Aus der Schweiz

Part 10

Chapter 103,725 wordsPublic domain

Doch nicht allein durch die Sage, durch seine Natur fesselt der See der Urkantone. Wenn der Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit, der Zuger mit Grazie eingefaßt, der Zürcher überall lachend, der kleine Lowerger rührend-traurig, der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge der Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer wundersam phantastischen Melancholie. Ich habe diesen Eindruck tief in mich aufgenommen, während wir zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über den See hin und her schifften. Wir wollten diesen kennen, auswendig lernen, seine Buchten, seine Alpen, seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von diesen, der Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an einen Schnabel des Bucintoro. Wie schön am Abend die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie bedeutungsvoll die kleine Kapelle von Kindleinsmord, auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet, mit dem Kopfe an den Stein schlägt. Was die Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's geschehen. Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist, ja, recht eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig, so phantastisch, so drachenhaft, wie dieser. Luzern dürfte gar nicht am Vierwaldstätter See liegen, wenn es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat augenblicklich, ohne daß man ihn mir genannt, so deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn vorgestellt. Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten mir Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens junge Herren gelangten hinauf, und auch die nur unter Angst und Gefahren; man müßte die Nacht im Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten hinweg -- ich hatte bei dem Nebelritt von der Rigi herab meinen Muth messen können -- es war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich blickte den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz, auf den ich mich wirklich hinaufgewünscht, traurig an und fuhr nach Fluelen.

Von hier aus entschieden wir uns für den Weg nach der Teufelsbrücke. Wie der Pilat der Berg, so ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und nach dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen, welche die Ströme den Menschen durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der fahrwürdigsten. Goethe war ihn hinangewandert -- wir halten diese Erinnerung gebührend an Ort und Stelle. Desgleichen vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen Durchbruch der Alpen sich ausnimmt wie ein Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es im Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen -- die Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche, die weißen Wasserfälle, wir durften sie uns nur gefüllt, geschwellt und überbrausend denken, und wir hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir noch fortwährend ein -- der Franzose, welcher in Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard durchaus auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche Einwendung: »Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die Lawine auf Sie,« gar nicht beachtet. Hier würde die Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen Thale die Blöcke wie ein Hagelschlag lagen, wilder noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen hinauf zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung die prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher und links bog die Schlange der Straße zwischen die starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen schwarzen Pudelchen, bot uns hier Krystalle vom Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen diese und andere Krystallisationen aus den verborgenen Grotten mit herab und verkaufen sie an Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die Knaben ihrerseits verhandeln sie an die Fremden -- wir hatten in Amsteg welche ausgewählt, mochten jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine beiden Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze war ihm fremd; gravitätisch ging er zum Kutscher und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt' es ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er, »dann dank' ich schön.« Wir kamen bald darauf langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme an die Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht -- die vielen Brücken vorher hatten uns vorbereitet, aber sie befriedigte. Die alte verlassene unter ihr würde den Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine über den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün bewachsen und mit abgebrochenen Brüstungen daliegt und dabei viel besser gesehen werden kann. Von Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem, noch am folgenden Tage die Rede, obgleich wir in schöner, heißer Sonne nach Fluelen zurückfuhren. Denn wir fuhren zurück -- wir machten es Goethe nach, doch nicht um es ihm nachzumachen, sondern weil wir nicht anders konnten. Schnee war in der Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der Paß nach Bündten schwierig zu unternehmen geworden, und das Thermometer zeigte im Zimmer nur sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen Links und Rechts, zwischen den Rheinquellen und den Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt: wir wollen zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht nach Italien hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren. Hätten wir Italien nicht verwüstet, verstört, für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns ebenfalls nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch nicht leicht, aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach Fluelen zurück.

Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf dem scheinend blauen See schwankten und die halbumwölkten Berge uns einen feinen Nebelregen in das Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und mächtiger denn seit lange die Sehnsucht nach einem Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie im Frühling aus -- wir konnten's nicht; ungewiß lag auch dieser Winter wieder vor uns. Otto sagte tröstend: »Laß gut sein, besser Liebe ohne eine Heimath, als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die Hand, aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen abtrocknen.

Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.

»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten Sie hinauf auf den Rigi. Den Rigi müssen Sie sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« -- so sprach vor drei Jahren in Breslau =Dr.= Anton Theiner, drückte mir zum letzten Male herzlich die Hände und ließ uns fortfahren nach Venedig.

Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol und nicht durch die Schweiz, bisweilen davon redeten, ob, wie und wann wir diese letztere besuchen würden, so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir auch Theiner's Willen thun?« Und Eines gestand dann immer dem Andern: »Du, ich habe eigentlich gar keine Sehnsucht auf den Rigi.«

Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz, doch Kummer und Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß am Leman nahmen uns dermaßen ein, daß wir des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da stets nur mit der größten Gleichgültigkeit gedachten.

In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht der Rigi, sondern die Rigi sagen müsse. Wir nahmen diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener Gleichgültigkeit an, denn wir beabsichtigten durchaus weder auf den, noch auf die Rigi hinaufzureiten.

Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder ihr Italien, nämlich irgend einen Ort, wo irgend Etwas im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner, Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis sein. Wir wollten nach diesem Nizza. Ein Engländer, der mit einer englisch häßlichen Frau und einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß, fragte mich, ob auch wir »=to the Rigi=« gingen. »O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi geht oder reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in Wäggis.« Vier Stunden später sagte ich zu dem Engländer auf dem Kulm: »=Very happy to see you.=« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen Dörfern, wie sie an den Schweizerseen liegen, und der Sohn und Kellner des einzigen Gasthofes ein so unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht Tage lang von ihm bedienen lassen müssen. So ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die Rigi.

Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem unserm Jetzigen und nebst seinen Sitten auch von seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird, so wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung zu lesen bekommen:

»Es gab in jener Zeit« -- ich sage mit Bedacht: es gab, denn die Rigi könnte dann ja eingefallen, oder die Schweiz ein unbekanntes Land geworden sein, also -- »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß Rigi. Dieser Berg war, was viele andere Berge auch sind, so und so viel tausend Fuß hoch, übrigens durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet, man müßte denn als eine solche annehmen, daß man von seiner Höhe aus elf kleinere und größere Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals sprach, d. h. man mußte ihn gesehen haben. Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und Amerika, zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber hauptsächlich doch aus diesen beiden, und aus Europa hauptsächlich von England, Leute beider Geschlechter und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen Berg hinauf. Sie hießen die Rigireisenden. Waren sie auf der Höhe, welche die Kulm genannt wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher, brachten Lorgnetten und Operngläser an die Augen, ließen sich von den Führern, die sie hinaufgeleitet, die Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das »Panorama«, wie man den Anblick nannte, ein sehr prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher wurden roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen Oceane. Es geschah jedoch äußerst selten und man nannte es der Seltenheit wegen den »Sonnenuntergang vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama in Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich frierend und gelangweilt -- nebenbei, das Gelangweiltsein war eins ihrer kenntlichsten Merkmale -- gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück, welches von Holz auf dem Kulm erbaut worden war. Dort schliefen sie, bis die Stunde des »Sonnenaufgangs vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde war indessen noch ungewisser als die des Sonnenunterganges. Unter hundert Rigireisenden schlug sie nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen wieder hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben, gewöhnlich im dichten Nebel, häufig im starken Regen und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man die »Tour auf die Rigi.«

Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung ein Auszug der gemäßigten Alpennatur. Die Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem Fuße, das Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich die Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene Felsenriffe, einzelne seltsame Steine, den Epheu, die Quellen und die Mattenblumen, die blaue Tiefe zu den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie hat Alles -- wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren hat, reite hinauf und sehe zu, ob er die Sonne zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die Rigi« am meisten meine heftige Begierde gezähmt, den Pilatus, diesen Brocken der Schweiz, in seiner Unbesuchtheit zu stören.

Im Hotel Weber.

»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?« fragte ich den Grafen Wladislav.

»Calclire, muß sein,« versetzte er.

Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im ersten Stock des Hotel Weber. Es war ein trüber Tag, welcher eben in einen trüben Abend übergehen wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein hervorkommt, fällt und sich weiter windet, waren bunt und feucht, der Rhein sah so dunkelgrün aus wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein getrunken wird; der Fall erschien noch weißer als gewöhnlich.

Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort für alle Welt. Wir waren dort von mehreren Bekannten getroffen worden, unter andern von Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften gemacht, zuerst die des zweiten großen Unbekannten Charles Sealsfield. In dem »Süden und Norden« dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem Nachmittage eifrig studirt, und so kam es, daß er mir halb absichtlich und halb absichtslos auf gut kentuckisch antwortete.

»Kommt mir vor, wär' noch nicht nöthig,« sagte ich lachend in derselben Weise.

»Sag' Euch, muß nach Hause,« antwortete er höchst ernsthaft.

Wladislav war groß, schlank und dunkelblond. Sehr gehalten in seinem Betragen, sehr überlegt in seinen Handlungen, und dabei doch der seltsamsten Extravaganzen fähig, nur daß er sie eben auch so gelassen unternahm und zu Ende brachte, wie alles Andere. Was ich an ihm sehr gern hatte -- er war originell wie ein Kind, ohne es zu wissen. Vollkommen ruhig in der Gewißheit, es gerade so zu machen wie Jedermann, wunderte er sich ungemein, wenn man sich über ihn wunderte. Wir kannten uns schon mehrere Jahre -- er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein, dabei Herr über drei- bis viermalhunderttausend Thaler. Jetzt war er unsertwegen vier Tage hiergeblieben, wir hätten ihn gern noch länger gesehen, aber er wollte sich nicht länger mehr halten lassen.

»Was versäumen Sie denn aber?« fragte Otto.

»Haben Sie gar kein Heimweh, nicht Sie, und Sie auch nicht?« fragte er uns Beide.

»Und wenn wir's haben -- wir müssen doch noch hier bleiben.«

»Um ein Buch zu schreiben, das überall just eben so gut geschrieben werden kann, einen Brief zu erwarten, der nichts Gescheidtes bringen wird, denn Briefe, auf die man so wartet, bringen nie etwas Gescheidtes.«

»Sie sind sehr tröstlich.«

»Ich will Sie gern hier fort haben. Sie entwickeln ein schreckliches Talent zum Sitzenbleiben. Ich sehe Sie noch den ganzen Winter über hier kleben und dann im Frühjahr mit Mr. Sealsfield nach Louisiana fahren, um sich dort, wie er Ihnen versprochen hat, in eine Blumenvase setzen zu lassen.«

»Er hat ihr auch verheißen, sie könne vielleicht eine kleine Revolution zu Stande bringen,« bemerkte Otto.

»Wollen Sie das etwa?« fragte Wladislav feierlich.

»Nein,« antwortete ich lachend, »eine Revolution in Amerika machen, lockt mich nicht. Mein kleiner gigantischer Wunsch -- Sie wissen, Jedermann hat einen solchen, nur größer oder winziger, -- meiner also wäre ein hübsches, niedliches, comfortables Privat-Königreich im Orient.«

»Wo Sie das biblisch-patriarchalische Verhältniß zwischen Herren und Sklaven einführen würden, welches Mr. Sealsfield so wunderschön findet?«

»Sklaven würde ich natürlich kaufen. Wie sollte man es denn anders machen?«

»Vollkommen einverstanden, Majestät. Und wie würden Sie denn heißen? Sie haben Mr. Sealsfield Herrn über Neger, Alligatoren und Klapperschlangen genannt -- welchen Titel wollen Sie annehmen?«

Ich ließ den Scherz fallen und sah trübselig hinaus. Wenig elastisch in meiner Stimmung, wurde es mir jetzt leicht zu mühsam, den Federball des Humors zu werfen.

»Glauben Sie mir, kommen Sie zurück,« fing Wladislav nach einer Pause wieder an, aber jetzt ernsthaft. »Da nun einmal für den Augenblick Mr. Sealsfield im Zenith Ihrer Schätzung steht --«

»Bekennen Sie es,« unterbrach ich ihn, »Sie sind etwas vaterländisch eifersüchtig auf den ›überseeischen Autor‹.«

»Aergerlich eher, weil er Deutschland so ganz und gar herunterreißt.«

»Glauben Sie mir, wenn er das thut, verabscheue ich ihn so von Herzen, daß ich mich am liebsten mit ihm auf Tod und Leben schießen möchte. Aber er thut's nur in Stunden. Gewöhnlich ist er gar nicht so hyperamerikanisch, dagegen ganz human und deßwegen mit seiner in die literarische Civilisation verkleideten Urwäldlernatur sehr lieb und wacker.«

»Das ist eine curiose Lobrede,« sprach Wladislav kopfschüttelnd, »die haben Sie sich vermuthlich ganz eigens für Sealsfield ›auscalculirt‹.« »Aber,« fuhr er, wieder zu seinem vorherigen Gedanken zurückkehrend, mürrisch fort, »warum, wenn er Deutschland so geringachtet, hat er sich die Mühe gegeben, Deutsch zu lernen? Warum fuhr er nicht in aller Bequemlichkeit fort, Englisch zu schreiben? Bei uns konnt' er ja sicher sein, übersetzt zu werden?«

»Warum haben Sie ihn das nicht gefragt, ehe er gestern abreiste?«

»Ich wollt' es thun, da sah ich einen Regenbogen auf dem Fall, das zerstreute mich.«

»O diese Regenbogen sind hier sehr häufig,« warf ich nachlässig hin.

»Freilich, wenn man vier Wochen am Rheinfall sitzt, ist's das Wenigste was man gewinnt, so von den Regenbogen auf ihm reden zu können. Es ärgert mich -- ich möchte Sie entführen und mit Gewalt nach Deutschland zurückbringen. Daß Sie nicht schon an der bloßen Sehnsucht nach Musik verschmachten, bei der Unmöglichkeit, ein gutes Piano zu finden, und bei der zweiten Unmöglichkeit, selbst das schlechte Piano ohne horrende Kosten gestimmt zu kriegen!«

»Herr Weber wird nächstes Frühjahr ein gutes Piano kaufen.«

»Auf welchem Sie jetzt schon im Vorgefühl spielen können -- sehr genügend! Und dann diese Einsamkeit -- das ganze Hotel ist ja schon leer geworden.«

»Schade genug,« sagte ich, »es sollte im Winter benutzt werden so gut wie im Sommer. Diese hohen, großen Zimmer, diese freie Lage in der Gegend, welche es einem mehr und mehr anthut, je länger man sie sieht, die freundliche Familie, welcher es wirklich so Ernst ist --«

Wladislav wollte mich unterbrechen -- ich ließ es nicht zu, sondern fuhr fort: »und diese Stille -- wirklich, kein Ort ist mehr zu einem Schriftsteller-Einsiedeln geeignet als dieses Hotel.«

»Oder zu einer Schriftsteller-Colonie,« bestätigte Otto.

»Sogar zu einer Schriftsteller-Colonie!«

Wladislav hielt sich die Ohren zu. »Still, wenn Sie Beide erst mit Ihren Extragedanken anfangen, so sind wir den nächsten Augenblick mitten in der willkürlichen Absurdität, und vor der fürchte ich mich, denn man kann sie bei einiger Uebereilung für die Vernunft nehmen. Ich sage Ihnen, alle Schriftsteller-Verbindungen sind unheilsvoll -- aus einer jeden wird eine Schule, in jeder Schule herrscht Zwang, und jeder Zwang drückt den Geist, der nur ein Element hat -- die Schönheit in der Freiheit. Aber eben so wenig taugt für den Schriftsteller einsiedlerisches Vornehmthun. Im Gedräng soll er sich Bahn brechen, sich an die Ellenbogen stoßen, auf die Füße treten lassen --«

»Da wäre ich Ihnen bei der Tombola auf dem Markusplatze wahrhaft idealisch erschienen, denn gedrängter kann es kein Gedränge geben -- man wurde nicht nur gestoßen und getreten, sondern auch gelegentlich etwas entzweigedrückt.«

»Werden Sie denn ernsthafte Dinge nie ernsthaft behandeln lernen, oder zu behandeln die Gnade haben?« fragte Wladislav mit dem Uebersehen des Mannes, des durch die Gymnasialklassen geläuterten und in den verschiedenen Collegien verschiedener Universitäten vollendeten Mannes. »Was ich meine und was Ihnen auch Sealsfield sagte -- wenn Sie auf Ihr Vaterland wirken wollen, so müssen Sie in und mit Ihrem Volke leben.«

»Ja,« sagte ich geängstigt, »wenn nur die unglückliche Zweiheit in meiner Natur nicht wäre! Intellectuell bedarf ich Deutschlands, physisch der Sonne, folglich des fernsten Südens oder des Orients, denn das werden Sie mir doch eingestehen -- die Sonne scheint in Deutschland nicht recht.«

»Scheint sie hier in Schaffhausen mehr?«

»Wenigstens eben so viel wie anderswo in der Schweiz.«

»Ja,« sprach Otto, der es bei Wladislav immer darauf anlegte, mit ganz ungehörigen Dingen dazwischen zu kommen, »ich finde, man thäte viel gescheidter, sich hier in Pension zu geben, als im Waadtlande, wenigstens die letzten Herbst- und die ersten Frühlingsmonate. Veranlassen Sie doch recht viel Landsleute dazu -- wir wollen's auch thun.«

»Man soll sich gar nicht in Pension geben,« schrie Wladislav ungeduldig, »das ist eine moderne Albernheit. Man soll entweder vernünftig zu Hause bleiben oder ordentlich reisen, aber nicht wie Sie sich immer zehn oder zwanzig Meilen weiter von einem Schreibtisch an den andern schieben.«

»Sie haben klug reden,« rief ich, auch ungeduldig. »Wenn man nun kein eigen Haus hat und von zehntausend Hindernissen im ordentlichen Reisen gehemmt wird?«

»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit Cockley einen ganz harmonischen Dialog führen.«

»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer über gewesen?« fuhr ich fort. »Auch in der Schweiz. Also --«

Er bat schön, ich solle nicht böse sein -- ich habe Recht. Dann fragte er mich, wie viel ich an meinem Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete ihm, ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen, noch eine meiner Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten. Ob ich da nicht eine Novelle von ihm als Schluß annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig -- er habe sie, angeregt durch das Geschwätz mit uns, am vorigen Morgen angefangen und in der Nacht so weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande, unter den Heimathlosen, von denen ich doch gehört? »Wer hätte im Waadtlande nicht von den »Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort aussprechen,« sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle, und Alles ist mir buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn lächelnd an. -- »Ich betheure es,« sprach er. So hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen, ob es gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu ersparen.

Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's Abfahrt. Die Lichter des Dorfes Neuhausen brannten röthlich links in der Senkung diesseits des Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf der jenseitigen Erhöhung. Der weiße Fall spielte und rauschte geisterhaft durch die dunkle Nacht. Sonst war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still, und Wladislav las:

Die Heimathlosen.

Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey an. Sollt' ich den Winter über am Genfer See bleiben? -- ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft war nicht blos warm, sondern heiß -- das that mir wohl -- in Dresden war's so kalt gewesen. Ich will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei Kronen« am Fenster meines Zimmers stand. Warum nach Italien? Ist's dein Italien? dein Bilderland? In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das Constitution heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus gegen den armen Pius, welcher hätte der auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich etwas anderes als Krieg, in Venedig endlich -- ja, was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, ob Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb ich am Genfer See.

Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht zu theuer für den, der Geld hat, und sehr unterhaltend für den, welcher keine Gesellschaft braucht. Ich brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem Zimmer. Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, melancholisch über die Zeit, wie es eben Mode war. Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn es mit ihr auch einmal drüber und drunter geht. Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der gewaltigen Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas Geräusch, etwas Störung, dann ist's wieder gut und der wundervoll riesige Organismus vollführt weiter, was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an der Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn da an uns glauben?

O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an deiner Grenze sitz' ich, da ich dieses schreibe! Der Rheinfall rauscht unten -- ich bin seines Rauschens schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran denke. Es ist hier fast wie in Deutschland -- nein, es ist ganz wie am Rhein, wo er unser ist -- Rebenhügel, Wald, Felsen -- Alles lieblich, einfach poetisch. Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich bin im Geist auf jenen Hügeln, labe mich an jenen Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, =the castled cliff of Drachenfels=, sumse vor mich hin von Heine: