Part 16
Diese Lehre gehört dem Seneca ganz persönlich; sie ist ganz individuell gefärbt[276]. Gleichwohl waren die Grundgedanken nicht neu. Man predigte sie schon seit 300 Jahren von allen Dächern. Aber alle außer Seneca sprachen griechisch. Das taten hernach ja auch die Verkünder Christi. Seneca war der einzige, der diese Gedankenwelt lateinisch faßte, und schon das war eine Großtat, ein Ereignis für Westeuropa. Denn alle anderen wandten sich an die niedrigen Volksschichten, die in weitester Ausdehnung auch in Italien, in Südfrankreich und anderen Provinzen griechisch durchsetzt waren; das Volk hatte also längst seine Lehrer und religiösen Erzieher. Seneca dagegen wollte die entscheidenden Instanzen der großen Welt, die römischen Herrenmenschen, die Söhne seiner Senatoren und Ritter, die künftigen Provinzialverwalter des Weltreichs, er wollte den Kaiser selbst eingewöhnen in die Denkweise der Menschlichkeit.
Und daher auch die glänzende Art seines Vortrags. Sie war bestimmt durch die Adresse. Sollte Seneca etwa im breiten Wortschwall Ciceros sich ergehen? Er wollte keine Wassersuppe geben. Oder hätte er versuchen sollen den naiven Volkston anzuschlagen, wie ihn später das christliche Evangelium braucht? Die Leute, an die er sich wandte, hätten ein Buch im Bibellatein damals nicht angesehen. Seneca mußte dem hochgeschraubten Kunstgefühl der vornehmen Welt Roms genügen, und es ist ihm gelungen. Durch seine Schreibweise selbst hat er sie herbeigelockt. Die Aufgabe war groß und neu, und er hat sie mit Geist und Würde und Feingefühl gelöst.
Der deutsche Gelehrte stellt sich[277], wenn er Senecas Stil beurteilt, planvoll auf den Standpunkt des geistig Armen, wenn er nicht überhaupt diesen Standpunkt inne hat, und schüttelt den Kopf voll Bedenken, weil der Mann, der da von Tugend redet, auch Geist hat. Die Franzosen wissen besser zu urteilen; denn ihnen ist jener Standpunkt fremd und sie wissen, daß Geist und Herz sich nicht ausschließen und daß auch ein wahrhaftiges und ein heißes Gefühl sich in scharfgeschliffenen Deduktionen und blitzenden Antithesen bewegen kann.
Gleichwohl wirken ethische Schriften leicht eintönig, auch wenn sie ein Seneca geschrieben. Und wer mag heute überhaupt über Tugend lesen? Heute interessiert nur die Literatur des Lasters und der Schwäche. Damals aber waren Senecas Sittlichkeitsstudien aktuell, kühn und ergreifend.
[Randnotiz: Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen.]
Denn nie stank die Sünde so zum Himmel wie damals in der Millionenstadt, in dem „Babel“ Rom. Wir reden wohlgemerkt nicht von der antiken Welt überhaupt, sondern nur von ihrer Hauptstadt[278]. Das zügellose Sichausleben war nie so zum Prinzip erhoben, das Laster nie so gesellschaftsfähig, so hoffähig, wie dort unter dem ersten Kaisertum. Die schauerliche Dekadenz des städtischen Adels: Vermögensunterschlagung, Völlerei, Feigheit, Blutschande, Verwandtenmord, Erpressung, Verworfenheit; die Bordellwirtschaft Messalinas im Kaiserpalast, Agrippinas gieriger Ämterschacher -- das war der freche Ruhm der Großen dieser Welt. Dazu auf dem Richtplatz die Leichenhaufen der Verurteilten; dazu gar die grotesken Volksbelustigungen, die Blutbäder der Gladiatoren in der Arena. Was war da noch der Mensch? Was war da noch Menschenwert?
Da läßt Seneca in die Paläste seine Schriften ausgehen, die den Wert der Einzelseele, des Individuums verkünden. Mit Verachtung wendet sich der reichste und mächtigste Mann Roms von den großen Sensationen der Arena ab[279]; aber er schilt nicht; er ermahnt und überredet.
Das Laster, sagt er, beherrscht uns alle; es ist eine ansteckende Krankheit. Aber wir wollen genesen. Woher die Heilung nehmen? Verachte alles Vergängliche; das gibt die Heilung; habe Ekel vor den Begierden; kämpfe mit deinem Fleisch. Aber stehe aufrecht und fürchte dich nicht[280].
Und freue dich des Leidens. Der gute Mensch wird nur stark durch Erschütterung (~marcet sine adversario virtus~). Der Steuermann bewährt sich erst im Sturm. Wir sollen den Sturm suchen[281]; wir sollen die Wunden suchen, wie ein Athlet[282]. Und wir sind zur Liebe da, nicht zum Hassen. Was soll der Zorn? Der dich beleidigte, der irrte nur. Also vergib ihm. Hilf deinem Nächsten und warte nicht auf Dank; denn auch die Gottheit fragt nicht nach Dank, wenn sie dir wohltut. Nur der lebt, der vielen nützt; wer träge zu Haus sitzt, sitzt in seinem eigenen Grabmal, und man müßte ihm auf seine Marmorschwelle schreiben: „Er ist vor seinem Tode gestorben“[283].
Weiter: sei menschlich und dankbar auch gegen den Sklaven; denn alle Menschen sind gleich vor Gott.
Der Körper aber ist nur eine Last, ein Gefängnis. Der Tod ist der Geburtstag des Ewigen (der ~natalis aeterni~). Sterben ist Gewinn. Halte dich reisefertig (~anima in expedito est habenda~). Wir fliegen zu unserem Ursprung zurück[284]. Aber der Tod genügt nicht; wir sollen auch unseren Tod noch wertvoll machen. Wir sollen haben, wofür wir sterben[285].
Solche Gedanken nehmen, wie in der christlichen Lehre, den breitesten Raum ein. „Ich liebe das Leben, weil ich sterben darf“[286]: das gibt den Grundton. Aber auch der freiwillige Tod Catos wird als Rettung aus der Not der Zeit, den Greueln der Tyrannei, gebilligt. Und so ist Seneca endlich auch ein Seelsorger und Tröster der Trauernden. Auch wer untröstlich am Grabe seines Kindes steht, findet bei ihm ein helfendes Wort: „Kein Leben ist zu kurz, wenn es gut war“[287]. Von den sinnlichen Freuden des Paradieses aber weiß er nichts. Im Jenseits sind alle Herzen offen und durchsichtig: das ist das Schönste, was Seneca vom seligen Leben zu verkünden weiß[288].
So überschwenglich reich diese Diatriben Senecas sind -- reich auch an frischen, echt volkstümlichen Wendungen im Stile Bions und unmittelbar anschaulichen Bildern aus dem Leben, -- so sehr enttäuschen seine Tragödien. Aber auch bei ihnen muß ich verweilen. Denn an solchem Manne ist nichts unbedeutend. Wo ist der Staatsmann, der Richelieu oder Bismarck, der neben seinem großen politischen Wirken noch eine neue Ethik und noch Tragödien bleibenden Wertes schrieb?
Der Stimmungsbereich ist in Senecas Dichtungen freilich eng. Er greift immer nur nach dem Gräßlichen, Entsetzlichen. Eine Iphigenie, Antigone, ein Philoktet liegt ihm nicht. Und der Grund dafür ist durchsichtig. Die blutrünstigen Laster seiner eigenen Zeit sind es, die Seneca in ihren tragischen Konsequenzen zeigen will: ~frenare nescit iras~[289]! Brudermord, Familienschande, kannibalische Rachsucht bis zum Äußersten. Es sind Abschreckungsbilder, die er gibt, und sie dienen der Moral. Mitten in die furchtbaren Tiraden seiner Helden aber drängt sich das Chorlied, das da die Armut der kleinen Leute, den ländlichen Frieden, das Hirtenleben sehnsüchtig preist[290]. Niemand scheint bemerkt zu haben, daß Seneca selbst uns in der Schrift ~De ira~ (II, 5) den deutlichen Hinweis gibt, was die Tragödie für ihn bedeutet. Denn als Beispiel für die üble Wirkung des Zornes führt er dort den „Aiax“ des Sophokles an. Ganz ebenso sind seine eigenen Tragödien groß angelegte Belegstücke für seine Theorie von der Verderblichkeit der Leidenschaft. Die Überspannung bis zum äußersten, die uns in ihrem Ton belästigt, da sie sich nirgends genug tun kann, lag im Zweck des Dichters.
[Randnotiz: Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare.]
Es gilt dabei zu wissen, obgleich dies meistens verkannt wird, daß diese Stücke nur Lesedramen, daß sie nie zur Aufführung bestimmt gewesen sind. Daher eben sind sie uns allein erhalten. Sie verdrängten alle Spieldramen der Früheren, eines Pomponius und Accius, durch ihre Lesbarkeit. Es war bequeme Buchlektüre.
Woraus läßt sich das entnehmen? Aus ihrer Unaufführbarkeit. Ich rede hier nicht vom Ortswechsel, den der Dichter zuläßt, nicht von den eingelegten, oft schier meilenlangen Gesängen, die kein Chor wirklich absingen konnte; auch nicht von den Helden selbst, die sich nicht entwickeln, sich nicht wechselweise beeinflussen, sondern zumeist nur Abhandlungen oder Sinnsprüche reden über Liebe und Haß, Wut und Neid, an denen jeder Schauspieler hätte verzweifeln müssen. Es sei vor allem auf eines hingewiesen:
Shakespeare läßt seinen Julius Caesar auf offener Bühne erstechen, und das ist sein Haupteffekt. Bei Sophokles dagegen wird der böse Aegisth sorglich hinter die Kulisse geschafft, um da durch des Orest Schwert zu fallen. Das ist der tiefstgreifende Unterschied zwischen antiker und moderner Tragödie. Die antike vermeidet solche sinnfälligen Effekte ganz. Das ist, was sie so vornehm erscheinen läßt: keine Tötung, kein Handgemenge. Seneca aber steht auf dem Boden des Shakespeare, nicht des Sophokles: das ist das kunstgeschichtlich Merkwürdige; er bricht mit der antiken Tradition und nimmt vollkommen das Moderne vorweg.
Es ist klar, daß die Gepflogenheit des Altertums durch das Kostüm bedingt war. Der Schauspieler der Kaiserzeit ging auf dem Kothurn; er balancierte auf einer hohen hölzernen Stelze. Bei jeder lebhafteren Bewegung fiel er um, das lange Schleppkleid schlug in die Höhe, die Stelzen starrten in die Luft, und das Publikum brach in furchtbares Gelächter aus[291]. Nicht einmal ein Trinken und Essen konnte vorgeführt werden; denn die mächtige Gesichtsmaske hinderte.
Seneca nahm auf diese Schwierigkeiten gar keine Rücksicht. Vor unseren Augen erschießt Herkules mit dem Bogen seine fliehenden Kinder, und die Leichen werden vor unseren Augen untersucht; sie haben den Pfeil im Nacken. Vor unseren Augen steigt Medea aufs Dach und ersticht da höhnend ihren kleinen Sohn, während Jason von unten zusieht und jammert. Hippolyts Leiche ist zerstückelt; vor unseren Augen werden Kopf, rechte und linke Hand und andere Gliedmaßen herbeigebracht und der Körper mühsam wieder zusammengelegt, damit Theseus seinen Sohn erkennt. Grauenvoller noch der Thyest, und dies ist vielleicht der Gipfel der Dichtkunst Senecas.
Atreus haßt seinen Bruder Thyest. Ein tödlicher Haß. Er lockt des Thyest drei Söhne an sich, schlachtet sie und setzt sie dem Bruder als Speise vor. Die Türen zu einem Innenraum werden geöffnet: drinnen liegt Thyest kauend und schon satt am Tisch auf dem Polster und zecht und singt berauscht noch ein Lied. Plötzlich erfaßt ihn Schwermut; er muß weinen; er ruft in Sehnsucht nach seinen Kindern. Da tritt triumphierend Atreus herzu und sagt ihm in zweideutigen Worten: daß er sie schon hat, daß er sie schon umfängt. Er selbst ist seiner Kinder Grab. Inzwischen hat die Sonne, hat das Weltall sich vor Entsetzen verdunkelt. Das letzte Drittel des Stückes spielt in völliger Nacht; nur der Eßsaal ist künstlich erleuchtet. Kein antikes Theater konnte das vorführen[292].
Die Schrecknisse der Shakespeareschen Kunst, die Erdrosselung Desdemonas im Othello, die Blendung des Gloster im Lear, sind also in den Lesedramen Senecas vorweggenommen. Es ist sicher, daß Shakespeare in dieser seiner nervenerschütternden Praxis nicht etwa durch unseren Seneca selbst beeinflußt war; denn auch die Passionsspiele und Moralitäten des Mittelalters hatten es ja nicht anders gemacht; man denke an Christi Geißelung und Kreuzigung, die man in allen Kirchen leibhaftig vorführte. Aus Gideons Kampf mit den Philistern wurde damals im „Prophetenspiel“ wirklich eine Schlacht, so daß die Zuschauer selbst die Angst ergriff[293]. Gleichwohl haben Senecas Dramen, seitdem sie wieder bekannt wurden[294], für dies grob drastische Verfahren eine nachträgliche klassische Sanktion gegeben.
[Randnotiz: Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung.]
Am denkwürdigsten aber ist Senecas Herkules Oetaeus[295], und jeder Theologe und Evangelienforscher sollte dies Stück, den Herkules auf dem Oeta, einmal lesen, so peinigend auch das enorme Pathos ist, das ihn erfüllt. Denn da erhebt sich die stoische Religion dazu, einen Gottessohn darzustellen, der auf Erden erschienen ist, um zum Gottvater erhöht zu werden: eine Konkurrenzdarstellung zu den Evangelien, aber schon um das Jahr 55, vor dem Ur-Matthäus und Marcus geschrieben. Herkules wird nicht gekreuzigt, aber unter Höllenqualen vergiftet und durch den Feuertod erlöst. Die Mutter aber, die ihn vom höchsten Gott empfangen und geboren, Alkmene, steht vor ihrem sterbenden Sohn und erlebt die Passion mit durchbohrtem Herzen und ringt nach Fassung, um der Welt zu zeigen, wie eine Mutter um ihren Sohn trauern muß[296].
Dieser Herkules, mit seinem Flammentode, war ein altes Ideal der Stoa[297], und er hat dem Christusdienst auch sonst Konkurrenz gemacht; dies dürfen wir folgern aus jener Erzählung vom Peregrinus Proteus (bei Lucian), der erst Christ ist, dann aber sich zur Herkulesreligion bekehrt, vor dem Volke einen Scheiterhaufen errichtet und den Tod des Gottessohnes Herakles auf sich nimmt.
Alles dies beweist genug. Es ist unglaublich, daß einsichtige Philologen verkannt haben, wie eng verknüpft Senecas Tragödien mit seinem Gesamtwirken gewesen sind.
Nun aber sein Leben selbst. Es fragt sich: was hat der Mann mit seinen Lehrschriften gewollt? Wann und zu welchem Zweck hat er sie geschrieben?
Seneca war Spanier von Herkunft, ein Sohn Cordobas, ein Kind des Sonnenlandes Andalusien. Der Spanier galt als brav und bedürfnislos; er galt als heroisch, wenn man ihn marterte[298]. So ist uns Senecas Vater als ehrenfester Mann bekannt. Der Sohn dachte gar nicht daran, Berufsphilosoph, Kathederphilosoph, wie er es selbst nennt: ~philosophus cathedrarius~[299] zu werden. Er nahm die stoische Lehre nur früh in seine Gesinnung auf; sie stärkte ihn bei schweren Krankheitsfällen[300]. Der griechische Weise Demetrius, der als Bettler (~seminudus~) in Rom einherging, war ihm ein lieber Verkehr, er verehrte ihn zeitlebens schwärmerisch und hielt ihm die Treue. Seneca aber wollte von vornherein etwas ganz anderes als dieser: er wollte ein tätiger Staatsbürger, ein Mann der Tat und nicht der Betrachtung, ein Mann der ~actio~, nicht der ~contemplatio~ sein. Das sagt er uns ausdrücklich: sein Leben war ein Geschäftsleben ohne Ferien[301]. Als junger Mann schon wurde er Senator[302] und zugleich der erfolgreichste Sachwalter in den gewaltigen Prozessen jener Zeit, die vor Kaiser und Senat geführt wurden. Das Leben des Senators aber war das angespannteste: das müßige Volk lief in die Bäder; die Senatssitzungen währten vom Morgen bis in die Nacht.
Der Kaiser Caligula aber war über die Erfolge dieses ernsthaften Menschen wütend und zwang ihn, die Sachwaltertätigkeit aufzugeben. Da beschränkte sich Seneca auf das, was er nennt: ~tacita advocatione cives iuvare~, „mit stummer Advokatur den Mitbürgern zu helfen“[303]; er stellte sich als Ratgeber zur Verfügung, ohne als Redner zu wirken[304]. Und in dieser Stellung und nicht durch seine Schriften gewann er schon damals große Kreise von dankbaren Anhängern; denn als die Kaiserin Messalina ihn im Jahre 41 nach Corsica verbannt -- Seneca war den nichtsnutzigen herrschenden Hofkreisen unbequem --, da wird bemerkt, daß das ein Schlag gegen die öffentliche Meinung der Hauptstadt war.
Man brachte gegen ihn das Unbewiesene vor, daß er Liebhaber der verführerischen Prinzessin Julia Livilla, der Schwester Agrippinas, war. Beide Schwestern, Livilla und Agrippina, waren der Messalina verhaßt. Diese wilden weiblichen Katzen verbissen sich ineinander, bis Livilla sich verblutete.
Sicher ist, daß Seneca mit Livilla und Agrippina irgendwie liiert war[305] und daß Messalina in ihrem schamlosen Treiben sich vor Seneca fürchtete oder durch ihn behindert fühlte. Denn so lange sie lebte, duldete sie seine Rückkunft aus Corsica nicht. Kaum aber ist sie tot, da wird er von Agrippina nach Rom berufen und beherrscht auf einmal die Lage der Dinge, den Senat, den Hof.
[Randnotiz: Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn.]
Seneca wurde der Lehrer Neros. Ob Nero oder nicht vielmehr der junge Prinz Britannicus Kaiser werden würde, war noch unentschieden, und so ist es von Interesse zu erinnern, daß auch dieser Britannicus damals seinen Erzieher hatte, den Sosibios, der vom Kaiser Claudius einmal eine Million geschenkt erhielt, weil er sich auch als Berater des Hofes bewährte[306]. Auf diesem Wege ist auch Seneca ein +Berater+ des Hofes geworden. Sein Lehrauftrag betraf nur die Redekunst; wir wissen aber, daß solche Rhetoriklehrer in den vornehmen Familien den ersten Zweck hatten, für die sittliche Haltung ihres Zöglings zu sorgen[307]. Dadurch gewannen sie oft genug maßgebenden Einfluß im Hause.
Aber er war noch immer kein „Philosoph“. Die einzige bemerkenswerte ethische Lehrschrift, die Seneca bisher verfaßt, war die gegen den Zorn[308]. In den acht Jahren auf Corsica hatte er Muße genug, hat aber allem Anschein nach nicht daran gedacht, diese Schriftstellerei da fortzusetzen. Er war zeitlebens Mann des Geschäftsfleißes, der ~actio~, ein Organisator großen Stils. Daher war ihm das Exil so unerträglich. Er war lahmgesetzt[309]. In der Zurückgezogenheit wird solche Natur unproduktiv und versinkt in pflanzenhafte Stille. Nur im Getriebe des großen Lebens, durch tägliche Reibung, entzünden sich ihre Fähigkeiten, steigert sich ihr Können und Wollen, und sie wächst mit ihren Zwecken ins Große.
Wie mit dem Cyniker Demetrius, so war Seneca mit dem griechischen Gelehrten Polybius befreundet. Dieser augenscheinlich vortreffliche Mann war Freigelassener des Kaisers und hatte als solcher das Hofamt für Bittschriften zu verwalten. Als Polybius seinen Bruder verlor und schwer um ihn trauerte[310], richtete Seneca im ersten Jahre seiner Verbannung an ihn ein Trostschreiben; da war es naheliegend, ja selbstverständlich, daß er die Gelegenheit benutzte, um in derselben Schrift nun auch sein dringendes Verlangen nach Rückberufung aus dem Exil zu äußern; Polybius sollte dafür wirken. Diese Schrift war aber nicht etwa als Privatbrief abgefaßt; vielmehr veröffentlichte sie Seneca, legte sie also selbst dem großen Publikum der Hauptstadt vor; die Sache war für dies Publikum somit von Interesse, und sie war völlig ohne Anstoß; sonst hätte er dies nicht tun können, und es ist also ganz müßig, sie ihm heute als Fehlgriff oder gar als Selbstentwürdigung anzurechnen[311]. Zugleich preist er in dieser Schrift die guten Eigenschaften des Claudius in vollen Tönen -- solches Lob war damals nichts als eine andere Form der Ermahnung[312] --, während zum Lobe der Kaiserin Messalina kein Wort darin steht. Es folgt daraus aber, daß Seneca auf Claudius, der ohne Frage manche guten Eigenschaften besaß und der damals, im Jahre 43 auf 44, eben erst die Herrschaft begonnen hatte, tatsächlich noch große Hoffnungen gesetzt hat. Dieser Kaiser mit der schwachen Willenskraft bedurfte nur der Leitung, und dem moralischen Einfluß Senecas hatte er sich überdies schon zugänglich gezeigt; denn als in Rom Senecas Verdammungsschrift gegen den Zorn bekannt wurde, erließ Claudius sogleich naiv gutherzig ein Edikt, in dem er versprach, seine Neigung zum Jähzorn hinfort bemeistern zu wollen. Konnte Seneca zunächst mehr verlangen? Er durfte damals also erwarten, daß er den Kaiser auch weiterhin günstig würde beeinflussen können, falls er aus Corsica fort und wieder in Rom war.
Allein die Kaiserin stand dem Plan gehässig im Wege, und erst als Messalina starb, wurde sein Wunsch erfüllt.
In jener Mahnschrift über den Zorn hatte Seneca unter anderem auch über Knabenerziehung gehandelt, und diesen Ausführungen dankte er es ohne Zweifel, daß ihn Agrippina gleich nach seiner Rückkehr zum Erzieher ihres Sohnes Nero berief[313]. Überhaupt aber veröffentlichte er in der nämlichen Schrift sein Lebensprogramm und gleichsam seine Methode. Kein revolutionärer Sturm und Drang steckte in ihm, keine Gracchus-, keine Brutusnatur. Seine Tapferkeit war defensiv, nicht offensiv[314]. Inmitten der furchtbaren Brutalitäten will er nur andauernd und grundsätzlich die Milde und Ruhe wahren und die stoische Lehre, daß man nie Böses mit Bösem vergelten soll[315], wirklich wahrmachen. Mit Verachtung blickt er auf die Germanen; denn die Germanen sind ein Volk des Jähzorns, ein Volk der Rache. Bessern, nicht strafen soll man den Gegner -- auch das öffentliche Strafrecht wird von ihm auf diesen Satz gegründet[316] --, und ist der Kaiser selbst der Beleidiger, so soll man es mit Lächeln tragen[317]. Das mag uns fremd berühren und in seiner Durchführung als Schwäche erscheinen; wir dürfen aber nicht vergessen, daß es ein kranker Mann ist, der so denkt und schreibt. Hager und abgezehrt, ein Opfer der Neuralgie, vor allem zeitlebens von schwerem Herzleiden gepeinigt[318], war Seneca auf die frugalste Ernährung, auf die Verhütung aller jähen Erregungen angewiesen. Er kannte die Nähe des Todes und bewahrte eben darum eine gleichmäßige Heiterkeit[319].
[Randnotiz: Agrippina zurückgedrängt. Senecas Reichsverwaltung.]
Kaum tritt nun dieser schwächliche Mann in das Zentrum der Ereignisse, so muß er erleben, wie das Regiment gleich in seinen Fugen zusammenkracht. Es war das Jahr 54 n. Chr. Agrippina, die Kaiserin, vergiftet den Kaiser Claudius, ihren Gatten; sie läßt auch den Narciß umbringen, den gefürchteten Hausminister des Kaisers.
Agrippinas Sohn Nero ist unmündig; Agrippina will jetzt selbst Kaiser Roms sein; die starrsinnig übermütige Frau will ihr schmähliches Raubsystem, ihre Mißhandlung des Senats fortsetzen. Da erhebt sich Seneca. Mit zwei meisterhaften Schachzügen wirft er sie um, vernichtet er die Autorität der Kaiserin, indem er ihr gleich bei einer der ersten großen kaiserlichen Audienzen geschickt den Vorsitz entzieht[320] und durch seine geistsprühende Satire, die man Apokolokyntosis nennt, ihr politisches Ansehen vollständig zertrümmert[321], und regiert jetzt auf einmal selbst, gestützt auf Burrus, den Präfekten der Garnison, das Weltreich, die Welt von Armenien bis Spanien und England. Denn der junge Kaiser Nero, dieser Ästhet, diese schillernde Molluske, dieser knochenlose Polyp, war für ernste Dinge nicht zu haben. Seneca mußte sich mit dem Versuch begnügen, seine gefährlichen Triebe zu mäßigen, seinen Allmachtsrausch zu dämpfen. Nero war nur der Zeiger, nur das Schlagwerk an der Uhr, Seneca fortan die stille Feder im Uhrwerk, die niemand sah und deren stählerne Kraft alles bewegte. Als Schützer des Vaterlandes betrachtet er jetzt sich selbst[322]. Es waren nur etwa 7-8 Jahre: die vielbesungene goldene Zeit Roms.
Der junge Kaiser mußte Senecas ausführliches Regierungsprogramm im Senat wörtlich vorlesen. Und dies Programm wurde wirklich durchgeführt: Seneca kehrte zu den Grundsätzen des Idealkaisers Augustus zurück, desselben Augustus, dem er auch in seiner Claudiussatire voll Verehrung das entscheidende Wort erteilt[323]; der Senat ist nun wirklich wieder die selbständige gesetzgebende Körperschaft, der Kaiser nur der erste Bürger der Stadt, und kein Justizmord geschieht mehr[324], keine Staatsämter sind mehr käuflich; das scheußliche Denunziantentum, die Gesinnungsriecherei hört auf; das Gerichtsverfahren ist wieder das alte[325]. Man spricht wieder von der alten Freiheit; denn die Monarchie ist zur Freiheit kein Gegensatz[326].
Dazu kamen aber auch Reformen[327], eine Reform des Steuerwesens[328], vor allem die Zentralisierung der Reichsfinanz in der Hand des Kaisers, indem das Ärarium des Senats in den kaiserlichen Fiskus aufging. Das war Senecas nützlichstes Werk. Aber auch dem Gedeihen der Reichsprovinzen galt seine Fürsorge; er hält darauf, daß die Provinzen gegen die Statthalter in Rom unbehindert Klage erheben können[329].
Wie sehr Senecas Reformen ins Einzelne gingen, lernen wir jetzt aus den ägyptischen Papyri. Seneca hat gleich im Jahre 55 für Ägyptens Hauptstadt eine neue Gemeindeordnung[330] sowie für militärische Aushebungszwecke eine Neuordnung der Namenlisten der Dienstfähigen in Ägypten eingeführt[331]. Er war selber früher in Ägypten gewesen; daher das Interesse[332].