Part 26
Der Höhlenhals läuft bis zu seinem Abschluß noch ungefähr 115 Meter weiter. Fällt auf dieser Strecke der Kerzenschein von links her ein, so erscheinen in der Höhlenwand eine große Menge flacher Ritzlinien, die schärfsten bis zu einem halben Zentimeter tief, die schwächeren fast nur als Oberflächenzeichnung.
Die Kalksintermassen, die auch hier sich unregelmäßig wie Kesselsteinbrocken angesetzt haben, gehen vielfach, Stücke verdeckend, über die Ritzungen hin, ein deutliches Zeichen, daß es sich keinenfalls um etwas ganz neuerdings Eingegrabenes handeln kann.
Einmal erfaßt, schließen sich diese Linien dann dem Auge leicht zu Gestalten zusammen. Zuerst erkennt man durchweg Beine, endlich ganze Umrisse von Leibern.
Es sind Tierbilder.
Die meisten nur mittelgroß, kaum viel über ein Meter im selten äußersten Fall.
Nun aber was für Tiere!
Zunächst ein allbekanntes, das aber doch mit einem Schlage in die Eiszeit für diese Gegenden versetzt: das Rentier.
Dann Pferde, -- Wildpferde!
Wir haben erst in jüngster Zeit das noch lebende, heute nur in der asiatischen Steppe noch lebende echte Ur-Wildpferd von Angesicht zu Angesicht wieder begrüßen können auf europäischer Kulturerde: in dem Pärchen unseres Berliner zoologischen Gartens. Unverkennbar finden wir auf diesen alten Bildern seinen unförmlich dicken und großen Kopf, seine charakteristische hochgesträubte Mähne wieder. Schon hatten es uns einige jener bestrittenen älteren Gravierungen auf Rentierknochen aus den Vezèrehöhlen so gezeigt, aber die waren eben bestritten worden, trotzdem man sich fragte, welcher moderne Fälscher wohl diese äußersten Feinheiten zoologischer Charakteristik beherrscht und bewährt haben sollte; war doch die Kenntnis der Wildpferde bis vor kurzem noch einer der dunkelsten, unsichersten Punkte moderner Fachforschung -- und da sollte irgend ein pfuschender Dilettant derartig das allein Richtige getroffen haben?
Die Pferdebilder von Combarelles machen alle weiteren Skrupel dieser Art überflüssig. Hochinteressant aber ist, daß auf ihnen neben dem Dickkopf, dem typischen Ur-Wildpferde, schon eine zweite Pferderasse erscheint, die wesentlich zierlicher gebaut ist. Das wird unserer Rassenforschung zu denken geben!
Weiter: es treten aus der Wand Steinböcke.
Heute sind das Hochgebirgstiere, die sich da oben ins „Kalte“ zurückgezogen haben, nachdem unten die Eiszeit mit ihren letzten Kältewehen schwand, eine vertikale Rettung als Seitenstück zu der horizontalen, die das Rentier nach Lappland verscheucht hat.
Und nun endlich nahen die ganz Fremden, die gänzlich Verschollenen.
Eine einzige Antilopenart haben wir heute noch in Europa, auch sie nur in einer gleichsam abnormen Lage als Alpentier gerettet: die Gemse. Hier sind noch sehr verschiedenartige Antilopen, eine mit ganz steil ragenden Hörnern, eine dem Gnu ähnlich; es könnte sich freilich im letzteren Falle auch um etwas ähnliches wie die seltsame Gnu-Ziege (~Budorcas~) von Tibet handeln, deren Gehörn völlig dem des Weißschwanzgnus entspricht.
Die Hauptmasse der „Verschollenen“ aber bilden -- die Mammute.
Vierzehn an der Zahl!
Grade sie konnte auch Klaatsch aufs entschiedenste feststellen.
Die von Capitan mitgeteilten Bilder sind in der Tat von durchschlagender Wirkung.
Da steht das Tier, mit seinem hohen Elefantenrücken und den Säulenbeinen. Der gewaltige Rüssel, mit Doppelzipfel unten statt des einfachen Fingers, ist in belebter Auffassung nach hinten eingerollt, die riesigen krummen Stößer streben darüber ins Weite. Selbst das Auge sitzt sehr gut. Und in wilden Strähnen wallt von Bauch und Kopf die schwere Mammut-Mähne und Verpelzung, die kein lebender Elefant kennt.
Dieses Tierbild ist keine Klein-Moritz-Karikatur. Es ist der rohe, aber durch und durch charakteristische Entwurf einer Künstlerhand, -- wie ein echter Tiermaler rasch, um mit einer Umrißskizze das Nötigste zu füllen, einen Elefanten eben hinsetzt, doch so, daß jeder sofort weiß: das ist einer; kein Strich zu viel, aber jeder Strich auch eine feste Charakterlinie. Und das mit einem Stück Feuerstein in eine Höhlenwand geritzt, bei Fackelschein, in engstem Raum, -- von einem vorgeschichtlichen Jäger der Eiszeit!
Es war kein Dinotherium- oder Hipparion-Jäger mehr, das zeigen, abgesehen von den mangelnden Bildern, klärlich die Eiszeit-Tiere Mammut und Rentier selbst. Und doch noch der Mensch einer anderen, einer fremden Welt. Aber in diese Welt sahen schon Künstleraugen. Wie nah uns das nicht nur äußerlich, im Bilde, sondern grade im tiefsten Innern doch wieder diesen Tag der Mammute bringt!
In einem zweiten jener Beune-Tälchen liegt die Grotte von Font-de-Gaume.
Der Eingang öffnet sich rund 20 Meter über dem Talgrund. Ein großer Felsblock liegt davor wie ein Tisch.
Zuerst ist es hier, als solle es wirklich in eine hohe Höhle mit dem bekannten Stalaktiten-Schleier an der Decke gehen. Aber dann folgt doch noch der unvermeidliche enge Flaschenhals, eine Geheimpforte des Allerheiligsten von nur 70 Zentimeter Höhe und bedrohlicher Enge.
Als Klaatsch diesen Spalt passierte, mußte er des französischen Forschers Elie Massénat gedenken, der ihm kurz vorher alle diese bemalten Grotten als eitel Schwindel und Fälschung bezeichnet hatte. Da dieser alte Gelehrte sich eines bedeutenden Körperumfanges erfreut, erschien es Klaatsch schier unbegreiflich, daß der dicke Herr diese enge Pforte je sollte überwunden haben; und so konnte denn auch alsbald durch Zeugen festgestellt werden, daß Herr Massénat niemals am Orte gewesen war und sein Absprechen aus billiger „allgemeiner“ Skepsis geschöpft hatte -- ein recht lehrreiches Exempel!
Immerhin ist wahr, daß ein eiliger Besucher, der nichts sucht, ein- und wieder ausgehen könnte, ohne das Entscheidende, nämlich die auch hier vorhandenen prähistorischen Bilder überhaupt zu entdecken.
Moderne Kieselacks sind ahnungslos gelegentlich dagewesen, haben ihren Namen auf die Wand gekritzelt, quer über ein Tiergemälde -- und haben nichts gemerkt.
Ja, über ein „Tiergemälde“! Denn auch hier gibt’s Tiere und sogar gemalte.
Wahrscheinlich ist es vor allem diesmal ihre Riesengröße gewesen, die sie versteckt hat, sie erschienen bloß als weite zufällige Felder unbestimmten Brauns. Durchweg ist nämlich hier jedes Tier ein bis zwei Meter groß, und das auf drei bis fünf Meter hohen Wänden eines höchstens zwei Meter breiten Schachts.
Die Technik ist eine raffiniert dauerhafte: die Umrisse und ein Teil der Einzelheiten sehr tief eingeritzt und der so markierte Tierkörper dann noch bemalt, der Umriß noch einmal mit Manganschwarz, der Inhalt mit braunroter Okererde.
Gerade diese letztere Farbe paßt ausgezeichnet, da die Hauptmasse der dargestellten Tierarten diesmal Wisentstiere (jene sogenannten „Auerochsen“ unserer zoologischen Gärten) sind, deren Wolle dieses Braun entspricht.
49 solcher Wisents sind bisher festgestellt, dazu 4 Rentiere, 4 Pferde, 3 Antilopen und (hier nur) 2 Mammute.
Es ist sehr wahrscheinlich, auch aus Gründen verfeinerter Technik, daß man in dieser Grotte ein etwas jüngeres Kunsterzeugnis vor sich hat, von der andern durch eine längere Kette der Generationen getrennt; das Mammut war inzwischen vielleicht seltener geworden, der Wisent-Stier dagegen jetzt Haupt-Jagdtier.
Erstaunlich über alle Maßen ist, wie die Unebenheiten der Wand in die Bilder aufgenommen, gleichsam mit verarbeitet sind. Der untere Rand einer nischenartigen Vertiefung bildet im Bilde einen Rasenhorizont der weidenden Herde. Das Gras ist mit Strichen markiert, die Tiere der Herde zum Teil perspektivisch hintereinander geordnet.
Der buckelige, durch die Mähne nach vorne verbreiterte Umriß der Wildochsen ist geradezu genial erfaßt. Ausgesprochen genau die Füße, die nach Johannes Ranke kein prähistorischer Zeichner je beachtet haben sollte (!), sind zoologisch wie künstlerisch bis in jede Einzelheit der Hufe am korrektesten wiedergegeben.
Zwei Rentiere aber, die mit einander zugekehrten Köpfen freundnachbarlich weiden, sind nicht nur einzeln realistisch treu, sondern als belebte Gruppe wirklich „lebendig“ herausgebracht; lebendig im höchsten Kunstsinne, der mehr gibt, als bloß den Leib: der ein Stück Seele mitfaßt. Kein modernes „Tierleben“ brauchte sich dieser Köpfe zu schämen!
Menschenbilder sind nicht dabei. Doch erscheinen sehr deutlich kleine Zelte, wohl die Sommer-Wigwams des Jägerstammes.
Ich klappe das Bilderbuch wieder zu. Schon hört man aus anderen Gegenden Frankreichs von ähnlichen „illustrierten Höhlen“. Aus Spanien ist bereits eine bekannt. Wer ahnt, wie viele wir jetzt noch finden werden, da der Blick dafür geschärft ist, auf die Suche geht!
Wir stehen jedenfalls erst im Anfang der Veröffentlichungen, wahrscheinlich erst auch in dem der Entdeckungen.
Wieder einmal erwächst vor uns das Unwahrscheinlichste als das Wahre: die Mammut-Zeit in Bildern aus der Zeit.
Und wieder einmal erscheint der Mensch schließlich als das Größte in allem. Ich frage mich: wo ist diese Größe auf ihrem Gipfel: bei ihm, der schon als Mammut-Jäger diese Bilderchronik in die Wände enger Höhlen grub -- oder bei ihm, der mit wissenschaftlicher Kenntnis von diesem Mammut heute, nach vielen Jahrtausenden, in diese Höhlen dringt und vor dem Bilde ruft: Das ist es!
Schließlich wird die Höhe doch bei +ihr+ liegen, der Ewig-Proteischen, die in ihm damals war und heute ist, die in der Kunst und im Menschen und im Mammut war.
Und wie ich mich in diese stille Höhle träume, wo das Licht der Kerze auf den unberührten Bildern dieser unsagbar fern verschollenen Kunststunde glänzt, ist es mir, als streife mich durch die heiße Pfingstnacht der glühende Atem ihrer rastlosen Liebe, die unablässig zeugt und zeugt durch die Äonen, -- die Goethe spürte, als er sang:
„In der Liebesnächte Kühlung, Die dich zeugte, wo du zeugtest, Überfällt dich fremde Fühlung, Wenn die stille Kerze leuchtet.“
* * * * *
Stimmungen vor der Natur! An ihnen wird man einmal die Charakterköpfe des neunzehnten Jahrhunderts messen. An ihrer Stellung zum Naturbegriff.
Ich habe Virchow eben mit meinen Gedanken gestreift. Das ist „auch einer“.
„Indeß war ....“, so sagt einmal Goethe von irgend jemand, „bei all seinen Verdiensten doch nur einer von den .... Köpfen, die +sich mit der Natur gewissermaßen im Widerspruch fühlen+ und deßwegen das komplizierte Paradoxe mehr als das einfache Wahre lieben und sich am Irrtum freuen, weil er ihnen Gelegenheit gibt, ihren Scharfsinn zu zeigen, da derjenige, der das Wahre anerkennt, nur Gott und die Natur, nicht aber sich selbst zu ehren scheint.“ (Geschichte der Farbenlehre, in der fünften Abteilung.)
Virchow war Naturforscher in jeder Faser. Aber er hatte +keine Freude am Anschluß+.
Wie ist das möglich?
Das Wort ist neulich, bei seinem Tode, gefallen von einem „Zeitalter Virchows“ in der Naturwissenschaft.
Solche Schlagworte sind immer schief, und sie werden schiefer, je näher man der Arbeit unserer Zeit auf irgend einem Gebiete kommt.
Wenn man von einer Epoche Newtons oder Linnés spricht, so enthält das schon eine große Ungerechtigkeit gegen gewaltige andere Geistestriebe, die jene Zeiten im ganzen umfassen, die aber gerade von Newton oder Linné selber keineswegs umfaßt wurden.
In der Naturforschung unserer Tage ist für die Linie, in der Virchows Größe liegt, bestimmend, daß sie überhaupt nicht mehr bestimmt werden kann durch einen einzelnen. Das Band der Methode, das alle Disziplinen dort umgreift, ist längst gegeben und ist längst unpersönlich. Darüber hinaus aber steckt die Kraft im Wirken unzähliger Persönlichkeiten, die in einem weiten Spielraum so heterogen denken mögen wie nur möglich.
Trotzdem ist es interessant, sich einmal für einen Augenblick der Fiktion hinzugeben, Virchow sei wirklich der einzige Naturforscher in seiner Zeit gewesen. Wie würde diese Naturforschung der letzten sechzig Jahre aussehen, angeschaut bloß in ihm?
Man kann die Fiktion ohnehin wagen für eine ganze Menge gebildeter Leute, die tatsächlich in ihrem Leben keinen anderen Naturforscher kennen gelernt haben als Virchow. Als Parlamentarier war er „der“ Naturforscher. Parlamentsberichte werden aber von einer Masse gelesen, die sonst heute noch gar keine Fühlung mit der Naturforschung besitzt. Und er hatte so noch etwa ein Dutzend anderer öffentlicher Berufszweige, wo er redete, -- als Naturforscher, der er doch einmal war, redete, und wieder von soundsovielen gehört werden mußte, auch als Naturforscher gehört werden mußte, die sonst im weiten Bogen um alle Naturwissenschaft herumgingen.
In einer Virchowschen Naturforschung würde zunächst hervortreten der ungeheure Fleiß, die beispiellose Arbeitskraft in der rein quantitativen Leistung.
Es liegt in dieser Arbeitskraft allgemein heute ein Dank von Seiten der Methode: ohne die Stütze dieser fest überkommenen und, einmal erlernt, ewig sich gleichbleibenden Methode wäre diese Ausnützung der Kraft in der Naturforschung gar nicht möglich.
Aber Virchow war wirklich die Maximalgrenze.
Er arbeitete bis an die letzten Jahre heran (81 ist er geworden!) wie eines jener prachtvollen astronomischen Instrumente der Neuzeit, auf denen nie ein Stäubchen, ein Rostfleckchen denkbar ist, deren Präzision auf Generationen gebaut scheint, blank, leuchtend über die Köpfe von so und so viel einander ablösenden Sterblichen hinweg. Ein solches Instrument kennt kein Zittern. Ein einziger Willensakt, der die Richtung bestimmt: und es steht, es ist eingestellt, absolut scharf, so weit sein Bau reicht, ohne jeden Zeitverlust des Suchens. Genau so schoß Virchow auf die Dinge los. Ohne jede Nervosität, alle vorhandenen Kräfte stets im Brennpunkt beisammen. Darum erschien seine Leistungsfähigkeit oft noch viel imposanter, ja über die Grenze des Menschlichen gedehnt, weil sie das Geheimnis besaß, keine Zeitverluste mit verrechnen zu müssen.
Der zweite Punkt ist die Vielseitigkeit, die qualitative Ausdehnung.
Die gangbare Annahme ist, daß der Heraufgang der Naturforschung vom Polyhistor zum Spezialisten führt. Eine Naturforschung Virchows hätte dann die Stufe des Spezialistentums bereits wieder verlassen.
Er fing als Spezialist an, als Mediziner. Aber er brachte schon damals zwei Gaben mit, die darüber hinauswiesen.
Er gründete eine Zeitschrift und wußte sie hochzubringen, natürlich zunächst eine Fachzeitschrift.
Und er schrieb einen vornehm-wundervollen Stil. In Zeiten, da man seine „Cellular-Pathologie“, in wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert alt, des veralteten Stoffes wegen nicht mehr als Lehrbuch benutzen wird, wird man sie als klassisches Beispiel nehmen, wie ein Mediziner schreiben soll, der außer dem menschlichen Körper die deutsche Sprache kennt.
Daß ihn das tolle Jahr mitriß, will ich nicht unter besondere Vielseitigkeit verrechnen, denn es hat überall bis in die verknöchertsten Spezialistenkreise tatsächlich hineingeblasen. Aber wie er in den sechziger Jahren sich dann in den preußischen Parlamentarismus, in die politische Parteibildung mit all ihrem Kleinwerk zäh hineinarbeitet, das ist im alten Spezialistensinne entschieden nicht „naturwissenschaftlich“. Es ist mindestens eine neue Auffassung von den Rechten, Pflichten und Möglichkeiten des Naturforschers. Er hatte in der Pathologie das staatsbildende Sozialleben der Zelle im menschlichen Gewebe als Spezialist zugrunde gelegt, einen sensationellen Momentfortschritt damit anbahnend. Aber daß er sich jetzt auch berufen fühlte, als Naturforscher in den wirklichen Menschenstaat einzugreifen, das erschien den meisten Kollegen als höchst überraschende Ablenkung vom gewohnten Pfad. Auch ich wäge hier nicht Virchows politische Erfolge oder Mißerfolge; das Wort mag die Partei sich wählen, die der Leser hochhält. Ich betone nur, daß er in der Linie „seiner“ Naturforschung auch das Parlament sah, wo die Naturgeschichte des Staates praktisch betrieben wurde.
Daß er in den Kriegsjahren im Sanitätswesen tatkräftig mithalf, wird der gangbare Zünftler auch zugeben: war er doch eben von Haus aus Arzt.
Aber unerwarteter war wieder, daß er den Berliner Handwerkern volkstümliche Vorträge hielt, daß er sich an der Herausgabe einer gedruckten Sammlung solcher populärer wissenschaftlicher Vorlesungen beteiligte, die wenigstens in ihren älteren Jahrgängen viel Gutes getan und gebracht hat; daß er über Goethe als Naturforscher ein treffliches Büchlein schrieb und über die Frauenfrage mitredete.
Und doch trat auch das alles zurück gegen seine größte Aufgabe, die er sich freiwillig wählte und die er mit Energie so weit trieb, daß sie fast wieder als ein Spezialismus erscheinen konnte, bloß einer, den bisher niemand in der Naturforschung gesucht hatte.
Die Großstadt entstand bei uns.
Entstand um ihn her, der, obwohl Pommer von Geburt, aus Neigung und Beruf eigentlich seit seiner Studienzeit und als Hochschullehrer dann seit den Fünfzigerjahren in Berlin festwurzelte. Ein politisches und wirtschaftliches Produkt war sie, diese neue Großstadt an der Spree. Die meisten sahen sie mit einem Gemisch von Grauen und dunklen Hoffnungen aufwachsen, doch zunächst jedenfalls als ein Phänomen, das man hinnehmen und von dem man abwarten mußte, was es wollte.
Virchow sah vom ersten Tage die Großstadt an als ein naturwissenschaftliches Problem!
In der Hand der Naturwissenschaft lag ihm, ob dieser werdende Koloß eine Kloake werden sollte, vor der der Kleinstädter sich bekreuzte, -- oder eine sanitäre Musteranstalt.
In rastloser Arbeit hat Virchow seit den Sechzigerjahren diesen Riesenorganismus studiert, hat seine leitenden „Nervenzellen“ beraten zu Gunsten der Hygiene. Man muß sich an die Schwerfälligkeit eines solchen Großstadtapparates mit all seinen Instanzen, zumal eines unreifen, erinnern, um die Leistung zu verstehen. Man muß sich erinnern, daß dieser junge Riese wieder eingezwängt lag in einem noch größeren, viel älteren Organismus, dem Staat, und daß dieser Staat geschichtlich sich aufgebaut hatte ohne Rücksicht auf eine Naturforschung, ja ohne Kenntnis eines Naturforschers als Berater -- in Zeiten, da der Naturforscher bei Hof oder in der Polizeistube noch etwas vom Tropf, von der lächerlichen Lustspielfigur mit der Botanisiertrommel hatte.
Man kann Virchows gesamte politische Erfolge von bestimmtem Parteiboden aus als solche für ephemere Dinge ohne höheren Einsatz halten und wird doch zugeben müssen, daß sie einen ganz durchschlagenden Gewinn ergeben haben, wenn man Virchows politische Anteilnahme als nötige Vorschule faßt für jene Kulturarbeit zum Wohle der Großstadt. Bei der verwickelten Lage staatlicher Dinge von heute wäre er an die gar nicht herangekommen, hätte er nicht dort sich Kenntnis über die Mittel und Wege erworben.
Wer die Großstadt wirklich kennt, der verlangt keine kostspieligen Denkmäler in ihr, dafür ist das Elend hinter den Coulissen zu namenlos groß. Sonst würde ich sagen, Virchow verdiene ein Denkmal im eigentlichsten Sinne von der „Großstadt“.
Es bedarf aber des Stückchens Marmor nicht: wer heute durch die Berliner Straßen geht und an die Rinnsteine von ehemals, an die Kanalisationen und Rieselfelder und Wasserleitungen von heute denkt, ich meine, er riecht ordentlich den Geist Virchows und seiner Mithelfer, und das ist ein feineres, vergeistigteres Monument des „Naturforschers der Großstadt“.
Von der Zelle zur Großstadt! Dazwischen liegen zwei weite Strecken.
Nach alter Einteilung gehört die eine ganz der Naturforschung, die andere ganz einem himmelweit verschiedenen Gebiet, nämlich der Geschichte. Durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts herauf kommt ein ganz eigenartiger Versuch: die Geschichte, wo nicht zu erobern, doch zu erweitern durch die Naturwissenschaft.
An die heikle Stelle des Überganges jener beiden Streckenteile, zwischen „Erdgeschichte“ und „Geschichte“, schob sich die „prähistorische Wissenschaft“ in jedem Zuge von ihrer Begründung her ein Kind der Naturwissenschaft, das diese zur Welt brachte zunächst unter dem heftigsten Protest des offiziellen Geschichtsprofessors.
Und wieder ist es Virchow, der sich hier festsetzt, der, mag man in hundert Einzelzügen mit ihm rechten, doch im Ganzen diese prähistorische Zettelsammlung wirklich in eine „Wissenschaft“ verwandelt hat.
Die Stärkste seiner persönlichen Position dabei war, daß er das Wissen besaß, um auf beiden Gebieten wirklich zu arbeiten, als Naturforscher und als Historiker. In den rein naturwissenschaftlichen Teilen des Gebietes suchte er immer einen Zweig zu bessern durch Verknüpfung mit einem zweiten.
Er drang darauf, die Anthropologie aufzufrischen durch die Anatomie. In der Rassenfrage drang er auf das Experiment, wozu wieder Statistik nötig wurde, für die der Staat, die Schule heranmußten: der rein philologisch gebildete Gymnasialdirektor sah sich plötzlich in diese ganz neuen Forschungszweige mit hineingerissen, indem man ihm von oben eine Tabelle über die Haarfarben und Augenfarben seiner Zöglinge abverlangte; hinter dem „von oben“ stand aber Virchow.
Das prähistorische Material begutachtete er nicht bloß im Museum. Er nahm die Schaufel zur Hand und grub selber aus.
So erschien er, immer pfeilschnell aufs klar vorbedachte Ziel losstoßend, im Kaukasus, in Ägypten, auf dem Scherbenhügel von Hissarlik in der Ebene von Troja. Er fühlte, bewährte, predigte unaufhörlich, wo auf diesem vagen neuen Terrain der Fachmann zunächst hingehöre: nicht in die Studierstube zum Grübeln über neue Theorien vor ein paar von anderen hereingebrachten Fundstücken; sondern an die Fundstelle selbst, damit der Fund selber im Moment seines Auftauchens zunächst kritisch fixiert werde. Kaum, daß diese junge Wissenschaft da war, so bewegte sich ihr schon nur zu gewaltsam ja das Terrain.
Eine Eisenbahnstrecke wurde gebaut: sie schnitt eine uralte Stätte auf, wie etwa den Burgberg im Spreewald. In fliegender Hast galt es an solchen Stellen einheimsen, die Zettel zu den Dingen schreiben. Für die Theorien mochten Jahrhunderte folgen, Zeit genug. Aber all ihr Wert hing unabänderlich ab von dem kleinen Zettel, den wir heute zu dem Fundobjekt legen. Dieser Zettel mußte ein Meisterstück fachmännischer Exaktheit sein -- und dann durfte er doch auch noch in gutem Deutsch geschrieben sein; auf beides hielt Virchow.
Nun, es ist gesorgt, daß die Bäume in diesem defekten Leben nicht in den Himmel wachsen.
Wenn man bloß auf diese Linien sieht, die sich noch um eine Menge kleinerer Arabesken bereichern ließen, so erscheint es bedauerlich, daß Virchow nicht wirklich seine Zeit in der Naturforschung ganz nach sich bestimmte. In Wahrheit war er in den besten Zügen dieser Zeit voraus, war der Pionier einer Naturforschung, wie sie allgemein erst kommen soll.
Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite.
Eine Naturforschung Virchows würde dauernd und herrschend Züge aufgewiesen haben, die ich wenigstens nicht im Antlitz der „Naturforschung“ wünschte.
Jetzt, da er selbst fort ist, hat man allgemein auch in den Kreisen, die ihm nicht als Partei gegenüberstanden, sondern seine Größe einwandlos ehrten, eine Art Gefühl, als sei doch auch etwas wie ein Hemmnis hingenommen. Es waren nicht allein die allgemeinen Spuren, wie sie jede alternde Autorität zeigt, -- nach deren Scheiden die Jüngeren immer von etwas Druck aufatmen, auch wenn der Mann dahinter noch so bedeutend gewesen ist. Man empfindet, daß in der ganzen Methode hier doch bei allem Vorbildlichen auch eine dauernde Fehlerquelle war. Vielleicht ein kleiner Fehler nur in dem Ganzen des Mannes. Aber in einer großen Gestalt, die stark auf ihre Zeit wirkt, pflegen kleine Fehler grade in der Wirkung riesengroß zu werden.
Es war die Kehrseite von Virchows staunenswerter Vielseitigkeit, daß er für gewisse Dinge so gut wie blind war, die doch überall ihm vor den Füßen blühten.
Er achtete nicht auf gewisse Imponderabilien, die in der Naturforschung so gut ihre Rolle spielen wie in jedem anderen großen menschlichen Denkgebiet.