Aus der Schneegrube

Part 10

Chapter 103,422 wordsPublic domain

Schmal waren auch ihre Blätter und langgestielt, aber auffälliger noch als bei allen andern, und kenntlich dabei durch die breiten, blassen, oft rötlichen Nerven. Die Größe blieb hinter der Lamarckskerze zurück, ohne sie doch zum Zwerg zu degradieren. Und auch sonst fehlte es nicht an Sondermerkmalen. Die Dauerhaftigkeit erhellte sicher aus allen weiteren Kulturversuchen.

~Oblonga~ wurde Taufname.

Endlich erwiesen sich noch fünfzehn Exemplare der Masse diesmal sicher als Neukerze, obwohl man ihnen Ähnliches schon in den früheren Generationen gewahrt, aber nicht als Neu-Art angesprochen hatte. Es handelte sich um schöne, aber stets sehr hinfällige Kerzen von weißlichgrauer Blattfarbe, viel kleiner als die Lamarckierin in Wuchs wie Blüte. Früher erschienen sie nur als Krankheits-Varianten. Jetzt erkannte de Vries auch in ihnen eine feste Art, deren Dauerhaftigkeit sich denn auch anstandslos bewährte.

~Albida~, die Weißliche, hieß sie fortan.

Auf vierzehntausend Kerzen aus Lamarckssaat also im ganzen dreihundertundvierunddreißig abweichende Exemplare in nicht weniger als sieben von der Lamarckskerze verschiedenen Arten!

Die Versuche in dieser Reihe wurden bis 1899 fortgesetzt, jedes Jahr mit einer neuen Folge-Generation. Mit der achten Folge war die ungeheuerliche Ziffer von fünfzigtausend genau untersuchten Individuen erreicht. Über achthundert hatten eigene Wege in die genannten sieben Arten eingeschlagen. Eine weitere Art über die sieben hinaus kam in dieser Reihe nicht mehr hinzu.

Inzwischen waren aber gleichzeitige Kulturen aus andern Samen des Hilversumer Ackers in Amsterdam durchgeführt worden, zum Beispiel von jener ursprünglich schon wild in Hilversum entdeckten glattblättrigen Art, und auch dort waren in langen Generationsketten neue Arten aufgetaucht, teils die gleichen, schon genannten, teils noch andere.

Endlich war das Hilversumer Wunderfeld selbst fort und fort unter Aufsicht geblieben und es hatte sich herausgestellt, daß fünf der Amsterdamer Neu-Arten auch dort im wilden Zustand in den Jahren erschienen waren, so die Breite und der Zwerg.

Das sind die Tatsachen.

Wie die ganze Fülle der Beobachtungen und Experimente in dem de Vriesschen Prachtwerke „Die Mutationstheorie“ (erster Band, Leipzig, Veits Verlag) ausführlich und mit schönen Farbentafeln in Wort und Bild dargelegt ist, macht sie nicht den Eindruck, als wenn an dem grundlegenden Material noch viel wesentliche Kritik geübt werden könnte.

Was de Vries gesehen hat, scheint fortan zu unserm wissenschaftlichen Stammstoff zu gehören und jede Theorie muß damit rechnen.

De Vries selber aber hat jedenfalls das erste Recht, auch zu einer solchen Theorie gehört zu werden.

Nachdem er seine Tatsachen einigermaßen beisammen hatte, verwertete er sie für folgende verallgemeinernde Sätze.

Diese hier beschriebenen neuen Nachtkerzen-Arten sind +nicht+ gewöhnliche +Varietäten+.

Kleine, individuelle Variantenbildung lief während der ganzen Studie immer und überall nebenher, ohne die Sache irgendwie zu berühren. Die ersten Hilversumer Lamarckskerzen variierten so im kleinen, es variierten ihre fünfzigtausend Nachkommen in Amsterdam, es variierten innerhalb ihres typischen Bildes wieder die entstandenen Neuarten selbst in all ihren Reinkulturen, kurz, diese kleinen Schwankungen gingen immer und überall nebenher, änderten oder taten zur Sache, um die es sich handelt, aber gar nichts. Es war eben, wie wenn fünfzigtausend Menschen verschiedene Nasen haben: sie bleiben darum doch alle Mensch und es wird keiner zu einer außermenschlichen Art.

Solches Werden im letzteren Sinn aber entspräche nach de Vries tatsächlich dem, was bei Entstehung jener sieben und mehr Neuformen aus der Lamarckskerze vorliegt. Hier hat irgend ein Innenakt der Pflanze aus einer Art eine ganze Kolonie neuer Arten plötzlich, von Generation zu Generation, hervorbrechen lassen, -- echte +Arten+ mit +allen Merkmalen+ von solchen.

So lautet denn de Vries’ erster Lehrsatz: eine Pflanzenart hat unter Umständen die Kraft, eine ihr verwandte, aber doch grundlegend verschiedene neue Art plötzlich, ruckweise aus sich bei der Fortpflanzung entstehen zu lassen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen Variation bezeichnet er diesen Akt als eine „+Mutation+“, von ~mutare~, verwandeln.

Es handelt sich dabei nicht um eine kleine individuelle Abweichung in irgend welchen Merkmalen, sondern um einen Ruck, bei dem die Tochterpflanze in ihrem tiefsten Wesen als Ganzes aufgerüttelt, umgerüttelt, neu fundiert, verwandelt erscheint.

De Vries gebraucht zur Klarlegung des Unterschiedes zwischen Variation und Mutation gelegentlich ein sehr hübsches Bild, das von F. Galton herrührt. Man denke sich ein sogenanntes Polyeder, einen Körper mit vielen verschiedenen Flächen nach allen Seiten. Als Bild kann gut einer jener schönen kristallenen Briefbeschwerer mit vielen Schliff-Flächen dienen, die man öfter sieht. Ein solcher Kristallblock gerate auf eine schiefe Ebene. Er liegt zunächst fest auf einer seiner Schliffflächen. Aber die Ebene senkt sich unter ihm und er beginnt zu rutschen, -- zunächst auf dieser seiner Fläche. Die Rutschpartie geht schneller: er beginnt zu kippen. Er schwankt, balanziert auf der unteren Kante seiner Grundfläche, neigt sich etwas vor und zurück. Aber noch zwingt ihn die Schwere in die alte Lage zurück, er fällt wieder in die alte Basis, entfernt sich nicht dauernd von ihr, sondern oszilliert nun gleichsam um sie herum. Das wäre die Variation einer Art auf der schiefen Ebene ihrer Fortpflanzung! Indessen plötzlich jetzt ein Ruck: unser Kristallblock hat auf einer stärksten Neigungsstelle das Übergewicht bekommen, ist gekippt -- und liegt jäh auf seiner nächsten Schlifffläche. Er hat seine Basis verändert. Um die mag er jetzt wieder schwanken, oszillieren, -- jedenfalls ist es ein Oszillieren um einen ganz neuen, veränderten Schwerpunkt. Dieser Ruck, dieser Sturz, diese plötzliche Basisänderung -- ist eine Mutation. Die Art oszilliert, variiert bei ihr nicht um ihre gegebene Basis, -- sie fällt in sich um auf eine neue Basis: sie erzeugt eine neue Art.

Die Entdeckung dieser Mutation als einer experimentell gesicherten Sache hielt de Vries für seine wichtigste Leistung. Aber er blieb dabei nicht stehen.

Er folgerte weiter, daß die Mutation nicht wie die Variation eine beständige Begleiterscheinung im Leben der Pflanzenarten sei, sondern wahrscheinlich +in gewissen Perioden+ sich einstelle.

Eine Art kann lange auf ihrer Fortpflanzungsbahn bloß oszillieren. Dann plötzlich macht sie Sprünge, bei denen die Basis jäh wechselt: sie tritt in eine Mutationsperiode.

Für diesen Sachverhalt spricht die Ruhe so vieler Pflanzenarten, die, lange beobachtet, keinerlei Mutationen zeigen, und umgekehrt dieser Nachtkerzenfall, wo in kürzester Frist die Neubildungen sich jagen und überall, oft in verhältnismäßig kolossaler Individuenzahl, hervorbrechen.

Hier lag ja nun die Frage nahe genug, welches Gesetz denn diesen Wechsel von Ruhezeit und Mutationszeit bestimme, -- oder mit anderen Worten: was für ein Grund die Pflanze überhaupt zur Mutation zwinge? Diese Frage mit irgend einer Theorie zu beantworten, vermaß sich indessen de Vries vorläufig nicht.

Seine Experimente gaben keinen Anhalt dafür. Seine Nachtkerze war offenbar schon im wildesten Trubel einer Mutationsperiode, als er sie fand. Den Anfang der Dinge sah er nicht. Vermuten ließ sich höchstens ein Zusammenhang zwischen der äußerst üppigen und raschen Vermehrung durch Eroberung des Hilversumer Ackers und dem Eintritt dieser Periode. Doch warf das de Vries nur so als Denkbarkeit hin.

Im wesentlichen resignierte er: die äußeren Ursachen der Mutabilität seien uns noch völlig unbekannt. Um so energischer aber erörterte und entschied er einen verwandten Punkt.

Die Mutation arbeitet -- +richtungslos+!

Die Lamarckskerze, wie sie gegeben war, erscheint als eine gute Anpassung an den Daseinskampf. Wir sehen sie in Amerika sich halten, in Europa fortblühen, sehen sie als Pionier, der sich wieder wild macht, den Hilversumer Acker erobern, kurz, sie steht ihren Mann.

Wie geht es nun mit den Neuarten? Sind sie noch besser? Sind sie schlechter? Ist etwas Besonderes in bestimmter Richtung an ihnen „verändert“? Etwas pro oder kontra?

Der Sachverhalt der vorhandenen Neuarten gibt eine feste Antwort.

Die Abänderungen umfassen alle Organe gradezu und gehen überall in fast jeder Richtung. Die Pflanzen werden stärker, sagt de Vries, oder schwächer, mit breiteren und schmäleren Blättern. Die Blumen werden größer und dunkler gelb, oder kleiner und blasser. Die Früchte werden länger oder kürzer. Die Oberhaut wird unebener oder glätter; die Buckeln auf den Blättern nehmen zu oder ab. Die Produktion der Pollen nimmt zu oder ab; die Samen werden größer oder kleiner, reichlicher oder spärlicher. Die Pflanze wird weiblich oder fast männlich; manche hier noch nicht beschriebene Formen waren völlig steril, einige nahezu ohne Blüten. Einige neigten mehr zur Zweijährigkeit, andere weniger, eine war fast rein einjährig. Das entscheidet jene Frage. Diese Abänderungen sind in kunterbunter Reihe teils nützlich, -- teils indifferent -- teils ausgesprochen schädlich. Die Riesenform ~Gigas~ ist der Lamarckiana anscheinend in jedem Betracht über. Die Zwergform ~Nanella~ und die zerbrechliche ~Rubrinervis~ sind wehrloser als die Lamarckskerze. Eine Neuart, die unfruchtbar ist, ist selbstverständlich ein unrettbarer Todeskandidat. Also: der Mutationsprozeß, was er nun auch für eine Triebfeder habe, arbeitet hinsichtlich der Anpassung, der Kampfstärke im Leben richtungslos, -- bald pro, bald kontra. Er probt blind „Möglichkeiten“ durch, indem er bessere, schlechtere, gleiche Würfel regellos ausstreut.

Daraus aber mußte sich für de Vries folgerichtig noch ein weiterer Satz ergeben.

Über die Fortexistenz der regellos geschaffenen Mutationsarten entschied der Daseinskampf!

Er merzte die schlechteren Neuschöpfungen aus. Bei Gleichheit im Lebenswert ließ er je nachdem Mutterart und Mutationsarten nebeneinander bestehen. War dagegen ein Mutationsprodukt +besser+ angepaßt, brauchbarer als alle Mitmutationen und als die Mutterart selbst, so ließ er diese +beste+ Form +allein+ bestehen und merzte alle anderen aus.

Die Rolle des Daseinskampfes war in diesem Sinne zwar eine gewaltige, -- aber sie war rein -- negativ. Er machte nicht die Mutation.

Er konnte an sie als gegebenes „Absolutes“ direkt in keiner Weise heran.

Aber er warf unablässig alle schlechten Mutationen wieder aus dem Spiel, einschließlich aller überbotenen Stammformen, und reichte einer besten oder einigen gleichberechtigt besten die Palme der Herrschaft.

Indem er ungeheure Ketten von Mißmutationen und wertlos gewordenen Stammformen wie welke Zweige beständig abschnitt, trennte er die überlebenden Sieg-Mutationen durch weite Räume voneinander.

Darum erscheinen uns im Dauerbilde die „Arten“ meist so getrennt, obwohl die Mutationen sich zunächst immer noch so verhältnismäßig nahe gestanden hatten, wie die Lamarckiana und ihre Zwergenkinder, Riesenkinder, Kurzgriffler, Rotnervchen und Glanzblättler.

Ganz scharf tritt in dieser „Mutationstheorie“ die Beziehung wie der Gegensatz hervor zu der engeren Darwinschen Lehre von den Bedingungen der Entwickelung.

De Vries nimmt den ganzen +äußeren+ Besitz des Darwinismus +vollzählig+ in sich auf, er umspannt ihn, wie jede gute neue Theorie alles Gute der älteren umspannen soll, anstatt künstliche Unterschiede zu schaffen.

Dem lauten Getriebe, das heute alle darwinistischen Grundtatsachen wieder aus der Welt reden möchte, steht ein so besonnener Kopf, der grade beim alten Darwin arbeiten gelernt hat, vollkommen fern.

Die fördernde oder hemmende Macht der äußeren Existenzbedingungen, in die die lebenden Wesen jedes für sich eintreten -- der „Daseinskampf“, wie es Darwin nannte, ohne selbst in die Mißverständnisse überzulenken, die das vieldeutige Wort im Alltagsleben seitdem erfahren hat -- sie bleibt in voller Wucht bestehen.

Wie sollte sie nicht?

Fällt doch jedes neue Pflänzchen auf dieser alten Erde nicht vom Blauen ins Blaue, sondern es tritt vom Tage seiner Entstehung an in ein ungeheures Netz bereits bestehender Verhältnisse, vor denen es sich ausweisen muß, ob es „lebensfähig“ ist. Wenn ein Fischlein im Wasser aus dem Ei kriecht und das Wasser rauscht um es her -- und es hat plötzlich durch irgend eine individuelle Veranlagung keine Kiemen, so muß es augenblicks sterben, es ist untauglich zum Lebenskampf. Je besser dagegen seine Kiemen sind, desto flotter kann es das „Leben“, sein Leben in den gegebenen Bedingungen des Fischs im Wasser, aufnehmen. Die Logik dieses Gedankens ist eine immer wieder so schlichte, so schlechterdings zwingende, daß einer sich wirklich schon künstlich in den blinden Zweifel hineinreden muß, um das nicht mehr zu fassen. Wo immer in einer Tier- oder Pflanzenart individuelle Veränderungen auftreten, da +muß+ diese logische Mühle weiter mahlen, da +muß+ eine Selektion, eine Auslese des Besseren, vor den äußeren gegebenen Bedingungen Zweckmäßigeren, und eine Ausmerzung des Schlechteren stattfinden. Und das Resultat muß eine beständige Annäherung sein an eine immer bessere, eine beste „Anpassung“ der Gesamtmenge an diese Bedingungen, -- also genau das, was wir in so ungezählten Beispielen wirklicher famosester Anpassung und Zweckdienlichkeit der Lebewesen allerorten auf Erden vor Augen sehen.

Damit ist der Kerngedanke aber der Darwinschen Zuchtwahltheorie immer und immer wieder gerettet als ein schlicht logisches Grundprinzip, um das wir außen und oben, auf der Kampffläche der Dinge, nicht herumkommen.

Was sich aber fragt und von Anfang an schon für alle ernsten Denker, vor allem Darwin selbst, gefragt hat, das ist: wie es sich mit jenen „individuellen Veränderungen“ selbst verhalte, also mit dem Korn, das die Daseinskampfmühle oder das Daseinskampfsieb, wie das Bild besser lautet, zu verarbeiten bekommt?

Die Darwinsche Schule, so will ich einmal etwas allgemeiner hier sagen, hat durchweg angenommen, daß für die große Entwickelungslinie wesentlich jene kleinen individuellen Varianten in Betracht kämen, die, wie erwähnt, ungefähr unter jene statistischen Schwankungsgesetze Quetelets fallen, -- also im groben Bilde etwa, was bei uns Menschen sich als Unterschiede in der Nasenlänge oder so etwas Ähnlichem äußert.

Eine solche kleine Variante sollte gelegentlich schon ein kleines Plus im Daseinskampfe geben. Durch bessere Erhaltung auf Grund dieses Plus sollte dieser Daseinskampf sie so zu sagen mehr und mehr in Reinkultur herausarbeiten und allmählich so steigern, daß sie endlich unter die Dauermerkmale der ganzen Art geriet. Ein Komplex solcher endlich fest herangezüchteten Plus-Varianten mochte schließlich das ganze frühere Art-Bild so verwandeln, daß wir Systematiker die ausgelesene Varianten-Elite der Ur-Ur-Enkel gradezu für eine neue Art ansprachen. Und ein Hauptstützmittel dieser Auffassung waren eben die Erfahrungen unserer Gärtner und Tierzüchter, die mit großer Sicherheit behaupteten, genau in dieser Weise, durch stete Auslese der passenderen Varianten, völlig neue Dauerformen „erzeugt“ zu haben.

So die darwinistische offizielle Lehrmeinung.

Nun ist aber in hohem Grade bemerkenswert, daß Darwin selbst mindestens ursprünglich in diesem heikelsten Punkte gar kein extrem waschechter „Darwinianer“ war.

Er betonte, daß sich in der „Variation“ +zwei+ Dinge zu verstecken schienen, zwei nicht ohne weiteres gleiche Dinge.

Erstens nämlich ein stetiges individuelles Wechselspiel von Plus und Minus im Sinne eben jenes Nasenbeispiels. Zweitens aber gewisse plötzliche, unvermittelte Abweichungen vom Grundschema der Art, Varianten, die nicht in die Linie Plus und Minus ausbogen, sondern so zu sagen in eine neue Dimension hinein, in etwas ganz abrupt Neues.

In der ersten hellsichtigen Genieschau durch das ganze neue Lichtfeld der Dinge sah das Darwin sehr gut.

Als er sich aber dann mehr in die praktischen Gärtner- und Tierzüchter-Versuche hineinarbeitete, vermischte sich ihm die Zweiheit.

Dort fielen die beiden Arten der Variation anscheinend für die Praxis so durcheinander und in eins, daß es unwichtig schien, die Trennung noch zu betonen.

Es folgte die Hochflut der Darwinschen Schule. Insbesondere Wallace trieb den Zuchtwahl-Gedanken aufs gedanklich Äußerste hinauf. Hier war von irgend einer Beachtung des feinen Unterschiedes gar keine Rede mehr. Die Variation war Eines nur und in diesem Einen war entscheidend ausgesprochen bloß die Plus- und Minusschwankung. Aus ihr wuchsen die neuen Arten.

Ist das doch selbstverständlich, meinte Wallace, wenn wir nur etwa ein so einfaches Beispiel anschauen wie unsere tausend Kulturspielarten aus der einzigen Ur-Art des wilden Apfelbaums. Dieser Apfelbaum hat nach Plus und Minus variiert und diese Varianten haben die Gärtner benutzt, um alle die prächtigen süßen Apfelsorten unserer Obstgärten allmählich herauszufixieren. Dabei sind die Äpfel aber keineswegs bloß süß geworden. Es sind so und so viel echte Apfelspielarten von recht verschiedenem Bau dabei herausgekommen, -- ein Beweis, daß die ursprüngliche einfache Plus-Variante auch den Keim solcher Artbildung bot.

Und das schien wirklich schlagend. Eine ganze Generation beugte sich. Wer da oder dort zweifelte, der geriet in das Dilemma, ob er etwa mit dem ganzen Darwinismus brechen wollte ob seiner Ketzergedanken. So unzertrennbar fest schien diese Masche im großen Netz der Theorie zu stecken, daß man gradezu glaubte, sie trüge das Ganze und der große Entwickelungsgedanke müsse unten durchfallen, wenn man sie löse.

Nun, meint de Vries, die Entwickelungslehre als solche steht heute auf so breiten Füßen, daß man diese Skrupel wahrlich abtun kann. Eine neue Prüfung des Variationsproblems ändert da auch nicht ein Titelchen. Zumal wir eigentlich nur auf Darwins eigene erste Ideenlinie zurücklenken. Und so steht denn hier die Lamarcksche Nachtkerze mit ihren „Mutationen“ und wirft eine ganz neue Farbe ins Bild.

Sie besagt mit ihrer proteisch vielseitigen Person zunächst klipp und klar, daß es jene Doppelgestalt hinter dem einfachen Wörtchen „Variation“ wirklich gibt. Es gibt neben dem Variieren im Sinne von Hin- und Herpendeln der Plus- und Minus-Varianten auf der Art-Kante noch ein regelrechtes Umkippen in neue Art-Merkmale hinein, eine Sorte Variation, die eben mit besserem Wort als „Mutation“ von der gewöhnlichen geschieden wird.

Das aber geklärt, kommt nunmehr ein Vorstoß allerdings über Darwin hinaus und sogar gegen ihn.

Über diese Mutations-Varianten und nicht über die einfachen Schwankungs-Varianten läuft nach de Vries und ist immer gelaufen die wahre Neubildung von Arten. Alle Behauptungen und angeblichen Resultate der Gärtner und Tierzüchter, alle noch so sicheren Schlüsse und Thesen der hyperdarwinistischen Theoretiker sind falsch, so weit sie die Entstehung irgend einer neuen Art durch künstliche oder natürliche Weiterzüchtung einfacher Plus-Minus-Varianten behaupten.

Wo ein Ergebnis dieser Sorte durch Zuchtwahl mit „Varianten überhaupt“ zustande gekommen ist, da steckten eben Mutationen mit darunter, sie haben nachgeholfen ganz in der Stille und ein Gewinnlos in die an sich falsch gestellte Nietenlotterie eingeschmuggelt. Beispiel: eben die Wallacesche Geschichte der Gartenäpfel.

Die künstliche Gärtnerzuchtwahl konnte wohl aus sauren Wildäpfeln süße Kulturäpfel durch einfache Ausnutzung der kleinen Schwankungs-Varianten machen. Hier handelte es sich bloß um Steigerung einer Plus-Variante im Zuckergehalt bis auf ein extremes Maximum. Das ist genau der gleiche Erfolg wie bei dem allbekannten Beispiel der Zuckerrüben, über das die einwandfreieste Statistik vorliegt. Niemals wird so ein eigentlich konstanter Wert geschaffen. Läßt man die künstliche Auslese ruhen, läßt die süße Kulturform wieder verwildern, so sinkt sie binnen kurzem wieder auf den zuckerärmeren Urstand zurück, der Kulturapfel wird wieder Holzapfel, die Zuckerrübe in unserm Zuchtsinne verschwindet wieder von der Erde. Vollends aber niemals entsteht bei einfachem Zuchtprozeß auf diesem Wege der Variantennutzung eine feste neue Spielart, die sich nicht bloß in einem einseitigen Plusmerkmal von der Stammart unterschiede und darin in alle Nachkommenschaft hinein konstant bliebe. Nie ist es bei den Zuckerrüben passiert.

Aber doch bei den Äpfeln? Keineswegs auch da, sagt de Vries. Die wahre Tatsache ist in diesem Falle, daß schon der wilde Holzapfel eine gewaltig +mutierende+ Pflanze war, die sich bereits wild in so und so viel Unterarten zerspalten hatte, in echte Mutations-Varianten also, die natürlich als solche konstant waren und das schönste Ur-Material bereits lieferten. Die Gärtner haben sie durch Ausnutzung ihrer jedesmal „auch“ vorhandenen Plus-Varianten des Zuckergehalts einzeln zu Kulturäpfeln umgeformt. Dabei sind die Spielarten als solche eben geblieben, -- niemals aber sind +sie+ erst bei dem Gärtnerprozeß der Versüßung, den alle parallel erlebten, selber „erzeugt“ worden.

Dieser Fall gibt nach de Vries gradezu den Schlüssel für alle jene Irrtumsquellen, wo Arten durch Steigerung der einfachen Variation gewonnen worden sein sollten. Immer war Mutation im Spiel, ungewollte, unberechenbare, einfach in den Schoß fallende Mutation als Akt des tiefsten Eigenlebens der Pflanze, -- wenn die Sache gelang! Fehlte sie als Kräutchen Nießmitlust, so mochte die Pastete hundert Jahre schmoren, es gab keinen Erfolg.

Daher die Klagen der Gärtner, daß sie mit aller Variations-Nutzung keine blauen Georginen, großen weißen Kannablüten, hochgelben Hyazinthen „erzeugen“ konnten. Die stille Helferin Mutation warf eben diese Nummern bisher nicht ins Spiel. Daher der alte tiefsinnige Praktikersatz: „Die erste Bedingung, um eine Neuheit hervorzubringen, ist, sie bereits zu besitzen.“ Zu besitzen: das heißt, vom Glück so begünstigt zu werden, daß die Mutation, selber unbeherrschbar wie sie ist, sie einem grade ins Spiel setzt. Sonst hilft alle Zuchtwahl und alles Rübenglück nichts.

Wenn es aber mit der künstlichen, uns zugänglichen Züchtung so steht, dann wird es wohl mit der natürlichen, auf die wir ja nur von hierher schließen, ebenso sein.

Auch der freie Daseinskampf wird nur echte Neuheiten mit Dauerwert durch die Arbeit der Mutation seit alters zur Verfügung gehabt haben, von denen er dann die einen bestehen lassen, die andern, unpraktischen ausroden konnte.

Mit den Varianten der einfachen Sorte aber wird auch er nichts weiter haben anfangen können, als daß er diese oder jene eine Weile ins Extrem trieb; zog er die Hand von solchem Schützling, weil sich in seinen eigenen Bedingungen lokal etwas änderte, so fiel das sofort wieder ab, ohne daß je eine wirkliche innere Erneuerung damit angeregt gewesen wäre.

Es ist sehr wichtig, daß im Augenblick, da man bis hierher mitgeht, ein tatsächliches Sachverhältnis in der Tier- und Pflanzenwelt sich plötzlich ganz von selbst aufhellt.

So lange die Zuchtwahl-Theorie mit ihrer Anpassungs-Idee jetzt in der Welt ist, so lange ist auch von Freund, wie Gegner (am schärfsten wieder von Darwin selbst) erkannt und betont worden, daß ihr ein Zug im Bilde der Arten, wenn nicht direkt widerspricht, so doch zäh widerstrebt.

Die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Tier- und Pflanzenarten lassen sich in ungezählten Fällen in zwei scharfe Gruppen sondern.

Die einen fallen unter den Anpassungsbegriff.

Sie sind dem lebenden Geschöpf im Lebenskampfe ausgesprochen nützlich, z. B. wenn ein Laubfrosch, der auf grünen Blättern lebt, grün ist. Zur Verteidigung der Zuchtwahl-Theorie im ganzen sind diese Fälle stets sehr hell beleuchtet worden und kein Mensch mit gesunden Sinnen kann auch wirklich leugnen, daß sie Legion sind und für ihr Teil alles beweisen, was die kühnste Theorie hier verlangen kann.