Part 20
Und doch war dieser engere ästhetische Zwist eine so notwendige Farbe in jenem größeren Streit, -- dem eigentlichen Geisteskampfe um die +Wirklichkeit+.
Durch ihn mußte durchgehen, wer hier auftauchen wollte, auftauchen in eine freiere Luft.
So lange ich rückschauend mich selbst ernst nehme als Arbeiter, hat das Problem mich bewegt des Verhältnisses zwischen Naturforschung oder von ihr getragener Naturphilosophie -- und Kunst. Erste Lösungen, die ich versucht habe und an denen ich eine Weile einmal Freude hatte wie an einem braven Funde, sind mir heute bloß Lehrgeld. Erst ganz allmählich aber ist mir dabei wenigstens +ein+ echter Wert aufgegangen: nämlich Respekt vor der ungeheuren Wucht und Macht jeder Einmischung überhaupt des Ästhetischen ins allgemein Philosophische.
Wenn die Kunst sich aufrafft und spricht, so tritt allemale eine Riesin aufs Schlachtfeld.
Eine Tiefe des Menschen ist aufgewühlt, an die kein Instrument der Forschung heran konnte. Dieser Quell wird nicht planmäßig erbohrt und fließt in bequemen Röhren ab: er gährt auf, bringt mit oder verschlingt, je nachdem. Immer aber ist die Sachlage völlig verändert, wenn die Kunst darüber gerauscht ist.
Erst von hier aus glaube ich heute auch zu ahnen, was +hinter+ jenem Kunstkampfe um den Realismus stand.
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Wie oft ist versucht worden, das neunzehnte Jahrhundert gegen das achtzehnte durch irgend ein scharfes Ereignis abzugrenzen. Durch die französische Revolution. Oder durch Goethes Tod. Man gab hier, dort ein Jahrzehnt, ein paar Jahrzehnte zu. Immer vergebens.
Mit eigentlichen Ereignissen im gewöhnlichen Sinne glücken wahre weltgeschichtliche Trennungen überhaupt nie. Die Antike schließt so wenig mit der Absetzung des Romulus Augustulus, wie das Mittelalter wirklich endet mit der Entdeckung Amerikas.
Man muß den Begriff „Ereignis“ in einer tieferen, einer verfeinert geistigen Bedeutung fassen.
Ein tiefstes innerliches Erleben, eine langsame Geistesströmung der Menschheit, lange im Unzulänglichen gehalten, wird endlich „Ereignis“ im Faustischen Sinne. An solchem Ereigniswerden gehen dann in der Tat Weltalter auseinander, an ihm gliedert sich die Geschichte zu Epochen voneinander wie ein grandioses Kunstwerk.
Aber diesen Vollzug bezeichnet kein Name einer Person, keine Staatsaktion, keine Explosion und kein Landruf aus dem Mastkorbe eines Entdeckerschiffs.
Wir finden dafür immer nur eines jener begrifflichen Worte, ein ideelles Leitwort aus dem begrifflichen Denken heraus, das uns allerdings in solchem Moment daran mahnen mag, wie dieses begriffliche Denken des Menschenhirnes selber eine Art geheimnisvollen Sinnesorgans sei, das gerade da in den innersten Säulenbau der Weltendinge und Geschichtsdinge schaut, Zusammenhänge, Umfassungen, Trennungen sieht, wo das gewöhnliche Auge versagt.
Auch das neunzehnte Jahrhundert hat sein begriffliches Leitwort.
Es lautet: Wirklichkeit.
Das Ereigniswerden dieses Wortes in der Menschheitsseele bildet den eigentlichen Leib, das eigentliche Individuum dieses Jahrhunderts, -- die Kristallisationsform der Menschheit, die immerhin der äußeren Ziffer von achtzehnhundert Jahren seit Christi dunkler Geburt am nächsten steht.
In diesem Wörtchen Wirklichkeit liegt auch alles, was das neunzehnte Jahrhundert vom achtzehnten trennt. Um dieses Leitwortes willen erscheint es dem raschen Blick so stark als „Tat“ zu dessen „Gedanken“.
Es lag dieser Tat aber doch in Wahrheit ein anderer, ein eigener Gedanke zugrunde.
Das achtzehnte Jahrhundert (in diesem Sinne immer jetzt nur als eine lose Annäherung gefaßt an die Jahresziffer) philosophierte abstrakt, träumte, dichtete, phantasierte, lebte und schwelgte in Gefühlswelten.
Alle seine Maßstäbe waren ästhetische.
Seine Naturgeschichte war Naturphilosophie.
Seine soziale Besserungssehnsucht wandelte in Utopien, versenkte sich in mystische Gründe, konstruierte sich eine romantische Geschichte, die nie existiert hat, und baute darauf in die Wolken hinein eine märchenhafte Zukunft.
Immer hat dieses Jahrhundert einen Stich ins Ungemessene, ein Überfliegen der Dinge durch den Gedanken, eine naive Befreiung von der Schwere.
Das neunzehnte Jahrhundert kennt nur einen Maßstab: den technischen.
Sein Blick ist auf einmal kurz, aber auf diese kurze Spanne mikroskopisch scharf.
Sein Boden, seine eigentliche Erdwissenschaft, aus der Antäus Kraft schöpft, ist die Naturgeschichte, aber sie ist jetzt im echten Sinne Naturwissenschaft und nur solche.
Auf ethischem, auf sozialem Gebiete ist es das Jahrhundert der kurzen Programme, die nicht die Welt neuschöpfen wollen, sondern einen einzigen nächsten besseren Schritt eisern ins Auge fassen, ganz nüchtern, -- für diese Menschheit, für dieses Leben, für diese Prozentziffer Schlechtigkeit weniger und für diesen konkreten Laib Brot mehr.
Hinter allen Taten dieses Jahrhunderts scheint obenan der Gedanke zu stehen: beschränken wir uns.
Beschränkung ist aber keine Beschränktheit. Man nimmt dem Worte die Spitze, wenn man sich das Wesen jenes Beschränkens aus seinem Kern heraus klar macht.
Das neunzehnte Jahrhundert hat alle seine Siege erfochten im Zeichen der Wirklichkeit.
Dieser Begriff gerade in dem Sinne, wie ihn das Jahrhundert am meisten im Munde geführt hat, kommt aber selbst nur zustande durch eine Beschränkung.
Das muß erfaßt werden, wenn man den Dingen gerecht werden will.
Wir gebrauchen das Wörtchen „wirklich“ gewöhnlich in einer Auffassung, über die ein Zweifel nicht möglich scheint.
Wirklich ist das Blatt, ist der Tisch, auf denen ich diesen Satz schreibe. Wirklich ist die Tapete meines Zimmers, der Ahornbaum vor meinem Fenster, der Schornstein der Fabrik, der darüber vorlugt, der Blitzableiter auf diesem Schornstein, und der Vogel, der eben darüber hin fliegt. Wirklich ist der Atlantische Ozean, ist Amerika, ist die Stadt New-York. Wirklich war einmal im neunzehnten Jahrhundert, einige siebzig Jahre lang, der Darwin, dessen Bild dort an der Wand hängt.
Nicht wirklich ist dagegen die Hallucination des Fieberkranken, die sich als Gestalt im Zimmer dort bewegt, einen bestimmten Teil der Tapete dort ihm verdeckt, menschliche Worte zu ihm spricht. Nicht wirklich sind die Sirenen und Cyklopen der homerischen Gesänge. Niemals wirklich war die Traumlandschaft, in der ich heute Nacht im Schlafe unwirkliche Abenteuer ausgefochten habe. Niemals wirklich waren Faust und Gretchen.
Es ist diese Wirklichkeit ~sans phrase~, auf deren Ergründung, deren Wiedergabe die ganze Forschung, die ganze Naturforschung beruht.
Und es ist jene Unwirklichkeit, deren Ausmerzung bis in den heikelsten Schlupfwinkel hinein ebenso sehr Ziel und Bedingung dieser Forschung ist.
Gleich diese erstbesten Beispiele zeigen aber auch aufs klarste, daß und was für eine Voraussetzung hierbei stillschweigend gemacht ist.
Eine Voraussetzung, die eine Beschränkung ist.
In einem umfassenderen Sinne sind auch die Sirene und das Fieberphantom „Wirklichkeiten“. Die Sirene hat vor zweieinhalb Jahrtausenden in der Phantasie von kleinasiatischen Schiffern gelebt. Der redende, raumfüllende, schattenwerfende Unhold des Fiebernden lebt mindestens einen Augenblick lang in dieses Einzelnen Phantasie. Die Landschaft meines Traumes war für mich Realität, solange ich träumte.
Es ist aber zur Klärung gut, das Wort hier zu ändern.
Beides, das sogenannte Wirkliche und das sogenannte Unwirkliche, lösen sich tatsächlich auf vor einem höheren Begriff.
Vor dem Begriff des +Erlebnisses+.
Ganz zweifellos: der Ahornbaum da draußen, der Tisch hier vor mir, die Tapete neben mir, der atlantische Ozean, Amerika und die Sirene, der Cyklop, der Fieberkobold und Fausts edle Denkerstirn: sie sind alle gleichermaßen Erlebnisse. Ich habe meinen Wald im Traume heute Nacht erlebt; und der Kleinasiate von so und so viel hundert vor Christo hat seine Sirene erlebt; und Goethe hat Faust und Gretchen erlebt -- ganz genau so, wie Kolumbus Amerika erlebt hat, als er den Schaft seiner spanischen Fahne in den Ufersand von San Salvador stieß, oder wie ich jetzt und wachend den Ahornbaum mit seinen gelben Herbstblättern dort draußen erlebe. Erlebnis ist einfach alles.
Aber nun in diesem Erlebnisse die Unterscheidung, die Einschränkung.
Die Hallucination sehe ich als Fieberkranker +allein+.
Wenn ich andern beweisen will, daß dort vor der Wand jetzt eine schreckhafte Gestalt stehe, so lachen sie mich aus und erklären mich für krank. Wenn ich erzähle, daß ich heute Nacht in einem bunten Märchenwalde spazieren gegangen bin, so halten mir andere entgegen, daß sie mich zu dieser Zeit haben im Bette liegen und schlafen gesehen.
Umgekehrt, den Ahornbaum und den Schornstein da draußen sehen alle Menschen mit normalen Augen genau so gut wie ich.
Wenn wir zu mehreren sprechen, so rechnen wir mit ihm als etwas Gemeinsamem. Es liegt eine Identität unseres Erlebens vor. Mag sie auch keine absolute sein, da jeder schließlich doch den Ahornbaum etwas subjektiv anders sieht als der zweite und dritte. Aber diese Differenz ist zu gering, um ein ernstes Hemmnis abzugeben.
Kein Zweifel: es ist in diesem zweiten Falle ein +soziales+ Moment berührt.
Die „Wirklichkeit“ des Ahornbaumes wird bestimmt durch das identische Urteil vieler, sie fußt auf einem Kollektiverlebnisse, sie kommt zustande, man möchte sagen, durch eine Abstimmung, einen Majoritätsbeschluß. Bei der Hallucination fehlt dieser Beschluß vollständig.
Das soziale Moment beginnt ja schon in mir selbst.
Jeder einzelne von uns ist doch in sich schon eine Art sozialen Wesens hinsichtlich seiner Erlebnisse. Bloß kein räumliches, sondern ein zeitliches.
Ich löse mich zeitlich rückwärts in Tausende und Tausende von Personen auf, die etwas erlebt haben. Diese Tausende verknüpft allerdings ein Gemeinsames, Identisches. Schon das Gedächtnis ist ja ein solches Identisches. Aber hinsichtlich der Erlebnisse stellt sich gleichwohl eine Kette von Personen dar. Auch diese Personen legen nun schon ihre Erlebnisse zusammen und erzielen in mir selbst ähnliche Majoritätsbeschlüsse. Ich selbst werde schon zu einer Unterscheidung genötigt zwischen dem Ahornbaum und dem Traumwald. Die tausendfache Prozentziffer des immer erneuten Ahornbaum-Erlebnisses mit allem, was darum und daran hängt, erhebt sich mit einer schweren Majorität gegen das einmalige Traum- oder Fiebererlebnis.
So arbeitet aus mir bereits etwas jenem Sozialbeschlusse der vielen Menschen entgegen.
Aber die innere Unterscheidung des Einzelnen würde in unzähligen Fällen doch nicht ausreichen.
Man denke an den Zustand eines Irrsinnigen, der subjektive fixe Ideen, hallucinatorische Erlebnisse viele Jahre lang ebenso regelmäßig haben kann wie den Anblick des Ahornbaumes. Die eigentliche Entscheidung fällt erst die soziale Gemeinschaft mehrerer, schließlich, als Idealziel, +aller+ Menschen.
Die schrankenlose Flut der Erlebnisse wird durchgesiebt auf das Identische, das Gemeinsame hin. Und so erst entsteht das, was wir konventionell Wirklichkeit oder Wahrheit nennen.
Durch ein Filtrieren, ein Ausschließen.
Durch einen Akt der Beschränkung!
Je mehr Gleichartigkeit, je mehr Stäte für möglichst viele Menschen in den Erlebnissen, desto stärker anwachsend der Schatz an „Wirklichkeiten“, der Wahrheitsschatz der Menschheit in ganz bestimmtem Sinne.
Es liegt wahrlich nichts in dieser Herkunft, was den Wirklichkeitsbegriff herabsetzen könnte.
Jene schlichte Tatsache, daß ein gewisser Kreis von Erlebnissen sich bei mehreren oder gar allen Menschen deckt, ist eine Grundtatsache überhaupt zum Zustandekommen jedes sozialen Zusammenschlusses der Menschen gewesen von Anfang an. Auf Grund nur davon haben sie sich verständigen können. Diese „Wirklichkeit“ ist das eigentliche Band der Zersplitterten geworden, die größte Identität, in der sie sich zusammenfanden. Zusammenfanden zu gemeinsamer Arbeit.
Dieses Herausheben einer gewissen Reihe von Erlebnissen aus dem regellosen Andrange als „Wirklichkeit“ war der erste große Schritt zu einer +Ordnung+ der Dinge, die dem Menschen eine neue Stellung in der Welt verhieß.
Denn an diese Ordnung schloß sich die Beherrschung, die Herrschaft über die Natur, über die „Wirklichkeit“.
In diesem Begriffe, der sozial gedacht war, konnte die Menschheit ihre Einzelarbeit summieren, vor ihm konnte sie gemeinsam vorgehen, wo der einzelne ohnmächtig versagte.
Das ganze Wort Kultur hat eine Wurzel hier.
Vielleicht gibt es kein schärferes Trennungszeichen zwischen einem Naturvolke und einem Kulturvolke, als das Steigen im Wertmesser einer für alle im Volke gemeinsamen „Wirklichkeit“.
Wo der Begriff mit Bewußtsein erfaßt wird in der Gesamtgeschichte, da ist es, als überschreite die Kultur eine Wasserscheide ihrer Entwickelung.
Die Vorstellung einer ganz „objektiven Wahrheit“ wird in dem Augenblicke geboren und damit eigentlich das Fundament gelegt für alle höhere Wissenschaft und Forschung.
Ungeheuer freilich ist die Arbeit, die fort und fort getan werden will, um die rechte Auswahl zu treffen und zu wahren zum Zwecke dieser objektiven Wahrheit.
Je mehr Völker in den Kulturkreis hineinwachsen, je mehr diese Kultur sich inhaltlich erweitert, desto strenger die Auslese des Gemeinsamen.
Es gilt nicht mehr bloß das Objektive, das Gemeinsame fort und fort zu fixieren gegenüber dem bloß Subjektiven, dem Traum, der Hallucination, kurz alledem, was das Individuum einsam erlebt ohne Übereinstimmung mit seinen Genossen in der Kultur.
Es müssen auch, wenn das Wort erlaubt ist, ganze Hallucinations-Genossenschaften immer wieder ausgemerzt werden.
Ein Volk, ein Kreis, eine Zeit einigen sich, daß dieses oder jenes für sie Wirklichkeit sei. Aber dieser Glaube hält vor einer umfassenderen Einheit, einer vorgeschrittenen Zeit nicht Stand, sinkt ins Subjektive, muß wieder ausgesiebt werden aus dem wahren Bestand.
Wo immer ein Ding auf Majoritätsbeschlüssen ruht, da zeigt sich ja dieser Verlauf als natürliche Folge fortschreitender Entwickelung: die Majorität wird gelegentlich abgelöst durch eine höhere Majorität.
Aber soviel schwere Arbeit, soviel Erfolg.
Von Jahrhundert zu Jahrhundert wächst den Menschen ihr gemeinsamer Erfahrungsbestand -- ein eiserner Bestand, in dem sie eine immer solidere Einheit über alles Schwankende des Individuums hinaus bilden.
Unablässig fallen Millionen von Individuen ab. Aber das Gemeinsame scheint unsterblich, diese ideale Einheit paralleler Erlebnisse in soviel Köpfen in soviel Jahrhunderten.
Immer mehr streckt sich ihr Gigantenleib, der Einzelne scheint nur noch wie ein Punkt in ihr zu schwimmen, -- in der „Wirklichkeit“, diesem kolossalen Komplex aller gemeinsamen Erlebnisse der Kulturmenschen von sieben oder acht Jahrtausenden.
Diese Wirklichkeit ist es, von der das neunzehnte Jahrhundert beherrscht wird.
Und zwar stärker beherrscht als irgendein Jahrhundert zuvor, -- als sei ein durch die Jahrtausende rollender Schneeball endlich zur Lawine geworden.
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Zwei Linien der Entwickelung arbeiteten sich dazu in die Hände.
Seit rund nun vier Jahrhunderten war die eine in ein verstärktes Tempo geraten.
Man muß über das achtzehnte Jahrhundert noch weit zurück, um sie in ihrem Urstamm zu fassen.
Es ist wieder in den Tagen des Columbus, und von denen zunächst heraufwachsend bis auf die Zeit etwa, da Galilei beobachtet. In dieser Epoche vollzieht sich für die Menschheit ein grundlegend Neues.
In der Gruppe der Menschheit, die sich als europäische Kultur zusammenfassen läßt, erfolgt ein großer Ruck hinsichtlich des Werkzeuges. Die Buchdruckerkunst ersetzt die Schrift. Das Schiff wird zu einem Werkzeug, das nicht mehr bloß die menschenbewohnten Küsten eines Flusses, eines Binnenmeeres verknüpft, sondern Weltmeere zur Brücke nach fernsten Erdteilen macht und eine halbe Erdkugel neu erschließt. Das Fernrohr schiebt sich zwischen Mensch und Mond, zwischen Padua und den Jupitertrabanten steht es plötzlich wie eine wahre Himmelsleiter. Das Mikroskop löst den Schleier über dem Infusorium und über den Winzigkeiten unseres eigenen Leibes, den Blutkörperchen und Samenzellen, -- also über einer Welt, die bisher eingeschachtelt lag wie in einer uns unerreichbaren Dimension.
Ein Ruck hinsichtlich der Werkzeugtechnik bedeutet aber nichts anderes als einen unmittelbaren Fortschritt gewisser menschlicher Körperorgane.
Es ist der Körper des Menschen mit seinen Organen und Sinnen, der sich eine Stufe weiter entwickelt.
Seit prähistorischen Zeiten, seit das erste, roheste Werkzeug von einem Menschen hergestellt wurde, hatte dieses gerade Verhältnis bestanden. Die Keule war nur eine Fortsetzung des schlagenden Armes. Das Kleid ein höheres Fell. Der Einbaum, aus dem das Schiff geworden ist, ein künstlicher Wasserleib mit Anpassung hinsichtlich der Schwere an das Wasser. Das Neue war bloß, daß diese Werkzeuggestaltung des Urmenschen nicht mehr am lebendigen Zellenleibe herumformte, sondern zweckmäßige Projektionen schuf in fremdes, totes, bloß angeeignetes Material hinein. Der Mensch entwickelte sich keinen zermalmenden Elefantenfuß, festgewachsen an seinem Leibe. Er behielt die kleine, einfache, gelenkige Hand mit dem großen Daumen bei, wie er sie von seinen frühtertiären Säugetier-Ahnen überkommen hatte. Doch mit dieser Hand faßte er Keule und Streitaxt und zermalmte damit den Schädel des Gegners. Mit dieser Hand hat er in den späteren Tagen, von denen wir sprechen, gelernt, ein Fünkchen an das Pulver einer Kanone zu bringen, und diese Kanonenkugel fällte den stärksten Elefanten. Die Schiffe des Columbus, Vasco da Gama und Magelhaens waren nichts anderes als solche projizierten Schwimmorgane, mit denen der Mensch jetzt endlich sogar den Walfisch überbot und Weltmeere durchquerte. Das Fernrohr Galileis und das Mikroskop des Leeuwenhoek waren verschärfte Augen, gebaut nach dem gleichen Linsenprinzip unseres leiblichen Auges, wie wir es als Säugetier mitbekommen haben -- bloß soviel besser, daß wir jetzt in die Krater des Mondes und jenes Spiel der Samentierchen und der roten Blutkügelchen schauten.
Aber damals schon lag und immer liegt in dieser Art des Organfortschrittes, den wir Werkzeug nennen, etwas Besonderes unlösbar mit enthalten.
Was hatte die Menschheit, oder sagen wir die Tierheit in ihr, gezwungen, überhaupt diesen Schritt zum Werkzeug über das angewachsene Körperorgan hinaus zu tun?
Zwei entscheidende Faktoren der Nützlichkeit hatten dazu gedrängt.
Wenn ich bloß mit der Faust zuschlage und der Gegenstand, nach dem ich schlage, ist zu hart: so bricht mir der Knochen im Fleische. Ich empfinde einen ungeheuren Schmerz, weil Fleisch und Knochen unmittelbar im Bereiche meines subjektiven Nervensystems liegen. Und mehr: die Faust ist mindestens für lange Zeit, vielleicht für immer, gelähmt, -- ich bin mit einem Schlage in einen Zustand der Wehrlosigkeit gestürzt.
Umgekehrt: die Keule zersplittert. Ich empfinde den Bruch des toten Werkzeuges nicht als Nervenruck in mir. Ich werfe die Trümmer einfach fort und greife eine andere auf. Holz wächst ja genug. Ich habe schon welche auf Reserve geschnitzt. Oder kann sie doch jederzeit schnell beschaffen.
Und dazu jetzt und gleich hier anknüpfend ein zweiter, unsagbar großer Vorteil.
Ich verteidige als Mensch der Steinzeit meine Höhle gegen einen grimmen Bären. Meine Keule zerspällt auf seinem harten Schädel. Jetzt stürzt er zu. Aber ehe er mich wehrlos findet, hat mir ein Genosse, ein zweiter Mensch, der hinter mir steht, seine unversehrte Keule gereicht. In meiner Hand ist sie sogleich meine jetzt, ein vollkommener Ersatz der früheren. Doch der Kampf dehnt sich. Mein Arm, der die Keule schwingt, erlahmt. Ich lasse den Freund vor mich treten, gebe ihm meine Keule. Nun schwingt er sie mit frischer Kraft wieder als seine. Und diesmal erliegt der Feind.
Das Werkzeug ist einfach ein +soziales Organ+.
Eine Fortentwickelung des Organs mit einem sozialen Zug.
Ich mag ein Menschenleben damit verbringen, eine besonders gute, eine schier unverwüstliche Keule herzustellen. Aber wenn ich sie nun geschaffen, so mag meine ganze Familie, mag mein ganzer Stamm damit wirken. Ich kann zu Hause auf der Bärenhaut liegen, während andere mit der Keule einen lebendigen Bären fern im Forst bezwingen. Ich kann sterben und die Keule bleibt. Meine Kinder und Enkel werden sie führen. Ich bin längst vergessen -- und diese künstliche Faust, die ich mir geschnitzt, lebt, schützt immer wieder lebendige Menschen, ist eine soziale Faust geworden, die Generationen überdauert.
Ein solches Sozialorgan ist aber ebenso das Schiff des Columbus: trägt es doch charakteristischerweise schon ein ganzes Häuflein tapferer Menschen als gemeinsames Schwimmorgan. Ein solches soziales Sinnesorgan ist das Fernrohr Galileis. Man wird dem Meister die Sternwarte verbieten. Er wird erblinden. Aber auf seinen Turm steigen andere und ihr Auge kriecht in dasselbe Glas, mit dem er die Sichelgestalt der Venus und die Monde des Jupiter entdeckt hat. Und wenn diese vergrößernden Linsen hier ihm zerbrechen, so wird Spinoza in Holland andere schleifen. Das Werkzeug übertrumpft die Vereinsamung und die Vergänglichkeit des Individuums, -- es ist ein Organ am sozialen Leibe des Kollektivwesens „Mensch“, erhaben über den Zusammensturz des Einzelnen in der Zeit, erhaben über die zerspaltende Schranke unserer Zellenleiber.
Ist nun die „Wirklichkeit“ nur ein grober Ausdruck für das Gemeinsame in den Erlebnissen der Menschen, so gehört das Werkzeug, dieses ins Gemeinsame verlegte Organ, zweifellos aufs engste zu ihr.
Jeder Fortschritt im Werkzeug war ein Siebenmeilenschritt zu ihr, in ihr.
Als die Holländer zuerst durchs Mikroskop schauten, die Italiener durchs Fernrohr, da stutzten sie einen Moment: sollten die Dinge da drinnen nicht bloß Hallucinationen sein? Teufelsspuk nannte man das damals. Aber es war gerade umgekehrt.
Diese neuen Augen waren um einen ganzen Schritt weiter +gesichert+ vor individueller Hallucination: das Sinnesorgan selbst gehörte ja jetzt schon der Allgemeinheit an.
Tausende konnten die gleiche Linse benützen.
Ein Mittel der Forschung wurden diese Gläser sofort -- der objektiven Forschung, die sich grundsätzlich nur noch zu den gemeinsamen Menschheitswerten, also zu der sogenannten Wirklichkeit, bekannte.
So mußte von hierher eine Welle steigen und steigen. Mußte steigen mit der neuen Epoche der Technik. Eine Welle, die auf die Wirklichkeit, auf ein ungeheures Übergewicht dieser Wirklichkeit loseilte.
Denn die Werkzeugtechnik begann mit jenen Tagen einen Siegeslauf, der schlechterdings nicht mehr zu hemmen war.
Das ganze achtzehnte Jahrhundert ist nur eine leichte Kurve in ihm.
Im neunzehnten bricht ein Triumph aus, so überwältigend, daß die Geschichte der Technik von so und so viel Jahrtausenden sich auseinander zu spalten scheint in zwei Perioden: alles bis dahin -- und dieses neunzehnte Jahrhundert.
Technische Fortschritte wie die Verwertung der Dampfkraft und der Elektrizität lassen sich in der gesamten Kulturgeschichte an Größe nur noch vergleichen mit den uralten gigantischen Türhütern der Werkzeugerfindung überhaupt: mit dem ersten Steinmesser, dem ersten selbst gegossenen Stück Bronze, oder mit jener Tat aller Taten, mit der künstlichen Erzeugung der roten Herdflamme.
Im eigentlichsten Sinne durchsponnen erscheint dieses ganze letzte Jahrhundert mit Fäden, mit Netzen der Technik. Ein Geräusch kommt von ihm herauf wie ein großes Summen, Klirren, Sausen -- ungezählte Räder, wirbelnde Schwungriemen, stöhnende Metallwände, hinter denen eine Kraft eingekerkert ist. Eine weiße Dampfwolke liegt darüber, in die blaue Lichtbänder fließen.