Aus dem Leben der Antike

Part 23

Chapter 233,468 wordsPublic domain

[229] Im Hera-Heiligtum zu Olympia, wo auch der Hermes des Praxiteles stand, war unter vielen Einzelstatuen die bronzene Aphrodite des Kleon von Sikyon aufgestellt, „vor ihr“ aber die Statuette eines „nackten, kleinen Kindes vergoldet“, ein Werk des genannten Boethos. Es war dies klärlich kein Eros, sonst hätte ihn Pausanias, der die Nachricht gibt (V, 17, 4), Eros benannt; sondern ein Kind ohne Flügel; es war ferner klärlich ein Werk ohne Erfindungszusammenhang mit der Venus, vor der es aufgestellt war. Boethos hat, soweit wir wissen, nur flügellose Kinder gearbeitet. Dies sei erinnert im Hinblick auf Dümmler (Mitteilungen des archäologischen Instituts in Athen, Bd. X, S. 27 ff.).

[230] Vgl. Mitteilungen des Deutschen Instituts in Athen, Bd. VI, Tafel 13.

[231] Vgl. ~p.~ XXX.

[232] Beispiele des dritten Jahrhunderts in Terrakotten, dazu die Marmorstatue von Beirut, s. Dümmler a. a. O.

[233] So Claudian; vgl. meinen Index zu diesem Dichter unter ~Amor~; so schon vor Claudian und zuerst Philostrat, der raffinierte Ausleger von Gemälden, die nicht einmal wirklich vorhanden waren, sondern nach vorhandenen Motiven so fingiert sind, daß die Beschreibung vollstes Leben gewinne; unten Anmerkung 242.

[234] Vgl. ~p.~ XXXI und XXXVII.

[235] Vgl. ~p.~ XXXVIII.

[236] Vgl. zum weiteren ~p.~ XXXVIII ff.

[237] Auch das Kind Enorches war aus dem Ei zur Welt gekommen (siehe das Scholion zu Lykophron v. 212). Ein höchst merkwürdiges Vasenbild zeigt uns auf einem Altar ein großes Ei liegend, darin ein munteres kleines Kind, ohne Flügel, das lebendig ans Tageslicht verlangt: eine Frau steht davor und betrachtet es neugierig oder erwartungsvoll. Es scheint mir nach allem Gesagten nicht nötig, mit E. Braun (in ~Annali dell’ Istituto~ 1850, ~p.~ 214 ff.) die Erfindung dieses Bildes aus einem bestimmten Mythus herzunehmen. Weiteres über das Ei der Leda bei R. Kekulé, Bonner Festschrift für das römische Institut 1879.

[238] Die Beflügelung war hier nicht kühner als bei jenen großgeflügelten Mädchengestalten bei Helbig a. a. O. Nr. 926-937, die als „freie Produkte der Phantasie ohne Anspruch auf mythologische Benamung lediglich künstlerische Motive zur Darstellung bringen.“

[239] Vgl. ~p.~ XXI f.

[240] Auch Phosphorus erscheint als „Amorette“ fliegend; vgl. Wörmann, Landschaft in der alten Kunst, S. 241; auch S. 264. Auch die Jahreszeiten sind so dargestellt: ebenda S. 258; auch Zephyr bei Philostrat, Gemälde I, 9.

[241] Vgl. ~p.~ XXII; so auch Archäologische Zeitung 1848, Tafel XXIII, Nr. 1; vgl. auch Tafel XXII, Nr. 4.

[242] Ein Muster allegorischer Auslegung gibt der antike Sophist und kunstreiche Gemäldebeschreiber Philostrat in seiner berühmten Schilderung des Erotenbildes; daß ganz vorzüglich diese Philostratstelle auf die Amorettenerfindungen Rafaels, Dürers, Tizians Einfluß geübt, suchte H. Grimm darzutun: Fünfzehn Essays, neue Folge (1875), S. 102 ff. Jenes Bild mit seiner überfüllten Komposition, das Philostrat beschreibt, hat sichtlich nur in seiner Einbildung bestanden; er hat darin eine Fülle von Amorettenmotiven, die in Wirklichkeit verstreut vorkamen, zusammengehäuft, und in dieser Kombination zu einem Ganzen lag der Witz, lag der Reiz für den antiken Leser. Hier bei Philostrat finden wir es zuerst ersonnen, daß die Amoren (außer dem einen) nur Kinder von Nymphen sind; und sie sind so viele, „weil die Begierden der Menschen so mannigfaltigem nachstreben“. Zusammen von diesen Nymphen und diesen Eroten wird ein Götterbild der Aphrodite verehrt; die Kleinen halten Apfelernte, um der Göttin Äpfel, die Frucht, die ihr symbolisch eignet, darzubringen. Sie jagen einen Hasen, um ihn ihr lebendig als Opfertier zu weihen; es ist das Tier der Venus und der Fruchtbarkeit. Weiter aber: „Vier der allerschönsten! Das eine Paar wirft sich Äpfel zu, das andere schießt mit dem Bogen aufeinander; .... sie bieten die Brust den Pfeilen dar. Da will uns der Maler etwas zu raten aufgeben. Ob wir es wohl herausbringen? Das soll Liebe und Sehnsucht bedeuten. In denen dort, die mit den Äpfeln spielen, regt sich das erste Verlangen. Der eine küßt einen Apfel und wirft ihn dem anderen zu, und der ... wird ihn wieder küssen und zurückwerfen. Die beiden Bogenschützen aber treiben mit den Pfeilen die schon erwachte Liebe tief in ... die Herzen hinein. Und so sage ich: jene dort spielen mit der Liebe zum Beginn, diese hier geben ihr ewige Dauer.“ Man sieht, Philostrat hat mit Sorgfalt vor allem solche Szenen in sein Gemälde gesammelt, die allegorisch deutbar waren, wo die Eroten als Eroten „Sinn“ hatten. Bei anderem, wie bei ihrem Ringkampf, verzichtet er hübsch auf solches Auslegen, und bei den unten von mir zu besprechenden Genreszenen würde er erst recht darauf verzichtet haben. Überhaupt war es augenscheinlich schon eine Leistung, zu der ein Philostrat seine sophistischen Künste benötigte, auch nur jenen erotischen Bezug des Apfelküssens, Bogenschießens und Hasenjagens herauszugreifen und festzulegen. Es sind dies einige von den wenigen Fällen, wo die geflügelten Spielkinder noch wirklich ihrem Namen zu entsprechen schienen. Und man fragt schließlich verwundert: wozu hießen sie eigentlich noch Eroten? was hatten Kinder von Nymphen im Grunde noch mit Venus, mit der Liebe +wirkenden+ Macht zu tun? Man sieht, die ganze Konstruktion Philostrats von den Nymphenkindern und ihrem Kultus des Venusbildes ist nachträglich und willkürlich ersonnen. Auch beachte man, daß diese Kinder bei ihm die Liebe der Menschen gar nicht entzünden; sie lieben nur untereinander. Das konnten schließlich auch die wirklichen ~Deliciae~ tun, und das Erotenspiel ist auch hier beim Philostrat nur eine +Nachahmung+ des Menschenlebens, keine +Beeinflussung+ desselben.

[243] Furtwängler bei Roscher, Mythol. Lex. I, S. 1368.

[244] Vgl. ~p.~ XXII, Anm. 3.

[245] Vgl. ~p.~ XXII und die Statuette daselbst Abbildung VI; Helbig, Führer, 3. Aufl. Nr. 1556.

[246] Daß auch Ganymed zum kleinen Kinde verjüngt wurde, scheint von den Gelehrten nicht genügend beobachtet zu sein; dies ist notwendig überall der Fall, wo er als ~collusor~ mit Eros Astragalen spielt; ebenso denkt ihn sich Lucian, vgl. ~p.~ XXXVII. Es ist also kein Anlaß, die Marmorgruppe in der ~Galleria dei candelabri~ im Vatikan, die den Ganymed als Kind vom Adler rauben läßt, um dieses Umstandes willen für unantik zu halten; vgl. Helbig in ~Annali dell’ Istit.~ 1867, S. 351; Overbeck, Griechische Kunstmythologie, Bd. I, S. 539, Anm. 217.

[247] Claudian, ~de III cons. Honor.~ ~v.~ 22.

[248] Vgl. ~p.~ XXVI über Clodius Albinus.

[249] Vgl. ~p.~ XXV ff.

[250] Für Athanasius vgl. Sozomenos II, 17; Sokrates I, 15. Wie in der katholischen Schweiz Kinder im Ernst und doch scherzend die Messe nachmachen, schildert H. Federer, Das Mätteli-Seppi, S. 501 ff.

[251] Bei Baumeister, Denkmäler, Nr. 1617.

[252] Z. B. bei Baumeister, Nr. 545.

[253] Vgl. ~p.~ XXXII f.

[254] Cassius Dio, Buch 48, Kap. 44.

[255] Properz II, 29; vgl. Kritik und Hermeneutik S. 123.

[256] Catull 68, 133 f. Auch im Acmegedicht des Catull, Nr. 45, läuft das Spielkind als Amor um das Liebespaar herum und niest: vgl. Berl. philol. Wochenschr. 1919, S. 575.

[257] Catull 68, 70.

[258] Nie nennt sonst ein Dichter seine Geliebte ~diva~. Vgl. Philologus LXIII, S. 451 f.

[259] Wie wenig evident die bisher übliche Auslegung ist, bekennt auch O. Jahn. Wie kam gerade ein gemeiner Handwerksmann dazu, einer solchen Frau wirkliche Liebesgötter, also Liebe oder Liebreiz, zu verkaufen? Insbesondere machte der hinter der Frau sich versteckende Erot unlösbare Schwierigkeiten; der treffliche Gelehrte tröstete sich damit, „daß einst auch pompejanische Beschauer bei diesen Vorstellungen verschiedene Gedanken und Empfindungen gehabt haben werden“. Es blieb dies also eine Rechnung mit mindestens einer Unbekannten. Eben diese Schwierigkeiten räumt die oben gegebene Auslegung hinweg. O. Roßbach erhebt in der Berl. philol. Wochenschr. 1918, S. 1208 gegen meine Erklärung immer noch das Bedenken, daß die Frau als Göttin charakterisiert sei. Aber wie oft haben sich Herrscher als Götter, hohe Frauen als Göttinnen darstellen lassen! Auch erinnere ich nochmals an die Lesbia als Diva bei Catull und an Kleopatra, die die sie umgebenden Kinder als Eroten zurechtmachte, während sie gleichzeitig selbst die Venus spielte; sie muß da doch auch die Stephane der Göttin getragen haben. Man nenne also die Frau auf dem Bilde meinetwegen Kleopatra. Aber es wird wohl mehr solche phantastische hochgestellte Frauen gegeben haben. Jedenfalls ist sie eine Sterbliche, da es der Diener ist, der ihr die Putten bringt.

[260] Man sehe z. B. bei Helbig die Nummern 1413, 1429-1431. Eros unter Frauen auch Nr. 312.

[261] Vgl. z. B. Helbig, Nr. 1439; auch 303, 305? beim Hermaphroditen 1369.

[262] So erklärt sich z. B. der scheinbar zwecklose Eros in der Paris- und Helenaszene Pompejis (bei Helbig Nr. 1310). Noch beiläufig zwei lehrreiche Beispiele, Helbig Nr. 1140: Eros hebt neugierig das Gewand des Priap empor und erstaunt über den Anblick; es sind hierfür sonst flügellose Putten üblich; vgl. ~De Am.~ ~p.~ XXIV. +Tellus+ erscheint mit zwei Flügelkindern bei Benndorf, Griechisch-sicilische Vasenbilder, Tafel 57, Nr. 9; +diese Kinder+ sind aber ursprünglich +flügellos+, vgl. ~De Am.~ ~p.~ XXIV und das Relief, Archäologische Zeitung X, Tafel CXIX, Nr. 2, sowie Baumeister, Nr. 1449. Auch das Element Erde wird als Matrone mit zwei Kindern dargestellt auf einem Florentinischen Relief und sonst; s. Wörmann S. 257.

[263] Man vgl. hierzu den oben angeführten Aufsatz H. Grimms.

[264] Einige weitere Nachweise, die sich mir für den besprochenen Gegenstand nachträglich darbieten, stelle ich noch an den Schluß des Ganzen. Daß die ältere griechische Kunst noch nicht Kinder darstellte, weiß auch Pausanias V, 11, 3. -- Schon in der jüngeren griechischen Komödie, an die die alexandrinischen Dichter unmittelbar anschlossen, kommen die frechen Spielkinder in den Häusern vor; s. besonders Plautus Persa v. 204 ff.; 229; 807; 849; auch Pseudolus 767, 783. Kinderkauf in der Komödie: Captivi 8, Rudens 39, Poenulus 86. -- Auch Tertullian erwähnt ~contra Marc. IV~, 23 den Kinderliebhaber, ~parvulorum dilector~. Über das Wort ~parvuli~ vgl. Archiv f. Lex. VII, S. 79 und 95. -- Kinder, die man sich als ~conlusores~ hält, zeigt uns auch Plautus, Capt. 19 f., 982 f., 1013. -- Daß Kinder den Gladiatorenkampf im Spiel nachahmen, sagt uns Epiktet, Man. 29, 3; auch findet man solche dargestellt bei A. Bougot, ~Une galérie antique~ (Paris 1891), S. 499, der sie aber sinnlos für Amoren erklärt. -- Ein Haufe Spielkinder begegnet uns in Alexandria selbst im Tempeldienst beschäftigt bei Dio von Prusa Or. 32, 13. -- Daß man die Kinder im Amphitheater mit Hilfe von Maschinen in die Höhe fliegen ließ, deutet vielleicht Juvenal IV, 122 an. -- Auch Plautus weiß, Trucul. 908, daß Säuglinge wie Vögel groß gezogen werden. Vom schwatzenden Kindernest spricht auch Juvenal V, 143; in den Sokratikerbriefen Nr. 21 lesen wir von den νεοττοί des Sokrates; vgl. übrigens Theophrast Char. 2. Ein Relief zeigt Romulus und Remus; in einer Grotte nährt da der Picus Martius zwei Junge im Nest: Berl. philol. Wochenschr. 1918, S. 1066, aus dem Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde XX, Heft 2, S. 99. -- Von dem süßen Schwatzen der kleinen Kinder gibt endlich Minucius Felix Oct. 2 eine entzückte Beschreibung; dazu auch Artemidor in der Traumdeutekunst 4, 19.

Seneca.

[265] René Waltz, ~Vie de Sénéque~, Paris 1909; vgl. Historische Zeitschrift, herausgegeben von Meinecke, Bd. 104, S. 605.

[266] Diese hat Friedländer einmal zu geben versucht, Historische Zeitschrift, Bd. 85, S. 193 ff.; aber er läßt die Hauptsache vermissen, eine zusammenhängende Würdigung der Ethik Senecas, sowie den Nachweis des Zusammenhangs seiner Schriftstellerei mit seinem Leben und Lebenszielen.

[267] Er hatte auch außerhalb Italiens, in Ägypten, Grundbesitz: ~trans mare possides~, ~De vita beata~ 17, 2. Über dort gefundene Quittungen mit γῆ Σενέκα s. Gercke, Seneca-Studien, S. 302.

[268] S. J. Cunliffe, ~The influence of Seneca on Elizabethan tragedy~. Vgl. auch Brandl in d. Sitzungsber. der Berl. Akademie, 14. Dez. 1917. Übrigens ist hier auch Chaucer zu nennen; wenn es bei Chaucer heißt:

Wahr ist das Wort: Herrschaft und Freierschaft Vertragen nimmermehr Genossenschaft,

so stammt dies aus Senecas Agamemnon. V. 260:

~nec regna socium ferre nec taedae sciunt~.

Vgl. R. Peiper in Fleckeisens Jahrbb. 97 (1868), S. 65.

[269] Seneca weiß sehr wohl, daß der Mensch, der sich isoliert, leichter der Verfehlung entgeht: ~meliores erimus singuli~ (~De otio~ 1, 1); aber die Bürgerpflicht und Menschenpflicht zwingt ihn, die Isolierung zu vermeiden.

[270] Was Gegenstand der Philosophie sein soll, zählt Seneca ~De brev. vitae~ 19 auf; da wird auch die ganze Physik mit einbegriffen, der sich Seneca auch auf Korsika widmete; s. ~ad Helviam~ 20.

[271] Auf Grund der Aussagen von Augenzeugen; s. ~Natur. quaest. VI~, 31, 3 und sonst. Der Ätna soll ihm zu Ehren bestiegen werden: Epist. 79, 2.

[272] Ich betrachte es als selbstverständlich, daß zu dieser Expedition, die Nero unternehmen ließ und die, wie es scheint, die Form eines kriegerischen Vorstoßes annahm, die Anregung von Seneca kam, der der Hauptvertreter der geographisch-physikalischen Interessen jener Zeit war, selbst in Ägypten gelebt, ein Buch über Ägypten geschrieben hatte (vgl. dazu ~Nat. quaest. VI~, 26) und dauernde Beziehungen zu dem Nilland bewahrte; worüber unten.

[273] S. Medea 375. Andere wissenschaftliche Voraussagungen „~veniet tempus“ eqs.~ s. ~Nat. quaest. VII~, 25, 4 f. u. 30, 5.

[274] Epist. 79, 11 f.

[275] Dies hebt E. Zeller mit Recht hervor.

[276] Dies tut leider auch Friedländer a. a. O. Daß Senecas schriftstellerischer Erfolg weit mehr durch die Form als den Inhalt bedingt war (derselbe S. 226), ist allerdings richtig; denn ausgedehnte Sittlichkeitsvermahnungen pflegen die Menge durch ihren herben Inhalt stets abzuschrecken, und nur die Art des Vortrags macht sie wirksam.

[277] Vgl. Zur römischen Kulturgeschichte, 3. Aufl., S. 146 f.

[278] Gegen die Tierhetzen u. ä. redet Seneca z. B. ausdrücklich ~De brev. vitae~ 13, 6 f.; ~De clementia~ 1, 25, 1. Gleichwohl kannte er natürlich die Kampfarten der Gladiatoren genau: ~De constantia~ 16, 2; ~De ira~ III, 43, 2.

[279] „Für Gott ist es der schönste Anblick, im Unglück Cato aufrecht stehen zu sehen,“ ~De provid.~ 4.

[280] ~De provid.~ 4.

[281] Epist. 78, 16.

[282] Epist. 60, 4.

[283] ~Ad Marciam~ 23.

[284] ~De otio~ 1, 4: selbst unser Tod soll noch nützlich sein.

[285] ~Ad Marciam~ 20, 3.

[286] Epist. 77, 4: ~vita non est imperfecta, si honesta est~.

[287] ~Ad Marciam~ 26, 4. In Senecas Tragödie „~Troades~“ V. 392 ff. leugnet der Chor eine Fortexistenz der Seele, die nach dem Tode wie der Rauch verfliegt -- ~post mortem nihil est ipsaque mors nihil~ usf. Dies erklärt sich jedoch aus dichterischen Rücksichten. Dem gestorbenen Achill zu Ehren soll dort die Jungfrau Polyxena geschlachtet werden; der Chor der Frauen will dagegen beweisen, daß dies Opfer sinnlos ist; denn der Tote, Achill, hat davon keine Wahrnehmung. Daher also die pessimistischen Ausführungen; Andeutungen der Hoffnung auf Glück im Jenseits waren eben hier in diesem Zusammenhang unbrauchbar. Zum Schluß aber hat doch derselbe Chor, v. 407, auf die Frage, wo bleibt denn die Seele des Gestorbenen? die genaue Antwort: da, wo die noch Ungeborenen sind. Damit ist, was Seneca persönlich glaubt, zum wenigsten angedeutet, und das genügte. Denn dasselbe lehrt Seneca auch in seiner Trostschrift an Marcia: Der Zustand der Ruhe nach unserem Tode ist derselbe wie vor unserer Geburt (19, 5), d. h. die Seele war präexistent und wird im Tode wieder, was sie war. So kann denn dort auf Grund dieser Voraussetzung im ~c.~ 23 weiter ausgeführt werden, daß, wer stirbt, ~ad superos~ geht (die Existenz der ~inferi~, einer Unterwelt, wird, wie jenes Chorlied zeigt, geleugnet), und daß er damit zu seinem Ursprung zurückkehrt, und im ~c.~ 24 u. 25 die Ausmalung der jenseitigen Existenz noch weitergeführt werden.

[288] ~Medea~ 866.

[289] Vgl. ~Herc. fur.~ 139 f. u. 191 f.; auch ~Agam.~ 102 f. Der Arme ist nur unglücklich, weil es Reiche gibt, mit denen er sich vergleicht: ~Troad.~ 1018 ff. Über das Unglück und die Arglist der Könige ~Agam.~ 57 f.

[290] Dies schildert uns Lucian im ~Somnium~ ~cp.~ 26.

[291] Dieser Satz ist von mir eingehender in den Neuen Jahrbüchern XXXVII (1911), S. 336 ff. begründet worden.

[292] In Riga, i. J. 1204; J. W. Creizenach, Geschichte des neueren Dramas I, S. 70. Daselbst S. 94, auch 315 und sonst über Christi Passion. Um die schwer gemarterten Heiligen darzustellen wurden freilich Puppen verwendet: S. 265. In einem der Marienmirakel (S. 145) wird auf der Bühne von einer Äbtissin ein Kind geboren, wobei die hlg. Maria selbst bei den Wehen Beistand leistet. Das Kind ist da. Dann untersucht die Hebamme auf der Bühne den Leib der Äbtissin und stellt fest, daß sie nicht geboren hat.

[293] Um das Jahr 1300 tauchten sie aus der Vergessenheit auf. Der englische Mönch Nikolaus Treveth schrieb sogleich zu ihnen einen Kommentar, und die italienischen Dichter des 14. Jahrhunderts Lovato und Mussato sind schon von ihnen beeinflußt: Creizenach, S. 436 f. Vgl. auch P. Stachel: Seneca und das deutsche Renaissancedrama, Berlin 1907.

[294] Die Zweifel an der Echtheit des ~Hercules Oetaeus~ habe ich längst fallen lassen. E. Ackermann ~De Senecae Hercule Oetaeo~ (Philologus Suppl. Bd. X und Rheinisches Museum, Bd. LXVII) hat die Echtheit dargetan und wird gegen Einwendungen anderer Recht behalten. Seneca selbst referiert den Inhalt dieses Dramas ~De benefic.~ I, 13, 2 f., wo das ~caelum tenuit~ voransteht.

[295] ~Herc. Oet.~ v. 1852. Daß so wie Maria eine Himmelfahrt hat, auch Alkmene nach Elysium entrückt und ihr Grab leer gefunden wird, zeigt Fr. Pfister, Wochenschrift f. klass. Phil. 1911, Nr. 3, S. 83.

[296] Kleanthes, der Stoiker, hieß der zweite Herakles (~Diog. La.~ 7, 170); Zeno aber übertraf den Herakles sogar (~ib.~ 7, 30). Eine stoisch-zynische Tragödie „Herakles“ gab es schon unter dem Verfassernamen des Diogenes von Sinope.

[297] Das heutige Südspanien schildert uns M. Andersen Nexö, „Sonnentage, Reisebilder aus Andalusien“, 1909. Die Schilderung ergibt, daß im Altertum dort Bevölkerung und städtische Kultur einen anderen Charakter trug und daß sie sich heute keineswegs günstiger zeigt als damals.

[298] ~De brev. vitae~ 10, 1. Wenn seine Gegner ihm höhnend eine ~professoria lingua~ vorwerfen (Tacit. Ann. 13, 17), so wäre es primitiv, daraus zu folgern, daß Seneca jemals wie Epiktet als ~professor~ oder Lehrer wirklich auftrat. Weil Seneca eben damals als Moralschriftsteller weiter ausholte, warf man den Staatsmann höhnend mit den ~Graeculi~ zusammen.

[299] ~Epist.~ 78, 3.

[300] Autobiographisches über seine Jugendzeit s. ~Epist.~ 108, 15. ~De otio~ 7 steht die Unterscheidung der drei Lebensführungen, ~genera vitae~: ~unum voluptati~, ~alterum contemplationi~, ~tertium actioni~ (~deditum~). Seine eigene Entwicklung als Mann der ~actio~ deutet er ~De tranquill. animi~ 4 an; auf seine gegenwärtige Stellung weist er 10, 6 hin: ~multi quidem sunt quibus necessario haerendum sit in fastigio suo~ usf. Weiteres ~De vita beata~ 17 f. Diesen Ausführungen widerspricht die Schrift ~De brevitate vitae~, die gleich nach der Rückkehr aus Corsica, aber noch, bevor Seneca Neros Lehrer wurde, in Rom abgefaßt ist, keineswegs. Sie predigt in sehr schulmäßiger Ausführung das philosophische ~otium~, weil Seneca selbst eben damals noch ohne Stellung und Pflichten war. Das sollte sich bald ändern. Übrigens ist er da noch ganz rezeptiv im Betrieb des stoischen Studiums; er ist noch unselbständig und befragt nur die Weisen (15, 2 f.).

[301] Vgl. ~ad Helviam~ 5, 4: er gewann früh ~pecuniam~, ~honores~, ~gratiam~.

[302] ~De tranquill.~ 44, 3.

[303] Hierauf blickt er ~Epist.~ 49, 2 mit den Worten zurück: ~causas agere coepi ... desii velle agere ... desii posse~.

[304] Da der sonderbare Claudius, ein Mensch ohne alle Willenskraft, sich ganz und gar und bis zur Schwachsinnigkeit von Messalina gängeln ließ, kann man es den Nichten des Claudius, Livilla und Agrippina, nicht verdenken, daß sie gegen Messalina Front machten, ihr ihren Einfluß nicht gönnten; und wenn in diesen Hader am Hof Seneca verwickelt war, so stand er jedenfalls auf der Seite der Frauen, von denen sich damals für den Staat noch irgend etwas hoffen ließ.

[305] ~Sestertium decies, Tacit. Ann.~ XI, 4.

[306] ~Plin. epist.~ III, 3, 7.

[307] Aber auch diese Schrift ~De ira~ hatte offenbar nicht systematischen, sondern persönlichen und praktischen, programmatischen Zweck. Die kleine Abhandlung ~De constantia~ betrachte ich als einen Ableger von ~De ira~ Buch III; der sachliche Zusammenhang ist der engste. Das Delatorenwesen ist damals mächtig (~De const.~ 9, 2); alle Vornehmen und die hohen Beamten gelten als ~male sani~ (13, 2); die verächtlichen Äußerungen über die Sklaven (13, 4) verraten einen Standpunkt, den Seneca später überwunden hat. So ist auch noch ~De brevitate vitae~ eine Vorstudie Senecas. Diesen Sachen hängt daher in ihrer Abfassungsart noch der pedantisch schulmäßige Charakter an, der später bei dem souveränen Staatsmann Seneca so viel mehr zurücktritt. Was endlich die ~Consolatio ad Marciam~ betrifft, so wäre es Verkennung, sie für eine philosophische Schulschrift oder auch nur für eine Trostschrift zu halten, die nichts weiter will, als die Trauernde aufzurichten. Wäre sie dies, so wäre ihre Veröffentlichung überflüssig gewesen. Sie war vielmehr eine politische Gelegenheitsschrift in der Form der ~Consolatio~, die auf Sejans Mißherrschaft tadelnd zurückblickt, pietätvollen Sinn für die Caesars bekennen will (~c.~ 15), besonders Augustus und Livia verherrlicht, welcher Kaiser Augustus des Seneca staatsmännisches Ideal dauernd geblieben ist, und vor allem das echte Römertum preist und damit eine tüchtige staatsbürgerliche Gesinnung fordert: ~scire quid sit vir Romanus~ (auch im ~cap.~ 13 kommt er darauf zurück). Die politischen Zustände sind schlimm, ~iniqua tempora~ (22, 8); ~sunt istic hostes cruenti, cives superbi~ usf.; daher ist der Tod nützlich; er befreit aus dem Elend eines schlechten Staatslebens (20, 2 f.): ein Manifest, aus dem damals jeder sollte ersehen können, was von Seneca, wenn er entscheidenden Einfluß gewann, zu erhoffen war.