Part 15
So wie die Frau nachsinnend im Bilde steht, so stehen wir nachsinnend davor. Wohl hat es Reiz, die Szene rein symbolisch zu fassen; möge der Reiz uns nicht verführen. Die Beflügelung ist nicht durchgeführt; und wäre es wahr, daß, wer die Amorette kauft, sich damit im Symbol den Geliebten erwirbt oder einem bestimmten Liebeserlebnis hingibt, so wäre es höchst bedenklich, daß die Schöne sich so sichtlich nicht mit der einen begnügt! Wir würden ihr raten, doch lieber wenigstens für das nächste Halbjahr das zweite Amörchen sich aufzusparen. So lange hält die Flamme denn doch auch in einem südlichen Herzen vor.
Wir haben inzwischen von der Zutat des Flügels abzusehen gelernt. Die Möglichkeit, hier das Alltagsleben selber in poetischer Umgestaltung zu erkennen, steht uns auf alle Fälle offen, und so erklärt sich alles ohne Künstelei und ohne das Suchen und Versteckenspielen tiefsinniger Gedanken. Wir tun hier einen Einblick in den antiken +Kinderhandel+. Von ihm und seiner Anschauung kam dem ersten Erfinder die Anregung, von ihm gewiß ganz allein. Auf den großen Sklavenmärkten jener Zeiten muß der +Kleinkindermarkt+ eine ganz regelmäßige Abteilung gebildet haben. Wie oft wurde das Motiv von verkauften Kindern schon in der Komödie des vierten Jahrhunderts verwandt! Seit die ~deliciae~ Modeartikel wurden, war die Nachfrage um so größer. Die Kunst verschmähte es, diesen Handel selbst in seiner rohen Form zu vergegenwärtigen; sie fügte zunächst auch hier nur die Flügel hinzu und entrückte das Anstößige in den phantastisch lieblichen Bereich des Märchens. An Seeplätzen waren vorzüglich jene Märkte; daher heißt es in dem Gedichte des Meleager, das vom Verkauf des Eroskindes handelt: „Wenn ein Kaufmann, der gerade in See gehen will, es zu kaufen Lust hat, so trete er heran“[254]. So über See und durch solchen Kaufmann müssen damals notwendigerweise die alexandrinischen lebenden Putten nach Rom und an die sonstigen Plätze gekommen sein.
[Randnotiz: Lebende Spielkinder mit Flügeln ausgestattet. Rückblick.]
Ein alter Hausdiener hat hier nun etliche von ihnen auf dem Markt eingekauft -- ihn zeigt uns das Gemälde -- und bringt sie wie die Hühner oder Tauben im käfigartigen Behälter in das Haus seiner Herrin, einer vornehmen, solchem Luxus ergebenen Dame. Ein alter Zeuge sagt ausdrücklich, Frauen waren es besonders, die sich die nackten Delicien hielten[255]. Und es sind nun nicht einer, sondern gleich mehrere, denn an ihrer „Vielheit“ freuten sich die Frauen, nach demselben Zeugen. Den Vogelkäfig hat der Künstler sinnig verwandt, weil man ja die Kinder allgemein mit jungen Vögeln verglich; gröber freilich war es in der Komödie des Aristophanes zugegangen, wo der Einwohner Megaras sein Töchterlein nicht im Käfig, sondern als Schweinchen im Sack auf den athenischen Markt bringt, um sie an den „Liebhaber“ loszuschlagen. Weil aber endlich der Künstler die Kinder in Eroten verkleidete, so war es dichterisch folgerichtig und künstlerische Pflicht, wenigstens einen derselben auch schwebend zu zeigen: Flügelkinder, die sämtlich nicht fliegen, scheinen zwecklos erdacht, d. h. unkünstlerisch.
Der Dichter dieser Bilder übertrug also auch hier nur die Wirklichkeit in das Märchen. Er glaubt an sein Märchen, wie jeder gute Erzähler es muß, und wird die Figürchen auf Anfrage in der üblichen Weise einfach Eroten genannt haben, die Frau aber kann nichts anderes sein als eine Figur des wirklichen Lebens, weil ja auch der bärtige Diener dies ist. Sie ist eine Dame der großen Welt. Denn der Künstler wußte, daß die Schönen des eleganten Stils es liebten, sich selbst als Göttinnen und ebenso die Spielkinder in Amoretten zu verkleiden. Für diese Tatsache haben wir vier sprechende Belege: die Königin Kleopatra, von der im Vorausgehenden (S. 150) die Rede war, weiter die ~parvuli~, die bei Apulejus (~met.~ 10, 32) als Amoretten im Theater auftreten; sodann die Cynthia des Dichters Properz, die diese geschwätzigen Bübchen ebenso ausgestattet über die Straße schickt, um den säumigen Geliebten zu sich zu holen[256], und endlich die Lesbia bei Catull. Catull findet sich in stummer Nacht mit seiner Lesbia zusammen; um beide Liebenden aber läuft derweil, wie er es schildert, ein kleiner Kupido hin und her im krokusgelben Hemdchen, durch das der weiße Kinderkörper hindurchleuchtet[257]. Der Bub läuft auch hier, er fliegt nicht. Seine Lesbia nennt da der Dichter „Göttin“[258], den Buben nennt er „Kupido“; der Knabe aber war so wenig Kupido selbst, wie Lesbia wirklich Göttin war[259]. So kauft sich also auch auf dem Gemälde die schöne Frau, die das Diadem einer Göttin trägt, die Kinder, die sie hinfort als Amoretten umschwirren sollen, damit sie selbst der Venus selber gleiche[260].
Auf wie viele andere Bilder und Motive dieselbe Weise der Auslegung noch anzuwenden, in wie vielen Fällen die Annahme einer besonderen Liebessymbolik noch abzuweisen ist? Es ist unmöglich, dem nachzugehen und auf den weiten üppigen Beeten dieser Phantasien jede Blume zu bestimmen. Denn wie veredelte Gartenblumen verwildern und zur ersten Natur zurückkehren, je weiter sie wuchern, so ist es, als ob hier anfangs wenigere und noch deutlicher symbolische Motive angepflanzt worden seien, die dann, je massenhafter sie variiert wurden, je mehr und mehr ihre symbolisierende Füllung verloren und zur prototypen Einfachheit zurückkehrten. Doch sei in Kürze erinnert, daß die Amorette, die mit einsamen Frauen plaudert[261], deutlich Wiedergabe des Spielkindes ist, mit dem sich die Frauen zerstreuten; ebenso, wenn sie beim Putz behilflich ist[262], ebenso endlich sogar bei Liebesszenen selbst. Man denke nur an das Catullgedicht Nr. 56, wo Catull und Lesbia mit dem ~pupulus~ zu dreien sich vergnügen[263].
Wir haben zu zeigen versucht, wie die Vorstellung und Darstellung der Amoretten zustande kam. Ihre Verwertung als wirkliche Liebesgötter haben wir auf einen verhältnismäßig nicht allzu weiten Kreis eingeschränkt gefunden; dies blieb da zumeist ihre Rolle, wo sie mit Göttern und Heroen, mit erwachsenen Menschen und ihrem Schicksal und Leben in Verbindung gebracht sind. Und so gehören diese „Liebesgötter“ zum Inventar der Kunst bis heute.
[Randnotiz: Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als Gräberschmuck.]
Die breite Masse der Darstellungen der unter sich spielenden Amoren bedurfte dagegen einer besonderen Würdigung. Aus ihnen ist bei Späteren die Vorstellung der Kindergenien oder der Putten als symbolische Figuren abgeleitet. Rafael gibt sie, um an ein Beispiel zu erinnern, in den Stanzen des Vatikan seiner Figur der Poesie zu dienenden Begleitern und läßt sie die erklärende Aufschrift halten: „~numine afflatur~“. Dies gemahnt auffallend an die Gestalt der Redekunst mit den „Epainoi“ beim Lucian. Die sinnreiche Gegenwart steckt ihnen beliebige Embleme in die Hand, oder sie verwendet sie nicht einmal symbolisch, sondern nach Schablone als gefügige Lückenbüßer und Eckensteher, an Postgebäuden, an Öfen, auf Guldenscheinen, wo eben ein leerer Fleck nach winzigem Zierrat zu verlangen scheint. Aber schon das Altertum selbst ist in seiner Verfallszeit auch hierin vorangegangen. Auf schlechteren Sarkophagen, die in Masse erhalten sind, sehen wir ganz ebenso die Putten außerhalb der szenischen Komposition, die den Flächenschmuck ausmacht, Fruchtgirlanden haltend, Medaillon tragend, oder bloß hockend, stehend, an den Ecken, auf den Deckelkanten, das Mittelfeld durchschneidend, angebracht: ein abgegriffenes Motiv, halb sinnlos und zur Schablone geworden. Nicht einmal in der Entwertung der Flügelkinder zu Statisten der Kunst hat die Gegenwart also etwas Neues gebracht. Doch muß über die Putten als Gräberschmuck endlich noch ein weiteres Wort hinzugefügt werden.
Blicken wir zur Renaissance noch einmal hinüber.
Auch als +Engel+ erfüllten die Geschwader jener Amoretten den katholischen Himmel der Renaissancekunst; sie musizieren dort vor der Madonna des Vivarini; sie schwimmen im Gewölke zu Füßen der himmelerhobenen Maria (Ferrari); umgeben die heilige Familie Morettos (zu Berlin) und ungezählter anderer Meister. Täuschend ist die Erinnerung an die in Bäumen flatternden Eroten in Tizians Martyrium Petri oder späterhin in Trevisonis Ruhe auf der Flucht. Nicht selten genügen Köpfchen und Flügelchen und der Körper fehlt: so auf den glasierten Terrakotten Luca della Robbias. Auch diese Putten christlicher Seligkeit, diese „Gespielen“ des Jesusknaben, stammen nicht aus dem Alten und Neuen Bunde, sie stammen von den Marmorsärgen des Heidentums[264].
Diesem sogenannten Heidentum wohnte seit dem Untergang seiner Freiheit und Jugend, seitdem es hellenistisch, seitdem es sentimental, seitdem es modern geworden war, die weltflüchtige Sehnsucht inne nach Jenseits und nach Seligkeit. Die drei Jahrhunderte vor und die drei nach Christi Geburt zeigen das in großem Zug immer heftiger werdende Wettwerben der Weltreligionen in der Zusicherung eines beglückten ewigen Lebens. Seligkeit ist Unschuld; im Diesseits war beides nur im +Kinde+ zu finden. Jene ~deliciae~ waren doch nicht nur eine phantastisch üppige Verzierung des Lebens; wer sie kaufte, tat es doch nicht immer in herzloser Verachtung des ewigen Wertes des Individuums. Lasterhafter Mißbrauch der Einfalt kam vor; wer bezweifelt es? Aber es kann doch hier nicht in Betracht kommen. Schon alles Voraufgehende gibt Zeugnis und redet laut: der Zug der Zeit zum innigen Verweilen beim Kinde und zur liebreichen Idealisierung seines Treibens, er war zu groß, er ging zu sehr ins Breite, als daß er nicht auch Tiefe gehabt hätte. Der sittlich Verdorbene fand hier Unschuld, der Unwahrhaftige fand hier Wahrheit; er sah mit Staunen, wie ein Kind seine Affekte noch nicht verbergen, noch nicht fälschen kann. Wer ein Kind auflachen sieht in hellem goldigem Entzücken, der darf wohl heilig ergriffen sein von der Echtheit dieses Tones; hier ist nicht Metall und Schlacke; die ganze Seele ist ein flüssiges Gold, sie schwimmt noch in sich strahlend in ungeteiltem großem Gefühl; sie ist eine Glocke mit immer nur einem Ton; der aber ist tief und voll und rein und muß ihr Glockenmetall ganz durchbeben.
Wer wundert sich hiernach, daß Augustus den kleinen Urenkel, den er zärtlich liebte und sterben sah, als Amorette bei sich behielt und in seinem Gemach als Bild aufstellte? Das Kind war apotheosiert, verklärt, war nach christlicher Märchensprache zum Engel geworden. Auf dem Pariser Tiberius-Cameo ist das Flügelkind in der Apotheose ähnlich gedeutet worden. So verwendete man nun aber auch auf den Gräbern seiner Verstorbenen gern +Putten+ als +Gräberschmuck+, und ihre Gestalten häufen und drängen sich hier je mehr und mehr.
Besonders oft begegnet da zunächst die Einzelfigur des Flügelknäbleins, das müde hingesunken friedlich auf der Grabstätte schlummert, und zwar durchgängig mit Löwenfell und Keule, den Abzeichen des Herkules. Wie seltsam und doch wie fein erdacht ist auch diese Erfindung! Das Leben des Verstorbenen war wohl ein Herkulesleben, voll Dienst und Arbeit gewesen; jetzt schlummert er so in Frieden wie dieses Kind, und die Waffe darf rasten neben ihm. Aber Herkules errang sich mit ihr einst das himmlische unvergängliche Leben; darum sind hier diesem Herkuleskinde die Flügel gewachsen! Die Stoa redet hier wieder zu uns: die Freude am Kinde hatte sie empfohlen, und derselben Stoa Ideal war Herkules.
Zahllos endlich auf Sarkophagen, und nicht etwa nur auf Kindersarkophagen, im Relief die vielfigurigen Kinderszenen. Sie sind im Voraufgehenden schon vielfach von mir benutzt und zugrunde gelegt. Was sollten denn, fragen wir, auf der Marmorlade, die den Leichnam barg, jene Kinder, die da bald in sinnigen Spielen, das Leben nachbildend, sich ergehen, bald im Festrausch einherziehen oder Opferhandlungen verrichten, aber immer sorglos tändelnd und immer fröhlich sind? Sie umgaben den Toten mit dem, was man als das seligste Leben im Diesseits kannte und für das Jenseits erhoffte, und verhüllten dem Leidtragenden mit der unschuldigen Wonne dieser Seligkeit den herben Anblick des grabstummen Sarges. Es war Hoffnung, Verkündigung. Und zwar genügten hierzu oft die ungeflügelten Kinder; öfter aber brechen die Vogelschwingen hervor, und das Überirdische ihres Glückes, das doch erst jenseits des Todes zum zweiten Male volle Wirklichkeit werden kann, hat hiermit in ihnen Gestalt gewonnen. Die christliche Phantasie könnte diese Gebilde wohl fast mit gleichem Recht Engel nennen wie jene auf Rafaelischen und Tizianischen Entwürfen; im Wesen aber waren sie von den antiken Amoretten nicht verschieden gedacht.
Und so ergibt sich zwischen scheinbar Getrenntestem die schöne Ahnung eines Zusammenhanges. Die Kinder, die den Himmel des klassischen Altertums als Eroten bevölkerten, sind im Grunde wie eine Illustrierung des Satzes gewesen: „denn ihrer ist das Himmelreich,“ die in eben jenen Zeitläuften geschah, als dieser Satz von kundigstem Munde gesprochen wurde[265].
Seneca.
Jedes Ich ist ein Problem, und unsere Mitmenschen zu verstehen die wertvollste Aufgabe, die uns das Leben stellt. Daß wir dies lernen, darum ist unsere moderne Dichtkunst, die die Probleme sucht, unablässig bemüht. Aber auch der Mensch der Vergangenheit ist unser Mitmensch, und er ist erst recht Problem. Man versteht die Gegenwart, man versteht vor allem die Vergangenheit nicht, deren Geschenk die Gegenwart ist, wenn man die Persönlichkeiten, die großen Menschen selbst nicht begreift, deren Namen uns die Weltgeschichte zuwirft. Auch hat sich unsere fleißige Menschheitsforschung ihrer Pflicht stets erinnert, ihr hellstes Licht um die epochemachenden Geister der Vorzeit zu verbreiten. Aber einen Mann hat sie nahezu vergessen, und seine angemessene Würdigung vermisse ich da, wo ich sie suche; dies ist der „Philosoph“ Seneca, der Lehrer Kaiser Neros, der einzige große Vertreter der stoischen Religion in lateinischer Sprache. Einer der neuesten Darsteller der römischen Kaisergeschichte hat ihn einfach mit dem Ausdruck „der glatte Schwätzer Seneca“ abgetan. Wir werden sehen, wie durchdacht dieses Urteil ist.
Wer uns heute die Geschichte der schicksalsvollen römischen Kaiserzeit erzählt, steht immer noch zu sehr auf dem Standpunkt Suetons und gibt uns aufgereiht die Biographien der großmächtigen Kaiser selbst und ihrer Frauen. Wir hören da immer nur von den Titelhelden, von den Protagonisten im Drama. Seneca war nur Deuteragonist; er spielte keine Titelrolle; er wollte es nicht. Seneca hat keine Kriege geführt, er hat keine Justizmorde verübt, und wer prickelnde Personalien braucht, tut gut, über ihn zu schweigen. Und doch ist jeder kleinste Lebenszug, den wir von ihm erspähen, wie Goldglanz und tausendmal bedeutsamer als die rastlosen Albernheiten und hirnlosen Schandtaten eines Nero, mit denen man die Seiten füllt.
Darum habe ich in meinem Buch „Römische Charakterköpfe“ Seneca als eine Haupt- und Eckfigur der römischen Kaisergeschichte hochgestellt, noch stärker vielleicht die grundlegende Bedeutung seines Wirkens in dem Büchlein über römische Kulturgeschichte betont. Um so mehr drängt es mich zu dem Versuch, von ihm, wenn auch nur skizzenhaft, ein Sonderbild zu zeichnen.
Seneca, sofern er Philosoph war, wird in den Geschichten der Philosophie abgehandelt, und wir erfahren da, wieviel er in seiner Lehre seinen Vorgängern verdankt. Seneca, sofern er Schriftsteller war, wird wieder in anderen Büchern, in den Literaturgeschichten, abgehandelt, und er erhält da beiläufig eine ungünstige Note, weil er nicht klassisch, d. h. kein für unsere Primaner brauchbares, ciceronisches Latein schreibt. Auch als Staatsmann hat Seneca kürzlich eine Separatbehandlung erfahren[266]. Aber zum Verständnis des Menschen führt dies nicht. Ein vielseitiger Mann verlangt eine vielseitige Betrachtung[267]. Was nützt es, den Adam in seine Rippen zu zerlegen? Wer ihn nicht ganz läßt, sieht nicht, wie ihn Gott geschaffen. Wer will einen Lionardo in einen Physiker, Mechaniker und Künstler, wer will einen Wilhelm von Humboldt in einen Staatsmann und Sprachforscher zerschneiden? Es wäre ein sonderbares Unternehmen.
Wer Senecas wundervollen literarischen Nachlaß liest -- über Seelenruhe, über die Muße, über Wohltätigkeit usf. --, der glaubt zunächst einen Asketen, einen Prediger im härenen Rock und Philosophenbart, den Mann der Weltflucht und Entsagung vor sich zu sehen, dessen unermüdliche Sittenpredigt in Heiligung gipfelt und endigt, in einem Gottesdienst der Tugend, in Freiheit des Ichs, das heißt: in Niederkämpfung und Besiegung der Leidenschaften.
[Randnotiz: Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm.]
Lesen wir dieselben Schriften genauer, so merken wir, daß er nicht nur ein Verächter aller Luxusdinge der Großstadt, sondern auch ihr Kenner gewesen ist. Musik, Architektur, Kunstgärtnerei, Prunk des Hausrats, die ganze Kulturblüte der ersten Kaiserzeit hat er gesehen, durchlebt; sie lebt in ihm. Aber nicht nur das: er ist auch eine politische Größe, und die Historiker, Tacitus, Cassius Dio, halten es für ihre Pflicht, über ihn zu berichten: der erste Finanzmann Roms, voll weltlicher Geschäftskenntnis, Großgrundbesitzer[268], von vielhundertköpfigem Personal umgeben, Großkapitalist, der mit mächtigem Gefolge über die Straßen zieht, beiläufig auch nicht bärtig, sondern das Gesicht glatt ausrasiert, endlich Hofmann und Staatsmann, so erscheint er uns hier, und der Verdacht erhebt sich, daß da Lehre und Leben in seltsamem Widerspruch stehen, als zeigte Seneca zwei Gesichter, ein anderes der realen Welt, ein anderes seinen Lesern, ein anderes seiner Gegenwart, ein anderes der Zukunft. Der idealste, bravste, treu sorgfältigste Sittenlehrer der römischen Literatur ein bloßer Wortdrechsler der Tugend?
Und das Rätselhafte ist damit noch nicht erschöpft. Denn Seneca war, wie man glaubt, auch Theaterdichter, und die einzigen römischen Tragödien, die wir besitzen (es sind neun), stammen von ihm. Wozu die Leidenschaften Medeas oder Phädras vorführen, wenn es doch gilt, die Leidenschaften zu unterdrücken? Plato war konsequent und verbannte den tragischen Dichter aus seinem Staat; der Dichter Seneca läßt das Laster spielen, das er verurteilt? Hat der eitle Mann auch nach dem Lorbeer geschielt? und war ihm der läppische Beifall des Theaterpublikums ein Bedürfnis?
Wenn diese Widersprüche uns stören oder gar beleidigen, so bleibt Seneca in seiner genialen Natur doch auch so eine erste Größe in der Geschichte der Menschheit.
Der Staatsmann Seneca steht als Mann des Fortschritts und des sozialen Friedens ehrwürdig und wie eine Lichtfigur auf dem dunklen Grunde der Neronischen Zeit.
Der Dichter Seneca hat mit seinem vibrierenden Pathos auf das pathetische Schauspiel der Neuzeit seit der Renaissance und seit Marlow und Shakespeare tiefgehende, bleibende Einflüsse gehabt, die, je mehr man dem nachgeht, um so deutlicher hervortreten[269].
Unendlich aber ist der Segen, den Seneca als Moralist geübt, und schon darum müßte man ihm in unserem Zeitalter der ethischen Kultur Denkfeiern begehen und Denkmäler errichten. Zum mindesten, man müßte ihn lesen!
Die Widersprüche aber, von denen ich sprach, sind nicht einmal vorhanden. Der Mann ist eine Einheit, eine große und ehrliche Gestalt aus einem Guß. Auch als Dichter war Seneca Ethiker, auch als Staatsmann ist er es gewesen.
Es ist nur zu natürlich, daß man schon im Altertum gegen den Mann einen hämischen Ton anschlug und über ihn die Nase rümpfte. Warum lebte er im großen Weltgetriebe und warf die Reichtümer nicht hinter sich, er, der Wortführer der Bedürfnislosigkeit? Das waren die stumpfsinnigen Winkelmoralisten, die so redeten. Seneca war großzügig und tapfer und machte die Riesenkapitalien, die ihm zufielen, seinen guten Zwecken dienstbar. Denn Geld ist Macht. Es war besser, daß die Macht in seiner Hand war, als in der Hand der kaiserlichen Buhlerinnen und Libertinen.
Es ist, wenn man gut sein will, nichts bequemer, als sich aus den großen Händeln zurückzuziehen[270]. Der bessere Mann ist der, der die schnöden Mittel dieser Welt festhält, ihre Benutzung organisiert und dem Fortschritt der Gesellschaft dienstbar macht. Der beste ist der, der mit solchen Zwecken sogar den Thron gewinnt. Seneca stellte sich hart neben den Thron Neros.
[Randnotiz: Einheit seines Wesens. Stoische Religion.]
Wir verkennen seine Schwächen durchaus nicht. Denn nur durch ein gewisses Nachgeben war in dieser Welt der rohen Gewalten ein solches Ziel zu erreichen. Die Einheit seiner Natur aber ist schon hiernach klar. Den Aposteln und Heiligen der christlichen Kirche kommt es zugute, daß wir ihre Biographie meist nicht kennen, und wir können sie also unbedenklich für heilig halten und tun es gerne. Die Lebensauffassung Senecas leugnet dagegen, daß es heilige Menschen gibt. Für ihn sind auch die Besten sittlich immer unvollkommen. So stellt er auch sich selbst vor uns hin. Aber daß man sich bestreben soll, vollkommen zu werden, das ist seine kategorische Forderung.
Seneca ist vielleicht in demselben Jahr wie Christus geboren, und unsere Zeitrechnung und Jahreszählung beginnt ungefähr mit seinem Geburtsjahr. Der Trieb zur religiös sittlichen Wiedergeburt der Menschheit ging damals durch Orient und Okzident; denn Orient und Okzident bildeten ein Reich, das Römerreich. Das Römerreich war die Menschheit. So wurde damals auch Seneca wie der Apostel Paulus zu einem Verkünder einer neuen ethischen Religion.
Es handelt sich um die stoische Philosophie. Sie war in der Hauptstadt Rom vor gut hundert Jahren durch Panaetius und den großen Posidonius eingebürgert worden. In dieser stoischen Propaganda, die weitherzig auch aus Platos, aus Epikurs Lehre das Beste mit aufnahm, wuchs der junge Seneca auf, und er übernahm von den Genannten die Milde der Gesichtspunkte.
Philosophie war damals das griechische Wort für Religion; und sie gab nicht nur Moralgesetze; sie verlor sich eingehend auch in Erforschung der Natur, in Betrachtung des Alls[271]. Seneca selbst hat die Wirkungen des Vulkanismus des Vesuv, der sich im Jahre 63 n. Chr. zum ersten Male regte, sogleich studiert[272], er hat eine Afrika-Expedition nach den Nilquellen angeregt[273], noch mehr, er hat die Entdeckung Amerikas schon damals prophezeit und gefordert[274]. Aber diese Naturforschung (die ~quaestio naturalis~) führte unmittelbar auf die große Grundursache und Einheit des Alls, auf Gott. Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre -- das ist der Grundgedanke bei Seneca. Seine Naturbetrachtung ist Andacht. Wer das liest, möchte in die Kniee sinken.
Da aber das All in Gott ist, ja, da das All Gott ist, müssen wir Sterbliche auch in Gott sein und gottgleich werden, da wir es nicht sind. Daher die Lichtsehnsucht Senecas. „Wir gehen im Dunkeln und im Halblicht. Wir wollen ins volle Licht, in den Himmel zurück, aus dem wir stammen“[275]. Daher der Drang nach innerer Läuterung. Diese Läuterung geschieht durch Übung, durch Ausübung. Lerne deine Pflichten gegen dich selbst, gegen den Nebenmenschen! Das ist der rechte Gottesdienst.
So entstand die umfassendste und feinste Pflichtenlehre, die die römische und vielleicht auch die nachrömische Welt gesehen: Ratschläge für alle Konflikte des Lebens, aus der Fülle der Erfahrung geschöpft. Selbstbeherrschung, Selbstzucht ist die Vorstufe. Nächstenliebe, die Sorge für die Mitmenschen, ist die Hauptsache. Es ist jene Menschlichkeit, die in dem Satz gipfelt: Liebet eure Feinde, d. h. seid um ihr Heil bemüht.
[Randnotiz: Der Ethiker für den lateinischen Okzident.]