Aus der Schneegrube

Part 9

Chapter 93,387 wordsPublic domain

Noch wieder in nicht allzuweiter Entfernung von diesem Acker hatte Herr Six Gartenanlagen und darin ein kleines Zierbeet. Als Gartenpflanze war dort neben anderem bunten Volk auch die gelbe Nachtkerze Lamarcks gelegentlich angepflanzt worden. Ihr aber war, treu dem alten Nachtkerzen-Gelüst, das Beet bald zu klein geworden. Da lag ja, gerade von dieser Seite zugänglich, der leere Acker, eine Fläche von 5000 Quadratmetern. Also dehnte sie sich allgemach dort hinüber, setzte ihre Kinder und Kindeskinder ins freie Feld und trieb zwischen den Kanälen des Herrn Six im Kleinen, was ihre Schwestern im großen Stil einst mit ganz Europa gemacht hatten.

So lagen die Dinge im Sommer 1886.

Das Kulturbeet war selber eingegangen, kaum daß man seinen Fleck noch erkannte. Ringsum aber in das Feld hinein und da und dort schon tief in diesem drängte es sich in zierlichen Blattrosetten und hohen Stauden von verwildertem Oenotherenvolk. Im Juli und August flammten mit ihrem verwegenen Leuchtgelb zahllose Blüten auf. Und da geschah’s.

Just auf diesen Goldacker geriet nicht ein harmloser Spaziergänger, den bloß die gelben Blumen freuten, sondern ein Mann, der seit Jahren auf der Lauer lag, ja dessen Geist so zu sagen ein großes Klappnetz darstellte, bereit, beim geringsten Einschlag mit energischstem Ruck zusammenzuschlagen.

Wenige Minuten davon hatte sich für drei Sommer der Professor der Botanik zu Amsterdam, Hugo de Vries, einquartiert.

1886, -- das waren nicht mehr die Zeiten Lamarcks.

Dazwischen lag jenes Kolumbus-Jahr der neueren Biologie: 1859, da Darwin auftrat. Was bei Lamarck ein Traum eines einzelnen gewesen war, das hatte Darwin den Zeitgenossen als höchstes wissenschaftliches Arbeitsziel beigebracht: die Suche nach dem Werden der Tier- und Pflanzenarten, das Studium der Wandlungen, Umgestaltungen, Entwickelungen im Bereich des Lebendigen. Inzwischen waren indessen wiederum fast dreißig Jahre hingezogen. Die Generation nach Darwin hielt den Meister hoch in Ehren, aber sie grübelte selber schon wieder ein Stück weiter, wie das ihr gutes Recht war. „Was du ererbt von Deinem Darwin hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ De Vries war in den wesentlichsten Punkten Darwinianer, wie sich das beinahe von selbst verstand. Er zweifelte keinen Augenblick mehr an einer Entwickelung des Lebendigen nach natürlichen Gesetzen und an einer Wandelbarkeit der Arten. Aber der alte Darwin hatte auch jene Sätze über das „Wie“ dieser Entwickelung und Wandlung gelehrt: -- von Vererbung, Anpassung, Kampf ums Dasein, Variieren, Zuchtwahl und Verwandtem. Dieser alte Darwin hatte dabei nie verfehlt, diese seine engeren Ansichten als alles eher, denn ein Dogma hinzustellen. Er verstand unter dem „Darwinismus“ nichts mehr und nichts minder als ein schweres Arbeitsprogramm für die Zukunft.

Die Generation, zu der de Vries (geboren 1848) gehörte, fing an, das mehr und mehr wirklich als Ernst zu fühlen. Man hatte im ersten Feuer doch etwas viel nur für die äußerliche Ausmünzung der Ideen Darwins gewirkt. Jetzt besann man sich auf des Meisters innerste esoterische Kernlehre: daß ja die Hauptsache erst noch zu leisten sei durch unermüdliche harte Beobachterarbeit. Auch de Vries hatte sich sein Programm gemacht, wo er arbeiten wollte.

De Vries war Botaniker.

Darwin hatte gelehrt, daß auch bei den Pflanzen die „Art“ +veränderlich+ sei. Neue Arten entwickelten sich aus schon vorhandenen, und so fort. Ungeheure Linien dieser Entwickelungen lagen zweifellos in der Vorwelt, der Geschichte. Sie konnten in ihrem eigentlichen Verlauf, als Vorgang, von uns nicht mehr beobachtet werden. Aber Darwin neigte dazu, daß die Naturgesetze der Vergangenheit keine anderen seien als die unserer sichtbaren Gegenwart, -- ein Punkt, in dem er wohl sicher recht hatte. Dann aber wurde im höchsten Grade wahrscheinlich, daß die Entstehung neuer Arten +noch weitergehen+ und auch bis zu uns heranreichen müsse.

Darwin zog denn auch, um die Sache aufzuhellen, ganz folgerichtig die Experimente unserer heutigen Gärtner und Tierzüchter heran, die, wenn nicht Arten, so doch mindestens Abarten herangezüchtet zu haben glaubten durch planmäßiges Ausnutzen kleiner natürlicher Veränderungen.

Dieser Weg führte ihn auf gewisse +mögliche+ Gesetze der wirklichen Artentstehung in der Natur. Aber grade er schien ihm auch zu beweisen, daß der wahre Naturweg in diesen Dingen ein ganz unglaublich +langsamer+ sei. Die winzige Zeitspanne, in der wir beobachten, schien viel zu kurz, um eine wahre Artentstehung, die Entwickelung einer neuen Pflanzenart aus einer andern ohne menschliche Nachhilfe, darin schon erleben zu können. Das war denn nun eine mißliche Zwickmühle. Die eine Beweisinstanz geriet in die unfaßbare Vergangenheit, die andere in die nebelblaue Zukunft. Dort waren wir nicht mehr dabei, und hier noch nicht.

Es gab hitzige Köpfe, die da behaupteten, an diesen Dingen hinge ein großes Stück Weltanschauung. Es war nicht gerade angenehm, von dem entscheidendsten Ding dann sagen zu müssen, es schwebe wie Mohammeds Sarg einstweilen zwischen Himmel und Erde.

Leute der jüngeren Generation, wie de Vries, begannen zu fragen, ob Darwin hier unbedingt Recht behalten solle, -- nicht mit seiner Entwickelungsidee, sondern mit seiner Skepsis. Wenn es nun bei sorgsamster Tatsachenprüfung doch einmal glückte, die Natur bei der Arbeit zu belauschen, wie ihr das Meisterstück gelang, heute noch unter unsern kritischen Augen eine neue Art zu schaffen?

Gelang es, so mußte ja im „Wie“ der Artbildung einiges +anders+ sein, als Darwin sich gedacht hatte. Aber darauf kam ja grade gar nichts an. Man arbeitete nicht an einem toten Monument für Darwins Einzelmeinungen, sondern man arbeitete an einem lebendigen Werk der Wahrheit, das sein Name als der eines vorbildlichen Wahrheitssuchers bloß eingeweiht.

In solchen Gedanken schweifte seit Jahren jetzt de Vries Auge über jeden Fleck Erde, wo Pflanzen bei einander standen.

Wie einst Goethe in Palermo den Blick wandern ließ, ob er nicht in irgend einem bunten Beet doch die „Urpflanze“ entdecken möchte, die das reine Urbild des Pflanzenwesens heute noch verkörpere, so suchte de Vries die Wandelpflanze, die Pflanze, die ihr Artbild durchbricht einem Neuwerden zu Liebe. Gab es sie, -- gab es sie nicht, mochte er die Blüten fragen wie Gretchen ihr Blumenorakel nach Fausts Liebe befragt.

Er besuchte auch den Kartoffelacker von Hilversum.

Ein Botaniker bringt seinen sichern Blick in solches Unkraut-Paradies mit. Er sah den Zusammenhang, wie diese Nachtkerzen-Gesellschaft sich seit etwa zehn Jahren hier auf die Eroberung begeben. Solcher freie Einfall in unbenutztes gutes Terrain ist für eine Pflanzenart aber stets ein Ereignis. Unerhört war ihre Üppigkeit, ihre Individuen-Zahl in den wenigen Generationen gesteigert worden. Was eine Art konnte, mußte hier geleistet sein.

Nun weiß man seit Alters, in besonderem Maße aber seit Darwin, daß jede Pflanzenart, die man in vielen Individuen vergleichen kann, ein solches Können hat: das sogenannte Variieren.

Die Individuen zeigen in den feinen Einzelheiten ihres Baues kleine Schwankungen, kleine individuelle Abweichungen von einander. Man lege beispielsweise eine Anzahl Blätter der gleichen Art nebeneinander und man findet nicht zwei absolut gleiche. Bei genauerem Zusehen findet man sogar bestimmte Reihen, in die diese Variationen des vorgesetzten Grundschemas sich einordnen lassen. Man kann sie unter gewisse Schwankungsgesetze einordnen, wie das (unabhängig von Darwin) durch Quetelet geschehen ist.

Darwin selbst war der Ansicht, daß diese kleinen Varianten jeder Art von großer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte ganz neuer Arten seien, grade darauf aber baute er auch seine Theorie auf, daß diese Entstehung unendlich langsam in weiten Zeiträumen, also uns unfaßbar, herankrieche.

Einerlei: wer immer nach Verwandlungsspuren suchte, mußte das Variieren als interessant beachten. Und diese Nachtkerzen-Kolonie in der Kraft ihres Könnens wies dem Besucher sogleich solche individuellen Varianten in verschwenderischer Pracht. Notwendig mußte es ihn fesseln. Er blieb eine Weile beim Studium der Kolonie. Schade nur, dreifach schade, daß mit allem Studieren dieses Variierens grade in Darwins Sinn so wenig für die Grundfrage herauskam! Ging die Artbildung diesen Weg, so war es eine ewige Zukunftsvertröstung für uns, keine sichere Erkenntnis. Wir sahen von der Artentstehung nicht mehr als ein Astronom in seinem Leben von der Wiederkehr eines Kometen sieht, der tausend Jahre braucht, um wieder in unsere Erdsicht zu kommen. Der Astronom konnte wenigstens die Ziffern fest errechnen. Wir hatten bloß schwache Vermutungen ohne festen Halt!

Indessen schon bald geschah etwas Wunderliches, etwas Unerwartetes.

Die Nachtkerzen-Art, die den gelben Blütenteppich des Ackers bildete, war von dem Botaniker zunächst ohne Skrupel und Mühe im Ganzen als die Lamarckiana bestimmt worden. Die kleinen Abweichungen der einzelnen Individuen galten ihm als selbstverständliche Varianten dieser einen guten Art. Aber in den Sommern 1886 und 1887 stellte er etwas fest, was hierzu nicht stimmte.

Beim sorgfältigen Durchprüfen aller vorhandenen Einzelnachtkerzen entdeckte er zwei andere Arten mitten dazwischen, beide scharf geschieden von der Nachtkerze Lamarcks.

Schon am 20. August 1886 fand er zwei Individuen, eines im dichtesten Wald der Lamarckskerzen, eines etwas davon entfernt, beide aber ausgezeichnet durch sehr viel kürzeren Griffel und kleinere Früchte, auch sonst in Einzelheiten durchaus absonderlich.

Im nächsten Sommer zeigten sich ihm an einer Stelle tief im Felde als pionierhaft vorgedrungene Nachtkerzen-Kolonie zehn Individuen einer zweiten Sonderart, die durch sehr viel schönere Belaubung, nämlich glattere Blätter und durch anders gestaltete schmälere, oben nicht herzförmig ausgebuchtete Blumenblätter abermals von der Lamarckskerze grundverschieden war.

Die Sachlage war auffällig über alle Maßen.

Die Individuen der beiden fremden Arten steckten so eingekeilt in der Kolonistenlinie der Lamarckier, daß schlechterdings nicht zu begreifen war, wie sie als „fremd“ hier hineingeraten sein sollten. Trotz ihrer Verschiedenheit saßen sie genau so da, als seien sie schlichte Abkömmlinge der Lamarcks-Gesellschaft selbst gleich allen andern des Feldes. Waren sie es nicht wirklich? Und waren sie dann nicht doch bloß gewöhnliche, nur etwas extreme Varianten der Lamarckskerzen?

De Vries trat dem gegenüber zwei feste Beweise an, beide in sich völlig gelungen.

Er brachte beide Sonderlinge im botanischen Garten zu Amsterdam zur Fortpflanzung und stellte fest, daß sie in weiteren Generationen vollständig konstant bleiben: die kurzgriffelige Form erzeugt weiter immer nur Kurzgriffler, die glattblätterige nur Glattblättler. Das gilt im allgemeinen botanisch als Merkmal einer festen Art. Also doch zwei Arten! Keine Varianten von Lamarckskerzen!

Gleichzeitig aber stellte de Vries aus der Literatur und den Musterherbarien von Leiden, Paris und Kew fest, daß bisher +weder in Europa noch in Amerika irgend ein Botaniker diese beiden Arten gesehen hatte+.

Es waren beides neue Arten!

Zwei bisher unbekannte Nachtkerzen-Arten!

Die eine mußte ~Oenothera brevistylis~, die kurzgriffelige, getauft werden, die andere ~Oenothera laevifolia~, die glattblätterige.

Was war das?

Hatte jemand in aller Stille in einem undurchforschten Winkel Amerikas diese beiden Arten gefunden, hatte ihre Samen heimlich nach Holland gebracht und zwischen die Lamarckier geschmuggelt?

Aber diese ganze Pflanzenkolonie hier war ja grade ein Verwilderungsprodukt, das Ergebnis einer von Menschenhand unberührten Auswanderung sich selbst überlassener Pflanzen von einem unbeachteten Beet auf einen unbenutzten Acker!

Oder welcher unglaubliche Wind sollte diese Samen über den Ozean hinweg hierher geweht haben, -- da doch vor dem siebzehnten Jahrhundert niemals offenbar ein einziger Nachtkerzensamen selbst der häufigsten amerikanischen Art auf solchem freien Naturwege zu uns gekommen war?

Je unwahrscheinlicher, unmöglicher alle diese Erklärungen wurden, desto deutlicher arbeitete sich aus dem Ganzen eine +Möglichkeit+ heraus.

Auf dem ursprünglichen Beet war nur die Lamarckiana gewesen. Diese allein war auf den Acker ausgewandert. Dort hatte sie sich üppig vermehrt. Und bei der Gelegenheit hatte sie plötzlich zwei vollkommen neue Nachtkerzen-Arten +aus sich erzeugt+.

Plötzlich, -- das heißt immerhin in der kurzen, übersehbaren Spanne der paar Jahre, seit denen nachweislich die Invasion auf den Acker erst statt haben konnte.

So wäre denn hier das ungeheure Wunder einer Art-Entstehung nicht von uns getrennt durch Jahrmillionen der Vergangenheit oder Äonen der Zukunft, -- ganz dicht wäre es nur hinter uns gewesen, zu messen noch an ein paar Nachtkerzen-Generationen in ein paar Menschenjahren.

Eine winzige Spanne zurück -- und der Botaniker wäre gradezu drauf gestoßen, -- gestoßen auf den Schöpfungsakt zweier neuer Pflanzenarten auf einem Kartoffelacker zu Hilversum ....

De Vries aber sagte sich folgendes. Wenn diese gelbe Kerzenkolonie erst vor zwei Jahren dieses „Wunder“ hier vollbracht hat, so besteht eine höchste Wahrscheinlichkeit, daß sie es auch +jetzt noch+ kann. Und wenn sie es vollbracht hat in der abgeschiedenen Stille dieses Kartoffelwinkels zwischen zwei Hilversumer Kanälen, so wird sie es auch vollbringen in der wissenschaftlichen Helle eines botanischen Gartens.

De Vries sah plötzlich eine Lebensaufgabe vor sich. Er entnahm dem geheimnisvollen Acker Zuchtpflanzen und Samen der echten Lamarckiana und der beiden neuen Arten und brachte sie in den botanischen Garten zu Amsterdam. Wenn diese Abkömmlinge der Schöpfungsstätte unter genauester Kontrolle aufblühten, wenn sie unter den denkbar günstigsten Verhältnissen tausende und tausende von Individuen entfalteten, -- ob dann in diesem goldenen Blütenfelde noch einmal und sichtbar jetzt vor Menschenaugen das große Mysterium sich vollziehen würde: die Entstehung einer neuen Pflanzenart?

Es war das eigenartigste Experiment, das der ganze Darwinismus bisher erlebt hatte. Würde es glücken?

Wir sind im Herbst 1886. Zu dieser Zeit also entnahm de Vries dem rätselhaften Acker von Hilversum neun besonders schöne, große Rosetten der echten Lamarckskerze und pflanzte sie in den botanischen Garten zu Amsterdam.

Das bedeutsame Experiment begann.

Zweijährig, wie diese Pflänzchen waren, kamen sie im nächsten Sommer, also 1887, in üppige Blüte und lieferten reichlich Samen. Dieser Samen kam zu neuer Aussaat und lieferte für die Sommer 88 und 89 eine ungeheure Nachkommenschaft, von der rund fünfzehntausend Individuen genau geprüft, gleichsam steckbrieflich aufgenommen wurden.

Wenn die Nachtkerze auch im Garten unter Kontrolle eine neue Art zu erzeugen beliebte, so war jetzt erste Gelegenheit.

Und der Fall ließ in der Tat nicht auf sich warten.

Unter den fünfzehntausend Kerzchen von 88/89 waren genau zehn Stück, die nicht auf den Steckbrief der Lamarckskerze hören wollten.

Da standen zunächst fünf Individuen, die sich als „Zwerge“ gaben.

Trieb die echte Lamarckiana durchweg erst bei Meterhöhe Blüten, so sproßten sie diesen Zwergen schon bei zehn Zentimetern ihres Höhenwachstums. Dabei handelte es sich aber keineswegs um reine Miniaturausgaben im Sinne einfach schwacher Individuen, etwa wie auf so und so viel Menschen auch einmal ein Schwächling weit unter dem Normalmaß kommt. Gleich das erste Blättlein, mit dem die zierliche Rosette einsetzte, erschien schon anders als die Lamarcksblätter, breiter in der Basis, kürzer gestielt, kurz art-verschieden. Wiederum die Blüte, wenn sie kam, war selber gar nicht verkrüppelt, sondern im Verhältnis der Blätter ganz auffällig groß. Kurz: der Botaniker stand vor einer neuen Art. Und, wohlverstanden, vor einer Art, die diesmal nachweislich von echten Lamarcks-Eltern herstammte!

De Vries taufte sie ob ihrer Zwergenhaftigkeit die ~nanella~.

Es erübrigte, sie auf ihre Artbeständigkeit in eigenen, weiteren Generationen zu prüfen, und auch das gelang. Samen der fünf Zwerge ergaben zwanzig neue Exemplare, die mit der höchsten Sorgfalt vor Vermischung mit echten Lamarckiern geschützt wurden. Es ist zur Abwehr solcher Vermischung ein besonderes Verfahren nötig, das erst einen rechten Begriff gibt, welche Arbeit überhaupt in solchen Versuchen steckt. Bekanntlich wird die Befruchtung bei den höheren Pflanzengruppen durchweg so vollzogen, daß männlicher Blütenstaub der einen Blüte auf den weiblichen Griffel einer anderen gebracht wird. Die Vermittler dieser Uebertragung sind bei den höchsten Gruppen (zu denen auch die Nachtkerze gehört) die ab- und zufliegenden Insekten, Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, die auf ihrer Honigsuche ohne Willen hier den Staub einer Blüte sich aufpulvern lassen und dort, bei Einkehr in einer anderen, am rechten Fleck zurücklassen. Bei solcher Post wäre nun in unserm Falle nur zu leicht möglich, daß ein Insekt mit echtem Lamarckianastaub bepulvert in eine Nanellablüte kröche. Der Erfolg aber wäre eine Kreuzung der beiden Formen, die die Einsicht hemmte, ob die Nanella, allein gelassen, als echter Artanfang wieder reine Nanellae erzeugte anstatt Lamarckskindern. So mußte denn die Insektenpost hier vorsätzlich ausgeschaltet werden. Jedes Pflänzchen wurde, wenn es Blüten setzte, durch transparente Papierhütchen gegen anfliegende Gäste abgeschlossen, die nötige Befruchtung aber besorgte an Insektenstatt der Professor selbst und zwar stets so, daß er nur den Staub einer echten Nanella wieder auf eine Nanella brachte. Resultat war, daß aus den bewußten zwanzig Nanellae 2463 neue Keimpflanzen hervorgingen, die ausnahmslos Nanella-Zwerge waren. Das entschied.

Inzwischen waren aber die Wunder in den fünfzehntausend ursprünglichen Lamarcks-Abkömmlingen noch nicht zu Ende.

Dabei wuchsen nämlich nochmals genau fünf andere Exemplare, die auch ihren Sonderweg gingen.

Auch sie waren bereits im zweiten oder mindestens dritten Blättchen, das sie trieben, von den Lamarckiern streng unterscheidbar an der wunderbaren Breite und oberen Abrundung ihrer Blätter. Kamen sie ganz herauf, so erwies sich alles an ihnen entsprechend dick und geweitet.

„Dickköpfe“ wurden es, die jeder Laie schon auf den ersten Blick herauskannte. ~Lata~, die Breite, taufte man also diese zweite Nachtkerzen-Art, die unter den Augen des unbestechlichen Beobachters sich aus der echten Lamarckskerze „entwickelt“ hatte.

Von allen bisher erkannten Neu-Arten wich sie am meisten von der Urform ab. Und schade nur, daß diesmal die Dauerhaftigkeit in weiteren Generationen nicht festzustellen war aus einem rein äußerlichen Grunde: diese (und alle später noch beobachteten) Individuen der Lata waren nur in ihren weiblichen Blütenteilen voll entwickelt, in den männlichen dagegen so verkümmert, daß eine Befruchtung mit echtem Lata-Staub unmöglich blieb.

Das Wirtschaften mit solchen Pflanzenkolonieen, die in die vielen Tausende hinein gehen, ist kein Kinderspiel. Trotzdem folgte de Vries zunächst unentwegt noch wieder einer Generation weiter. Er erzielte aus echtem Lamarckssamen der Fünfzehntausend von 88/89 eine Generation für 1890 und 91, die zehntausend gezählte und geprüfte Pflänzchen enthielt.

Unter diesen Zehntausend waren abermals drei Lata-Kerzen und drei Nanella-Kerzen!

Die Kraft, die zu erzeugen, bestand also bei den Lamarckiern auch jetzt noch fort.

Aber außerdem war diesmal ausgespart ein einziges Individuum dabei, das eine dritte Neu-Art darstellte!!

Diese Art war von hervorragender Schönheit. Sie wies rote Blattnerven und breite rote Streifen auf Kelch und Frucht. Die Blüte war größer und dunkler gelb. Ganz besonders auffällig aber war ihre Sprödigkeit. Stengel und Blätter zerbrachen bei jedem derberen Stoß. Schlug man von oben auf die blühende Pflanze, so zersprang „der Stengel förmlich in mehrere Stücke mit glatten Bruchflächen“. Den Grund bildete die sehr schwache Ausbildung der mikroskopischen Bastfasern, -- ein interessanter Umstand als Beweis, wie tief bis in ihre feinste Struktur hinein diese Art von der echten Lamarckiana verschieden ist. Im übrigen war grade sie über allen Verdacht hinaus kräftig und fruchtbar.

~Rubrinervis~, die Rotnervige, nannte sie ihr Entdecker, und diese Rotnerven-Kerze gab in der Folge, als sie noch einmal und zahlreicher in einer Lamarckszucht „entstand“, aus acht Individuen Samen für tausend Nachkommen, von denen 999 echte Rotnerver waren, und nur ein einziges Exemplar die alte Lamarckierin.

Selbst dieser eine Rückschlag war höchstwahrscheinlich gar kein echter, sondern Ergebnis einer zufälligen Einschleppung in das Beobachtungsbeet. Denn eine weitere Samengeneration lieferte 1114 Pflanzen, die samt und sonders rote Blattnerven besaßen.

Leider wurden die Schwierigkeiten der Kultur jetzt so groß, daß für eine Weile das großartige Experiment ruhen mußte. Drei Jahre ruhten die Samen der Sommergeneration von 1891 unbenutzt und mit ihnen ruhte so lange das Schöpfungswunder von Amsterdam.

Endlich 1895 kam es zu neuer Aussaat.

Reichlicher als früher wurde diesmal der Boden gedüngt. In größerem Stil als je wurde alles aufgenommen. Alle Befruchtungen wurden mit raffiniertester Gewissenhaftigkeit künstlich unter Dütenschutz vollzogen, die Statistiken mit polizeilicher Sorgfalt geführt.

Und abermals wuchs eine Generation auf, eine einjährige diesmal, abermals vierzehntausend Individuen. Und staunenswertes Resultat: die Artbildung warf abermals Wellen, stärker als je zuvor.

Da standen unter den Vierzehntausend zunächst sechzig Nanella-Zwerge.

Dann dreiundsiebzig Lata-Dickköpfe.

Und endlich acht Rotnervchen.

Wie aber diese Rubrinervis das vorige Mal als einzige ihrer Art plötzlich aufgetaucht war, so erhob sich diesmal aus seiner Rosette ein Einzelindividuum je von zwei nochmals völlig neuen Arten.

Der eine dieser Revolutionäre auf eigene Faust war im Gegensatz zu den Zwergen ein Riese, kräftig, breitblätterig, mit gewaltigen Blüten bei kurzer Frucht.

Augenblicks, da das gelbe Feld der Vierzehntausend von 1895 in Flor trat, stachen diese Prachtblüten aus der Menge vor. Nie vorher konnte ein Exemplar solcher Größe dabei gewesen sein, -- es war schlechterdings eine Neuheit wieder. Und doch eine Neuheit vom alten Stamm, -- vom einen Stamm, der jetzt in der vierten Generation streng nachweislich reine Lamarckiana-Zucht war!

~Gigas~ wurde der Riese mit Recht benannt.

Er erwies sich in 450 weiteren Sprößlingen aus Selbstbefruchtung konstant insofern, als er keine einzige Lamarckiana wieder hervorbrachte; dagegen erlaubte er sich schon in der nächsten Generation eine eigene neue Art in einem einzigen Exemplar zu zeugen: einen Riesen im Einzelwuchs, der doch in der Gesamthöhe nur das Zwergenmaß der Nanella erreichte. Weitere Generationen blieben dagegen unverändert beim Riesentypus, wahrten ihm also sein Art-Recht ungeschmälert fort.

Der andere Individualist der Vierzehntausend hatte schmale, langgestielte Blätter von eigenartig glänzender Oberfläche ohne Buckeln und von einer ganz besonderen dunkelgrünen Färbung, durch die sich die Nerven weißlich dehnten. Die Blüten waren diesmal klein wie bei der kleinblütigen Biennis-Nachtkerze, die sich grade in diesem Punkt so von der Lamarckierin schied.

~Scintillans~, die Glänzende, wurde diese Neu-Art getauft.

Ihre Dauerhaftigkeit unterlag in der Folge Zweifeln, doch ist die Sache noch nicht klar aufgehellt, weder positiv noch negativ.

Interessierte in diesen beiden Fällen das pionierhaft Vereinzelte der Neuschöpfung, so wirkte grade umgekehrt, daß eine dritte „Art“ diesmal sofort in ganzen hundertsechsundsiebzig Exemplaren aufmarschierte.