Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit
Part 14
Die Mauern Jerichos sind mit Hilfe der Engel eingefallen (I, 80).
Die Sonne Josuas stand still, indem »Gott den Umschwung der Erde um ihre Achse und infolgedessen auch den Lauf des Mondes plötzlich aufgehalten hat« (I, 95).
Der Teufel vollbrachte sein erstes teuflisches Wunder, indem er der Schlange Sprache verlieh, Gott sein erstes göttliches, indem er die Schlange umbildete, daß sie auf dem Bauche kriechen mußte (II, 17-19).
Dieser unerschrockene Streiter Gottes ist auch in der beneidenswerten Lage, über die Werke des Teufels und sein Treiben genau Auskunft geben zu können. In seiner Predigt »Alttestamentliches Exempel aus Moses Leben« (Leipzig 1883) hat er die glorreiche Entdeckung gemacht, daß die Wunder der ägyptischen Zauberer keineswegs Blendwerk waren, sondern »nach der einzig richtigen Auslegung« vollbrachten sie ihre Wunder »_mit Hilfe des Satans und der bösen Geister, mit denen sie im Bunde standen_« (S. 77). Wie der fromme Verfasser in seinen »Biblischen Merkwürdigkeiten« feststellt, unterliegt »es keinem Zweifel, daß _der Teufel in Menschengestalt oder sonstwie erscheinen und sichtbar werden kann_«, denn in der Versuchungsgeschichte (Matth. 4) »faßte er Christus an und führte ihn im Fluge mit sich durch die Luft«. -- »Es ist ganz verkehrt, wenn die Weltmenschen den Teufel immer als eine Spukgestalt mit Hörnern und Pferdefuß lächerlich machen. Er kann in tausenderlei Gestalt die Menschen betrügen. Am meisten Macht übt er dadurch, daß er den Menschen einredet, es gäbe gar keinen Teufel.« Aus Hiob geht hervor, daß Unglücksfälle, Sturm, Hagel, Krieg, leibliche Krankheit und geistliche Anfechtungen nur vom Satan über uns gebracht werden, freilich dürfen wir damit nicht sagen, daß jede Krankheit geradezu vom Teufel komme, aber mittelbar kommt doch alles von ihm.
Der gleiche Gottesmann setzt in seinem Buche »Der Aberglaube. Eine biblische Beleuchtung der finstern Gebiete der Sympathie, Zauberei, Geisterbeschwörung usw.« (2. Aufl., Leipzig 1886) auseinander, wie sich der Teufel bei Bündnissen mit ihm benimmt. Diese Greuel haben auch in unserer aufgeklärten Zeit nicht aufgehört, nur daß der Teufel jetzt »manierlicher auftrete und sich der Mode und Zeitrichtung schlau zu akkomodieren wisse«. »Alles Unheimliche fasse der Glaube an Zauberer und Hexen in sich.« Die Zauberei ist der Höhepunkt menschlicher Teufelei. Nach dem abschließenden Gesamturteil Mühes ist der _Aberglaube ein Eintreten in die Gemeinschaft mit dem Reich der Finsternis_ und in höchster Linie eine Auflehnung gegen Gott. Darum gebühre ihm die Strafe der Gotteslästerung, die Gott im Alten und Neuen Testament hundertfach angedroht habe (3. Mos. 20, 27, Offenb. 22, 15): _Hinrichtung und Steinigung_. Doch will Herr Mühe ihn zunächst mit Predigt und Belehrung bekämpfen, »_da leider die neue Gesetzgebung den Obrigkeiten keine genügende Handhabe bietet, um diesem Frevel wirksam zu steuern_«[8].
In dieselbe Kategorie von Wahrheitssuchern scheint sich auch der evangelische Pfarrer _Ewald Dresbach_ stellen zu wollen, wenn er in seinem Buche »Die protestantischen Sekten der Gegenwart im Lichte der heiligen Schrift« (Barmen 1888) schreibt; wir sprechen es »als unsere wohlerwogene Überzeugung aus, daß _im Sektentum sich der Antichrist offenbart_«. Auf den Einwurf, daß sich doch auch in ihnen fromme Leute finden, antwortet er: »Was die Frömmigkeit betrifft, so wissen wir es auf Grund der apostolischen Aussage, daß auch der Satan hin und wieder das Lichtgewand des Engels tragen kann«, das gehört zuweilen zu seinen Manieren; im übrigen reden wir ja nicht von einem einzelnen, auch nicht von einer schnell vorübergehenden Erscheinung: sondern tiefer schauend haben wir das Allgemeine im Auge, die Dinge betrachten wir im »Lichte der Ewigkeit« -- und eben da besteht die Behauptung zu Recht: im Sektenwesen äußert sich der »Widerchrist« (S. 19).
Daß sich in den Sekten außerordentlich viel Fanatismus und Dummheit jeder Art findet, ist ja zweifellos richtig. Aber etwa in den großen Kirchen nicht? Mit welchem Recht bestreiten wir der Minderheit eine Meinung, die die Mehrheit haben darf?
Am deprimierendsten aber wirkt es, wenn ein Mann, der sich zur Aufgabe stellte, die Sekten und ihre Torheiten und Schattenseiten zu beleuchten, keine schärfere Angriffswaffe findet, als die aus dem Arsenal des finstersten Mittelalters entnommene des Antichrists und Satans!
Wen wird es, wenn Männer mit solch finsterem, stupidestem mittelalterlichen Aberglauben auf das Volk losgelassen werden, wundern, wenn sich nachstehende Geschichte ereignen kann?
Im Dezember 1910 erschien bei der Polizeiverwaltung Cöpenick eine Arbeiterfrau namens K. und wünschte den Polizeiinspektor in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Sie stellte allen Ernstes das Verlangen, ihrer Nachbarin, einer 70jährigen Frau, den Prozeß zu machen, denn sie sei -- eine Hexe! Die alte Frau habe schon viele Leute behext, lasse alte Hexenbücher im Zimmer herumtanzen usw. Das schlimmste aber sei, daß sie das neugeborene Kind der Beschwerdeführerin, das bis zum dritten Tage ganz gesund gewesen sei, behext habe, so daß es seitdem immer schreie. Auch ihr Mann war überzeugt, daß das Kind behext sei. Da die Frau durchaus nicht den Eindruck einer Geisteskranken machte, versuchte der Polizeiinspektor ihr durch Vernunftgründe den Aberglauben auszureden. Natürlich nützte es nichts. Sie entfernte sich mit den Worten: »Sie mögen noch so schlau sein, Herr Inspektor, aber die Hexe ist doch noch schlauer. Sie hat ihre alten Bücher, die Sie nicht haben[9].«
Das Verfahren der oben gekennzeichneten Theologen wirkt umso grotesker, je mehr wir die Forderungen des Tages auf den verschiedensten Gebieten betrachten. Wenn wir einen Blick werfen auf die Fortschritte der Naturwissenschaften, die uns zur Stellung immer größerer Fragen zwingen, auf die sich auf ihrer Grundlage bildende neue Weltanschauung, auf den Siegeslauf der Technik, der Medizin und so und so vieler anderer Wissenszweige. Wenn wir die gewaltigen Aufgaben ins Auge fassen, die das Wirtschaftsleben an uns stellt, der Übergang des Agrarstaates in den reinen Industriestaat mit seinen unabsehbaren Folgen. Wenn wir in die Rechtspflege, Wohnungsfrage und tausend andere Probleme hineinleuchten, Probleme, die die Zukunft zu lösen haben wird, aber nicht lösen kann, ohne die regste Mitarbeit jedes einzelnen von uns.
Und in solchen Zeiten, wo letzten Endes die Fortexistenz des Vaterlandes als Weltmacht auf dem Spiele steht, wo das Europäertum gegen das erstarkte Amerika und das neu erwachte Asien kämpfend seine Kräfte sammeln muß, da treten Männer auf, angeblich Verkünder der Religion der Liebe, Bringer der Wahrheit, und schüren konfessionelle Zwietracht, wenn sie nicht einer längst endgültig abgetanen Weltanschauung neues Leben einzuhauchen versuchen.
Gäbe es einen Teufel, selbst dann wäre es eine Dummheit kostbare Zeit durch Nachdenken über ihn zu verlieren. Unser harren wichtigere Aufgaben!
VII. Kapitel
Die heilige Garderobe und ähnliches
So ungefähr alles das, was wir bisher an Dummheiten kennen lernten, was naive Zeiten, eine irregeleitete Phantasie auf diesem Gebiete ersannen, finden wir zu einem blühenden Strauß gebunden in einer gewissen Literatur vereint, in die sich hineinzuwagen, nicht geringe Überwindung kostet. Es handelt sich nicht etwa um Hintertreppenromane oder Detektivgeschichten, mit denen die hungernde Phantasie unserer Jugend verdorben wird. Für _Erwachsene_ ist sie geschrieben, für _das unwissende Volk_, das in Büchern Belehrung sucht, seine kärglichen Mußestunden dazu benutzen will, den Geist zu bilden, der Wahrheit näherzukommen.
Und wo könnte es das mit größerer Zuversicht tun, als in Schriften seiner geistlichen Hirten? In Büchlein, für deren Inhalt die höchste Autorität eintritt. Soll es _hier_ nicht Belehrung und Erbauung finden, wo wäre sie dann zu suchen?
Folgen wir also dem gläubigen Leser in seine Erbauungslektüre! Wenn wir dabei kirchlichen Lehren begegnen, deren Ersetzung durch bessere wir für kein unerreichbares Ideal menschlicher Geistesarbeit halten können, so mag auch das nicht ohne Nutzen sein.
Mit bischöflicher Approbation erscheinen eine große Reihe von Schriften, die sich mit den kirchlichen Gnadenmitteln befassen und deren billiger Preis keinen Zweifel darüber aufkommen lassen kann, daß sie für Verbreitung in die Volksmassen bestimmt sind. Sie sollen der frommen Herde Fingerzeige geben für die zur Erlangung der ewigen Seligkeit erforderlichen Schritte.
Besonders handelt es sich hier darum, den Gläubigen das Tragen von gewissen Kleidungsstücken, deren hohe Bedeutung für das Seelenheil wir gleich kennen lernen werden, ans Herz zu legen.
Wir meinen die _Skapuliere_.
Unter Skapulare versteht die Ordensregel des h. Benediktus ein Kleidungsstück, das die Mönche bei der Handarbeit über der Ordenskleidung trugen. Es bedeckte die Schultern und hatte das eine Ende vorn, das andere hinten herabhängen. Manche Ordensleute tragen dieses Skapulier als Teil ihrer Ordenskleidung in der Form eines etwa einen Fuß breiten, vorn und hinten bis auf die Füße herabhängenden Stückes Zeug.
Dieses Skapulier nun, in verschiedenen Farben getragen, hat eine gar wunderbare Kraft!
Da ist zunächst das _braune_ der Karmeliter. Dem h. _Simon Stock_, Generalobern dieses Ordens, erschien die heilige Jungfrau und gab ihm ein braunes Skapulier mit dem Auftrage, die Mitglieder seines Ordens und der mit diesem verbundenen Bruderschaften sollten ein solches tragen als Zeichen ihrer besonderen Verehrung gegen die heilige Jungfrau und als Unterpfand ihres besonderen Schutzes. Um an den gewährten Gnaden und Ablässen Anteil zu haben, muß das Skapulier beständig, auch zur Nachtzeit, getragen werden, desgleichen in Krankheiten. Legt man es ohne Not ab, dann hat man während dieser Zeit keinen Anspruch auf Ablässe. Allerdings darf man es auch unter der Kleidung tragen.
Die kleine Mühe des Tragens lohnt dieses Skapulier allerdings reichlich. Hat doch die Madonna dem h. Simon Stock verheißen, daß »wer in dem braunen Skapulier sterbe, das ewige Feuer nicht erleiden werde.« Wenn es sich nun auch allerdings nach katholischer Lehre von selbst versteht, daß der Träger des Skapuliers nicht darauf sündigend ein ruchloser Mensch sein darf, so ist es doch offenkundig, »daß gar manche durch Bekleidung mit dem Skapulier noch auf dem Todbette die Gnade der Bekehrung und Rettung ihrer Seele erlangt haben, ebenso liegen auch Beispiele vor, wo Vermessentlichen und Unbußfertigen auf auffallende Weise noch vor ihrem Tode das Skapulier entrissen wurde und abhanden kam.« So schreibt wenigstens der Jesuit _Maurel_ in seinem mit Genehmigung der Oberen in sechster Auflage 1878 in Paderborn erschienenen Buche »Die Ablässe, ihr Wesen und ihr Gebrauch« (S. 379).
Besonders günstig gestellt sind die Träger des Skapuliers, der an einem Samstag das Zeitliche segnen: die Jungfrau Maria wird in höchsteigener Person zu diesen »hinabsteigen und jene, welche ich im Fegefeuer finde, befreien und zum Berge des ewigen Lebens führen.« Allerdings muß der Skapulierträger auch einige »gute Werke« verrichten, aber von ihnen allen, vom Fastengebot, täglichen Gebeten usw. usw. kann er befreit werden -- so entschied noch Papst Paul V. unterm 15. Februar 1613 -- nur das Tragen des Skapuliers ist eine unerläßliche Bedingung.
Die Länge des Aufenthaltes im Fegefeuer hängt also nicht etwa von der persönlichen Würdigkeit des armen Sünders ab, sondern vom Skapuliertragen und vom _Wochentage, an dem er stirbt_!
Doch diese Vergünstigungen scheinen dem Papst Clemens X. noch nicht ausreichend gewesen zu sein, sonst hätte er nicht unterm 8. Mai 1673 verordnet, daß die mit dem Skapulier der Karmeliter Bekleideten »von der Mutter Gottes auf ganz besondere Weise an Kindesstatt angenommen« sind und »einen größeren Anteil von all dem Guten, was in der gesamten katholischen Kirche geschieht«, erhalten.
Dazu bemerkt der Karmeliter-Pater _Grassi_: »Ordensleute, Mitglieder der Bruderschaft und andere, die zu diesem Skapulier Andacht hegen, entgehen vermöge eines ungewöhnlichen Beistandes der Mutter Gott zahllosen Gefahren. Die Gewehre, welche nicht losgegangen oder deren Kugeln matt und ohne zu verwunden zu Boden gefallen, die Ketten, welche zerbrochen, die Dolche, die sich gekrümmt, die Bedrängnisse, von welchen man befreit, die Abgründe, in die man gefallen und aus denen man unbeschädigt hervorgekommen, die Feuersbrünste, welche gelöscht, die Krankheiten, welche gehoben, die verzweifelten Lagen, denen man glücklich entronnen, wie auf so vielen Gemälden dargestellt wird, die unzähligen Gedenktafeln, welche an den Altären der h. Jungfrau Maria vom Berge Karmel aufgehängt sind, -- verkündigen alle der Welt, mit wie großem Rechte dem _Karmeliter-Skapuliere_ der Titel »_Rettung in Gefahren_« zukommt, welchen ihm die h. Jungfrau gegeben hat. Man sah sogar viele von diesen Wundern sich ereignen, wenn man dieses Skapulier anderen Gläubigen, die in Gefahren des Leibes oder der Seele waren, auflegte, Beängstigten, Verwundeten, Besessenen usw. oder wenn man es in anderen Notfällen anwandte, z. B. es mit lebhaftem Vertrauen in die Flammen warf, um eine Feuersbrunst zu löschen, oder in die Luft, in das Meer, um einen Sturm zu stillen[1]!
Ein anderes Skapulier ist das _weiße_, das der »allerheiligsten Dreifaltigkeit«, bestehend aus zwei Zeugstücken aus weißer Farbe mit eingenähten Kreuzchen von roter und blauer Wolle. Die weiße Farbe weist auf die Herrlichkeit des Vaters, die blaue auf das Leiden des Sohnes, die rote auf die Liebe des heiligen Geistes hin. »Das Skapulier verleiht die Gemeinschaft der guten Werke und Verdienste sowohl mit dem Orden der heiligen Dreifaltigkeit als auch mit der Bruderschaft gleichen Namens, in welche man durch Annahme dieses Skapuliers eintritt.«
Ein drittes Skapulier ist das _blaue_, das der »unbefleckten Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria«. Es hatte einst die ehrwürdige _Ursula Benincasa_, die in Neapel im Rufe der Heiligkeit starb, vom Jesuskind erbeten, das ihr mit der unbefleckten Jungfrau selbst erschienen war. Durch Tragen dieses Skapuliers erhält man nicht nur die besondere Gunst der Madonna, sondern auch noch Anteil an den Gebeten und guten Werken der Theatiner. Wer es trägt, gewinnt »so oft er, es sei an welchem Orte es wolle, zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit und der allerseligsten, ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau sechs Vaterunser mit ebenso vielen Ave Maria und Ehre sei dem Vater usw. nach der Meinung des Papstes spricht, alle Ablässe, welche für den Besuch der sieben Hauptkirchen Roms, der Portiuncula-Kirche zu Assisi, sowie für den Besuch Jerusalems und des Gnadenortes des heiligen Apostels Jacobus zu Compostella in Spanien bewilligt sind, und ist hierzu ausnahmsweise keine Beichte und Kommunion und auch kein weiteres Ablaßgebet erforderlich.«
Wer sich über dieses geheimnisvolle Skapulier näher informieren will -- und wer wollte das nicht, nachdem man auf bequemere Weise kaum seiner Sünden ledig werden kann -- lese »_Andachten und Satzungen der Bruderschaft zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariä mit dem himmelblauen Skapulier_« (Regensburg, Verlag Pustet) oder »_Kurze Erklärung über das kleine himmelblaue Skapulier zu Ehren der allerseligsten unbefleckten Jungfrau Maria_, das von den Skapulierklerikern der Theatiner-Kongregation geweiht wird, samt einem Verzeichnis der Ablässe. Getreue Übersetzung des römischen approbierten Textes« (Mainz, bei Kirchheim).
Ferner gibt es das »_rote Skapulier_ des Leidens des heiligsten Herzens Jesu, sowie des liebreichsten und mitleidigen Herzens der seligsten unbefleckten Jungfrau Maria« über das ein bei Pustet in Regensburg mit Genehmigung des dortigen bischöflichen Ordinariats erschienenes Schriftchen »_Herz-Jesu oder rotes Passions-Skapulier_« näheren Aufschluß gibt. Wir verdanken es einer barmherzigen Schwester in Paris, der im Jahre 1846 »der Heiland wiederholt mit einem solchen Skapulier in der Hand erschien«.
Das Skapulier der sieben Schmerzen Marias oder das _schwarze_ ist von den sieben Stiftern des Servitenordens eingeführt. »Man wird durch Anlegung dieses Skapuliers der Bruderschaft der schmerzhaften Mutter Gottes einverleibt und erhält sowohl an den Verdiensten aller Bruderschaftsmitglieder wie des Ordens der Serviten Anteil. Außerdem hat der Herr, wie nach dem heiligen Alphons der heiligen Elisabeth geoffenbart worden ist, auf die Bitte seiner Mutter den Verehrern ihrer Schmerzen u. a. die Gnade verheißen, daß, wer die göttliche Mutter durch ihre Schmerzen anruft, vor seinem Tode wahre Buße über alle seine Sünden tun wird.«
Nun ist es klar, daß dem wahrhaft Frommen die Qual der Wahl zwischen so viel Glücksspendern äußerst wehe tun muß. Doch es ist in anerkennenswerter Milde dafür gesorgt, sie zu lindern. Man kann nämlich ein »_fünffaches Skapulier_« tragen, indem man alle aufeinander heftet. Dadurch wird man »aller Gnaden und Ablässe« teilhaftig. Und das ist doch was wert! Allerdings kann jedes Skapulier nur von einem dazu bevollmächtigten Priester angelegt werden, doch haben die Redemptoristen-Patres die Vollmacht mit einem vierfachen Skapulier, bestehend aus allen, mit Ausnahme des roten, zu bekleiden[2]. Sie können, wie Pater M. _Ulrich_ in seiner Schrift »_Die geistliche Schatzkammer, oder kurzgefaßter Unterricht über das vierfache Skapulier, die geweihten Kreuze_ usw.« (Passau, Bucher, 5. Aufl., 1874) S. 24 sagt: Durch eine einzige Weihe und Auflegung in alle vier Bruderschaften zugleich aufnehmen.
Was der fromme Skapulierträger für einen Profit macht, ist allerdings fabelhaft. Wer das fünffache Skapulier trägt, gewinnt »am Tage der Aufnahme fünf vollkommene Ablässe; täglich, sooft er sechs Vaterunser, Ave Maria und Ehre sei usw. betet, jedesmal die mit dem Besuche verschiedener heiligen Orte verbundenen Ablässe (vgl. oben); in jeder Woche Mittwochs und Freitags je einen vollkommenen Ablaß usw.; ferner: in der Todesstunde vier General-Absolutionen und fünf vollkommene Ablässe; nach dem Tode bei jeder für ihn gelesenen Messe wenigstens einen vollkommenen Ablaß; das samstägliche Privilegium.« Nach dem von Ulrich gegebenen Verzeichnis (S. 41 ff.) der Ablässe, kann man an einigen Tagen« etliche Jahrhunderte Ablaß gewinnen; erhält man doch schon 60 Jahre, »sooft man durch eine halbe Stunde das innerliche Gebet übt oder eine fromme Betrachtung anstellt«.
* * * * *
Das Skapulier, von dem übrigens auch die Franziskaner eines besitzen, ist nicht das einzige Kleidungsstück der frommen Garderobe. Verfügt doch der gleiche Orden in seinem »_seraphischen Gürtel_« über ein nicht minder seelenrettendes Instrument. Darüber belehrt das Schriftchen »_Der Seraphische Gürtel und dessen wunderbare Reichtümer._ Nach dem Französischen des hochw. Herrn von _Segur_«, das mit bischöflicher Erlaubnis 1877 in erster, im folgenden Jahre in zweiter Auflage erschien.
Sixtus V. errichtete im Jahre 1585 eine »Erzbruderschaft des Gürtels des heiligen Franziskus«, deren Mitglied man werden kann, wenn man aus der Hand eines Franziskaner-Oberen oder eines anderen dazu bestellten Priesters den Gürtel empfängt und denselben Tag und Nacht trägt. »Es ist Gebrauch, aber nicht Pflicht, jeden Tag zum Andenken an die fünf Wunden des Erlösers und des heiligen Franziskus sowie auch für die Bedürfnisse der Kirche nach der Meinung des heiligen Vaters sechs Vaterunser usw. zu beten. Man kann den Gürtel auf dem Hemde tragen. Er mag von Wolle oder Baumwolle sein, von Garn oder Hanf, von weißer oder Naturfarbe. Man soll ihn nur ablegen im Falle der Not, um ihn so bald als möglich wieder anzulegen. Ist er zerrissen oder sonst nicht mehr tauglich, so kann man ihn verbrennen und ganz einfach durch einen anderen ersetzen. Eine kleine Schnur wäre nicht hinreichend, doch muß es auch kein dicker Strang sein.«
Es lohnt sich wirklich, diesen Gürtel zu tragen, denn er spendet geradezu fabelhaften Segen. Segur schreibt darüber: »Die mit dem seraphischen Gürtel verbundenen geistlichen Vorteile enthalten den unvergleichlichen Schatz der Ablässe, welche aus der Franziskaner-Familie ein Wunderding machen, einzig in seiner Art. Die Träger des seraphischen Gürtels haben Anspruch auf alle diese Gnaden« (S. 6). »So oft sie die sechs Vaterunser usw. beten, gewinnen sie alle Ablässe des h. Landes, der sämtlichen Basiliken und Heiligtümer von Rom, der Heiligtümer von Assisi usw., das heißt _Tausende vollkommener Ablässe und sicher mehr als 100000 Jahre teilweiser Ablässe_. Ist das nicht gleichsam ein unvergeßlicher Ozean von Erbarmungen? Kann man da nicht täglich Tausende armer Seelen aus dem Fegfeuer erlösen? Und diese Ablässe kann man gewinnen, so vielmal des Tages, als man will; es ist nicht notwendig, morgens kommuniziert zu haben, man darf sich nur im Stande der Gnade befinden, seine Sünden bereuen und fest entschlossen sein, Gott dem Herren treu zu bleiben. Wo ist ein Christ, der dies nicht tun könnte und gern tun sollte?« (S. 7).
Aber das ist noch nicht alles: Wenn die Gürtelträger nach der Kommunion den Psalm Exaudiat usw. beten, können sie alle Ablässe gewinnen, die je allen Heiligtümern der ganzen Welt verliehen worden sind (S. 8) und 36mal im Jahre die »große Franziskaner-Absolution« empfangen.
Die »Monatsrosen« vom Februar 1874 berichten noch von einem anderen Gürtel, dem _Sankt-Josephs-Gürtel_, durch den schon 1657 eine Nonne in Antwerpen »von grausamen Schmerzen« wunderbar geheilt wurde. Als Pius IX. ihn auf Ersuchen des Bischofs von Verona 1859 nebst der Weiheformel bestätigt und mit Ablässen begnadigt hatte, kam sein Gebrauch erst recht in Aufnahme. Der Gürtel besteht aus einer Schnur von Baumwolle, Wolle oder Leinen mit »sieben Knoten als sieben Schmerzen und sieben Freuden des h. Josephs«. Man trägt ihn unter der Kleidung, »um durch die Fürbitte des h. Joseph wirksame Hilfsmittel zur Bewahrung der Reinigkeit und zur Enthaltsamkeit, die in jedem Stande notwendig ist, zu erlangen oder sie wieder zu erringen, wenn sie verloren ist«.
Doch das ist keineswegs die einzige Wirkung dieses Wundergürtels. Im Märzheft 1878 der »Monatsrosen« ermahnt der Herausgeber die Gläubigen, sich mit dem Gürtel des h. Joseph zu umgürten und macht darauf aufmerksam, daß in der Servitenkirche zu Innsbruck ein Filialbündnis der Umgürteten des h. Josephs bestehe. Man könne sich um Gürtel und Büchlein an die Redaktion der Monatrosen wenden. Das kann auch tatsächlich nur jedem angeraten werden, ist doch auch die Wirkung dieses Kleidungsstückes nach der gleichen Quelle geradezu verblüffend. »Ein siebenjähriges Kind, welches an Lungen- und Brustentzündung erkrankt und von drei Ärzten aufgegeben war, wurde in den Gebetsverein eingeschrieben, eine heilige Messe für dasselbe gelesen, ihm einige Tropfen Lourdes-Wasser eingegeben und ein Josephsgürtel umgelegt, und die Krankheit wendete sich zum Bessern« (S. 247). Ein anderer Fall betrifft »ein großes Übel«, das nach Auflegung des h. Joseph-Gürtels plötzlich behoben wurde (S. 343).
Daß solche Mittel bei Krankheiten auf nervöser Basis wirksam sein können, wird niemand bestreiten wollen, der den gewaltigen Einfluß der Suggestion auf den Körper kennt. Die Gürtel aber bei Lungenentzündungen und ähnlichen Infektionskrankheiten empfehlen, heißt in gewissenloser Weise mit dem Leben derer, die nicht alle werden, spielen.