Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit

Part 13

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Als die Reformation in Schottland siegte, war eine ihrer ersten Handlungen ein Gesetz, das jedem Priester die Zelebrierung und jedem Laien das Hören der Messe verbot bei Strafe der Vermögensentziehung bei der ersten, der Verbannung bei der zweiten und des Todes bei der dritten Übertretung. Man bezeichnete es öffentlich als unerträgliches Übel, daß der Königin von Schottland gestattet sein sollte, in ihrer eigenen Privatkapelle die Messe zu hören. Daß noch heute in England die Katholiken einige Rechte _nicht_ besitzen, ist ja allgemein bekannt.

Als in Frankreich die Verwaltung gewisser Städte den Protestanten eingeräumt wurde, unterdrückten sie sofort gewaltsam den katholischen Gottesdienst unbedingt, verboten jedem Protestanten einer Hochzeit oder einem Leichenbegängnis beizuwohnen, wobei ein katholischer Priester fungierte, hoben alle gemischten Ehen auf und verfolgten mit Aufbietung all ihrer Macht diejenigen, die von ihrem Glauben abgefallen waren.

In Schweden wurden alle, die in irgendeinem Artikel von der Augsburger Konfession abwichen, sofort verbannt[20].

Es war eben in allen Ländern, bei allen Konfessionen der gleiche Geist der Intoleranz lebendig. Mit den gleichen Mitteln der Absperrung gegen Gedanken, die von den eigenen abwichen, der Zwangserziehung zu einer äußerlichen Kirchlichkeit, der Verfolgung Andersdenkender wurde gewirkt. Überall machte sich der Staat zum Büttel der Kirchen. Und doch hätte jedem Verständigen klar sein sollen, daß man mit Gewaltmitteln Gedanken nicht besiegen kann und daß es doch wohl an der Beschaffenheit der kirchlichen Lehren liegen müsse, wenn sie sich nicht anders, als durch solche Zwangsmaßnahmen aufrecht erhalten ließen.

Wir haben gar keine Veranlassung, hoheitsvoll auf jene Zeiten herabzublicken. Es wäre heute noch ebenso, wenn der Laienverstand nicht über die Weisheit der Theologen und ihrer Werkzeuge gesiegt hätte. Die Gefahr eines Rückfalles besteht aber so lange, bis nicht die Trennung von Kirche und Staat durchgeführt ist. Denn auch heute noch muß der freie Denker, jeder, dessen Gewissen sich nicht in die Schablone irgendeiner polizeilich konzessionierten Lehrmeinung einzwängen läßt, um sein Dasein kämpfen. Die Mittel sind ja minder barbarisch, aber der Geist, in dem sie angewandt werden, unterscheidet sich nur unwesentlich von dem der Vorzeit.

Und fragen wir uns, welche hohen Glaubensgüter denn heute noch mit Gewaltmitteln, als da sind Kirchenzwang, Boykott gegen Andersdenkende, Schwierigkeiten bei Staatsanstellungen usw. usw. verteidigt und propagiert werden, so finden wir, daß darunter gar manche sind, die alles andere eher als Schutz verdienen. Sehr häufig wird die Dummheit gegen Aufklärung und Intelligenz in Schutz genommen, und wenn das nicht schon immer so gewesen wäre, dann hätten wir es in der Kultur unendlich viel weiter gebracht. Dem Laienverstand gehört und gehörte stets die Zukunft. Er brachte immer und überall den Fortschritt, führte der Wahrheit näher und darum wurde er auch immer bekriegt.

Die folgenden Kapitel werden keinen Zweifel darüber lassen können, daß noch in der Gegenwart von Faktoren, die sich für Hüter der Wahrheit und Volkserzieher halten, und die durch die staatliche Autorität in diesem Wahn bestärkt werden, ja denen geradezu ein Monopol verliehen wurde, Lehren verbreitet und Anschauungen vertreten werden, die wir nur als hohes Lied der Dummheit bezeichnen können.

VI. Kapitel

Der Teufel in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart

Die Leidenschaft mit der die spätmittelalterliche Kirche für den Teufels- und Hexenglauben eintrat, die Gewaltmittel, mit der sie das Volk, das sich zum guten Teil gegen diesen Blödsinn sträubte, zu seiner Anerkennung zwang, haben wir kennen gelernt. Desgleichen die literarischen Don Quichote, die auf die Bibel und sonstige Autoritäten gestützt, dem Fortschritt der Vernunft Knüppel in den Weg warfen. Endlich siegte diese doch mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Aber dieser Sieg war keineswegs vollständig.

Die Kirche hielt und hält auch heute noch an der Teufelslehre fest, nur daß sie sie aus guten Gründen nicht mehr in allzugroßen Buchstaben auf ihre Fahne schreibt. Heute noch wagt sich da und dort ein kühner Streiter Gottes mit einer Dissertation zu Ehren des höllischen Fürsten vor, ohne daß die kirchlichen Oberen es wagen würden, ihn zu verleugnen. Ob sie gerade ihre besondere Freude an solchen Arbeiten haben, ist ja eine andere Frage.

Am bekanntesten sind auf katholischer Seite die Untersuchungen des Höllentopographen und Professors in Münster, Dr. Joseph _Bautz_ (vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 232 ff.), sowie des Professors in Dillingen, David _Leistle_ (vgl. Kultur-Kuriosa II, S. 35 ff.), über diese Materie. Sie beweisen, daß man heute noch in diesen Kreisen der Frommen um kein Haar anders denkt, als vor einem halben Jahrtausend. Denn es handelt sich keineswegs um einzelne Entgleisungen wie die _Leo Taxil_-Affäre zum Gelächter der ganzen gebildeten Welt hinreichend bewiesen hat. (Vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 236 ff.)

Noch im Jahre des Heils 1912, konnte der württembergische Pfarrer _Zisterer_ in Eriskirchen am Bodensee in der Zeitschrift »Der Katholik« die _Verfassung der Hölle_ zu seinem Spezialstudium erwählen. Er führt in dem Aufsatz aus, daß es falsch sei von Teufeln in der Mehrzahl zu reden, denn der Teufel, Satan oder Luzifer sei der einzige souveräne Fürst und unbeschränkte Monarch im höllischen Reiche. Die bösen Geister seien seinem Willen als untertänige Diener und persönliche Hilfskräfte unbedingt unterworfen. Daher ist es klar, daß man wohl von bösen Geistern, nicht aber von Teufeln reden darf. Das unterirdische Reich ist einheitlich, seine Bewohner sind durch den Geist der Solidarität miteinander verbunden. Sie dürfen ohne persönliche Teilnahme ihres Herrn und Meisters auf der Erde Streifzüge ausführen und Mensch und Vieh Schaden bringen.

Also selbst an einem theoretischen Ausbau der Lehre fehlt es nicht!

So war das rücksichtslose Eintreten der alten Kirche für den alten Teufelsglauben doch nicht umsonst. Die Dummheit hat eben nicht weniger Ewigkeitsdauer, als die Wahrheit, nur daß sich beider Machtsphären, was das Menschenmaterial betrifft, nicht decken.

* * * * *

Doch nicht allein die römisch-katholische Kirche, die ja als Lehrerin ewiger Wahrheiten ihrem prinzipiellen Standpunkte nach eine einst gültige Lehre, möge sie auch noch so töricht sein, nicht aufgeben darf, hält am Teufel fest. Auch der Protestantismus, der sich so gern als Träger des religiösen Fortschrittes feiern läßt und keinesfalls dogmatisch festgelegt ist, zählt in seinen Reihen mannhafte Verfechter des Teufelsglaubens.

Daß er sich auf die Bibel stützt, die soundso oft vom persönlichen Teufel spricht, will ihn nicht entlasten. Denn im Kampfe zwischen Bibel und Vernunft siegte letztere doch im Laufe der Zeit und trotz aller dem Fortschritt bereiteten Schwierigkeiten stets. Das müßte längst bei denkenden Menschen zur Erkenntnis geführt haben, daß nicht die Bibel oder irgendeine Glaubenslehre als Maßstab der Vernunft in Frage kommen kann, sondern lediglich die Vernunft als Maßstab der ersteren.

Doch sehen wir uns nunmehr einmal im höllischen Reiche, das noch bis auf den heutigen Tag in den Köpfen protestantischer Gottesgelahrter sein petrifiziertes Dasein fristet, näher um!

In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, jener berüchtigten Reaktionszeit auf allen Gebieten, sollte auch der Teufelsglauben, den man wenigstens im Protestantismus seit den Jahren der Aufklärung für endgültig überwunden halten durfte, selige Urstände feiern. Jedenfalls waren Kräfte am Werke, ihm zu neuem Leben zu verhelfen.

August Friedrich Chr. _Vilmar_, in weitesten Kreisen als Verfasser der Literaturgeschichte bekannt, ließ unter dem Titel »Die Theologie der Tatsachen wider die Theologie der Rhetorik« (Marburg 1856, 4. Aufl. Gütersloh 1876) eine Schrift erscheinen, die nicht mehr und nicht weniger, als die Wiedereinführung des Teufelsglaubens bezweckt.

Er führte (S. 38f.) u. a. folgendes aus: »Unsere Rhetoriker lachen zwar nicht mehr über den Teufel, wie die Vokabulisten und Grammatisten vor vierzig Jahren taten und so weit sie noch vorhanden sind, auch jetzt, gleich den Naturweisen, noch immer tun. Die Rhetoriker und Dogmatiker unter ihnen zum voraus, besitzen allerdings nicht die aller Belehrung unzugängliche Dummdreistigkeit der Vokabulisten, denen ihre Vokabeln die Welt sind ... Also die Existenz des Teufels kommt wieder zum Vorschein, aber nur als eine Existenz der Floskel, der Phrase; käme die Existenz des Teufels wirklich wieder in der christlichen Lehrunterweisung der Hirten und Lehrer zum Vorschein, so müßte sie als eine Existenz des Schreckens und Entsetzens zum Vorschein kommen; denn, beiläufig gesagt, _die Lehre vom Teufel_ ist wie die von der ewigen Verdammnis nicht ein Artikel des Glaubens und des Trostes, sondern des _Wissens und der Furcht_. ... Es kommt hier darauf an, wenn man recht lehren und die Seelen recht behüten will, des Teufels Zähnefletschen aus der Tiefe _gesehen_ (mit leiblichen Augen gesehen; ich meine das ganz unfigürlich), und seine Kraft an einer armen Seele empfunden, sein Lästern, insbesondere sein Hohnlachen aus dem Abgrund gehört zu haben. Wer kann nun hiervon zeugen? Wer kann mit einer solchen Erfahrung, zugleich den Sieg des Gekreuzigten auf den Lippen und in den Augen, als rechter Lehrer an Christi Statt, auftreten? Wer lehrt mit dem Teufel kämpfen? Wer lehrt, sich gegen ihn zu verwahren? Ihn zu überwinden? Davon schweigt die heutige Dogmatik, dieser Tatsachen gänzlich entleert, durchaus ...

Ich habe einmal, schon vor Jahren, von der Kanzel mit mißtönender aber aus tiefstem Herzen kommenden Stimme die laute Apostrophe gehört: >Könnt ihr denn beten, beten von selbst und wann ihr wollt? Ihr könnt's nicht, nein! Warum könnt ihr's denn nicht? Der _Satan_ leidet's nicht, ja der _Satan_; der _Teufel_ verwehrt's euch!< ... Mir jedoch klang jene mißtönende Stimme damals und klingt mir nachhallend noch jetzt gleich der Stimme der Harfen, die da ist wie die Stimme starker Donner und wie die Stimme großer Wasser.«

Vilmar will in diesem IV. Abschnitt nicht mehr und nicht weniger, als den Teufelsglauben wieder in die Theologie einführen.

Zur Lehre vom geistlichen Amt bekennt Vilmar, der als vortragender Rat im Ministerium gewirkt hatte, bevor er in Marburg Professor der Theologie wurde, daß es nicht aus der Gemeinde, sondern direkt von Christus stamme, »welcher unmittelbar hinter der Ausübung desselben steht.« Er führt u. a. als Begründung an: »Zumal vermag sie (die Gemeinde) nicht in des Teufels zornige Augen zu sehen, denn was von den letzten Zeiten geweissagt ist, daß wo es möglich wäre, die Auserwählten verführt würden, das gilt mit weit schärferem Nachdrucke von der einzelnen Erscheinung des Teufels in dieser Welt: vor ihr stiebt die Gemeinde auseinander wie Schneeflocken, nicht verführt, aber erschreckt bis in den Tod. Nur wir erschrecken nicht und fürchten uns nicht, denn der, welcher den Fürsten dieser Welt ausgestoßen hat, hat uns vor des Teufels ödes Schlangenauge, vor seinen lästernden und hohnlachenden Mund und vor sein im Höllenzorn zuckendes Angesicht gestellt.« (S. 85 f.)

Der gleiche Gelehrte, der nur das Unglück hatte, um einige Jahrhunderte zu spät das Licht der Welt zu erblicken, äußert sich auch über den Hexenglauben und Teufelslug, als dessen Verteidiger er sich aufwirft. Er schreibt:

»So beruht das _Hexenwesen_ seinem Ursprunge nach keineswegs auf leeren Einbildungen, törichten Träumen und kindischen Märchen, sondern _auf wirklichen Verhältnissen und handgreiflichen Zuständen_, welche wie die Versammlungstage und Versammlungsplätze noch in der Gegenwart vollkommen deutlich erkennbar sind.« »Der Kampf gegen das Hexenwesen und die Hexen ist kein anderer, als derselbe, welcher heute noch die Welt bewegt, der Streit zwischen dem Glauben und dem Unglauben, zwischen dem Bekenntnis Christi und dessen Verleugnung.«

Die Pièce de résistance ist entschieden folgender Satz, in dem Vilmar sich mit nicht mißzuverstehender Klarheit auf den Standpunkt des Hexenglaubens stellt: »Vielleicht zur größern Hälfte waren die Bündnisse mit dem Teufel, diese Zauberkünste, Einbildung, aus der zum Abfall geneigten Zeitrichtung gezogene Einbildung, niemals jedoch Einbildung eines einzelnen; zur kleineren, indes bedeutenderen Hälfte, waren sie, wie die Giftmischerkünste, _Wahrheit_[1].«

Da hier Vilmar zweifellos nicht sagen will, daß die »Hexen« gewisse hypnotische oder ähnliche Kräfte besaßen, sondern _auf dem Standpunkte des von der Kirche gelehrten Teufelsbündnisses_ steht, so redet er natürlich hellen Unsinn. Und doch handelt es sich keineswegs um die Entgleisung eines einzelnen, vielmehr _stand die Regierung hinter ihm_.

Das geht mit größter Deutlichkeit aus der Tatsache hervor, der Pfarrer _Ewald_, der in einer Predigt im Jahre 1858 Vilmar, der über die Versuchungen des Teufels einen Vortrag gehalten hatte, bekämpfte, vom hessischen Konsistorium _einen Verweis erhielt_. Ewald vertrat den Standpunkt, daß Jesus nichts weniger als verlieren könne, wenn man seine Versuchung als _innerlichen_ Vorgang auslege[2].

Wie weit die kirchliche Reaktion sich vorwagte, lehrt vor allem der protestantische Hannoversche Katechismus. Dieser führte im ersten Teile die fünf Hauptstücke auf, dann folgt die Erklärung nach Luther. Hier werden die Gläubigen ermahnt: »des Morgens, so du aus dem Bette fährst oder des Abends, wenn du zu Bette gehst, sollst du dich segnen mit dem heiligen Kreuz.« Im dritten Buche folgt eine »ausführliche Erklärung des lutherischen Katechismus.« Hier wird in Frage 45, 46 und 47 der förmliche Bund mit dem Teufel gelehrt. Frage 45 lautet: »_Zaubern heißt übernatürliche Kräfte und wunderbare Aushilfe wider Gottes Ordnung und ohne Gottes Verheißung suchen._« Frage 46: »Wie geschieht solches? Durch allerlei Aberglauben mit Besprechen und Wahrsagen, Zeichendeuten, Geisterbannen und dergleichen, da man das Heilige mißbraucht und die hochgelobte Dreieinigkeit, Gottes Wort, Sakrament und Kreuz lästert und sonst vorwitzige Kunst treibt.« Frage 47: »Warum ist dies eine schwere Sünde? Die solches selber tun, oder durch andere tun lassen, verleugnen den Glauben und treten wissentlich oder unwissentlich _mit dem Teufel in Verbindung_.« Frage 56 lautet: »Wie versucht uns der Teufel? Wenn er uns durch innerliche Anreizung oder äußerliches Blendwerk zur Sünde locket und dränget oder nach geschehener Sünde in Mißglauben und Verzweiflung treibt.«

Dieser Katechismus vertrat nicht nur antediluvianische Anschauungen, sondern kam auch dem Katholizismus entgegen, wie etwa die Frage 139 beweist: »Was ist die ewige Verdammnis? Es ist die unaufhörliche Verwerfung von dem fröhlichen Angesicht Gottes zu unaussprechlicher Pein und Qual an Leib und Seele unter der schrecklichen Gesellschaft der bösen Geister in der Hölle.«

Gottlob bewies das Publikum auch hier wieder mehr Verständnis für den Zeitgeist und den gesunden Menschenverstand als die Gottesgelahrten. Am 14. April 1862 sollte dieser wundervolle Katechismus dem Lande »zum Geschenk gemacht« und in die »evangelisch-lutherischen Kirchen und Schulen« des Königreichs Hannover eingeführt werden, um -- wie die königliche Verfügung sich ausdrückt -- bei den Untertanen die rechte Erkenntnis und den wahren Dienst Gottes fördern zu helfen. Doch es erhob sich dagegen im Volke ein solcher Entrüstungssturm, daß unterm 19. August das Gebot der allgemeinen Einführung zurückgenommen wurde[3].

In den Zeiten des Rationalismus war die Abrenuntiationsformel: »Entsagst du dem Teufel und allen seinen Werken?« aus den Agenden ausgeschieden worden. Die lutherische Reaktion hatte in ihren Verdummungsplan auch ihre Wiederaufnahme als wesentlichen Bestandteil der Taufe aufgenommen und auf der vom 16.-24. Mai 1854 tagenden Kirchenkonferenz dies empfohlen. Von den Vertretern Sachsens, Bayerns, Hannovers, Mecklenburgs und Württembergs hatten außer denen des letztgenannten Landes alle dem dahingehenden Antrage _Kliefoths_ zugestimmt! Dieser Kliefoth hatte in Mecklenburg schon im Jahre vorher den Prediger _Bartholdi_ seines Amtes entsetzt, weil er sich an der Teufelsentsagung Änderungen erlaubt hatte!

Weil sich in Sachsen der Pastor _Siedel_ aus Tharand nicht damit begnügte, bei der Taufe die Teufelsentsagung im allgemeinen auszusprechen, sondern die Frage jedem einzelnen Paten vorlegte, war es zu ärgerlichen Szenen gekommen. Er hatte von dem Kaufmann _Decker_ keine Antwort erhalten. Als er die Frage wiederholte, entgegnete dieser: ich glaube an Gott, aber an keinen Teufel. Wegen dieser Erklärung wurde er nicht nur von der Patenstelle ausgeschlossen, sondern auch _in eine Kriminaluntersuchung wegen Störung des Gottesdienstes verwickelt_! Die Sache führte sogar im Landtage zu einer aufregenden Szene.

Als in Bayern im Jahre 1854 ein sogenannter Agendenkern als Anhang zum neuen Gesangbuch empfohlen wurde, worin die Teufelsentsagung enthalten war, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß König Max unterm 27. November 1854 erklärte, es sollten ohne Zustimmung der Gemeinden keine Veränderungen in der Gottesdienstordnung getroffen werden. Endgültig wurde diese Teufelsangelegenheit erst im Jahre 1879 entschieden und zwar dadurch, daß nach den Beschlüssen der Generalsynode Parallel-Formulare zu freiem Gebrauch mit und ohne Entsagungsformel aufgenommen wurden. Wen also Herz und Geist dazu treiben, der kann noch heute in feierlicher Weise seinen Teufelsglauben bekennen!

Übrigens war auch in der badischen Generalsynode im Jahre 1855 über die Wiedereinführung des Teufels lebhaft debattiert worden. Es ist ja bewundernswert, mit welcher Harmonie und Gleichzeitigkeit in allen deutschen Staaten der Verdummungsprozeß eingeleitet wurde. Wiewohl in Baden das ans Ruder gekommene orthodoxe Kirchenregiment mit einem Schlage den bisherigen Katechismus, Gottesdienstordnung, biblische Geschichte usw. abgeschafft hatte, so wagte man es doch nicht recht, den Teufel bzw. die Teufelsentsagung in die Agenden so glatt wieder einzuführen. Wohl aber figurierte er wieder in den neuverfaßten Katechismen, den biblischen Geschichten und in den neuen Gebeten[4].

Bekanntlich spielt für die Geschichte der Hexenprozesse die Stelle 1. Mosis 6, 1-4 eine traurige Rolle. Hier wird erzählt, daß die Göttersöhne mit den Menschentöchtern Verbindungen eingingen, aus denen »Gewaltige in der Welt und berühmte Leute« entsproßten. Der Professor _Heinrich_ gab nun 1857 in Berlin unter dem hochaktuellen Titel »Die Ehen der Söhne Gottes mit den Töchtern der Menschen« ein Buch heraus, in dem er vor allem betont, daß die Bibel »göttlich und inspiriert« ist. Daher kann sich in ihr keine Mythe finden, sondern alles in ihr sei reell und wirklich »nirgends menschliche Fabeln und Phantastereien, sondern überall Geschichte und göttliche Lehre« (S. 1). Es handelt sich also um einen wirklichen Vorgang. Durch den Fall der Engel mit den Menschenweibern sei ein wildes Geschlecht entstanden, das Gottes ganzen Weltplan zerstört hätte, wenn er es nicht vertilgt haben würde. Er entwickelt, wie es den Engeln möglich war, physisch diese Ehen zu vollziehen, »warum die Engel allein in die männliche und nicht auch in die weibliche Geschlechtsform sich metamorphosierten« (S. 94), und daß das tierische Gesetz, wonach Tiere verschiedener Gattung keine Jungen hervorbringen, hier nicht gelte usw. usw. Daß diese geistreiche Untersuchung ganz auf den Standpunkt des Hexenhammers hinausläuft, ist klar.

Merkwürdig ist keineswegs, daß ein Theologe so etwas produzieren konnte, wohl aber, daß es ein protestantischer war und im Jahre 1857[5].

Noch im Jahre 1859 konnten in der evangelischen Kirchenzeitung (Nr. 8 und 9) ähnliche Gedanken geäußert werden. Der Verfasser, der bescheidenerweise nur E. M. zeichnet, veröffentlichte hier »Zeitbetrachtungen über die christliche Lehre vom Teufel«. Nach seiner Überzeugung kann »die Zugehörigkeit der Lehre vom Satan zu dem Ganzen der kirchlichen, speziell der evangelisch-kirchlichen Glaubenslehre nicht in Frage gestellt werden«. Er findet »die Gegenwart merkwürdig durch den Widerspruch, welchen sie der Annahme eines persönlichen Teufels entgegensetzt« und charakterisiert »unsere Zeit der christlichen Lehre vom Teufel gegenüber« sehr richtig mit den Worten »es ist die allererklärteste Antipathie«. Er beklagt, daß »das Verhalten der großen Masse des Volkes und zumeist der Gebildeten unter demselben, auch das eines nicht geringen Teils der Vertreter heutiger, selbst wohl der sich gläubig nennenden Theologie »_noch immer_ richtig durch den Ausspruch von Klaus Harms aus dem Jahre 1817 gekennzeichnet werde«. »Den Teufel hat man totgeschlagen und die Hölle zugedämmt[6].«

Wenn es allerdings nach solchen frommen Glaubensstreitern auf protestantischer oder katholischer Seite ginge, dann würde der Teufelsglaube heute noch so lebendig sein, als je zuvor und man würde auch weiterhin das bequeme Verfahren befolgen für Vergehen und Verschuldungen nicht selbst die Verantwortung zu übernehmen, sondern sie einem Außenstehenden, eben dem Fürsten der Finsternis, aufs Konto zu setzen.

Doch noch ein Menschenalter später begegnen wir derselben Sorte Literatur.

_Ernst Mühe_, Pfarrer in Derben in Pommern, ließ 1884 in Leipzig seine Predigten erscheinen unter dem Titel »Die Leidensgeschichte Jesu Christi, sowie seine Höllenfahrt und glorreiche Auferstehung«. Wundervoll schildert er hier die Höllenfahrt, die er natürlich für eine historische Tatsache hält und so eingehend beschreibt, als wäre er dabei gewesen. Er kennt auch genauestens die Wirkung der Predigt Jesu bei den »Geistern der Vorwelt«. »Seht, wie sie aufhorchen, wie sie die Epiphanie des Herren anstaunen. Die Millionen scharen sich um den einst Verachteten ... Millionen fallen nieder, bekennen und bereuen ihren Unglauben und beten ihn an ... und der Held führt das ganze Gefängnis im Triumphe gefangen und führt alle die, welche sich retten lassen wollen, als den ersten Lohn seiner Todesschmerzen, hinüber in das selige Paradies« (S. 121).

Mühe weiß es ganz genau, wie lange Christus in der Unterwelt war: drei Stunden. Da er um 3 Uhr nachmittags starb, und zum Schächer gesagt hatte, »heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein», »so kann er nach irdischer Zeitrechnung nicht ganz drei Stunden in der Unterwelt verweilt haben, denn der Tag ging um sechs Uhr zu Ende und er mußte Wort halten« (S. 123).

»Da nun aber bald die Zeit herannahte, da Jesus auferstehen mußte, so kam er wieder aus dem Paradies hinauf, begab sich in seine Grabeshöhle und _nahm seinen Leib wieder an_, und seine Gottheit durchleuchtete und verklärte ihn. Nur seine Wundenmale behielt er _freiwillig_, als Beglaubigungs- und Erkennungszeichen und als ehrenvollen Siegesschmuck. Bald darauf kam ein Engel vom Himmel herab und wälzte den Stein von des Grabes Tür. Die Erde aber erbebte vor Freuden über ihren auferstandenen Schöpfer. So ist die Auferstehung in Wahrheit geschehen; nur blinder Unglaube kann daran zweifeln.«

So geht es weiter. Herrlich ist auch die Predigt Mühes über die unbefleckte Empfängnis. Dieser Protestant sagt: »O selige Stunde der unbefleckten Empfängnis! Maria wird Mutter ohne Zutun eines Mannes.« »Ein geistgesalbter Prediger der Neuzeit sagt: Gott hat Adam geschaffen nicht bloß ohne Zutun des Mannes, sondern auch ohne Zutun einer Frau. Er hat Eva geschaffen mit Zutun eines Mannes und ohne Zutun einer Frau; nun schafft er Jesum ohne Zutun eines Mannes mit Zutun einer Frau.«[7]

Dieser würdige und völlig ebenbürtige Geistesgenosse seines katholischen Kollegen Bautz, erzählt in seinen »Biblischen Merkwürdigkeiten« und der »Neuen Folge biblischer Merkwürdigkeiten« (Leipzig 1886) folgende erbauliche und seinem Scharfsinn Ehre machenden Geschichten:

In der Arche Noah waren alle Tiere in Winterschlaf verfallen. Infolgedessen brauchten sie nicht ernährt zu werden (Vorwort).