Aus der Schneegrube

Part 23

Chapter 233,531 wordsPublic domain

Gerade, indem die Kunst die brausende Welle dieser Wirklichkeitsidee eine Weile tief und scheinbar bis ins Herz hinein aufnahm, meine ich, daß sie uns die Augen hat öffnen helfen für die +kolossale Übertreibung+, die +überhaupt in die ursprünglich so fruchtbare Idee der Wirklichkeit verheerend hineingeraten war+.

Und so hat sie sich doch als die alte stärkste Schutzmauer bewährt.

Hat sie --?

Ich weiß es nicht, inwiefern das schon hinter uns liegt.

Wir stehen, was diese höchsten Gesichtspunkte anbetrifft, ja noch mitten im Kampfe, und streng genommen kann man doch nur von Anzeichen reden.

Aber eine Anzahl Menschen fangen doch entschieden schon an, darüber nachzudenken, ob man nicht über eine Kunsttheorie, deren Schwächen man nur zu deutlich empfindet, eine Schicht +tiefer+ zurückgehen müsse auf eine +Revision+ gewisser +Voraussetzungen in der Weltanschauung+, die uns das neunzehnte Jahrhundert überliefert hat.

Eine Revision, die natürlich nicht wieder zu den Torheiten zurückführt, die dieses prachtvolle Jahrhundert glücklich antiquiert hat.

Sondern, die uns noch einmal wieder um ein Stück freier macht und dabei allerdings auch noch mit einigen Spezialgespenstern aufräumt, die dieses Jahrhundert selbst hinzugebracht hatte.

Befreien wir den Menschen wieder von diesem Wirklichkeits-Gespenst, das sein Herzblut saugt wie ein Vampyr -- -- und wir haben die Kunst mitbefreit.

Lernen wir aus den Kunst-Konsequenzen.

Und wir begreifen, daß in der Philosophie etwas falsch war.

(Friedrichshagen. Fest des Geistes.)

Der Wald schimmert im blassen Sonnenglast nach einem Regenschauer.

Wie eine braune Schlange liegt der Bahndamm quer hindurch, vom Geleise glänzt es wie silberne Schuppen.

Die Telegraphendrähte vor den roten Kiefernstangen und schwarzen Kronsilhouetten wie glimmerndes goldrötliches Spinngewebe. Einmal ist es, als spinne dieses feine Netz sich an eine riesige Blume, eine Rispe weißer Maiglöckchen an, die auf hohem, trockenem Stengel lose schwebt: das Viereck mit den Porzellanhütchen.

Weißblau liegt der Himmel im Ausschnitt der Bäume.

In der Linie der Bahn aber, wie das Auge ihr folgt, ein wunderbares Aufflammen von Grün, junge Birken, Flamme um Flamme goldgrün lodernd vom spiegelnd weißen Schaft.

Ein goldener Vogel huscht scheu hinzu: der Pirol.

Und dieses jungfrische jubelnde Pfingstgrün fließt dem Blick überall weiter, in die grüngelbe Wolfsmilch und den Fleck grellgelber Potentillablüten am Bahndamm, in die Akazienbüsche, denen das erste Laub vor der Sonne wie ein goldiger Heiligenschein um die schwarze Dornenkrone der Zweige steht, in den tiefen Waldgrund unter den roten Stämmen, wo der hartgrüne starre Farnteppich sich verliert.

Naturstille.

Nur ein ganz leises Rollen noch, wie aus der feuchten Erde herauf von dem letzten enteilenden Zug. Hinten im Waldgeheimnis verschwehlt noch ein letzter bläulicher Nebel seiner Rauchwolke.

Ein fernes helles Läuten von der Wärterstelle, als klängen die Maiglöckchen da oben im Spinnennetz aneinander.

Und wieder ganz still.

Finken zirpen leise, einförmig aus dem Unbekannten der Kiefernkronen.

Und nun auf einmal, ganz unvermittelt, ein hartes, rohes Geräusch, mitten aus der Landschaft, als stürze ihr etwas ins Herz.

Ein Ratschen, Knacken, ein Ruck und Fall.

Vor dem Glast hat sich etwas bewegt wie ein Schattenfinger. An dem plumpen, rot-weiß getünchten Bahnsignal dort ist automatisch der Galgenbalken heruntergefallen. Eine geheime Zeichensprache eines automatischen Hampelmanns, an dem ein Schicksal hängt.

Pfingstwehen.

Wie ich auf die grünen Flammen dort schaue, die jetzt wieder in der großen Stille ein ganz verlorener Lufthauch geräuschlos wiegt, denke ich an das große alte Symbol der Pfingstgeschichte.

Aus der Urtiefe des Geheimnisses auf einmal der +Geist+ vorbrechend, wild wie ein Feuer, das da ist, niemand weiß, woher, und uns verzehrt, ehe wir es fest erkennen.

Und in diesem Geist verjüngt sich eine Zeit, eine neue Menschheit wird mit ihm geboren.

Woher?

Aus dem Unbekannten in uns, aus dem „Werde“ des Entwickelungsrätsels, aus der ~Natura naturans~, die weltengründend auch in uns weiterlebt, wie sie in Milchstraßen und Sonnen gewesen ist.

Und der größte Gegensatz taucht mir auf, der durch unsere Zeit geht: der Gegensatz des +Automatischen+ und des +Elementaren+.

Das Automatische war die Stärke des neunzehnten Jahrhunderts.

Es ist sein Erbe in uns, sein Herrenerbe.

Wie diese Signalstange hier im einsamen Walde automatisch sich senkt, so sollte ein neuer automatischer Menschheitsleib als Technik den ganzen Planeten umspinnen. Schon geht der Zeigerdruck durch die Ozeane. In seinen realistischen Träumen sah das Jahrhundert auch solchen Metallarm sich bereits heben und senken auf den Eispolen, in den Erdtiefen, an den Grenzen des Luftmeeres.

Von der Technik kam das aber dann als Bild und Maß aller Dinge.

Ein Kind drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, und ein Berg spaltet sich.

Aber, was ist das Kind selbst?

Nicht Ebenbild Gottes, sondern auch nur dieser Technik. Eine höhere Macht, das Milieu, hat auf einen Knopf gedrückt, und automatisch entstand dieses Kind. Es wird den Faust dichten und die sixtinische Madonna malen: automatischer Fall eines Balkens im Gehirn aus bestimmter Konstellation der Außendinge wie bei jenem Bahnsignal, nüchtern zu überschauender Außendinge, die wir wohl auch einmal rechnend beherrschen werden, -- dann, wenn wir jenen Zeiger auf dem Nordpol haben ...

Schon sehen wir einen ungeheuren Regulator dieser Dinge: die Masse.

Ihr Werkzeug ist der Einzelne. Wo er nicht automatisch reagiert, da wird er als schlechter Apparat für funktionsunfähig erklärt; er ist krank.

Diese Masse aber ist selbst wieder Automat, fallender Balken einer umfassenderen automatischen Welt. Und so fort bis zum letzten Doppelstern des Alls.

Dieses All ist ein sich selbst tragendes automatisches System, unveränderlich, absolut tot, ohne Sinn für sich selbst.

In dieser einsamen starren Größe endet das Denken des neunzehnten Jahrhunderts.

Alles hier um mich her ist ein Automat.

Nicht jener häßlich ratschende Signalbalken bloß, der mich eben erschreckt hat.

Die grünen Pfingstflammen der jungen Birken dort ebenso.

Und die Sonne.

Und ich selbst.

Und all meine Träume von einer Pfingstlegende.

Aber das neunzehnte Jahrhundert hat uns nicht nur dieses Herrenerbe hinterlassen, das Erbe seines Herrengedankens.

Auch ein Sklavenerbe haben wir von ihm, das Aufbäumen des unterjochten +Gedankens vom Elementaren in der Welt+.

Ihm ist der Fortgang der Dinge ein immer neues Fest der Ausgießung des Geistes.

Pfingsten ist im Erwachen jeder Persönlichkeit, Pfingsten ist in jeder Geburt.

Und das nicht nur, wenn ein Mensch geboren wird. Auch wenn im Menschengeiste geboren wird. Wenn jenes tiefere Liebesleben sich abspielt, aus dem die Fauste und die Sixtinen steigen.

Ohne die Flämmchen dieses Pfingstwunders entsteht kein Kunstwerk, entsteht kein tiefster Gedanke der Philosophie, entsteht keine Erfindung der Wissenschaft, erwächst keine geniale Tat des brandenden Lebens um uns her.

Dieser Pfingstgeist ist es, der die „Wirklichkeiten“ erst baut und der sie ebenso auch wieder zerschlägt, um höherer Wirklichkeit willen.

Er hängt einsam am Kreuz und er zwingt doch die Masse, daß sich dreitausend taufen lassen.

Er wandelt ein Zerschlagener durch eine Welt von Disharmonien und durch diese Welt rauscht fortan die neunte Symphonie.

Beide Anschauungen haben ihren Punkt, wo sie in ihr Gegenteil umschlagen könnten und beide Male in eine unvollkommene, schlechte Form dieses Gegenteils.

Das neunzehnte Jahrhundert war so stolz, daß es mit seinem Automatenideal alle groben Wunder unmöglich gemacht.

Und doch: wenn alles nun Automat ist, die ganze Welt nur eine Kette elektrischer Klingelanschlüsse ist, wenn es kein Elementarisches mehr in irgend einer menschlichen Person, in keinem Dichter, keinem Genius auf Erden mehr gibt -- wird nicht doch am Ende der allerletzten Kette der eine letzte Finger nötig, der aus dem Urelementarischen auf den ersten Klingelknopf drückt -- die eine einzige Urperson, der Alldichter?

Je automatischer alles sonst, desto greller dieses letzte Wunder.

Hinter der toten Welt ein einziges Lebendiges im elementaren Sinn.

Und um das doch schließlich zu erkaufen, -- dafür dieses schaurige Ertöten der ganzen sichtbaren Welt in den fallenden Balken eines fühllosen Automaten hinein!

Umgekehrt hat der Pfingstglaube selbst aber seine Stelle, wo auch er erbarmungslos ins Automatische schlagen kann.

Wenn er nämlich das Wunder des Intuitiven, des Elementaren roh faßt, wie das „Wunder“ so lange gefaßt worden ist: dualistisch als Eingriff eines Fremden.

Die Natur, die Entwickelung erzeugt dann auch nur, was eine +fremde+ Macht in sie wirft. Der Dichter ist nur armer Stenograph des überirdischen Diktats, die Person nur Werkzeug eines außerweltlichen Milieus.

Da hast du nun Wunder auf Schritt und Tritt, es fingert allerorten und drückt mit Geisterhänden auf die elektrischen Knöpfe dieser Welt -- und doch bist du nur selber eine armselige Klingel und seist du Goethe und Beethoven und Rafael.

War dort eine unendliche Automatenkette, so hier lauter Augenblicksautomaten.

Aber um das automatische Sklaventum kommst du nicht herum.

Es liegen aber zum Glück noch andere Möglichkeiten vor und auch welche, die nicht ins Alte zurückführen.

Wie stolz ist die automatische Vorstellung auf ihren Entwickelungsbegriff gewesen!

Er stand unberührt von jeder Möglichkeit, ins Veraltete umzulenken. Und wahrlich, so steht er auch.

Aber geheimnisvoller Traum, einer Pfingststunde angemessen: wie will der Entwickelungsbegriff, daß aus Einem etwas Anderes wird, daß ein Niedrigeres zu einem Höheren steigt, eigentlich logisch leben, +ohne+ daß sein Königshaupt immer wieder gesalbt sei mit einem Tropfen elementarischen Oels?

In jedem dieser Uebergänge liegt ja ein elementarischer Geheimniszug!

Ich selbst fasse ihn gewiß nicht als den Finger der Mystik, der von außen stößt, aber das Wunder in den Dingen bleibt er auch mir unabänderlich, das Wunder, das auf eine Pfingsttiefe weist zwischen allem Automatischen -- eben weil dieses Automatische zugleich eine +Entwickelung+ in sich zeigt.

Durch die goldgrünen Flammenbüsche der Birkenkronen spielt und spielt leise der Wind, wie eine Hand durch schönes Frauenhaar fährt.

Auch um mich, wie ich hier sinne, zieht sich jenes Ödfeld des Automatischen her. Dort das Signal ist ganz darin. Aber auch diese grüne Birke und dieser goldene Vogel sind mehr darin als ich selbst, viel mehr. Wie gering ist der Geistesspielraum in dieser Pflanze, diesem Tier, den ich sehe!

Und die Sonne dort, die starr in ihren Himmelsgesetzen Jahrbillionen hängt!

Ist es nicht, als sei die Ausgießung des Geistes über diesen allen schon äonenlang vorbei?

Ihr Pfingsten lag, als das Gesetz sich in sie schrieb, das sie nun in unendliche Folge, sei es selbst oder zerspalten in Generationen, automatisch wiederholen ...

In mir aber wogt der große Kampf mit seinem wunderbaren Gemisch von reflektierendem Bewußtsein und intuitiv aufsprühenden Geniusflämmchen des Elementaren fort und fort.

In mir -- dem Menschen!

Ist der Mensch +das Genie der Natur+, -- die große Aufmerksamkeitsstelle im unendlichen Felde des Elementaren, auf der seit Jahrtausenden jetzt das ganze Licht liegt, während um dessentwillen rings die ganze übrige Natur in den halben Dornröschenschlaf des Automatischen verfallen ist?

Es kann der Mensch dieser Erde nicht allein sein, die Menschenstufe des ganzen Alls wird dazu gehören, wie immer es mit ihr sei. Bilden doch schließlich Sterne keine größeren Trennungen als in dieser irdischen Menschheit die parallelen Individuen.

Pfingstwunder!

So wäre es nichts anderes, als das wandernde Auge der Natur.

Pfingsten wäre Leben, der Automat aber zeitweise weise Kraftersparnis.

Die Welt ein Gewebe aus segensreichem, kraftspeicherndem Schlaf und konzentrierter, kraftverstürmender Lichtschau!

Ein Gespenst nur wäre der große Weltautomat, auf dessen letzten Knopf der Finger von außen drückte. Wertlos aber wäre ebenso der Glaube an das Wunder noch einmal hinter dem Wunder.

Die Natur hätte keine anderen Augen als unsere Menschenaugen -- aber mit denen sähe sie auch wirklich, sähe nicht bloß durch sie durch. Und zu diesen Augen gehörte auch der Geist Goethes und Rafaels und Beethovens, der Geist der großen Religionsstifter und Weltdeuter, der Geist der Forscher, die unsere Technik geschaffen, und der Geist derer, die das Evangelium von der Liebe gepredigt haben und gelehrt haben, daß alle Technik nur einen Sinn habe, wenn sie in der Hand der Liebe und des Ideals sei, Liebe und die Sehnsucht nach dem Ideal zu säen, so weit der willige Automat des elektrischen Funkens für uns fliegt.

Wieder schnarrte das Signal da oben.

Ich aber dachte jetzt, wie dieser Metallstab wohl auch kein Ausgestoßener der Welt sei, sondern ein unveräußerliches Stück Natur.

War er heute auch nicht das Pfingstauge, in dem das elementare Lichtfeld zu den Sternen und zu der Weltliebe sah -- wer weiß, wozu seine Metallmoleküle heute schliefen.

Vielleicht, wenn diese Gehirnmoleküle der Menschheit ausgerungen in Leid und Liebe, in dem großen, aber auch so furchtbar schweren Kampfe um +das+ Ideal, wenn sie trüb geworden als Auge der Natur -- wer wußte, wohin diese elementare Natur dann wandern würde mit ihrem Lichtfeld, ihrem Sehnsuchtsfeld, wo sie diesen Metallstab und die jubelnde grüne Flamme dieses Birkenbusches auferstehen lassen würde aus dem Automatischen ins Geisthelle hinein, damit sie in den Sternen läsen und um Liebe kämpften, wie einst wir -- die wir dann vielleicht auf Äonen in irgendeiner stillen Versorgung des Automatischen ruhten, einem abermals neuen Rufe ins Aufmerksamkeitsfeld des Bewußtseins bereit.

Ob unsere Zeit den Frieden einer solchen Weltanschauung finden wird, den Frieden ihres Doppelerbes?

Aus den Kiefern tönte das leise Zirpen der Finken.

Diese Naturstille war vielleicht die Antwort.

Frieden ist nur im Automatischen.

Wir sollen kämpfen.

Und doch steht in den hellsten Idealen dieses Lichtfeldes der Natur, das wir Mensch nennen, auch schon die Menschenliebe.

Geht auch das Elementarische auf eine höhere Lösung?

Die Pfingstflammen glühen. Gehen wir. Wir werden sehen.

* * * * *

Das eben macht die Geschichte des Menschen so großartig und so tief, daß sie eigentlich immer Pfingstgeschichte ist, konzentrierte Pfingstgeschichte.

Der Zeitraum ist auch mit allen Ziffern des Naturforschers für sie so kurz, und gleichzeitig ist so unglaublich viel Neues in ihr getan, daß gar kein Spielraum für das Erstarrende, das schon wieder Automatische zu bleiben scheint. Von einem Pfingstwunder scheint es zum andern zu gehen. Die Natur schaltet mit einer Kraft plötzlich, daß sie uns wie ein ganz anderes Wesen vorkommt.

Daher so lange der zähe Glaube: es hebe mit dem Menschen ein ganz anderes Buch an, das Buch Gottes im Gegensatz zum Buche der Natur.

Aber das ist ja jetzt für uns grade das ganz Große, daß wir das Göttliche auch in Ichthyosauriern und Planeten und Sonnen sehen und dafür das Natürliche auch im Menschen.

Nirgendwo empfinde ich das deutlicher, als wenn ich von neuen Fortschritten der „Urgeschichte“ lese, jenes Grenzgebiets, wo die sogenannte „Geschichte“ sich gegen die Naturgeschichte, die Erdgeschichte hin auflöst.

Früher herrschte auf diesen Rand zu immer ein leises Gruseln. Der Atem Gottes stockte auf einmal und drüben in der Finsternis lauerten die Fratzen der entgeistigten Natur. Heute ist eine Wanderung dort hinab wie ein Schritt in eine heiße Sommernacht, es duftet von verborgenen Blumen und durch das Dunkel ziehen leuchtende Punkte wie Johanniskäfer. Aber es sind heilige Flämmchen: lauter Pfingstflämmchen; es wird einmal wieder Pfingsten, +denn der Mensch kommt+.

Eben grade ist ein solches Flämmchen wieder besonders hell aufgeglüht. Aus tiefem Schacht glimmt es zu uns. Es meldete von einer Pfingststunde, selbst noch wieder fast ohne gleichen in der Reihe der Pfingstwunder des Menschengeistes, -- vom +Pfingsten der Kunst+. Da die Kunst niederstieg auf diesen rollenden Planeten, niederstieg nicht als das Wunder einer unfaßbaren Überwelt, das als Sternschnuppe in den Sumpf der Natur fiel; sondern als eine Tat der Natur, die ihr gelang, weil ihr endlich der Mensch gelungen war.

-- -- --

Auf dem kleinen Delikateßteller vor mir liegt eine Trüffel, zierlich und rund. Sie duftet nach allen guten Sachen und dem Feinschmecker geht das Herz auf.

Wenn Du aber nicht bloß ein Esser, sondern auch ein Kenner bist, so weißt Du, daß dieser schwarze Diamant unter den Edelsteinen der Tafel einen kleinen Roman hinter sich hat.

In fernem Lande grünte ein Eichenhain. Mit dem feinsten Wurzelgeflecht einer solchen Eiche verspann sich tief im Erdboden ein Schimmelpilz zu geheimnisvoller Gütergemeinschaft, von der heute noch nicht völlig klar ist, ob sie mehr auf gegenseitiger Liebe oder auf einseitigem Schmarotzertum beruht. Aus dem wohlgespeisten Pilzaderwerk aber erwuchs ein großer fleischiger Fruchtkörper, mit Sporen gefüllt. Sein Duft schwoll durch die Erde, daß die Schweine, die ihn verehrten, danach scharrten. Da die Sporen solcher Pilze durchweg nicht bei der Verdauung leiden, ist das Gefressenwerden für sie kein Schaden, es hilft nur zur Weiterverbreitung. Vielleicht ist der Duft, der das Schwein froh macht, ein wirkliches Lockmittel, wie die rote Kirsche mit ihrer leuchtenden Farbe zum Naschen und Weitertragen ihrer Kerne lockt. Der Mensch aber, der unleugbar in Gebiß und Geschmack mehrere Ähnlichkeiten mit dem Tierlein des heiligen Antonius verrät, nahm dem ehrlichen Finder seinen Fund ab, und versandte ihn für die Tafeln seiner schlemmenden Mitbrüder in aller Herren Ländern.

Das Land, wo der Erdenschoß solche Schätze einer Schweineschnauze beut, ist die alte Grafschaft Périgord im heutigen Departement Dordogne im südwestlichen Frankreich.

Gering wäre ihr Ruhm in der Welt, wäre die Trüffel nicht. Mit der Périgord-Trüffel geht er um die Erde, wie der Klang des Namens Teltow mit seinen Rübchen oder Frankfurt mit seinen Würstchen. Gegen solchen Ruhm aus dem Kochbuch ist schwer mit anderen Werten anzukämpfen, wie denn ganz gewiß schon manche naive Seele von Frankfurter Würstchen gehört hat, nicht aber von dem Frankfurter Goethe.

Der Trüffel-Kenner aber soll doch als wirklich feiner Kenner, der auch seinen Goethe zu schätzen weiß, über seine Tafelfreude hinweg heute sich erinnern an die wahrhaftig wunderbaren Schätze, die diese gute Landschaft Périgord in ihrem Boden birgt, -- Schätze, die zum oberen Geistesstockwerk der Menschheit gehören, dort, wo eben dieser Goethe auch hingehört, und die an Geisteswert für unser edelstes Menschentum doch noch etwas wertvoller sind als die dreißig Millionen, die unsere welschen Nachbarn alljährlich am Trüffel-Handel verdienen.

Zum Fluß Dordogne geht als Seitenader die Vezère, selbst wieder gespeist von kleineren Wässerlein.

Dieses Vezère-Netz bildet liebliche Täler im Kalkfels. In diesem Fels seiner Talwände aber liegen Höhlen. In diesen Höhlen haben in entlegenen Tagen, jenseits aller unmittelbaren geschichtlichen Überlieferung, Menschen gehaust.

Ob diese Menschen schon Trüffeln gesucht, wissen wir nicht. Was wir aber wissen, ist, daß sie die höchste und freieste Tätigkeit werdenden Edel-Menschentums schon gesucht und gefunden haben: Kunst.

Kunst -- in Tagen, da noch das Mammut ein Charaktertier der französischen wie der deutschen Landschaft war!

Lange schon ist von den Tierbildern die Rede gewesen, die, eingeritzt in Rentierhorn und Mammutelfenbein, in diesen Périgord-Höhlen entdeckt sein sollten. Heute kommt die fest bestätigte Kunde von Funden, die alles Kühnste in Schatten stellen.

Höhlen sind erschlossen, eng wie ein Flaschenhals, aber auf ihren Wänden bedeckt mit einer ganzen Gemäldegallerie der wundervollsten Tierbilder, zum teil in Meter- bis Zweimeter-Größe, zum teil in Farben, -- prähistorischen Tierbildern von prähistorischer Künstlerhand.

Das Mammut ist dabei.

Was keine Denkmalstradition der großen alten Kulturen, mit denen unsere „Geschichte“ anhebt, mehr erreichte, das haben wir nun endlich ganz sicher, mit einer Fülle der Details, die niemand je erwarten konnte.

Es ist ja eine Kenntnis, in die sich das 19. Jahrhundert erst ganz langsam überhaupt eingewöhnt hat: daß uns Tiere noch innerhalb der Zeit des Menschen verloren gegangen seien; und daß dieser Mensch selber uns gelegentlich durch Kunstmittel noch etwas davon gerettet haben könnte.

Als es allmählich eine Tatsache von betrüblicher Unwiderleglichkeit wurde, daß der große seltsame taubenähnliche Vogel Dronte, den die Expedition des Vasco da Gama 1497 auf der Insel Mauritius in ungeheuren Scharen entdeckt hatte, in der Zwischenzeit bis auf den letzten Kopf wieder ausgerottet sei, ohne daß man auch nur ein Museumsexemplar für die Naturgeschichte übrig habe, -- da fing man an, alte Gemälde zu durchsuchen, auf denen die holländischen Zeitgenossen allerlei Getier abkonterfeit. Und richtig: auf alten „Paradiesen“ des 17. Jahrhunderts stand bei anderm Geflügel auch die Dronte noch, in jedem Federchen treu kopiert mit dem ganzen Realismus der Niederländer und ihrer Liebe grade für groteske Gesellen.

Als es desgleichen offenbar wurde, daß wir den Auerochsen falsch getauft hatten und daß auf diesen Namen in Wahrheit ein gewaltiges deutsches Tier, der echte Ur, stillschweigend irgendwo um das sechzehnte Jahrhundert herum verschollen sein müsse, -- da kam abermals hier ein alter Holzschnitt, dort ein mit „Tur“ gezeichnetes altes Ölgemälde zu Ehren, die den Verlorenen wenigstens noch mit seinem schwarzen Fell und seinen flach ausgezogenen Riesenhörnern für unsere Phantasie retteten.

Das Tierbuch des trefflichen Gesner hat uns den deutschen schwarzen Mauer-Ibis bewahrt, den Waldrapp, der einst unsere Ruinen umflog.

Für unsere Enkel wird es not tun, daß wir unsere Bilder des südafrikanischen Quagga-Pferdes, unsere Photographien der letzten Bisons und der letzten Riesenschildkröten an einem recht sicheren Ort niederlegen, denn lebend werden sie diese ~Morituri~, diese Zusammenbrechenden, auch nicht mehr zu sehen bekommen.

Die Frage war nur, wie weit man mit solchen zoologisch-historischen Streifzügen auch in die ältere und älteste Kunst zurückgehen könne.

Sachlich wurde ja der Boden dort immer interessanter. Je weiter in die graue Vergangenheit, desto mehr Wahrscheinlichkeit, daß der Künstler von damals noch von zoologischen Pracht- und Schaustücken wußte, die uns längst nicht mehr zu Gebote standen.

Und an wunderlichen, höchst fremdartigen Tierformen war in der Tat in der älteren Kunst immer weniger Mangel, -- nur fingen sie alsbald an, etwas +zu+ wunderlich zu werden. Da kamen die Sphinxe und Greife und Chimären, die Einhörner und Basiliske, die Drachen und Midgardschlangen. Sollte man zu alledem wirkliche Urbilder suchen?

Wir haben aus ganz neuester Zeit wohl ein hübsches Beispiel, wie vorsichtig man im Ablehnen auch hier sein muß. In Afrika wurde da das merkwürdigste neue Säugetier der letzten Jahrzehnte entdeckt: das Okapi, ein großes Huftier, äußerlich einer Antilope ähnlich, an den Beinen schön schwarzweiß gestreift wie ein Zebra, im Knochenbau aber das Allerunerwartetste: nämlich ein Verwandter zu der bisher völlig im System vereinsamten Giraffe und zwar ein noch lebender Sproß eines giraffen-ähnlichen Geschlechts, das in der Tertiär-Zeit bei uns in Griechenland existiert hatte und aus Knochenfunden von dort längst bekannt war. Nun denn: dieses Okapi, das uns nächstens hoffentlich unsere zoologischen Gärten vorführen werden (ich gönnte unserm so verdienstvollen Berliner Direktor Heck wohl die Priorität dabei!), haben die alten Ägypter schon auf ihren Denkmälern völlig kenntlich dargestellt, -- natürlich wußte bis vor kurzem kein Forscher diese „Hieroglyphe“ zu deuten, da wir ja selber das Tier nicht hatten.