Aus der Schneegrube

Part 12

Chapter 123,435 wordsPublic domain

Und es steht nicht das Leiseste entgegen, unter diese Wege auch die Auslese des Passendsten im Daseinskampfe aufzunehmen.

Wobei ich freilich den Anhängern jener anderen, wie ich es nenne: groben Teleologie anheimstellen muß, ob sie das, was ich meine, überhaupt noch Teleologie nennen wollen.

Mir genügt es vollständig zur Rettung einer philosophischen Weltauffassung, die zwar absieht von jedem Durcheinanderwerfen von Teleologie und Kausalität, die aber dabei keineswegs auf ein wüstes Welt-Kuddelmuddel hinauskommt, sondern sich sehr wohl auch etwas denken kann bei einem +vernünftigen Sinn der gesamten Weltentwickelung+.

* * * * *

Eine Frage aber, die hinter diesen darwinistischen Problemen immer wieder auftauchen muß, ist die +Zeit-Frage+.

Haben wir Zeit genug in der Weltgeschichte, in der Erdgeschichte für solche schrittweisen Entwickelungen?

Es ist die Stelle, wo der starre Bibel-Glaube mit seiner alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zuerst gescheitert ist, -- bei dieser Zeit-Frage.

Noch immer aber herrscht über sie trotz dieses wahrlich schon nicht gering zu achtenden Kampf-Wertes vielfältig eine Unklarheit, wie kaum über einen zweiten Darwin-Punkt. Auch hier wird -- erst mißverstanden -- und dann losgeredet.

Ich erinnere mich auch dazu einer kleinen Geschichte, die mir symbolisch bedeutsam scheint.

Am 27. August 1883 explodierte in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und Java der Vulkan Krakatau.

Er explodierte buchstäblich, als das Meereswasser sich in seinen halb geschmolzenen Krater ergoß.

Das Wasser wurde an der glühenden Lava zu Dampf, und auf diesen ungeheuerlichen Druck hin platzte die ganze Krakatau-Insel.

Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor.

Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt, bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben.

Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von Berlin bis Kairo ist.

Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle, die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren Landen die Forscher beschäftigt.

In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich wieder hergestellt, so gut es konnte, -- in der tropischen Üppigkeit wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz zerborstene Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben.

Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand, war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein.

In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora auf ihrer Wanderschaft.

Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel.

Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht „Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen. Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten Reihe pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die „Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen.

All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist. Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über Berg und Tal, Eis und Wasser, -- Herren der Erde, die keine räumliche Schranke anerkennen.

Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen.

Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener Nostoc-Algen.

Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier.

Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder den Keimboden, den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas anspruchsvollere Pflanzen.

Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub bereits an den Abhängen der Vulkanruine.

Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub des weiteren feststellte.

Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel, wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war der Wind sicherlich noch Postillon gewesen.

Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie heranverfrachtet.

Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange.

Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre.

Erst im März 1897 machte sich abermals ein kleiner Botanikerkreis, Treub an der Spitze, von Buitenzorg auf, um den Fortschritt vom nackten Höllengrund zum Paradiese abermals zu messen.

Diesmal war auch der bewährte deutsche Pflanzenkenner Professor O. Penzig mit von der Partie, der ausführlich und anschaulich darüber berichtet hat (in den Annalen des botanischen Gartens zu Buitenzorg 2. III. S. 92-113).

Die kleine Expedition, mit allem wohl ausgerüstet, verweilte auf der Ruine einen halben Tag. Den Vulkanrest selber zu besteigen -- er ist noch seine 800 Meter hoch wie der stehen gebliebene Zacken eines abbröckelnden Zahns -- gelang nicht wegen der tiefen Klüfte, die sich wohl durch Zusammenziehung der erkaltenden Lava wie Risse in erstarrendem Pech gebildet haben und allenthalben den Weg versperren. Um so wertvoller aber war die botanische Ausbeute.

An der westlichen Hälfte der Nordseite der Insel zeigt sich die einzige echte, zum Landen erträgliche Strandstelle. Bimssteinblöcke und Korallenbruchstücke bauen sie hauptsächlich auf.

Hier ist ein kleines Strandparadies im vollen Werden.

Überall blüht es und treibt es, stellenweise ist das ganze Ufer völlig pflanzengrün. Da wachsen ein Pandanus, eine Wolfsmilch (~Euphorbia~), eine Scävola, unverkennbare Stammgäste sandiger und kiesiger Tropenufer der Gegend. In Massen kriechen die langen Stengel einer Trichterwinde dahin, dazwischen Vigna-Arten und die giftige, aber weithin duftende Leguminose ~Canavalia obtusifolia~, die auch eine typische Strandpflanze ist. Endlich fehlt es nicht an Gräsern (von der berüchtigt stacheligen Sorte Spinifex) und Cypergräsern.

Neben den schon regelrecht aufgeblühten Gewächsen aber fanden sich eine Masse frisch angeschwemmter Früchte und Samen, zum Teil in munterem Keimen begriffen, so daß man recht in die lebendige Werkstatt des Fortschrittes sehen konnte. Hier lag vor allem die Kokosnuß selber, dann der Same des Mangobaumes, dessen terpentinartig schmeckende Goldfrucht jeder Indienfahrer kennt, zweier Eichen, zweier Cäsalpinien (aus der Gruppe der berühmten Färbholzpflanzen), der Zuckerpalme, von der der Palmzucker kommt, und vieler anderen mehr.

Das Bild änderte sich, als die Besucher mehr ins Innere drangen.

Sie betraten eine Grassteppe.

Über mannshoch ragten die Grashalme, den Weg versperrend, und in den Halmwald verspannen sich zu zähem Dschungel die Trichterwinden und anderen Schlinggewächse. Wieder aus der Steppe aber erhebt sich der Fels. Noch ist ihm treu, was der erste Besucher einst fand: die blaugrünen oder schwärzlichen Schleimpolster der Algen und dann in reichster Fülle die Farnkräuter. Aber schon mischen sich auch hier oben in die Flora schöne echte Blütenpflanzen höherer Art. Da leuchtet es von weißen und rosaroten Blumen: es ist eine Erd-Orchidee (~Spathiglottis plicata~), deren feiner Samen also jetzt wirklich glücklich auch den Weg über die blaue See gefunden hat. Daneben prangt eine über meterhohe Composite, die „~Blumea balsamifera~“, die alles mit ihrem Duft erfüllt.

Den Schluß der Expedition bildete ein Besuch auf einem Inselchen „Verlaten Eiland“, das ein paar Kilometer entfernt liegt.

Als der Krakatau hier Weltuntergang spielte, mußte das nahe Eiland mit. Auch auf ihm verbrannte jedes letzte Hälmchen und dicke Schichten von Asche und Bimsstein begruben die Stätte. Grade hier aber hatte Floras Hand das höchste Wunder aufgespart, die äußerste Leistung tropischer Schnellproduktion.

Denn an der Südspitze dieses Friedhofs von 1883 stand bereits wieder ein ganzes Wäldchen von fünf bis sechs Meter hohen Bäumen. Casuarinen waren es. „Casuarbäume“, aus jenem seltsamen Geschlecht, dessen eigentliche Heimat das Wunderland Australien bildet. Wie gerupft, wie abgefressen hängen die scheinbar ganz blattlosen, düsteren Zweige herab, eher an Schachtelhalme als an Laubpflanzen erinnernd, eine echte Staffagepflanze von urweltlichem Habitus zu dem Erdteil der Schnabeltiere und Molchfische.

Als die Besucher ihre Ausbeute musterten, hatten sie im ganzen gesammelt: 22 niedere Kryptogamen (Algen und anderes), 12 Farne und 50 höhere Pflanzen (Phanerogamen). Treub bei seiner ersten Fahrt hatte 8 Kryptogamen, ein Farnkraut weniger und nur 15 Phanerogamen erbeutet. So trat der Fortschritt ganz deutlich hervor, wenn er auch nicht eben mit Siebenmeilenstiefeln gelaufen war, -- der Fortschritt in elf Jahren genau gemessener Zeit.

Interessant war dabei noch die weitere Einsicht in die Transportart der neuen Ankömmlinge.

Penzig verrechnet da alle Algen und Farne nach wie vor auf den Wind. Von den Phanerogamen gibt er siebzehn Arten mit meist kleinen und teilweise mit Flugapparaten ausgestatteten Samen den gleichen Weg: es sind sämtlich Gräser, Compositen oder Orchideen. Zweiunddreißig Arten dagegen fallen auf Wassertransport: es sind fast durchweg Strandpflanzen, darunter die Casuarinen, Euphorbien, Canavalien und die Kokospalme.

Endlich für ein paar Arten (Melastoma und Ficus) kommt noch ein ganz besonderes Luftschifflein in Betracht, an das man früher gar nicht für solche Fälle zu denken gewagt hätte: nämlich Verschleppung durch früchtefressende Tiere, -- Vögel oder Fledermäuse (Flughunde). Diese Pflanzen haben wohlschmeckende Früchte, deren Samen den Verdauungsprozeß überstehen. Der Weg ist also kein ungewöhnlicher. Darwin hat, wie so vieles, auch diese Art der Pflanzenverbreitung zuerst genau studiert und in unsere Rechnungen eingeführt. Er fand, daß Körner lustig aufkeimten, nachdem sie Tage lang in einem Vogelinnern zugebracht hatten; der Vogel konnte in dieser Zeit aber mehrere hundert Meilen weit geflogen sein.

So viel vom Krakatau, seiner Explosion und seinem neu erblühenden Garten.

Warum ich aber grade an diese Geschichte mich erinnert habe, damit hat es diese Bewandtnis. Ein Zeit-Beispiel steht uns hier wirklich vor Augen von außergewöhnlicher Art. Im Rahmen ganz fester Jahresziffern, 1883, 1886, 1897, erleben wir stufenweise mit einen Naturvorgang typischer Sorte: die Neuumfassung eines vegetationslosen Landes im Meer durch die „Biosphäre“, den großen Lebenskörper, der in Gestalt von Pflanze, Tier und Mensch die Oberfläche unseres Erdplaneten überlagert.

Hätten wir solche Zeitbeispiele, wo sich eine meßbare Zeit mit einem konkreten „Werden“ für uns füllt und deckt, in größerer Zahl, so träte jene Zeitfrage der Entwickelungslehre auf ein ganz anderes, ein exaktes Feld für uns über.

So wie hier, müßten wir dabei gewesen sein bei der Erdgeschichte, sollten unsere Antworten ganz unmittelbare sein.

Statt dessen sind wir angewiesen auf Indizienbeweise. Tatsächlich sind aber auch sie wenigstens für die größten Linien von zwingender Gewalt. Um ihnen zu folgen, ist aber wieder ein verwickelter Weg nötig, der weit fort führt von allen Schlagworten.

Ein Stück menschlicher Denkgeschichte ist dazu nötig.

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Wen man von einem mittelhohen, aber kahlen Berggipfel in die Ebene schaut -- etwa von der Schneekoppe -- so bekommt man ein gutes Bild, wie die „Biosphäre“, die Gesamtmasse des „Lebendigen“, zu dem ungeheuren Erdplaneten sich verhält.

Dunkler Fichtenwald, lichter, grüner Busch, endlich Wiesen und Kornfelder liegen da nicht mehr plastisch, sondern als Farbflecke. Nur noch die Unterlage, Hügel, Täler, Erdwellen aller Art steigen auf oder sinken ab. Die Farbfelder aber gehen mit, eben wie eine einfache Farbe, an deren Dicke man nicht noch einmal besonders denkt.

So liegt das Leben im ganzen um die Erde.

Der Fels aus Urgestein hier oben hat noch einen Vergleich: an seiner Flanke klebt die gelbe Flechte, auch sie fast nur ein Farbfleck ohne Tiefe, aber doch ein „Etwas“, das nicht selber Fels ist, sondern das man abschaben kann.

Wie eine solche feine bunte Flechtenkruste überzieht das Leben den rein mineralischen Block des Planeten in seinen kolossalen Größenverhältnissen eines Kugelberges von mehr als 12000 Kilometer Durchmesser.

Wer aus dem Weltraum sich der eilig sausenden Kugel näherte, der würde etwa die Urwälder des tropischen Südamerika sich andeuten sehen wie einen grünen Schimmel. Näherte er sich von der Nachtseite und schwebte über dem Ozean, so würde ein solcher Schimmel ihm vielleicht phosphorisch auf der Fläche zu funkeln scheinen: in der Tat läge auch hier in den oberen Wasserschichten eine riesige Schicht Leben winziger Organismen, deren vereinte Kraft das „Meerleuchten“ erzeugt.

Beim tieferen Eindringen merkte er dann die große Leistung, wie dieser Planetenschimmel der Gliederung der Planetenoberfläche wunderbar folgt.

Wo diese Oberfläche eine Meile tief zum Ozeansgrunde abstürzt, da senkt sich auch der Teppich mit, tierisches Leben geht bis zur Sohle die ganze Meile mit hinab.

Aus dem schwarzen Abgrund hebt es sich dann wieder zum Licht: grüne Tangstämme, wie die ~Macrocystis pyrifera~ der Südsee, recken sich 200 Meter empor, ein Medusenschwarm dehnt sich über mehrere Kilometer aus, eine rötliche Alge färbt ein halbes Meer.

Auf der Feste wieder wächst ein einzelner Eukalyptusstamm anderthalb hundert Meter vom Boden an aufwärts durch die Luft. Knieholz folgt den viel höheren oberen Gebirgsterrassen. Zuletzt hängt die gelbe Flechte selbst als äußerstes Faserwerk des Teppichs am Granit. Über dem schneebedeckten Hochgebirgshorn aber schwebt noch der Geier. Und vielleicht noch weit über der Meile Gestein, die die höchste Gebirgserhebung über das Meeresniveau hinausgipfelt, ziehen mit dem Winde Bakteriensporen.

Dem Vertikalen dieser Doppelmeile wiederum entspricht die horizontale Eroberung durch alle Zonen. In der Steppe durchmißt der Reisende wochenlang immer neuen Blumenflor. Selbst über der nackten Wüste zaubert die Fata Morgana Palmen herauf. Eisberge des Pols färbt die Volvox-Alge der Karmoisinklippen mit zauberhaftem Rot. Unter 81 Grad 26 Min. nördlicher Breite fand Nansen die Tümpel des schmelzenden Eises noch mit Diatomeen und Bakterien erfüllt.

Und dieser räumlichen Anschmiegung entspricht eine innerliche, eine physiologische: die unendlich vielseitige Anpassung an alle Bedingungen dieses Lebensraumes. Der Tiefseefisch leuchtet, der Käfer ~Leptoderus~ in der finsteren Adelsberger-Grotte ist blind, der Eisbär ist behaart bis auf die Tatzensohle, und die Haut des Nilpferdes ist ganz nackt; die Flechte am Fels verträgt das Austrocknen, das Murmeltier unserer Alpen überschläft die kalte Jahreszeit und der Tanrek-Igel Madagaskars die ausdörrend heiße, und der Zugvogel überquert ganze Erdteile, um für sich den Unterschied der Zonen aufzuheben.

Aber es wird Nacht, und über dieser lebensfrohen Erde beginnen die Sterne aufzufunkeln.

Du sagst Dir, daß jedes dieser Lichtpünktchen des Fixsternhimmels eine Welt für sich ist, so groß oder größer als unsere Sonne. Und sie alle müssen, damit wir sie sehen können, leuchten, müssen eine Hülle glühender Gase um einen Kern in Weißglut mit sich dahintragen. Trotzdem sind die Stoffe dort die gleichen wie bei uns. Nur der Wärmestand ist ein unvergleichlich viel höherer. Das Gewicht unserer Erde verrät uns, daß sie im Herzen wohl nichts anderes ist, als eine riesige Metallkugel, vielleicht hauptsächlich aus Eisen, dem gleichen Element, das auch in dem Meteorblock steckt, der vom freien Raum her zu uns stürzt und der vielleicht ein solches Herzstück eines anderen Weltkörpers ist, und dem gleichen, ohne das hier an der Oberfläche in der Sphäre des Lebendigen kein Pflanzenblatt sein wundervolles Grün entwickeln könnte. Der Raum aber, aus dem dieses Meteoreisen fällt, ist selber eiskalt, kälter als die tiefste Polarkälte. Wenn dieser Meteorblock einst glühend gleich den Sonnen dort hinein geworfen worden ist, so ist er längst darin bis ins Innerste so kalt geworden, daß unsere Haut daran kleben bliebe, wollten wir ihn greifen; wohl erhitzt er sich durch die Reibung unserer Atmosphäre flüchtig noch einmal, aber im Innern ist noch mehrfach die ganze Kälte festgestellt worden, die schaurige Weltraumkälte. Was aber dem Zentnerblock geschah, warum nicht das Gleiche dem ganzen Erdplaneten?

Auch er war einst im Lose derer da oben, sein Metallkern strahlte Weißglut, und blutrote Wasserstoffdämpfe schossen als Protuberanz darüber hinaus. Aber die Kälte kroch zäh heran und legte ihre Hand darauf. Bis die Schlacke eine Rinde hatte. Bis das Eisen sich härtete und Rost setzte. Und bis der Wasserstoff sich dem Sauerstoff vermählte zu Wasser. Die großen Sonnen glühen noch fort, -- die kleine Erde ist schon gestrichen im Chor der Glutatmenden.

So ist der Gedanke schon dem René Descartes im siebzehnten Jahrhundert aufgestiegen: die Erde ist nur eine verkrustete, eine erloschene Sonne.

Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“ (~Mundus subterraneus~) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern, verborgen unter unermeßlichen Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest erhalten hat.

Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher nackter Krakatau-Fels gewesen, -- einmal damals, als zum ersten Male die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde.

Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen.

Wann aber war das?

Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen zwanzig Jahren noch lange nicht.

Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang?