von ihrer Geschichte wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber noch widerlicher mußte der Fortgang derselben sein. Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich ihrer Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen in kalter grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf.

»Die stille Hütte« lag etwa noch eine Stunde hinter der Pietro's. Gegen elf ungefähr kam ich an, -- allein, denn Pietro sollte mich nicht begleiten, hatte die Dame gesagt. Aber wenn gleich der Herr nicht, der Hund lief mit mir -- Tiger wäre nicht zurückzuhalten gewesen, sobald er mich sah. Mit Tiger langte ich demnach bei der Freiin von S. an, welche sich in einer so ungewöhnlichen Wohnung und in einer so unglaublichen Lage befand.

Ich war etwas entfernt vom Hause abgestiegen, doch mußte sie mich gehört haben, denn sie öffnete die Thür, noch ehe ich davor war. Pietro hatte Recht -- die Frau mußte schön gewesen sein. Sie hatte eines jener Profile, die unzerstörbar sind, weil sie klassisch sind. Ihre Haltung war graziös -- etwas Magdalene darin, aber auch noch viel Hochmuth. Die Frau gefiel mir eben so wenig als ihr Brief.

Unsere Begrüßung war die sonderbarste und lächerlichste für den Ort und die Umstände, gerade weil sie an jedem andern Ort und unter allen andern Umständen die alltägliche gewesen wäre.

Ich sagte: »Ich habe die Ehre --«

Sie antwortete, mir die Thür zeigend: »Darf ich bitten.«

Ich folgte ihr -- den Esel hatte ich angebunden -- Tiger folgte mir.

»Was haben Sie da für einen eigenen Hund, Herr Graf«, sagte sie im natürlichsten Tone.

»Verzeihung, meine Gnädige«, rief ich und stieß Tiger hinaus.

Als ich zurückkam, bot sie mir einen Schemel an. Ich setzte mich und überreichte ihr meine Karte. Sie las meinen Namen, »Gott!« rief sie, und gerieth in Aufregung, »dieser Name! Ich kannte Ihre Familie, wenn Sie aus Berlin sind?«

»Und Sie, gnädigste Frau, entflohen vor zwanzig Jahren mit -- --« ich schämte mich fortzufahren.

Sie lächelte bitter: »Ja, es war vor zwanzig Jahren einmal Mode, daß vornehme Frauen mit Candidaten -- entflohen, wenn Sie die Güte haben wollen, es so zu nennen. Ich nenn' es anders. Hoffentlich ist mein Geschlecht wenigstens von dieser Thorheit zurückgekommen?«

»Ja, gnädige Frau, die Candidaten sind jetzt ungefährlich. Sie verloben sich, ehe sie Hauslehrer werden.«

»=Tant mieux, tant mieux=,« sagte sie nachlässig. Plötzlich faßte sie mich scharf und energisch ins Auge und sprach mit Lebhaftigkeit: »Ich sehe, daß ich Ihnen keine Theilnahme einflöße. Auch begehr' ich keine, aber Hülfe fordere ich. Wollen Sie mir die versprechen?«

»Wozu?« fragte ich mißtrauisch.

»Wozu?« wiederholte sie spöttisch. »Fürchten Sie, ich wolle Sie zu einer Rolle in einem Trauerspiele dingen? Wozu anders, als mir zu helfen, daß ich von dem Menschen loskomme.«

»So sprechen Sie von Demjenigen, um dessenwillen Sie Alles verlassen haben, sogar Ihre zwei Kinder?« fragte ich mit Ironie.

»Wenn ich nicht um seinetwillen meine Kinder verlassen hätte, würde ich wahrscheinlich anders von ihm sprechen,« sagte sie rauh. »Glauben Sie mir, wir verzeihen es einem Manne nicht, ihm Alles geopfert zu haben.«

»Haben wir denn Zeit, ein solches Gespräch zu führen, gnädige Frau?«

»Ja. Er ist nach Gruyères hinüber, kommt erst heute Abend wieder.«

»So läßt er Sie denn doch allein?«

»Weil er mir vertraut.«

»Wie es scheint, etwas zu sehr,« bemerkte ich.

»Er glaubt, daß ich ihn noch liebe,« sprach sie verächtlich. »Ihn noch lieben nach zwanzig Jahren der Entbehrung, der Erniedrigung, besonders nach den letzten Jahren, die ich hier zugebracht! Es gehört eine Eitelkeit wie die seine dazu, um das glauben zu können.«

»Verzeihung,« sprach ich ernst, »ich glaubte bisher immer, Nichts verkettete so unauflöslich wie gebrachte Opfer, gemeinschaftliche Entbehrungen.«

»Phrasen«, erwiederte sie mit ungeduldiger Bewegung. »Bringen Sie z. B. ein Mal einer Frau Ihre ganze Carriere zum Opfer --«

»Ich habe keine Carriere.«

»Oder Ihre Ehre.«

»Das thäte ich nicht.«

»Dergestalt, daß Sie nie Etwas aufopfern würden? Dann können Sie mich freilich nicht begreifen.«

»Ich würde um einer Geliebten willen Alles aufgeben, was ein Mann aufgeben darf -- alles Persönliche außer der Ehre, Alles sonst, außer dem Vaterlande. Und wenn ich es gethan, würde ich wo möglich noch mehr lieben, was auch logisch wäre; denn wie theuer muß uns nicht ein Wesen sein, welches wir mit der Totalsumme unserer Existenz erkauft haben?«

»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer bezahlt?« fragte sie kalt.

»So ist Herr -- Herr --«

Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte. Wenn meine Mutter die Geschichte erzählte, sagte sie immer blos: »und so ein Candidat!«

»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth sei?«

Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als mache sie ein erhabenes Zugeständniß: »Vielleicht ist er's nicht mehr geworden, als er von Anfang an war, aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu, »wenn Sie ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht mehr fragen.«

»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes Glück gehabt,« sagte ich; »aber, gnädigste Frau, wenn Sie das so gut wußten, warum da --«

Sie sah mich an -- ihre ganze Gestalt zitterte vor Zorn. »Und Sie muß ich um Hülfe bitten,« sprach sie langsam; »Es geschieht mir Recht.«

Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte über meine Lippen. Nie hatte ich mich so vollkommen abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast lächerliche Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen, ich hätte dieser Frau am liebsten die herbsten Dinge gesagt. Und was hatte sie gethan? Ueber ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein. Sie empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch inwendig um einige Grade bequemer war, als die andern -- sie empfing mich wie in einem Salon -- das machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste erhalten, und in einer solchen Umgebung bewies das wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter. Daß sie verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben -- vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl einflößen, vielleicht war er ein ordinairer Mensch, was in einer tragischen Situation doppelt unerträglich ist. Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich hart gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein -- sie hatte noch nicht nach ihren Kindern gefragt. Das war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich vermißt.

»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir länger keine Hülfe begehren wollen -- ich kenne Ihre Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist ein edles, liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre Mutter geweint hat. Schreiben Sie ihr -- ich werde den Brief besorgen -- Sie werden mir dann für Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten Brief. Was meinen Sie?«

Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder doch mindestens auf etwas Affekt. Täuschung. Ihre Miene veränderte sich nicht. Mit derselben finstern Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um ihren Mund gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie, daß ich mich an meine Tochter wenden will? Daß ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu erscheinen? Nein, wahrlich nicht, so lange ich noch meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese Erniedrigung! das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu stehen.«

»Gnädige Frau, Sie sind immer die Mutter.«

»Die Mutter soll ein Vorbild und keine Schande sein.«

Sie mochte in meinen Augen gelesen haben; denn sie fragte: »Sie meinen, das sei ich schon? Gut, doch bin ich dann wenigstens nur eine vergangene, halbvergessene. Eine gegenwärtige, aufgefrischte mag ich nicht werden.«

»Wollen Sie denn Ihre Tochter nie wiedersehen?«

»Hab' ich das Recht dazu? Ich richte mich, Graf, ich weiß, was ich verdiene und was nicht. Doch Sie sprechen immer nur von meiner Tochter -- mein Sohn --«

»Ihr Sohn ist todt, gnädige Frau.«

Sie bebte innerlich zusammen; dann sagte sie leise: »Für mich war er ja schon lange todt. Wie war er?« setzte sie fast bittend hinzu.

»Liebenswürdig und gut.«

»Aber nicht bedeutend? Ja, das erkannte ich schon damals; nur sein Vater wollte durchaus ein Genie in ihm sehen.« Sie war wehmüthig geworden.

»Der Baron, gnädige Frau --« sagte ich zögernd.

»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits vor sechs Jahren. Damals las ich noch Zeitungen -- so erfuhr ich's. Es war ein braver, rechtlicher Mann.«

»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem Schweigen wieder an, »wollten Sie nicht --«

»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses Menschen werden, der mich -- nachdem ich --« Sie machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des Ekels.

»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben -- sollte denn nicht ein Gefühl mehr --«

»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich nicht blos aus Langeweile auf dem Lande --« ich sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber verläumdete sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig und gereizt: »Möglich, möglich, kann sein -- es ist so lange her. Aber jetzt ist's ja auch einerlei, warum ich es that, jetzt handelt es sich nur darum, daß ich frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin, als Verwalterin irgend eines Hauswesens, als Unterlehrerin irgend einer Schule. Ich habe zwar furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren, aber so viel werd' ich doch noch wissen.«

»Und was soll aus Herrn W. werden?«

»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie haben ja schon zwei bis drei Subjecte hingeschickt -- eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen, nicht wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.«

»Wird er wollen?«

»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er liebt mich noch. Begreifen Sie das -- nach zwanzig Jahren!«

»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen wollen,« rief ich heftig.

»Es klingt so und ist's doch nicht. Glauben Sie, daß ich ihm etwas Anderes bin, als ein stündlicher Vorwurf? daß ich in meinem Herzen etwas Anderes für ihn finde, als Abscheu, besonders seit -- Sie haben mich noch nicht gefragt, warum ich hier bin. Wollen Sie es hören?«

»Wozu?« fragte ich wieder.

»Genügt es Ihnen, daß wir unglücklich und strafbar sind?«

»Vollkommen. Es bedarf bei mir keines andern Empfehlungsbriefes; denn ich kann auch unglücklich und strafbar werden.«

»Auf die Manier wie Herr W. nicht. Dazu kenne ich Sie jetzt schon genug, um das zu wissen. Wollen Sie mir die Hand geben?«

Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«

»Ach!« rief sie, mir die Hand entziehend und sich von mir wendend.

»Sie machen eine Schuld durch eine andere nicht gut. Und wenn er Sie liebt. Vielleicht hat er um Ihretwillen auch Alles verlassen --«

»Das Alles des Herrn W!« sagte sie lachend.

»Verzeihung,« sprach ich ernster als bisher; »das bleibt sich gleich. Wer Alles giebt, der giebt Alles, und mag sein Alles sich in einer hohlen Hand verschließen lassen.«

Sie war in Zerstreuung gefallen. Plötzlich fuhr sie auf und sagte lebhaft zu mir: »Sonderbar, daß ich mitten in dieser Misère nie daran gedacht habe, mir das Leben zu nehmen. Das beweist -- Feigheit oder Kraft.«

»Ich traue Ihnen Kraft zu,« sagte ich. »Wenden Sie sie nur zum Guten an.«

»Das heißt werden Sie nachträglich die ehr- und tugendsame Ehefrau des Herrn W.«

Dieser Hohn empörte mich. »Wenn Sie es vorziehen, nur seine Maitresse gewesen zu sein -- ich habe Nichts dagegen.«

Sie maß mich. »Spricht man jetzt so in guter Gesellschaft?«

»Nein,« erwiederte ich, »aber in schlechter.«

Ich war wüthend auf diese Frau, die gefallen, schlecht, und meiner bedürftig wie nur je ein Wesen des andern sein kann, mir doch trotzte und wie! -- Moralisch. Denn ich hatte Recht. Was konnte sie mehr hoffen, als noch ein Mal eine Gattin zu werden, noch ein Mal in eine Gesellschaft zurückkehren zu dürfen? Wenn W., wie ich mir vorstellen konnte, wegen einer infamirenden Schuld sich hier verborgen hatte -- ich wollte ihm ja Mittel bieten, sich wieder rehabilitiren zu können. Meine Kasse würde etwas darunter leiden, das sah ich mit ziemlicher Bekümmerniß, indessen, ich wollte mich gern einschränken, um meine Don Quixoterieen wieder einzubringen, nur diese Trennung zwischen zwei Menschen, die so lange Sünde und Noth mit einander getheilt, kam mir unsittlich, ja, förmlich barbarisch vor.

Sie war meinen Ueberlegungen auf meinem Gesichte gefolgt und sagte jetzt unendlich moquant: »Sie rechnen, ob es Ihnen nicht zu theuer kommen könnte, mir zu helfen.«

Erzürnt sprang ich auf. »Gnädige Frau, wenn Sie wollen, daß ich gern thun soll, was ich thun will und thun werde, so beschimpfen Sie mich nicht.«

»Beschimpften Sie mich nicht?« erwiederte sie kaltblütig. »Ich habe nie eine Beleidigung angenommen, ohne eine wiederzugeben.«