Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band
Part 5
Eine der hervorragendsten Expeditionen auf dem grönländischen Inlandseis ist +Nordenskjölds+ Expedition im Jahre 1883. Nicht zufrieden mit seiner ersten Eiswanderung i. J. 1870, wollte dieser unermüdliche Polarforscher noch weiter vordringen, um dem Innern Grönlands seine merkwürdigsten Geheimnisse zu entreißen. Er war nämlich gleich +Whymper+ auf den Gedanken gekommen, daß sich inmitten dieser „Sahara des Nordens“ wie er das Innere Grönlands benennt, schneefreie Oasen vorfinden müßten, ja er war nahe daran, es für möglich zu halten, daß diese gleich den nördlichen Landstrecken Sibiriens bewaldet seien. Wenn auch keine der früheren Expeditionen nach Osten zu an eine Grenze der Eiswüste gelangt war, so sprachen doch allerlei Umstände dafür, „daß es in den meisten Fällen eine physische Unmöglichkeit ist, daß das Innere eines weitgestreckten Kontinents völlig eisbedeckt ist, bei den klimatischen Verhältnissen, die südlich von dem 80° N. Br.[29] auf unserer Erde herrschen“, ja, „was das Innere Grönlands betrifft, so ist es leicht nachzuweisen, daß die für eine Gletscherbildung nothwendigen Bedingungen dort nicht herrschen können, wenn sich nicht die Oberfläche des Landes langsam von der Ost- und Westküste nach innen zu hebt und dessen über dem Meere belegener Theil infolgedessen die Form eines runden Kloßes hat mit langsam nach dem Meere zu abfallenden Seiten“.
Die Betrachtung, welche +Nordenskjöld+ zu diesem überraschenden Schluß führte, war die Annahme, daß zu einer Gletscherbildung stets ein gewisser Grad von Niederschlägen erforderlich ist; dies ist aber im Innern Grönlands nicht möglich, da die sämtliche von dem umgebenden Meer stammende Luft, welche die Niederschläge mit sich führen müßte, erst ihren Weg über die hohen Küstenfelsen nehmen muß. Während sie aber an den Felswänden emporstieg, hat sie sich, unter dem niedrigeren Luftdruck in der Höhe abgekühlt und erweitert und infolge dessen den größten Theil ihrer Feuchtigkeit abgegeben. Durch dies Abgeben der Feuchtigkeit würde indessen die gebundene warme Luft frei und die Temperatur der Luft erhöht. Indem sie nun auf der anderen Seite der Küstenfelsen niederfiel, würde sie indessen, je nachdem sie in einen höheren Luftdruck hinabgelangte, mehr und mehr erwärmt und zwar in gleichem Grade, wie sie während des Aufsteigens abkühlte. So müßte sie denn zu den Thälern des Innern in Gestalt von trockenen, warmen Winden gelangen, die dem bekannten „Föhn“ der Schweiz gleichen. Die feuchten Seewinde müßten deswegen in Grönland ihre Feuchtigkeit „gewöhnlich in Form von Schnee an den Felsen längst der Küste absetzen, wogegen aller Wind, der in das Innere des Landes gelangt, sei es von Osten, Westen, Süden oder Norden, trocken und verhältnißmäßig warm sein muß, falls nicht das Land einen organischen Bau von ganz anderer Beschaffenheit hat als alle andern Länder des Erdballes“.
Diese Schlußfolgerung würde bis zu einem gewissen Grade berechtigt sein, falls es ein Land gäbe, das vollständig von Küstenfelsen umgeben wäre und ein verhältnißmäßig niedriges Innere hätte, aber ein solches, größeres Land läßt sich kaum denken, am wenigsten kann man erwarten, daß Grönland diesen Bau haben sollte. Ich muß mich im Gegentheil vollständig +Nordenskjölds+ Ansicht anschließen, wenn er sagt, daß Grönlands geologische Beschaffenheit auf einen orographischen Bau gleich dem Skandinaviens hindeutet, mit andern Worten, daß das Land aus Bergrücken und Berggipfeln besteht, die mit tiefen Thälern und Ebenen abwechseln; dann aber müssen auch in Grönlands Innerm in Bezug auf die Niederschläge günstige Bedingungen zur Bildung des Inlandseises vorhanden sein; denn wo mangelte es wohl in Skandinavien an Feuchtigkeit, falls man nur die erforderliche Temperatur hätte? Es scheint, als habe der große Polarreisende vergessen, daß es noch heutzutage im Innern von Skandinavien kleine Gletscher giebt, daß sich auch in den Alpen und an vielen andern Stellen, fern vom Meere, solche finden, und vor allen Dingen, daß sie einst eine unendliche Ausdehnung gehabt und unter anderem ganz Nordeuropa bedeckt haben. Hierauf wird er möglicherweise antworten, daß er gerade diese Behauptung bestreitet, die Eisdecke sei damals in dem Innern der Länder nicht zusammenhängend gewesen. Die Kosten der Expedition, der damals nicht allein die Aufgabe gestellt war, in das Innere Grönlands einzudringen, sondern die unter anderem versuchen sollte, die Ostküste zu erreichen (vergleiche Kap. X.), wurden ebenso wie +Nordenskjölds+ erste Expedition nach Grönland i. J. 1870 von dem bekannten schwedischen Mäcen, dem Freiherrn +Oskar Dickson+ bestritten, der zu diesem Zweck einen Dampfer, „Sofia“, zur Verfügung stellte.
Auf der Eiswanderung, die ihren Anfang am 4. Juli ungefähr an derselben Stelle nahm, wie die Wanderung i. J. 1870, wurde +Nordenskjöld+ von 9 Mann begleitet, unter denen sich zwei mit Schneeschuhen versehene Lappen befanden, außerdem halfen ihm die meisten Offiziere der „Sofia“, sowie die Besatzung und zahlreiche Eskimos während der beiden ersten Tage bei dem Transport der Ausrüstung über das erste, unebene Eis. Unter den Begleitern befand sich auch der Direktor der kgl. grönländischen Handelsgesellschaft, Herr +Hörring+.
Im Laufe von 18 Tagen (bis zum 21. Juli) gelangte +Nordenskjöld+ selber etwas über 117 ~km~ auf das Inlandseis hinauf und erreichte eine Höhe von 1510 ~m~ über dem Meeresspiegel. Hier wurde er aber von dem nassen Schnee, in den Schlitten und Menschen versanken, am Vordringen gehindert. Ehe man zurückkehrte, wurden indessen die beiden Lappen auf Schneeschuhen weiter ins Innere entsandt. Obwohl man nichts als Schnee und Eis gefunden hatte und obwohl man sich mitten auf einer unendlichen, meeresähnlichen Schneefläche befand, gab +Nordenskjöld+ dennoch den Glauben an die Richtigkeit seiner Theorie nicht auf, sondern ertheilte den Lappen folgende schriftlichen Befehle:
„Falls man Land erreichen sollte, nehme man in aller Eile an Blumen und Gras mit, was zu finden ist, und zwar einen oder mehrere Stengel von jeder Blume und jedem Grashalm.
Auf dem Inlandseis am 21. Juli 1883.“ #/
Nach 57 Stunden (24. Juli) kehrten die Lappen zurück und berichteten, daß sie 230 ~km~ weiter landeinwärts gekommen seien und eine Höhe von 1947 ~m~ über dem Meeresspiegel erreicht hätten; so weit sie aber hätten sehen können, sei nichts anderes zu erblicken gewesen als ein einziges flaches, unendliches Schneefeld. Selbst wenn man von der Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit, absieht, eine so lange Strecke in so kurzer Zeit auf einer Schneeschuhbahn zurückzulegen, wie man sie im Innern Grönlands findet, so muß man doch, wie wir später eingehender erklären werden, annehmen, daß die Lappen die von ihnen zurückgelegte Strecke zu hoch angeschlagen haben.
Am folgenden Tage (den 25. Juli) trat man die Rückkehr an, und am 31. August erreichte man, nachdem man 31 Tage auf dem Inlandseis zugebracht hatte, abermals den Zeltplatz bei „+Sofiashavn+“ in dem nördlichen Arm des +Aulatsivikfjordes+. Die Eskimos, die hier mit Proviant, Reservekleidern, einem Boot etc. warteten, waren sehr erfreut, als sie die Eiswanderer erblickten, die sie schon verloren geglaubt; sie hatten, wie sie behaupteten, mehrere Paar Kanicker (Stiefel) verschlissen bei dem Erklimmen der Berge, um nach ihnen auszusehen.
Das Eis, das man auf dieser bedeutungsvollen Reise traf, war nach verschiedener Richtung hin von Interesse. Es war freilich, besonders nach dem Rande zu, sehr uneben und theils arg zerklüftet, aber es war doch im ganzen ebener als das Eis, das man von früheren Wanderungen her kannte. Ferner stieß man ganz im Innern auf eine einzige ausgestreckte und völlig ebene Schneefläche, auf der kein Eis und keine Spalten zu entdecken waren, die aber, soweit das Auge reichte, mit Schnee bedeckt war. Diese Expedition war, ganz abgesehen von der Schneeschuhreise der Lappen, weiter vorgedrungen als alle ihre Vorgänger und hatte zum erstenmal diese Schneefläche erreicht, die, wie wir jetzt wissen, das ganze Innere Grönlands bedeckt. Es war auch, wie schon erwähnt ist, die Nachricht von der Entdeckung dieser Schneefläche, welche dem Verfasser den Anstoß zu dem Plan der Expedition gab, von der dies Buch handelt.
Es könnte scheinen, als wenn +Nordenskjöld+ selber durch diese Expedition seine Theorie von einem eisfreien Innern sehr in Zweifel gezogen hätte. Dies meinte er auch während der ersten Zeit nach seiner Rückkehr, später begann er indessen abermals „zu zweifeln und es für mindestens möglich zu halten, daß man sich im Jahre 1883 nur auf einem breiten Eisgürtel befunden habe, der sich an dem 69° und 70° Nördl. Br. quer durch das Land erstreckt“,[30] während sich nördlich und südlich davon eisfreie Oasen befinden können.
Einen möglichen Beweis hierfür meint er in zwei Raben zu erblicken, welche die Lappen während ihres Schneeschuhlaufens sahen und die von Norden hergeflogen kamen und, nachdem sie die Schneeschuhspur erreicht hatten, dorthin zurückkehrten. Da sich diese Vögel um diese Zeit des Jahres selten weit von ihren Heckplätzen an der Küste entfernen, so meint er, dies spreche sehr für die Annahme, daß sie im Norden einen eisfreien Aufenthalt gehabt haben. Dieser Aufenthalt befinde sich möglicherweise an einem Sund, der sich +Nordenskjölds+ Ansicht nach, wahrscheinlich vom Jakobshavner Eisfjord aus quer durch Grönland erstreckt und etwa bis an den Scoresby-Fjord an der Ostküste geht, und der „während der letzten Jahrhunderte durch Eismassen gesperrt wurde, die von den Gletschern an den Küsten des Sundes stammen“. Den Glauben an diesen Sund[31] hat +Nordenskjöld+ von +Hans Egede+ und +Paul Egede+ überkommen, welche berichten, daß es bei den Eskimos eine Sage hierüber giebt.
Der Glaube an einen Sund, der Grönland durchschneidet, oder gar daran, daß das ganze Land aus einer Anzahl von Inseln besteht, die theils mit Eis überdeckt sind, hat seit der Zeit, als er zuerst im 16. Jahrhundert auftauchte, wieder und wieder Anhänger gefunden. Ursprünglich suchte man nach der sogenannten „Forbister-Straße“ oder dem „Beare-Sund“ im südlichen Grönland, und diese sind auf allen Karten jener Zeit angegeben. Die Veranlassung hierzu war, daß +Forbister+ eine Reihe von Entdeckungen zwischen den Inseln in dem nordamerikanischen Archipelagus auf der linken Seite der Davis-Straße gemacht hatte, ohne zu wissen, wo er sich befand. Später glaubten Andere, er müsse in Grönland gewesen sein, weswegen sie die von ihm beschriebenen Sunde und Inseln dorthin verlegten. Daß +Forbister+ nicht Grönland, sondern die Länder auf der andern Seite der Straße besucht hatte, wurde freilich bald aufgeklärt, was jedoch nicht verhinderte, daß sich der Glaube an die Südgrönland der Quere nach durchschneidende Forbister-Straße lange nach jener Zeit erhielt; wir finden ihn sogar in +Granz’+ „Geschichte von Grönland“ aus dem Jahre 1765, in welcher sowohl von einem Sund quer durch Südgrönland als auch von dem Sunde berichtet wird, der altgrönländischen Sagen zufolge Mittelgrönland durchschneiden soll. +Hans Egede+ glaubte nicht, daß es einen Sund quer durch Südgrönland gäbe, da er selber einen solchen nicht hatte finden können, deswegen verzeichnete er auch keinen solchen auf seiner Karte in „+der neuen Perlustration des alten Grönland etc.+“, die im Jahre 1741 in Kopenhagen erschien. Dagegen glaubten sowohl er als auch sein Sohn +Paul+, wie wir bereits gesehen haben, an den Sund, der sich den Sagen der Grönländer zufolge vom Jakobshavner Eisfjord bis an die Ostküste erstreckt haben soll, und diesen verzeichnete er dann auf seiner Karte, ebenso wie er auf +Paul Egedes+ Karte in den „Nachrichten über Grönland aus dem Jahre 1878“ zu finden ist. Ein Facsimile des Letzteren wird von +Nordenskjöld+ in „die zweite Dicksonsche Expedition“ Seite 234 wiedergegeben.
Ich will mich hier nicht weiter darauf einlassen, zu erwägen, ob es möglich ist, daß ein so langer und schmaler Sund, dessen Seitenstück es wohl kaum giebt, überhaupt existiren kann; es will mir scheinen, als ob Grönlands ganze Form wie der geographische Bau dieses Landes dies äußerst unwahrscheinlich machen.
Die letzte Expedition auf dem Inlandseise Grönlands vor 1888 wurde im Jahre 1886 von +Robert E. Peary+, Civilingenieur in der Marine der Vereinigten Staaten, und dem Dänen +Chr. Maigaard+, Assistent in der königl. dänischen Handelsgesellschaft, unternommen.
+Peary+ selber nennt die Expedition eine vorläufige Rekognoscirungstour.[32] Es war ursprünglich seine Absicht, sie mit Hunden und Schlitten zu unternehmen, aber im letzten Augenblick ließen ihn die dazu gemietheten Grönländer im Stich und zogen mit Hunden und Schlitten fort. So sahen sich denn +Peary+ und +Maigaard+ gezwungen, die Wanderung zu Fuß und allein zu unternehmen; freilich halfen ihnen ein Grönländer und eine Grönländerin während der ersten Tage, doch waren sie Beide nicht zu bewegen, sich weiter als eine kleine Strecke auf das Inlandseis hinauf zu wagen.
Zum Ausgangspunkt wählte man das Innere des Pakitsok-Fjordes (auch Ilardleck-Fjord genannt) auf dem 69½° Nördl. Br., also denselben Fjord, von dem aus +Whymper+ seinen Versuch gemacht hatte, und von wo aus unser Landsmann +Amund Helland+ aufs Eis gegangen war.
Das Aufsteigen auf das Eis begann am 28. Juni. Der Proviant, der auf 30 Tage berechnet war, und die übrige Ausrüstung wurden auf zwei amerikanischen, 11 Kilogramm wiegenden, Schlitten von +Hickori+ gezogen. Man hatte Skier und kanadische Schneeschuhe mitgenommen, und diese scheinen fleißig benutzt worden zu sein. Statt eines Zeltes hatte man nur ein Persenning, womit man sich, im Schutz der Schlitten liegend, bedeckte. Als sie eine Strecke vorgedrungen waren (7. Juli), machten sie sich jeden Tag (sie schliefen bei Tage und gingen während der Nacht) Schneehütten, bis sie so weit landeinwärts gedrungen und so hoch hinaufgelangt waren (12. Juli), daß sich der Schnee nicht mehr dazu eignete. Am Abend des 2. Juli, als sie wegen heftigen Sturmes und Schneetreibens zwei Tage hatten still liegen müssen, beschloß man nach dem Zelt am Fjord zurückzukehren, um eine Aenderung des Wetters abzuwarten, während man die Schlitten und die Ausrüstung zurückließ.
Am 6. Juli kehrten sie wieder zu den Schlitten zurück und setzten ihren Weg landeinwärts vorwärts, nachdem sie ein Proviantdepot für 8 Tage zurückgelassen hatten. Als sie am nächsten Morgen über einen kleinen, mit dünnem Eis bedeckten See gingen, brach +Maigaards+ Schlitten ein, doch gelang es ihm, ihn wieder herauszuziehen, „aber er war,“ sagt +Maigaard+[33] „infolge des vielen Wassers, das meine Bagage aufgenommen hatte, mindestens 100 Pfund schwerer geworden, als er vorher war,“ so daß er ihn nur mit großer Anstrengung ziehen konnte.
Die Temperatur war während des größten Theils der Reise unter Null und infolgedessen günstig für die Schneeschuhe, in der Nacht zwischen dem 12. und 13. Juli hatte man sogar -14° C. Am 9. Juli machte sich ein unangenehmer Umschlag im Wetter bemerkbar, indem ein südöstlicher Wind die Temperatur von -6° C. auf +8° C. brachte und den Schnee ganz weich machte. Es scheint dadrinnen auf dem Inlandseise ein förmlicher Föhn geweht zu haben.
Am 11. Juli legte man in einer Höhe von 5000 Fuß ein neues Proviantdepot und andere Ausrüstungsgegenstände nieder.
Am Morgen des 17. Juli erreichte man eine Höhe von ca. 7500 engl. Fuß in einer Entfernung vom Eisrande, die +Peary+ nach einer Längenobservation auf etwa 100 engl. Meilen angiebt.
Hier wurden sie bis zum 19. Juli durch Sturm und Schneetreiben zurückgehalten, dann klärte sich das Wetter auf, so daß sie eine Mittagsobservation machen und sich am Abend gegen 6 Uhr auf den Heimweg begeben konnten. Da sie jetzt den Wind im Rücken hatten, banden sie die beiden Schlitten zu einem „Segler“ zusammen und verwandten einige Alpenstöcke als Masten, ein Persenning als Segel und einen Schneeschuh mit daran befestigter Axt als Steuer.
Mit diesem Fahrzeug segelte man nach +Maigaard+ sechs geographische Meilen während der ersten, sieben geographische Meilen während der zweiten und zwölf geographische Meilen während der dritten Nacht, dann mußte man die Schlitten wegen der Beschaffenheit des Eises wieder ziehen.
Am Morgen des 24. Juli erreichte man den Zeltplatz am Fjord, nachdem man im ganzen 23 Tage und Nächte auf dem Eise zugebracht hatte.
Das Eis, über das diese Expedition gegangen, war mit Ausnahme des allerersten Theiles durchschnittlich sehr eben, ja sogar ebener als +Nordenskjöld+ es im Jahre 1883 angetroffen hatte. Auch hatte es nicht viele Spalten und unterscheidet sich von dem letztgenannten dadurch, daß es während des größten Theiles des Weges mit trockenem Schnee bedeckt war, in den +Peary+, als er sich am weitesten landeinwärts befand, seinen Stab sechs Fuß hinabstoßen konnte. Dies hat auch in hohem Grade die Reise erleichtert.
Leider beruhen +Pearys+ Längenangaben scheinbar nur auf einigen Höhenobservationen, die mit einem leichten Reise-Theodolit an einem einzigen Tage, den 19. Juli, gegen Mittag unternommen wurden. Die Ausdrücke, deren er sich bedient, sind nicht ganz deutlich, er erwähnt nur „circummeridiane Höhen“ („~circummeridian sights~“), und desselben Ausdruckes bedient sich auch +Maigaard+ in seinem Bericht. Diese sog. „einzelnen Mittagshöhen“ sind bekanntlich ziemlich unsicher zu Längenbestimmungen. Als Chronometer benutzte man eine Taschenuhr (der mitgebrachte Chronometer war stehen geblieben), die, wie +Peary+ behauptete, sehr zuverlässig sein sollte; es geht jedoch, soweit ich es beurtheilen kann, keineswegs aus seinem Bericht hervor, daß man Observationen machte, um den Gang später an der Küste zu kontrolliren. Die angeführte Entfernung von 100 engl. Meilen (160 Kilometer) vom Eisrande kann folglich nicht als ganz genau betrachtet werden. Was möglicherweise auch für diese Vermuthung sprechen könnte, ist der Umstand, daß die hierzu erforderlichen Tagesmärsche, die von +Maigaard+ auf 3-4 geogr. Meilen angegeben werden, mir ziemlich groß zu sein scheinen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß es schwer genug sein kann, eine solche Strecke am Tage mit einem schwerbeladenen Schlitten, bei einer wenn auch nur geringen Steigung zurückzulegen.[34]
Wie es sich nun auch hiermit verhalten mag, so ist diese Expedition immerhin eine der beachtenswerthesten, die auf das Inlandseis unternommen worden ist, und man muß die beiden Reisenden bewundern, daß sie soviel ganz allein und mit so geringen Mitteln erreichten.
Noch im selben Sommer besuchte +Peary+ auch den Rand des Inlandseises an verschiedenen nördlicher gelegenen Stellen.
Wie man ersieht, ist im Laufe der Jahre durch diese vielen Expeditionen auf das Inlandseis und an dessen Rand ein großes Material von Beobachtungen zusammengebracht, das uns instandsetzt, einen einigermaßen zuverlässigen und vollständigen Begriff über die Beschaffenheit desselben an der ganzen Westküste entlang bis nach Upernivik zu bilden; durch zwei Expeditionen (+Nordenskjöld+ 1883 und +Peary+ 1886) haben wir auch erfahren, daß sich innerhalb des äußeren, mit Spalten und Unebenheiten angefüllten Eisrandes ein ausgedehntes, vollständig ebenes Schneefeld befindet, das sich sanft steigend nach dem unbekannten Innern zu erhebt.
Eine wesentliche Lücke in unserer Kenntniß dieses Inlandseises ist damit ausgefüllt, aber es bleibt noch vieles übrig, und Aufklärung über einen Theil derselben zu schaffen, war die Aufgabe unserer Expedition.
Von der Beschaffenheit des Inlandseises an der Ostküste wußte man nur wenig oder nichts; freilich hatte die dänische Frauenbootsexpedition unter Kapitän +Holm+ viel von dessen Rand gesehen, aber man hatte keine Zeit gehabt, demselben weitere Aufmerksamkeit zu widmen, und das Eis selber war in jener Gegend noch von keinem Europäer betreten worden.[35] Schon eine Untersuchung der Beschaffenheit des Eises, des Steigerungsverhältnisses u. s. w. auf dieser Seite würde daher von Bedeutung gewesen sein.
Noch weit unbekannter war indessen das ganze Innere. Freilich konnte man aus den Resultaten der beiden letzten Expeditionen einzelne Schlußfolgerungen ziehen, wie es dort aller Wahrscheinlichkeit nach aussah, dies aber hatte nur einen geringen Werth, so lange Niemand dort gewesen war, und es erheben sich ja noch immer gewichtige Stimmen, welche die Ansicht verfechten, daß das Innere nicht ganz mit Schnee und Eis bedeckt sei. Obwohl ich niemals zu dieser Annahme geneigt hatte, erschien es mir, daß die Untersuchung der Höhen- und Steigerungsverhältnisse des Innern, mit anderen Worten die Form der ganzen Schnee- oder Eiskappe, welche Grönland bedeckt, von großem Interesse sein müsse.
Auf die meteorologischen Verhältnisse in Grönlands Innerm legte ich freilich ein noch größeres Gewicht. Zu einer irgendwie eingehenderen Kenntniß derselben hatten die früheren Expeditionen wenig oder nichts beigetragen, und ich sagte, scheinbar mit Recht, in meinem Artikel in „Naturen“ (Januar 1888),[36] „daß für den Meteorologen die Beobachtungen über das Klima, die Messungen der Temperatur, der Feuchtigkeit, des Windes und der Windrichtungen, die Aufklärungen über die Niederschläge und die Wolkenbildung auf diesen ungeheueren Schnee- und Eisfeldern von großer Bedeutung sein müßten; es herrschten hier Verhältnisse, die so völlig verschieden von den Verhältnissen in den Gegenden sind, von welchen man regelmäßige Observationen erhält“. Wie man später ersehen wird, sollte ich in dieser meiner Annahme in hohem Grade bestärkt werden. Ich könnte vielleicht hinzufügen, daß auch für die Geologen solche Aufklärungen von Wichtigkeit sein müssen; denn wie soll man sich eine irgendwie begründete Ansicht über den inneren Haushalt des Inlandseises -- wenn man sich so ausdrücken darf -- bilden, ehe man die Niederschlag- und Temperaturverhältnisse und dergleichen kennt, die auf dessen Oberfläche herrschen.
Dies schienen mir die wichtigsten Aufgaben zu sein, die in dem unbekannten Innern Grönlands zu lösen waren.
Welchen Nutzen aber können solche Aufklärungen bringen? Dieselbe Frage ist so manchen Entdeckungsreisen gegenüber aufgeworfen und wird bei jedem neuen Unternehmen aufgeworfen werden. Man könnte viel darauf antworten und u. a. daran erinnern, welchen Einfluß ein solches Hochland von Eis und Schnee auf das Klima aller angrenzenden Theile der Erde haben muß, wie jeder einzelne Theil der Erdoberfläche in genauem Zusammenhang mit den übrigen steht; aber allein schon der Umstand, daß Grönlands Inneres ein Theil und zwar ein nicht ganz unbedeutender Theil der Oberfläche dieses Planeten ist, auf dem wir leben, genügt, um den Wunsch zu erwecken, es kennen zu lernen, und nicht zu ruhen, bis dies geschehen ist, sollte auch der Weg über Gräber gehen.
Je eher das erreicht werden kann, desto besser.
Fußnoten:
[2] Aus dem Brief des Direktors an den Rath in Grönland. Bergen, den 19. April 1723. Die angeführte Stelle ist +P. Eberliens+ Artikel im „Archiv für Mathematik und Naturwissenschaft, Kristiania 1890,“ entnommen.
[3] +Egedes+ Antwortschreiben, 31. Juli 1723. Beide Briefe befinden sich im Reichsarchiv zu Kopenhagen. Grönlandske Desseins Intagt- og Udgift-Forklaringer 1721-25.
[4] Von Assistent +Fersler+ 1727. Reichsarchiv Kopenhagen 1727. Grönländische Expedition 1728-33.
[5] Aus +Frederik+ IV. Instruktion an Major +Paars+, abgedruckt in den „Mittheilungen über Grönland“, Heft IX, S. 30-31. Kjöbenhavn 1889.
[6] Es ist dies das erste Mal, daß Pferde nach Grönland gesandt worden sind.
[7] Journal, geführt bei Godthaab. Abgedruckt im „Tilskuer“, Jahrgang 6, Seite 483-484. Kjöbenhavn 1889.
[8] Dies sowie die folgenden Citate von +Paars+ Reise sind seinem Rapport an den König entnommen, der in +Peter Eberliens+ Artikel im „Tilskuer“, Jahrgang 6, Seite 485-488, Kjöbenhavn 1889, abgedruckt ist.
[9] Es war mir nicht möglich, dies Buch zu Gesicht zu bekommen. Die hier angeführte Stelle ist Kapitän +J. A. D. Jensens+ Buch: „Ueber das Inlandseis in Grönland“ u. s. w., Kjöbenhavn 1888, Seite 34 Anmerkung, entnommen.