Part 25
Die eigentliche Kühnheit im Zurückdatieren setzt erst noch wieder eine ganze Station auch dahinter heute ein, -- und ich kann offen gestanden auch noch in ihr nichts zu kühnes sehen.
In der Auvergne, dem alten Vulkangebiet Frankreichs, wo noch in jener Pliocänzeit des Süd-Elefanten eine Unmasse feuerspeiender Berge große Lavaströme entsandten, sind tief unter solcher alter Lava Feuersteine mit Bearbeitungsspuren gefunden worden, die der Lage nach in das mittlere Drittel der Tertiärzeit, die +Miocänzeit+, gehören würden.
Angesehene französische Forscher sowohl, wie unser trefflicher Heidelberger Anatom und Prähistoriker Hermann Klaatsch, halten die eigentümlichen Schartungen auch dieser Splitter für Menschenwerk.
Triftige Sachgründe gegen diese Deutung sehe ich nach Klaatschs scharfsinniger Darlegung nicht mehr. Wenn man dem Teufel einmal den kleinen Finger gibt und überhaupt auf Grund gewisser feiner Merkmale sich den Indizienbeweis menschlicher Arbeit auch an den älteren, roheren Steinsachen gefallen läßt -- und für nachtertiäre Fundstellen tut das einstimmig die ganze Fachmannschaft, -- so muß man, meine ich, auch hier die Hand nachschicken.
Dieser Miocän-Mensch also von Aurillac, wie die Fundstätte heißt, -- er, den wir ohne besondere chronologische Skrupel um anderthalb Millionen Jahre rückwärts vom heutigen Bewohner der rauhen Auvergne trennen mögen, muß aber eine Tierwelt noch gesehen haben, die alles bisher erwähnte an Fremdartigkeit weit hinter sich ließ.
Je tiefer wir in die Tertiärzeit hineingehen, desto mehr nähern wir uns ja jener merkwürdigen Epoche, da das Klima in Europa, statt eiszeitlich härter, umgekehrt südländisch wärmer war als heute.
Bis gegen die Mitte der Tertiär-Zeit haben Frankreich wie Deutschland ein Palmenklima gehabt. In Südfrankreich wuchsen große Fächer- und Sabal-Palmen, Pisangs, Drachenbäume und Kampferbäume.
Noch der Süd-Elefant hat in seiner Pliocän-Zeit sich durch immergrüne Wälder von Lorbeern und Magnolien in der Umgegend von Paris ästeknickend durchgedrängt.
In jenem miocänen Urwald von tropischer Üppigkeit aber hauste auch die entsprechende Tierwelt.
In ihm muß der Mensch noch leibhaftig mit Augen das Tier gesehen haben, das anderthalb Millionen Jahre später mit am allermeisten Zwist und Kopfzerbrechen erzeugen sollte, als seine Gebeine noch einmal aus ihrem uralten Grabe zum Vorschein kamen.
Im Morgenrot der Versteinerungskunde hatte einst Cuvier ein paar einzeln gefundene große Backenzähne als dem Tapir angehörig beschrieben. Uns würde es heute schon seltsam genug anmuten, den Tapir aus Südamerika oder Indien lebend in die Auvergne versetzt zu sehen. In den älteren Tertiärtagen war aber grade an tapirähnlichen Tieren in ganz Europa kein Mangel. 1835 kam dann in der Pfalz der ganze Kopf des vermeintlichen Tapirs ans Licht. Mehr als ein Meter lang, trug er im Unterkiefer zwei abwärts gekrümmte, an das Walroß gemahnende, stoßzahnartige Hauer. Da der Rest des Körpers fehlte, blühten um dieses groteske Haupt die buntesten Theorien auf.
„Ich möchte,“ ließ sich 1856 der große Anatom und famose Fossiliendeuter Burmeister vernehmen, „dem Tiere einen kurzen, dicken Hals, einen kräftigen, spindelförmigen Rumpf nebst breiten, selbst zum Kriechen wie beim Walroß tauglichen Flossenfüßen zuschreiben und dasselbe für ein pflanzenfressendes Seeungeheuer erklären, welches nach Art der Sirenen gern in die großen Flußmündungen sich begab und selbst bis in die höheren Teile der Flüsse hinaufstieg. Seiner vorderen Hakenzähne bediente es sich gleich dem Walrosse wohl mehr zum Unterstützen seiner Bewegungen am Ufer, wenn es ruhen wollte, als zur Verteidigung; oder es riß seine vegetabilische Nahrung, dicke fleischige Wurzeln, damit aus der Tiefe empor.“
In der Tat erschien das Tier in dieser Robbengestalt lange Jahre hindurch in den populären Geologien.
Dinotherium, das „Schreckenstier“, hatte man es einstweilen getauft.
Welch bitterböses Lachen aber würde der miocäne Auvergnate, der diesem Waldschratt selber noch gewohnheitsmäßig auf seinen Streifereien begegnete, vor unserm Naturforscherbilde aufgeschlagen haben!
Denn das Dinotherium war, wie wir heute aus besseren Funden nun auch glücklich wissen, in Wahrheit ein über vier Meter hoher Elefant mit dem Rüssel und den Säulenbeinen eines solchen, der bloß diese allerdings ganz charakteristische Besonderheit bei sich ausgebildet hatte, daß nicht der Ober-, sondern der Unterkiefer die Stoßzähne lieferte und daß sie sich nach unten krümmten, statt nach oben.
Bei einem zweiten Elefanten, den jener Miocän-Mensch ebenfalls gesehen haben muß, dem Mastodon, wuchsen sogar im ganzen vier Stößer, zwei aus dem Ober- und zwei aus dem Unterkiefer.
Seltsamer Reiz dieser Bilder: der Mensch bei Mastodon und Dinotherium!
Was mag es für ein Mensch gewesen sein?
Wir wissen heute wieder mit voller Sicherheit, daß jene Menschenschädel vom Neandertal und von Spy, die von der Schule Virchows einmal so gründlich „totgeschlagen“ schienen und doch so munter wieder wissenschaftlich „lebendig“ geworden sind, als sei nichts passiert, -- wir wissen aus ihrem Bau mit den vorspringenden Augenbrauen-Wülsten und anderen Merkmalen, daß es sogar noch nach der Tertiär-Zeit eine wirklich urtümliche, vom heutigen Menschen charakteristisch abweichende altdiluviale Menschenrasse in Europa gegeben hat.
Und wenn jener Miocän-Mensch von Aurillac unter die Drachenbäume und Pisanas und Kampferbäume seines Urwaldes trat, in die natürlichen Pfade hinein, die, wie heute in Indien, von den schweren Rüsseltieren ausgetreten waren: dann begegnete ihm, unbeholfen in schwankendem Gang wohl ein Stück weit auf die Hände gestützt, der große Menschenaffe Dryopithekus oder durch das Geäst über ihm schwang sich akrobatenhaft von Zweig zu Zweig der Gibbon-Affe Pliopithekus.
Lag in solcher Begegnung -- für unser Denken heute -- etwas wie ein Hauch geheimnisvoller Vergangenheit, so rührte ein anderes Bild umgekehrt an die eigene Zukunft.
Wo der Wald sich auftat und der grüne Plan sich entrollte, da galoppierten Herden schlanker Huftiere dahin vor dem Blick dieses Ur-Auvergnaten. Hätte dieser Blick die Jahrhunderttausende der Folge sich aufrollen sehen, wie diese grüne Steppe sich vor ihm entrollte, so hätte er eine der denkwürdigsten Metamorphosen der Tierwelt ahnend geschaut, die sich grade in seiner Nähe und mit unmittelbarster Beziehung auf ihn ereignen sollte.
Diese schnellen Hufträger waren Hipparions, -- Ur-Pferde.
Heute noch geschieht es ab und zu einmal, daß als „Mißgeburt“ ein Pferd bei uns geboren wird, das statt des einen einzigen Hufs, mit dem normaler Weise dieser König unter den Läufern nur mehr den Boden schlägt, an allen vier Beinen noch drei Hufe trägt, von denen allerdings die zwei ungewöhnlichen die Erde nicht mehr erreichen. In Jahrmarktsbuden wird solch ein Dreihufer-Pferd gezeigt. Aus der Antike kommt die Kunde, daß Alexander des Großen berühmter Bukephalos diese scheinbar widersinnige Zier besessen habe. Es liegt aber Sinn in Wahrheit doch in der Zier.
Denn diese Dreihufer sind vereinzelte späte Rückschläge eben auf die uralte Stammform unseres einhufigen Pferdes, die regulär noch solche beiden Nebenhufe trug -- auf jenes Hipparion der Miocän-Zeit. Freies Wildpferd war es zugleich noch, ohne engere Beziehung zum Menschen, ohne jene Rolle des „Kulturtiers“, die dem Pferde dermaleinst eine so besondere Stellung auf seinem Planeten geben sollte.
Ich habe das Bild absichtlich so weit aufgetan, wie noch in steilster Theorie möglich ist. Bis zum Dinotherium und Hipparion könnten im äußersten Falle menschliche Tierzeichnungen gehen, wenn nichts weiter dazu nötig wäre als überhaupt ein Mensch mit den frühesten Anfängen der Werkzeugtechnik. Den Plesiosaurus oder Pterodaktylus, die in die Tertiärzeit selber nicht mehr hineinreichen aus der großen Saurierzeit, kann auch die regste Phantasie im Konterfei von zeitgenössischer Menschenhand nicht mehr erwarten. Aber wie unabsehbar groß ist auch so noch der Spielraum, -- wie viel könnte unsere wißbegierige Zoologie noch vom kleinsten Kritzelbildchen auf einer Wand, einem Knochen ernten!
Und das jetzt ist die Stimmung, mit der wir in den finsteren Schlund jener Höhlen im Vezère-Tale kriechen, spähend beim schwachen Kerzenlicht, was diese Wände uns offenbaren wollen.
Es war in der ersten Hochblüte der Begeisterung für prähistorische Kulturfunde.
Gebrochen war der Bann grundsätzlicher Zweifel, mit denen der treffliche Boucher de Perthes noch gekämpft hatte. Man gab eine diluviale Urkultur unumwunden zu, achtete die Reste als neue Quelle, redete zum ersten Mal mit Sicherheit von einer neuen, der prähistorischen Wissenschaft.
In dieser Zeit wurden die ersten Spuren einer „prähistorischen Kunst“ in Gestalt erkennbarer Tierbilder bekannt.
Zuerst aus Frankreich selbst, woher die frische Weisheit überhaupt diesmal gekommen. Dann aber auch aus einem der strengen deutschen Forschung näheren, leichter zu prüfenden Ort: von Thayingen, zwischen Konstanz und Schaffhausen, aus dem sogenannten Keßler Loch.
Es waren zunächst Gravierungen auf Rentierhorn und ähnlichem alten Material, und Schnitzereien aus solchem Stoff.
Der rasch berühmteste der französischen Funde war die Zeichnung oder besser Ritzung eines Mammut-Elefanten auf Mammut-Elfenbein. Man sah die charakteristische Kopfform, den Rüssel, die Stoßzähne, den aus den sibirischen Eiskadavern bereits bekannten dicken Wollpelz; selbst die richtige Gangart war angedeutet.
Auf diese Epoche der enthusiastischen Anerkennung folgte unmittelbar aber das Wellental jäh absinkender Skepsis.
War jenes Mammutbild immerhin eine eskimohaft rohe Skizze trotz seiner Naturtreue, so hatten sich im Keßler Loch humoristisch stilisierte Zeichnungen gefunden, die jeden Unterschied zwischen alt und neu in der Kunst zu verwischen schienen. Sie muteten an, wie aus einem neuesten Tierbilderbuch für unsere Kinder.
Und der sachkundige Konservator des Mainzer Altertums-Museums, Lindenschmidt, bestätigte diese verblüffende Ähnlichkeit eines Tages in der Tat dergestalt, daß er die -- Originale einiger „prähistorischer“ Tierzeichnungen aus jener Bodensee-Nachbarschaft in einem kürzlich erschienenen Weihnachtsbuche des Spamerschen Verlages nachwies. Was Leutemann hier für die reifere Jugend gezeichnet, das war in jenem famosen Keßler Loch einfach auf altes Rentierhorn kopiert worden. Und zwar, wie allsogleich erkennbar wurde, nicht in spiritistischer Umkehrung aller Zeitverhältnisse schon von unsern prähistorischen Ur-Schwaben, sondern von neuzeitlichen Genossen jener Taubacher Mammut-Schmuggler: nämlich Arbeitern bei den Ausgrabungen, die sich ein Stück Geld bei diesem Fischzug der Wissenschaft verdienen wollten.
Der Betrug war so offenkundig, daß das Gericht einschreiten und die Sünder bestrafen konnte. In der ganzen Frage prähistorischer Kunst aber bedeutete dieses mißliche Einzelereignis einen allgemeinen Kurssturz.
Jetzt kamen auf einmal die Stimmen derer obenauf, die solche vorweltliche Zeichnerei überhaupt für unmöglich hielten. Die Faust, die eben die ersten Steinbeile ordentlich zurecht geschlagen, habe noch nichts von Zeichnen und Kunst ahnen können! Eitel Schwindel seien eben alle diese angeblichen Ritz- und Schnitzarbeiten, moderne Fälschung plumpster Art. Wenn solches Schwindelwerk am grünen Holze, bei uns, gelungen, -- wie sollte man nicht der Leichtfertigkeit französischer Halb-Forscher das Bedenklichste unbedenklich zutrauen!
Jenes Mammut-Bild, das Lartet im Vezère-Tal des Trüffel-Landes entdeckt, sollte gar bloß in der Phantasie dieses Herrn Lartet und seiner Freunde entstanden sein durch willkürliche Auslese und Allein-Wiedergabe einiger Krackelstriche in einem wüsten Netz vielfältiger und regelloser Ritzungen eines stark verschrammten Elfenbeinstücks.
Die mildesten Kritiker bestritten doch wenigstens alle irgendwie „besseren“ Bilder. So trat Johannes Ranke den Beweis für Unechtheit eines Rentiers aus dem Keßler Loch, das sonst nicht in jene unzweideutige Fälschungsgeschichte verwickelt war, mit der Begründung an, daß bei diesem Tierbilde die Füße, ja sogar die Afterklauen daran, genau dargestellt seien; gleich den heutigen zeichnenden Buschmännern Afrikas hätten aber die prähistorischen Menschen auf „echten“ Bildern niemals die Füße der Tiere mitgezeichnet.
Je nun, -- diese jungen Wissenschaften haben ihre Umläufe, es wechselt, um mit dem Prolog im Himmel zu reden: „Paradieseshelle mit tiefer schauervoller Nacht“, und die Weisheit, die zweimal umgelernt hat, darf sich nicht scheuen, es auch zum dritten Mal zu tun.
Auch jene skeptische Phase ist heute wieder um, und vor den neuen Funden der Trüffel-Erde, die wir jetzt besitzen, hebt abermals ein neues Kapitel dieses tiefsinnigen Lehrbuchs vom Menschen und seiner Ur-Gabe der Kunst an, ein helles und positives nun doch.
Jenes Vezère-Tal in der Landschaft Périgord, wo Lartet schon in den sechziger Jahren sein angebliches Mammut auf Mammutbein aus dem Schutt prähistorischer Zeiten gezogen, ist eine äußerst liebliche Gegend.
Als Lubbock, heute der Alt-Meister vorgeschichtlicher Forschung, einst die Vezère hinabfuhr, pries er die Schönheit des Ortes, daß sie jeden packen müsse, auch abgesehen vom wissenschaftlichen Interesse. „Da der Fluß bald die eine, bald die andere Seite des Tales aufsuchte, so hatten wir in einem Augenblick zu beiden Seiten reiche Wiesenländereien, und in dem nächsten befanden wir uns dicht an dem senkrechten, fast überhängenden Felsen. Hier und dort kamen wir zu einigen wallonischen alten Burgen, und obgleich die Bäume noch nicht im vollen Laubschmuck standen, so waren doch die Felsen an manchen Stellen völlig grün durch Buchsbaum, Efeu und immergrüne Eichen, und das harmonierte überaus gut mit der satten gelbbraunen Farbe des Gesteins.“
Hermann Klaatsch, dem wir die neueste anschauliche Ortsschilderung auf Grund eines Besuches im letzten September verdanken, findet, daß das Tal „einen intimen Reiz des süßesten Friedens“ besitzt „und einer Nervenberuhigung, welche die Sorge aufkommen ließe -- es möchte hier einmal eine Nervenheilanstalt entstehen, wozu die Gefahr nahe läge, wenn das Terrain in Deutschland sich befände“.
Ohne besondere Spitzfindigkeiten läßt sich ein Bild gewinnen, wie dieses Haupttal und seine mäandrischen Verzweigungen geologisch ausgestaltet worden sind.
Das ganze Quellnetz zum Dordogne-Flusse deutet rückwärts auf das hohe Zentral-Plateau von Frankreich, das alte Vulkanland der Auvergne.
Nachdem diese Krater, mehrere hundert an der Zahl, in der späteren Tertiärzeit ihre Lavaströme genügend ergossen hatten und mit erschöpfter Kraft in den Ruhestand der wenigstens auf absehbare Zeit erloschenen Vulkanruine eingetreten waren, setzte die beginnende Periode der Eiszeiten die Durchschnittstemperatur lange Reihen von Jahrtausenden hindurch um so viel herunter, daß diese Gipfel sich durch Herabsinken der Schneegrenze mit „ewigem Schnee“ und mächtigen, zu Tal drängenden Gletschern bedecken mußten.
Als diese Gletscher aber zeitweise wieder schmolzen, mußten die Schmelzwasser sich mit ungeheurer Gewalt zu Tal ergießen. Sie erfüllten die vorhandenen Flußtäler hoch herauf und wühlten in das weiche Kreidegestein ihrer Wände tiefe Furchen und Löcher ein, die später, als die Hochflut verströmt war und die Talsohle wieder als solche auftauchte, als Nischen und Grotten der Talwände frei wurden.
Erst nach dieser Zeit, nach Ausgang einer ersten Vergletscherungsperiode und wohl noch während einer zweiten, hat dann der vorgeschichtliche Mensch sich im Vezère-Tal und seinen Seitenzweigen angesiedelt.
Er hat die Grotten als willkommene Zufluchtsstätten genau so benutzt, wie sie spät noch in der geschichtlichen Zeit, ja bis in die neuesten Tage hinein vorkommenden Falles immer wieder besucht und gebraucht worden sind.
Einem ausgesprochenen Jägervolk, aber von kleinen Mitteln, bot ja grade ein Tal von dieser Art die sinnfälligsten Vorteile.
In senkrechten Steilstürzen bricht das Plateau oben vielfach gegen die Taltiefe ab. Gelang es den steinzeitlichen Jägern, eine Tierherde dieses Plateaus durch irgendwelche Schreckmittel, etwa künstliche Feuerbrände in der Nacht, gegen die unheimliche Kante zu hetzen und zum Absturz zu bringen, so war ein großer Sieg mit verhältnismäßig wenig Mühe gegeben, und die Opfer lagen gleich vor dem Hause.
Vor Jahren schon hat Boyd Dawkins in England solche Rand-Jagd in vorgeschichtlicher Zeit als Erklärung aufgestellt für die erstaunlichen Anhäufungen zerbrochener und zernagter Tierknochen in englischen Steil-Schluchten. Als die Jäger, die hier den Riesenhirsch und das Mammut, das Rhinozeros und den Wisent ins Verderben gehetzt, nahm er zwar, und für seine Oertlichkeiten wohl sicher mit Recht, die Hyänen an, die damals in Scharen das Land bevölkert haben müssen. Heute noch jagen ihre lebenden Vertreter so, daß sie starke Beutetiere, die sie sonst nicht überwältigen könnten, durch Massenangriff erschrecken und auf einen äußersten Fleck drängen, wo der Absturz unvermeidlich wird.
Doch vom Tier hat der Mensch jagen gelernt: was Wunder, wenn auch er die grausigbequeme Methode der schwachen, aber klugen Hyäne nachahmte.
Längst kennt man auch eine französische Fundstätte, von Solutré bei Lyon, wo unter einem hohen Fels mit schauerlichem Steilfall eine an hundert Meter lange und drei Meter dicke Knochenschicht aufgedeckt worden ist, die so gut wie ganz aus Knochen diluvialer Wildpferde besteht. Ueber 20000 Individuen müssen hier immer genau am gleichen Fleck umgekommen sein! Und in diesem Falle verrät sich der wilde Jäger sofort: sehr gute Steinmesser, von Menschenarbeit, wahrscheinlich hier als Lanzenspitzen bei der Verfolgung benutzt, liegen noch zur Hand, und jeder Pferdeschädel ist künstlich aufgebrochen, um den Leckerbissen des wilden Menschen, das Gehirn, herzugeben.
In solchen Jagdszenen, bei denen unter rohem Hallo und bei geschwungenen Fackeln die großen Säugetiere der Diluvialzeit zum Todessturz genötigt wurden, liegt zweifellos auch das Geheimnis der Liebe jener Vorgeschichtler für die schroffen Tälchen im Lande Périgord.
Einmal am Fleck zäh eingebürgert, hinterließen diese Steinzeitler aber nun im Schutt und Kalksinter der Talhöhlen ein wahres Pompeji ihrer primitiven Kultur.
Geräte und Waffen, Nahrungsreste und Herdfeuerspuren, alles was nur irgend dauerfähig war aus ihrem äußeren Leben, -- und in diesen harten Tagen des behauenen Steins und bearbeiteten Rentierknochens war ja fast alles von einer Solidität für rauschende Jahrtausende. Bloß ein Teil fehlt, dem es an und für sich sonst nie an weltgeschichtlicher Solidität gemangelt hat: Topfscherben; die Erfindung des irdenen Topfes scheint noch nicht in dieser Zeit zu liegen.
Jeder Winkel dieser Flüßchen bewährt sich dem Suchenden als ein Haus dieses großen Pompeji. Da folgen sich die Stätten, deren Namen durch alle Lehrbücher und Museen schallen: Le Moustier, La Madelaine, Laugerie-Haute und -Basse, Cro Magnon -- jede berühmt durch irgend einen großen Fund.
Bei La Madelaine, einer unerschöpflichen Katakombe dicht am Vezère-Flüßchen, die von einer Burgruine hoch auf dem überhängenden, eine Halbgrotte bildenden Fels ihren Namen trägt, hatte Lartet seiner Zeit das vielberühmte und vielverspottete Elfenbeinplättchen mit dem angeblichen Mammut-Bilde geborgen.
Auch die es mit Hohn zurückwiesen, sie mußten doch zugeben, daß an dieser und anderen Stellen Spuren auftauchten von etwas, was irgend einen ästhetischen Zusammenhang schlechterdings nicht verleugnen konnte. Da lagen Fußknochen des Rentiers, die unzweideutig zu Pfeifen gehöhlt und gelocht waren. Röhrenknochen von Vögeln wiesen gar mehrere Löcher genau so, als sollten es Flöten gewesen sein. Was ferner sollten die massenhaften Anhäufungen bunter Erden in diesen prähistorischen Müllhaufen, insbesondere eines lebhaften Färbe-Rotes? Heute bemalen sich wilde, nackte Menschen mit so etwas den Leib! Was sollten die durchbohrten Schneckenhäuser, die Amethyst- und Bergkristall-Stücke? Heute hängt sich der wilde Mensch dergleichen als Schmuck an den Leib, -- ist doch auch der zahme noch nicht abgeneigt, diese Sorte ästhetischer Aufbesserung seiner gegebenen Persönlichkeit zu betätigen.
Es war nun für den eingefleischten Zweifler vielleicht ein unbefugt kühner, für den naiven Besucher aber wirklich nur ein recht nahe liegender Schritt, wenn einer nicht bloß die Sohle dieser Höhlen nach prähistorischem Material durchwühlte, sondern auch einmal einen etwas sorgsamen Blick auf die Wände warf.
Vom Vater Kieselack her besteht im Menschen bekanntlich ein Ur-Zug, seinen lieben Namen und etwa noch dieses oder jenes erfreuliche oder nichtsnutzige Umrißprofil auf die Wand einer besuchten Stätte zu setzen. Wenn diese alten Herrn des Trüffellandes wirklich schon irgend eine Fähigkeit besessen haben sollten, ähnlich wenigstens irgend ein Symbol ihres Daseins mit Kunstmitteln zu hinterlassen, so lag ernstlich nichts näher, als daß sie die Wände ihrer jedenfalls vielhundertjährigen, vielleicht mehrtausendjährigen Winterquartiere, der Höhlen, mit verwandten Scherzen bedacht hätten.
Und der „Echtheit“ mußte dabei zu statten kommen, daß die langsame Arbeit tropfenden Wassers in der Folge diese Wände vielfältig nach gewohnter Höhlenart wieder mit einer schützenden Decke derben steinharten Kalksinters überzogen und alles auf ihnen Befindliche also profanem Blicke gänzlich entzogen hatte bis zum Tage, da der „Rechte“ kam.
Die erste Kunde, daß es auf den Höhlenwänden des Vezère-Gebietes tatsächlich etwas zu sehen gebe, kam denn auch schon vor Jahren, verscholl aber wieder in der allgemeinen Mißstimmung gegenüber prähistorischen „Bildern“.
Das erste Jahr fester wissenschaftlicher Publikation ist 1895. Professor Rivière beschrieb eine „bemalte Höhle“.
Weiter in Fluß kamen die Dinge seit 1901 dann besonders durch Capitan, ebenfalls Professor in Paris.
Den neuesten und in jeder Hinsicht instruktiven Bericht über die vollendeten Fakten verdanken wir Klaatsch, der zugleich seine solide deutsche Autorität als Augenzeuge am Ort für das Ganze eingesetzt hat, so daß die großen, verallgemeinernden Zweifel jetzt endgültig abgetan sind.
In das Haupttal der Vezère mündet bei dem Orte Les Eyzies eine kleine Seitenader, das Tälchen der Beune.
In einem feinsten Nebenzweiglein wieder dieses Wässerchens liegt die sogenannte Grotte von Combarelles.
Man darf bei dem Wort nicht an eine der allbekannten Tropfsteinhöhlen von imposanter Domhöhe denken. Es ist im viel eigentlicheren Sinne ein Loch. Vor die Öffnung dieses Loches ist denn auch heute noch ein Bauernhaus quer gelagert, als solle es sich bloß um einen privaten Kellerschacht handeln. Ein praktischer Mann, hat der Bauer den Anfang des Schachts sich als Hühnerstall eingerichtet, die „Höhle“ ist also in gewissem Sinne bewohnt bis auf den heutigen Tag.
Der Hühnerstall ist aber noch der geräumigste Teil. Gleich dahinter wird jenseits einer Tür der Kellerhals so eng, daß der Besucher auf allen Vieren kriechen muß.
Freilich erkennt er: so niedrig ist’s hier nicht immer gewesen. Mindestens ein Meter hoch hat sich auf die alte Sohle eine sogenannte Stalagmitenschicht, also Kalksintermasse, die das tropfende Wasser allmählich abgelagert hat, gelegt, den Gang auf die Hälfte des Ehemaligen verengend. In Mammuttagen konnte ein Mensch hier zweifellos erhobenen Hauptes noch durchschreiten.
Etwa die halbe Länge hindurch, hundert und einige Meter weit, entdeckt man allerdings von solchem Ur-Dasein des Menschen gar nichts.
Hat er Knochen oder Steingerät hinterlassen, so muß es tief unter dieser harten Kalkhülle des Bodens begraben liegen.
Das Licht der Kerze leuchtet an der Wand entlang: auch da zunächst nichts.
Die ersten hundert Meter sind überschritten. Noch immer nur leere Wand.
Doch das Auge gewöhnt sich. Und endlich findet es jetzt wirklich etwas, -- etwas höchst Überraschendes.