Aus dem Leben der Antike

Part 19

Chapter 193,572 wordsPublic domain

Während diese Sachen meist kurz sind, je kürzer, je wirksamer, wie gespitzte schlanke Pfeile, liebt die dritte Dichtungsform, von der ich zu reden habe, vielmehr den breiten Aufbau; sie schreitet im breiten Faltenwurf daher. Es ist die römische +Satire+. Der römischen Satire genügt das Spotten nicht; sie will erziehen. Griechische Humoristen, die zwar bitter ernst in das Leben sahen, aber das Laster nur für eine Torheit der Seele, die Tugend nur für Klugheit hielten, haben die satirische Predigt erfunden. Sie lag dem Römer vortrefflich, er ergoß sein ganzes eigenartiges Wesen hinein und hat sich in ihr ausgelebt von dem großen Lucilius an bis Juvenal und weiter. Die Spottgedichte Martials sind nur kleine lachende Kobolde; die Satire schreitet hochgewachsen, matronenhaft als weise Frau und Gouvernante von Beruf mit strengem Blick und greller Stimme durch die Jahrhunderte Roms, unermüdlich und mit spitzer Zunge scheltend, polternd und ermahnend; denn sie will Rechtschaffenheit, anständige Gesinnung, Wahrheitssinn, bisweilen auch Güte des Herzens lehren und den kleinsinnigen, abgefeimten Praktikern des Lebens die edleren Werte vorhalten, sie an das Sittliche gewöhnen. Da greift sie sich dann den und jenen aus dem Publikum, legt ihn übers Knie und schwingt die Rute, daß er es fühlt und die Zuschauer lachen, aber durch das statuierte Beispiel klug werden. Dann ruht sie aus, schlägt die Hände zusammen und schüttelt sich vor Lachen. Römische Satire und Kapuzinerpredigt: da ist kaum ein Unterschied. Wir wissen, wie der Kapuziner zu den Wallensteinern spricht. Abraham a Santa Clara ist der nächste Verwandte Juvenals.

Die Satire hat in der Tat einen hohen Beruf erfüllt und will ernst genommen werden. Die winzigen Spottepigramme dagegen, im Distichon, Jambus oder Phaläceus, sind Späße des Augenblicks, und der Leser huscht rasch von einem zum anderen. Wozu sie behalten? Es lohnt nicht.

Für den Spätgeborenen aber lohnt das Verweilen doch; ich meine für den, der den Augenblicksmenschen der Gegenwart in der Vergangenheit wiederzufinden sucht. Im Epigramm ist das Leben lebendig: natürliches Leben; Augenblicksleben; römisches Volksleben! Das ist es, was uns jetzt kurz beschäftigen soll.

Einen Vorklang dessen, wonach wir suchen, bringt schon das alte Volkslustspiel der sogenannten Togatkomödie. Nävius, Titinius, Atta und Afranius waren ihre Vertreter. Nur kurze Späßchen sind uns leider daraus erhalten; aber sie wirken mitunter wie Epigramme und werfen ein kurzes Schlaglicht auf die Personen, die da auftraten und die für uns sonst ganz im Dunkeln stehen. „Armselig die Eheherren, die bei ihren Frauen die Magd spielen! Nur die große Mitgift macht’s[405].“ Und diese Weiber sind dem Wein nicht abhold: „Gebt ihr zu trinken,“ heißt es; „denn sie ist eben in Wut[406].“ Ein Modefatzke tritt auf, und man fährt ihn an: „Du trägst ja gedrehte Stirnlöckchen wie ein Hermaphrodit[407].“ „Deine Frau ist zu protzig,“ rät ein Freund dem anderen; „schaff’ Wagen und Maultiere ab und laß sie zu Fuß trollen[408].“ Das Straßenleben tut sich auf, und wir hören den Vorwurf: „Du schreist so auf offener Straße? Schämst du dich nicht vor dem Publikum[409]?“ Endlich der weise Satz: „Es lohnt sich für das Kind nicht, daß seine Eltern leben, wenn sie lieber Furcht als Ehrfurcht erregen wollen[410].“

[Randnotiz: Pasquille. Catull gegen Caesar.]

Die Stücke, aus denen dies genommen ist, waren noch altrömisch; sie fallen noch früher als Ciceros Zeit. In der Zeit Ciceros, da blühte in Rom nun auch schon das +Pasquill+, und da hören wir auch Namen. Das kühne Wort herrscht. Ein Versteckenspielen gibt es nicht. Ein gewisser Caninius war Konsul in Rom geworden; aber schon folgenden Tages mußte er wieder aus dem Amt; er hat also in seiner hohen Würde nur allzu wenig Schlaf gefunden. Cicero selbst war es, der ihn darum dem Gelächter preisgab:

Caninius ist wach; das ist er in der Tat. Er schlief nur +eine+ Nacht in seinem Konsulat!

Allerliebst ist das, aber immerhin noch harmlos. Das Gegenteil des Harmlosen aber war +Catull+, Ciceros jüngerer Zeitgenosse. Lieb und treuherzig, warm und herzgewinnend in seinen anderen Gedichten, die von Liebe und Freundschaft singen, ist Catull Gift und Galle, wo er angreift, und das unsauberste Wort ist dem Schonungslosen da gerade recht. Abwischpapier nennt er das neue Epos des Volusius. So warf er sich auch auf Julius Caesar. Caesar wurde eben damals groß. Er wurde es durch die Unterstützung des großen Pompejus. Gleichzeitig gab Caesar dem Pompejus seine junge Tochter Julia in die Ehe; Pompejus war also Caesars Schwiegersohn. Den gallischen Krieg hatte er durchgefochten; Mamurra hieß da der Hallunke und Durchgänger, der im gallischen Krieg Caesars rechte Hand war, nicht nur als Genieoffizier, der beim Brückenbau und allem Kriegstechnischen half, sondern auch als Räuber und Ausplünderer des neu unterjochten Landes. Nicht nur mit der rechten, mit beiden Händen griff damals Caesar und seine Kreaturen nach Galliens Reichtümern. Wie ein Wutschrei der Entrüstung sind die Verse, mit denen Catull sofort über Caesar und Mamurra herfällt. Für den Augenblick hastig hingeworfen, sind sie doch ewige Geschichtsdenkmäler, diese Verse. Das Hauptstück sei, damit jenes erregte Leben vor uns aufgehe, hierhergesetzt, indem ich jedoch nicht versäume, einige unerhört krasse Ausdrücke zu mildern[411]:

Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur, Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist, Daß nun Mamurra sein nennt, was an Üppigkeit Großgallien und das ferne Britenland besaß? Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu? Und übermütig, übertriefend soll er jetzt Durchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach, Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie? Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu? Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist! Das war’s, warum du einzig großer General Auf der gen Westen allerfernsten Insel warst, Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste, Zwei Millionen oder drei verspeisen kann? Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit? Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug? Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst; Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanische Als dritte, die der goldesreiche Tajo kennt. Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar. Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn, Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind? Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn, Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt?

Lärm und Orkan der großen, der größten Weltgeschichte: davon spüren wir etwas in diesem Probestück. Caesar suchte seinen Frieden mit diesem jungen, sprühenden Genie zu machen; aber Catull beruhigte sich nicht, und wir hören, wie er noch weiter droht: „Abermals sollst du dich über meine Jamben erbosen, du einziger Feldherr[412].“ Dann starb der heißblütige Dichter. Er starb früh; Caesar überlebte ihn.

[Randnotiz: Vergil gegen Noctuin und gegen Sabinus.]

Der Lärm verstummte. In weit engere Verhältnisse führt uns zu jener Zeit der große Dichter Vergil. Er war der Dichter des edlen Brusttons und des sentimentalen Pathos; sentimental sind nicht nur seine Helden: auch seine Hirten. Aber so war Vergil nicht immer; seine großen Werke schrieb er erst als reiferer Mann und abgekühlten Blutes. Auch er war einst jung und fuhr übermütig derb um sich, wie die anderen, wenn ihn die Torheit der Glücksritter reizte, zu der Zeit, als er noch in seiner norditalienischen Heimat, in Mantua und Cremona lebte, wo er geboren war.

In Cremona lebte der Inhaber einer Töpferei, mit Namen Atilius. Der „stolze Noctuinus“ kommt und heiratet dessen Tochter. Aber Noctuin ist, so scheint es, Trinker, und heiratet auch noch gleich den Weinkrug, den der Schwiegervater fabriziert. Nach volkstümlicher Redeweise wird der Krug als Tochter des Töpfermeisters gedacht, der ihn geschaffen hat. Nun kommt Vergil dem Noctuin mit einem kleinen boshaften Hochzeitspoem, das für den heutigen Gelehrten unendlich wertvoll ist; denn es ist für uns die einzige erhaltene Probe der sog. „Fescenninen“, des Hochzeitsulks der alten Römer. Der Dichter steht auf der Gasse und ruft das Volk zusammen:

Da kommt er, der Ekel, im Zug heran, Der Noctuin, der stolze Mann. Das Weibchen, das dir erwünscht erschien, Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin. Doch sieh: der Besitzer der Töpferei Atilius hat der Töchter zwei Und gibt dir -- stolzer, freu’ dich doch -- Auch die selbstgebackene zweite noch. Die zweite Tochter ist der Krug. Du leerst die Tochter in einem Zug. Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug. Herbei, ihr Leute, und stimmet an: Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann!

Ob sich Noctuinus nicht an dem Dichter gerächt hat? Denn im Schreibtisch blieb das Gedicht sicher nicht liegen. Anschaulicher noch das andere Stück auf den Sabinus, den Parvenü, der früher bloß Quintio hieß, der in Cremona einst Pferdeknecht gewesen, dann sich zum Spediteur heraufgearbeitet hat. Es war die Zeit von Caesars Gallierkriegen, von denen schon vorhin die Rede war. Große Militärtransporte gingen damals für das Heer über Norditalien nach Frankreich. Allein aus dem nachfolgenden Vergilgedicht lernen wir drei dort ansässige Transportfirmen kennen; berühmter noch war der Großbetrieb des Spediteurs Ventidius Bassus, den Caesar um seiner Verdienste willen hernach zu den höchsten Staatsämtern beförderte. Der Sabinus aber gab, als er glücklich reich geworden, in Cremona sein Geschäft auf, wurde Duumvir oder der höchste Magistrat am Ort und ließ nun in der Vorhalle des Tempels des Castor und Pollux -- oder der „Castoren“ -- sein Sitzbild aufstellen, das jeder mit Hohn und Ingrimm sah, der ihn einst als Knecht gekannt hatte. Auch den jungen Vergil packt der Grimm, und wir hören:

Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin. Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur. Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholt Von andern Unternehmern, ob nach Mantua Die schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia. Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nicht Noch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb, Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloß Der Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einst Als Knecht die Mähnen kappte, weil das harte Joch Aus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb. Cremona weiß das und das ganze Pogebiet, Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft, So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier; Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen Dreck Und lud im Nassen täglich alle Lasten ab, Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweit Die Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trug Die Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faul Sich sträubten (beide oder eins, rechts oder links) Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp. Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem Reisenden Sonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum Schluß Hängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf. Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbst Als großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem Stuhl Und weiht sich den Castoren so als Statue!

Dies Gedicht ist in seiner lateinischen Fassung ein Meisterwerk ersten Grades; die Übersetzung kann davon kaum eine Vorstellung geben[413]. Und was das Erfreulichste: sonst bewegt sich alle römische Poesie nur in Rom selbst; hier haben wir einmal echten Lokalton, muntere, kecke italienische Kleinstadtpoesie, wie wir sie sonst nirgends finden.

Übrigens hätte Vergil sein Gedicht so oder ähnlich auch noch heute schreiben können. Ich denke an den Maultiertreiber Mr. Kerkens in Kansas in Nordamerika. Im Januar 1910 ging durch unsere Zeitungen folgende Notiz: „Der amerikanische Millionär Richard C. Kerkens in St. Louis, der für die Vereinigten Staaten als Botschafter nach Wien geht, hat einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich. Er ist in Irland geboren und in seiner Jugend in Fort Leavenworth (Kansas) als Mauleseltreiber beschäftigt gewesen. Später rückte er zum Hilfswarenaufseher auf. Von Leavenworth siedelte er nach Arkansas über und von dort nach St. Louis, wo er in Eisenbahnspekulationen den Grundstein zu seinem heutigen Vermögen legte.“

Alles wiederholt sich nur im Leben; ewig neu ist nur die Poesie.

[Randnotiz: Horaz’ Epoden und Lydia-Ode.]

Satiriker von Beruf war +Horaz+; er war überdies auch Spottdichter in seinen Jamben (oder Epoden), und es lockt von Vergil zu ihm hinüberzublicken. Denn gleich jenes Sabinusgedicht hat Horaz nachzuahmen versucht[414]; auch bei ihm handelt es sich um einen Emporkömmling, der jetzt stolz mit dreiellenlang-schleppender Toga über die Heilige Straße fegt. Die Sache ist nach Rom verlegt. Aber Horaz duckt sich; er wagt keinen Namen zu nennen. Der Schlag ist ein Schlag ins Wasser. Die Invektive entwaffnet sich und wird zum bloßen Sittenbild.

Gleichwohl gibt uns auch Horaz ein Meisterwerk. Ich meine das berühmte: „~Beatus ille qui procul negotiis~.“ Mit diesen Worten hebt das Gedicht an[415]. Irgendeine Stimme ist es, die da redet und das schlichte Landleben preist: „Glückselig, wer heute keinen Wucher treibt, sondern wie einst unsere Voreltern sein Feld bestellt! Die Rebe rankt er bräutlich um die Pappel, pfropft Obst und sammelt Honig, liegt zur Sommerzeit im Gras und lauscht dem rieselnden Bach und dem Vogelsang, fängt im Winter Vögel im Garn und jagt den Eber. Da vergißt man alle grauen Geschäftssorgen; Frau und Kinder sind um dich; das Vieh brüllt dir im Pferch und wird gemolken, und man lebt vegetarisch von Oliven, Malven und Sauerampfer, der auf den Wiesen wächst, und nur zum Festtag schmaust man das Opferlamm.“ Wer spricht da? Ist es der Dichter? O nein. Zum Schluß erhalten wir plötzlich die geschäftlich kurze Mitteilung: ein rechter Pflastertreter der Großstadt, ein Wucherer ist es, der sich in diese Phrasen hüllt:

So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sich Nach Erdgeruch, trieb dann sogleich Am 15. des Monats alle Gelder ein Und legt sie neu auf Zinsen an.

Sonst sind es leider zumeist nur alte Weiber und Megären, die Horaz verhöhnt. Wenn er liebt, liebt er im Grunde nur die Körperlichkeit der Schönen; wenn er höhnt, verhöhnt er nur den Schönheitsverfall und redet von ihren grünen Zähnen und ähnlichem. Man möge das im Horaz selber nachlesen; zum Übersetzen lockt es nicht. Auch noch, als er seine Oden dichtet, laufen dem Horaz solche Motive mit unter; aber er redet jetzt maßvoller. Ein Beispiel ist die Ode I, 25 auf die Lydia; es ist das einzige Liebesgedicht, das ich hier einreihe:

Seltener schon treffen mit dichten Würfen Kecke Burschen deine geschloss’nen Fenster, Rauben keinen Schlaf dir, und ihre Schwelle Liebt, ach, die Türe, Die vorher die Angeln gar sehr gefällig Drehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen: „Schläferin, mich läßt du die langen Nächte, Lydia, verschmachten?“ Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst du Wertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen, Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütet Während des Neumonds, Heiß entflammte Liebe und die Begierde, Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen, Rasen wird im schwärmenden Eingeweide, Und du zergrämst dich, Weil die heitre Jugend des frischen Epheus Froh ist und berauscht ist in dunkler Myrte, Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht[416], dem Bruder des Winters.

Aufregend war das nicht. Wer frug danach, wer diese Lydia war? Sicher ein Geschöpf der niederen Frauenwelt, deren es tausende gab. Anders +Ovid+, der eine vornehme Römerin, Furia, verspottete und sagte: „Da du Furia heißt, warum soll ich dich nicht eine Furie nennen?“

Das scheußlichste der Art hat damals übrigens Kaiser Augustus gedichtet. Es sind Schimpfverse auf die Fulvia, die stolze Gattin des Mark Anton, aus der Zeit, als der große Mann und künftige Weltbeglücker noch um die Herrschaft rang. Wir wollen das Epigramm mit Nacht bedecken. Es ist ein Jammer, daß es sich bis auf uns erhalten hat.

Sehen wir uns nach anderem um. Da ist Bavius mit seinem Bruder: ein neues Motiv von der zärtlichen Bruderliebe. Die beiden sind vielleicht sogar Zwillingsbrüder und einander, wie wir hören, so treu, daß sie zeitlebens alles, Landsitz, Stadthaus und Geldwirtschaft miteinander teilen; es war ein Odem und eine Seele in zwei Körpern. Wie rührend! Aber Bavius heiratet; auch die Frau soll gemeinsamer Besitz werden: da kracht die Freundschaft auseinander; das macht der Zorn, und zwei Königreiche mit zwei Gebietern sind entstanden, die sich fürchterlich mit Krieg bedrohen.

[Randnotiz: Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt.]

Dies kleine Genrebild führt uns nun endlich auf +Martial+ hin. Denn es ist von +Domitius Marsus+ verfaßt, und Martial war der große Nachahmer und Fortsetzer des Catull und des Domitius Marsus. Martial, der unerschöpflich reiche Epigrammatiker aus der Zeit des Kaisers Domitian: ein Spanier von Herkunft, unverheiratet, fest eingelebt in das System der kaiserlichen Despotie, pflichtenlos und gedankenvoll, ein poetischer Bummler, den seine immer gute Laune ernährt: eine Schmeichelkatze ohne viel Ehrgefühl, eine Klientennatur mit dem Talent, auf das anmutigste zu necken, zu loben und zu betteln, der sich als Tischgenosse und Badegenosse der Vornehmen, als Witzemacher und Verseschmied erster Güte Eingang in alle ersten Häuser der Weltstadt verschaffte. Auch als er in den Ritterstand erhoben ist, lungert und katzbuckelt er weiter. Aber seine göttliche Munterkeit, seine Menschenkenntnis und Darstellungskunst steigert sich noch, und wir müssen sie bewundern.

Wie war ein solcher Dichter damals möglich? und warum entfaltete sich die epigrammatische Dichtung in Rom erst so spät? Denn zur wirklichen Entfaltung, zum vollen Sichausleben kam sie tatsächlich erst durch Martial. Die Antwort gibt Vergil. Es gab zu Vergils Zeit in Rom noch keine große Kunst, die sich sehen lassen konnte; wozu sollte man also die kleine pflegen? Ein schreiender Literaturhunger bestand, und mit den winzigen Brocken Catulls ließ er sich nicht stillen. Wer einen Festsaal schmücken will, kann dazu nicht Miniaturen brauchen; große Tafeln muß er aufhängen, großmächtige Schildereien erst einmal entwerfen lassen. Daher warf Vergil seine kleinen Jugendversuche hinter sich und schuf das große Epos, die Äneide. Horaz gab Muster der Satire und erhabenen Lyrik, Properz seine großen Elegienkränze, Ovid den Decamerone seiner Metamorphosen. Das war die Augusteische Literatur; aber sie war noch keineswegs überreich an guten Werken, und daher hat die zweite Blütezeit unter Nero 50 Jahre später mit gutem Grund noch an denselben Aufgaben festgehalten und demselben großen Stil gehuldigt. Der junge Nero selbst dichtete; auch Seneca, sein großer Ratgeber, tat es; und da gab es also neue Hirtengedichte, neue Oden, das Epos des Lucan und des Nero, die Satiren des Persius; ja, sogar auch Tragödien gab es, die einzigen römischen Tragödien, die uns erhalten sind, in denen Cassandra, Phädra, Medea auf hohem Kothurn schreiten und wunderbar fließend Latein sprechen. Nur die Griechen sind es, die damals in Rom das kleine witzige Sinngedicht, das uns angeht, gepflegt haben.

Die Römer selbst aber? Der Großbetrieb war einmal im Gange, und er ging immer noch rastlos weiter; er kulminierte unter Kaiser Domitian, in den fünfzehn Jahren 81-96. Dieser herrische Kaiser war der eifrige Patron aller redenden und singenden Künste; aber er war ein Tyrann und Feind der Freiheit. Da man unter ihm nicht frei denken, also auch nicht philosophieren, nicht einmal Geschichte schreiben durfte, so flüchtete nun alles zur Dichterei; ein angstvolles Gedränge auf dem Parnaß. Der Mensch braucht Geistesgymnastik; aber nur der Turnboden der Verskunst stand damals für diese Gymnastik noch offen. Ein Genie wie Statius tummelte sich da, aber auch Dilettanten in Fülle. Von Jason und von Phineus, von Achill, Diomed und anderen abgestorbenen Helden hallte Rom täglich wieder: diese alten Geschichten konnten freilich den Tyrannen nicht kränken. Aber der Reiz der Neuheit fehlte; das Auge hatte sich an den großgezerrten Heldenbildern längst müde gesehen. Wir kennen das auch heute: wer stundenlang Rubens bewundert hat, atmet glückselig auf, wenn er vor Metsu und Teniers und Netscher, den kleinen munteren Holländern, steht. Auch da, in den Holländern, zeigt sich unendliche Kunst!

[Randnotiz: Martial.]

Solch ein Holländer ist Martial gewesen. Unter Domitian tat er sein Atelier plötzlich auf, und er brachte Neues. Aus den verstaubten Büchergestellen zog er den fast verschollenen Catull und Domitius Marsus wieder hervor, um sie zu modernisieren; aber er knüpfte zugleich an die feinen Sinngedichte der Griechen an. Und es war gleich wie ein Wunder, eine Offenbarung. Alles riß sich gleich um Martials kleine Bücher. Da war plötzlich ein Meister der Miniaturkunst, ein Dichter, der es wagte, groß im Kleinen zu sein, indem er dreist ins ganz alltägliche Leben griff. Dem Martial ging es im Vergleich zu dem großen Epiker Statius so, wie es Lessing neben Klopstock erging: „Wer wird nicht einen Statius loben? doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben, doch fleißiger gelesen sein.“ Etwa jedes Jahr warf Martial ein Buch heraus, in jedem Buch nur etwa hundert Nummern. Die Sachen gefielen so, daß sie, obschon für den Moment gedichtet, doch alle Zukunft beherrscht haben. Sie haben das Verdienst, daß sie uns auch erhalten sind.

Versenken wir uns denn in diese Bücher, und ob es auf Kosten unserer Geduld geschieht, indem wir die etwa 1200 Gedichte sortieren. Römisches Großstadtleben wollen wir kennen lernen: dieser Poet zeigt es uns wie kein anderer. Eine Unmasse von Eigennamen wirbelt uns entgegen. Es ist, als ob wir mit dem Stock in einen Ameisenhaufen stießen.

Da ist der Kaiser selber, der sich „Gott und Herr“, man könnte auch übersetzen „Herrgott“[417], nennen läßt; aber er ist unkenntlich hinter einem dicken Vorhang von Weihrauchdunst und Schmeicheleien. Ob er höchstselbst des Dichters Gedichtbücher lesen wird? Die Hofleute müssen sie ihm, wenn er gnädiger Laune ist, in die Hände spielen. Da ist am Hof der Kämmerer Parthenius, der Mann für Bittschriften Entellus usf. Insbesondere Domitians junger Mundschenk, der „Frühlingsknabe“ Earinus wird als der Ganymed des Allmächtigen von Martial besungen. Dazu kommen die großen Paläste der Reichen, des zukünftigen Kaisers Nerva, des Dichters Silius Italicus, der Witwe des Dichters Lucan, des dichtenden Konsularen Stella, des großen Sachwalters Regulus. Da speist unser Dichter gern, läßt sich obendarein beschenken und lobt alle diese hochmögenden Personen mit Namennennung. Sie sind durch ihn verewigt bis heute. Witz und Spott reicht an sie natürlich nicht heran, es sei denn, daß der Dichter Geld braucht. Da wendet er sich einmal an den Regulus (VII, 16):

Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine Geschenke Muß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein?

Der große Herr wird sich wohl amüsiert und hoffentlich auch seine Hand aufgetan haben.