Part 18
Gehen wir weiter. Jener Mummenschanz, mit dem das Volk Roms und Griechenlands sein Verbrüderungsfest verschönte und der oft auch den Armen und Geringen für wenige Tage zum König machte, ließ sich nun auch wirklich auf das Theater bringen. Dafür haben wir einen Nachweis. Philos Schrift gegen Flaccus ~cp.~ 5 f. ist Zeuge. In Alexandrien in Ägypten trug sich Folgendes zu.
Der Judenhaß war in Alexandria eine Macht. Gleichwohl und obgleich er gewarnt war, begab sich der König der Juden, Agrippa I., von Rom aus in die erregbare Stadt. Alsbald aber fiel die Spottlust des Janhagels über ihn her, so oft er sich auf der Straße sehen ließ, und der römische Präfekt Flaccus rührte sich nicht; er ließ die Straßenpolizei nicht einschreiten. Als sich Agrippa im Gymnasion zeigte, da griffen die jungen Leute sich einen nackten, d. h. dürftig gekleideten und blödsinnigen Menschen (μεμηνώς τις) mit Namen Karabas, der das Gespött der Straßenjungen war, von der Gasse auf, stellten ihn auf ein Podium, krönten ihn, indem sie eine offene Buchrolle auf seinem Kopf zum Diadem zusammenlegten, hingen ihm einen Fußteppich als Krönungsmantel um und gaben ihm endlich statt des Zepters ein Stück von einem Schaft des Papyrusschilfs, das weggeworfen auf dem Pflaster lag. Das geschah aber, sagt Philo, in Nachahmung der Mimen im Theater (ὡς ἐν θεατρικοῖς μίμοις). Denn diese Leute hatten keine feinere Bildung (βραδεῖς τὰ καλὰ παιδεύεσθαι), sondern bei den Dichtern der gemeinsten Volksschwänke gingen sie in die Lehre (ποιηταις μίμων καὶ γελοίων διδασκάλοις χρώμενοι)[388].
[Randnotiz: Der Tölpel als König im Mimus.]
Ein Papyrusschaft als Zepter! eine Buchrolle als Krone! Derartige Verkleidungen sah man damals also wirklich auch auf der Bühne. Aber auch von dem, was Philo noch weiter hinzufügt, werden wir annehmen dürfen, daß darin dieselben Theaterstücke nachgeahmt sind, wenn schon Philo dies nicht ausdrücklich sagt. Denn der Bericht geht weiter. So stand also Karabas als König da. Junge Leute stellten sich (jedenfalls auf demselben Podium) als Gefolgschaft um ihn herum und spielten eine Szene; sie huldigten ihm (ἀσπάζεσθαι) und gingen ihn dann um Rechtsentscheidungen und um Entscheidungen in Verwaltungssachen an. Die Menge aber bildete um die Gruppe einen Kreis, wie um den Pulzinellkasten, und auf einmal scholl aus dem Publikum der Ruf: „Maris!“ Maris hieß nämlich, sagt Philo, auf syrisch „der Herr“. Agrippa selbst aber war Syrer.
Wir dürfen voraussetzen, daß solche Szenen wie die geschilderte im Volksschwank oder Mimus damals beliebt waren. Daraus hat ein Gelehrter[389] den zunächst wirklich naheliegenden Schluß gezogen, daß auch die Kriegsknechte im Evangelium diesen nämlichen Volksschwank gekannt haben und daß in der Verhöhnung Christi dieser Schwank von ihnen nachgebildet, gespielt worden ist. Das Leiden des Herrn eine Theaterszene! Christus ein Opfer der Parodie und des Mimus!
In der Tat liebte der Schwank die Parodie; er liebte auch das Improvisieren, und um den königlichen Prunk nachzuahmen, konnte er sich damit begnügen, Krone, Mantel und Zepter mit geringwertigen Gegenständen, wie sie sich eben darboten, zu ersetzen; das wirkte drollig und rührsam zugleich. Dementsprechend erhält also auch Christus von den Soldaten das Rohr statt des Zepters, zur Krone aber werden Dornen verwandt, von denen wir annehmen können, daß sie am nächsten zur Hand waren. Die Übereinstimmung ist augenfällig.
Aber wir dürfen auch die Unterschiede nicht übersehen, und der irrt, wer da glaubt, die biblische Erzählung aus Philo wirklich hinlänglich erklären zu können.
Der Pseudokönig Karabas, von dem Philo redet, wird auch aufgefordert, Recht zu sprechen. Es bleibt aber zweifelhaft, ob das wirklich zu seiner eigenen Verhöhnung geschah. Wie die Handlung in solchem Königsmimus verlief, wissen wir gar nicht. Auch Philo sagt es uns nicht[390]. Es ist aber denkbar und vorläufig die nächstliegende Annahme, daß darin einfach der Glückstraum des Armen, von dem ich sprach, verwirklicht wurde und also die Verlegenheit eines Menschen wie Alynomos zur Darstellung kam, der, aus der Armut aufgelesen, plötzlich im Purpur Recht sprechen und regieren soll. Da der Mimus vielfach ein Spiel aus dem Stegreif war, wurde dabei, wie gesagt, auch das Königsornat improvisiert und der erste beste Gegenstand dazu verwendet.
Jedenfalls ist bei Philo nicht Karabas selbst das Ziel des Hohnes, sondern Agrippa. Nur angesichts des anwesenden Königs Agrippa erhielt die Karabasszene die Pointe beißender Satire und diente dem Zwecke der Verhöhnung. Das ist klar. Agrippa sollte sich in dem armseligen Tropf wiedererkennen. „Auch Agrippa ist nichts als solch ein kümmerlicher Regent von Glückes Gnaden, der da vom Herrschen und Richten nichts versteht!“ das war der Sinn, das war der Witz der Sache.
Suchen wir uns das Theaterstück, von dem die Karabasszene nur eine Nachahmung war, selbst vorzustellen, so hatte dasselbe sicher keine Spitze gegen die Juden Alexandriens[391]. Denn nirgends steht hiervon irgend etwas angedeutet. Aber auch sonst war das Stück gewiß tendenzlos und viel mehr rührsam als roh[392]: sein Gegenstand ein armer Schlucker, der, wie er sich vielleicht heimlich gewünscht, oder auch ganz gegen seinen Willen, plötzlich König wird, der sich aber als Stupidus ausweist und schließlich erleichtert wieder in sein Nichts zurücksinkt.
Dieser Mimus braucht also von den Königsmaskeraden des Saturnalienfaschings gar nicht wesentlich verschieden gewesen zu sein. Im Gegenteil! Kein Zweifel, daß auch die Saturnalienkönige in schlichteren Verkehrskreisen und in den Kleinstädten nicht etwa immer in Gold und kostbare Stoffe gekleidet wurden, sondern daß man sich dabei gerade so, wie wir es beim Karabas sehen, um den Spaß zu steigern, in echt karnevalistischer Sorglosigkeit mit geringwertigen und parodistischen Hilfsmitteln begnügte. Vor allem aber beachte man, daß nach Philo jener Karabas, der den König darstellt, ein Blödsinniger oder Schwachsinniger ist. Der dämlichste Mensch wird ausgesucht; er war für diese Rolle just der geeignetste. Ganz ebenso haben wir aber vorhin auch für den Saturnalienkönig den Charakter des Tölpels und Stupidus festgestellt, genauer den Charakter des „~fatuus~“ oder Blödsinnigen, der auch im Sprichwort ausdrücklich mit dem „König“ zusammengebracht wurde; ich meine das Sprichwort, von dem Seneca in seiner Claudiussatire ausgeht: ~aut fatuum aut regem nasci oportere~: „ein wahrer König oder ein wahrer Stumpfbold kann man nur von Geburt sein!“ Kaiser Claudius aber, der Saturnalienkönig, war sogar beides in eins, ~fatuus~ und ~rex~[393].
Aber die Ähnlichkeit zwischen Karabas und dem Kaiser Claudius geht noch weiter. Die wirklichen Verdienste dieses Regenten kommen hier natürlich nicht in Betracht, sondern nur die Anschauung, die über ihn in seiner eigenen Familie, in der vornehmen Welt Roms und, als Claudius starb, auch bei Seneca herrschte. Danach war Claudius „~fatuus~“, schwachsinnig und unzurechnungsfähig von Geburt an[394], wie Karabas. Aber er hatte gar keine Aussichten, König zu werden, und lebte die längste Zeit seines Lebens ganz verborgen und verachtet[395], wie Karabas. Wider den eigenen Willen wird er dann zum Monarchen erhoben, wie Karabas. Aber er benimmt sich dabei wie ein alberner Saturnalienkönig, so wie sich ohne Frage auch Karabas in der Mimusszene seiner Natur gemäß verhalten haben muß. Nach dem Ausdruck Senecas[396] dehnte Claudius die Saturnalien als Saturnalienkönig über das ganze Jahr aus; d. h. sein Narrenregiment kam nie zu Verstande. Wer will leugnen, daß zwischen der Vorstellung vom Saturnalienkönig und dem einfältigen König im Mimus bei Philo kein wesentlicher Unterschied, sondern vielmehr ein naher Zusammenhang besteht?
Blicken wir endlich zurück und vergleichen nochmals den Evangelienbericht, so ergibt sich nun mehr als ein Unterschied. Denn in der Bibel will Christus selbst König sein, und das ist es, weshalb er verhöhnt wird. Bei Philo will Karabas selbst durchaus nicht König sein, und darum richtet sich der Hohn der Mitspieler auch nicht gegen ihn, sondern nur gegen den König Agrippa, der zuschaut. Der Unterschied liegt auf der Hand. Er macht aber die vorhin bemerkte Übereinstimmung zwischen der Karabasszene und dem Evangelienbericht vollkommen illusorisch.
Dazu kommt der zweite und bedeutendere Unterschied, daß dem Mimus nämlich augenscheinlich jede rohere Handlung abging. In den Evangelien gipfelt ja die grausame Komödie darin, daß die Soldaten, die eben noch vor Jesus knieten und ihn begrüßten: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ ihn plötzlich anspeien und ihm mit dem gewiß sehr festen Rohr, das als Zepter dient, aufs Haupt schlagen. In der Szene, die Philo gibt, denkt niemand daran, Karabas zu vergewaltigen. Wir müssen also den griechischen Mimus mit Nachdruck von aller Schuld lossprechen: zu der Christuspassion hat sein Vorbild ganz gewiß keinen Anlaß gegeben.
Es fehlt demnach immer noch der Nachweis, woher es kommt, daß dieselbe Person, der man den königlichen Schmuck anlegt, auch Gegenstand der Verhöhnung, ja, auch der Züchtigung und Peinigung wird.
Man wird ein weiteres Suchen wertlos und zwecklos finden. Die Geschichte der Schrift, kurz und ergreifend wie sie ist, erklärt sich aus sich selber. Die Handlung entstand aus der Situation. Ganz ohne Zweifel! Wozu also noch weitere Analogien? Und doch wird, was wir lesen, begreiflicher, es verliert gleichsam das Zusammenhanglose und stellt sich auf den Boden der Zeitgeschichte, wenn wir uns noch an anderes erinnern und bei den Römern selbst weitere Belehrung suchen. Wir fragen nicht den Mimus, sondern die Geschichte.
[Randnotiz: „~Sardi venales~“. Vitellius’ Ende.]
Ich denke zunächst und vor allem an die „~Sardi venales~“ Roms, so seltsam sie klingen und so verschüttet auch ihr Andenken bei den Historikern ist. Als die Etrusker niedergeworfen, als Veji, die mächtigste Feindin in Roms Nähe, erobert war, wurde in Rom an den kapitolinischen Spielen[397], die nie staatlich, sondern von einer Privatgenossenschaft im Oktober ausgerichtet wurden, eine symbolische Handlung üblich, die seitdem jährlich sich wiederholte; es war eine Auktionsszene. Aus der Schar der verkäuflichen Sklaven wurde ein möglichst kümmerlicher Greis (~senex deterrimus~) ausgewählt, in das königliche Prachtornat der Etrusker nebst goldner „~bulla~“ eingekleidet und so fürstlich angetan zum Verkauf vom Forum auf das Kapitol über die ~Sacra via~ geführt. Es war dies also der König Vejis selbst, in tragikomischer Travestie, an dem sich das übermütige Volk der Sieger „voll Hohn“[398] immer wieder belustigt hat. Wie leicht hätte da auch schon der Spott die Formel finden können: „Sei gegrüßt, König der Etrusker!“ In Wirklichkeit wird uns auch hier wieder (wie bei Karabas und Kaiser Claudius) die Dummheit dieses Königs betont[399]; sonst hören wir nur, daß ein Marktschreier (~praeco~) den Spottkönig nebst Gefolge mit dem Ausruf „~Sardi venales~“, d. h. „hier sind Sarder zu kaufen!“ begleitete. Die Etrusker leiteten sich nämlich von Sardes in Kleinasien her.
Zu körperlichen Mißhandlungen kam es jedoch hierbei nicht. Denn man hatte den König Vejis nicht selbst vor sich, sondern nur sein mimisches Abbild. Sowohl Einkleidung aber wie Verhöhnung liegt hier, wie man sieht, tatsächlich vor; nach Plutarchs Zeugnis sah man diesen Spottkönig in Rom wirklich alljährlich bis in seine Zeit, d. h. bis zum Jahre 100 n. Chr. und später[400], also eben in der Zeit, als die Evangelien geschrieben wurden, und wir beginnen schon jetzt zu begreifen, wie es gekommen, daß auch die Einkleidung des „Königs der Juden“ Jesus Christus und seine Verhöhnung von den Kriegsleuten eben desselben Volkes geschah, bei dem solcher brutaler Mummenschanz zum alljährlichen Festprogramm gehörte.
Ein paar Jahrzehnte aber nach Christi Leiden spielt sich in Rom der Tod des Kaisers Vitellius ab. Da hören wir[401]: Vespasians Truppen rücken gegen Roms Mauern. Vitellius ist besiegt. Er hat seinen Purpur abgeworfen und verbirgt sich auf dem Palatin, in Lumpen gekleidet, um nachts nach Terracina zu entweichen. Die feindlichen Soldaten aber, die sein Kaisertum nicht anerkennen und bekämpfen, suchen nach ihm, finden ihn beschmutzt und mit Blut besudelt. Sie zerreißen ihm das Kleid am Leibe, binden ihm wie einem verurteilten Verbrecher die Hände auf den Rücken, führen ihn über die ~Sacra via~, wo er noch gestern im königlichen Wagen fuhr, auf das Forum, wo er sonst als Herrscher Recht gesprochen. Und die einen schlagen ihn nun, die anderen zupfen ihn am Kinn, alle verspotten ihn voll Übermut, indem sie ihm sein wollüstiges Leben vorwerfen. Er senkt den Kopf vor Scham. Da stechen sie ihn von unten mit den Dolchen ins Kinn, so daß er das Haupt aufrichten muß. Ein keltischer Soldat hat Mitleid und versucht Vitellius zu töten, um ihm weitere Grausamkeiten zu ersparen. Aber der Versuch mißlingt, und mit Gelächter geht es weiter bis zum Gefängnis. Endlich wird er niedergehauen.
[Randnotiz: Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.]
Christus und Kaiser Vitellius! welch eine Zusammenstellung! Und doch haben wir in jener wüsten Greuelszene endlich ein wirkliches Pendant zu dem gefunden, was die Soldaten dem Heiland vor seiner letzten Stunde angetan. Hier haben wir das, was im Mimus bei Philo vollständig fehlt: der Mann, der da leidet, ist Prätendent; Vitellius prätendiert Kaiser zu sein; Christus prätendiert König zu sein. Darum und durch diesen Anspruch lenken beide den Hohn auf sich, und darum werden sie auch gepeinigt, damit sie nämlich an ihrem Leibe ihre Wehrlosigkeit merken und wie wenig sie in Wirklichkeit König sind. In beiden Fällen handelt es sich außerdem um die Hinrichtung des Prätendenten; in beiden Fällen aber kann die Soldateska Roms sich nicht entschließen, sie sofort zu vollstrecken, sondern treibt zuvor, wie das Raubtier mit seiner Beute ein grausames Spiel, wobei zu den Spottreden die Stockschläge kommen (ῥαπίζειν Cassius Dio; διδόναι ῥαπίσπατα Evangel. Johann. 19, 3).
Es ist gut, den römischen Soldaten zu kennen, wenn man sein Verhalten verstehen will. Was ich aber behaupte, ist zweierlei, und dies muß scharf unterschieden werden.
Wenn die Soldaten auf den für sie ergötzlichen Einfall kamen, Christus als König zu verkleiden und zu krönen, so ist ihnen das gewiß eingegeben durch die Erinnerung an einen Mummenschanz, der, wie gezeigt, damals auch sonst im Schwang und weit verbreitet, der gelegentlich im Volkstheater des Mimus zu sehen, der vor allem in Rom alljährlich im Oktober beim kapitolinischen Fest der ~Sardi venales~ und gleich danach im Dezember beim Saturnalienfest gang und gäbe war. Das Wichtigste an dem Hergang im Evangelium erklärt sich jedoch vielmehr aus dem historischen Moment selbst, aus unmittelbarer Eingebung und aus der brutal kaltherzigen Grausamkeit des gemeinen Mannes im Heer, jenes römischen Söldlings, der die Könige Mazedoniens und Numidiens dereinst gefangen nach Rom geschleppt und für den jetzt eben die Zeit herankam, wo er frevelhaft übermütig die Kaiser Roms selbst machte und wieder vernichtete. So sehen wir, wie er sich daran weidet, als Henkersknecht seine Übermacht an dem Wehrlosen auszulassen, der den Purpur beansprucht, ohne ihn behaupten zu können. Diese unheimlich gärende Macht, die sich zuerst beim Tode des Vitellius vor uns so grausig und erschreckend enthüllt, dieselbe ist es auch, die sich im gleichen Triebe, aber voll Mißverstand an dem „König“ Christus vergriffen hat.
Wir haben bisher nur die roheren Volksschichten des antiken Lebens, die einer höheren Schulbildung und dem veredelnden Einfluß der griechischen praktischen Philosophie nicht ausgesetzt waren, ins Auge gefaßt. Das ist aber ungerecht. Versuchen wir daher schließlich auch noch, uns vorzustellen -- und das ist wertvoller als alles bisher Gesagte --, welchen Eindruck die evangelische Erzählung, von der wir gehandelt, zur Zeit, als sie erschien, auf die wirklich gebildete griechische Welt machte, d. i. vor allem auf solche Männer -- und sie zählten allerorts zu Tausenden --, denen Religiosität und Trieb zur sittlichen Läuterung damals die wichtigsten Werte und Kraftquellen der Kultur und aller menschlichen Existenz schienen. Ich meine die Anhänger der Stoa und des Cynismus, die da Reichtum und Ehre und Luxus und selbst die Liebesfreuden verachten lehrten, sich allen sog. Glücksgütern entzogen und die Selbstzucht bis zur Bedürfnislosigkeit trieben. So sehr sie auf den Kaiser Roms herabsahen: der Königsbegriff stand als Gipfel des Wünschenswerten doch auch bei diesen Männern obenan. Diogenes braucht einen Alexander den Großen, um sich sagen zu können: ich bin mehr als er. König sein! das ist auch hier das Schlagwort. Mit lang hallendem Echo geht das Wort durch die Jahrhunderte hindurch: „Wer entsagt, ist König!“ ~Rex eris!~ Wozu Belege häufen? Ich zitiere für hundert Stellen nur die eine, wo Epiktet in seinen herben Diatriben von dem, der sich, rasch entschlossen, dem mönchischen Leben des Cynikers zuwendet, sagt, daß er nach Zepter und Königtum greift und daß Zeus selbst es ist, der ihn mit Zepter und Diadem bekleidet[402].
Zepter und Krone! Gott gibt sie dem, der sich selbst überwindet! In diesem Sinne und als geläufiges Symbol für den moralischen Sieg der Vollkommenheit im Guten muß damals die Krönung Christi auch auf den stoisch-cynisch erzogenen Griechen tief gewirkt haben. Die Krieger hatten an Christus wider Willen das Rechte getan.
Witzliteratur und Gesellschaft in Rom.
Die erhabene Muse, die Begeisterung und Andacht wirkt, greift nur in den Himmel zu den Göttern oder in die Vergangenheit, wo die sagenhaften Helden wachsen, auf die kein Staub des platt Alltäglichen und der trivialen Wirklichkeit fällt. Wer die Ideale eines Volkes kennen lernen will, lausche ihrer erhabenen Dichtkunst; wer ihre natürlichen Triebe und Instinkte, der suche seine Scherz- und Spottpoesie auf. Auch sie hat ihre Muse, hat Kunst und Grazie; aber diese Muse schaut nach unten. Indem +ein+ Volksgenosse mit Witzen oder Sticheleien über den anderen herfällt, lernen wir seine Opfer, lernen wir auch ihn selbst, der da redet, nahezu persönlich kennen, und das Menschentum selbst steht lebendig vor uns.
Die alte römische Literatur ist an Invektiven reich; der Römer war in allem stark und wuchtig, so auch im Schimpfen; er verstand sich aber auch auf die Kurzrede, auf den scharfen Schliff des Worts.
Dabei ist es wichtig, zu beachten, welche Angriffsobjekte gewählt werden und welche man vermeidet. Denken wir an unsere heutigen Witzblätter. Der „Simplizissimus“, dessen künstlerische Leistungen so hoch stehen, kannte keine Rücksicht und Vorsicht und übergoß, weit ausgreifend, auch den Offiziersstand, auch hohe Chargen und Würdenträger, auch Geistliche mit seinem ätzenden Hohn. Gutherzig zurückhaltend sind dagegen die „Fliegenden Blätter“, auch „Meggendorf“. Unser Wilhelm Busch hat sich wohl gelegentlich am Hlg. Antonius vergriffen, den Militärstand hat er geschont. Bauern in ihrer tollpatschigen Naivität führen uns die „Fliegenden Blätter“ vor, Gauner vor Gericht, Geldprotzen, die gern adelig wären oder sonst dick tun, verstiegene Dichterlinge, Hausfrauen, die nicht kochen können, oder solche Schönen, die, um zu glänzen, ins Bad reisen wollen und ihrem ächzenden Gatten das Geld aus der Tasche locken, um der Mode zu frönen; dazu auch junge Leutnants mit dem Monokel und palmenhaft schlanker Taille. Man lacht über all die Albernheit, aber man lernt trotzdem das Volk, insonderheit den süddeutschen Menschenschlag, dabei lieben; man muß ihm gut sein.
So führen uns nun auch die römischen Spottdichter in das Stadtvolk, allerdings leider nur in das römische Stadtvolk ein. Auch Rom hatte seine fliegenden Blätter; aber sie fliegen nicht mehr, sondern vieles ist davon verloren und verflogen; der Rest ist festgeheftet im Buch der strengen Literaturgeschichte, und wir müssen sie erst wieder herauslösen und sie wieder in Flug bringen, damit sie leben und lachen.
Wenn wir hier auch von der großen Komödie des Plautus und Terenz ganz absehen, so bleiben noch Dichter genug, an die wir uns halten können: die Reste der Togatendichtung, des Lucilius und der Atellane, sodann Catull, Horaz, die sonstigen Satiriker, vor allem Martial. Gröbster Schimpf, harmlose Scherze klingen da durcheinander. Sehen wir einmal nach, was sie uns bringen und sagen können.
[Randnotiz: Die Zote. Tendenzlos Lustiges. Die Invektive.]
Ein beträchtlicher Teil fällt da freilich gleich für uns weg: das Gebiet der Unanständigkeiten. Die Zote gehörte damals als etwas Selbstverständliches zum Witz, bei Griechen und Römern, ein Merkmal primitiver Urwüchsigkeit, und war nahezu die ergiebigste Quelle für die Satire. Um jemanden gesellschaftlich tot zu schlagen, war dies die bequemste Waffe: man warf ihm sexuelle Gemeinheiten vor. Ob wahr oder unwahr, es blieb immer etwas haften. Auch Julius Caesar ist dem nicht entgangen.
Aber das war nicht nur im Altertum so. Das Christentum hat darin keinen Wandel geschaffen. Das Obszöne gehörte zum Witz durch das ganze Mittelalter (man denke nur an die Fastnachtspiele); es machte sich auch im 16. Jahrhundert erschrecklich breit, ja es reicht noch weiter bis in unsere nächste Nähe. Erst das 19. Jahrhundert hat sich gründlicher davon gesäubert. Diese Dinge bilden ein Stoffgebiet für sich, das wir nicht übersehen dürfen. Wir stellen sein Vorhandensein fest, aber wir wollen nach Möglichkeit vermeiden, es zu betreten.
Drei Arten derjenigen Dichtkunst, die sich nicht in rein ernsthaftem Ton hält, lassen sich, wenn schon die Grenzlinien oft nicht scharf verlaufen, unterscheiden. Oft hat sie nur den Zweck der tendenzlosen Belustigung, was die Griechen u. a. Hilarodia (ἱλαρῳδία) nannten. Man soll nur sorglos lachen. Dahin gehören solche Sachen im Stil der Jobsiade wie der Margites der Griechen oder die Geschichte, wie Odysseus den Zyklopen übertölpelt; dann aber auch das ganze Gebiet der Travestie, die dabei leicht in das Schlüpfrige geht; man denke an Offenbachs Schöne Helena; und diese Spaßmacherei und Ulk wird schließlich kraß realistisch in der Gartendichtkunst der Priapeen.
Anders liegt die Sache beim persönlichen Angriff, wo sich die Bosheit regt. Das Lachen, das da entsteht, ist Schadenfreude, moralische Vernichtung der Zweck. Hier regt sich der Schimpf und greift zu allen Mitteln der Übertreibung und des Grotesken. So fiel schon Nävius über den großen Scipio her, Catull und Calvus über Caesar, Cicero über Antonius, Claudian über Eutrop, den allmächtigen Eunuchen am christlichen Kaiserhof. Tapfer ist es, wenn die Dichter sich dabei offen mit Namen nennen, und Nävius erntete für seine Angriffe Kerkerhaft, Antonius ließ Cicero köpfen. Am häufigsten waren dagegen anonyme Pasquille, die man an die Türen heftete und die das Volk durch die Gassen schrie, so die Verse über den Kaiser Tiberius:
Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen: Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt[403].
Oktavian, der Triumvir, war ein schlechter Feldherr. Die Militärs in Rom hatten ihren Spaß daran, wie kläglich es ihm im Seekrieg mit Sextus Pompejus bei Sizilien erging. Da ging der Vers um:
Beide Seeschlachten verloren! Beide Flotten! Wie von Sinnen Würfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ich Doch beim Knobeln das Gewinnen!“
Auch aus dem Kleinleben des verschütteten Pompeji sind uns solche Anwürfe bekannt. Man kreidete sie an die Wände, um den Mitbürger zu ärgern, und da stehen sie z. T. noch heute. Zum Beispiel „Samius wünscht seinem Kollegen, er möge sich erhängen!“ oder „Der Restitutus hat oft viele Mädchen betrogen,“ oder in der Schenke an der Wand:
Kneipwirt, möchten solche Lügen Auch einmal dich selbst betrügen. Selber trinkst du reinen Wein, Andern schenkst du Wasser ein[404].
[Randnotiz: Satire. Togatkomödie.]