Aus der Schneegrube

Part 11

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Die zweite Gruppe bilden auch daneben nicht etwa umgekehrt Nichtanpassungen im Sinne von offenbaren Schädlichkeiten, groben Unzweckmäßigkeiten. Wo solche auffällig beständen, da könnte man ja sagen, die ganze Anpassungs-Idee sei unmöglich -- aber man könnte wohl ebenso sicher sagen, das Tier oder die Pflanze mit solchem Selbstgift der angeborenen Unzweckmäßigkeit sei unmöglich.

Was aber nicht unmöglich ist, vielmehr ebenso tausendfältig wie die Schutzanpassungen uns vor Augen steht, das ist die Existenz von völlig indifferenten Merkmalen, bei allen Tier- und Pflanzenarten, -- Merkmalen, die schlechterdings mit Schutz im Lebenskampfe nichts zu tun haben -- und die doch da sind.

Eine Tiersorte, die auf grünen Blättern lebt, sei im ganzen grün. Gut, das ist die Schutzseite. Aber jetzt spaltet diese grüne Tiersorte sich noch wieder in eine Portion Einzelarten, die sich durch allerhand kleine, meist von fern so gut wie garnicht sichtbare Merkmale voneinander unterscheiden, -- Merkmale, die mit Anpassung auch im weitesten Sinne unbedingt nichts zu tun haben, sondern in Hinsicht auf sie reinweg wie Spielereien der Natur, wie ein unabhängiges Durchproben von hundert indifferenten Möglichkeiten jenseits von Schutz und Nichtschutz sich ausnehmen. Bei unserer systematischen Trennung der einzelnen Arten spielen diese Merkmale vielfältig die Hauptrolle. Und doch finden wir keinen „Zweck“ in ihnen vom Boden der Anpassungstheorie.

Wie ist es nun gekommen, daß sie sich überhaupt erhalten konnten, fixieren konnten, wenn +alle+ Eigenschaften der Tiere und Pflanzen erst durch die Anpassungsmaschine des Daseinskampfes aus kleinen Plus- und Minus-Varianten langsam heraufgezüchtet worden sind?

Diese Maschine hatte ja nicht das leiseste Interesse an irgend einem vom Schutzzweck aus indifferenten Plus oder Minus. Wie konnte es dennoch dahin kommen, daß solche Merkmale konstant wurden, ja sich schließlich dem Systematiker gradezu strenger aufdrängten als die Anpassungssachen?

Darwin suchte vor dieser Frage in allen Jahren seines Hauptschaffens nach Auswegen, kühn und ehrlich mit dem Blick auf den Tatsachen.

Einen Teil jener Merkmale, gewisse rhythmische Gebilde besonders in Farben und Formen, schob er bei den höheren Tieren auf den Schönheitssinn bei der Liebeswahl, er führte seine sogenannte „geschlechtliche Zuchtwahl“ ins Spiel. Er wußte selbst, daß er damit nur einen ganz bestimmten Ausschnitt packte, niemals die Hauptsache, um die es ging.

Dann betonte er scharfsinnig ein Gesetz, daß, wenn ein Merkmal bei einer Tierart so und so durch Züchtung werde, so und so viel andere Merkmale sich auf Grund eines geheimen Zusammenhangs, der aber nicht im Schutzzweck lag, mit veränderten, -- das sogenannte „Gesetz der Korrelation“. Wurde ein Tier aus Schutzzwecken grün, so konnte das eine Portion anderer Merkmale an ihm erwecken, die an sich nichts mit Grün und Schutz zu tun hatten, aber so lange der Art verbleiben mußten, wie sie grün blieb.

Aber auch das traf nur gewisse Einzelfälle, in der Masse aber versagte es, -- ganz abgesehen noch davon, daß es ein „Gesetz“ mit ganz dunklen Faktoren in sich war. Unzählige Arten waren sämtlich aus Schutzzwecken grün und hatten dabei erst recht nicht alle übrigen Artmerkmale gemeinsam und gleich bekommen, sondern sie waren grade sonst so verschieden, daß man sie als selbständige Arten zählte.

Diese ganze Schwierigkeit aber hebt sich im gleichen Augenblick, da wir von der Mutationstheorie ausgehen.

Bei ihr züchtet der Lebenskampf nicht erst die Artmerkmale aus kleinen Schwankungsvariationen allmählich heran. Sondern er merzt bloß aus dem anmarschierenden Heer ewig neuer Mutations-Arten, die alle Sortenmerkmale zur Probe mitbringen, alle die aus, die aufdringlich unzweckmäßige Merkmale zeigen. Alle Mutationen mit nützlichen +oder mit indifferenten+ Merkmalen läßt er dagegen durchpassieren. Diese sind sofort als „Art“ da, pflanzen sich konstant fort und bilden das Material unserer Systeme. Naturgemäß müssen ihre Merkmale sich fort und fort zusammensetzen aus den beiden Urgruppen: nützlichen -- und indifferenten, -- genau wie es wirklich im Tatbestande der Fall ist.

In der schönsten Weise ordnet sich der ungeheure Formenreichtum der lebendigen Natur hier in die Theorie ein, ohne daß alles durch das Prokrustesbett der reinen „Nützlichkeit“ durch muß. So und so viel fällt auf die, -- aber es braucht durchaus nicht alles hierher zu fallen, was da ist. Denn bei freiem Durchmutieren in alle Möglichkeiten hinein muß mindestens ebenso viel Indifferentes sich einstellen, wie ausgespart Nützliches, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr.

Grade an dieser Stelle aber lenkt die gesamte Frage doch auch wieder zurück zu jener schon einmal gestreiften Grundfrage: wie es sich mit den +Ursachen+ der Mutation selbst verhalte und ob es nicht doch möglich sei, in sie hinein noch ein letztes formbildendes Gesetz zu verfolgen.

Es ist keine Frage: in der Darwinschen Linie sieht man zunächst mehr von den treibenden Ursachen des ganzen Hergangs, als bei de Vries.

Die Hauptursache liegt dort im hellen Lichte der Naturzüchtung und nur ein kleines Sätzchen bleibt als Unbekanntes, als „Sprung“: die schlichte Plus- und Minus-Schwankung, mit der die Mühle zu mahlen anfängt. Bei de Vries springt die Mutation allsogleich auf den Plan wie ein fertiger Ritter -- und alles, was wir sehen, ist bloß der Ausweis, ob es ein sieghafter Held oder ein armer Don Quixote vor der Praxis sei.

De Vries verwahrt sich zwar gegen den „Sprung“. Es bleibe zu recht, daß die Natur ~non facit saltus~, keine Saltomortales mache. Ein Ruck sei die Mutation, kein Sprung. Aber auch der Ruck ist doch ein herzhafter, auf alle Fälle. Und das gibt mit größerer Dunkelheit auch erhöhte Grübellust.

Der rein theoretische Gedanke, daß die Entwickelung sich stoßweise vollziehe, -- von Art zu Neu-Art ohne die Vermittelung einer langen, langsam gesteigerten Varietätenkette, -- dieser Gedanke brauchte nicht erst als solcher von de Vries eingeführt zu werden.

Er ist dagewesen, so lange wir überhaupt wissenschaftliche Formen der Entwickelungslehre haben. So lange wir den Darwin hatten, hatten wir auch den Kölliker, den trefflichen Anatomen, der die „sprungweise Entwickelung“, wie er es ruhig nannte, als sein Evangelium lehrte. Beweise gab es freilich nicht. Aber man hatte die Idee. Und da man bestritt, daß Darwin scharf beweisbar sei, hielt man sich die Möglichkeit offen. Bisweilen schien es sogar, als melde sich eine wahre Tatsache dazu.

Da war ein absonderlicher Molch im See von Mexiko, das „Axolotl“. Die alten Azteken zu Cortez des Eroberers Zeiten hatten ihn schon als Leckerbissen in einer Pfefferbrühe verspeist. Heute kennt ihn jeder Junge, der ein Aquarium hat.

Als man ihn wissenschaftlich beschrieb (Humboldt hatte ihn mitgebracht), lebte er als sogenannter „Kiemenmolch“ in seinem See, mit Kiemen zur Wasseratmung wie ein Fisch, und so fortpflanzungsfähig, -- im übrigen aber doch schon ein Molch aus der Verwandtschaft unserer lungenatmenden echten „Salamander und Molche“. Im Pflanzengarten zu Paris nun geschah eines Tages das große Wunder: besagtes Axolotl kletterte, als man ihm Raum gab, aus dem Wasser aufs Land und verwandelte sich selber regelrecht in einen echten Land- und Lungenmolch gleich unserm Feuersalamander. Die Kunde lief also, es habe sich durch einen (immerhin gradezu riesenhaften) Sprung schon hier einmal vor Forschers Augen eine völlig neue, höhere Tierform gebildet.

Aber die Freude hat beim Axolotl nicht lange gedauert. Kritische Köpfe stellten nämlich die triftige Gegentheorie auf, das fischhaft kiemenatmende Axolotl des Sees von Mexiko sei trotz seiner selbständigen Fortpflanzung gar kein fertiges Tier, sondern eine noch unvollkommene Larve. Bekanntlich leben so gut wie alle Amphibien in ihrer frühen Jugend als Larve ebenso fischhaft kiemenatmend im Wasser, Molche wie Frösche und Kröten.

Für gewöhnlich entwickelt sich eine solche Amphibienlarve allerdings schon vor der Geschlechtsreife zum Lungenatmer. Aber es kommen doch auch Hemmungen vor, wo die Tiere sich so wohl bei ihrer Fischstufe fühlen, daß sie schon auf dieser in die Liebeszeit eintreten. So machen es unsere kleinen Teichmolche bereits ab und zu. Das Axolotl aber hatte, scheint es, das auf eine gewisse Zeit dauernd ins Große getrieben. Es hatte nämlich seine Gründe dafür.

Ehemals stieß der See von Mexiko an feuchten Urwald, ein Eldorado für Luft-Molche. Später schwand der Wald, der See schmolz weithin ein und es bildete sich um sein verkleinertes Wasserfeld ein Kranz dürrster Salzsteppe. Da zogen es die Axolotl vor, Generation für Generation fischhaft im Wasser zu verbleiben als „ewige Larven“. Und erst als man ihnen in Paris wieder die alte Gelegenheit eines grünen Pflanzenufers bot, besannen sie sich (bildlich gesprochen) auf ihr altes Schlußkapitel im Lebensroman, krochen ans Land und wurden zum ersten Mal wieder „fertig“. Das war denn nun durchaus kein Köllikerscher „Sprung“: -- die angeblich „neue“ Art war in Wahrheit bloß die Wiederherstellung grade der „alten“, die eine Weile etwas in Unordnung geraten war.

Solche Fälle mußten erst recht vorsichtig machen, anstatt den kühnen Sprung-Theoretikern Türen zu öffnen.

Kein Zweifel aber, daß des de Vries Beobachtungen, wenn sie stand halten, jetzt aus dem allgemeinen Behauptungsheer der Sprung-Theorie einen gewissen engeren Teil als wirklich brauchbar herauslösen.

Sie geben aber sofort als Gegengift auch die richtige Einschränkung dazu.

In dem Nachtkerzen-Beispiel von Hilversum ist kein leisester Anhalt für einen so groben Mutationsstoß wie etwa bei dem Axolotl.

Durchaus nicht etwa hat die Lamarcksche Kerze jählings die Wunderkraft gezeigt, eine Winde oder Rose zu produzieren. Sie hat zunächst nur Nachtkerzen, allerdings andere Arten, gebildet. In einer ungeheuren Kette solcher Mutationen möchte man ja auch vermuten (vermuten!), daß die Gattung schließlich überschritten, ja endlich der Kreis der Familie und so weiter von der Mutation Stufe für Stufe gesprengt werde. Aber immer bliebe eine ungeheure Kette, -- wenn schon keine so ganz ungeheuerlich lange, wie sie im streng darwinistischen Sinne durch die jedesmal einzuschiebende Varietäten-Unterkette zwischen je zwei Hauptkettengliedern gefordert wird.

Mit großem Nachdruck weist de Vries darauf hin, daß eine seiner „Mutationen“ unter Umständen als eine +geringere+ Abweichung gradezu vom Urtypus erscheinen könnte als eine extreme Varietät jener bewußten belanglosen Sorte, -- oder daß sie wenigstens nicht notwendig abweichender sein „müßte“. Ihre entscheidende Sache bleibt eben allemal die Dauerhaftigkeit bei der Fortpflanzung und eine gewisse innere Harmonie ihrer Neuerungen, die uns in jenem guten Bilde sagen läßt: hier hat der Kristallblock nicht nur im Rollen gezittert, geschwankt, sondern er ist regelrecht auf eine neue Fläche gefallen, er ist übergekippt bis zur Basis-Änderung.

Etwas Verschiedenheit ist natürlich immer nötig. Aber es braucht keineswegs rein summarisch viel zu sein. Damit aber schwindet ein gar gewaltiges Stück des eigentlich Trennenden für den Anblick zwischen der also reformierten „Sprung-Theorie“ und der offiziellen darwinistischen Lehrmeinung.

Auch so bleibt ein Stammbaum der Lebewesen mit relativ ganz kleinen Ruckstellen des Wachstums, kleinen Schußstellen von Knoten zu Knoten.

Ein ganzes Bisserl „Schuß“ oder „Ruck“ oder „Sprung“ oder wie man es nun nennen will, war ja wohlverstanden auch jede einfachste darwinistische Varietätenbildung schon.

Wenn ein Mensch mit einer kurzen Nase plötzlich einen Sohn hat mit einer langen: ein Sprünglein liegt auch darin.

Fragt sich bloß, wie groß es im äußersten Falle sein darf, -- und das wieder führt auf die Tiefenfrage: welche mechanische Ursache wir hinter ihm zu suchen haben und wie viel Kraft wir der schon für das Ganze beimessen sollen.

Schon aus jenem Kristallflächen-Beispiel erhellt aber sehr nett, wie schlicht mechanisch de Vries da denkt.

Es ist nicht zu leugnen: in der alten Sprung-Theorie war, besonders je größer sie ihre Sprünge sich gedehnt dachte, immer ein Zug auf eine mystische Ausbeutung merkbar. Ob nicht ein „Wunder“ hier lag, so riesig, daß es ewig über unseren Verstand ging?

In dem Bilde des de Vries wird mindestens bildlich absolut klar, was er von der Sache hält. Der Kristallblock kommt ins Rollen. Das ist nichts Mystisch-wunderhaftes, sondern das Bild arbeitet mit einfachsten mechanischen Voraussetzungen. Der Rollblock fängt an zu kippen, zu zittern, zu balanzieren, -- abermals nur ein rein natürlicher, im richtig verstandenen Sinne „mechanischer“ Prozeß. Endlich kommt der Block gar zum völligen Kippen, aber doch offenbar wiederum nur durch ein Plus der ursprünglichen naturgesetzlich arbeitenden Kraft, die schon das Rollen und Balanzieren beherrschte.

Was aber im Bilde gilt, faßt hier zugleich die Sache: auch Fortpflanzung, Variation und Mutation erscheinen durchaus nur im festen Banne einer und derselben natürlichen Gesetzlichkeit. Wenn auch unsere Kenntnis die Einzelheiten noch nicht erfassen kann: das natürliche Glaubensbekenntnis des Naturforschers, der Glaube an unzerstörbare Gesetzmäßigkeit ohne Ignorabimus-Lücke, bleibt im Prinzip vollkommen gewahrt.

Das ist aber für den Fortschritt all unserer Sachweisheit doch eigentlich wieder die Hauptsache, -- viel wichtiger als etwas Lehrmeinungs-Sieg oder Nicht-Sieg in darwinistischen Einzelheiten.

Die alte Sprung-Theorie, wie sie vor de Vries schon bestand, hatte ja stets da noch eine besondere Liebhaberei gehabt. Sie liebäugelte nämlich mit einem Gedanken, der als solcher wieder noch viel älter als Darwin ist.

Könnte es nicht doch ein besonderes „Entwickelungsgesetz“ geben in diesen Sprüngen -- und zwar eines, das der Anpassung schon entgegenkäme?

Nehmen wir wieder das einfachste Beispiel.

Auf einem braunen Boden leben braune Tiere, hübsch als solche durch ihre gut angepaßte Farbe geschützt. Nun wird durch Wechsel der Verhältnisse, etwa durch Schnee, der Boden weiß. Braun ist jetzt nicht mehr Trumpf. Die Tiere müßten weiß sein, wenn ihre Feinde sie nicht sehen sollen. Tritt nun nicht am Ende doch grade in solchem Moment prompt der „Sprung“, die Mutation +so+ ein, daß +alle+ nach „Weiß“ springen und mutieren, also daß die nächste Generation genau dem neuen Zweck entsprechend schon eine weiße wäre?

Wie schon erwähnt, ist de Vries selbst +radikaler Gegner+ dieser Meinung.

Seine Nachtkerzen mutierten zwar, aber sie taten es keineswegs nach +einer+ Seite, wie um irgend einem neuen Anpassungsbedürfnis entgegen zu kommen, etwa irgend einem Vorteil, den das neu eroberte Kartoffelfeld bestimmt umgeformten Neuerern gewährt hätte.

Ihr Mutieren verriet nicht das Genie eines Erfinders vor einer äußeren Forderung.

Es glich einem blinden Darauflos-Phantasieren mit dutzenden von neuen Motiven, die unmöglich alle zum Zweck passen konnten.

Das ist also genau, was Darwin auch meinte, bloß daß hier die Mutation trifft, was dort von der angeblich artbildenden Variation galt.

Und wie sollte es denn auch anders sein, meint de Vries. Jedes entgegenarbeitende Entwickelungsgesetz jener Art wäre „Mystik“. „Die Annahme,“ sagt er wörtlich, „einer bestimmten Variierungstendenz, welche das Auftreten zweckmäßiger Änderungen bedingen oder doch nur begünstigen sollte, liegt außerhalb des Rahmens unserer heutigen Naturwissenschaft. Darin liegt ja der große Vorzug der Darwinschen Selektionstheorie, daß sie die ganze Entwickelung des Tier- und Pflanzenreiches ohne die Hülfe außernatürlicher Voraussetzungen zu erklären strebt.“ Eine solche Stelle wird alle beruhigen, die fürchteten, de Vries führe aus dem Darwinismus heraus zu den +alten+ Zweckursachen zurück. Oder, vorsichtiger und weiter noch gesagt: sie wird auch denen die Hoffnung abschneiden, die da wünschten und erwarteten, daß der Ketzer an einigen darwinistischen Grundpunkten, de Vries, mit seinen Nachtkerzen den ganzen Darwinismus an dieser teleologischen Stelle umrennen werde. Im Gegenteil.

Hier grade lockt es mich aber wieder, dazu selber noch ein Wörtchen zu sagen.

Ich möchte nämlich betonen, daß wir mit dem einfachen Sprüchlein von der „Mystik“ an solcher Stelle allein noch nicht auskommen, soll die Sache ganz reinlich werden.

Angenommen doch einmal, die Nachtkerzen hätten wirklich das Umgekehrte bewiesen.

Unumstößlich, so weit ein Einzelbeispiel unumstößlich ist, hätten sie dargetan, daß die Mutation jedesmal genau auf die äußere Forderung reagiert, -- also in jenem Exempel von vorhin so, daß etwa der Forderung „Weiß“ ohne jedes Schwanken nun sofort Weiß als Mutation überall antwortete.

Ich frage, was dann?

Sollten wir im gleichen Moment auch schon die ganze Naturforscher-Bude zuschließen müssen und sagen: hier ist ein teleologisches Verhalten, folglich Mystik, folglich Aufhören der Naturwissenschaft, folglich legen wir die Hände in den Schoß?

Ich meine, es würde das ganz andere gelten: daß wir nämlich schlicht auch mit dieser Tatsache naturwissenschaftlich zunächst fertig zu werden suchten.

Wir haben ja den bekanntesten Fall wirklich und viel näher bei uns selbst.

Wir Menschen handeln „zweckmäßig“, wir suchen vor einer neuen äußeren Forderung bewußt nach der zweckmäßigsten Reaktion, -- also in jenem Bilde, wenn „Weiß“ gefordert wird, so machen wir uns einfach selber „weiß“. Trotzdem geht unser ganzes neueres Denken dahin, den Menschen nicht mystisch und unwissenschaftlich, sondern grade erst recht als Gegenstand innerhalb der besonnenen Naturforschung zu nehmen. Wir suchen den Menschen einzuordnen in die Natur, suchen ihn mitsamt seinem Bewußtsein, das dieses teleologische Verhalten ermöglicht, in einer Natur unterzubringen, die denn allerdings vernünftiger Maßen so definiert werden muß, daß er auch wirklich mit hinein paßt.

Je nun, die Nachtkerze wäre kein Mensch, also fiele das dort Heranzuziehende hier fort. Aber wenn nun auch die Nachtkerze bei ihrer Mutation gewisse anscheinend zweckmäßige Reaktionen zeigte, so müßten wir wenigstens nach der Analogie doch zunächst auch hier versuchen, natürlich durchzukommen.

Nun ist interessant, daß wir in der Welt der Tiere wie Pflanzen noch eine ganze Reihe Vorgänge haben, wo (tief unterhalb schon des Menschen) eine Art prästabilierter Harmonie zwischen äußerer Forderung und innerer Entwickelungsreaktion wirklich besteht, -- nämlich in der Ontogenie, in der Bildung der Tiere und Pflanzen aus Ei und Keim.

Das Hühnchen im Ei entwickelt aus sich heraus Augen, mit denen es im Moment, da es die Eierschale bricht, sehen kann. Jenes Axolotl entwickelt nach innerem Gesetz sich zu bestimmter Zeit, wo es aufs Land soll, die zum Landleben nötigen Lungen. Es ist genau, als sei im werdenden Wesen, in Eizelle, Embryo, Larve, eine Uhrfeder so eingestellt, daß zur rechten Zeit grade das zur äußeren Forderung Zweckmäßigste ausgelöst wird. Im Moment, da das kleine Menschlein das Licht der Welt erblickt, sind seine Augen da, wirklich zu sehen, sind seine Lungen da, wirklich zu atmen. Der Schmetterling bildet sich in der Puppe schon zum Fliegen vor, was die Raupe nicht konnte. Und so ist der Beispiele Legion.

In all diesen Fällen aber fällt es keinem Naturforscher ein, diese ausgesprochen teleologischen Vorgänge als „Mystik außerhalb des naturwissenschaftlichen Denkens“ zu bezeichnen.

Man fühlt bloß das Bedürfnis, zur natürlichen General-Erklärung dieser wunderbaren „prästabilierten Harmonie“ hier noch eine +besondere+ Hülfskette +natürlicher+ Erklärungen hinzunehmen.

Den Schmetterling in der Puppe bildet individuell weder die zu durchfliegende Luft draußen, noch bildet ihn eine unfaßbare mystische Flugsehnsucht ohne Kausalzusammenhang. Sondern es waltet die Vererbung. Die Eltern haben schon die Flugfähigkeit erworben, einerlei jetzt wie, das ist Frage für sich. Dem neu werdenden jungen Schmetterling, ihrem Kinde, haben sie aber durch Vererbung das Uhrwerk so zu sagen schon in den Leib gesetzt, daß es auf die Flügelentwickelung genau losarbeite und rechtzeitig wie eine automatische Weckuhr vor dem „Zweck“ abschnurre.

So wunderbar fein die Sache also auch funktioniert: ein wahres „Wunder“ ist sie keineswegs. Kein vernünftiger Naturforscher bezweifelt, daß bei der „Vererbung“, so verwickelt sie auch sei, alles mit natürlichen Ursachen zugehe.

Jetzt setzen wir den Fall, solche Anzeichen prästabilierter Harmonie von Zweckforderung und Reaktion zeigten sich aber nicht bloß in der Ontogenie, sondern auch in dem bereits, was Haeckel die Phylogenie genannt hat, nämlich eben in der geschichtlichen Entwickelung der ganzen Tier- und Pflanzenarten.

Jede Mutation wäre stets eine zweckmäßige, und das arbeitete genau so wie das kleine teleologische Uhrwerk in der Schmetterlingspuppe. Es hätte für sein Teil die ersten Flügel der Schmetterlingsahnen schon ebenso für den „Zweck“ gebaut, wie heute die Vererbung in der Puppe sie wiederholt.

Der einfache Schluß müßte sein, daß auch das nicht „Mystik“ sei, sondern bloß auf etwas +noch Früheres+ hinweise.

Auch hier schon waltete irgend eine Art Vererbung. Die ganze Phylogenie wäre selber schon etwas wie eine versteckte Ontogenie. Der Stammbaum mit all seinen Arten wäre eigentlich nur die große Auswickelung eines einzigen Individuums, das von dieser Ur-Vererbung als Zweckuhrwerk innerlich beherrscht würde, wie den Schmetterling in seiner Puppe seine Vererbung zweiten Grades beherrscht. Das Leben in den vielen Millionen Jahren seiner Erdgeschichte wäre bereits das Produkt einer ungeheuren Vorgeschichte, die in der ersten Urzelle als „Eizelle“ schon die ganze Zweckmäßigkeits-Uhr für alle folgenden Reaktionen aufgezogen hätte. Und in jeder Mutation sähen wir diese Uhr bloß laufen.

Die „Erwerbung“ der jetzt automatisch bestimmten Dinge aber läge in uns unfaßbaren Aeonen einer unbekannten Vorgeschichte.

So würde ich, wenn es eben +not+ täte, jenes seltsame „innere Entwickelungsgesetz“ zu deuten suchen, nach Analogie des Gegebenen und ganz ohne Mystik.

Gewiß: es läge in der Sache in gewissem Sinne etwas Mißliches.

Wir hätten die Ontogenie zurückgeführt auf die Phylogenie. Aber die Phylogenie wäre selber wieder abhängig von einer hypothetischen Vor-Phylogenie. Immer nur aufgezogene Uhren zweiter Hand. Das Ursprüngliche schöbe sich historisch ganz über unser Gesichtsfeld hinaus. Mißlich! Aber noch nicht mystisch. Solcher Mißlichkeiten haben wir mehr. Auch das Gravitationsgesetz ist für uns „gegeben“ von jenseits unserer Zeit-Weisheit her. Wo hat es sich „entwickelt“ als Eigenschaft der Stoffe? Fragen! Aber doch nur Fragen unserer Beschränkung im geschichtlichen Blick. Nicht das ewige absolute „Tür zu!“ der Mystik!

Je nun, die Sache steht trotz mancher gegenteiligen Behauptung vorläufig tatsächlich +nicht+ so, daß wir auf derartig verwickelte Straßen müßten, -- mit de Vries weniger als je.

Aber philosophisch sollte man sich darüber klar bleiben, -- das ist immer ein unendlich wichtiges prophylaktisches Mittel!

Wie man sich, um es noch einmal zum Schluß zu betonen, darüber klar bleiben muß, daß selbst die strengste Zuchtwahl-Theorie noch nicht jede Fassung von Teleologie ausschließt. Sie schließt eben bloß eine ganz bestimmte herkömmlich +grobe+ Form aus, die den Zweck als spiritistisches Gespensterpferdchen neben den einfachen völlig ausreichenden braven Gaul des Kausalzusammenhangs einspannen möchte. +Nicht+ dagegen schließt sie eine +feinere+ Teleologie aus, die eben bloß auf das faktische Schlußergebnis schaut und aus dem tatsächlichen schließlichen Herauskommen einer zweckmäßigen Welt, eines „harmonischen“ Verhältnisses der Dinge die Vermutung entnimmt, es müsse schon in der Uranlage der Welt eine Anlage mitgegeben gewesen sein, die das bedingte, -- das Ideal einer zweckmäßigen Welt, das sich aber dann realisierte auf dem rein natürlichen Wege undurchbrechbarer Kausalzusammenhänge.

In dieser Betrachtung ist es völlig offen gelassen, welche +Wege+ diese Weltteleologie nahm, es kommt alles bloß auf das +Resultat+ an.