Aus dem Leben der Antike

Part 20

Chapter 203,353 wordsPublic domain

Wo Martial dagegen wirklich spottet und hänselt, da nennt er die wahren Namen nicht. Er sichert sich durch das Pseudonym. Er ist kein geharnischter Catull. Ein Catull war damals nicht mehr möglich. Gerade durch das Pseudonym hat sich Martial den Erfolg in allen Häusern glatt gesichert. Um so offener konnte er reden, und so sind die Personen, die er uns vorgaukelt, Typen, aber echte Typen, wie die Personen unserer Fliegenden Blätter Typen sind. Wenn er die Menschen grob oder giftig anfährt oder mit schallendem Hohn, da handelt es sich fast immer um verliebte Sünden; das sind die altüberkommenen Schändlichkeiten gewisser Kreise; und es bleibt oft zweifelhaft, ob dem Dichter mehr Entrüstung oder Behagen dabei die Feder führt. Im übrigen aber welche Gutmütigkeit! welch friedliches Geplätscher! Diese Fülle menschlicher Schwächen, wie scharf werden sie beobachtet, aber wie milde beurteilt! Kein Zorn packt den Leser an; nur ein malitiöses Lachen, ein wohlgefälliges Lächeln braucht er aufzuwenden. Im Halbtraum nach dem warmen Bade, wo man keine Aufregung, sondern nur leichteste Zerstreuung will, da ist es Zeit für den Römer, in seinem Martial zu blättern.

Zunächst der Dichter selbst. Er wird in der Gesellschaft leider nicht immer gut behandelt, und er unterläßt nicht, sich zu beschweren. Vor allem das liebe Essen. Er geht zu Gast; man legt sich hungrig auf die Speiselager; aber der Wirt läßt nichts auftragen und begnügt sich, einige Parfümerien zu verteilen (III, 12). Schlimmer noch, wenn ein genialer Koch sich darauf versteht, aus bloßem Kürbis ein solennes Essen von vier Gängen zu bestreiten; Linsen und Bohnen, auch Pilze, auch Datteln, auch der Kuchen zum Nachtisch wird aus dem einen kleingehackten Kürbis hergestellt. Das soll was extra Feines sein, und es kostet nichts! Welche Enttäuschung! (XI, 31). Bei einem Vornehmen wohnt der Dichter auf dem Land. Der Mann zieht sein seltenes, exotisches Obst hinter großen Glasscheiben in weiten sonnigen Räumen. „Mir, dem alten Hausfreund, gibt er eine lichtlose Klause, die nur eine handgroße Luke statt des Fensters hat; nicht einmal ein Eiszapfen möchte darin wohnen. Wäre ich doch dein Obst,“ ruft der Dichter. „Da ginge mir’s besser!“ (VIII, 14.) Und überhaupt die öden Pflichten, wenn man Klient ist; man sollte sie einem Dichter doch erleichtern. Martial wendet sich an den Labull.

XI, 24: Labull, nun ward ich dein Gefolgsmann. Das ist schlimm. Du stellst mich, Freund, auf eine harte Probe. Indes ich mich dir widme voller Grimm Und täglich, was du tust und redest, lobe, Ein unerhörtes Zeitverschwenden, Wie viele Verse konnt’ ich da vollenden! Scheint dir’s nicht ein Verlust, daß so im Keim erstickt, Was Rom und alle Fremden sonst erquickt, Was alle großen Herrn und Senatoren Sonst gern genössen mit gespitzten Ohren, Was jeder Kluge lobt und nur die andern Dichter, Die Konkurrenten, tadeln, dies Gelichter! Ich soll im feinen Rock an deiner Seite gehn Und meine Werke sollen nicht entstehn? Ein voller Monat ist’s: mein Blatt ist leer geblieben, Und all die Zeiten hab’ ich nichts geschrieben. Und das nur deshalb, daß ich dann und wann Hübsch fürstlich bei dir speisen kann?

In diesem Gedicht hören wir auch schon gleich von Martials literarischen Gegnern. Gegen die ist er natürlich unverlegen. Schlagend ist seine Abfertigung:

III, 9: Marull schreibt Verse gegen mich? Er halt’ es nach Belieben. Der, dessen Verse man nicht liest, der hat sie nicht geschrieben.

Einem anderen, der sich selbst vorträgt, dient er folgendermaßen:

IV, 41: Du Zarter trägst ein Tuch um den Hals, Um deine Gedichte aufzusagen? Wir Hörer sollten lieber fest Das Tuch um unsre Ohren tragen.

Schwieriger als die Konkurrenten ist oft das Publikum selbst. Es gibt so viele, die nur das, was alt ist, bewundern und meinen: was neu ist, kann nicht klassisch sein. Aber Martial ist guten Mutes:

VIII, 69: Du lobst, Vacerra, nur die alten Weisen, Und nur die toten Dichter magst du preisen? Verzeih! um deinen Beifall zu erwerben, Beeil’ ich mich noch lange nicht zu sterben.

Nun aber die weitere Umwelt. Wie gutherzig menschenfreundlich ist dieser muntere Geist da oft! Man merkt, er ist der Sohn einer reiferen, menschlicheren Kulturperiode. Von einem Trinker heißt es, gnädig genug:

I, 28: „Ihm ist elend! Der Rausch von gestern macht’s.“ Gefehlt, ihr guten Leute! Er kneipt ja immer die Nächte durch; Sein Elend stammt von heute.

Von einem unweltlichen Menschen:

XII, 51: Der gute Fabulinus, Nie schützt er sich vor Betrug Und ward doch so oft betrogen! Wer gut, wird niemals klug[418].

Und gar, wie rührend der Vers von dem Blinden:

III, 15: Kein Mensch gibt mehr Kredit in Rom, Als unser Cordus gibt. „Er ist doch arm. Wie macht er das?“ Ein Blinder ist’s, der liebt.

Alles das könnte auch ebenso noch heute gelten. Aber weiter. Soll ich aus der Fülle noch ein paar Themen auf gut Glück, wie die Zettel aus der Urne, herausgreifen? Über Standesunterschiede im Liebesverkehr (III, 33); von unfähigen Advokaten (VIII, 7); von Emporkömmlingen, die groß tun, bald ist es ein Schuster, bald ein Schneidermeister (IX, 73; III, 18); vom Schulmeister, der mit der Rute fuchtelt (IX, 68) und dem Glück der sommerlichen Schulferien (X, 62); von Bauwut (IX, 46) und sonstiger lächerlicher Verschwendung (VIII, 5; VII, 98); den Toilettenmitteln der Römerinnen (IX, 37). Dazu der sonderbare Mamurra, der in allen Läden stundenlang herumsteht, um mit Kennermiene die Kostbarkeiten zu betrachten, aber gar nichts kauft (IX, 59); Hermogenes, offenbar ein Mensch aus guter Familie, der die Manie hat, überall die Tischservietten zu stehlen (XII, 29). Dazu ein gewisser Klytus, der an Habgier leidet und es verstanden hat, im letzten Jahr achtmal seinen Geburtstag zu feiern, weil es da Geschenke regnet; Martial sagt mit Recht: Auf diese Weise, junger Mensch, wirst du früh zum Greise; denn so wirst du jedes Jahr gleich 8 Jahre älter, ein Neunjähriger kann so schon gleich zweiundsiebzig werden. Auch der Barbier gibt endlich ein nettes Thema. Die Barbiere hatten im Altertum noch keine Seife und mußten sich abmühen, um alle Haare gründlich wegzunehmen. Da kommt der Rasierjunge; er hat ein so glattes Gesicht; aber während der endlos langen Arbeit, die er verrichtet, wächst ihm selbst ein Bart (XI, 84 und VIII, 52).

Doch des Aufzählens genug. Hören wir lieber den Dichter selber. Cinna ist unleidlich, weil er in den Gesellschaften immer so leise spricht:

I, 89: Alles schwatzt du heimlich uns ins Ohr, Cinna, was jeder hören darf im Kreise, Lachst mir ins Ohr, weinst, schimpfst mir ins Ohr, du Tor, Deklamierst mir Gedichte in dieser Weise. Krankhaft! Nächstens flüsterst du gar, du Leiser, Mir noch ein Hoch ins Ohr auf unsren Kaiser!

Es folgt Phileros mit den sieben Frauen, die er beerbt:

X, 43: Es ist fast übertrieben: Der reichen Frauen sieben Hat Phileros bis jetzt Im Erdreich beigesetzt. Gewiß ein harter Schlag. Allein der Ärmste kann sich sagen: Das Erdreich bringt Ertrag. Die Saat wird siebenfältig Früchte tragen.

Und der frostige Redner Aulus:

III, 25: Ist wirklich dir, Faustin, das Thermenbad zu heiß, Das freilich auch Julian nicht zu ertragen weiß, Den Redner Aulus ruf’ ins Bad; da schmilzt die Hitze. So frostig ist der Mann, so froschkalt seine Witze.

Da ist auch Fabulla, die sich für schön hält:

VIII, 79: Nur alte Schachteln sind dein Umgang immer, Fabulla. Stets nur garstige Frauenzimmer Sind deine Freundschaft, und du schleppst ohn Gnade Sie ins Theater mit, zur Promenade Und zum Diner. So ist es, sollt’ ich meinen, Nicht schwer, Fabulla, schön und jung zu scheinen.

Dann aber tauchen die Zähne der alten Frauen vor uns auf, aber in milderer Beleuchtung als einst bei Horaz:

I, 19: Vier Zähne hattest du, Aelia, wie ich glaube. Der Husten kam; ihm fielen sie zum Raube. Zwei warf der erste Anfall hinaus; beim zweiten Sahn’ wir die letzten deinem Mund entgleiten. Jetzt brauchst du dich nicht weiter zu bezähmen. Ein dritter Husten kann dir nichts mehr nehmen.

Gern wurden die Hausärzte beschimpft, die Handlanger der Unterwelt. Davon habe ich schon anderenorts eine blendende Probe gegeben[419]. Hier eine zweite:

X, 77: Nichts Schlimmres im Leben hat Carus gemacht, Als daß ihn das schwere Fieber umgebracht. Wär’s doch ein leichtes gewesen! Ich muß ihm grollen. Er hätte sich seinem Arzt erhalten sollen.

Man sieht: der Mensch ist verpflichtet, nicht an Krankheit, sondern an seinem Arzt zu sterben! Rom war eigentlich keine gesunde Stadt; leichtes Fieber stellte sich sehr häufig ein; aber man lief sorglos damit herum. Auch das schildert uns einmal unser Dichter:

XII, 17: Woher kommt es (so fragst du mit Seufzen mich oft), daß das Fieber Dich nicht verläßt nun schon Wochen und Monate lang? Mit dir fährt’s in der Sänfte, es badet mit dir in den Thermen. Schmaust Lampreten mit dir, Austern und Pilze sogar, Zecht mit dir oft bis zum Rausch Setiner und schweren Falerner, Ja, und den Cäcuber-Wein stets nur gekühlt und auf Eis, Bettet mit dir sich in Rosen zu Tisch und in würz’gem Amomum, Teilt auch nachts dein Bett, Daunen auf purpurnem Pfühl. Da’s ihm so schlemmerhaft gut bei dir geht, da soll dich das Fieber Fliehn und zum Dama gehn, der auf das dürftigste lebt?

Schlimmer ist, wenn Martial einmal den Verdacht des Verbrechens erhebt. Es handelt sich um Brandstiftung. Tongilianus wird von ihm angeredet:

III, 52: Für 20000 hatt’st du das Haus erhandelt. Da hat es sich gleich in Asche verwandelt, Tongilian. Das Haus ging auf in Flammen. Doch deine Freunde traten rasch zusammen, Ersetzten dir’s zehnfach. Nun gib acht. Du stehst, Verehrter, im Verdacht: Damit man dir so den Schaden deckt, Hast du den Kasten selbst in Brand gesteckt.

Da sieht man, wie unsere moderne Feuerversicherung im alten Rom ersetzt wurde. Geschäftsfreunde bildeten ein Konsortium, und dem Betroffenen wurde geholfen. Es lag aber auch damals schon nahe, diese Hilfe zu mißbrauchen.

Aber nun endlich Issa, und genug der Alltagsmenschen. Auch zu Issa, dem Hündchen, beugt sich unser Dichter herab. Bei seinem Freund Publius hat er das Tier gesehen. Dies sei das letzte Stück meiner Auslese.

I, 109: Die Issa will ich heute singen. Von Issa soll mein Lied erklingen. Sie ist drolliger, als der Sperling war, Den einst Catull geliebet, Ist wonniger als das Taubenpaar, Das sich im Schnäbeln übet, Einschmeichelnder als die liebste Maid, Kostbarer als Indiens Perlengeschmeid. Das ist Issa, des Publius Hündchen. Betrachten wir es ein Stündchen. Da winselt es sanft schon, als spräch’s zu dir: „So Lust wie Leid, das teilen wir,“ Und streckt dann das Hälschen, weil’s schlummern will. Keinen Atem hörst du. Es liegt so still. Und kommt ein Bedürfnis, auch keinen Flecken, Kein Tröpfchen macht es auf die Decken, Kratzt nur mit der Pfote flehentlich: „Hebt mich vom Pfühl! denn es ängstet mich!“ Auch keusch ist die kleine Hündin sehr, Flieht alle Liebeleien. Wo ist auch der Hund, der würdig wär’, Um unsre Issa zu freien? Doch ach! doch ach! auch dieses Hündchen Hat dermaleinst sein Sterbestündchen. Drum hat ihr Herr, der sie so liebt, Ihr Bild, das sie prächtig wiedergibt, Mit eigner Hand gemalt: so treu! Man weiß nicht, welches die Issa sei, Das Tier selbst? oder das Konterfei?

Das ist römisches Leben, bis herab zum Stubenhündchen; wie intim berührt das alles! Aber ich lasse nunmehr den Vorhang fallen. Alle dürftig und ungenügend ist, was ich hier geboten, und wer es kann, sollte den Martial selber lesen. Denn alle Übersetzungen sind doch nur bestenfalls Talmigold oder Simili-Brillanten[420]; in den meisten seiner Miniaturen aber bringt der lebhafte Dichter nebenher noch eine solche Fülle von Anspielungen, daß zum Verständnis eine einfache Übersetzung gar nicht ausreichen würde. Auf alle Fälle aber wird mein Leser begreifen, daß Martial alsbald und durch viele Jahrhunderte immer wieder eifrige Nachahmer gefunden hat.

[Randnotiz: Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont.]

Aus der Spätantike erwähne ich die Dichter der sog. ~Anthologia latina~, sowie den Ausonius und Luxorius. Die beiden zuletzt genannten sind Christen; gleichwohl steigert sich noch bei ihnen das geflissentliche Aufsuchen des Unanständigen bis zum Monströsen. Wertvoller ist Claudian, der Dichter des christlich gewordenen Kaiserhofes um das Jahr 400; denn in ihm ersteht endlich wieder ein Kämpfer, der es wagt, mit offenem Visier zu beleidigen[421]. Offenbar war es der kaiserliche Hof selbst, der ihn dabei deckte. Neues, was uns fesseln könnte, bringen diese Spätlinge nicht. Nur freilich den Flieger. Der Flieger taucht bei Luxorius auf. Man staune indes nicht allzu sehr; denn in Wirklichkeit war es nur ein Equilibrist. Luxorius lebte im Anfang des 6. Jahrhunderts im afrikanischen Vandalenreich, wo immer noch die altrömische Kultur blühte und es immer noch römische Amphitheater gab. In solchem Raum geschah das Wunder: einen Riesenweitsprung, der dem Flug gleichkam[422], vollführte da ein junger Zirkuskünstler durch die ganze Länge der Arena, wenn wir es glauben wollen, 40 Meter weit. „Es ist kein Mensch,“ sagt der Dichter; „nur Vögeln ist das möglich, und ich wundere mich nicht mehr, daß ein Dädalus einst auf Flügeln über das Meer flog. Guten griechischen Wein hab’ ich dem jungen Menschen kredenzt. Er ist so leicht wie eine Schwalbe, aber der Wein soll ihn schwer machen.“

Wir wollten lernen. Haben wir hiermit endlich genug gelernt? und sind wir in der Lage, ein Endurteil zu fällen? Keineswegs! sondern das Wertvollste bleibt noch übrig. Wer urteilen will, hat nicht nur auf das Vielerlei, das in den Dichtern steht, er hat auch auf das, was diese Dichter verschweigen, achtzugeben. Denn lehrreicher ist oft, was das Altertum +nicht+ sagt, als was es sagt. Und die Beobachtung, die sich da ergibt, ist rasch erledigt; ich meine nur dies, daß bei allen diesen Dichtern nahezu jeder Ausdruck des Rassenhasses fehlt, ferner jeder religiöse Gegensatz, jeder konfessionelle Hader völlig unberührt bleibt und sich nirgends ein Wort gegen die Priester findet, ja, daß endlich auch der Soldatenstand von keinem je verunglimpft wird. Nichts merkwürdiger, nichts charakteristischer, nichts bewunderungswürdiger als das!

Plautus hatte einst den ~Miles gloriosus~ geschrieben. Da wurde der dumme griechische Offizier, der sich für den schönsten aller Männer hält und mit den unglaublichsten Großtaten renommiert, unendlichem Gelächter preisgegeben. Das spätere Rom weiß davon nichts mehr. Das römische Militär war unantastbar. Auch die römischen Feldwebel und Rekruten, auch der Legionär und der ~Tribunus militum~ werden gewiß ihre Schwächen gehabt haben, und nichts war frecher im Auftreten als die kaiserliche Garde in der Hauptstadt selbst. Aber unsäglicher Respekt umgab sie. Kein Wort des Spottes hören wir je. Nur einmal bringt Martial das zahme Distichon:

II, 80: Hört! auf der Flucht vor dem Feind hat Fannius selbst sich getötet. Ist es denn Wahnsinn nicht, sterben, damit man nicht stirbt?

[Randnotiz: Toleranz im Religiösen; kein Rassenhaß.]

Die gleiche Schonung gilt prinzipiell auch den Trägern der Gottesdienste. Nur Afranius hat in alter Zeit einmal ein Stück „Der Augur“ auf die Bühne gebracht, wo solch ein Priester, dem die Vogelschau oblag, ein Augur, die gefürchtete Hauptperson war: der einflußreiche Mann schreit und rast so, daß der Himmel darüber einzustürzen droht; aber sein Gesichtsausdruck ist falsch und widerwärtig wie eine angemalte Wand[423]. Das war Afranius, und das ist alles. Späterhin ist es nur einmal noch der Christ Luxorius, der über einen trunksüchtigen Priester seiner Kirche herfällt[424].

Die Sacerdotes waren eben schon durch ihr Amt geschützt. Überdies aber waren es in der vorchristlichen Zeit den besten Kreisen, ja, dem Hochadel angehörende Männer und Frauen, die, zumeist verheiratet, von der sonstigen vornehmen Welt sich im täglichen Leben durch nichts abhoben, da sie in ihren Privathäusern lebten und nur während der heiligen Handlung des Opfers und Gebetes das Priestergewand anlegten. So hielt es ja auch der Kaiser selbst, der als Oberpriester, ~Pontifex maximus~, persönlich die Staatsopfer vollführte. Eine anspruchsvolle Isolierung und Weihe des geistlichen Standes, die den Spott oder Widerwillen des Unfrommen hätte herausfordern können, gab es noch nicht.

Nur die asiatischen Cybelepriester hat Martial in der Tat mit seinem Hohn verfolgt[425], deshalb, weil sie mit ihrer schändlichen Menschenjagd, die sie in den Städten Italiens betrieben, auch amtlich verfehmt waren, und so trifft denn einmal auch die Göttin Cybele selbst, die die Entmannung ihrer Anbeter forderte, ein entrüstetes Wort[426].

Das steht für sich. Sonst aber wird von den fast unzähligen Religionen, die damals in den Mittelmeerländern durcheinander wogten, kaum eine einzige von diesen Dichtern angetastet oder der Kritik ausgesetzt. Isis, Serapis, Mithras, Anubis, Jehova, das Christentum -- um von den überkommenen römischen Nationalgöttern ganz zu schweigen --, alle diese Gottheiten und Bekenntnisse fanden damals ihre Verehrer. Wer aber mag sie in ihrem Glauben stören? Religion ist Privatsache; der Witz biegt vor diesen Dingen aus. Vor allem ist von diesen Dichtern, soweit ihre Werke uns vorliegen und eine Kontrolle möglich ist, nie Christus verhöhnt worden. Das scheint mir ewig denkwürdig.

Und was von den Religionen gilt, gilt endlich annähernd auch von den Rassenunterschieden. Massenhaft dienten z. B. die Syrer in Rom als elegante Sklaven und Sänftenträger, so unbeliebt sie auch wegen ihres durchtriebenen Charakters waren; aber nur einmal trifft sie bei Martial eine angreifende Wendung[427]. Auch gegen die sonst so gerne verfolgten Juden ist er nur an einer Stelle ausfällig[428]. Wo er auf der Gasse jüdische Bettler sieht, findet er durchaus kein bösartiges Wort[429], wohl aber muß er sich seinerseits gegen einen jüdischen Widersacher, der ihn angegriffen hat, verteidigen[430]. Ärgerlich war es, daß die römischen Mädchen, wenn Germanen, Juden oder Perser nach Rom kamen, sich gleich in diese Fremden verliebten und die römischen jungen Herren alsdann als Luft behandelten. Den Ärger darüber kann uns der Dichter nicht verschweigen[431].

So begegnen wir nun einmal wirklich auch einem Germanen in Roms Gassen, und das muß unsere besondere Neugier erwecken. Ein Unfreier ist’s, vielleicht ein von der städtischen Verwaltung zur Straßenreinigung angestellter Sklave. Aber der Mensch benimmt sich sehr rücksichtslos, als wäre er der Herr Roms. Aus einem Wasserbehälter der Fernleitung, der mit köstlichem Gebirgswasser gespeist wird, will ein Knabe, ein römischer Bürgerssohn, trinken; der Germane kommt und stößt ihn herrisch fort, weil er zuerst trinken will. So geschehen zu Rom im Jahre 96 n. Chr. Daß Martial den Menschen grob anfährt, das können wir ihm wohl nicht verargen[432]. Erheiternder aber ist es noch zu lesen, wie einmal ein Gallier, auch dies ein Kraftmensch, von ihm eingeführt wird; da erhalten wir wieder einmal ein Straßenbild, und zwar bei Nacht:

VIII, 75: Zur Miete wohnt in Rom ein Mensch von keltischer Race. Es ist spät Nachts. Von der Flaminischen Straße Will er nach Haus. Da stolpert er im Lauf. Das Schienbein ist verrenkt; er stürzt und kommt nicht auf. Was soll der Riese tun, um hochzukommen? Des Galliers Diener sieht’s und steht beklommen. Er ist so schwach, so klein. Er hülfe gerne. Doch seine Kraft reicht kaum, zu halten die Laterne. Da war’s, als ob man Hilfe brächte: Eine Leiche schleppten zwei Schinderknechte, Wie man die Verbrecher ohne Weh und Ach In die Gruben hinausschafft tausendfach. Der Diener fleht: „Faßt an, ihr Leut’! herbei. Was aus der Leiche wird, ist einerlei.“ Da tauschen richtig sie die Last schon aus. Nach oben Wird schon der Riese hochgehoben, Liegt da schon schwer in seinem Fett Auf der gemeinen Bahre, auf dem Schinderbrett. Vom Totengräber sah er sich zuletzt Auf seiner eignen Wohnung lebend beigesetzt[433].

[Randnotiz: Anders die Satire. Religiöse Aufklärung.]

So weit die Spottdichtung und das Sinngedicht, so weit die fliegenden Blätter Roms. Welche Zurückhaltung sich diese leichtlebige Kunst im Altertum auferlegte, haben wir gesehen. Ganz anders die große römische +Satire+, zu der wir uns jetzt noch wenden. Indem wir auch sie noch zu Wort kommen lassen, hört alsogleich das Behagen auf; die Lehre beginnt, und sie reißt uns aus all der Heiterkeit, die uns bisher umgab, in den Ernst hinüber, der bis zum Ingrimm geht, und in die Sorgen um die schweren Grundfragen des Lebens. Denken wir nur an die religiöse Frage. Die Satire ist es, mit deren Hilfe wir einem der größten menschheitlichen Ereignisse, dem Übergang aus dem Polytheismus in das Christentum, der großen religiösen Umwälzung der Antike, die eben zu jenen Zeiten langsam vor sich ging, nähertreten können. Es sind die etwa fünf Jahrhunderte von 200 v. Chr. bis 300 n. Chr. In diese Entwicklung hat auch die große römische Satire mit eingegriffen; denn ihre Aufgabe war eben die Erziehung des Volkes. Aber das Aufstellen von tugendhaften Lehrsätzen genügte ihr nicht; sie rief auch dabei wieder den Spott zu Hilfe. Alle falschen Werte riß sie mit Hohn herunter; alles, was hohl und vermorscht, schlug sie in Trümmer.