Part 21
Was aber da rasselt und rauscht und glüht, das sind neue Nerven, neue Muskeln des Menschen, soziale Muskeln, die als Dampfhammer niederdröhnen, als Dynamit den Granitberg sprengen, soziale Nerven, die als Kabel von Kontinent zu Kontinent durch schwarze Meeresschlünde leiten, das sind Leuchtorgane des millionenköpfigen Kollektivwesens Mensch, Blitzorgane, ins Erdumwälzende vergrößert aus jener schwachen Kraft, die den Zitteraal Venezuelas seine elektrischen Schläge austeilen läßt. Im Zeichen des Sozialorgans wehen bis in jeden Winkel die Fahnen dieses Jahrhunderts, und alles, was in ihm lebt, von der steilsten Schneehöhe des reinen Denkens bis in den tiefsten Meeresazur der Kunst: es fühlt das Fächeln dieser Fahnen über sich.
Und dazu nun eine zweite Welle, auch sie sich rapid steigernd auf das neunzehnte Jahrhundert zu. Der anderen parallel, oft zum Verschmelzen eng.
Der soziale Zusammenschluß der Menschheit als solcher.
Auch das rauscht durch die Jahrtausende.
Zuerst die einfacheren Hilfszusammenschlüsse bis zum Volke. Dann der Begriff des auserwählten Volkes: des Kulturvolkes, der Kultur überhaupt.
Im Orient zuerst, dann bei den Griechen, dann das Mittelmeer umfassend, endlich im Lichtfelde ganz Europas, als liege hier allein fortan das Aufmerksamkeitsfeld des Menschenbewußtseins im großen. Eine bevorzugte Menscheninsel, die Kulturinsel. Unabsehbar um sie, die Erdscheibe überflutend, der rohe Ozean des Halbmenschentums, des Barbarentums.
Aber kaum, daß sich das konstituiert hat, so gebiert auch diese Kultureinheit schon mit innerer Notwendigkeit das Ideal einer noch höheren Umfassung: die Idee einer wirklichen „Menschheit“. Jener ganze Ozean saugt die Kultur wie eine Farbe, die von einem Fleck ausgeht, in sich ein, durchfärbt sich damit.
„Menschheit“ fällt zusammen mit „Kultur“.
Das letzte ist nun schon ein Begriff, den wir selbst erst werden, erst wachsen sehen, blaue Berge vor uns, halb im Nebel noch. Aber in die große Linie ordnet sich die Arbeit von Jahrtausenden auch hier stufenweise ein.
Im Grunde ist dieser soziale Gesamtzug die umfassendere Leistung gegenüber der Technik, der Ausbildung bloß des sozialen Organs.
Dieser allgemeine Sozialverband der Menschen zum Zweck gemeinsamen Wirkens, gemeinsamer Behauptung, gegenseitigen Schutzes, gegenseitig gewährten Glückes umspannt viel mehr als bloß den Sozialanteil an technischen Erfindungen -- viel mehr Säulen des Menschengeistes.
Das sagt ja das Gesamtwort Kultur schon, das zugleich das Gemeinsame und das Tiefe ausspricht.
Aber in bestimmter Betrachtung ist doch auch wieder jede große technische Fortschrittsepoche ein Ausgangspunkt dieser allgemeinen Sozialfortschritte.
In den Tagen zwischen Columbus und Galilei ist es, als lege sich eine ganze neue Quader unter den Begriff Kultur. Der Kulturmensch ist fortan der, der gedruckte Bücher besitzt, mit Fernrohr und Mikroskop beobachtet. Noch ist das im wesentlichen damals der europäische Mensch. Man denkt an den Spanier, den Portugiesen, der über Meer fährt und zu nackten Wilden kommt. Aber eben solche Fahrt, ermöglicht durch technische Hilfen, wie Schiff und Kompaß, ist zugleich eine Geburtshelferin jenes erweiterten Kulturbegriffes, der an keinem einzelnen Erdteil mehr haftet. Indem die Kultur Europas nach Amerika überfließt, geht in jenem Bilde ein Farbstreifen quer durch den Ozean. Eine halbe neue Erdkugel wird die Kultur einsaugen. Auf den Schiffen der Columbus und Magelhaens steuert der Idealbegriff einer Kulturmenschheit, in der es überhaupt keine Wilden, keine Barbaren mehr gibt, als blinder Passagier mit.
Mit seinem Triumph der Technik war dem neunzehnten Jahrhundert schon ganz von selbst vorgezeichnet, daß es auch ein soziales Jahrhundert ersten Ranges werden mußte.
Immer bewußter, hell wie die blauen elektrischen Lichtbänder dieses Jahrhunderts, tritt die Kultureinheit hervor.
Schon seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mindestens geschieht kein größeres Werk mehr, ohne daß wir uns direkt mit Worten dieser Einheit dabei erinnerten.
In einer Welt, die noch unter Kriegsschrecken bebt und in tausend Ketten knirscht, klingt das Wort wohl oft wie eine Phrase. Aber in solcher Phrasenform sind alle großen Ideale auf Erden millionenmal und siebenmillionenmal aufgetaucht -- bis sie endlich doch ein Lebenswort wurden.
Es ist aber eben jenes achtzehnte Jahrhundert gewesen, das dem neunzehnten noch ein weiteres soziales Ferment übermittelt hat.
Jenes Bild der älteren Kultur, die auf einer Insel sitzt, weithin um sich das finstere Meer der Barbarei, des kultursozial noch nicht angeschlossenen menschlichen Rohstoffes, hat noch eine andere Bedeutung als bloß eine geographische, bei der Europa die Insel ist.
Es findet sich zum zweiten Mal wieder innerhalb unserer Kulturvölker selbst.
Da ist ein enger Stand zunächst, der die Bildung, das soziale Werkzeug, all das andere, Tiefere, Vergeistigte, was die Kultur sonst noch ausmacht, besitzt und die Glückssonne dieser Errungenschaften über sich leuchten läßt.
Um diesen Sonnenstand aber nach unten wogt abermals ein ungeheures Meer nackter, hilfloser, isolierter Feuerländer und Australneger unseres eigenen Volkes.
Auch nach hier hinab hebt nun eine Mischströmung an, auch in diesen Ozean stößt Schiff um Schiff allmählich ab, um Farbströme hinter sich herzuziehen, bis eines Tages auch diese ganze Barbarensee die Kultur aufgesaugt haben wird und ihrer Vorteile teilhaftig ist.
Wir haben uns gewöhnt, die Arbeit nach dieser Richtung im engeren Sinne als das soziale Problem zu bezeichnen. Und es braucht nicht mehr gesagt zu werden, mit welcher wachsenden, orkanartigen Intensität das neunzehnte Jahrhundert das Jahrhundert dieses sozialen Problems gewesen ist. Und es braucht auch nicht das Allbekannte erzählt zu werden: wie gerade das soziale Organ, die Maschine, auch hier die Felsblöcke in krachenden Sturz gebracht hat, allerdings in besonderer Weise. Nicht die Geschichte dieser Dinge berührt mich ja hier, sondern das Gesamtantlitz, das sie dem Jahrhundert geben.
Auf das Soziale deutet dieses Antlitz im neunzehnten, wo immer es uns anstarrt.
Es sieht nicht den Menschen, sondern die Menschen.
Und wo sich ein einzähliges Wort ihm dennoch auf die Lippe drängt, da ist es ein Idealwort, geschmiedet aus fünfzehnhundert Millionen Köpfen: -- +Menschheit+.
Wo dieses bis in jede Faser sozial durchfärbte Jahrhundert Weltenwerte, Erlebniswerte wog und für seine Bedürfnisse aussonderte: da war es, da mußte es sein jene Auslese der Erlebnisse, die sozial gemacht werden, -- also der „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen.
Das Blut, von dem es trinken mußte, um zu leben, um nicht ein leerer Schatten zu sein, rann ihm hier zu.
Wirklichkeit! Wirklichkeit!
Aus den Myriaden individueller Sondererlebnisse durchgesiebt die übereinstimmenden, die sozial brauchbaren, die, bei denen man Mensch mit Mensch packen konnte.
Und als brächte der Ruf, das Verlangen danach selber das Blut zum Strömen, so strömte und strömte dieses rote, nahrhafte, verbindende Blut der Wirklichkeit nun auch diesem Jahrhundert tatsächlich wie aus unerschöpflicher Ader zu.
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Dem neunzehnten Jahrhundert glückt es, Dinge in den Bereich der Wirklichkeitswerte ganz oder doch nahezu hineinzuziehen, an deren Wirklichkeitsmöglichkeit selbst die aufgewecktesten Kulturepochen in sieben Jahrtausenden nicht in kühnster Hoffnung gedacht hatten.
Ein prachtvoller Eroberungszug bemächtigt sich des Menschen +selbst+.
Zum erstenmal entsteht eine eigentliche +Naturgeschichte des Menschen+. Und im Rahmen dieser Naturgeschichte eine erste auf Tatsachen, auf Wirklichkeiten gestützte „wahre“ Geschichte.
Über den Ursprung der Menschheit enthüllen sich schlechterdings neue Dinge, die jeder fortan greifen kann. Es ist das Problem aller Probleme, die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, die mit diesem Punkte berührt ist. Das Centralgeheimnis aller Erlebnisse, der Blick ins eigene Sein.
Seltsam genug: gerade die Geschichte, der Ursprung des Menschen hatte bis in dieses Jahrhundert hinein mit einer zähen Hartnäckigkeit außerhalb der sozial kontrollierbaren „Wirklichkeiten“ gelegen.
Der biblische Mensch, der Mensch der uralten babylonisch-jüdischen Schöpfungslegende herrschte für diesen Punkt, und er beherrschte von hier aus das Bild des Menschen überhaupt.
Dieser biblische Mensch reichte seiner eigenen Schöpfung im Menschengeist nach aber in Zeiten zurück, die an Wirklichkeitswerten und an Sehnsucht nach solchen noch unendlich viel ärmer gewesen waren als auch nur etwa das Jahrhundert des Columbus.
Einzelne objektive, von vielen erlebte Tatsachen mögen ja immerhin bei seinem Uranfang mitgewirkt haben. Der Glaube an die Sintflut hat zweifellos an die versteinerten Muscheln auf Berghöhen angeknüpft, die man anders nicht zu erklären wußte. Die Entstehung des Menschen aus einem Lehmkloß schloß sich an die angebliche Beobachtung, daß kleine Tiere, Flöhe, Maden und Mäuse, unmittelbar aus toter Substanz hervorzukommen schienen.
Aber diese Erfahrungen traten später so gut wie ganz in den Hintergrund. Der biblische Schöpfungsmythus lebte fort einfach als Überlieferung. Irgend einem, etwa Moses, sollte das so offenbart worden sein. Dieses innere Erlebnis wurde aber sozial gemacht, zu einem Erlebnis für alle, also zu einer „Wirklichkeit“ gemacht nur durch eine Art Machtgebot, eine künstliche +Sanktion+.
Glaube wurde verlangt, Beweise nicht mehr für nötig erachtet.
Und anderthalb Jahrtausende hielt sich das wirklich so in einer notdürftigen Balance.
Aber jene innere Logik der Dinge, die alle Sozialwerte, auch die scheinbar fest errungenen, immer wieder durchsiebt, mußte langsam endlich durchsickern lassen, wie sehr in diesem überlieferten Glaubenswerte die Gefahr eben doch einer +bloß+ subjektiven Annahme, sagen wir: einer Hallucination, steckte. Mochte es die Hallucination einer ganzen Kulturepoche sein. Auch solche werden, wie gesagt, schließlich ausgemerzt, wenn die Kultur weiter steigt.
Um den Sozialwert der biblischen Menschengeschichte und Menschenauffassung dauernd und in immer wirklichkeits-energischere Zeiten hineinzuretten, mußte man ihn schließlich doch mit gewöhnlichen Wirklichkeitswerten wieder zu stützen versuchen.
Der Glaube suchte endlich doch einen Halt bei der Forschung.
Es ist aber im ganzen achtzehnten Jahrhundert schon ein öffentliches Geheimnis der besten Köpfe, daß dieser Rettungsversuch scheitern müsse.
Es war unmöglich, wirkliche Tatsachengründe, die jeder greifen konnte, für die Bibeltradition zu finden.
Der biblische Gott in seiner Gestalt eines bloß vergrößerten Übermenschen, Adam und Eva, das Paradies, der Sündenfall, Noahs Arche in der Flut, sie verschwebten im Blau, unfaßbar, ohne Akten und Siegel im Sinne sonstiger greifbarer Tatsachengeschichte, im Sinne von „Wirklichkeit“.
Dieses Ergebnis war ja zunächst ein rein negatives.
Und im Zeichen dieses Negativen steht das ganze achtzehnte Jahrhundert.
Die Bibel sinkt in die Rolle eines subjektiven Erlebnisses ohne Sozialwert, ohne Gebrauchswert für viele, hinab. Die wahre Geschichte des Menschenursprunges ist jetzt ein nacktes weißes Blatt.
Das Jahrhundert geht ins nächste mit Stimmen, die jede Möglichkeit anzweifeln, daß je noch Schrift der Wirklichkeit auf dieses Blatt kommen werde. Ist all das bunte Märchenspiel seiner biblischen Wiege dem Menschen ins Blaue verdampft -- so scheint sein Ursprung, scheint er selbst in seiner zeitlichen Dehnung rückwärts erst recht jetzt im Nebelblau des absolut Unbekannten.
Das hier einsetzende neue Jahrhundert aber bringt gerade das Unerwartete: den Bruch grade dieses Geheimschlosses nun doch durch die Wirklichkeit.
Die Technik wieder ist es, die den Spaten gibt.
Der Spaten wird eingesetzt -- und jetzt kommen Erlebnisse realster Art zustande, Erlebnisse für alle, die der Kultur angehören.
Ein solcher Spaten ist das künstliche Auge des Fernrohres, das in die Nebelflecke schaut. Das Thermometer, das die Wärmeverhältnisse des Alls mißt, eine verfeinerte Haut gleichsam des Menschen. Das Spektroskop, ein nochmals neues, chemisches Auge, das Sternenlicht in seine Elemente zerspaltet.
Jedes dieser erweiterten Sinnesorgane eröffnet erweiterte Wirklichkeitswerte.
Im unendlichen Raume erscheint die Urmaterie nebelhaft zerstreut. Sie glüht auf als Fixsterninsel. Als Sonne. Diese Sonne entläßt feurige Reifen, die sich zu Planetenkugeln aufrollen. Eine solche Kugel saust Trillionen Jahre lang im eiskalten Raume und sie erstarrt. Ein metallischer Eisblock, läßt sie sich nur noch von der Sonne erwärmen. Aber ihre Rinde wird das Spiel unzähliger chemischer Prozesse. Im milden Sonnenatem erhält sich der Sauerstoff, gemischt mit andern Gasen, als Luftschicht, verbunden mit Wasserstoff dauert er als flüssiges Meer. Dieses Meer umwogt Länder. Und so baut sich, schon eine Folge von Aeonen, die Urerde auf, noch einmal herausgesehen aus der heutigen Wirklichkeitswelt mit Hilfe jener gesteigerten Wirklichkeitsorgane der Technik.
Diese Technik wandelt aber wieder einen anderen Weg.
Zu den Gemeinsamkeitserfahrungen der Menschheit gehören gewisse Gesteinsmassen der Erde. In diese Gesteinsmassen dringen technische Organe vor, sie bohren Tunnels hinein für einen künstlichen Muskel- und Nervenstrang des Kolossalwesens Mensch, sie bauen die Steinkohle heraus, damit sie selber ein Leuchtorgan, ein Wärmeorgan dieses Menschen werde, sie tragen Schiefer Platte um Platte davon ab, um eine Form ihres sozialen Gedächtnisses, die Bilderschrift des lithographischen Druckes, damit herzustellen.
Dabei aber kommen neue Erfahrungen zustande: versteinerte Baumstämme, Abdrücke und Knochen seltsamer Tiere. Handgreiflich gemeinsame Erfahrungen, die, in öffentlichen Museen aufbewahrt, durch photographische Platten jenseits aller Hallucinationsmöglichkeit fixiert, von allen fünfzehnhundert Millionen Menschen der Erde gesehen werden können und den nachgeborenen Generationen ebenso unverändert erhalten bleiben.
In die Jahrmillion der Urwelt auf dem erkalteten Planeten zeichnen sich damit neue Bilder ein. Am Ufersande entlegenster Zeit regt sich gallertiges Gewürm. Durch die blaue Flut ziehen Schwärme bunter Medusen. Der Wind knattert durch die Schachtelhalmwälder sumpfiger Inseln. In diesem Sumpfe kriechen gepanzerte Molche auf dem feuchten Moosboden. Der Farrnwald wird zum Nadelgehölz. Gigantische Saurier, turmhoch auf den Hinterbeinen, watscheln hindurch. Der erste Vogel, noch mit einem langen Eidechsenschwanz hinter sich, flattert darüber. Dann ein Palmenwald in Sachsen, mit Affen und Antilopen. Urwaldfichten, deren Harztränen zu Bernstein werden. Groteske Dinotherien mit Walroßhauern bei Mainz. Ein Menschenaffe auf der schwäbischen Alb. Endlich Eisgletscher über ganz Norddeutschland, auf denen schwedischer Granit, als Moräne verfrachtet, bis nach Berlin rutscht.
Und jetzt in diese nie geahnten Wirklichkeitspanoramen eingehend -- der Mensch.
Eines jener neuen gemeinschaftlichen Werkzeugaugen, das Mikroskop, löst ihn in winzige Urelemente des Lebens, die Zellen, auf. Aus solchen Zellen baut sich auch jedes Tier, baut ich jede Pflanze. Aus einer einzigen Zelle, der Eizelle, entsteht geschichtlich als einzelner jeder Mensch. Auf Wesen, nur aus einer Zelle bestehend, läßt sich auch die ganze Fülle des Tier- und Pflanzenlebens auf Erden zurückführen, wenn man zu ihren geschichtlichen Wurzeln zurückgreift.
Die Fülle der Gesichte, über jene ganze Urwelt ausgebreitet, ordnet sich dann hintereinander.
Aus dem Niederen das Höhere.
Einzellige Urwesen am ersten Strand. Niedrige Pflanzen, später niedrige Tiere. Doch der Stammbaum wachsend, Ast um Ast, bis zur Rose, bis zum Säugetier. Und dieses Säugetier wird an einer letzten Stelle Mensch. Mensch nach oben -- nachdem es nach unten Eidechse, Molch, Fisch, Wurm wie Häute seiner Entwickelung durchgemacht und abgestreift hat. Noch im Säugetier steigt eine ganze Skala an, Schnabeltier, Beuteltier, zuletzt gibt es eine Gabelung, die hier den Affen entläßt, dort unaufhaltsam in den Menschen empor sich steigert. Nicht in einen Paradieses-Adam, sondern einen harten Kämpfer. Unter Eis stöhnt die Erde, als er noch jung ist. Der Höhlenlöwe brüllt vor seinem Versteck. Aber in diesem Versteck entzündet er sich die Herdflamme und bei ihrem Schein schlägt er sich den Stein immer vollkommener zur Waffe.
Hier hebt das andere, höhere Epos an: die Kultur.
Immer aber, in jedem Zuge, ist diese neue Schöpfungsgeschichte getragen von gemeinsamem Erfahrungsmaterial: von „Wirklichkeiten“.
Noch jetzt leben Tierformen vor jedermanns Blick, die bis zu jenen Einzellern hinunter seinen Ahnen gleichen.
Sein Embryo im Mutterleibe, der heute noch die Kiemenbogen des Fisches, das Wollkleid, die spitzen Ohren und den Schwanz des niederen Säugetieres wiederholt, steht im Museum.
Greifbar zieht ein Forscher gar aus einem Flußbett Javas die Hirnschale und den Schenkelknochen des Pithekanthropus, der halb Gibbonaffe und halb Mensch vor mehr als einer halben Million Jahren gewesen ist. An der Stätte, wo Goethe gewandelt ist, dicht bei Weimar, in den Kalktuffen der Ilm, speit der Boden Steinwerkzeuge aus, gemischt mit den von Menschenhand bearbeiteten Knochen des Elefanten und des Rhinoceros. Auf dem Felsen von Rüdersdorf folgt die Hand der Glättung und Ritzung des Gesteines, die dem alten Riesengletscher jener Eiszeit verdankt werden.
Nicht eine Hand bloß, von der dann die Tradition allein bleiben müßte wie einst von den Gesichten des mosaischen Schöpfungsdichters.
Hundert, Millionen Hände, immer wieder, wenn sie sich bloß die Mühe machen wollen.
Von „Wirklichkeiten“ ist diese neue Schöpfungsgeschichte umspannt, umklammert wie von einer Eisenhand.
Von Wirklichkeiten in eine ganz bestimmte, nicht mehr erschütterbare Gestalt gepreßt, schreitet der Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert.
Eine Kette klirrt hinter ihm her aus diesen Wirklichkeiten, eine eherne Nabelschnur, die ihn, wohin er auch schreite und was er nun sei, fortan rückwärts angeschmiedet hält an einem ungeheueren weltallsschweren Granitblock übereinstimmender Erlebnisse der Menschheit selbst über ihren Ursprung.
+Ein Jahrhundert, das einen solchen Triumph mit der Wirklichkeit erlebt hatte -- ist es ein Wunder, wenn es allmählich wie in Ekstase geriet vor diesem Begriffe?+
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Es läßt sich sehr gut verfolgen, wie das Jahrhundert zwei Phasen in sich durchläuft, was diesen Punkt anbelangt.
Grob kann man es genau auf seine Mitte, auf den Umschwung zu den Fünfzigerjahren, durchschneiden, um sie zu erhalten.
In der ersten Hälfte ist es, als seien Zwerge schweigend bei einer Nachtarbeit.
Blöcke werden noch geräuschlos aufgetürmt. Die Technik wächst langsam empor. Die erste Lokomotive dampft. Der erste Telegraphendraht spannt sich. Das zusammengesetzte Mikroskop beginnt zu arbeiten. Neue Wissenschaften blühen auf, alle mit der Färbung nach der naturwissenschaftlichen Seite. Das allgemein Soziale reckt sich und zeigt mehr und mehr Fühlung mit der Technik. Der alte Goethe stirbt schon mit dem Gefühle, daß eine neue Zeit dabei sei, sich zu erfüllen, eine Zeit der sieghaften Realwerte.
Aber bei alledem haben diese ersten fünf Jahrzehnte im ganzen doch noch etwas Intuitives, etwas dumpf im Mutterleibe Wachsendes, etwas bloß im dunklen Drange geradeaus Gehendes ohne Nachdenken.
Das eigentliche Bewußtsein all der Dinge blitzt erst mit der Wende zur zweiten Hälfte auf. Die Nebel fallen über dem Zwergenschlosse und es steht auf einmal da, vor aller Welt Augen, und es zwingt diese Augen zu sich.
Nach fünfzig Jahren stillen aber steten Ringens um die „Wirklichkeit“ kommt in den ersten beiden Jahrzehnten der zweiten Phase mit Übergewalt gerade jetzt auch jener stolzeste Eroberungszug wie eine reife Frucht: die neue Lehre vom Menschen, das neue Weltbild, aufgebaut auf Wirklichkeit. Lange schon hat diese Frucht ungesehen im dichten Laube gehangen, jetzt fällt sie, und ihr Poltern zieht die ganze bewußte Aufmerksamkeit auf sich. So und so viel noch fest Schlafenden fällt sie auf den Kopf -- und sie +müssen+ aufwachen, +müssen+ begreifen.
Um das Ende der Fünfziger und den Anfang der Sechziger erfolgt nach dieser Seite ein Hauptschlag um den anderen.
Die Spektralanalyse, die die Gestirne enträtselt.
Darwin.
Das Gesetz von der Erhaltung der Energie fest begründet.
Boucher de Perthes’ prähistorische Funde bestätigt.
Zum ersten Mal läßt sich der Faden einer Kosmogonie auf Grund von lauter Wirklichkeiten spinnen, wie es Haeckel in ewig unvergeßlicher Weise versucht hat.
Der Kampf gegen die Bibel, durch Strauß angebahnt, nimmt unter dem Druck dieses positiven Ersatzmaterials den Charakter eines Vernichtungskampfes an. Alles, was mit dogmatischer Religion zusammenhängt, kommt ins Bröckeln. Die Autorität der Tradition wankt in ihr im Verhältnisse, wie die Autorität der Wirklichkeit, das Vertrauen zur Wirklichkeit überall wächst.
Andererseits ist dieser gleiche Zug gegen die alte Autorität bloßer Überlieferungen im allgemein Sozialen wie ein Frühlingssturm merkbar.
Wie in der Philosophie, so in der Politik. Abkehr vom Phantastischen zugleich und minderer Glaube an alte Bücher, alte Titel, alte Verträge, zweifelhafte Dokumente von lediglich traditioneller Heiligkeit. Die wachsende soziale Bewegung sucht sich auf greifbare Realwerte hin neu, solider, weltgerechter zu ordnen.
Scheinbar fliegt eine ungeheuere Masse Pietät über Bord.
Aber in Wahrheit nur, weil eine einzige ganz bestimmte Pietät überwiegend, erdrückend, alles verschlingend geworden ist: die Pietät vor den „Tatsachen“, vor der „Wirklichkeit“.
Der darwinistische Mensch und der sozialistische Mensch reichen sich in diesem Pietätsgefühl brüderlich die Hand.
Und all diese Dinge, dieser ganze Zug der Zeit haben einen so greifbaren +Glücksinhalt+!
Es liegt wie ein großes Aufatmen in der Entlastung von soviel schweren Berglasten der Illusionen, Glaubenssätze, Vertröstungen, Subjektivitäten mit Autoritätsmacht. Das Feld für neue Entwickelungen scheint endlich wieder frei, und das Bewußtsein davon gießt junge Kraft in alle Adern.
Wo immer die Wirklichkeit resolut erfaßt wird, philosophisch, technisch, sozial -- es fließt und fließt ein überwältigender Strom von Glück zu.
All sein körperliches Glücksbedürfnis eines ungeheuer sinnlich kräftigen Organismus wirft das Jahrhundert nach dieser Seite, all seine brennende Seelensehnsucht.
Die Kirche sank, der Himmel schloß sich mit seinen Belohnungen, seiner außerweltlichen Bestimmung des Menschen, seiner unmittelbaren Gotteshilfe. Das ganze alte Gefüge der Autoritäten, Traditionen, Moraltafeln, privilegierten Stammbäume krachte.
Aber die Wissenschaft schenkte einen neuen Himmel mit Millionen Sternen. Sie schenkte einen neuen Menschen, der in ganz neuer, solider Weise auf der Erde stand. Und die Technik, Schöpferin zugleich und Kind dieser Erkenntnis, würde Brot und Muße für alle aus diesem Boden zaubern, hier auf dieser Erde -- eines Tages.
Noch verwirrten ja ihre Maschinen eher, als daß sie halfen. Aber das war nur der letzte Nebel vor Sonnenaufgang. Die soziale Neuordnung und Gesamtkonstituierung der Menschheit würde ein irdisches Reich der Liebe und Gerechtigkeit gründen, aufgebaut auf Arbeit im richtigen Maße. Keine Herrschenden und Unterdrückten mehr, nur der freiwillige Arbeiter triumphierend.
Und das alles schließlich verdankt dem großen Umschwung in der Wertschätzung der Wirklichkeit. Sie war der Fels endlich im Meer, wo die Arche landen konnte ....
Man kann die Dinge bis hierher ruhig in ihrem ganzen Königsmantel rauschen lassen, ohne auch nur ein Wort einschränkender Kritik hinzuzusetzen.
Die vollkommene Größe des neunzehnten Jahrhunderts erscheint wirklich so, die ihm nie wieder irgend eine Zukunft entreißen wird.