Part 22
Das Jahrhundert der Dampfmaschine und des Telegraphendrahtes, Darwins und der beginnenden Umwandlung des alten Christuswortes von der Nächstenliebe in reale soziale Tat -- es hat mit seiner „Wirklichkeit“ in Wahrheit Berge versetzt, Berge, an denen sich der Strom der Menschheitsentwickelung gestaut hätte, wenn nicht eine Hand sie endlich wegriß und die Wasser schäumen ließ.
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.... Aber es wird kein Kind geboren, auch kein Heiligenkind, ohne daß edles Mutterblut dabei verströmte.
Jede große Entwickelungserweiterung der Menschheit, bei der ein neues Flußbett sich gräbt, hat seine gewissen Züge auch des Dammbruches, der Überschwemmung, der entfesselten Gewalt, die Fruchtbäume bricht und Ackerboden verschüttet.
Auch in der größten Tat des Genius erscheint unabänderlich der Erdenrest bestimmter Unterdrückungen, Vergewaltigungen, Übertreibungen.
Im Grunde, wenn man tiefer blickt, ist dieser scheinbare dunkle Fleck eigentlich nichts anderes als der schwarze Schnittpunkt der Entwickelung selbst, die auch in der erhabensten Leistung nicht ganz erfüllt, nicht ganz zum Stillstand gebracht sein darf, sondern ihre Ecke behalten muß, wo sie auch diese Leistung wieder zersetzen, wieder überwinden wird -- zum Nutzen des unablässigen Weiterganges.
Auch das neunzehnte Jahrhundert hat diesen Schnittpunkt. Und es hat ihn genau mitten in dem, was seine Größe ausmacht: in dem Begriffe der „Wirklichkeit“. Dieser Begriff ist seine Sonne -- aber es ist auch sein größter Sonnenfleck darin.
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treten mit dem wachsenden Bewußtsein von jener großen Fügung auch ganz allgemach die Spuren einer gewissen Verschiebung auf.
Der Begriff Wirklichkeit nimmt in einer Menge von Köpfen eine eigentümliche Schwere an.
Er bekommt etwas von einem Block, der sich nicht mehr recht bewegen lassen will, der selber wieder lastet, drückt.
Die Wirklichkeit hatte zu solchem Triumph geführt, eröffnete solche Glücksbilder. Wie nahe lag es, sie für das +einzige+ zu erklären, was für den Menschen überhaupt in Betracht kam, was +Wert+ für ihn besaß!
Wir erinnern uns jener Grunddefinition: daß „Wirklichkeit“ eine Auslese der für viele, eventuell alle Menschen gemeinsamen Erlebnisse darstelle.
In dieser Definition ist noch kein Werturteil enthalten, was besser sei: diese sozialen Erlebnisse in ihrer Ganzheit oder der Rest des tausendfältig Subjektiven, der daneben schwimmt, ohne aufgelöst zu werden, all der individuellen Erlebnisse, die jeder zunächst für sich hat ohne Parallelen bei andern.
Höchstens konnte man sagen: die Wirklichkeit wurde jedenfalls etwas zweiten Grades, -- eben als Auslese.
Jetzt aber wird der Spieß umgekehrt.
Die Frage taucht auf, ob das Subjektive nicht bloß ein wertloser Rest, etwas Überzähliges ohne Sinn sei?
Die Wirklichkeit allein das echte Erlebnis, das erlebenswerte!
Das Subjektive dagegen, das mit ihr nicht zusammenfällt, bloß ein gleichgültiges Schaumgekräusel -- Schnitzelwerk des Erlebens, das nebenherlaufend nicht immer zu vermeiden ist, aber jedenfalls eine Luxusproduktion darstellt!
Ja, war es bloß die?
Der Schritt in der Logik ist äußerst klein vom Wertlosen zum Widerwärtigen, zum Schändlichen.
Man hatte so deutliche Beweise, wo das Subjektive geschadet hatte, indem es das Wirkliche fälschte, zum Beispiel in religiösen Dogmen.
Der eigentliche Schaden hatte zwar strenggenommen in solchen Fällen immer in der blinden Tradition bestanden, in der Nachlässigkeit, die Subjektives für allgemeine Wahrheitswerte einfach leichtfertig hinnahm, und in der Autorität, die solche Verwirrungen heiligte und gewaltsam durchdrückte.
Aber war es nicht doch die nackte Existenz des Subjektiven in der großen Menschheitsrechnung gewesen, die den Anlaß gab, daß dergleichen überhaupt in Szene treten konnte?!
Jede Zeit hat ihren Versucher, der als kleines Schlänglein hinter dem Apfelbaume hervorkriecht. Für das neunzehnte Jahrhundert steckte er in dieser harmlosen Frage. Es kroch eigentümliche Wege, das Schlängelchen, aber mit der ganzen schwarzen Teufelslogik.
Alles Subjektive, das nicht in das Gemeinsame paßte, war also tauber Schuß, Rankenwerk, das besser abgeschnitten wurde.
Man vergaß, daß das Subjektive tatsächlich der große Nährboden war, aus dem alles zunächst einmal wuchs und gewachsen war, auch das „Wirkliche“.
Man vergaß, daß dieses Wirkliche in keinem Moment etwas Absolutes war, sondern unablässig nur ein schwankendes Lichtfeld innerhalb der subjektiven Erlebnisse bildete, in das beständig Neues aus der subjektiven Masse einwuchs und aus dem schon Aufgenommenes beständig wieder austrat.
Man vergaß, daß man im Subjektiven den wahren seelischen Boden berührte, der dem Antäus die Mutterkraft gab -- während das „Wirkliche“ sich immerzu einem rein objektiven Werte näherte, für den man in dem Denken wenigstens, das das neunzehnte Jahrhundert nach seiner großen Religionskrisis beherrschte, keinerlei höhere seelische Einheit zur Verfügung hatte.
In der ganzen zweiten Hälfte des Jahrhunderts sinkt in der allgemeinen Auffassung des Menschen überall das Individuum.
Die „Wirklichkeit“, dieses Gemeinsame der Individuen, gewinnt einen Zug, bei dem das Einzelne als das sozusagen Überflüssige erscheint.
Sie +umfaßt es+.
Eine Null ist es schließlich vor ihr. Seit man seine Geschichte mit Werten in ihr belegen kann, scheint sie von allen Seiten ganz um ihn herumgewachsen zu sein.
Philosophisch kräuselte sich das zu dem Gedanken aus: sie +ist+ überhaupt bloß.
Der einzelne Mensch ist lediglich eine Welle in ihr. Sie dauert, er vergeht. Allerdings ist sie bloß eine ungeheuere Maschine, gleich den Sozialorganen des Menschen. Aber diese Maschine eben ist das eigentlich Seiende. Die Menschen sind nur in ihr geborene und wieder zerstörte Spiegelplättchen.
Allmählich sinkt das ganze Aktive der Welt mehr und mehr in diese gemeinsame Wirklichkeit.
Der Mensch ist nur noch Passives.
Er liegt in einer ungeheueren Maschine.
Sie treibt heute ihren Dampf in ihn und läßt ihn laufen. Morgen wirft sie ihn auf den Schwungriemen und wirbelt ihn gegen die Decke.
In diesem Jahrhundert grandioser technischer Werkstätten nimmt auch dieses Bild grandiose, monumentale Formen an.
Aber in seiner philosophischen Konsequenz muß es zu einem Pessimismus der schärfsten Färbung führen: dem Pessimismus, der in allen Kulturjahrtausenden immer wieder die Reaktion des Individuums gewesen ist, das von einer Weltanschauung wie eine Schnecke im Weinberg zertreten wird.
Und dieser Pessimismus wird tatsächlich doch nur verdankt einem falschen erkenntnistheoretischen Schachzuge.
Das Jahrhundert beginnt sich seinen schönsten Zauberstab, die „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen, zu versteinern, zu entwerten, zu einer Geißel gegen sich selbst umzuübertreiben.
Das aber einmal in voller Gährung, fließen die Wellen jetzt unaufhaltsam auf der schiefen Ebene ab, den Rest des Jahrhunderts mit ihrem Rauschen durchhallend.
Aus dem wundervollen neuen Menschen, den uns das Jahrhundert aus Nebelflecken und Urzellen gezogen hatte, diesem Menschen, der einen Kosmos um ein Paradiesgärtlein eingetauscht hatte, der auch in der schlichtesten Arbeiterbluse fortan ein Sonnensohn war, dessen Adelsbaum bis in die Milchstraßen ragte: aus diesem unsagbar prächtig vergrößerten Menschen ging in der Logik der falschen Doktrin auf einmal der „Normalmensch“ hervor, ein kleines spaßhaftes Philisterlein mit einer Nummer vor der Stirn, der nicht zu mucken, sondern nur zu folgen hatte.
Dieses Menschen-Maschinlein war der Mensch, ausgemünzt bloß noch auf die bestehenden Allgemeinwerte hin, unter absolutem Niedersäbeln jedes subjektiven Lebens als einer „Schädlichkeit“.
Von einer blinden Vergottung der heute gerade errungenen Wirklichkeitswerte aus wurde dieses Menschlein zurückgezahlt als erstarrte Schablone, die jetzt in die Praxis allenthalben hineingepreßt werden sollte.
Es war die Entwickelung, die sich selber den Ast absägte, die Quelle verstopfte, den ewigen Jungbrunnen zuschüttete.
Denn mit der Nichtigkeitserklärung den ganzen rein subjektiven Werten gegenüber erstickten alle die Keimkristalle des Fortschrittes in der Erweiterung des Wirklichkeitsbildes, die unablässig in dieser großen Mutterlauge des Subjektiven anschossen.
Jede große Allgemeinwahrheit war einmal in einem einzelnen Kopf als heterogene, als ketzerische Subjektivität geboren, jede Allgemeinnützlichkeit an einem subjektiven Leibe zuerst erprobt worden. Aber was sollte das, wenn man alles Aktive in diesem nachgeborenen Produkt, in der schon bestehenden „Wirklichkeit“ selbst suchte, anstatt in den Individuen mit ihren Subjektivitäten, die unablässig neues Material aus ihrer Aktivität heraus zur Auslese des sozial Passenden ins Feld warfen?
Der Normalmensch wuchs wirklich für die Theorie sieghaft auf, so und so viel tausend und tausend Spiegelplättchen, alle auf dieselbe omnipotente „Wirklichkeit“ eingestellt und nur gemessen auf die Korrektheit dieser Einstellung.
Wer im genauesten Winkelmaß ziffernmäßig eingerenkt stand, -- der war „gesund“.
Jede subjektive Abweichung aber war -- Krankheit.
Obwohl alle letzten Gedankengänge, die schließlich bis hierher geführt hatten, falsch oder wenigstens übertrieben waren, so tritt doch auch darin noch die Größe des Jahrhunderts hervor, daß die Verfolgung dieser Dinge jenseits des schlechten Punktes eine so gewaltige Logik entwickelte, daß schon das allerstärkste Bollwerk nötig wurde, um sie endlich doch zum Falle zu bringen.
Es liegt aber ein solches Bollwerk tatsächlich inmitten des unendlich schwankenden Halbdunkelgebietes des „Subjektiven“ -- und zwar sind seine Zinnen von alters in ihrer ganzen Cyklopenkraft bekannt.
+Es ist die Kunst.+
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Auf einem Höhepunkte der Verwickelung mußte die Kunst das Ilion werden, vor dessen Mauern der große Kampf zum Stillstande der Entscheidung kam.
Der Kampf zwischen der versteinerten, vergötzten „Wirklichkeit“ -- und dem Aktiven in der Subjektivität, das neue Werte schuf und den ewigen Fluß, die ewige Relativität, die ewige Entwickelung vertrat jenes Ausschnittes aus dem grundlegenden Gesamtergebnisse der Menschheit, den wir „Wirklichkeit“ nennen.
Die Kunst nimmt in dem Gegensatze zwischen Subjektivem und Sozialem, zwischen der großen Erlebniswirklichkeit und der engeren, gemeinsamen „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen eine so schlechterdings besondere Stellung ein, eine so raffiniert verwickelte Grenzstellung, daß jede Übertreibung hier ein Zwist auf Tod und Leben werden muß.
Nichts ist seltsamer, ist von gewissem Boden aus unwahrscheinlicher und ist doch tatsächlich wahrer als der Satz, daß in der Kulturgeschichte noch +jede+ Welle, die +vergewaltigend+ gegen die +Kunst+ anbrandete, schließlich +zerbrochen und verschäumt ist+, -- als sei hier der feinste Kern- und Schutzwert der Menschheit berührt, dessen Antastung jäh alle Alarmsignale auslöst und zum generalen Widerstande bläst.
Auch in der Auffassung des Ästhetischen läßt sich das neunzehnte Jahrhundert ziemlich gut auf seine zwei Hälften trennen.
Die erste Hälfte steigt herauf geradezu aus einer ästhetischen Hochblüte. Ästhetisch ist also förmlich aufdringlich zuerst noch ihre Grundstimmung.
Während die Naturforschung, die Technik, der Realitätssinn in der Stille schon die ganze Unterströmung beherrschen, liegt das Bewußtsein doch noch hell im ästhetischen Felde. An den ästhetischen Begriffen wird zunächst noch gemessen, was aus jener engeren Wirklichkeitswelt zufließt. Noch kann man von einer ästhetischen Weltanschauung reden, die selbst Naturforscher ersten Ranges beherrscht.
Aber in dieser Vorherrschaft ist sie allerdings schon in einer absteigenden Linie. Und der Umschwung wird in der zweiten Hälfte vollständig sichtbar.
Aus einem ästhetischen Wellenkamm ist nunmehr ein Tal geworden.
Jene Wirklichkeitsstimmung hat die Lichtgrenze des Bewußtseins allenthalben erobert. An ihr, an Wirklichkeitswerten, wird das Ästhetische des Tagesgebrauches jetzt umgekehrt gemessen. Und da alsbald noch mehr als das.
Indem die „Wirklichkeit“ in den Brennpunkt der Übertreibung tritt, erfolgt etwas, wovor am Ende des achtzehnten Jahrhunderts allen guten Köpfen gegraut hätte wie vor der Sünde wider den heiligen Geist.
+Die Existenzfrage der Kunst+ wird gestellt.
Die Berechtigungsfrage aus jenen Gedankengängen heraus.
Die Welle auf der schiefen Ebene hat die Mauer erreicht und platzt.
Von der einen Seite kommt eine Strömung, die sich wissenschaftlich nennt.
Sie wird eingeleitet durch eine gewisse allgemeine Stimmung.
Man weiß in bestimmten Kreisen mit dem Ästhetischen plötzlich nichts Rechtes mehr anzufangen.
Naturforscher einer ganz bestimmten Färbung, Techniker, Realpolitiker aller Art, echteste, auf beiden Beinen, wie sie glauben, unerschütterlich fest stehende Jahrhundertkinder, rufen nach Tatsachen, immer nur wieder Tatsachen. Tatsachen helfen, Tatsachen machen frei, gut, glücklich. Künstler aber geben keine Tatsachen in diesem Sinne. Ob die Kunst also nicht etwas ist, was sich auslebt, wie die Religion? Etwas Sanfteres, Ungefährlicheres, aber doch auch etwas Epigonenhaftes, Abblassendes, eine Kinderei und Jugendeselei der Menschheit?
Man konnte ab und zu sagen hören, daß der Mensch wirklich jetzt endlich und glücklicherweise aus den losen Kinderspieltagen und Phantasiezeiten heraus und in der Schule sei, wo es lesen, schreiben, rechnen und vor allem stille sitzen gelte. Wer auf die nützliche Schiefertafel dort, statt Rechenexempel zu schreiben, Männchen mit humoristischen Nasen malte, bekam Arrest.
So grob ist das allerdings nur vereinzelt ausgesprochen worden. Aber in der Zeitstimmung lag es.
Man las es zwischen den Zeilen, wohin man sah.
Und man wird die ganze Realperiode des neunzehnten Jahrhunderts nie verstehen, wenn man es da nicht mitliest.
Aus der Stimmung erwuchs dann ein +Angriff+.
Ein altes Aperçu Diderots sagte, die Narren, Lumpen und Genies kämen aus demselben Topf. Das wird eines Tages „naturwissenschaftliche“ Kunsttheorie. Es wird zum Urteil (im juristischen Sinne) über die Kunst.
Man hatte ja jetzt das Gesetzbuch dazu.
Jener famose Normalmensch gab die Grundlage.
Alle subjektiven Werte, die über ihn hinausfielen, waren Hallucinationen. Hallucination war aber etwas Delirisches, etwas Pathologisches.
Das ästhetische Schauen und Schaffen etwas Krankhaftes! Genie im ganzen, also auch Künstlergenie, eine Krankheit! Eine Spezialform des Wahnsinns!
Man behielt die Wahl, ob man den ästhetischen Menschen bloß als eine Spezies des Epileptikers auffassen wollte, oder ob man wenigstens eine besondere Irrsinnsgattung ihm zugestand.
Lombroso bevorzugte den Epileptiker, doch blieb das noch Problem.
Es war auch möglich, daß das Genie bloß eine Vererbungserscheinung im Alkoholismus war. Eine Erbsünde also vom Vater Noah. Der Zwist der „Forscher“ hierüber ist im neunzehnten Jahrhundert nicht beigelegt worden.
Einer dieser Irrenhaus-Ästhetiker betonte auch einmal, daß das Singen und besonders das Denken und Reden in Reimen ein spezifisches Symptom cerebraler Störungen sei; ich habe dabei immer an den armen Rückert denken müssen und wie gemeingefährlich dieser Patient ohne Zwangsjacke eigentlich gewesen ist, ohne daß seine leichtsinnige Umgebung es ahnte!
Gestützt wurde die Debatte mit einem Anekdotenkram ungefähr vom geistigen Niveau jenes treuen Schulpedanten, der auf die Frage, ob unter seinen Zöglingen auch einmal ein Dichter gewesen sei, antwortete: er habe wohl einmal ein solches Monstrum dabei gehabt, es sei aber wegen Faulheit zum Glück bald wieder aus der Klasse geflogen.
Dabei waren es äußerst ehrenwerte Männer, die diesen Weg gingen, ehrliche Sucher, die eine Versöhnung zwischen der Idee des Jahrhunderts und diesem widerspenstigen Dinge, Kunst genannt, ernstlich anzubahnen glaubten. Eine Versöhnung bloß durch die Guillotine.
Alles in allem war dieser theoretische Kreuzzug aber doch eine kleine Sache. So klein, daß man ihn eine Mode nennen könnte, obwohl auch er schon das ganze Jahrhundert in seiner Art in der Sackgasse hatte.
Ein Windstoß der echten, souveränen Kunst, und die Splitter stoben.
Diese Lombrosos waren keine Graalsritter. Sie waren nicht einmal edle Don Quixotes. Sie waren Hampelmännchen, Liliputchen, die den schlafenden Riesen zu fesseln meinten, indem sie an jedes Haar ein spinnwebedünnes Seil banden.
Nicht ihre Handlung gab den Ausschlag, sondern die des Riesen selbst.
Es war nämlich ein ungeheuerlich viel größeres Schauspiel, als eines Tages +die Kunst selber+ sich ergriffen zu zeigen schien von den neuen Schätzungen, den neuen Werten.
Sie paktierte nicht mit den Lombrosos der Theorie -- aber sie paktierte mit der Zeit, mit der Praxis, die auch diese Lombrosos trug.
Der Riese, dessen Befreiung von den lächerlichen Haarseilchen nur ein Ruck war, ein ärgerliches Kopfschütteln -- er öffnete auf einmal selbst seine Jacke und bot sein Herz.
Die Kunst selber stellte sich Auge in Auge mit der „Wirklichkeit“ und allem, was daran hing.
Und das jetzt wurde ein wirklich entscheidender Moment in der Entwickelung dieses Jahrhunderts selbst.
Die ausübende Kunst stand praktisch damals am Ende einer Krisis.
Es ist gar kein Zweifel, und ich finde, daß es auf alle Kulturländer im großen trifft: jenes langsame allgemeine Absinken der ästhetischen Epoche im neunzehnten Jahrhundert war Hand in Hand gegangen mit einem Wellental auch der unmittelbaren künstlerischen Kraft selbst.
So etwas ist schwer in Bausch und Bogen zu beweisen. Im Detail lassen sich hundert kräftige Sachen aus allen Kunstgebieten dagegen stellen. Aber es ist doch etwas daran wahr, das jeder sehen muß, der Höhenschau hat.
Vor der Kunstepoche, die überall, in der Malerei so gut wie in der Dichtung, die Epoche des Naturalismus heißt, liegt eine Einbiegung der Kurve, eine Epoche der Lähmung, des Tastens, des Zweifels, des bewußten teils und teils des unbewußten Epigonentums. Die Kraft versagt natürlich nicht ohne weiteres. Aber sie erscheint verzettelt, es fehlt die Frische des Entwickelungsbewußtseins, es fehlen all die lieben, grünen, aber triebkräftigen Symptome der Jugend.
In unserer deutschen Dichtung war es die Zeit, die, wie sie sagte, sich gedrückt fühlte durch Goethes Riesengestalt, die sich um Goethes Größe willen als Epigonenzeit fühlte -- und die doch ebendadurch charakterisiert war, daß sie Goethe am wenigsten kannte und seine wahre „Nachfolge“ immer mehr zu vergessen schien.
Es war in vieler Hinsicht eine kunstvergeudete Zeit, und es bedeutete ein Aufatmen, als sie, dank einer neue Generation, aufhörte.
Aber nun grade kam das ganz Sonderbare.
Diese neue Generation, geschwellt von frischer Tatkraft, war gesäet und aufgesproßt schon mitten im neunzehnten Jahrhundert. Dieses Jahrhundert in seiner ganzen Glorie wuchs über ihr. Es +hatte+ sie und es ließ sie nicht.
Und im Moment, da sie die nackten Prachtarme recken wollte, schmetterte es sie nieder mit seinem Generalworte: Wirklichkeit!
In ihrem ganzen Königsmantel stand die Zeit da.
Eine neue Zeit, mit Erfolgen, von denen der ganze uralte Palmbaum der Menschheit bis in seine Wurzel bebte.
Und das vor einer Kunst, die nach Neuem sich mit der Inbrunst erwachenden Frühlings, schleierloser Liebe sehnte.
Was tun?
Die Kunst hat Somnambulenaugen.
Sie sah nicht bloß schwirrende Räder, sie sah den Dingen ins Herz.
Sie sah die neue +Weltanschauung+.
In dieser Weltanschauung raste ein furchtbares seelenloses Grundwesen dahin, eine menschenfressende Maschine: die „Wirklichkeit“. Die einzelnen Menschen waren bloß noch Glasplättchen, die diese Maschinerie spiegelten, nichts weiter. Heute herausgestellt, daß sie blitzten; morgen zersplittert. Was war in diesem Schauspiele die Kunst?
In dieser jungen Künstlerschaft voll gährender Kraft war von Anfang an gewiß keine Stätte für Lombroserei. Man glaubte hier an die Größe der Kunst, wenn je. Groß war sie, wie der Mensch selbst. An der Spitze der Menschheit ging der schaffende Künstler, mit dem Banner dieser Menschheit in der Faust.
Aber wenn nun der Mensch, wenn die ganze Menschheit nichts andres war als ein bloßes Spiegelplättchen eines objektiven Mechanismus, ein Spiegelchen vor einer ungeheuren kollernden, keuchenden Maschine ... mochte die Kunst triumphieren im Menschen von Pol zu Pol seiner Existenz: +mehr als der Mensch+ konnte sie doch nicht sein!
Und so sank auch der Genius der Kunst in dem Augenblicke, da er seine Flügel ganz herumwarf um diesen Menschen, ihn umfing, ihn durchdrang wie eine Geliebte im äußersten Besitz: so sank auch er herab zur Rolle bloß noch eines Spiegelchens vor diesem Allmechanismus.
In dieser Stunde und vor diesem Gedanken ist nicht die Lombroserei, sondern die wirkliche künstlerische Idee in echten Künstlerköpfen geboren worden, daß die Kunst sich zu +erschöpfen+ habe in der einfachen +Wiedergabe+ der Wirklichkeit.
Die Kunst ist degradiert worden zu einer Kopistin dieser „Wirklichkeit“.
Aus einem Schöpfer, einem Entwickelungsfaktor der Welt zu einem Spiegel.
Nicht liliputische Männlein wie Lombroso standen, wie gesagt, an der Wiege dieser Idee. Stolze Hochgeister der Kunst beugten sich in der brennenden Liebe zu ihrem Jahrhundert einem versteinernden Gorgonengedanken dieses Jahrhunderts.
In der tiefsinnigen griechischen Sage schwingt sich der Pegasus aus dem Blute der Gorgo. Diesmal versank er darin.
Es macht die Betrachtung dieser Dinge schwer, daß sich eben jene beiden Fäden ineinander verspannen: eine neu ansteigende, praktisch wieder junge und lebensstarke Kunst überhaupt -- und eine falsche Kunstidee.
Jedesmal nämlich, wenn der Kunstgenius der Menschheit sich überhaupt besinnt, sich aufrafft, seine Kräfte zusammen nimmt -- jedesmal dann erscheint das ganz von selber wie eine Rückkehr zur Wahrheit.
Die innere Logik des Kunstwerkes scheint verstärkt, die Suggestion wird unvergleichlich gewaltiger, ein Gefühl der objektiven Reinheit des Schaffenden als eines innerlich Gebundenen, auf die innere Wahrheit Verpflichteten strömt wie von einer reifen Blüte aus.
Schleier des Nachgeahmten fallen, äußere Motive, mit denen jede Epigonenzeit die Kunst überwuchert, dorren plötzlich als Unkraut ab. Und ein Gefühl der Kraft, des Kraftstrotzens gibt unter allen Umständen einen realistischen Zug, die Kunst tritt wieder jung als Eroberer auf und wagt sich mit dem kecken Mute dessen, dem die Welt verheißen, in neue Provinzen dieser Welt. So ist einst Goethe selber gekommen -- als Wahrheitskünstler.
Auch diese Symptome werden nun immer merkbarer in der Kunst des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts.
Von hier aus blühte ein „Naturalismus“ in ihr auf, der aber tatsächlich nichts anderes war als ein Zurückbesinnen der Kunst einfach auf sich selbst, auf ihre echtesten, urältesten Rechte, auf ihren inneren Wahrheitsgeist im Gegensatze zur Pseudokunst, die bildet um äußerlicher, kunstfremder Zwecke willen.
Einen Triumph der Kunstnatur möchte man in diesem Sinne hinter das Wort deuten.
Die gesamte Kunstgeschichte seit grauen Tagen wandelt empor auf solchen Triumphen, die immer und immer wieder den Erdenstaub durchbrechen und das unsterbliche Leben der Kunst neu proklamieren auf dem dürren Acker einer Epigonenzeit.
Aber das alles hatte ganz und gar nichts zu tun mit jener spezifischen Wirklichkeitstheorie des Jahrhunderts, die eben nur dieses Jahrhundert so aus sich gebären konnte.
Wohl läßt sich sagen, daß so heroische Irrtümer, wie diese Wirklichkeitslehre, selbst als Irrtum einer kraftlosen Epigonenzeit nicht gelungen wäre.
Es bedurfte selbst zur Grundlage dieses großen Irrtums einer großen Kunst.
Nur eine Kunst, die den Weg ins Herz großer Weltanschauungsfragen überhaupt wiederfand -- und das ist immer Zeichen echter, ansteigender Kunst -- konnte sich so tief verwickeln in eine Übertreibung, einen Irrgarten eben der modernen Weltanschauung hinein.
Aber darum bleibt Irrweg Irrweg.
..... Ich glaube nun aber, daß die Kunst auch hier grade die tiefste Mission erfüllt hat.