Part 11
Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und unten flimmert der Rhein -- Der Gipfel des Berges funkelt Im klaren Mondenschein.
O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie Heidelberg eines für Uhlandsche, und ich lieb' den grünen Rhein und den hellen Neckar und die blaue Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, mein Heiligthum und meine Hoffnung, und böte man mir die ganze übrige Welt dafür, ich vertauschte mein Deutschland nicht.
Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. Bei einer Barrikade am Pfingstfeste in Prag hatte ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem Hradschin, als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem Hotel zu kommen, mußte ich über mehrere im Bau begriffene Barrikaden. Bei der einen wurde ich angehalten und sollte helfen. Ich weigerte mich; natürlich, wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte mich nieder -- ein wüthender Student war's, der ihn gab. Mit Hülfe einiger minder patriotischen Musenjünger rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir war, und -- klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. Todtkrank lag ich den ganzen Pfingsttag über, während Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und Sturmläuten abwechselten -- gerade keine angenehme Musik, wenn man in die Brust gestochen ist. Am nächsten Tage mußten alle Fremde aus der Stadt -- wie sie mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam auf die Elbe und auf der Elbe nach Dresden, welches seine Barrikaden noch erwartete. Dort genas ich langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen saß ich jetzt am Genfer See.
Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu lange sieht. Manche Gegenden kann man nicht genug sehen -- der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. Gerne wäre ich manchen Tag noch wo anders hin gereist, aber ich wußte nur nicht wohin. Ausdrücklich war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht aufregen möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik zu leben, wenn nicht in der Schweiz, die gerade ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, las was ich eben fand, und ging spazieren, wenn es nicht allzu heiß war.
Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann saß ich am Fenster, sah den See blau sein, grau, grün, schwarz und dann wieder blau werden, und hatte Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber auch recht vernünftige.
Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich öfter mit den Bewohnern der vielen kleinen Dörfer, die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten mich, wie etwas Gleichgültiges interessiren kann.
Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von einem Diebstahle, der in Clarens begangen worden. Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen sollten es gewesen sein.
»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch das deutsche Wort in dem französischen Munde.
»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche keine Papiere haben und deßwegen überall vertrieben werden.«
»Und wo sind sie denn da?«
»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«
»So duldet man sie hier im Canton?«
»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.«
»Wenn man es überall thut --« sagte ich ironisch.
»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte der junge Mensch.
Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons und fragte dann: »Aber wovon leben sie?«
»Sie machen Körbe und andere Dinge -- betteln, stehlen.«
»Kommen sie in die Kirche?«
»Nie.«
»Aus welchem Stamme sind sie?«
»Man weiß es nicht.«
»Woher sind sie gekommen?«
»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die Heimathlosen.«
Die Heimathlosen -- die Zigeuner sind heimathlos. Waren die Heimathlosen in den waadtländischen Gebirgen Zigeuner?
Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die Waadtländer sind so gelassen über Alles, was nicht entweder sie selbst, oder Kaiser und Könige betrifft. Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht, wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen -- wir nennen sie die Heimathlosen.«
»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines Tages ungeduldig, »da sie doch ihre Körbe verkaufen --«
»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von ihnen hier,« antwortete mir der dümmste der sehr dummen Kellner.
Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon tiefer Spätherbst -- die »drei Kronen« langweilten mich bereits etwas -- eine Heimathlose wäre mir eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den ausdrücklichen Befehl, jedes sich zeigende Individuum dieser geheimnißvollen Kaste zu mir zu führen, und wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner sah noch dümmer aus als gewöhnlich -- er wunderte sich.
Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser. »Unerträglich!« rief ich am neunten Tage. Ich will es nur gestehen -- ich vegetirte in einer trostlosen Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei einem solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf einen Gegenstand heften können. Meine Ungeduld wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich wollte zu ihnen, da sie nicht zu mir kamen. Entschlossen erkundigte ich mich nach dem Wege.
»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner, »Sie werden doch nicht dieses Gesindel besuchen wollen?« Der Kellner war -- ein Landsmann von mir.
»Warum denn nicht?« fragte ich kurz.
»Das Gesindel ist sehr unsicher.«
»So?«
»Ja gewiß -- es ist ihm nicht zu trauen.«
»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte ich, an Shakespeare denkend. Dann dankte ich dem Kellner für seine Warnung und versprach ihm, mich in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich meine Pistolen ein, aber nur wenig Geld, ließ mir noch einmal die Richtung andeuten, in welcher die Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit Brod und Wein um und machte mich auf.
Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß ich diese Entdeckungswanderung wagen durfte. Und hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich hätt' es doch gethan.
Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von jeher sind mir die Localitätsschilderungen unausstehlich gewesen. Was kann dem Leser daran liegen, ob, während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der und der Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde das und das Gebirge zu sehen gewesen? Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten nicht leiden und sage von der Gegend nur ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und Tannenwald bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen Felsen, Bäche, manchmal ein wenig Gefahr auf den überschwemmten Steinen -- es waren unermeßliche Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier oben schon gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit -- die letzten Sennhütten waren längst hinter mir geblieben -- kein rüstiger Waadtländer kam mir mit einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen -- ich stieg allein im menschenleeren Walde hinan.
Menschenleer -- war er's? Die Heimathlosen sollten ja hier horsten wie die Raubvögel, sich verbergen wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen keine Spur von ihnen entdecken können.
Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine Strecke Schnee wie ein glatter Teppich, und darauf, in das Dickicht hineinführend, frische, tief eingedrückte Fußstapfen.
Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen ich hier herauf gekommen war.
Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang?
Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen. Fürchtete ich mich? An der Barrikade, umbrüllt von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur Verachtung empfunden, hier -- schauerte mich.
Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer zugleich ungewissen und möglichen, zugleich sichtbaren und räthselhaften Gefahr gegenüber -- es ist das ein eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so sehr, immer auf den Beistand außer uns zu zählen, welcher Gesetz heißt, daß es uns wohl seltsam zu Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner behaupten sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns unserer Haut zu wehren wagten, immer erst pflichtgehorsamst nach der hohen Polizei. Das ist bei mir wenigstens nicht der Fall gewesen -- gerieth ich beim Berliner Carneval etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte ich meine Hände tüchtig. Man warf mich hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich denn ziemlich auf mich verlassen, allein hier handelte es sich um etwas mehr, als den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur dort kennt, den Hof zu machen.
Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer Sennhütte hatte ich für einen Frank ein Alpenfrühstück eingenommen, wie die Schweizer Schriftsteller es seit zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch gerühmt haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn nie bekommt man Milch, immer nur Crême. Meine Tasche war also voll, und ich setzte mich auf einen Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. Kraft wollt' ich gewinnen für jeden Fall -- der Gesättigte hat Muth; der Hungrige, welcher friert, schwerlich.
Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber feucht, durchfröstelnd, um mich her Einöde, mir zur Seite die Spur der Fußstapfen.
Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als hätte ich keine gute Zähne mehr. Endlich schämte ich mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich Zeit. Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, um hier auf einem alten Baume sitzen zu bleiben und trocknes Brod zu essen -- es wäre eine Schande, die nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen sind ja eben nichts mehr als arme Korbmacher und dergleichen -- an's Todtschlagen werden sie, weiß der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln -- gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und wollten sie etwas Anderes, gut, so wolle du dich tüchtig wehren, und nun vorwärts.«
Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig weiter in das Gebüsch ein. Verwirrt war's wie kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen, streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der Nachtreif hing hier noch an den Nadeln, kalte Tropfen fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß geworden und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. Eine Hütte stand da, ein Hund schlug an. Die Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf einem Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf einer Skizze hätte sie sehr malerisch ausgesehen, in der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein Wohnplatz der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck finden für sie selbst und ihre Umgebung von Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und einigen Krautköpfen. Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln mußten auch da gewesen sein, denn ich sah ein Paar auf dem bischen Acker liegen, wozu die Lichtung benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen -- ich fürchtete Nichts mehr -- nein, wegen des Bewohners der Hütte. Oder hatte sie Bewohner, diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?
Heimath -- was ist Heimath? Die Heimath habt ihr auf jeder Erde, unter jedem Schatten -- wo ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, nicht das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein eigenes Haus zu sein, sie ist -- der eigene Heerd. Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen Rauch aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die Heimath.
Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. Der Hund, der kleine, graue, braune, gelbe, struppige, nackte Hund, ein Nondescript, für welches ich keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig schimpfende »Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem Brette, welches als Thür diente. An meiner Kleidung erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, als ich an der sogenannten Thür pochte.
»=Entrez!=« sagte es von innen.
Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und trat in das Zweighaus. Ein Mann saß da und schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie. Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, dann schnitzelte er weiter. Doch sah man, daß diese Gleichgültigkeit nur gemacht war.
»=Parlate italiano?=« fragte ich.
»=Si, Signore=,« erwiederte er.
Ich hatte etwas von Verirren u. s. w. vorbringen wollen, doch von diesem Menschen fühlte ich instinktmäßig, er werde mich durchschauen. So sagte ich denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.«
Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein augenblicklicher stechender Seitenblick.
»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen. »Die Heimathlosen.«
Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig.
»Ihr gehört auch zu ihnen?«
Gemessenes Kopfneigen.
»Ihr seid aus --«
»Hier geboren, Signor.«
»Aber der Vater?«
»Der Vater? Aus Toscana.«
»Und hierhergekommen -- wann?«
Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge. Ich sah, daß er meine Fragen unverschämt fand.
»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch setze,« sagte ich einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit hergekommen.«
Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß Raum für mich wurde. Ich setzte mich, wirklich angegriffen.
»Von Vevey?« fragte nun er.
Ich bejahte.
»Der Signor wohnt dort?«
»In den Kronen.«
»Wegen der Gesundheit?«
Ich zuckte die Achseln.
»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter so weit herauf?« fuhr er mit halbem Lächeln fort.
»Wie ich Euch sagte -- um Euch zu besuchen.«
Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. Er schien mich für thöricht zu halten. Nach einigen Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns ist doch wenig zu finden.«
»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu lernen.«
»Uns Alle?« antwortete er zweideutig.
»Seid Ihr nicht Alle --« forschte ich.
»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber sonderbar -- sonderbar, ein klein wenig excentrisch. Man läßt uns ungestört.«
Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen. Saß ich einmal neben einem Heimathlosen, wollte ich ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang nämlich.
Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der Mensch neben mir war wie versiegelt. Absichtliche Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig in der Absicht, mich fortzuschicken.
Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand er auf und fragte: »Soll ich den Signor vielleicht ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht könnte der Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er ihn hinauf gleich gefunden hat.«
Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten ließ sich dann eben Nichts erwiedern. Mißmuthig stand ich auf. »Da bin ich so weit hergekommen,« sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, die sich denken lassen, und Ihr gönnt mir nicht einmal fünf volle Minuten Ausruhen unter Euerm Dache.«
»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er demüthig spöttisch, »und es schickt sich nicht, daß ein solcher Signor darunter verweile.«
»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser bekannt mit einander, daß wir Freunde werden? Ich würde so gern Etwas für Euch thun.«
»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen Gleich und Gleich, nicht zwischen einem Reichen und einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben, so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein Narr, wenn ich den Stolzen spielen wollte; aber von Freundschaft redet nicht und kommt auch nicht wieder.«
Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. Es klang gerade, als glaube er sich mir überlegen. Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn Ihr's denn so wollt -- ich werde Euch nicht bitten.«
Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus meiner Börse in die Hand geschüttet. »Gott segne Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit sichtlichem Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich milder, zog den Rest des Brodes und die noch halb volle Flasche hervor und bot ihm Beides. Ueberrascht blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann mit Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu fassen, Signor. Wer mir Geld giebt, der ist mein großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit mir theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für einen Menschen. Das habt Ihr gethan, Signor, und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen wünscht, -- wenn Pietro es Euch sagen kann, so sollt Ihr es erfahren.«
Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der Lichtung sichtbar war. Der Abend brach bereits herein, und ich hatte noch mehrere Stunden bis hinunter, ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht erreichen konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, den ich nun wenigstens bei einem christlichen Namen nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher, erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, einen vortrefflichen Weg. Der Signor würde sehen. Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an. Ich fürchtete keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten Fuß. Treu meinem Grundsatz, mich vor allem unnöthigen Schaden vorzusehen, wollte ich mich lieber führen lassen, als romantisch allein verunglücken. Pietro lief zu seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm den ersten Bissen von dem Brode und gebot ihm, sich vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. Der Hund begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte dieses Auftrages -- er streckte sich mit der Majestät eines Löwen vor der sogenannten Thür hin. Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das übrige fing er selbst an zu essen. Den Wein hatte er Anfangs verwahren wollen, ohne davon zu nehmen; vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht ruhigen Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen werden. Aber als er an die Thür gelangt war, hielt er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit einem Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich selbst wahr und hieß ihn trinken -- er solle in Vevey mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er nun, doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. Als kein Tropfen mehr aus der Flasche herauswollte, machte er ihr ein komisch-wehmüthig Gesicht; dann wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte sich und erklärte sich für bereit zu meinen Diensten, und nicht nur für jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. Auch jünger dünkte er mir jetzt um Vieles. Für einige dreißig hatt' ich ihn gehalten -- er war erst zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal -- das macht alt,« sagte er, aber ganz vergnügt, ja, mit wahrer Komik. Seiner Laune nach war das Heimathlosendasein eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, aber ganz gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß wenigstens keine Tragödie des Elends, und am allerwenigsten eines jener Proletariats-Dramen, woran sich jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend etwas einzuernten als ein mäßiges Honorar, oder irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche Langeweile.
Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel des Waldes und des Abends, auf Pfaden, die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, sondern völlig vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet zu werden, wie ich sonst als Kind unserm alten treuen Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige Brüderschaft im Theilen des Brodes -- Pietro hatte mir nicht umsonst so herzlich gedankt, und ich konnte mich ihm unbedingt überlassen.
Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand ein tolles gewesen -- das sah ich ein, als ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte. Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch dazu gestiegen, entweder hinauf oder hinunter -- ich fühlte mich wie entzwei, der Frost der Ueberreizung blieb auch nicht aus -- ich mußte mich legen, doch nicht ohne für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche Wein befohlen zu haben. Er verzehrte die für ihn märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und machte dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte ich noch nie essen hören -- ich dankte dem Himmel, als er sich für gesättigt erklärte und was noch vorhanden war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem Kittel hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme Hündlein, für den Liebling, den er allein habe lassen müssen, um dem Signor zu dienen, wie es seine Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. Eigentlich beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein mitgeben zu lassen, aber bei näherer Ueberlegung hielt ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu verwöhnen und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm zu machen. Er hatte heute schon Geld, zwei Mal Wein, ein Abendessen erhalten und außerdem mich noch zum Freunde -- das war genug -- ich entließ ihn mit meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz unnöthiger, und eben darum erheiternder Feierlichkeit gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner und Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, zu sein. Ich hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; er dankte für die Ehre, welche ich dem armen Thiere erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es schon bemerkt -- er redete von sich und dem Nondescript, welches nebenbei gesagt, Tiger hieß, immer in der Mehrheit.
Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für den nächsten Tag keine Langeweile zu befürchten. So war ich dann musterhaft in der Geduld.
Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen pünktlich, daß ich, ermattet von der bösen Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich auf. Ich fluchte sowohl über den Kellner wie über meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner wieder zu begrüßen, daß ich nicht böse bleiben konnte, sondern ihm Frühstück geben und mir seine Geschichte erzählen ließ.
Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so gut, so frisch, so bunttoll und tollbunt, wie gewiß keiner unserer Schriftsteller sie erfinden könnte, wer weiß sogar, ob ein englischer.
Ich schreibe sie nicht nach -- ihr würden zu sehr die schwarzen Augen fehlen, welche, wetteifernd mit dem überströmenden Munde, sie erleuchteten, ihre Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten. Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester und dann Bandit gewesen, dann da und dort gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt, verjagt worden war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet und hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch sagte. Ein Weib sei mit ihm gekommen, hätte --, gesegnet sollte sie sein! -- unter dem Dache, welches ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den Glauben preisgegeben haben, daß sie eine der ersten Familien der »Niederlassung«, vielleicht gar die älteste seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! Ich lachte --, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte mich, er wurde wieder freundlich. Großen Werth legte er darauf, daß er lesen und schreiben könne. Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung gegeben, meinte er mit nicht geringer Genugthuung. Um es mir zu beweisen, holte er aus seiner Tasche einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.