Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit

Part 15

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Der heiligen Garderobe gehört endlich noch ein dritter Gürtel an, über den der Spitalbenefiziat Joseph _Löcherer_ unter dem Titel »Vollständiger Inbegriff der Gnaden und Ablässe der ehrwürdigen Erzbruderschaft Maria vom Troste, oder der _schwarzlederne Gürtel der h. Mutter Monica_, des heiligen Vaters Augustin und des h. Nicolaus von Tolentin, zum Gebrauche der Vorstände und aller einverleibten der Bruderschaft, getreulichst nach dem von P. Clemens X. herausgegebenen und für ewige Zeiten bestätigten Breve und Ablaß-Summarium Ex injuncto nobis vom 27. März 1675 und dem neuesten, von der h. Kongregation der Ablässe durch Urkunde vom 7. März 1863 ausdrücklich gutgeheißenen Bruderschaftsbüchlein bearbeitet« ein Büchlein schrieb, das bei Manz in Regensburg im Jahre 1878 in achter Auflage erschien.

Der Gürtel hat natürlich auch seine historische Berechtigung: Der h. Monica, die auch in der Kleidung der Jungfrau Maria ähnlich sein wollte, ist diese mit dem schwarzledernen Gürtel erschienen und sagte ihr, daß sie ihn seit dem Tode Christi getragen habe. Natürlich legte ihn nun die h. Monica, die Mutter Augustins, auch an.

Auch diese Gürtel-Bruderschaft ist, wie das ja nur recht und billig ist, an Ablässen außerordentlich reich[3].

Es leuchtet jedem denkenden Menschen ohne weiteres ein, daß die himmlischen Heerscharen, Gottvater, Sohn, heiliger Geist, kurz das ganze Weltregiment eine närrische Freude darüber haben muß, wenn christkatholische Menschen mit Skapulieren und Gürteln herumwandeln. Wenn es eine genaue Bekleidungsvorschrift für das Militär oder den hoffähigen Adel gibt, warum braucht nur gerade der Himmel keine zu haben? Sollte hier etwa auf passenden Anzug weniger Gewicht gelegt werden? Das wäre eine geradezu beleidigende Annahme.

Wie oberflächlich, wie weltlich klingt doch der Satz »Kleider machen Leute«. Der wahrhaft Fromme sagt, »Kleidungsstücke machen himmelsfähig«, oder »Bekleidungsstücke machen Seelen«.

* * * * *

Doch nicht nur auf Skapuliere und Gürtel beschränkt sich die wunderbare Kraft für Lebzeiten und im Tode, sondern sie erstreckt sich auch auf Medaillen. Die Benediktiner sind im Besitze der sogenannten _Benediktus-Medaille_. Über sie schrieb Dom Prosper _Gueranger_, Abt des Benediktiner-Klosters Solesmes in Frankreich, »_Bedeutung, Ursprung und Privilegien der Medaille oder des Kreuzes des hl. Benedikt_«, bearbeitet von P. _Laurenz Hecht_, Benediktiner des Stiftes Einsiedeln. 2. Auflage, mit Approbation des Bischofs von Chur-Einsiedeln 1871. Ferner existiert über diese wichtige Materie das »St. _Benediktus-Büchlein_ oder die Medaille des hl. Benedikt« von einem Priester der Diözese Münster, mit Erlaubnis der geistlichen Obrigkeit, Münster 1876.

Es ist aber auch wirklich der Mühe wert, um dieser Medaille willen zur Feder zu greifen, denn, wie Pater Hecht aus einer zu Rom 1857 mit kirchlicher Approbation erschienenen Schrift mitzuteilen in der glücklichen Lage ist, wurde sie wirksam angewendet: »1) um _Zaubereien_ und alle anderen _teuflischen Einwirkungen_ zu zerstören; 2) um die _Zauberei_ vom Orte abzuhalten; 3) um die _Tiere_, welche von der Pest oder Seuche angesteckt oder von _Zauberei_ befallen sind, zu _heilen_ und gesund zu machen; 4) um jeden Menschen, der vom bösen Feinde versucht, getäuscht oder geplagt wird, den notwendigen Schutz zu gewähren; 5) um die _Bekehrung_ irgendeines Sünders, insbesondere wenn er in Todesgefahr ist, zu erlangen. Der vertrauensvolle Gebrauch dieser Medaille ist überdies wirksam: 1) zur _Zerstörung des Giftes_; 2) zur _Vertreibung der Pest_; 3) zur _Wiederherstellung der Gesundheit_ für diejenigen, welche von _Steinkrankheiten_, _Seitenstechen_, _fallender Sucht_, _Blutüberfüllung_ oder _Blutspeien_ befallen sind; 4) für die _Mütter_, damit durch den geistlichen Beistand die Kinder zur rechten Zeit und gesund _geboren werden_; 5) zum Schutze der Menschen vor dem _Blitze_; 6) zum Schutze derjenigen, welche von _Ungewittern_ hart bedrängt sind; 7) was aber mehr als alles andere geschätzt werden muß, dient diese geweihte Medaille, fromm gebraucht, dazu alle Versuchungen gegen die leibliche Tugend der Reinigkeit zu überwinden und durch Gottes Gnade die Menschen heilig an Seele und Leib zu bewahren.«

Daß diese theoretischen Wirkungen auf voller Wahrheit beruhen, bezeugt uns Abt Gueranger. In einem Kapitel »Wunderbare Wirkungen der Medaille des h. Benedikt im 19. Jahrhundert« überschrieben (Übersetzung von Hecht, S. 64 ff.), werden u. a. einige körperliche Heilungen mitgeteilt:

»Eine Dame wurde plötzlich von _starkem Nasenbluten_ befallen; die Mittel, welche der Arzt verordnete, schienen den Blutfluß eher zu fördern, als zu hemmen; so war der Abend des dritten Tages herangekommen; da empfängt die Kranke, eine Person voll lebendigen Glaubens, die Medaille des h. Benedikt, und sogleich hört das Bluten auf.«

Ein anderer Fall: »Eine Ordensschwester wurde von einem _Augenleiden_ befallen; nachdem sie sich die Augen mit Wasser gewaschen, in das sie die Medaille des h. Benedikt getaucht hatte, erlangte ihr Gesicht bald seine frühere Kraft wieder.«

Ferner: »Eine Frau, deren Tochter von einer heftigen _Entzündung des Kehlkopfes_ befallen wurde, kam auf den Einfall, die Medaille in ein Glas voll Wasser zu tauchen und es dem Kinde zu trinken zu geben. Sogleich führt sie ihren frommen Einfall aus. Das Kind trinkt das Wasser; am anderen Tage ist es außer aller Gefahr. -- Eine Frau, die an heftigem _Ohrenweh_ litt und der von Zeit zu Zeit Klumpen geronnenen Blutes und Eiterstoff aus den Ohren kamen, legte eine Medaille in das Ohr und betete mit Vertrauen ein Vaterunser und ein Gegrüßt zu Ehren des h. Benedikt. Eine Minute nachher war sie gänzlich geheilt.«

Die geistige Wirkung steht ganz auf der Höhe der körperlichen. Davon mögen folgende Beispiele aus dem 2. Abschnitt, überschrieben »Geistige Gnaden. Plötzliche Bekehrungen« (S. 76 ff.) überzeugen.

»Eine Frau berührte mit einer Medaille die Weinflasche ihres dem Trunke ergebenen Mannes; dieser fand den Wein abscheulich und ging in eine benachbarte Schenke, kam aber nach einer Viertelstunde zurück und sagte, der Wein sei dort noch schlechter. In den nächsten Tagen trank er nur Wasser, und die Frau benutzte dies, um die Zusage von ihm zu erlangen, daß er hinfort seine religiösen Pflichten erfüllen wolle.«

Ein anglikanischer Geistlicher disputierte neun Tage lang mit drei Konvertiten; einer von diesen begleitete ihn, als er am zehnten Tage zurückkehrte, und disputierte noch mit ihm bis zum Abend. Der Anglikaner brach endlich die Unterredung mit Worten ab, welche gar keiner Hoffnung zu seiner Rückkehr in die katholische Kirche Raum gaben. Da bat ihn der Katholik, die Medaille des h. Benedikt, die er bei sich trug, anzunehmen. Er tat es, und nach einigen Minuten, während deren der Katholik betete, erklärte er: »Das Licht strahlt vor meinen Augen, und ich habe an nichts mehr zu denken, als an die Abschwörung meiner Irrtümer.« Fünf Tage nachher erfolgte diese Abschwörung.

Daß die Benediktus-Medaille auch gegen böse Geister hilft, wissen wir schon. Nachstehend sei eine dieser erbaulichen Geschichten wiedergegeben: In einem Hause in Rennes trieben »böse Ceister« ihr Wesen: man hörte Lärmen und Stimmen, das Hausgeräte veränderte seinen Platz, ohne daß jemand es berührte usw.

»Die Hausbewohner ließen viele Messen für die Verstorbenen lesen, für den Fall, daß eine verstorbene Person durch solche Zeichen ihren Wunsch um Befreiung von den Schmerzen des Fegfeuers hätte kund geben können und wollen; nebst dem riefen sie auch den Priester herbei, damit er die Gebete verrichte, welche von der h. Kirche gegen vom bösen Feinde belästigte Häuser angeordnet sind. Allein die unheimliche Plage wollte nicht weichen. Da begann man damit, an den Türen eine Medaille des h. Benedikt aufzuhängen, und alsbald erfolgte die gänzliche Befreiung. Aber man hatte vergessen, eine Medaille an der Türe des Kellers zu befestigen; die ganze Bosheit der höllischen Geister schien sich dort vereinigt zu haben; so groß war dort der Lärm und die Unordnung. Nun befestigte man auch dort eine Medaille, und siehe, die teuflische Bosheit verließ endlich das Haus, jedoch nicht ohne Rache zu nehmen; denn die Person, welche (den Rat erteilt hatte und) uns diese Tatsachen berichtete, wurde alsbald vom bösen Geiste sehr grausam an Leib und Seele geplagt. In diesem Leiden erhielt sie endlich Erleichterung durch genaue Befolgung der Ratschläge ihres Beichtvaters, der ihr empfohlen hatte, kühn und mutig gegen den bösen Feind aufzutreten und öfters die h. Namen Jesus, Mariä und Joseph gegen ihn auszusprechen.«

Mehr hätte es uns ja imponiert, wenn es ohne den Beichtvater allein durch die Medaille gegangen wäre. Immerhin war auch so die Wirkung recht zufriedenstellend.

Hausfrauen! Schafft euch die Benediktus-Medaille an! Oder wer fühlt sich nicht durch folgende schöne Geschichte dazu geradezu verpflichtet? Das »St.-Benediktus-Büchlein« erzählt (S. 63): »Im Jahre 1863 zerbrachen täglich in einem Kloster mehrere Lampen und Trinkgläser auf eine ganz unerklärliche Weise. Mehrere Wochen hatte dies gedauert, da verfielen die Schwestern auf den Gedanken, die Benediktus-Medaille anzuwenden, und fortan blieb alles in bester Ordnung.«

In einer Stadt wollte der Gemeinderat die Straße breiter machen lassen und zu diesem Zwecke einen bedeutenden Teil einer von Wallfahrern stark besuchten Kirche der h. Jungfrau abbrechen lassen. Man befestigte die Medaille des h. Benedikt am Fuße des Standbildes der h. Jungfrau und »wenige Tage nachher wurde der Baumeister, welcher den unglücklichen Gedanken gehabt hatte, das Haus Gottes zu verstümmeln, plötzlich krank und starb. Seinem Nachfolger leuchtete es gleich ein, wie unnütz die Verstümmelung der Kirche sei«, und auf seinen Antrag hin wurde der Verbreiterungsplan geändert (Hecht, S. 93).

»Zu T. in Frankreich wurde durch Aufhängung einer Medaille des h. Benediktus im Hühnerstalle den Hühnern die Fruchtbarkeit zurückgegeben.«

Hecht folgert daraus die »Wahrheit, daß es dem Herren in seiner Weisheit gefallen, einen kleinen, materiellen, zu seiner Ehre geweihten Gegenstand als Werkzeug für Zernichtung aller teuflischen Gewalt und für das Wohl der Menschen und Tiere zu bestimmen« (S. 120).

Diese und viele andere ähnliche, erbauliche und wunderschöne Geschichten werden in jedem intelligenten Leser -- und wer wäre das in den Augen eines Autors, dessen Bücher er auszeichnet, nicht? -- den brennenden Wunsch wecken die Medaille zu besitzen. Damit er sie auch richtig anwendet, geben wir die wörtlich übereinstimmenden Anweisungen Guerangers (S. 161) und des Priesters von Münster (S. 95) wieder:

»Diese Medaille wird bei ansteckenden Krankheiten an den Wänden und Pforten der Häuser, bei Viehseuchen an den Wänden der Ställe befestigt, damit bei dem Anblicke des darauf befindlichen Zeichen des h. Kreuzes die bösen Geister fliehen. Sie wird bei Aufführung von Gebäuden in das Fundament eingesenkt ... Ferner pflegt sie gegen Ungeziefer auf den Wiesen in die Erde gegraben zu werden. Auch ist es üblich, daß die Gläubigen sie in ein Wassergefäß legen, damit Menschen und Tiere, wenn sie von diesem Wasser trinken, die Gesundheit erlangen. Die Art und Weise, die Benediktus-Medaille zu gebrauchen, wird durch das Ansehen der h. Kirche und durch die glücklichsten Erfolge empfohlen.« Allerdings sind die Wirkungen nur insofern unfehlbar, »als sie von Gott für das Heil der Gläubigen zuträglich erkannt werden«.

Übrigens macht bisweilen nicht nur die Benediktus-Medaille den Arzt überflüssig. So wird im »Sendboten« (1871, S. 302) berichtet: »Ein Mann, der infolge eines Beinbruchs an sehr heftigen Schmerzen litt, band eine _Herz-Jesu-Medaille_ an den Fuß, versprach eine neuntägige Andacht zum Herzen Jesu, und nach kurzer Zeit verließ ihn der Schmerz. Einer protestantischen Frau wurde geraten, ihrem kränklichen Kinde, das katholisch getauft war, etwas Geweihtes beizulegen, und ihr eine Herz-Jesu-Medaille gegeben. In wenigen Tagen besserte sich das Kind. Die Frau wurde katholisch[4].«

* * * * *

Die Jesuiten haben zwar weder ein besonderes Skapulier, noch einen Gürtel, noch eine Medaille, dafür aber ein Wasser, _das Ignatiuswasser_. Und wenn man ihnen glauben darf -- und wer wird einem Jesuiten nicht glauben? -- dann macht die wunderbare Flüssigkeit die anderen Mittel auch entbehrlich. Der belgische Jünger Loyolas Eduard _Terwekoren_ hat darüber eine Schrift verfaßt, die 1867 bei Mayer & Comp. in Wien unter dem Titel »_Das Weihwasser des h. Ignatius von Loyola für alle Leiden der Seele und des Leibes_« in Übersetzung erschien. Aus unbekannten Gründen ist diese Ausgabe nicht mehr im Buchhandel, was wir noch lebhafter beklagen würden, wenn mit ihr auch das Wasser verschwunden wäre. Das ist aber zum Heile aller frommen Seelen und deren beglückwünschenswerten Körper nicht der Fall. Vielmehr wird nach wie vor das Wasser geweiht und wir haben keinen Grund zur beleidigenden Annahme, daß es heute weniger wirksam sein sollte, als vor 45 Jahren.

Übergehen wir die wunderbaren Heilungen früherer Jahrhunderte, um uns auf die jüngere Vergangenheit zu beschränken: »Der im Jahre 1860 zu Alost im Geruche der Heiligkeit verstorbene Pater _Bernhard_ erwarb sich gerade durch die Verteilung des Ignatius-Wassers und durch seine Unermüdlichkeit im Beichtstuhle ungeheure Popularität. Die Vorsehung hatte ihn auserwählt, um in der Gegend von Alost diese alte und mächtige Andacht zum Weihwasser des h. Ignatius zu erwecken (S. 22, 24). Bei einer _Viehseuche_ gebrauchte man das Wasser auf einem Bauernhofe, und von 15 Pferden ging kein einziges zugrunde (S. 25). Als den Pater Bernhard seine Krankheiten verhinderten, die Kranken zu besuchen und eine Schwerhörigkeit ihn nötigte, das Beichthören aufzugeben, fuhr er doch fort, das Ignatius-Wasser auszuteilen. Er zeichnete Tag für Tag die Zahl der Personen auf, welche solches von ihm erhielten. Als nach seinem Tode sein Leichnam ausgesetzt war, brachten viele Leute die Fläschchen, welche das Weihwasser des Paters enthalten hatten, in der Meinung, dadurch daß sie dieselben an seinen Händen und an seinem Munde anrührten, ihnen die Weihe zu erhalten.« (S. 27.)

Wie wenig doch oft dazu gehört, um im Geruch der Heiligkeit zu sterben!

»Im Jahre 1859 wurde zu Antwerpen eine Frau, welche beinahe blind geworden war, geheilt. Ihr Vertrauen wurde glücklicherweise ansteckend: noch an demselben Vormittage holten 5 oder 6 Personen dieses Wasser, um sich gegen die Cholera zu schützen. Am Nachmittage zählte man bereits etliche 30 Begehrer, und wenige Tage später war ein solcher Andrang um das Ignatius-Wasser, daß 4-5 Personen kaum hinreichten, es auszuteilen.« (S. 29.) Im Jahre 1839 hörte die _Choleraepidemie_ in der Straße auf, in der ein Mann das Wasser brauchte! Daß Sünder nach dem Trinken des Wunderwassers sich bekehrten, ist klar. Kann es bei dieser Wirkung wundernehmen, daß das Wasser wie frische Semmel abgeht? Verlangte man doch in Gent binnen zweier Monate 100000 Flaschen und mehr als 50000 Personen aus Stadt und Umgebung bedienten sich seiner.

Am verdienstlichsten ist aber folgende Wirkung: »Außerdem gibt es noch zwei Umstände, in welchen man früher seine Zuflucht zum h. Ignatius nahm, und das scheint heute aufs neue in Schwung zu kommen. Nämlich bei Frauen, welche das Herannahen des Augenblicks fürchten, wo sie ein Kind zur Welt bringen sollen, und bei solchen, welche sich darüber betrüben, daß sie _keine Hoffnung haben, eines Tages mit dem süßen Namen >Mutter< benannt zu werden_. In diesen beiden Umständen hat die Fürbitte des h. Ignatius viele Tränen getrocknet, viele Ängsten beseitigt« (S. 68). »Man gebraucht das Ignatius-Wasser gar oft bei Frauen, welche in Gefahr einer _Schwergeburt_ sind, und man erzielt damit die glücklichsten Erfolge« (S. 73)[5].

Der »Sendbote des göttlichen Herzens Jesu«, der mit »Genehmigung der geistlichen Oberen« von Malfatti als Monatsschrift herausgegeben wird, besonders zur Förderung der Andacht zum Herzen Jesu, die in den letzten Jahrzehnten eifrig kultiviert wird, erzählt außer unzählbaren ähnlichen Geschichten, folgende zwei, die wir als besonders leuchtende Perlen herausgreifen möchten.

Im Jahrgang 1871 (S. 184) finden wir folgenden Bericht: »Im Dekanat Bozen wurde ein _totes Mädchen_ geboren, in dessen mißgestaltetem Gesichte weder Augen noch Nase zu sehen waren. Zwei Personen trugen das tote Kind zur wundertätigen Mutter Gottes nach Riffian mit der festesten Hoffnung, in der dortigen Wallfahrtskirche Lebenszeichen zu erbitten, um dasselbe mindestens bedingungsweise taufen zu können. Sie kamen am 13. Januar spät abends in Riffian an und trugen am folgenden Tage das Kind in die Kirche.« Es zeigten sich Lebenszeichen. Sie trugen darauf das Kind zum Pfarrer, um es taufen zu lassen, konnten aber kein _Lebenszeichen_ mehr wahrnehmen. Es wurde am gleichen Tage wiederholt und auch beim dritten Gebete zeigte sich kein Lebenszeichen. Nunmehr begrub man das Kind. Sie ließen es aber am 18. _wieder ausgraben, bemerkten während ihres Gebetes Lebenszeichen_ und ließen das Kind durch den gerade anwesenden Meßner taufen. Die Lebenszeichen wurden nach der Taufe immer noch schöner und verschwanden erst allmählich wieder.

Eine ähnliche Geschichte steht im gleichen Jahrgang (S. 268):

»In Stilfs ertrank am 3. Juli eine schwangere Frau; die Leiche wurde erst am 5. untersucht und geöffnet, und das Kind als tot gefunden. Abends kamen viele Personen bei der Leiche zusammen, um durch die Fürbitte Marias die Taufgnade zu erbitten; sie nahmen ihre Zuflucht besonders zur schmerzhaften Mutter von Stilfs. _Wie sie beteten, sahen sie, daß das Gesicht des Kindes Lebensfarbe erhielt_, daß Lippen und Wangen sich röteten und der Mund sich öffnete; einige Weiber wollten auch den Pulsschlag des Herzens gesehen haben. Das Kind wurde bedingungsweise getauft; bald nach dem Taufakte schloß es den Mund und wurde bleich wie Wachs.«

In früheren Jahrhunderten waren solche schönen Geschichten ja nichts Seltenes. Friedrich berichtet in seinen Beiträgen zur Kirchengeschichte des 18. Jahrhunderts (München 1876, S. 8) ähnliche Fälle. Damals aber schritt die römische Inquisition gegen diese Volksverdummung ein. Heute wird dieser Blödsinn von Kreisen, die Rom sehr nahe stehen, zu neuem Leben erweckt[6].

VIII. Kapitel

Die Dummheit der Massen

Jahrtausende alte Erfahrung erbringt den unwiderleglichen Beweis dafür, daß ein großer und weiser Gedanke sehr lange braucht, um vom Volke angenommen zu werden. Ja, die größten Gedanken dringen überhaupt nicht in die Menge oder doch nur in einer Form, die wenig mehr vom Geiste ihres Schöpfers verrät. So wurde etwa aus den erhabenen Lehren Christi der Paganismus der römisch- und griechisch-katholischen Kirche. Die edle Weisheit eines Buddha konnte zum Lamaismus Tibets entarten; während die weltumstürzende Entdeckung eines Kopernikus Jahrhunderte brauchte, bis sie sich allseitig durchzusetzen vermochte.

Man wird das ganz natürlich finden und mit der mangelnden Bildung, dem Mangel an Intellekt, dem Trägheitsbedürfnis breiter Volksschichten motivieren.

Wie aber, wenn ein Gedanke absurd ist? Wenn der Wahnwitz ihm aus den Augen grinst? Wenn er jeder Vernunft, jeder Erfahrung widerspricht, seinen Anhängern die größten Mühen, Opfer und Gefahren an Gut und Blut auferlegt? -- Dann wird er in zahllosen Fällen fanatisch aufgegriffen werden und mit elementarer Gewalt sich durchzusetzen versuchen. Der Träge wird zum Tatenmenschen, der Zauderer kühn, der Geizhalz verschwenderisch, der Feigling ein Held werden. Es ist nur nötig, daß der Gedanke einen Herold findet, der, selbst von ihm erfüllt, die Gewalt des Beispiels oder der Rede besitzt, mit möglichst überspannten Bildern und Zukunftshoffnungen nicht spart, der den mystischen Schleier des Geheimnisvollen zu weben versteht und alles wird ihm folgen, wie einst die Kinder dem Rattenfänger von Hameln.

Das war zu allen Zeiten so, es ist so und wird so bleiben. Heute nennen wir die Kraft, die jene wunderbare Wirkung hervorruft: Suggestion; früher hatte sie keinen Namen. Man reihte sie in das große Gebiet der Magie oder Zauberei ein. Uns genügt die Feststellung, daß sie wirken kann, einen Fieberwahn hervorzurufen vermag, wenn sie -- auf Dumme stößt. _Diese Dummen aber findet sie immer und überall._

Hier bewährt sich die Allmacht der Dummheit in unheimlichster Weise: sie steckt an. Dieselben Leute, die unter normalen Umständen die Torheiten verlachen würden, machen sie mit, wenn sie andere sehen, die sie vormachen. Das Geheimnis der Massenpsyche, der die Hemmungen fehlt, ist nahezu unergründlich. Unergründlicher aber noch ist die Tiefe der Dummheit, die in solchen Momenten einem Vulkan gleich zur Oberfläche drängt, sich nun erst zeigt, während sie immer gegenwärtig ist. Und wie die glühenden Lavamassen eines Ätna, die sonst in den Eingeweiden der Erde schlummern, hier und da durch ein schwaches Rauchwölkchen ihr Dasein verratend, plötzlich zu neuem Leben erwachen, wie sie mit ihrer feurigen Flut blühende Landschaften, betriebsame Städte in Wüsten und Trümmerhaufen verwandeln, so sehen wir es auch hier.

Wehe, wenn die Dummheit, sonst mit möglichster Diskretion unsern Augen verborgen -- etwa wie die Senkgruben der Häuser -- die so heilsame Hülle der Scham abwirft, wenn sie die Lächerlichkeit nicht mehr fürchtet, auf die Stimmen der Warner nicht mehr hört. Dann richtet sie furchtbareres Unheil an, als alle Vulkane der Erde. Gewiß nicht immer. Bisweilen bleibt es bei harmlosen Versuchen, über die man bald wehmütig lächeln, bald laut lachen möchte, aber oft, nur allzuoft bahnt sie sich über Leichen ihren Weg.

Was etwa denken wir von den _Kreuzzügen_, die mindestens zwei Millionen wehrhafte Männer, die Blüte der Christenheit, mit unwiderstehlicher Gewalt in den Hades führten? Gewiß, die Folgen waren vielfach segensreich. Die Berührung mit fremden Völkern und Zonen erweiterte den Horizont, gab dem glücklich Heimkehrenden manch fruchtbares Samenkorn in die Hand, das im Heimatlande üppig erblühen sollte. Aber die Idee selbst? Die Art der Verwirklichung? Wie müssen wir den _Kinderkreuzzug_ des Jahres 1212 beurteilen, als Tausende und Abertausende, den Ruf des Heilands »Lasset die Kindlein zu mir kommen« mißverstehend, auszogen, um im fremden Lande elend unterzugehen? Reiners Annalen vom Jahre 1212 berichten dazu, daß »ex arte magica« dieses Phänomen bewirkt worden sei. Wir aber sagen: es war die gewissenlose Dummheit der Eltern und Seelsorger, die namenloses Leid über unzählige Familien brachte.

Stehen hier gleich am Anfange klassische Beispiele für den Heroismus, die Todesverachtung, zu der die Dummheit die Massen fortzureißen vermag, so werden wir im bunten Wechsel einer Fülle von Gesichten begegnen, die kaleidoskopisch an unserm Auge vorbeiziehend, neben den edelsten Regungen des Menschenherzens auch dessen gemeinste enthüllen.

Wie die gewaltige Autorität der Kirche die treibende Kraft der Kreuzzüge war, so werden wir finden, daß sie fast ausnahmslos auch die anderen Dummheiten bewußt oder unbewußt veranlaßte. Fast immer aber sind es religiöse Motive, die den grandiosesten Erscheinungen der Massendummheit als Triebfedern zugrunde liegen.

Wir sahen, daß die Kirche seit je der Askese das Wort geredet hat. Während im allgemeinen der Mensch es sich lieber gut sein läßt, die Feste feiert, wie sie fallen, gibt es auch Zeiten großer Erregung, in denen die unvermeidlichen Übel nicht zu genügen scheinen, in denen man danach trachtet, sich »zur Buße« für etwas, was man meistens weder direkt noch indirekt verschuldete, noch andere Leiden freiwillig zuzufügen.

Hierher gehören die _Geißelfahrten des Mittelalters_.