Part 13
»Nein, Sie passen nicht zu Ihrer Tochter,« sagte ich gedankenvoll, fast traurig. Ich hatte jene junge Frau wahrhaft lieb -- sie war ganz Strenge in ihren Grundsätzen, Milde in ihren Gesinnungen. Wie konnte sie die Tochter einer solchen Mutter sein?
»Waren Sie immer so, wie Sie jetzt sind?« fragte ich die Baronin.
»Den Anlagen nach, gewiß,« erwiederte sie gleichgültig. »Das Leben entwickelt nur was in uns ist.«
»Ich glaube das nicht. Ich glaube -- kennen Sie die Geheimnisse von Paris?«
»Wann erschienen?«
»Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren.«
»Also nach der Zeit, wo ich noch las. Nein, ich kenne sie nicht, aber was wollen Sie mit diesen Geheimnissen?«
Statt der Antwort fragte ich: »Sechs Jahre sind Sie schon hier?«
»D'rüber,« antwortete sie ruhig.
»Aber, guter Gott, wie haben Sie denn gelebt?«
»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man Bände lesen können, »wie?« Sie schien sich sammeln zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier gewesen, ein Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen -- dann gab sie den Gedanken plötzlich auf und sagte nur: »nun, wie man als Heimathlose lebt.«
Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal nicht ohne eine Art Antheil. Wenn sie durch diese Prüfung auch nicht geläutert worden, sie hatte sie doch überdauert, das war immer schon viel von einer Frau, verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch von Natur, wie sie sich zeigte. »Wie haben Sie's nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte ich zögernd.
»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht mehr. Damit ist Alles gesagt. Doch was wollten Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten -- die Geheimnisse, oder wie hieß es?«
»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte ich, »die Seele könne sich mitten in der größten Verderbniß rein erhalten, eine weiße Nymphäa aus einem Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war wohl schon früher vorhanden und ist nur in diesem Buche am ausgeprägtesten dargestellt. Lies't man es, lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um tugendhaft zu werden, erst Ehebrecherin sein, ein Mädchen erst fallen, um die Unschuld zu kennen. Das ist nun aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas von dieser Apotheose der Untreue, dieser Verklärung der Courtisane hören wollen. Meine Ueberzeugung ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie, gnädige Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das, was Sie in Ihrem Hause, als die Mutter Ihrer Kinder und der Gegenstand der allgemeinen Achtung waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist. Sie sind so gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu empfinden, daß Sie sich nicht mehr besinnen, je anders gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf geben -- Sie haben anders gefühlt.«
»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung.
»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht so --«
Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat sind!«
»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen Sie anfangen allein in der Welt?«
»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit ihm zusammen.«
»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch nicht versucht. Wenn Sie erst wissen werden, daß in dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach Ihnen frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben zu lassen, kein anhänglich Geschöpf mehr, um es zu mißhandeln --«
»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln ist mir kein Bedürfniß.«
»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige brauchen das gar sehr.«
»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch.
»Der beißt Sie,« antwortete ich.
Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht das Lachen verlernt hätte, würd' ich lachen. Was sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich wollen -- haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie mir -- es ängstigt mich jetzt, Sie zu sehen; was wir gesprochen, kommt mir so verrückt vor. Bedenken Sie, ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau, die schon deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie sich unbedingt Ihnen anvertraute. Gott, wenn ich mich getäuscht hätte -- wenn Sie Hohn mit mir trieben!«
»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich mir an, aber auch wirklich unbedingt, ohne Rück- und Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in meine Hand -- ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich werden.«
Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft, mit welcher sie sich mir gegenüber gestellt, verließ sie. Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden, jetzt mit tiefer Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse, die Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht schlechtes Weib in zwanzig Jahren voll Unterdrückung ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit, ohne Aussicht, erleiden kann.
Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung, auch ihrem ursprünglichen Wesen nach -- wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so war's nur gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen Skandals herzugeben -- »ich wußte,« sagte sie mir, »das Geschwätz über meine Flucht würde aufhören, sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es gewiß nicht lange gewährt -- höchstens einige Freundinnen außer Ihrer Mutter haben noch bisweilen ihre Kinder von mir unterhalten --«
»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich, meine Mutter hat stets nur mit großem Bedauern von Ihnen gesprochen.«
»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau, nicht Das geworden, wozu Sie mich jetzt machen wollen, die Gattin meines interessanten Verführers. Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen, dieses liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die arme Feodora! wie anders hat sie's jetzt, als früher -- ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen läßt, einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch zu heirathen -- glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft mit Herrn W. hätte man mir gern verziehen -- es gab noch andere Damen, denen er recht gut gefiel -- eine Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit als lächerlich verurtheilt worden.«
Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott: »Gnädige Frau, und meinen Sie, man habe Sie weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur entführen ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat nie für tragisch gegolten, obgleich es so tragisch ist, wie es nur eines geben kann. Warum Sie keine Scheidung und keine neue Ehe wollten -- soll ich es Ihnen sagen? Ihr Stolz als vornehme Frau und als feine und energische Natur sträubte sich gegen die Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig, nicht nur den äußeren Verhältnissen, auch dem innern Standpunkt nach -- eine augenblickliche Schwäche allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu ihm. Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?«
»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch mit einer gewissen Freude, erkannt worden zu sein; »daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher Fehltritt. An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde gegangen -- an meiner Dummheit verzweifle ich noch heute, wo sie schon zwanzig Jahr alt ist. Doch je älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie. Sie wächst immerfort.«
»Verwandeln Sie die Dummheit.«
»In was?«
»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber lohnreiches Loos?«
Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken, und sah mich mit einem Blicke an, der mich um Erbarmen flehte.
»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand nur verkaufen? Quälen Sie mich wenigstens erst, wenn Sie ihn gesehen haben.«
Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war vernünftig. Was für den ersten Augenblick anzufangen, war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine Stube ausmitteln, wo sie sich vor W. verbergen könne, bis ich ihn gesehen und geprüft. Dann sollte ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden. »Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn Sie mich für moralisch incompetent halten. Meine Seele möchte in die Einsamkeit und da ihrer Sünde vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren Aufruhr ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses Mannes zu bleiben, daß meine Buße darin besteht. Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern. Sie sind jung und unverdorben -- Sie werden besser das Rechte erkennen, als ich.«
Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und sah mich an.
Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die nachkommen sollten. Als er aber nicht wieder anfing, fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht weiter?«
»Nein, es geht noch nicht weiter,« versetzte er -- »ich habe erst bis hierher geschrieben. Ehe ich fortfahre, sagen Sie mir -- würden Sie die Leute verheirathet haben?«
»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich ohne mich zu besinnen. »Es heißt: Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden, und nicht: Der Mensch soll zusammenfügen, was Gott geschieden hat.«
»Also glauben Sie, die Beiden seien von Gott geschieden gewesen?«
»Versteht sich.« Ich antwortete in meinem Eifer mit einem Schweizer Ausdruck. »Durch Gott sowohl, wie früher durch das Gesetz.«
»Nun, ich habe sie trauen lassen,« sagte er trocken.
»Da werden Sie was Schönes angerichtet haben!«
»Calclire, nicht, war moralisch,« sprach er, wieder yankeesirend.
»Moralisch, aber dumm,« versicherte ich ihm.
Er legte sein Manuscript auf den Tisch, stützte Arm und Kopf auf und vertiefte sich in Nachdenken, bis der Thee kam. Dann sagte er plötzlich bestimmt, seine Tasse entgegen- und vom Teller eine Brezel wegnehmend: »Sie täuschen sich; ich bin ganz gewiß, daß die Ehe gut ausfallen wird.«
»Wenn Sie dessen gewiß sind, ist's ja gut,« sprach ich lachend. »Beweisen Sie es nur dem Leser.«
»Ich schreibe das Ding nicht fertig,« sagte er entschieden.
»Und warum denn nicht?«
»Sie sprechen heute klassisch schweizerisch. Weil Sie die Heirath dumm finden.«
»Ich finde sie dumm, Andere finden sie vielleicht klug.«
»Möglich, ich hoffe es sogar, aber ich mache die Novelle doch nicht fertig.«
»Des Menschen Wille --« sagte ich. »Nehmen Sie Quittensaft?«
»Danke. Nehmen Sie meine Novelle?«
»So wie sie da ist?«
»Und warum denn nicht?« machte er mir nach. »Sie wollten sie ja als Schluß Ihres Buches?«
»Aber ordentlich geschlossen, nicht so in der Mitte abbrechend, wie eine nicht fertig gewordene Brücke.«
»O,« sprach er mit unnachahmlicher Kühle, »für Ihr Buch ist sie schon noch gut genug.«
»Dann schreibe ich auch unser jetziges Gespräch dazu.«
»Alles, was Sie wollen.«
»Und Sie müssen mir noch sagen, wohin Sie Ihr glückliches Paar befördert haben. Vermuthlich auch nach Amerika?«
»Nein,« versetzte er gelassen, »nach Australien.«
»Das ist jedenfalls eine Abwechselung,« sprach Otto, der uns bisher mit ziemlich spottender Miene zugehört hatte.
»So mein' ich auch,« entgegnete Wladislav.
»Aber Pietro?« fragte ich weiter.
»Pietro hat zwei Ziegen und wir correspondiren mit einander.«
»Die Ziegen und Sie?«
»Nein, ich und Pietro.«
»So einen Brief müssen Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto.
Wladislav schüttelte den Kopf. »Briefgeheimniß -- unverletzlich.« Dann bat er mich um die zweite Tasse Thee. Ich goß sie ihm ein, und that eine dritte Frage, nach Tiger.
Wladislav wurde roth. »Haben Sie nie in meinem Zimmer einen Hund kläffen gehört?«
»Allerdings, und ein eigenes, jämmerliches Gekläffe war's.«
»Nun, das ist Tiger,« sagte er lächelnd und zögernd.
»Warum haben Sie ihn denn nie bei sich?«
»Ich schäme mich, weil er so häßlich ist,« bekannte er leise.
Wir lachten ohne Umstände. »Sie sind,« sagte ich --
»Ich bin der Wladislav,« unterbrach er mich treuherzig, bittend.
»Kriegen wir nicht wenigstens das Nondescript zu sehen?«
Wladislav schwankte ein wenig. Dann aber sprach er sanft: »Nein, das arme Vieh ist gar zu schauderhaft -- Sie würden ihn gewiß im Traume sehen.«
Hier kam man, ihm den Wagen anzusagen. Er erhob sich etwas widerstrebend. »Aus dem warmen Salon in die feuchte Nacht,« sagte er sich in der Erwartung schüttelnd.
»Es ist erst sieben, also noch Abend,« tröstete ich ihn.
»Und gestern schien der Mond, deßwegen ist's heute nicht finster,« setzte er mürrisch hinzu. »Sie sind --«
»Ich bin Ihre Freundin, die Ihnen eine glückliche Reise wünscht, eine frohe Heimkehr --«
»Und ein langes Leben und eine selige Urständ,« fiel er mir in die Rede. »Ich weiß das Alles schon -- bleiben Sie mir gesund, oder vielmehr werden Sie Sich selbst gesund -- es ist ein klägliches Ding, immer so krank zu sein.«
Damit reichte er mir ingrimmig die Hand, schüttelte die meine so derb, daß ich schrie, und ging, von Otto begleitet, nach der Thür. Dort kehrte er plötzlich wieder um, kam zurück an den Tisch, sah mich scharf an und fragte: »Wie finden Sie denn nun eigentlich meine Novelle, d. h. meine wahre Geschichte?« -- »Barock und formlos,« antwortete ich, »auch mit Nachlässigkeiten des Styles und Wiederholungen von Worten reichlich gesegnet, aber dabei besonders genug und deßwegen --« -- »Schon gut!« Damit hemmte er meine Kritik, flüsterte mir dann vertraulich zu: »Ich will es Ihnen nur sagen: gerade so finde ich sie auch;« und ohne mir noch ein Mal Adieu zu bieten, schritt er nun wirklich aus der Thür.
Hofbuchdruckerei der Gebr. Jänecke in Hannover.
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Seite 108: im Original "meine junge Frau vorstellen zu dürfen«" geändert in "meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«"
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Seite 128: im Original "Eben sprach ich sehr kennntnißreich und weise" geändert in "Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise"
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Seite 147: im Original "sollte sie gleich bei ihrer Rückhehr" geändert in "sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr"
Seite 192: im Original "er mochte ungefähr fünf- bis sechsund zwanzig sein" geändert in "er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein"
Seite 206: im Original "Die Waadtländer sind so gelassen üller Alles" geändert in "Die Waadtländer sind so gelassen über Alles"
Seite 209: im Original "sich ver-verbergen wie die Schlangen" geändert in "sich verbergen wie die Schlangen"
Seite 210: im Original "den Berliner -- Schönen auf die wunderbare Manier" geändert in "den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier"
Seite 224: im Original "nahm seinen klugen Blick an und anwortete" geändert in "nahm seinen klugen Blick an und antwortete"
Seite 232: im Original "»=to take it coolly=« wie Jacob Faitful sagt" geändert in "»=to take it coolly=« wie Jacob Faithful sagt"
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Seite 242: im Original "ernster als bisher; das bleibt sich gleich" geändert in "ernster als bisher; »das bleibt sich gleich"
Seite 245: im Original "sich so zu beugen? fragte ich zögernd" geändert in "sich so zu beugen?« fragte ich zögernd"
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