Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band
Part 6
[10] +Kablunak+ oder richtiger +Kavdlunak+ bedeutet auf Grönländisch „Europäer“, wird jedoch jetzt fast ausschließlich für Dänen angewandt.
[11] Welcher Nunatak dieser Omertlok gewesen ist, kann nicht mit Bestimmtheit angegeben werden, da auf der südlichen Seite von Fredrikshaab mehrere Nunataks im Inlandseise liegen und keiner von ihnen, soviel mir bekannt ist, jetzt von den Grönländern so genannt wird. Soweit ich +Dalagers+ Bericht verstehe, hat er erst einen Nunatak besucht und dann am nächsten Tage seine Wanderung landeinwärts nach einem anderen, dem „öbersten Berge auf dem Eisfelde“ (möglicherweise dem nördlichsten) fortgesetzt. Es erscheint mir daher nicht sehr wahrscheinlich, daß dieser Berg (Amertlok) derselbe Nunatak, der +Nasausak+ ist, der im Jahre 1878 von Kapitän +J. A. D. Jensen+ und seiner Expedition besucht wurde, wie letzterer anzunehmen scheint (siehe sein vorhin erwähntes Buch: „Ueber das Inlandseis in Grönland“, Seite 24. Siehe auch seinen Bericht: „Mittheilungen über Grönland“, Bd. 1, Seite 48). Zwischen dem +Nasausak+ und dem Rande des Inlandseises liegt kein Nunatak, auch beträgt die Entfernung von diesem keine Meile.
[12] +O. Fabricius+: „Ueber das Treibeis in den nördlichen Gewässern, vornehmlich in der Davisstraße“ (1784). Dansk Vid. Selsk. Skrifter, 1788, 3, 65-84.
[13] +Gieseckes+ mineralogische Reise in Grönland von +F. Johnstrup+. Kjöbenhavn 1878, Seite 173.
[14] Schon im voraufgehenden Jahre (1859) hatte der Amerikaner Oberst +Schaffner+ bei seinem bereits (siehe Bd. I S. 287) erwähnten Besuch in Julianehaab einen Ausflug auf das Inlandseis unter Führung von Lieutenant +Höyer+, Handelsassistent in der Kolonie, machen sollen. (Erwähnt in: +Zeilau+, Foxexpedition. Kjöbenhavn 1861.)
[15] Foxexpeditionen i Aarel 1860 etc. Kjöbenhavn 1861. Seite 156-171.
[16] Siehe die Diskussion in Veranlassung des Vortrags, den der Verfasser in London hielt: ~Proceedings of the Royal Geographical Society and Monthly Record of Geography~, August 1889.
[17] +Edward Whymper+ „~Explorations in Greenland~“ in der Zeitschrift „~Good Words~“, herausgegeben von +Donald Macleod+, ~d. d.~ Januar, Februar, März 1884. Dies ist der einzige ausführlichere Bericht, den +Whymper+ selber über seine Reise geschrieben hat. Sein Begleiter +Robert Brown+ hat indessen ebenfalls einen Artikel darüber geschrieben: „Das Innere von Grönland“ in Petermanns Mittheilungen 1871.
[18] +Robert Brown+, der Einer von diesen Dreien war, stellt (in seinem Bd. II. S. 39 in der Anmerkung erwähnten Artikel in Petermanns Mittheilungen 1871, Seite 385) die sonderbare Behauptung auf, daß sie in weiter Ferne vor sich einen Nunatak oder eine Insel erblickten, die jetzt ganz von Eis umgeben ist, die aber noch in diesem Jahrhundert mit einem Kajak erreicht werden konnte und die zu der Zeit bewohnt war.
[19] Ein Bericht von der +Nordenskjöld+schen Expedition: „~Redogörelse för en expedition til Grönland år 1870~“ befindet sich in der Uebersicht des K. Vih. Akad. Förh. Stockholm 1870, Seite 973.
[20] ~Dr.~ +H. Rink+ hat hierüber einen Bericht in „Petermanns Mittheilungen“ 1883, Seite 133, gegeben.
[21] Siehe +Nordenskjöld+: „Die zweite Dicksonska-Expedition nach Grönland etc.“ Stockholm 1885, Seite 155.
[22] Auch diese Reise ist in „~Good Words~“ 1884, Seite 101-103 und 183-189, geschildert worden.
[23] +Helland+ hat seine Beobachtungen in Grönland im Archiv für Math. und Naturwissenschaften, Bd. 1, Kristiania 1876: „Über die mit Eis angefüllten Fjorde und die glacialen Bildungen in Nordgrönland“, beschrieben, sowie einem Artikel in „~The Quarterly Journal of the Geological Society~“ (London) Februar 1877, Seite 142-176, betitelt: „~On the Ice-Fjords of North Greenland, and on the Formation of Fjords, Lakes and Cirgnes in Norweg and Greenland.~“
[24] „Über das Binnenland Grönlands und die Möglichkeit, selbiges zu bereisen.“ Petermanns Geogr. Mitteilungen 1875, Heft VIII., Seite 297 bis 300.
[25] Außer +Steenstrup+ nahmen daran Theil der ~cand.~ +Kornerup+ und der damalige Pr.-Lieut. zur See +G. Holm+.
[26] Siehe hierüber: „Mittheilungen über Grönland“, Heft 1, Seite 6 (Kopenhagen 1879).
[27] Diese Expedition ist beschrieben in den „Mitth. über Grönl.“, Heft 2 (1881), Seite 1-27.
[28] Siehe hierüber „Mitth. über Grönl.“, Heft 1, Seite 8.
[29] Siehe hierüber Nordenskjöld: „Die zweite Dicksonsche Expedition nach Grönland u. s. w.“ Stockholm 1885, Seite 8 etc.
[30] Die zweite Dicksonsche Expedition u. s. w. Seite 129.
[31] Siehe übrigens hierüber: „Die zweite Dicksonsche Expedition u. s. w.“ Seite 233-235.
[32] ~Bulletin of the American Geographical Society~, Bd. XIX., New York 1887, Seite 261-289.
[33] +Maigaard+, Geogr. Zeitschrift, Bd. 9, Kopenh. 1888, Seite 90.
[34] Wie weit die Höhenbestimmung (7525 engl. Fuß) ganz korrekt ist, ist schwer zu sagen, da sie nur auf Observationen beruht, die mit dem Aneroidbarometer gemacht sind. Obwohl wir auf unserer Wanderung 3 vorzügliche Aneroidbarometer bei uns hatten, die eigens für unsere Zwecke in London verfertigt waren, so würden wir doch, falls wir nicht die tägliche Kontrolle mit dem Kochbarometer gehabt hätten, die Höhe viel zu hoch angeschlagen haben (was ich auch gleich anfangs in meinem Brief von Godthaab aus an Etatsrath +Gamél+ that, als die Kochbarometer-Observationen noch nicht ausgerechnet waren). Merkwürdigerweise sanken und stiegen alle 3 Barometer völlig regelmäßig und übereinstimmend mit einander und nahmen, als wir die Meeresfläche wieder erreichten, ungefähr wieder denselben Stand ein, den sie gehabt hatten, als wir die Ostküste verließen. Hieraus ersieht man, daß man sehr vorsichtig sein muß, Observationen, die ausschließlich mit dem Aneroidbarometer gemacht sind, ein allzu großes Gewicht beizulegen.
Die angegebene Höhe scheint indessen, falls die Entfernung von der Küste richtig ist, keineswegs zu hoch berechnet zu sein. Wir haben schon in einer Entfernung von 15 Meilen (110 ~km~) von der Ost- und 22 Meilen (160 ~km~) von der Westküste eine solche Höhe erreicht, und die Steigerungsverhältnisse müssen, meiner Ansicht nach, zwischen dem 69. und 70. Breitengrad ungefähr dieselben sein.
[35] Hier mag erwähnt werden, daß Kapitän +Hovgaard+, der Leiter der Dijmphna-Expedition, nachdem was er mir kürzlich selbst mitgetheilt hat, vor einer Reihe von Jahren einen Antrag an das Ministerium einreichte, der darauf hinausging, daß die beabsichtigte Frauenbootsexpedition an die Ostküste mit einer mit Hundeschlitten auszurüstenden Expedition über das Inlandseis von der Ost- bis zur Westküste verbunden werden möge, was er mit Leichtigkeit ausführen zu können meinte. Dem Plan scheint keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt worden zu sein.
[36] „Grönlands Inlandseis“, „Naturen“. Bergen 1888.
Kapitel XVII.
Wir verlassen die Ostküste.
Die ersten Tage nach unserer Eiswanderung wurden, wie oben erwähnt, zur Instandsetzung unserer Ausrüstung benutzt. Wir hatten bedecktes, mildes Wetter mit Regen, weshalb wir unseren Aufbruch nicht beeilten; wir hofften auf klares Wetter mit Nachtfrösten. Zu unserer Ernährung bedienten wir uns in diesen Tagen im wesentlichen der Seevögel, die wir während unserer Bootsfahrt an der Ostküste entlang geschossen hatten, und die wir bis dahin aus Mangel an Zeit nicht verzehren konnten. Sie mundeten ganz vorzüglich; es war ein köstlicher Anblick, uns auf dem Berge um den Kochtopf herum -- der aus einem Blechkasten bestand, in dem wir Brot gehabt hatten -- lagern zu sehen; mit den Fingern holten wir uns dann je einen Vogel aus der Brühe, rissen ihn auseinander und verzehrten ihn mit Hülfe der Zähne und Finger. So moderne Einrichtungen wie Gabeln hatten wir selbstredend nicht; ich kann auch aus eigener Erfahrung versichern, daß dies ganz überflüssige Geräthschaften sind, -- die Gabeln, die wir vom lieben Gott bekommen haben, sind außerordentlich praktisch, wenn man sie nur nicht in allzuheiße Kochtöpfe hineinsteckt; aber darin gewinnt man gar bald Uebung.
Am 14. August wurde das Wetter besser, und nun beschlossen wir, Ernst aus der Sache zu machen. Nach +Sverdrups+ und meiner Ansicht ließ sich das Inlandseis am besten von dem Berge aus erreichen, auf dem wir in jener Nacht gewesen waren, d. h. falls derselbe von der See aus einigermaßen zugänglich war.
Wir ließen deshalb unsere Böte noch einmal ins Wasser hinab, packten alles hinein und zogen von dannen, um, wenn möglich, die Besteigung nun endlich in Angriff zu nehmen. Aber Niemand von uns hatte den Berg von unten gesehen, und nun stellte es sich heraus, daß er ganz steil war, und daß ein Erklimmen mit unserer schweren Ausrüstung mit zu großen Schwierigkeiten verknüpft sein würde. Da blieb uns denn nichts übrig, als zu unserem Zeltplatz zurückzukehren und von dort aus anzufangen.
Noch einmal wurden unsere Böte gelöscht, und erst spät in der Nacht waren wir mit allem fertig.
Am folgenden Tage (15. August) wurden die Böte an ihre bleibende Ruhestätte in eine kleine Bergschlucht gebracht, wo sie einigermaßen geschützt waren. Wir legten sie sorgfältig hin, den Kiel nach oben und belasteten sie des Windes wegen mit schweren Steinen; hoffentlich liegen sie dort noch. Unter die Böte legten wir ein kleines Depot von Munition, getrocknetem Seehundsfleisch und a. m. Einiges Handwerkszeug, hauptsächlich zum Boote gehörend, blieb ebenfalls zurück, darunter ein Segelmacherhandschuh, den wir später schmerzlich entbehren sollten. Wie bereits früher erwähnt, war es auch meine Absicht, eine von unseren Büchsen hier zurückzulassen, als es aber so weit war, fanden wir jedoch, daß sie zu hübsch war, um sich davon zu trennen.
Auf ein kleines Stück Papier schrieb ich einen kurzgefaßten Bericht über das Schicksal der Expedition bis zu diesem Tage, verwahrte ihn gut in eine kleine Blechdose, und legte sie in die Brotkiste, die zu dem Walfischfangboot gehörte und die unter demselben aufbewahrt wurde. In diesem Bericht sage ich u. a., daß wir der besten Hoffnung sind, glücklich bis zur Westküste zu gelangen, wenn wir nur genug Frost bekommen. Davon sollten wir nun wahrhaftig mehr als genug verspüren!
Die Lappen schlugen vor, einen unserer großen Schlafsäcke zurückzulassen, in dem andern, meinten sie, könnten sehr wohl vier Mann schlafen, und sie wollten Beide in ihren Pelzen liegen; das könnten sie selbst bei einer Kälte von 40° aushalten. Ich hielt es jedoch für richtiger, die Sache erst ein wenig mit anzusehen, ehe wir uns von den Schlafsäcken trennten, wir konnten ja möglicherweise doch noch Verwendung für dieselben haben. +Balto+ meinte ganz entschieden, daß diese Fürsorge überflüssig sei, es sei nur überflüssiges Gepäck, was wir da mit uns herumschleppten. Sehr lange sollte er jedoch nicht dieser Ansicht sein.
Da es am Tage sehr warm war, und der Schnee infolgedessen weich wurde, beschlossen wir, während der Nacht zu wandern und am Tage zu schlafen. Ungefähr um 9 Uhr Abends waren die Schlitten beladen, und wir begannen unsere Wanderung, deren Ziel +Kristianshaab+ war. Im Anfang ging es nur langsam; die Schneefläche, über die wir hinzogen, reichte freilich bis an den Strand hinab, so daß wir die Schlitten von unten an ziehen konnten, aber die Steigung war steil, und wir mußten zu Dreien an jedem Schlitten ziehen und kurze Touren machen. Die Schlitten waren ziemlich schwer, auf jedem befanden sich über 100 ~kg~. Als wir so hoch hinaufgekommen waren, daß wir sie einzeln ziehen konnten, luden wir den Inhalt ein wenig um, so daß jeder der vier Schlitten ungefähr 100 ~kg~ Gepäck enthielt, während der fünfte, der von Zweien gezogen wurde, ungefähr das doppelte Gewicht hatte.
In dieser Nacht hatten wir gutes Wetter mit etwas Frost, gerade so viel, daß der Schnee ein wenig härter wurde. Mit Ausnahme der starken Steigung war die Eisfläche einigermaßen gut; auf Risse im Eise stießen wir nicht. Gegen Morgen kamen wir an ziemlich schlimmes Eis mit zahlreichen Schluchten und Unebenheiten, die Oberfläche war jedoch noch hart, so daß die Schlitten gut darüber hinglitten. Nachdem wir etwa eine halbe Meile zurückgelegt hatten, schlugen wir unser Zelt in einer Höhe von ungefähr 180 ~m~ auf. Es war ein wahrhaft himmlischer Genuß, ein halbes Dutzend Tassen warmen Thees mit kondensirter Milch trinken und dann in die Schlafsäcke kriechen zu können. Wir waren wohl Alle der Ansicht, daß wir angenehmere Arbeit gekannt hatten, aber wir schwiegen wohlweislich darüber. Gerade als wir uns schlafen legen wollten, entdeckten wir, daß wir unser einziges Stück Schweizer Käse an dem Orte hatten liegen lassen, wo wir gegen Mitternacht unsere Mittagsmahlzeit einnahmen. Dies Stück Käse im Stich zu lassen, war im Grunde zu viel verlangt, aber wir waren so müde, daß man ebenso wenig von uns verlangen konnte, jetzt zurück zu laufen und es zu holen. Da erbot sich +Dietrichson+ freiwillig, zurückzugehen, er thäte es gern, sagte er, dann bekäme er einen Morgenspaziergang, ehe er sich schlafen legte, und könnte sich gleichzeitig ein wenig umsehen, was in Bezug auf seine Karte ganz praktisch sei. Voller Bewunderung sah ich ihm nach, wie er frank und frei dahinschritt, -- ich konnte nicht begreifen, wie Jemand Lust verspürte, nach dieser anstrengenden Nachtarbeit einen Morgenspaziergang zu machen.
Gegen Abend zogen wir weiter über dasselbe unebene Eis. Um Mitternacht wurde es so dunkel, daß wir nicht sehen konnten, deshalb schlugen wir um 11 Uhr unser Zelt auf, kochten Schokolade und erwarteten das Tageslicht. Wir kamen jetzt an ebeneres Eis, aber der Schnee wurde loser und die Risse häufiger, die meisten derselben konnten wir jedoch mit ziemlicher Leichtigkeit umgehen. Als der Morgen dämmerte, fing es an zu regnen, und der Regen nahm allmählich derartig zu, daß es nicht mehr angenehm war. Natürlich zogen wir Alle unsere Regenkostüme an, aber die waren nichts weniger als wasserdicht; der Regen strömte so auf uns herab, daß wir bald bis auf die Haut durchnäßt waren. Wir hatten auch nicht einen trocknen Faden mehr auf dem Leibe. Zum Frieren hatten wir freilich keine Veranlassung, obwohl ein ziemlich scharfer Wind blies; die Arbeit hielt uns warm, und wir mußten uns aus Leibeskräften anstrengen, aber es war nicht angenehm zu fühlen, wie das Zeug Einem am Leibe festklebte und jede Bewegung hinderte. Bis über den Vormittag hinaus zogen wir rastlos weiter. Die Steigung war jetzt nicht mehr so stark, wir konnten die Schlitten jetzt zu Zweien ziemlich leicht ziehen. Da waren zahlreiche Spalten, weshalb wir uns in acht nehmen mußten. Wir konnten uns nicht mit den Seilen aneinander festbinden, da es zu schwer wurde; wir mußten uns damit begnügen, mit den Schlitten vermittelst des starken Ziehtaues verbunden zu sein, das an dem soliden Ziehgurt befestigt war, den wir um den Leib trugen. Wenn wir durch die Schneebrücken über den Rissen fielen, so blieben wir auf diese Weise dort hängen, und so lange der Schlitten nicht mit hinabgerissen wurde, was nicht sehr wahrscheinlich war, da er eine ziemliche Länge hatte, -- konnten wir ohne Gefahr hängen bleiben, bis Einer der Anderen uns zu Hülfe kam. Es geschah übrigens nur selten, daß wir versanken und zwar nie weiter als bis an die Arme, brachten wir dann unsern Stock oder die Eisaxt quer über der Spalte an, so konnten wir uns ohne Hülfe aus dieser unangenehmen Lage befreien. Es war in der Regel leicht, die langen Schlitten über die Risse zu bringen, sie hatten eine so große gute Tragefläche, und es handelte sich nur darum, sie schnell hinüber zu bekommen, dann glitten sie sicher über den Abgrund hinweg, selbst wenn es hie und da unter ihnen krachte.
Gegen 12 Uhr des Vormittags machten wir endlich Halt und schlugen unser Zelt auf einer kleinen Fläche zwischen zwei mächtigen Spalten auf. Das Wetter war jetzt ganz unmöglich geworden. Wir bekleideten den äußeren Menschen mit trockenem Zeug und erwärmten den inneren durch unzählige Tassen heißen Thees. Nachdem wir unsere Stäbe und Schneeschuhe unter den Zeltboden gelegt hatten, um ein trockenes Lager herzurichten, und uns, so gut es ging, gegen den Regen geschützt hatten, krochen wir in unsere Kojen; die rauchenden Mitglieder der Expedition erhielten auch eine Pfeife Tabak, und nun befanden wir uns äußerst wohl, während draußen Sturm und Regen tobten. Drei Tage und drei Nächte, also vom Mittag des 17. August bis zum Vormittag des 20., wurden wir von einem furchtbaren Wetter mit Sturzregen und Sturm ans Zelt gebannt. Während dieser ganzen Zeit verließen wir unsere Schlafsäcke nur auf kurze Augenblicke, um uns Essen zu holen oder dergleichen. Den größten Theil der Zeit verschliefen wir, -- gleich im Anfang schliefen wir volle 24 Stunden ohne Unterbrechung. Die Essenrationen wurden auf das kleinste Quantum beschränkt, da wir nicht arbeiteten, bedurften wir auch nicht so vieler Nahrung; ein wenig mußten wir freilich haben, um das Leben in uns aufrecht zu erhalten, deswegen aßen wir ungefähr einmal am Tage, -- einige der Gefährten fanden allerdings, daß dies herzlich wenig war, und behaupteten, ihre Magen schrien vor Hunger. Wenn wir nicht aßen oder schliefen, füllte man die Lücken im Tagebuch aus, erzählte Geschichten, las in den Büchern der nicht sehr zahlreichen Bibliothek, die aus dem Seekalender, der Logarithmentabelle und anderen ähnlich interessanten Büchern, sammt einer Abhandlung von Professor +Helland+ über die mit Eis angefüllten Fjorde Grönlands bestand. Ravna und Balto lasen, wie gewöhnlich, in ihrem Testament. Am liebsten verbrachten wir jedoch unsere Zeit damit, das Zeltdach zu studiren und dem Plätschern des Regens und dem Winde zu lauschen, der die Zeltwände und Pardunen rüttelte und schüttelte.
Endlich, am Vormittag des 20. August, besserte das Wetter sich so weit, daß wir unsere Wanderung fortsetzen konnten. Vorher nahmen wir aber noch eine kräftige Mahlzeit mit warmer Linsensuppe ein, die uns für die Hungerkur der vorhergehenden Tage entschädigen sollte.
Wir hatten noch immer stark zerklüftetes Eis; als wir den Versuch machten, eine Höhe zu erklimmen, die gerade vor uns lag, nahmen die Risse in dem Grade zu, daß wir nicht weiter kommen konnten, sie liefen nämlich nicht alle parallel, sondern schnitten sich in zwei Richtungen quer auf einander, und da ist man bald mit seiner Kunst zu Ende. Wir mußten zurück, um unsern Kurs nordwärts zu richten, und fuhren nun, auf den Schlitten sitzend, hinab, zwischen den Rissen hindurch, natürlich mußten wir aber gut acht geben, um nicht in der Tiefe zu verschwinden.
Weiter nach Norden zu wurde das Eis besser, die Steigung war nicht mehr so stark und der Weg überhaupt besser. An einzelnen Stellen konnten wir sogar Jeder einen Schlitten ziehen, nur Sverdrup und ich gingen mit dem schweren Schlitten voran, um das beste Eis auszusuchen. Der Regen hatte das Terrain scheinbar sehr verbessert, denn der Schnee war fester geworden oder auch zum Theil ganz weggewaschen. Wir sanken jedoch noch tief genug ein; sobald wir nur Frostwetter bekämen, würde es vorzüglich werden. Die Oberfläche war immer noch uneben, und Balto schreibt in seiner Schilderung darüber:
„Am 20. (soll 22. sein) wurde das Inlandseis schrecklich uneben, es sah aus wie große Meereswellen, und es war entsetzlich schwer, die Schlitten auf die Wellen hinauf zu schleppen, und wenn man dann wieder hinabging, kamen die Eisstücke hinter uns hergerollt. Das Seil, an dem wir die Schlitten zogen, schnitt so in die Schultern ein, daß wir ein Gefühl hatten, als seien wir verbrannt.“
Am Abend gegen 8 Uhr hatte es den Anschein, als ob der Himmel sich aufklären wollte, und da wir es als sicher ansahen, daß in dem Falle Frostwetter eintreten würde, machten wir sofort Halt und schlugen unser Zelt auf, um lieber zu warten, bis das Terrain hart geworden war.
Am nächsten Morgen, den 21. August, gegen 4 Uhr weckte ich die Kameraden. Der Himmel war wolkenlos, und obwohl das Thermometer zeigte, daß die Luft noch Wärmegrade enthielt, hatte sich doch eine so harte Kruste auf dem Eise gebildet, daß es uns trug. Die Steigung war noch immer stark, und die Spalten waren groß und zahlreich, aber ohne weitere Unglücksfälle rückten wir heute in dem herrlichsten Wetter vor und hielten im warmen Sonnenschein, der den Schnee weicher und weicher machte, bis hoch in den Vormittag hinein aus. Allmählich wurden die Anstrengungen jedoch unerträglich, und ein verzehrender Durst quälte uns. Trinkwasser gab es nicht mehr, wir sollten es erst an der Westküste wiederfinden. Den einzigen Ersatz dafür mußten wir in dem Wasser suchen, das wir gewannen, indem wir unsere Feldflaschen aus Blech mit Schnee füllten und sie an der Brust, zuweilen sogar am bloßen Leibe trugen. Wenige von uns waren jedoch warmblütig und geduldig genug, um zu warten, bis der Schnee sich in Wasser verwandelte, man sog lieber allmählich, als er anfing, ein wenig feucht zu werden, die Wassertropfen ab, und so konnte denn nichts aus dem Trinkwasser werden.
Endlich gegen 10 Uhr vormittags erreichten wir die Höhe, die wir uns als Ziel gesetzt hatten; wir waren ¾ Meilen an jenem Tage gegangen. Von hier aus war die Steigung nur schwach und das Eis ganz frei von Rissen. Wir waren der Ansicht, daß jetzt die erste Schwierigkeit auf dem Inlandseise überwunden sei, deswegen hielten wir eine ganz kleine Festmahlzeit, die aus einer Extraration Haferkakes, Mysekäse und Preißelbeerkompot bestand. Wir waren jetzt auf einer Höhe von ca. 870 ~m~ angelangt und konnten einzelne Nunataks weiter nach dem Lande hinein erblicken, -- in nördlicher Richtung hatten wir deren schon eine ganze Reihe gesehen.
Am Morgen des 22. August um zwei Uhr zogen wir weiter. Wir hatten einen guten Nachtfrost gehabt (-5° C.), und der Schnee war steinhart, aber ungewöhnlich uneben, so daß unsere Schlitten sogar mehrmals umwarfen. Gegen 9 Uhr hatte die Sonne wieder so viel Kraft, daß wir unser Zelt aufschlagen mußten, nachdem wir ungefähr eine Meile zurückgelegt hatten.
Mehr und mehr empfanden wir jetzt den Mangel an Wasser, weshalb wir uns sehr auf unsern Thee freuten. Um ihn noch erfrischender zu machen, kam ich auf den genialen Einfall, etwas Citronensäure hinein zu thun, -- wir wußten ja Alle, daß Thee mit Citronensaft vorzüglich schmecken sollte. Wir vergaßen freilich, daß wir bereits kondensirte Milch hinzugefügt hatten, und wer beschreibt unsere Enttäuschung als die Milch, sobald die Citronensäure sich mit dem Thee vermischte, in großen Klumpen an den Boden des Gefäßes fiel. Wir tranken den Thee dessen ungeachtet, aber der Versuch wurde nicht wiederholt.
Gegen 9 Uhr des Abends zogen wir wieder weiter. Das Eis war noch immer sehr uneben, die Schlitten mußten bald auf die Kämme der Eiswogen hinaufgezogen werden, bald stürzten sie in die Wellenthäler hinab. Es ruckte und zog höchst unangenehm in den Schultern und dem Oberkörper, und Baltos Ausdruck, daß man ein Gefühl hatte, als habe man sich verbrannt, ist sehr bezeichnend.