Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band
Part 4
Inzwischen bestieg +Whymper+ einen nahegelegenen Hügel, um eine Aussicht über das Eis zu haben; wie unangenehm sah er sich aber berührt, als er die überraschende Entdeckung machte, daß das Eis sein Aussehen vollständig verändert hatte, seit er es vor einem Monat gesehen. Damals war alles mit dem „reinsten, fleckenlosesten Schnee“ bedeckt gewesen; jetzt aber war aller Schnee vollständig geschmolzen und hatte ein wahres Meer von Eis hinterlassen, daß von Millionen von Spalten und Rissen in allen erdenklichen Formen und Dimensionen durchkreuzt war. Alle kühnen Hoffnungen +Whympers+ waren zu Wasser geworden. Als das Wetter am 26. Juli besser wurde, machten sie trotzdem einen Versuch, östlich über das Eis vorzudringen. Nach wenigen Stunden, und nachdem sie sich nur ein paar englische Meilen vom Rande des Eises entfernt hatten, mußten sie jedoch Halt machen, da eine Schiene an einem der größten Schlitten zerbrach. An einem der kleineren Schlitten war auch bereits eine der Schienen der Länge nach gespalten, und der Rest war durch die Stöße auf dem unebenen Eise sehr gebrechlich geworden.
+Whymper+ sah jetzt die Unmöglichkeit ein, weiter vorzudringen, doch sandte er der Form halber drei seiner Begleiter[18] eine oder zwei englische Meilen weiter landeinwärts, um zu untersuchen, ob das Eis besser würde, obwohl er sehr gut wußte, daß es viele Meilen weit unverändert war. Als die Sendboten wiederkehrten und berichteten, daß das Eis eher schlechter als besser werde, trat man den Rückweg an.
Nach dieser Reise scheint +Whympers+ Glaube an schnee- oder eisfreie Strecken im Innern Grönlands erschüttert zu sein. In seinem Buch: „~Scrambles amongst the Alps~“ 1871 schreibt er Seite 246: „Grönlands Inneres scheint vollständig mit Gletschereis bedeckt zu sein zwischen dem 68° 30-70° N. Breite.“ Weil er auf der letzten Expedition, soweit das Auge reichte, zerklüftetes Gletschereis erblickte, vermuthet er, daß sich das Eis oder das schneebedeckte Land in einer bedeutenden Ausdehnung erstrecken muß, „denn zur Bildung einer so ungeheueren Gletschermasse ist ein ganz kolossales Schneereservoir erforderlich.“ Er taxirte die Höhe des inneren sichtbaren Theils des Inlandseises auf „nicht weniger als auf 8000 Fuß“. Dies ist wahrscheinlich reichlich hoch gegriffen, wird aber die richtige Höhe nicht weit übertreffen.
Mit der Wanderung, welche der Freiherr +A. E. Nordenskjöld+ gemeinsam mit dem jetzigen Professor +Berggren+ von dem nördlichen Arm des +Aulatsivikfjordes+ (südlich von Egedesminde auf dem 68° N. Br.) auf das Inlandseis unternahm, beginnt so zusagen eine neue Phase in der Geschichte der grönländischen Eiswanderungen.
Es ist dies das erste Mal, daß menschliche Wesen eine längere Strecke auf dem Inlandseise vordringen und mehrere Tage hintereinander auf demselben verbringen, wie es auch die erste Expedition ist, die eine Ausbeute von mehr wissenschaftlicher Natur hat.[19]
Am 19. Juli 1870 verließen die beiden Reisenden in Begleitung von zwei Grönländern den Eisrand in der Nähe des Fjordes. Sie hatten Proviant für 30 Tage mitgenommen. Ein Zelt hatten sie nicht, sie schliefen in zwei Schlafsäcken, die an beiden Enden offen waren, und in die sich zwei Personen mit den Füßen gegeneinander zur Noth hineinzwängen konnten. Dies Lager war indessen, wie +Nordenskjöld+ berichtet, mit dem unebenen Eis als Unterlage sowohl unbequem als auch kalt. Die ganze Ausrüstung der Expedition wurde auf einen Schlitten gezogen.
Man war indessen nicht weit vorgedrungen, als es sich infolge des unebenen Eises herausstellte, daß es eine Unmöglichkeit war, sich mit einer so großen Ausrüstung abzumühen. Deswegen beschloß +Nordenskjöld+ schon am zweiten Tage einen Theil des Proviants sowie den Schlitten zurückzulassen. Den Rest der Bagage nahm man auf die Schultern und setzte nun die Wanderung fort.
Am 21. Juli, als sie sich 36 Längsminuten östlich vom Fjord und 440 ~m~ über dem Meeresspiegel befanden, weigerten die Grönländer sich weiter zu gehen und kehrten auch wirklich am folgenden Morgen um. Die beiden energischen Europäer hatten jedoch noch nicht genug gesehen, sie setzten ihre Wanderung noch zwei Tage länger fort.
Am 22. Juli um 12 Uhr befanden sie sich auf dem 68° 22′ N. Br. und 56 Längsminuten östlich vom Zeltplatz am Fjord, in einer Höhe von fast 640 ~m~ über dem Meeresspiegel.
Am folgenden Tage (23. Juli) machten sie für die Nacht Halt auf dem 68° 22′ N. Br. und 76 Längsminuten östlich vom Fjord in einer Höhe von 600 ~m~, also merkwürdigerweise niedriger als am vorhergehenden Tage.
Sie waren jetzt des Proviants wegen gezwungen, zurückzukehren, um aber eine Aussicht über das Inlandseis zu haben, drangen sie doch am folgenden Tage bis zu einer weiter landeinwärts gelegenen Höhe vor, alles Gepäck an dem Ort zurücklassend, wo sie übernachtet hatten. Von dem Gipfel dieser Höhe sahen sie, daß das Inlandseis, soweit das Auge reichte, sanft anstieg, ohne durch Felspartien unterbrochen zu werden, so daß der Horizont nach Osten, Norden und Süden von einem Eisrand begrenzt wurde, der fast so eben war wie das Meer. Der Wendepunkt lag in einer Höhe von 690 ~m~ über dem Meeresspiegel und ungefähr 83 Längsminuten oder 56 Kilometer östlich von dem nördlichen Arm des Aulatsivikfjordes. Die zurückgelegte Entfernung betrug folglich circa 11 Kilometer pro Tag.
In der Nacht zwischen dem 25. und 26. Juli kamen sie wieder an den Fjord zurück, nachdem sie im ganzen 7 Tage auf dem Inlandseise zugebracht hatten.
Von dem Eis, über das die Expedition wanderte, giebt uns +Nordenskjöld+ eine ausführliche Beschreibung, die durch unterwegs von +Berggren+ aufgenommene Zeichnungen illustrirt wird. Es war in der Regel von tiefen und zum Theil breiten Spalten durchfurcht oder voller Unebenheiten bis zu einer Höhe von 12 ~m~ mit einer Abschrägung nach den Seiten zu von 25 bis 30°. Ein Hinderniß, das auch in nicht geringem Maße das Vordringen erschwerte, bildeten die vielen reißenden Bäche, die in tiefen Rinnen oben auf dem Eise flossen, und die oft nicht passirt werden konnten und deswegen umgangen werden mußten. Sie endeten gewöhnlich in großen Höhlen im Eise, sog. Gletscherbrunnen, in die sie sich als brausende Wasserfälle stürzten, um in der blauschwarzen Tiefe zu verschwinden. An einer Stelle stieß man auch auf einen Springbrunnen oder auf einen „intermittierten, mit Luft vermischten Wasserstrahl“, der in die Höhe sprang. Auch viele kleinere Seen befanden sich auf der Oberfläche; diese hatten keinen sichtbaren Abfluß trotz der zahllosen Bäche, die sich in sie ergossen. „Wenn man das Ohr gegen das Eis hielt, so vernahm man von allen Richtungen her ein eigenthümliches unterirdisches Brausen, das von den durch das Eis strömenden Bächen herrührte, und ein kanonenartiges Gedröhn zeugte von Zeit zu Zeit von der Bildung einer neuen Gletscherspalte.“
Das Wetter war während der ganzen Wanderung klar. Die Wärme stieg am Tage ein Stück über dem Eise „bis zu +7 bis 8° im Schatten und in der Sonne bis zu +25 bis 30° C. Nach Sonnenuntergang froren dagegen die Wasserlachen, und während der Nacht wurde es oft empfindlich kalt.“
Dies sind scheinbar schon im kleinen Observationen der merkwürdigen Temperaturverhältnisse, die in Grönlands Innerem ausfindig zu machen, uns vergönnt war.
Das Merkwürdigste, was bei dieser Expedition vorgekommen ist, und was ein gewisses wissenschaftliches Aufsehen erregte, ist indessen die erste Beschreibung des sogenannten Eisstaubes oder +Kryokonit+. Darunter versteht man ein feines graues Pulver, das, soweit man vordrang, über das Eis ausgebreitet war. Durch das Einsaugen der Wärme von den Sonnenstrahlen war dasselbe in das Eis hinein geschmolzen und hatte lothrechte cylindrische Löcher von 1-2 Fuß Tiefe und von ein paar Linien bis zu ein paar Fuß Quermaß gebildet, die so dicht nebeneinander lagen, daß man vergebens einen Platz für den Fuß, geschweige den für den Schlafsack suchte. Auf dem Boden dieser stets mit Wasser angefüllten Löcher lag der Staub in einer Schicht von mehreren Millimetern.
Diesem Staube legt +Nordenskjöld+ eine große Bedeutung bei; er nimmt nämlich an, daß er von kosmischem Ursprung ist, infolgedessen ist er mit der ganz neuen Theorie hervorgetreten, daß die Erde, wenigstens doch zum Theil, durch eine fast unmerkliche, stete Zufuhr von kosmischem Staub, der aus dem Universum herrührt, gebildet ist und noch immer wächst. Andere haben dagegen später nachgewiesen, daß dieser Staub in seiner Zusammensetzung auffallend dem Material der Küstenfelsen gleicht, weshalb sie meinen, daß der Staub von diesen Felsen aus auf das Eis geweht ist. Hierfür spricht der Umstand, daß die Staubmenge in demselben Grade abnimmt, in welchem man sich von den Küstenfelsen entfernt, und daß wir an der Ostküste von Grönland bei Umivik, wo das bloße Land am Eisrande fast verschwindend ist, fast keinen Staub auf dem Eise vorfanden.
Ein Jahr nach dieser bedeutungsvollen Eiswanderung (1871) wurde von dem Inspektor Nordwestgrönlands, +Krarup Smith+, eine Inlandsexpedition unter Führung des Assistenten +Möldrup+[20] ausgesandt. Den Erkundigungen zufolge, die +Nordenskjöld+ später in Grönland eingezogen hat, scheint die Expedition unverrichteter Sache zurückgekehrt zu sein.[21]
In dem dann folgenden Jahr kam +Whymper+ abermals nach Grönland zurück und bereiste den Distrikt nördlich von der +Diskobucht+ und beim +Umanak-Fjord+. Diesmal machte er indessen keinen Versuch, wieder auf das Inlandseis einzudringen, er beschränkte sich darauf, hohe Felsgipfel am Rande des Inlandseises zu besteigen, um sich eine Aussicht über dasselbe zu verschaffen. Am 18. August bestieg er einen 6800 engl. Fuß hohen Berg +Kelertinguit+ bei Umanak. Von dem Gipfel dieses Berges hatte er eine weite Fernsicht über das Inlandseis und fand seine frühere Ansicht bestätigt, daß ein ebener, zusammenhängender Rücken von schneebedecktem Eis „das Land so vollständig verdecke, daß keine Berghöhe sich auf der Oberfläche zeigte“. Mit einem Theodolit maß er den Winkel bis zu dem sichtbaren Rand des Inlandseises und schloß, daß derselbe „bedeutend über 10000 Fuß“ betragen muß. +Whymper+ scheint nun zu der Ueberzeugung gekommen zu sein, daß im Innern keine schneefreien Strecken zu finden seien, denn er sagt, „daß die an verschiedenen Stellen vorgenommenen Untersuchungen es zweifellos erscheinen lassen, daß Grönlands Inneres vom Norden bis zum Süden und vom Osten bis zum Westen vollständig in Schnee und Eis gehüllt ist“.[22]
Die Aufmerksamkeit, welche ~Dr.~ +Rinks+ Schriften über das grönländische Inlandseis zuerst erregten, hatte inzwischen gute Früchte getragen. Durch theils in Grönland, theils in den Alpen und in Skandinavien angestellte Untersuchungen hatte die Erforschung von Schnee und Eisgletschern, ihrer Wirksamkeit wie alles dessen, was damit in Verbindung stand, riesenhafte Fortschritte gemacht, und die Lehre von der Eiszeit hatte eine feste Form angenommen. Unter den Männern, die sich an dieser Arbeit betheiligten, können von skandinavischen Geologen erwähnt werden: die Norweger +Kjerulf+ und +Sexe+, sowie der Schwede +Torell+, der im Jahre 1859 in Grönland war.
Als man indessen mit dieser Arbeit weiter fortschritt, wurde der Gedanke rege, daß das frühere Inlandseis nicht allein ganz Skandinavien und das nördliche Europa bedeckt, sondern auch im wesentlichen dazu beigetragen hat, den Ländern, die es bedeckte, ihr Aussehen und ihre Form zu geben, indem die Eis- oder Wandergletscher, die lose liegenden Kies und Steine mit sich führten und sich in die Unterlage, über die sie sich hinbewegten, eingruben, im wesentlichen dazu beigetragen haben, tiefe Thäler und Fjorde zu bilden, wie wir sie z. B. in Skandinavien und besonders im westlichen Norwegen finden. Diese Lehre fand einen eifrigen Anhänger in dem englischen Geologen +Ramsay+. Ein Umstand, der stark für diese Annahme zu sprechen schien, war die Thatsache, daß diese durch tiefe Thäler und Fjorde zerklüfteten Länder sich stets dort vorfinden, wo man Spuren der Eiszeit nachweisen kann, und zwar nur dort allein.
Von vielen Geologen wurde diese Lehre indessen stark angegriffen, und eine der Waffen, deren man sich bediente, war die Thatsache, daß alle Gletscher in Europa, die man kannte und untersucht hatte, eine sehr geringe Wanderschnelligkeit besaßen, höchstens 2 Fuß in 24 Stunden, und aus der Reibung, die sie hervorbringen konnten, ließ sich auch nicht annähernd die riesenhafte Arbeit erklären, die sie früher vollbracht haben sollten.
Da reiste im Jahre 1875 der norwegische Geologe +Amund Helland+, der sich sehr für die Studien über die Wirkungen der Eiszeit in Norwegen interessirte, und der viele merkwürdige Verhältnisse nachgewiesen hatte, die damit in Verbindung standen, nach Nord-Grönland, um dort die Geschwindigkeit der Bewegung der Gletscher und ihre Wirkungen zu studiren.
Die Reise, welche in den Monaten Juni, Juli und August (1875) unternommen wurde, umfaßte die Strecke von der Kolonie Egedesminde (68° 42′ N. Br.) bis zum Fjord Kangerdlugssuak (ungefähr 71° 15′ N. Br.) im Distrikt der Kolonie Umanak. Er besuchte fünf mit Eis angefüllte Fjorde und zahlreiche kleinere Gletscher, unter denen der Gletscher am innern Theil des Ilordlek-Fjordes, von wo aus er das Inlandseis bestieg, also an demselben Ort, an dem +Whymper+ seinen ersten Versuch machte.
Die Ausbeute, welche diese Reise ergab, war besonders nach einer Richtung hin erstaunlich. Statt der bis dahin bekannten Bewegung von höchstens 2 Fuß in 24 Stunden entdeckte +Helland+ u. a., daß der mächtige Gletscher im Eisfjord von Jakobshafen sich mit einer Geschwindigkeit von 64 Fuß (19,54 ~m~) in 24 Stunden bewegte. Ein anderer Gletscher im +Torsukatak-Fjord+ hatte allerdings eine bedeutend geringere Geschwindigkeit, aber auch er bewegte sich über 30 Fuß (10,16 ~m~) in 24 Stunden. Dies waren ganz neue Faktoren, mit denen man rechnen mußte, wenn man der Wirksamkeit der Wandergletscher in Bezug auf die Bildung der Fjorde, Thäler und Seen eine Bedeutung beilegen wollte. Viele wollten deswegen dieser unerwarteten Entdeckung keinen Glauben schenken; durch spätere Untersuchung von dänischen Grönlandsfahrern sind sie dann freilich mehr als bestärkt.
Im ganzen waren +Hellands+ Beobachtungen in Grönland ganz danach angethan, die Theorien der Glacialisten zu stützen.
Wir kommen jedoch am Ende des Buches in einem eigenen Kapitel noch eingehender hierauf zurück, weshalb ich mich an dieser Stelle auf das bereits Mitgetheilte beschränken will.[23]
Im Jahre 1875 schrieb ~Dr.~ +Rink+[24] über die Möglichkeit, das Innere Grönlands zu bereisen. Er hielt es für sehr bedeutungsvoll, diese Untersuchungsreise, vom Westen ausgehend, bis an die Ostküste zu unternehmen. Er sagt darüber: „Ich glaube, daß sie sich am besten mit von Menschen gezogenen Schlitten bewerkstelligen ließe. Zwei kleine Schlitten müßten auf das sorgfältigste konstruirt und mit allen Bedürfnissen versehen werden. Außer dem wissenschaftlichen Leiter und einem Gehülfen müßten ungefähr vier Europäer an einer solchen Expedition theilnehmen.“ -- Merkwürdigerweise ist mir diese Schrift erst nach meiner Rückkehr aus Grönland in die Hände gefallen, wie man aber ersehen wird, stimmt der darin ausgesprochene Gedanke in mehreren Punkten mit meinem Plan überein. Als Ausgangspunkt für eine solche Reise empfahl ~Dr.~ +Rink+ die Gegend nördlich von Fredrikshaab, auf dem 62½° N. Br.
Im folgenden Jahre (1876) begannen auf dänische Staatskosten infolge eines Vorschlages des dänischen Geologen Prof. +Johnstrup+ die „geologischen und geographischen Untersuchungen in Grönland“. Diese Untersuchungen sind seit der Zeit alljährlich fortgesetzt worden und haben eine große und sehr werthvolle Ausbeute ergeben, die im wesentlichen in dem schönen und bedeutungsvollen Werk „Mittheilungen über Grönland“ niedergelegt sind. Von diesem Werk sind bis dahin 12 Hefte erschienen und von der Kommission herausgegeben, die zur Leitung der Untersuchungen gewählt wurde, und die aus Prof. +Johnstrup+, Minister +N. F. Ravn+ und ~Dr.~ +H. Rink+ bestand.
Wie vorauszusehen war, bildete die Erforschung des Inlandseises eine der wichtigsten Aufgaben für diese Untersuchungen, und die Expedition, welche unter Leitung des Assistenten +Steenstrup+[25] im ersten Jahr (1876) ausgesendet wurde, stellte es sich u. a. zur Aufgabe, eine „vorläufige +Rekognoscirung+ des Eisrandes“ im Julianshaaber Distrikt[26] vorzunehmen. Man beabsichtigte, einige Meilen weit hineinzugehen, bis an die drei auf früheren Karten angegebenen Nunataks, die sogen. „Jungfrauen“ oder „Niviarsiat“, um die Beschaffenheit des Eises zu untersuchen und festzustellen, ob es sich als Ausgangspunkt für ein Eindringen in das Inlandseis eigne. Dieser Plan gelang jedoch nicht, man stieß auf sehr unebenes Eis voll großer, tiefer Schluchten. Statt dessen unternahm man deswegen Messungen der Bewegungen des Eises in drei Eisgletschern, was bis dahin in Südgrönland noch nicht geschehen war. Die größte Geschwindigkeit betrug 3,75 Meter innerhalb 24 Stunden.[27]
Die nächste Expedition, an der Assistent +Steenstrup+ und Premierlieutenant zur See +J. A. D. Jensen+ theilnahmen, und die im Jahre 1877 nach dem nördlichsten Theil des Fredrikshaaber Distrikts ausgesandt wurde, erhielt ebenso wie die erste den Auftrag, außer einer gewöhnlichen Untersuchung der Küste „wenn möglich den Versuch zu machen, +auf das Inlandseis hinaufzugelangen+“, diesmal „in der Nähe von Frederikshaab oder an einem andern dazu geeigneten Punkt“. Also genau in der Gegend, welche zwei Jahr früher von ~Dr.~ +Rink+ empfohlen war. Auch dieser Versuch mißlang indessen infolge unbeständigen Wetters.[28]
In dem dann folgenden Jahr 1878 wurde der Versuch indessen mit mehr Erfolg wiederholt. Es wurde eine Expedition unter Leitung von Lieutenant +J. A. D. Jensen+ ausgesandt, die sich zu den interessantesten Reisen auf dem grönländischen Inlandseis gestalten sollte. +Jensens+ Begleiter waren seine Landsleute Kandidat +Karnerup+ und Architekt +Groth+, in Grönland nahm er außerdem den Grönländer +Habakuk+ mit. Als Ausgangspunkt wurde abermals Fredrikshaab gewählt. Man unternahm zwei Wanderungen auf dem Eise.
Während der ersten (3. Juli), die nur einen Tag dauerte, wurde der Nunatak +Nasausak+ (1478 ~m~ hoch), einer der sogenannten Dalager-Nunataks an der Südseite des Gletschers besucht. Diese Wanderung ist insofern interessant, als sie in derselben Gegend unternommen wurde, welche +Dalager+ einst besucht hatte.
Da man diesen Ort indessen nicht für einen günstigen Ausgangspunkt für eine größere Eiswanderung hielt, so trat man dieselbe von einem nördlicher gelegenen Punkt, Namens +Itiodlek+, an.
Die Expedition war sorgfältig und in mehreren Beziehungen zweckmäßig vorbereitet. Der Proviant war auf drei Wochen berechnet. Die Gesamtausrüstung wog 200 Kilogramm und wurde auf zwei kleinen Schlitten (jeder für einen Mann berechnet) gezogen, die etwas über 5 Kilogramm wogen, 5 Fuß lang und 2¼ Fuß breit waren. Da man „tiefer landeinwärts auf Schnee zu treffen glaubte“, wurden 4 Paar Schneeschuhe und 4 Paar kanadische Schneeschuhe mitgenommen.
Am 14. Juli begann die Wanderung. Außer den oben erwähnten drei Europäern und einem Grönländer gaben ihnen während der ersten Tage ein Grönländer und drei Grönländerinnen das Geleite, um ihnen beim Aufsteigen auf das Eis behülflich zu sein. Das Eis, das sie antrafen, war in hohem Grade uneben und schwer zu passiren. Kapitän +Jensen+ hat selber in seinem Bericht (Mittheilungen über Grönland, Heft 1, Seite 54) eine lebhafte Schilderung der verschiedenartigen Beschwerden und Widerwärtigkeiten gegeben, welche ihr Vordringen verzögerte. Unter anderm litten sie Alle in hohem Grade an der Schneeerblindung. Infolgedessen gelangten sie nur in kurzen Tagesmärschen vorwärts, und erst am elften Tage (24. Juli) erreichten sie den größten des mehr als 9 Meilen entfernten Nunataks, die +Dalager+ seiner Zeit gesehen und für die Felsen von Österbygden gehalten hatte, die sich aber als eine Reihe von Nunataks entwickelten -- jetzt +Jensens Nunataks+ benannt -- und 4½ Meilen von dem nächsten Rande des Inlandseises entfernt liegen.
Auf dem Nunatak, den sie erreicht hatten, und dessen Fuß ungefähr 1264 Meter über dem Meeresspiegel lag, wurden sie sieben Tage lang vom Schneesturm aufgehalten.
Endlich, am 31. Juli, konnte die Rückreise beginnen, nachdem Kapitän +Jensen+ am Morgen vom Gipfel des Nunataks aus, der 1556 Meter über dem Meeresspiegel lag, eine gute Aussicht über das Inlandseis gehabt hatte, das nach innen zu „höher und höher anstieg, bis es mit dem Himmel verschmolz, der bedeutend höher lag als der Standpunkt des Zuschauers“.
Am Abend des 5. August erreichte man nach einer Abwesenheit von mehr als 23 Tagen abermals den Zeltplatz bei +Itiodlek+, wo die Wanderer auf das wärmste von den Grönländern und Grönländerinnen im Empfang genommen wurden.
Diese Wanderung ist eine der interessantesten, die jemals auf dem grönländischen Inlandseise vorgenommen wurden, sie brachte eine reiche wissenschaftliche Ausbeute, brachte Aufklärungen über die Beschaffenheit des Eises und die Strömungsverhältnisse in einer Gegend, die von Nunataks wimmelt, über die geologischen Verhältnisse dieser Nunataks, über das organische Leben auf denselben etc., alles Dinge von großem Interesse. Ferner brachte man eine reiche Sammlung von Skizzen mit, die von +Karnerup+ und +Groth+ aufgenommen waren.
Die großen Hindernisse, mit denen diese Expedition zu kämpfen hatte, und die das weitere Vordringen unmöglich zu machen schienen, hielten die Kommission für die Leitung der grönländischen Untersuchungen davon ab, weitere Versuche zwecks Vordringens in das Innere zu veranstalten. Den Plan, die Ostküste zu erreichen, wozu diese Expedition ja nur eine vorläufige Rekognoscirungstour hatte bilden sollen, gab man völlig auf.
Von dänischer Seite ist infolgedessen denn auch seit dieser Zeit kein Versuch gemacht worden, in das Inlandseis einzudringen, dagegen sind im Laufe der Jahre zahlreiche interessante Untersuchungen am Rande des Eises und kleinere Wanderungen bis an die in der Nähe des Randes gelegenen Nunataks unternommen worden. Es würde indessen zu weit führen, wenn wir uns hier auf eine nähere Beschreibung einlassen wollten. Wir verweisen den Leser auf die Mittheilungen über Grönland, die alles Diesbezügliche enthalten. Unter Denen, die sich an jener Arbeit betheiligt haben, sind zu nennen: Assistent +Steenstrup+, Kapitän z. S. +J. D. A. Jensen+, Lieutenant +Hammer+ und Lieutenant +C. Ryder+.
Die beiden Letzteren haben interessante Messungen über die Gletschergeschwindigkeit in Nord-Grönland vorgenommen. Besonders verdienen der Erwähnung +Ryders+ Messungen des +Uperniviks+-Gletschers, der sich im August des Jahres 1886 mit einer Schnelligkeit bis zu 31 ~m~ in 24 Stunden bewegte.
Im Jahre 1880 unternahm der schwedische Geolog +Holst+ eine Reise in Süd-Grönland, auf welcher er das Inlandseis besuchte und kleine Wanderungen auf dasselbe von verschiedenen Punkten aus unternahm. Der Zweck dieser Reise war im wesentlichen eine Untersuchung des von +Nordenskjöld+ zuerst beschriebenen Eisstaubes (+Kryokonit+), der nach +Holsts+ Analyse aus denselben Bestandtheilen besteht wie die Küstenfelsen, weshalb er ihn für Staub hält, den die Winde von der Küste aus mit sich geführt haben.