Part 17
Im übrigen rufe ich den Apostel Paulus zum Zeugen. In Paulus’ Römerbriefe, der im Jahre 54 oder bald danach geschrieben ist, wird im Kapitel 13 die Reichsverwaltung Senecas anerkannt mit der Bezeichnung, daß sie Gottes Dienerin zum Guten sei[333], vor der sich die Bösen, aber nicht die Guten zu fürchten haben. Diese Worte schrieb Paulus damals in Korinth, fern von Rom. Der Segen wurde überall empfunden[334].
Und eben erst damals begann nun auch die große Schriftstellerei Senecas. Das ist das Erstaunlichste. Sie war also aktuell im höchsten Grade. Diese Schriften sind Erzeugnisse der ~actio~, nicht der ~contemplatio~.
Zunächst allerdings Neros persönlichste Wünsche! Nero wünschte Gedichte zu sehen. Wer weiß, was für Arientexte der junge Sänger von seinem Lehrer erwartete? Seneca aber schrieb ihm damals zu seiner Warnung jene schreckhaften Tragödien, von denen ich sprach, mit den berühmten Schlagwörtern gegen die Tyrannen und der Mahnung: „~rex velit honesta~“[335].
[Randnotiz: Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u. a.]
Doch das ist belanglos. Jetzt schreibt er vor allem die große Hauptschrift über die Wohltätigkeit[336] und die andere über die Gnade des Herrschers. Er rafft seine Kräfte; er will jetzt sein Bestes tun. Die zweite ist eine Erziehungsschrift, dem jungen Kaiser überreicht, der vor Tyrannei, Blutvergießen und jeder herrischen Wallung dringend verwarnt wird und Milde lernen soll, wie der große Kaiser Augustus sie übte. Es ist bedeutsam, daß Seneca diese Mahnschrift nicht nur dem jungen Kaiser in die Hand legte, sondern zugleich kühn ins Publikum warf. Damit band er sich selbst vor der Öffentlichkeit. Der Öffentlichkeit vertraute der Minister an, was er von seinem Monarchen forderte. Nur sein Sturz konnte sein Programm aufheben. Wichtiger noch das Werk über das Wohltun[337]. Es ist in der Tat das Vollkommenste, was die Antike über Menschenliebe, d. h. über die Pflicht sozialer Hilfe gebracht hat[338]. Keiner vor Seneca hat etwas Ähnliches, praktisch Brauchbares geschrieben. Die Sophismen der griechischen Philosophen schiebt er in überlegener Weise beiseite, alles Schulmäßige streift er nach Möglichkeit ab[339]. Und diese Sachen kamen von der höchsten Stelle im Reich; das ist das ganz Eigenartige: die Regierung selbst predigt eine neue Ethik.
So hatten es einst auch Lykurg und Solon bei den Griechen gemacht; so Moses bei den Juden. So macht es jetzt der römische Staatsmann.
Und so ist denn auch die Tragweite, die Einwirkung seiner Ethik die tiefstgehende gewesen; sie reicht deutlich erkennbar durch die nächsten Jahrhunderte, ja, sie reicht bis heute. Wenn Paulus in dem genannten Kapitel, nachdem er Senecas Regierung als weltliche Autorität anerkannt hat, hinzufügt: „Du sollst deinen Nächsten lieben (ἀγαπᾶν) wie dich selbst[340]“, so war das eben der Gedanke, den Seneca damals von oben her in die Welt warf und den Paulus billigte. Die spätere christliche Kirche konnte in der Tat nichts tun, als diese Lehre festzuhalten, und es läßt sich schwerlich sagen, daß sie sie wesentlich weiter gefördert hat[341]. Ich erwähne das Sklaventum. Noch Thomas von Aquino, der Fürst der katholischen Dogmatik im 13. Jahrhundert, hält an der Sklaverei als einer staatlichen Einrichtung fest und ist betreffs der menschlichen Behandlung der Unfreien nicht über das hinausgekommen, was Seneca lehrt[342].
Eine persönlichere Note haben andere Schriften Senecas, wie ~De vita beata~, d. h. „über reiche Lebensführung“ oder über das Wesen des Reichtums, und die Schrift über die Seelenruhe, ~De tranquillitate animi~. Man hatte ihm vorgeworfen, daß sich durch Neros launenhafte Güte ein übergewaltiges Vermögen[343] in seinen Händen ansammelte. Seneca legt nun erstlich dar, daß das Arbeiten für Staat und Vaterland die höchste Pflicht des Lebens ist[344], sodann aber, daß nur der Reichtum einen wirksamen Gebrauch der Tugend möglich macht, d. h. nur die Geldkraft ermöglicht die soziale Hilfe[345]. Das Kapital muß nur in den rechten Händen sein[346].
So dachte er. Nirgends aber finden wir dabei den Ton des Stolzes oder protzenhafter Selbstüberhebung; vielmehr geht eine gutherzige und liebenswürdige Bescheidenheit durch all seine Schriften, die echt ist und sich gleich bleibt[347].
[Randnotiz: Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende.]
Senecas großes Bankinstitut -- so können wir es nennen; es war gleichsam eine Reichsvorschußzentrale -- gab Darlehen durch alle Länder, über ganz Europa und Afrika. Wir hören einmal, wie die jungen Gemeinden in England, welches Land damals eben erst römische Provinz geworden war, eine Anleihe von 10 Millionen Sesterz bei ihm gemacht haben und wie er das Geld kündigen muß, weil die Zinsen nicht einlaufen[348]. Es ist kindisch zu sagen, daß er keine Zinsen hätte fordern sollen[349]. Seneca wußte, daß eine von der Regierung selbst geleitete Bank für den Staat ein Segen, daß sie aber ohne Sicherungen nicht operieren kann. Staatsbanken kannte das Altertum noch nicht. Das Privatinstitut Senecas kam dem am nächsten. Man erinnere sich, um die Sache richtig zu verstehen, daß auch der kaiserliche Fiskus das Privatvermögen des Kaisers war, das aber in den Dienst des Reichs gestellt wurde. Just ebenso machte es Seneca mit seinem Fiskus.
Ganz abzusondern von dieser gewaltigen geldwirtschaftlichen Arbeit ist Senecas eigene Lebensführung, seine persönliche großartige Mildtätigkeit, die, wie wir lesen, auch noch den Nachlebenden als leuchtendes Vorbild galt[350]. Er selbst äußert sich maßvoll: er gab nur mit Wahl. „Ich habe einen Geldsack, der leicht aufgeht, aber nicht durchlöchert ist, aus dem viel genommen wird, aber nichts herausfällt“[351]. Doch hatte eben alles bei ihm großen Stil. Ja, Tacitus erzählt, daß viele Kinderlose damals dem Seneca ihr Vermögen vermachten; man wußte das Geld nirgends besser aufgehoben als bei ihm.
In Nero aber war längst die Bestie erwacht. Das Gräßlichste geschieht. Nero läßt seine Mutter Agrippina ermorden. Es hieß: Agrippina hätte auch ihrem Sohne nachgestellt. Das war auch für Seneca die Katastrophe. Was sollte er tun? Er suchte trotz allem Nero zu halten. Ja, er mußte Neros Schandtat bemänteln. Er mußte es; denn er brauchte ihn. Er konnte ohne des Kaisers Zustimmung nicht wirken[352]. Wenn nur dieser Nero ihm ferner gefügig blieb!
Hier müssen wir uns der antiken Denkweise erinnern. Dem Seneca erschien der jedesmal regierende Kaiser, er sei gut oder schlecht, unantastbar und durch sein Amt geheiligt, ein Stellvertreter Gottes[353], ungefähr wie der Papst dem römisch-katholischen Christen. Suchen wir eine Analogie aus unserer Zeit, so läßt sich in der Tat nichts anderes sagen: der Kaiser Roms war Oberpontifex; er war der Papst des Heidentums. Er ist wie das Wetter, das wir, ob es uns auch vernichtet, willenlos hinnehmen und nicht ändern können[354].
Hätte Seneca damals rasch entschlossen Nero, den Muttermörder, selbst aus der Welt geschafft, er hätte es mutmaßlich gekonnt; das Volk hätte ihm zugejauchzt, und er wäre selbst Kaiser geworden. Es gab in der Tat Leute, die das von ihm erwarteten. Aber Seneca war kein Sejan; ihm fehlte der Wille[355]. Nur ein Soldat konnte Imperator sein, und das war er nicht.
Nun wurde er bald genug Neros Opfer. Im Jahre 65 starb er. Nero hatte, von dem nichtswürdigen Tigellinus beherrscht, Seneca schon aus den Geschäften verdrängt, auch die Riesenkapitalien ihm abgenommen, um das Geld für seine goldenen Palastbauten zu verschwenden, und stand fortan sprungbereit, seinen Lehrer umzubringen. Aber er wagte es nicht. Seneca war zu angesehen. Nero war zu feige. Das zog sich hin durch drei Jahre namenloser Erregung[356]. Aber Senecas Philosophie, sagen wir besser seine Natur, bewährte sich. Seine Seelenruhe ist bewundernswert. Denn obschon er jetzt, beständig bedroht, wie auf einem Vulkan lebte, fand der Rastlose in dieser Zeit trotzdem die Ruhe, nicht nur ein vollständiges System der Moralphilosophie, das uns verloren ist, sondern daneben sein großes naturforschendes Werk (wir könnten es den „Kosmos“ der römischen Literatur nennen), eine Arbeit wirklich wissenschaftlicher Haltung, vor allem aber seine 124 Moralbriefe zu schreiben, die uns sein Innerstes erschließen und der gedankenreichste, unvergänglichste Nachlaß seiner Feder sind. Er wußte, was ihm bevorstand. In seinem 26. Briefe steht: „Ob ich tapfer bin, werde ich in meiner Todesstunde zeigen.“ Er hat das durch den qualvollsten Tod bewahrheitet. Sein gräßliches Martyrium war vernichtend für Nero, für ihn selbst war es Verklärung. Die antiken Martyrologien erzählten davon[357]; seine „letzten Worte“ wurden lange Zeit aufbewahrt[358].
[Randnotiz: Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild.]
Sein Werk aber blieb unverloren. Schon Nero nannte es mit seinem unreinen Munde ein Werk für die Ewigkeit, ~munera aeterna~[359]. Der beste aller Kaiser Roms war Trajan, auch er ein Spanier wie Seneca; Trajan aber hat ausdrücklich an Seneca angeknüpft mit der Äußerung, die Leistungen aller anderen Kaiser stünden hinter Senecas Verwaltung zurück[360]. Gleichzeitig tönt uns aus Juvenal die Stimme des Volkes entgegen: „Hätte das Volk damals zu wählen gehabt, es hätte Seneca zum Kaiser gewählt“[361]. So führt die Höhenlinie der großen römischen Kaisergeschichte von Augustus über Seneca zu Trajan und zu Mark Aurel.
Auch der Kaiser Mark Aurel war Spanier, und in Mark Aurel hat sich nun das Ideal ganz verwirklicht: der Philosoph und Menschenfreund hatte endlich den Thron selbst bestiegen. Schon vorher aber war Kaiser Titus, „die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts“, wie wir mit Zuversicht ansetzen, durch mittelbare oder unmittelbare Beeinflussung Senecas zu dem Musterkaiser geworden, wie Sueton ihn schildert[362].
Dann zerfiel das römische Reich. Aber das Erbe der Humanität Senecas lebte unverloren weiter. Denn eben diese Humanität ist es, die dem klassischen römischen Rechte der späteren Kaiserzeit zugrunde liegt und in ihm praktisch wurde; sie fand aber zum Teil auch Eingang in die Pflichtenlehre der christlichen Kirchenväter und hat so hineingewirkt bis in unsere neueste Zeit. Die Kirchenväter hielten seit dem 5. Jahrhundert Seneca sogar fälschlich für einen Christen; hätten sie es nicht getan, seine Schriften wären uns mutmaßlich gar nicht erhalten worden.
Jetzt ist jeder, der das Liebesevangelium des Christentums würdigen will, verpflichtet, Senecas Schriften zu kennen.
Wir aber halten daran fest, daß Seneca ein Mensch aus einem Guß war, kein Heros, aber doch ein Mann der Aktion großen Stils[363] und ein seltener Mann: der im Ewigen zu leben versucht, aber sich weltbestimmend mitten in die Endlichkeit stellt. Wir halten ebenso daran fest, daß seine wichtigsten Schriften keine Schulabhandlungen oder gar müßige Stilübungen, wie viele zu glauben scheinen, sondern daß sie von hervorragend praktischer Bedeutung und das wichtigste Hilfsmittel des Staatsmannes waren, der da einsah, daß ohne sittliche Hebung, ohne Brechung des Egoismus, ohne Erweckung der sozialen Impulse, ohne eine neue Ära des Menschentums die Gesellschaft nicht zu retten war.
Auch darin aber stand er ganz auf dem Standpunkt seines Vorbildes, des Kaisers Augustus.
Augustus gab seine berühmte Ehegesetzgebung; in gleichem Interesse schrieb Seneca seine inhaltreiche Schrift „über die Ehe“. Wer will hier noch den Zusammenhang verkennen[364]? Aber auch sonst hatte Augustus das Volk, insbesondere die höheren Stände, durch Verbreitung moralischer Schriften sanieren wollen. Da der Kaiser sie aber nicht selbst verfassen konnte, so hob er, wie Sueton erzählt, aus der besten Literatur der Vergangenheit persönlich viele wertvolle Stellen aus und verbreitete sie durch Vorlesung und durch Abschriften mit Hochdruck. Es war ihm bitter ernst damit[365]. Erst durch diese Parallele wird Senecas Schriftstellerei ganz verständlich. Auch sie war in ihren wichtigsten Teilen ein Produkt der ~actio~, nicht der ~contemplatio~. Seine Schriften sind Regierungshandlungen, Erzeugnisse der Staatsfürsorge, die aber aus einem warmen, ja, weichen Herzen kommen, mit dem apostolischen Aufruf an jeden Einzelnen: Laß dich überzeugen! Der Guten sind zu wenige[366]. Werde gut, lerne Menschenliebe, lebe dem Staat und stütze das Ganze. Denn die menschliche Gesellschaft ist wie ein schwebendes Tonnengewölbe. Ein Stein muß dem anderen Halt geben, ein gegenseitiges Tragen: sonst bricht das Ganze zusammen[367].
An die Spitze aber stellte er das alte Gebot, das ~vetus praeceptum~, das jeder Frömmste auch heute von ihm annehmen kann: Folge Gott! ~deum sequere~[368].
Nur in einem ist Seneca bewußt und geradezu umstürzlerisch über sein Vorbild Augustus hinausgegangen: in seiner Polemik gegen den Aberglauben -- ~de superstitione~ --, in der er weitausholend und in schneidendem Tone die Äußerlichkeiten im Ritus der herkömmlichen Gottesdienste sowohl der römischen Staatsreligion wie beiläufig auch der jüdischen bekämpft hat[369] von dem Grundsatz aus, daß der Mensch mit Gott überhaupt nur innerlich verkehren kann und der Ritus der äußerlichen Gebärden eine Torheit ist[370]. Auch über das Begräbniswesen hat er sich auf das freieste geäußert[371]. Hier steht Seneca als fortschrittlicher Theologe vor uns, der, wo immer er den Volksvorstellungen nicht nachgeben zu müssen glaubte, aus Trieb mehr noch als aus dogmatischen Gründen im Monotheismus lebte. „Gott hat so viele Namen wie Gaben,“ sagt er[372], d. h. der Polytheismus ist nur eine Vielnamigkeit Gottes. Es ist klar, daß er mit jenen Ausführungen damals in vielen Herzen dem Christentum freie Bahn geschafft haben muß; jedenfalls hat er dem Christentum gegen die heidnischen Kulte die schärfste Waffe geliefert, bis die Kirche selbst dem Ritus der äußerlichen Gebärden verfiel.
Man möchte wissen, ob er auch diese destruktive Schrift in der Zeit seiner Reichsverwaltung geschrieben hat[373]?
Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi.
Im Lager der römischen Truppen sitzt Pilatus, der Landpfleger, im Gebäude des Prätorium zu Gericht über Christus, der sich den König der Juden genannt hat. Christus ist zum Tode verurteilt. Während er hinausgeführt wird und durch das Lager schreitet, fallen die Soldaten über ihn her und treiben grausame Späße mit ihm: sie krönen ihn, geben ihm Krönungsmantel und Zepter; die Krone machen sie aus Dorngestrüpp; der Mantel ist wirklicher Purpur (πορφυρᾶ), das Zepter ein Rohr (κάλαμος). Dies tun sie, wie wir betonen, weil Christus sich selbst König genannt hat.
Wir nehmen an, daß dies tatsächlich so vorgefallen. Denn der Vorgang hat nichts innerlich Unglaubwürdiges. Es ist aber die Frage, ob die Legionäre ganz aus freien Stücken auf diese grausam theatralische Art der Verhöhnung, die der Hinrichtung voraufging, verfielen oder ob gewisse verbreitete Anschauungen ihnen dazu die Anregung gaben. Waren sie nun aus Gallien, Spanien, Germanien oder einem anderen Teil des Reichs dorthin versetzt, ohne Zweifel standen sie doch unter dem Einfluß griechisch-römischer Tradition und Lebensweise. Es ist in diesem Sinne von verschiedenen Gelehrten verschiedenes kombiniert worden, Glaubliches und Unglaubliches[374]. Das vollkommen Zutreffende scheint mir noch nicht gesagt zu sein.
Mancher wird wohl mit Scheu Teile der Passionsgeschichte, die der Gegenstand seiner andächtigen Versenkung sind, in Beziehung gebracht sehen zu sehr trivialen Verhältnissen des damaligen Lebens. Aber Christi Leidensgeschichte ist doch in die Gesamtgeschichte der Menschheit fest eingewebt, und so ist es ein begreifliches Verlangen, wenn wir die unscheinbaren Fäden zu verfolgen suchen, durch die sie mit ihrer nächsten Umgebung, mit dem Leben der profanen Wirklichkeit zusammenhängt. Sie selbst wird dadurch an Glaublichkeit nur gewinnen.
[Randnotiz: Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalien.]
Auf der Suche nach Analogien ist man freilich bis zu den Skythen gelangt. Die Saker (Σάκαι) waren ein Skythenvolk nördlich von Persien. In Babylonien und bei den Persern feierte man ein nach ihnen benanntes Fest, die Sakäen (Σάκαια), von dem die Griechen wiederholt berichten. Der Redner Dio von Prusa weiß darüber mehr als andere und gibt seinem Publikum den sensationellen Bericht zum besten: Um das Fest dem Ritus gemäß zu begehen, hatte man einen zum Tode verurteilten Verbrecher nötig. Der Verbrecher wird auf den Thron des Königs gesetzt, wird mit dem Königsornat bekleidet und man läßt ihn üppig leben, auch den Kebsweibern des Königs beiwohnen; dann aber wird er entkleidet, wird gepeitscht und verbrannt. Es ist das Prinzip der Henkersmahlzeit vor der Exekution. Wer kann darin aber im Ernste eine Übereinstimmung mit der evangelischen Erzählung finden? Und was haben die Gewohnheiten der Römer und Griechen mit den Sakäen zu tun? Vor allem aber besteht der unabweisliche Verdacht, daß der Redner Dio hier phantasiert oder nur eine Fabelei anderer zum besten gibt. Dies haben schon andere[375] mit Recht gesagt. Denn die ältesten, zuverlässigsten Nachrichten über die Sakäen wissen von Menschenopfern an diesem bacchantischen Feste nichts.
Im Altertum war das Königwerden die Traumsehnsucht des Armen. Das ist Märchenton. „Ich werde König heißen,“ so träumt der darbende Fischer Gripus beim Plautus, als er einen Goldfund in seinem Netz hat; „ich will Bürger Athens, nein, ich will Archont, nein, ich will König werden!“ so träumt auch der gedrückte Sklave bei dem Popularphilosophen Teles[376]. Mit Rührung wird uns darum erzählt, wie Alexander der Große einmal einen Veteranen seines Heeres im Schnee liegen und verschmachten sieht und wie er ihn großmütig auf seinen Thron setzt, um ihn zu retten[377]. Noch beweglicher die Geschichte von dem Kyprier Alynomos, der vornehm, doch ganz verarmt, einsam in einem Garten lebt. Da wird das Königtum in Paphos erledigt. Alexander der Große läßt nach Alynomos suchen. Das Männlein begoß eben ein Beet mit Wasser und erschrak heftig, als des Königs Gesandte ihn fanden. Im schlichten Kittel wird er vor Alexander geführt. Der kleidete ihn allsogleich in Purpur und machte ihn zum König von Paphos. „So macht das Glück Könige,“ ruft Plutarch aus, der uns dies erzählt; „nur der Anzug wird gewechselt, und man hofft und gewärtigt es selber nicht.“
Nur der Anzug wird gewechselt! Verkleidung! Maskerade! Es wäre begreiflich, wenn auch das Volkstheater damals gelegentlich derartige Traumkönige auf die Bühne gebracht hätte.
Lassen wir uns darum zunächst an die Saturnalien Roms erinnern, denen ein griechisches Kronosfest (Κρόνια) entsprach; es ist ein Umweg, den wir gehen, aber er wird sich als nicht zwecklos erweisen. In diesem glückseligen Karneval der alten Saturnalien, dem großen Schenkfest des Dezember, an dem alljährlich sieben Tage lang die Sklaven als Freie und die Armen als Reiche galten, gab es auch einen Narrenkönig, der durchs Los gewählt wurde[378].
Lucian ist uns dafür Hauptzeuge, und er redet von einem zweifachen Königtum. Erstlich war es der Gott Saturn (Kronos), der beim Fest selbst auftrat und von jemandem aus der Gesellschaft dargestellt wurde, und zwar nicht etwa als grämlicher Greis, sondern munter und kräftig, und, was das wichtigste, im Königsornat[379]. Es ist ja auch kein Zweifel, daß der Kronos-Saturn, mit dem der geistreiche Lucian in dem Schriftenkomplex Nr. 70 sich und seine Leser unterhält, nicht der Gott selbst, sondern des Gottes Maske ist, d. h. der von einem Menschen im Mummenschanz dargestellte Festkönig Kronos, der, wenn er den Traurigen fröhlich machen will, ihm nicht etwa, wie sonst die Götter, im Traum erscheint, sondern ihn leibhaftig von hinten am Ohr faßt und ihn gehörig schüttelt, mit dem sich also auch bequem die allerlustigsten Gespräche führen lassen und der da auch Briefe erhält und schreibt (der erste dieser Briefe ist von „Ich“ an den Kronos gerichtet). Was Lucian da gibt, ist nichts anderes als eine Karnevalszeitung, in der Prinz Karneval-Kronos die Hauptperson ausmacht. Desselben Majestät erläßt denn daselbst auch Gesetze für das Fest, die die Reichen sich in ihren Atrien auf einer Säule aufstellen sollen; dazu die arge Drohung: Wer die Gesetze übertritt, den wird dieser König zum Kybelepriester und Eunuchen machen[380].
In allen Städten, ob groß ob klein, auch in den Feldlagern und Kasernen war so alljährlich König Kronos zu sehen. Zu seinen Aufgaben aber gehörte nicht nur, daß er selbst allen voran sich betrank, würfelte und liebte, sodann auch dies, daß er wieder Festkönige schuf, die ihm irgendwie unterstellt waren (ἄρχοντας καθιστάναι 70 1, 2). Beim Wettrinken und Würfeln, heißt es, verleiht er den Sieg und macht, daß der, der ihn darum recht bittet, König wird[381], so daß der so zum Herrscher Erhobene allen alles befehlen kann, dem einen, daß er einen satyresken Tanz zum besten gibt, dem anderen, daß er selbst sich als niederträchtig und gemein beschimpfe, dem dritten, daß er mit der Musikantin auf dem Arm dreimal ums Haus renne u. a. m. Leider, sagt Kronos, ist dies Königtum, das ich verleihe, nur kurz; aber das meine währt ja nicht länger[382].
[Randnotiz: Der Saturnalienkönig als Tölpel.]
Man kann indes annehmen, daß die von Kronos, d. h. die durch das Los kreierten Festkönige und der König Kronos selbst gewiß häufig in einer Person zusammenfielen[383]. Wie dem auch sei, jedenfalls sah sich auf diese Weise so mancher arme Schelm aus der Masse des Volkes oftmals in lustiger Verkleidung zum König erhoben, bis dann mit dem Fest auch sein Glanz erlosch. Das war also gleichsam ein Theaterspiel, in dem das schmausende und zechende Publikum selbst die Rollen übernahm, ein Mummenschanz, in dem der erste beste, er sei noch so kläglich, als König und Hauptperson Gegenstand parodischer Huldigungen und durchgängig sehr harmloser Späße wurde[384].
Endlich aber beachte man nun noch, daß von Seneca, wie es scheint, mit solcher Narrenkönigsrolle die Regierung des Kaisers Claudius verglichen worden ist. Seneca sagt, daß dieser Claudius sich Zeit seines Lebens wie ein „~Saturnalicius princeps~“ benahm[385]. Damit kann freilich auch nur gesagt sein, daß Claudius ein Kaiser (~princeps~) war, der die Saturnalien liebte. Aber es ist gewiß echter, weil pointierter, wenn wir verstehen: er benahm sich stets wie ein Saturnalienkönig[386]. Das will besagen: seine Diener und Freigelassenen spielten dem Kaiser auf der Nase herum, und über der unermeßlichen Vergnügtheit vergaß er alle Pflichten. Ist dies aber zutreffend, so ist auch der Charakter der Rolle des Saturnalienkönigs noch weiter klargestellt: wir stellen fest, daß für ihn der Charakter des Tölpels oder des „Stupidus“ -- denn dies war Claudius -- wesentlich war.
Allein diese gutmütigen und platten Späße nützen uns anscheinend in unserer Sache nichts. Jede Analogie zur Verhöhnung Christi fehlt. Es fehlt auch jede körperliche Mißhandlung. Es handelte sich ja bei dem Fest auch nicht um einen zum Tode verurteilten Verbrecher; und der Saturnalienkönig nannte sich denn doch mit Recht Saturnalienkönig, Christus nannte sich nach Ansicht seiner Peiniger mit Unrecht König der Juden.
Jedenfalls aber ist als unglaubwürdig und schwindelhaft beiseite zu lassen[387], was uns um das Jahr 300 n. Chr. einmal in den Akten des Hl. Dasius zur Sache gesagt wird. Um nämlich das Heidentum in Verruf zu bringen, ersannen die christlichen Martyrienerzähler damals Schreckensmären von Menschenopfern: wenn die Soldaten im Heerlager das Fest begingen, habe sich der Saturnalienkönig, nachdem er an allen Freuden des Lebens einige Tage lang sich gütlich getan, den Göttern schlachten lassen müssen. So wird der Hergang auf einmal ähnlich dem am Sakäenfest, von dem Dio fabelt. Davon weiß aber das Altertum tatsächlich nichts. Es ist tendenziöse Erfindung.