Part 24
Aber in der großen Masse der Fälle haben wir es gleichwohl mit dem „Phantasie-Tier“ zu tun.
Im Drachen steckt nicht der Ichthyosaurus, mit dem der Mensch nie zusammen gelebt hat, nie hat ein Reptil Feuer gespieen oder ein Pferd Flügel gehabt.
Auch in das Tierbild hat jene tiefe Kraft des Menschen hineingearbeitet, die im Grunde so rätselvoll ist und doch so urwüchsig aus ihm hervorbricht, als stecke seine halbe Seele darin: die Kraft, die Dinge nicht nur zu sehen und wiederzugeben, sondern sie sofort auch zu stilisieren, umzudenken, in eigener Andersform neu zu schaffen.
Er ist ein Schöpfer, der Mensch, nicht bloß ein Spiegel. Er hat das Tier gesehen, dieser Mensch. Es hat ihn gelockt, es wiederzugeben. Aber wenn er es auf der Tafel hatte, hat ihn jene andere Seite seiner Seele nicht ruhen lassen: er hat schöpferisch daran herumzuarbeiten versucht.
Wenn der Stier nun Flügel hätte wie der Adler? Wenn er so noch hübscher aussähe?
Und wenn die Federn dieser Flügel, die schon beim Vogel einen so guten Anlauf zum Rhythmischen nehmen (ist doch die Natur allerorten schon voll solcher Anläufe, als habe jene Menschengeisteskraft längst irgendwo in einem unteren Stockwerk geheimnisvoll in ihr gewaltet!) -- wenn diese Federn nun ganz zu Ornamenten würden, in Spiralen ausliefen, vollkommen sich in stilisiert „Schönes“ als Kunstform verwandelten?
Eine ungeheure Linie setzt hier ein, die vom ältesten Babylon, von China und von Mexiko, aus allen noch so getrennten Kulturen und Kunstanfängen heraufsteigt bis auf den ersten Holzschnitt des Rhinozeros von Albrecht Dürer, auf dem das ganze Dickhäuterfell dieses Tierriesen mit all’ seinen Wülsten, Falten und Höckern in lauter elegante Ornamente hinein stilisiert ist, daß es eine wahre Freude ist -- oder bis auf die köstlichen Schweine und Maikäfer unseres lieben Wilhelm Busch, in denen ebenso der ganze Kodex der Zoologie und Anatomie Fühler für Fühler und Schwänzchen für Schwänzchen in die Kunstform des humoristischen Ornaments umgedichtet ist.
In dem schönen Buche, das Schliemann über Mykenä herausgegeben hat, kann man diese Umstilisierung des Zoologischen in recht alten Tagen aufs Prächtigste noch bei der Arbeit sehen.
Da findet sich auf einem der runden Goldblätter aus dem dritten jener mykenischen Königsgräber wunderhübsch herausgearbeitet ein Oktopus, ein Tintenfisch.
Wir wissen aus Homers unsterblicher Schilderung vom schiffbrüchigen Dulder Odysseus, den die Welle gleich dem zäh angeklammerten Meerpolypen von dem rettenden Fels reißt, wie genau die alten Griechen dieses sonderbare Tier mit dem sackförmigen Leib und den Klammerbeinen oben am Kopf beobachtet hatten. Kannte doch Aristoteles sogar schon die märchenhaften Liebesspiele und Liebesmethoden der Tintenfische, die erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden sind.
Nun ist unverkennbar in solchem Polypen mit seinen acht Greifern eine gewisse rhythmische Kunstgestalt roh gegeben, eine dicke Wurzel gleichsam und acht gekrümmte Ranken. Aber unser alter Griechengoldschmied, Agamemnons Hoflieferant, um Schliemanns Redeweise nachzusprechen, -- er hatte darin erst den Naturansatz zu dem, was seine Phantasie nun hineinharmonisierte. Ihm wird die Rübe das Herz eines wunderschönen Ornaments, von dem aus sich in rhythmisch reinster Steigerung acht eleganteste Spiralen in die Goldplatte hineinrollen, jede oben stolz eingekrümmt wie ein Bischofsstab. Der Tintenfisch, im Typus noch auf den ersten Blick erkennbar, ist doch ein Kunst-Mollusk, ein Mischwesen aus nachahmender Zoologie und selbstherrlich schaffender Schönheitsschau geworden.
Ganz das Gleiche ist auf einem zweiten Blatt einem Schmetterling widerfahren, der mit Kopf und Augen und Fühlern, mit der Zeichnung und dem Geäder seiner Flügel und selbst den Schnitten seines Kerbtierleibes ein ganzes Gewebe stilvoller Arabesken geworden ist.
Dabei befindet man sich an und für sich grade in diesem Buche noch auf einem Boden, wo zoologisch Wichtiges direkt in jenem andern Sinne auch zu lernen ist: in dramatisch belebten Bildern sehen wir diese Mykenä-Helden im Kampfe mit dem Löwen und wir erinnern uns plötzlich, daß wir ja hier in der Zeit sind, wo der Löwe wirklich noch in Europa, in Griechenland, vorkam, was heute wie ein verschollenes Märchen klingt.
Aber dieser Löwe selbst floß bereits gelegentlich ins Ornament, sein Schwanz bekommt Stil auf den Bildern wie ein Schweinequästlein Buschs. Und dann faßte die Kunst herrisch und herrischer zu.
Aus dem Polypen, an dessen Armen die beißenden Schröpfköpfe sitzen, aus dem Polypen, der unter Umständen als Koloß auftrat und dann ein furchtbarer Gegner wurde, hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst zeichnerisch und dann rednerisch, in Sage und Epos, die lernäische Hydra mit den vielen Köpfen und ihre mythische Verwandte, die Scylla, entwickelt.
Bis in unsere bekanntesten antiken Statuen hinein läßt sich gelegentlich die Überwindung der Zoologie durch die Ästhetik verfolgen. Unvergeßlich ist mir der Ausspruch eines Zoologen vor dem vatikanischen Laokoon in Rom: „Das sind ja keine echten Schlangen, sondern fett gefütterte Regenwürmer!“ Seit wir die Schlangenmenschen des herrlichen Pergamenischen Altars in Berlin haben, wissen wir, was für realistisch treue, zoologisch geradezu packend echte Schlangenleiber und Schlangenköpfe die griechische Kunst hat liefern können, wenn sie wollte. Aber gerade diese Laokoon-Gruppe, die in jedem Zuge sich schon als raffiniertere, abgeglättetere, im abstrakten Sinne vergeistigtere Kunstarbeit darstellt, hat auch ihre Schlangen schon sehr viel weiter ins abstrakt Ornamentale hinein verzaubert: es sind zwar keineswegs Regenwürmer, denn das wäre ja nur wieder ein anderer zoologischer Schachzug, aber sie sind aus echten Schlangen vom Reptilstamm gleichsam zu nackten Symbolen bloß der schreckhaften Schnürkraft, zu elastischen Strangulierungs-Ornamenten geworden.
Erst in den neunziger Jahren des Jahrhunderts haben wir durch das Verdienst eines deutschen Reisenden und Ethnographen eine wahre Ur-Schmiede solcher Tier-Verästhetisierung kennen gelernt, die diesmal nicht aus altem Ruinenschutt gegraben zu werden brauchte, sondern heute noch bunt und lustig uns vor Augen steht, -- allerdings in einem so versteckten Winkel der Erde, daß man wohl von einer Art lebendigen Fossils der Menschheitsentwickelung dabei reden darf.
Karl von den Steinen hat uns unübertrefflich in Wort und Bild das Leben der südamerikanischen Indianer am Schingû-Flusse geschildert.
Nackte Wilde, die noch keine Metallwaffen kannten, als die Europäer sie in ihrer Weltverlorenheit auffanden, also in gewissem Sinne heute noch lebende, echte Steinzeit-Menschen, -- und dabei doch ein Kunstvolk ersten Ranges, das keinen leeren Fleck um sich leiden mochte, es habe denn ein Ornament darauf gesetzt.
Das Kanu-Boot und sein Ruder, die Trinkschale und die Kalabasse aus Kürbis, der Spinnwirtel aus Schildkrötenpanzer und der tönerne Topf, die Hauswand und der eigene Leib -- alles muß in Kunstformen hinein, muß strotzen von Mustern, über die das Auge mit Wohlgefälligkeit läuft.
Fröhliche Völker sind es, mit behaglichen Sitten, ohne groteske und schaurige Formen der Barbarei, in einem gemäßigten Lebenskampfe, der Zeit läßt, an die Lustigkeit des Daseins und seine Verzierung zu denken.
Bei diesen Bakairi und Verwandten nun fand ihr Erforscher einen tiefbezeichnenden Zug, wert in jede Kunstgeschichte an hervorragender Stelle fortan aufgenommen zu werden gleichsam als eine Stimme aus dem „Paradiese“.
Die Leute waren zunächst ganz nette Realkünstler, was Wiedergabe von Wirklichkeitsobjekten anbetraf, und zwar waren es in allererster Linie Tiere, die sie abbildeten.
Ganz reinlich zeichneten sie einen Fisch im Umriß in den Sand. Saß der fremde Gast mit ihnen abends beim Mondschein am Boden, so malten sie ihm mit unverwüstlichem Eifer Jagdtiere und Jagdszenen aus dem Stegreif im Sande vor. Sie begnügten sich nicht, „die Umrisse zu zeichnen, sondern sie schaufelten mit der Hand den Sand aus dem Umriß des darzustellenden Tieres der Fläche nach weg und füllten diese Vertiefung von der Gestalt z. B. eines Jaguars oder Tapirs mit grauweißlicher Asche aus: so erhielten sie den Körper mit seinen Extremitäten als ein weißlich schimmerndes Gemälde. Mit dunklem Sande wurden das Auge und die Fleckenzeichnung der Haut eingetragen. Da die Figuren mindestens Lebensgröße hatten, machten sie in dem Zwielicht der Nacht einen überraschend lebendigen Eindruck; es sah aus, als wenn riesige, schimmernde und flimmernde Felle über den Boden ausgebreitet wären“.
Mit dem fremden Kulturbleistift zeichneten sie dem deutschen Professor sein und seiner Leute eigenes Porträt in sein Notizbuch, spaßig, wie der kleine Moritz bei Oberländer in Strichmanier karikiert, aber doch auch packend charakterisiert.
Ganz auf der Höhe aber war ihre Kunst im plastischen Modellieren. Wie sie einen Topf formten in Gestalt einer vom Bauche her gehöhlten Schildkröte, Eidechse oder Kröte, das war bewundernswert selbst vom verfeinerten Kulturboden aus. Es war ausschließlich Frauenarbeit, diese Topfkunst. Wie zierlich zugleich und echt hatte aber solche Frau das Köpfchen, das Schwänzchen und die eingebogenen Vorderpätschchen der Schildkröte herausgebracht, wie humoristisch treu die breite Schnauze der Kröte, wie elegant hatte sie auf die Rückenwölbung des Schildkrötentopfs die Panzerplatten mit ihrer natürlichen Schildpattzeichnung eingeritzt!
Schon an diesen Töpfen nun nötigte die Anpassung an die Gebrauchsform zu einem Anfang von Stilisierung, der denn auch wohl zu merken ist: geht die Schildkröte, geht das Gürteltier noch fast rein mit seiner Naturform in der Topfgestalt auf -- man könnte ja aus ihren gewölbten Hohlschalen unmittelbar einen Topf machen, wenn’s not täte -- so muß das Waldhuhn, muß die Eule und Fledermaus doch schon abgerundet, muß topfhaft stilisiert werden.
Prächtig, wie auch das gemacht wird, wie die Flügel der Fledermaus zu einfachen Ornamentlamellen am Topfrande, abgerundeten Griffen umgedacht werden, bis das Ganze die Tierform überhaupt fast verläßt und aus dem Fledermaus-Topf ein einfacher Kunstnapf mit einem rhythmischen Ornamentenflügel-Kränzlein wird.
Und da denn gibt sich die Brücke zu etwas, was in der Malerei und Schnitzerei dieser Naturvölker am verblüffendsten wirkt, aber zugleich am lehrreichsten ist.
Als Fries über die Wand oder sonst über jeden verfügbaren Fleck werden Ornamente hingezogen, die zunächst rein ästhetisch-mathematisch ausschauen: dunkle Würfel mit weißen wechselnd, rhombische Felder in graziöser Folge, Dreiecke sich aneinander schließend, ganz wie auf unsern Teppichmustern, Parkettböden, Mosaiken und so weiter.
Befragt aber, hat der Schingû-Indianer auch für diese echtesten Ornamente noch realistische Namen.
Dieses Rautenfeld ist dem Namen nach ein Zug ganz bestimmter eckiger Fische, der Fischname bezeichnet auch das Ornament. Diese Doppeldreiecke sind dem Worte nach eigentlich Fledermäuse, jetzt fliegende, in anderer Stellung hängende. Diese dunklen Quadrate im weißen Grund sind junge Bienen. Diese einfachen Dreiecke schwarz auf weiß sind zierliche dreieckige Schamschürzchen der Frauen, das einzige, winzige Bekleidungsstück dieser glücklichen Naturkinder jenseits von Korsett, Hose und Schuh.
Das heißt: sie sind es noch im Namen, in der Tradition. Es ist genau so, wie wenn wir ein bestimmtes Wellenornament als Schlangenlinie bezeichnen. Die Leute haben ursprünglich Fische, Fledermäuse zu allerlei Gebrauch, als Jagdzeichen, als eine Art Bildersprache zur Verständigung, in einfachem Nachahmungstrieb, Reproduktionstrieb dessen, wovon die Seele voll war, aufgezeichnet, -- notabene sie konnten es, worin eben schon die eine ganze Wurzel ihrer künstlerischen Menschheitsgabe steckte! Dann haben sie aber an diesen Bildern +stilisiert+.
Der zweite Sinn, der Sinn für rhythmisch bequeme, glatte Formen mischte sich ein, mischte sich schon in die erste Wiedergabe zweifellos mit: das mathematisch Einfachste, über das der Blick am widerstandslosesten, mit kleinstem Kraftmaß, lief, wurde bevorzugt, das Rhombische des Fischs, das Dreieckige der Fledermaus. Das wurde dann selbstschaffend ausgestaltet, in Wiederholungen aneinandergereiht, die Wiederholungen gaben wieder neue Wohlgefälligkeiten, ästhetische Bequemlichkeiten und das Ornament war fertig.
Schließlich ging das Tier als Grundform unter bis zur Unkenntlichkeit und nur der Name bezeichnete noch, daß es historisch einmal im Ornament gewesen war.
Unendlich weit lassen sich die rein ästhetischen Gedanken ausspinnen vor dieser Bakairi-Kunst.
Schauen wir doch vor diesem Doppelspiel von wirklicher Tierwiedergabe und ornamentaler Stilisierung nicht bloß in das Wurzelwerk eines kleinen Kunstsprößlings: wir blicken in die Wiege überhaupt der Kunst und aus dieser Wiege schon sehen uns zwei verschiedene Augen an.
Das eine ist das +ur-realistische+ Auge, das Wirklichkeit zu fassen und nachzuahmen sucht, -- das andere das +ur-idealistische+, das diese Wirklichkeit umzuschauen, umzuregeln sucht in harmonische Folgen, in einen wohlgefälligen Rhythmus hinein.
Und beide Arten künstlerischen Wollens sehen wir bereits bei diesen nackten Wilden mit ihrer Steinzeit-Kultur in Kraft, -- bloß, daß die erstere, die realistische, insofern eine gewisse Priorität wahrt, als sie dem zweiten, dem idealistisch stilisierenden Sinne, das Material geliefert hat, an dem er seine idealistischen Besserungen erproben konnte.
Wie eine uralte Weisheitsstimme, der keine grüne Klügellogik gewachsen ist, klingt diese Bakairi-Ästhetik bis in unsern hellsten ästhetischen Kampfestag hinein.
Wer denkt nicht an unsern heftigen Hader um den Realismus in der Kunst, in der dichtenden wie der malenden und steinbildenden!
Wie naiv ist der Gegensatz von nackter Wahrheitswiedergabe und idealistischem Stilisieren, Rhythmisieren da als ein „Entweder -- Oder“ auf Biegen und Brechen ausgespielt worden, als gelte fortan nur noch ein unbedingtes Gefressenwerden des einen Prinzips durch das andere, -- während die kleinste und unscheinbarste dieser Fledermäuse oder das schlichteste Frauenschürzchen dieser Bakairi-Kunst uns doch schon die ewige Lehre in Fleisch und Blut pauken kann, daß nur beide Richtungen vereint die wahre Kunst ergeben.
Jene Kunst, die des Menschen würdig ist, der seine ganze Höhenkraft als König eines Planeten unabänderlich ebenso auch sonst nur der Doppelfähigkeit verdankt: einmal die gegebenen Wirklichkeiten dieses Planeten zu erkennen und zu beherrschen bis ins kleinste Kraftwellchen hinein -- und dann sie zu wandeln nach seinem Idealbilde, sie zu vergeistigen, wie ein Denkender sein Antlitz vergeistigt, sie zu etwas emporzuführen, was in der äußeren Wirklichkeit um ihn her noch gar nicht sein kann, also von dort auch nicht abgelesen werden kann, weil ja eben der höchste zeitlich gegebene Entwickelungssproß der Natur nichts anderes ist, als sein „Inneres“ selbst, sein idealbildender, neuen und umfassenderen Harmonieen zustrebender Menschengeist selbst....
Erst aus dem unendlich verwickelten und doch stets logisch notwendigen Hin- und Wiederweben ihres roten realistischen und ihres blauen idealistischen Fadens entsteht das wunderbare Gewebe der Geschichte der Kunst, wie wir es in den Kulturjahrtausenden hinter uns sich breiten sehen.
Der Verlauf wird aber noch versponnener und feiner dadurch, daß die Wirklichkeitsteile des Ästhetischen unablässig auch gebraucht werden in jenem riesigen Gesamtgewebe zunehmender menschlicher Weltbeherrschung.
So reklamiert auf einer gewissen Höhe die strenge Wissenschaft als realistischer Teil der technischen Welteroberung und Weltverbesserung gerade das Tierbild wieder in seiner möglichst reinen Urform als Reproduktion der Wirklichkeit für ihre streng zoologischen Zwecke. Wir erleben die Mützel und Specht und Leutemann, wie sie wissenschaftliche „Tierleben“ illustrieren, und zuletzt muß gar die Momentphotographie heran, um ganz unverfälschte Wirklichkeitsbilder (vorläufig gelingt es ja durchaus noch nicht „ganz“!) zu ermöglichen.
Das führt aber von dem Streifblick in die theoretisch-ästhetische Seite wieder genau auf unser eigentliches Problem selbst zurück.
Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen: gesehen hat dieser Mensch, in dem also nach der einen Seite schon als nacktem Steinzeit-Wilden eine realistische Kraft der reinen Naturwiedergabe steckte, noch eine ganz andere Sorte verschollener Tierwelt als jene immer doch relativ junge der Dronten und mykenischen Löwen.
Denn das wissen wir jetzt endlich mit voller Sicherheit: der Mensch in einem Kulturzustand, der sich immer noch mit dem jener Bakairi-Indianer oder auch der heutigen Eskimo vergleichen läßt, ist alt, uralt, märchenhaft alt.
Der Polarpunkt unseres Nordhimmels, in dem heute der Stern des kleinen Bären leuchtet, ist so und so oft infolge der Achsenverschiebung der Erde auf die Wanderschaft gegangen, hat sich die Wega und andere schöne Sterne als Richtlampe erkoren und ist endlich wieder beim alten Fleck angelangt, -- und immer war der Mensch schon da. Zeiträume aber, in denen himmlische Achsenpunkte derartige Sternexkursionen machen können, müssen auch ganz gewaltige Wandlungen und Verschiebungen der Tierwelt bedingen, in die wir denn also auch mit diesem Menschen hineingeraten, sobald wir uns bloß resolut sagen, daß die paar tausend Jahre unmittelbarer Schriftüberlieferung, die wir haben, völlig zurücktreten gegen das Gesamtdasein eines mehr oder minder schon überhaupt „etwas“ kultivierten Menschen auf dem Erdplaneten. Fallen doch selbst die ältesten jener babylonischen oder ägyptischen Unmittelbar-Überlieferungen nur in einen kleinen Bruchteil einer einzigen letzten astronomischen Revolution jener Art!
Noch vor zehn Jahren konnte man sagen, daß mindestens Streit darüber bestehe, ob Mensch und Mammut sich lebendig begegnet seien.
Autoritäten wie Virchow und Steenstrup waren dagegen. Eine Fundstelle wie die von Predmost in Mähren, wo die von Menschenhand unzweideutig bearbeiteten, um die Reste menschlicher Kohlenfeuer gelagerte Mammutknochen nach tausenden zählten, wurde als Eisfleisch-Station gedeutet, auf der prähistorische Hungerleider vieltausendjährige gefrorene Eiskadaver von Mammuten herausgehackt und mit dem Appetit der heutigen Tungusen-Hunde in Sibirien, die jetzt noch tapfer so auf Eis-Mammut gehen, verspeist haben sollten.
Diese Skepsis ist heute antiquiert.
Zur Stunde tauchen ganz andere Gemeinschaften als Problem auf, unendlich viel ältere.
Jene wundervolle Fundstätte vorgeschichtlicher Menschheitskultur in Taubach bei Weimar, von der nachgerade wohl die Meisten gehört haben, zeigt uns den Menschen als gewohnheitsmäßigen, offenbar durch lange Zeiten und Generationen fest eingeübten Jäger schon nicht mehr des eigentlichen Mammut-Elefanten, sondern des sogenannten Alt-Elefanten (~Elephas antiquus~), einer riesenhaften Elefanten-Form, die mindestens in ihrer Blütezeit dem Mammut voraufging.
Kein einziger Mammut-Rest ist auf diesem klassischen Boden gefunden worden, und gewisse Konfusionen sind bloß vorübergehend durch böse neuzeitliche Nachhilfe in die wissenschaftliche Beschreibung hinein geraten.
Es ist nämlich unglaublich schier, aber leider doch wahr, was findige Geldbeutelbedürfnisse selbst bei solchen Dingen für Unheil anrichten können. Als die Taubacher Knochen und Menschenreste anfingen, Aufsehen zu machen, stellten sich Käufer ein, Laien, die bloß allgemein etwas von den Dingen hatten läuten hören. Sie verlangten von den Leuten in den Taubacher Brüchen vor allem „Mammut“. So kamen schlaue Industrie-Genies auf den unglücklichen Plan, besagtes „Mammut“ heimlich irgendwoher zu beziehen und als Taubacher Material mit Profit am Fleck zu verkaufen. Nahe, eine Stunde rund von Taubach entfernte Kieslager, in denen auch Elefantenknochen lagen, wurden geplündert und die Zähne körbeweise nach Taubach gebracht, der Korb im Zwischenhandel zum Engrospreise von zehn Mark. Die Interessenten erhielten dann beliebig „Mammut“ aus diesen Körben zu tüchtigen Detailsätzen.
Um die Verwirrung zunächst auf den Gipfel zu treiben, handelte es sich auch bei diesen Schmuggel-Elefanten aber erst recht nicht um Mammut, sondern um eine noch ältere Art als der Alt-Elefant war, nämlich um einen nahen Verwandten des sogenannten Süd-Elefanten (~Elephas meridionalis~), der nicht gleich dem Mammut jünger, sondern nochmals zweifellos ein ganzes Teil älter ist, als der Alt-Elefant. Die Elefanten- und Nashorn-Jagden der Ur-Taubacher hatten sich, wie die erhaltenen schönen Reste klärlich zeigen, in einem Walde abgespielt, in dem Birken- und Haselnußbüsche standen. Das deutet nun zwar auf ein gemäßigtes Klima, ähnlich dem heutigen am gleichen Ort. Da die Zeit zweifellos bis in die Grenzen der großen Eiszeit zurückgeht, nimmt man mit ziemlicher Sicherheit an, daß es sich um eine etwas wärmere Pause innerhalb dieser wechselreichen, im Wort wenig erschöpften „Eiszeit“ handelte. Der Süd-Elefant aber hat noch vor der ganzen Eisperiode gelebt und aus voreiszeitlichen Schichten stammte denn auch das eingeschmuggelte Material.
Die Taubacher Industrie konnte zum Glück noch rechtzeitig aufgedeckt und wissenschaftlich unschädlich gemacht werden.
Der letzte Trumpf der ganzen Geschichte aber bleibt, daß dieser Süd-Elefant an und für sich und in seiner eigenen Schicht ganz wohl +auch noch+ mit menschlichen Kulturresten hätte zusammenliegen können -- auch ohne Schwindelei. Denn auch ihn hat der Mensch noch erlebt, oder besser von unten nach oben gesagt: schon erlebt.
Nie werde ich den Eindruck vergessen, den in den achtziger Jahren ein kleiner Raum des altberühmten Jardin des Plantes zu Paris, der Stätte Buffons und Cuviers, auf mich machte.
In einer provisorischen rohen Bretterbude hatte man die größten paläontologischen Schaustücke, meist vollständige Gerippe urweltlicher Riesentiere, in Erwartung eines (heute längst vollendeten) würdigeren Museums-Neubaues vereinigt. Nur Auserwählte mit Karten drangen bis in dieses Heiligtum vor. Ihnen aber ward ein im buchstäblichen Sinne ungeheurer Anblick zu teil.
Da stand das Skelett des Riesenfaultiers, des Megatherium, da wölbten sich wie mächtige Tonnen empor die Panzerdecken der Riesengürteltiere, -- beide aus Tiergeschlechtern, von denen wir heute wissen, daß der Mensch sie auch noch gejagt und verspeist hat.
Um einen Koloß wie das Megatherium zu überbieten, dessen Oberschenkel fast dreimal so breit sind wie die des lebenden Elefanten, war in dieser Versammlung schon ein ganz besonderer Elefant nötig, und den hatte denn auch eine Ausgrabung in Südfrankreich in Gestalt eines prachtvoll erhaltenen Riesenexemplars jenes Süd-Elefanten geliefert.
Aufrecht hatte der Koloß im Boden gestanden, als man ihn fand, ein Beweis, daß er an Ort und Stelle einst im Sumpf versunken sein mußte. Die Stoßzähne, vollkommen erhalten wie sie sind, zeigen doch nichts von der abenteuerlichen Krümmung, wie sie den Mammutstößern zukommt.
Dieser Süd-Elefant lebte, wie gesagt, vor der Eiszeit, in das letzte Drittel der voraufgehenden Tertiärzeit, die sogenannte Pliocänzeit, hinein.
Wer noch heute auf dem Standpunkt steht, der vor zehn Jahren Mode in der Anthropologie war: vor jeder Möglichkeit eines Fundes tertiärer Menschenspuren zunächst ein skeptisches Lächeln wie über eine Art Dummejungenbehauptung aufzusetzen, der muß diese Altersbestimmung bestreiten.
Denn es läßt sich nicht mehr fortleugnen, daß mit Knochen des Süd-Elefanten in ungestörter Schicht zusammen in Frankreich schon Feuersteinwerkzeuge, bearbeitet von Menschenhand, gefunden worden sind, -- wenn auch bearbeitet in einer noch etwas roheren Weise, als es in der Folge geschah. Wiederum aber zweifelt von der Menschenfrage unabhängig kein unbefangener geologischer Beurteiler heute, daß wir mit dem Süd-Elefanten wirklich in der echten +tertiären+ Tierwelt sind, und so wird auch hier nachgerade der allzu skeptischen Skepsis ihr Stündlein geschlagen haben.