Aus der Schweiz

Part 9

Chapter 93,652 wordsPublic domain

Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine Frau in Luzern bei ihren Eltern, er am Schreibtische, an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt ein Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb der Stadt gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte er, als er, an das Fenster getreten, den Wagen mit Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür; »Doctor,« sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte sich um, es war Beat, der blaß vor ihm stand und ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen meine Frau.«

Sinnich war unwillig, erstaunt. »Was thun Sie mit der kranken Frau auf der Landstraße, und ohne mich eine Silbe voraus wissen zu lassen?« -- »Ich konnte nicht länger mit ihr in Einsiedeln bleiben, sie hält die Luft nicht mehr aus, und -- sie wollen uns auch nicht mehr behalten.« Beat sagte das mit einer Art von Trotz. Der Doctor dachte an die Kranke, die erwartend unten lag. »Für's Erste müssen wir Ihre Frau unter Dach und Fach bringen -- kommen Sie, lassen Sie sie in den Löwen fahren.« -- »Ja Doctor, aber das sage ich Ihnen frei -- ich habe kein Geld.«

Der Doctor erbarmte sich. Er ließ das arme, heimathlose Weib in sein Haus tragen, er ließ sie in das Bett legen, welches für seine Eltern bestimmt war, wenn sie zum Besuch kamen. Marguerite versuchte mit ihren kalten Lippen seine Hand zu erreichen. Er zog die Hand fort und hieß die blasse Kranke schlafen. Sie schlief unter dem Dache des Samaritaners.

Als Madame Sinnich zurückkam, empfing der Doctor sie mit einiger Ungewißheit, »ob es ihr recht sein würde.« Es war ihr recht; sie konnte ihm schelten, wenn er ein Gedicht machte, nicht wenn er eine gute Handlung ausübte. Dieses Blatt ist in dieser Geschichte das einzige tröstliche. Möge man es mit Freude lesen, wie ich es mit Freude schrieb.

Marguerite blieb, zum ersten Male wahrhaft gepflegt, mehrere Wochen im Hause Sinnich's; dann hatte dieser, im Verein mit dem Pfarrer von Mellingen, Etwas gefunden, wodurch den unglücklichen Eheleuten wenigstens das bare Leben gesichert wurde. Sie errichteten eine Zeichenschule, die Gemeinde gab dreihundert Franken und eine kleine Wohnung und Beat den Unterricht.

Mellingen ist ein klein Städtchen, etwa eine Stunde von Baden. Der Weg führt über zwei Höhenrücken, die Badener und die Mellinger Sommerhalde. Das Reußthal ist bei Mellingen ebenso lieblich wie bei Baden das Limmaththal. Das Städtchen ist eine jener alten Ortschaften mit Mauern und Thorthürmen, durch zwei Straßen kreuzweis, wenn auch nicht ganz regelmäßig getheilt. Eine alterthümliche bedeckte Brücke führt über die Reuß hinein; ich liebe solche alte Brücken, unter deren Bedachung man geschützt stehen und den Strom fließen sehen kann. Das Wappen von Mellingen, eine weiße Kugel im rothen Felde, ist einfach und doppelt an den beiden Thorthürmen angebracht. An dem linken Arm des Straßenkreuzes liegt der größte Platz des Ortes, mit dem Gasthof zur Krone, mit der Kirche und einer Grabkapelle, mit dem frühern alten Schlosse, dessen Garten bis an die Reuß geht. Die Grabkapelle hat einen hohen, buntgedeckten Thurm, zwischen ihr und der Kirche steht der braune Glockenthurm mit einem abgestumpften Dache, das Kirchthürmchen ist klein und spitz, grau der spalierumgrünte Wendeltreppenthurm des Schlosses. Vier Thürme also, die schwere Kirchthür mit Schnitzwerk, ein hohes, hölzernes Kruzifix, viele kleine eiserne, wunderliche, verrostete, bemalte Grabkreuze, ein paar Bäume, hinhängend, wie leidend, ein paar Beete mit kranken Blumen, das Alles bildet eine Stätte des Begrabens, wo der Tod nicht als der Bruder des Schlafes, sondern als der furchtbare Erbfeind des Lebens erscheint. Marguerite sah sie täglich und stündlich, denn das ihnen angewiesene Häuschen lag dicht neben der Vikarei, und die ist der Krone gegenüber. Aber in Margueritens Herzen sprudelte wieder die Quelle der Harmlosigkeit, sie glaubte gewiß, daß sie genesen werde, sie freute sich in dem kleinen Garten, aus welchem sie die Alpen sehen konnte, zu säen, zu pflanzen. Sinnich hatte sie wirklich so weit gebracht, daß sie den Sommer weit mehr genoß, als den vorigen. Die Luft war hier so mild, man zeigte ihr so viel Wohlwollen. Marguerite gewann sich Herzen, wo sie nur wenige Wochen lebte; das Mitleid half denn auch; die jungen Eheleute wurden unterstützt, soviel nur die Kräfte der Gemeinde es zuließen. Aber mit dem Winter machte doch der Mangel sich wieder fühlbar, um so mehr, da Marguerite auf das Neue zurücksank. Sinnich und seine Frau konnten diese Entblößung, der sie ihren beschränkten Mitteln nach nur höchst unvollkommen abzuhelfen vermochten, nicht länger so gelassen mit ansehen. »Lassen Sie ihre Frau nach Freiburg schreiben,« sagten sie zu Beat, »die Eltern müssen weich werden, wenn sie erfahren, in welchem Zustande ihre Tochter ist.« Marguerite brachte mühsam einen Brief zu Stande -- ein Brief, besonders ein solcher, ist für einen Kranken ein so mühsames Werk. Das Blatt, auf welchem ihre Hand gezittert, auf welches ihre Thränen und von ihrer Stirn der kalte Schweiß gefallen, das Blatt blieb unbeantwortet; ein zweites, noch mühevoller, müder, bittender geschrieben, hatte dasselbe Loos. Jetzt schrieben Sinnich und der Pfarrer, siegelten mit Sinnich's Wappen und gaben den Brief in Zürich auf die Post. Wenn Frau von Gontran ihre Tochter noch einmal sehen wolle, möge sie eilen; Margueritens Tod sei nahe.

Auf diesen Brief kam die Mutter; er war in ihre Hände gelangt, aber nicht der, welchen Marguerite ihr von Solothurn aus geschrieben, keiner von der Aebtissin, welche vor ihrem bald auf Margueritens Heirath erfolgten Tod noch einmal versucht, Frau von Gontran zu erschüttern. Der junge Gontran und der Abbé Lallemand hatten alle diese Blätter, ebenso wie auch die beiden letzten Briefe Margueritens, unterschlagen, die Mutter wußte Nichts von der Gefahr, Nichts von dem Elend der Tochter, sogar Nichts von ihrer Heirath. Sie hatte bisher geglaubt, Marguerite lebe mit Beat als dessen Geliebte. »Wie konntest Du denn das von mir denken?« fragte Marguerite mit naivem Vorwurf. Die Mutter weinte und schuldigte sich an, doch war selbst in diesen ergreifenden Augenblicken eine gewisse Gemüthskälte bei ihr nicht zu verkennen. »Ach, wenn Du doch in's Kloster gegangen wärest,« seufzte sie; »wie viel glücklicher wärest Du gewesen.« -- »Sprich nicht so, meine Mutter,« antwortete Marguerite, mit dem Lächeln des befriedigten Herzens, »ich habe meinen lieben Beat.« Und sich zu ihm wendend und ihm die Hand darreichend, setzte sie in ihrem gebrochenen Deutsch hinzu: »Mys lieb Beat, ich nicht mit einem König tauschen,« ihr liebstes und häufigstes Wort. Die Mutter sah darum Beat nicht günstiger an; sie betrachtete ihn als den einzigen Anlaß aller der Uebel, die Marguerite zu leiden habe. Im Ganzen war der Besuch ein wenig erquicklicher; die Mutter hatte allerdings einiges Geld mitgebracht, aber das war nur wie ein Tropfen für die vielen und dringenden Bedürfnisse. Auch fühlte Frau von Gontran sich gedemüthigt vor den Fremden, die ihr Kind, welches sie verlassen, aufgenommen und genährt hatten. Sie konnte nicht ohne Scham die Worte der Doctorin hören: »Bedenken Sie, Madame, daß in dem armen Städtchen Mellingen auch der Aermste sich noch reich genug findet, um Ihrer Tochter Kartoffeln schicken zu können.« Sie versprach, alles Nöthige zu senden, um dem Mangel, der die Kranke umgab, wenigstens einigermaßen abzuhelfen. Sogar das Piano Margueritens, welche auf diesem Instrument Virtuosin war, sollte mit andern Möbeln kommen. Bitter lächelnd sagte die Doctorin: »Madame, dazu ist es zu spät, Ihre Tochter wird kein Piano mehr spielen, es hat ihr zu lange an Brod und Kleidern gefehlt.« Das war keine Uebertreibung; Marguerite hatte sich in Einsiedeln nicht immer satt essen können und besaß keine andern Kleider, als die, welche sie mit in die Ehe gebracht. Sie waren abgenutzt, zerrissen theilweise, Marguerite, die immer viel Geschmack für zierlichen Anzug gehabt, bat die Mutter, ihr ein neues Kleid zu schenken. »Ach, nur eines, Maman; ich komme mir in diesen alten Dingern selbst so alt vor. Gewiß, ich würde besser aussehen, wenn ich ein hübsches Kleid anhätte.« Die Kokette -- sie wollte noch jetzt ihrem Beat gefallen!

Er pflegte sie wenigstens treulich, gab dabei seine Stunden, und machte außerdem die Examina, welche zu einer bessern Anstellung nöthig waren. Aber noch fand die sich nicht.

Dagegen kam die versprochene mütterliche Hülfe von Freiburg. Worin bestand sie? In einem kleinen Stuhl, den Marguerite als Kind gehabt, in dem dazu gehörigen Tische und in einer Bettdecke von Damast. Sonst Nichts, keine Wäsche, keine Geräthschaften, kein Geld, nicht einmal das erbetene Kleid. Marguerite klagte nicht, sie sagte nur in ihrer treuherzigen Art: »Sie werden die Mutter wieder herumgekriegt haben, aber das Kleid hätte sie mir doch schicken können.« Beat war muthlos, der Doctor entrüstet, seine Frau empört, besonders über den Hohn, welchen sie in der Sendung der reichen Damastdecke wahrzunehmen meinte. »Man hat es der Armen recht anschaulich machen wollen: sieh, was Du hättest haben können, wenn Du nicht einen solchen Mann genommen,« sagte sie mit einem starken, redlichen Unwillen. Vielleicht hatte sie Recht.

Einige Zeit später kam der junge Gontran. Ob um seiner selbst, oder um der Menschen willen? So gut Marguerite war, den Bruder, der ihr so viel Herzeleid angethan, ohne daß sie ihn je anders beleidigt, als durch ihr Dasein, den Bruder konnte sie nicht mit Vergnügen, ja, kaum mit Mäßigung begrüßen. Die Unterredung war demnach kurz und gezwungen, Beat sah den Schwager gar nicht, und dieser äußerte auch keinen Wunsch, die Bekanntschaft zu machen. Beistand brachte er der Schwester nicht, selbst keinen Gruß von den Eltern; er sagte nur, sie wären gesund. Nach einer Viertelstunde stand er auf, wünschte der Schwester eisig eine bessere Gesundheit und reichte ihr die Fingerspitzen. Sie wandte ihr Gesicht von ihm ab zur Wand, ohne Etwas zu erwiedern; er ging, sichtlich erleichtert, den unangenehmen Besuch überstanden zu haben. Sein Wagen war noch nicht bereit; er hieß den Kutscher ihm nachkommen und ging zu Fuß bis zu Sinnich's Haus. Dort ließ er sich melden. Sinnich lag gerade krank, nahm aber den Bruder Margueritens doch an; »denn vielleicht,« sprach er zu seiner Frau, »daß er doch in guter Absicht kommt.« Die Doctorin schüttelte den Kopf; sie erwartete Nichts mehr von der Familie Gontran. Der junge Mann trat ein, abstoßend von Physiognomie, so unähnlich wie möglich seiner jetzt noch schönen Schwester. Im Betragen war er äußerst höflich und dankte mit ausgesuchten Wendungen dem Doctor sowohl wie dessen Gattin für die Güte, welche sie seiner beklagenswerthen Schwester erwiesen. »Ich wünschte sehr, mein Herr von Gontran, die Familie der Madame Bodenwieler hätte uns weniger Gelegenheit zu dieser Güte gegeben,« antwortete der Doctor, geradezu wie er war, und hier doppelt unumwunden im Gefühl, das Recht sei auf seiner Seite. Der junge Gontran zuckte die Achseln, machte Mienen, bedauerte unendlich die Verhältnisse, unglückliche Mißverständnisse. Es war nicht schwer, hierauf zu antworten, und die Doctorin that es mit aller Rücksichtslosigkeit, zu welcher in gewissen Stunden die Guten den Schlechten gegenüber die Erlaubniß von Gott selbst haben. Der junge Gontran hörte sie mit übel verhehlter Verlegenheit an. Endlich sagte er: »Damit Sie sehen, daß es mir nicht an brüderlicher Liebe fehlt, so will ich von nun an meiner Schwester drei Kreuzer täglich aussetzen und Sie bitten, ihr dafür Geflügel zu kaufen.« Der Doctor maß den zärtlichen Bruder mit einem Blick, der zwischen Erstaunen und Verachtung schwebte. »Ist das Ihr Ernst, oder wollen Sie mich zum Narren haben?« -- »Es ist mein völliger Ernst.« -- »Und wissen Sie, daß man für dieses Geld kaum am Sonntage ein kleines, elendes Hühnchen kaufen könnte?« -- Gontran zuckte wieder die Achseln und sagte: »Das thut mir sehr leid, aber mehr bin ich nicht im Stande.« -- »Herr,« schrie jetzt der Doctor mit der gewaltigen Stimme seiner gesunden Tage, »machen Sie, daß Sie fortkommen, oder, krank wie ich bin, stehe ich auf und schmeiße Sie hinaus!« Gontran wartete diese Anstrengung von Seiten des Doctors nicht erst ab; er entfernte sich eilig, stieg in seinen Wagen, der gerade ankam, und wünschte sich gewiß Glück, so gut davongekommen zu sein.

Dies war das letzte Mal, wo Marguerite von ihrer Familie hörte. Sie war jetzt aufgegeben; ein Theil der Luftröhre war bereits herausgefault, sie hatte ganz die Stimme verloren und konnte nur noch essen, wenn sie sich auf den Rücken an den Boden legte. Dennoch kam sie an guten Tagen noch manchmal zu Doctors, wo sie sich recht eigentlich daheim zu glauben schien. Sie liebte sehr kleine Leckereien, und Doctors pflegten, wenn sie Gäste hatten, ihr immer etwas vom Nachtisch aufzuheben. Kam sie nun, und die Doctorin reichte ihr die für sie bestimmten Früchte oder Bonbons, so warf sie, kindisch begierig wie sie war, sich sogleich an den Boden und fing an, auf ihre Art zu essen. Die Fremden wunderten sich dann nicht wenig; hörten sie aber erst die Geschichte des armen, sonderbaren Geschöpfes, so machte das Lächeln der tiefsten Theilnahme und den wärmsten Tröstungen Platz.

Konnte Marguerite denn getröstet werden außer von Oben? Sie liebte, sie lebte trotz aller Leiden mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses das Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch nicht fragen, wie schwer wir es finden. Marguerite blieb wenigstens heiter in der Geduld; sie beklagte sich nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte, ohne zu grübeln, ohne zu zweifeln, mit Dank für die wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys lieb Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb ihre Rede, selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen.

Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen fühlende Mensch bei dem Anblick solcher Leiden und besonders eines schweren Sterbens weint. Aber er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht wegen der bevorstehenden Trennung. Marguerite war für ihn längst Nichts weiter mehr als eine Last. Er hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher der Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen dürfen sollte, je mehr athmete er auf. Jenseits dieses Grabes lag für ihn eigentlich erst das Leben. Marguerite hatte einen andern Willen. »Höre, mys Beat,« sagte sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit, »Du mir ja nicht wieder heirathen. Ich Dich will gehabt haben allein hier unten und dort oben. Wenn Du nehmen willst andere Frau, ich kommen und machen so.« Und sie machte mit ihren abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des Erwürgens.

Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann durchdringend an, halb forschend, halb drohend. Noch in ihrer letzten Minute hatte sie diesen Blick. Beat drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht mehr ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne geliebt worden, ohne glücklich gewesen zu sein, ohne glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen gekannt: Hoffen, Lieben und Leiden.

Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche der Anstand vorschreibt, um sich nach einer neuen Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste Täuschung. Jetzt wollte er nicht wieder getäuscht werden -- er spähete vor Allem nach einem hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten sich indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die Art zu beglücken, welche er für die einzig wahre hielt.

Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern Gehalt als Zeichenlehrer nach Baden berufen worden, kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig verfolgten Wunsch erfüllt, so schien auch der zweite in Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die Schwester eines Regierungsrathes aus St. Gallen kennen, ein nicht mehr ganz junges, aber dabei hübsches, und was noch besser war, sehr reiches Mädchen. Wie Beat es angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle Bewerber, denen es glückt -- genug, er gefiel dem Mädchen. Ihrer Familie nicht; indessen da das Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als sie nach St. Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel verabredet, und sie schied von ihm mit der festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur Einwilligung zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung zu fragen.

Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte, sagte Madame Sinnich halb scherzend, halb ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat, ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die Sterbende gemacht.

Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie vergessen. Selbst mit ihrem Denkmal blieb es beim Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung nicht mangelten.

Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn. Was er sich auch immer gewünscht, einmal eine größere Arbeit in Marmor ausführen zu können, das sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann bestellte bei ihm die Statue von Julia Alpinula, dieser jungen Priesterin, welche aus Gram darüber starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters nicht hatte erbitten können. Beat hatte sich bereits eine Probe von dem Marmor kommen lassen, aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen gedachte. Der reine, weiße Stein war angelangt, stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer belebt, entwarf er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue. Ermuthigt durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge dem Glücke nähernd, schrieb er seiner Geliebten und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte Wort geben. Als er den Brief auf die Post getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber er wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte die Skizze. »Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er, »denn von St. Gallen kann mir die günstigste Antwort nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend: »Bodenwieler, und das Denkmal Ihrer Frau ist auch noch nicht weiter als auf so einem Blatte. Bedenken Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen, ihre Frau durch einen wirklichen Beweis Ihres Andenkens.« -- »Ich will's thun, sobald ich verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist meine ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und unzufrieden vor sich hin; Beat ging. »Was fällt Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du den Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst so sehr gegen alle Phantasterie eifert?« Sie antwortete: »Rede, was Du willst -- mir ahnt nichts Gutes.«

Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine Stunde in seiner Schule zu geben. Er kehrte in seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen zu nehmen. Während er damit beschäftigt ist, fällt von seinem entfernt stehenden Secretair die Brustbüste Margueritens herab, und wenige Augenblicke nachher von der Wand gegenüber sein eigenes Portrait in Alabaster. Beide Gegenstände waren nicht angerührt worden, von Außen war keine Erschütterung gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen, läuft im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's hinauf, findet aber nur die Frau, erzählt ihr eilig, was vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch noch halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache das Denkmal, sobald ich verheirathet bin.« Damit geht er fort und in seine Schule, welche er in dem alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend allein; da kommt ihr Mann und sagt: »Der Bodenwieler ist in der Schule auf einmal so krank geworden -- ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.« Er geht, kommt nach einer halben Stunde wieder: »Der hat die Darmentzündung, und ist, irre ich nicht sehr, unrettbar verloren.« -- »Da siehst Du's, -- Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise.

Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben, daß Beat am dritten Tage seiner Krankheit in derselben Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner neuen Braut aus St. Gallen eintraf. Erkläre man es, wie man es wolle, mit dem alten Spruche Shakespeare's oder mit dem bequemen Worte: »Zufall, nichts als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen, diese Geschichte erzählt. Eine Erklärung am Ende versprach ich nicht.

Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden getrennt -- er liegt in Baden, und der kleine Marmor, den er als Probe kommen ließ, bildet seinen Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber den neuen Kirchhof von Mellingen, wo das unbezeichnete Grab Margueritens ist. Es war an einem sonnigen Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die Wiesen voll Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man Flachs, hackte Holz und schaffte Kartoffeln ein. Der Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte der beiden Straßen nach Luzern und Aarau. Pappeln umgeben ihn, eine Kapelle zeigt sich weiß, mit offener Säulenhalle. Ich hätte für Marguerite einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten und mehr Ruhe, nicht so an der Landstraße, nicht so zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen, ruhen wir im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite.

Die Urschweiz.

Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser der Schweiz, nicht der gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn, sondern der alten, wirklichen, lebendigen Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher von Uri, die Hörner der beiden Walden, und um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht. Und hier, wo diese Erinnerungen Grund und Boden haben, haben sie auch Poesie. Die Tellsage, welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb. Tell's steife Bildsäule auf dem Markte zu Altorf, der bemalte Thurm, welcher an dem Platze der Linde steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte, Bürglen, sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach, worin er ein heimathlich Grab gefunden, seine Platte mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und erhielt meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so hoch und gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht, springt auch nicht von starren Felsen hervor, sondern ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe -- nun was thut's? -- der Sprung war immer ein guter und ein natürlicher dazu; denn wer wird sich selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es anders machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger, dem die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter sein muß als einem civilisirten Menschen. Auch daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten hatte, mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich -- seine Landsleute würden heute noch dasselbe thun, wenn es sie drängte und sie könnten. Der ganze Tell ist natürlich, nur der Mann eines rücksichtslosen Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt, sondern seinen Feind aus dem Hinterhalt getroffen wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit seines Schusses. Wenn Goethe doch hier nicht Schillern gewichen wäre! Wir hätten dann einen wahren Tell.