Part 12
Casim wurde von Neid und Habgier ergriffen und konnte die ganze Nacht keinen Schlaf finden; andern Tages aber, schon früh am Morgen, machte er sich auf und ging zu seinem Bruder, den er seit langer Zeit weder gesehen, noch gesprochen hatte; denn Casim war stolz und hochmütig geworden, seitdem er die reiche Frau geheiratet hatte. Er sagte: »Höre, Ali Baba, du spielst den Notleidenden und Bedürftigen und gibst dir den Anschein, ein Bettler zu sein; aber in Wahrheit bist du so reich, daß du dein Gold in Maßen messen mußt.« Ali Baba tat sehr verwundert und sagte: »Ich weiß nicht, was du meinst; sprich deutlicher, denn ich verstehe dich nicht.« Da wurde Casim zornig und sagte mit wütender Stimme: »Glaubst du, mich täuschen zu können? Sieh hier das Goldstück, das meine Frau an dem Maße gefunden hat; wieviel hast du davon?« Bei diesen Worten erschrak Ali Baba, denn er sah ein, daß durch den Starrsinn seiner Frau Casim und sein Weib bereits um sein Geheimnis wußten; da nun der Fehler nicht wieder gutzumachen war und er Verdruß und Unheil fürchtete, erzählte Ali Baba seinem Bruder die ganze Geschichte, wie er durch Zufall den Schlupfwinkel der Banditen und den Schatz darin entdeckt habe; er war sogar bereit, sein Gold zu teilen, wenn Casim nur nichts verlauten lassen und das Geheimnis gut hüten wollte. »Ich muß alles wissen,« sagte Casim trotzig, »beschreibe mir den Ort genau, wo der Schatz verborgen liegt, und nenne mir das Zauberwort, das ich sprechen muß; wenn du mir aber nicht alles der Wahrheit gemäß gestehst, so werde ich dich beim Richter anzeigen. Dann wirst du deines Schatzes verlustig gehen und Schande auf dich laden; und ich werde für meine Anzeige eine gute Belohnung erhalten.« Ali Baba fürchtete sich keineswegs vor der frechen Rede seines Bruders, aber aus Gutmütigkeit erzählte er ihm alles, was er verlangte, und nannte ihm auch die Zauberformel, durch die er in den Felsen hinein und wieder hinaus gelangen konnte.
Kaum hatte Casim alles erfahren, so eilte er nach Hause, denn er wollte seinem Bruder zuvorkommen und den herrlichen Schatz für sich allein behalten. Als die ersten Strahlen des Morgens leuchteten, brach er auf und trieb zehn Maulesel vor sich her, die er mit großen Kisten bepackt hatte; denn er gedachte, so viel von dem Golde nach Hause zu schleppen, als ihm irgend möglich war, und vielleicht noch einmal zu der Höhle zu gehen, um auch das Übrige mitzunehmen. Er wählte den Weg, den Ali Baba ihm angewiesen hatte, und gelangte bald an den Felsen; er erkannte ihn an dem Baume, in dem Ali Baba sich vor den Räubern versteckt hatte. Sogleich entdeckte er auch die Türe und rief mit freudiger Stimme: »Sesam, öffne dich!« Alsbald sprang das Tor weit auf, er trat ein in die Grotte und sah in hellem Erstaunen, daß weit mehr Juwelen und Reichtümer darin angehäuft waren, als er vermutet hatte. Kaum hatte er die Höhle betreten, als sich der Felsen von selbst hinter ihm schloß. Sprachlos wanderte er umher; bestaunte und betastete die unermeßlichen Schätze, die er gern den ganzen Tag lang bewundert hätte, wenn ihm nicht eingefallen wäre, daß seine zehn Maultiere mit den Kisten warteten, um die gefüllten Beutel nach Hause zu tragen. Er nahm also so viele Säcke, als er schleppen konnte, und ging damit auf den Eingang zu, um sie draußen den Eseln aufzubürden; aber über allem Staunen und Erraffen war ihm gerade das entfallen, was für ihn am bedeutungsvollsten war; er hatte das Zauberwort vergessen, und rief: »Gerste, öffne dich!« Aber wie bestürzt und erschrocken war er, als die Türe seinem Rufe nicht gehorchte, sondern verschlossen blieb! In seiner Angst rief er alle Getreidenamen, die ihm gerade einfielen, nur nicht den richtigen, der seinem Gedächtnis entschwunden war — aber die Höhle blieb nach wie vor verschlossen. Bestürzung und Angst beschlichen wachsend seine Seele, und je mehr er rief und schrie, desto verwirrter und ratloser wurde er; das Wort »Sesam« war seiner Erinnerung so entschlüpft, als hätte er es niemals nennen hören. Er rannte verzweiflungsvoll in der Höhle auf und nieder, nach vorn und zurück, und warf die Säcke zornig auf die Erde, denn all die Schätze, die ihn vorher mit Gier und neidischer Freude erfüllt hatten, waren jetzt nutzlos und bereiteten ihm Schmerz und Furcht. Hoffnungslos setzte er sich auf eine der Kisten, die mit wertvollen Teppichen vollgepackt war, raufte sich die Haare und versank in tiefes, dumpfes Brüten. So wollen wir Casim verlassen, denn unseres Mitleids ist er nicht würdig.
Gegen Mittag kamen die Räuber durch den Wald auf den Felsen zugeritten und erblickten schon von ferne die mit Kisten bepackten Maulesel, die ungefesselt im Walde grasten und weideten. Bestürzt über diesen Anblick sprengten die Räuber näher, trieben die Tiere auseinander und achteten ihrer nicht weiter, denn ihre erste Sorge war, den Besitzer aufzufinden. Sie schlichen sich also um den Felsen herum und suchten alle Gebüsche ab, spähten auf alle Bäume, aber vergebens. Der Hauptmann schwang sich vom Pferde, zog den Säbel, trat auf die Türe zu und sprach das Zauberwort. — Casim hatte von drinnen das Getrappel und Stampfen der Pferde gehört und ahnte, daß es die Banditen seien, welche neue Beute bringen wollten. In seiner Angst stellte er sich dicht vor die Türe, denn er hatte beschlossen, den letzten Versuch zu seiner Rettung zu wagen, ehe er dem sichern Tode anheimfiele. Als sich der Felsen auftat, stürzte er hastig hinaus und prallte so ungestüm gegen den Hauptmann, daß er ihn heftig zu Boden warf. Aber sofort ergriffen ihn die übrigen Räuber, packten ihn, warfen ihn nieder und schlugen ihm auf der Stelle mit dem Säbel den Kopf entzwei. Dann stürmten sie in die Höhle hinein und fanden die Säcke, die Casim am Tore hingeworfen hatte; sie legten alles wieder an die vorige Stelle zurück, achteten aber nicht darauf, daß noch andere Beutel fehlten, die Ali Baba vorher weggetragen hatte, denn sie waren sehr bestürzt und verwundert. Sie dachten nun darüber nach, wie der Fremde wohl in die Höhle gekommen wäre; durch die Fenster an der oberen Wand, durch welche das Licht des Tages schimmerte, hatte er unmöglich einsteigen können, denn der Felsen war zu glatt und hoch; sie verstanden aber auch nicht, wie Casim durch das Tor hatte hereinkommen können, denn nur sie allein kannten die Zauberformel, um es zu öffnen. Sie wußten ja nicht, daß Ali Baba sie auf dem Baume belauscht hatte. Um aber künftighin vor Spähern sicher zu sein, vierteilten sie den Leichnam Casims und hingen die Stücke zu beiden Seiten des Tores auf, zwei zur rechten, zwei zur linken, damit ein jeder abgeschreckt und gewarnt würde, der etwa in die Grotte einzudringen wagte. Sie kamen überein, nicht eher an diesen Ort zurückzukommen, bis sich der Leichengeruch verflüchtigt hätte, schlossen das Tor wieder, bestiegen ihre Rosse und ritten durch den Wald der Straße zu, um neue Karawanen abzufangen und auszuplündern.
Als nun die dunkle Nacht kam und Casim nicht nach Hause zurückkehrte, ängstigte sich sein Weib und wurde unruhig. Sie lief zu Ali Baba und sagte: »Weißt du, lieber Schwager, wohin dein Bruder gegangen ist? Es ist bereits finster, und er ist noch nicht wieder daheim; ich fürchte sehr, daß ihm draußen im Walde irgendein Unglück widerfahren ist.« Ali Baba war an diesem Tage nicht fortgegangen, weil er erriet, daß sein neidischer Bruder schleunigst die Höhle aufsuchen würde; er vermutete wohl, daß Casim irgendein Unheil zugestoßen sei, blieb aber äußerlich heiter und ruhig, tröstete seine Schwägerin, so gut er es vermochte, und sagte ihr, daß ihr Mann vielleicht mit Absicht erst spät und auf Umwegen in die Stadt zurückkehre, um seinen Raub geheimzuhalten. Casims Frau ging nach Hause zurück und wartete, bis die Mitternacht verstrichen war; aber ihre Sorge und Angst wuchsen, da der Vermißte noch immer ausblieb; sie wagte nicht zu schreien und laut zu weinen, damit nicht eine der Nachbarinnen ihr Geheimnis erführe. Sie bereute sehr ihren Neid und ihre Neugierde und verwünschte ihre Eifersucht, die sie dazu getrieben hatte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen. Als der Tag anbrach, lief sie zu Ali Baba und bat ihn unter heißen Tränen, seinen Bruder im Walde zu suchen.
Mit drei Mauleseln machte sich Ali Baba auf den Weg und ging hinaus in den Wald, nachdem er seiner Schwägerin zugeredet und sie mit freundlichen Worten besänftigt hatte. Als er nun zu dem Felsen kam, staunte er sehr darüber, als er die frischen roten Blutspuren am Eingang entdeckte, und ahnte sofort Unheil. Er blickte um sich, aber auch die Maultiere des Bruders waren nirgends zu sehen. Er trat nun vor die Türe, sprach die Zauberformel und ging hinein. Wie erschrak er aber, als er in der Höhle den gevierteilten Leichnam seines Bruders hängen sah, zwei Teile zur rechten und zwei zur linken! Vor Staunen und Schmerz blieb er lange reglos stehen; dann aber beschloß er, seinem Bruder die letzten Ehren zu erweisen, nahm aus den Warenballen einige kostbare Tücher, hüllte die vier Teile seines Bruders hinein und lud alles einem seiner Tiere auf. Darüber aber legte er Reisig und Holz, damit niemand Argwohn schöpfen sollte. Dann bepackte er die beiden anderen Esel mit Goldsäcken, die er ebenfalls unter Reisig versteckte, schloß das Tor wieder mit der Zauberformel und zog ohne Umstände nach Hause zurück. Als er mit Anbruch der Nacht die Stadt erreichte, übergab er die zwei mit Gold beladenen Esel seinem Weibe und befahl ihr, den Schatz schleunigst zu vergraben. Mit dem andern Tiere aber, auf welchem Casims Leiche lag, ging er zu dem Hause seiner Schwägerin. Er klopfte vorsichtig an das Tor, und alsbald öffnete ihm Casims Sklavin Morgiana, ein kluges und verständiges Mädchen; sie schob leise den Riegel zurück, führte Ali Baba in den Hof und lud das Holz ab, nebst den eingehüllten Leichenteilen. Dann sprach Ali Baba leise zu ihr: »Höre, Morgiana, was ich dir jetzt sage. In diesen beiden Teppichen liegt der Leichnam deines Herrn; wir müssen sogleich die Bräuche zur Beerdigung vollziehen, als ob er eines natürlichen Todes gestorben wäre. Vor allem aber sei verschwiegen, denn das Geheimnis ist sehr wichtig und könnte deiner Herrin Unglück zuziehen. Jetzt führe mich hinein, damit ich mit deiner Gebieterin reden kann.« Ali Baba trat in das Gemach seiner Schwägerin, die ihm verstört und ungeduldig entgegenkam. »Gewiß bringst du mir schlechte Nachrichten von meinem Manne,« rief sie, »denn dein Gesicht ist umdüstert und kündet mir nichts Gutes.« Ali Baba erwiderte: »Nicht eher kann ich dir etwas erzählen, als bis du mir gelobst, kein Wort laut werden zu lassen über das, was nun einmal geschehen ist; für dich und für mich geziemt es sich gleichermaßen, Verschwiegenheit zu bewahren.« Bei diesen Worten weinte die Schwägerin und versetzte: »Nun weiß ich, daß mein Gatte nicht mehr unter den Lebenden weilt; aber ich erkenne, daß Verschwiegenheit nötig ist und gebe dir das Versprechen, das du von mir forderst.« Hierauf erzählte Ali Baba, was sich mit Casim zugetragen hatte und fügte noch hinzu: »Was Allah bestimmt hat, müssen wir ruhig hinnehmen. Hab' Geduld, und betrübe dich nicht allzusehr, denn das Unglück ist unabänderlich! Wenn du aber deinen Gatten nach Gebühr betrauert hast, so will ich dich gern zum Weibe nehmen, wenn dir das einen Trost geben kann; du brauchst nicht zu fürchten, daß meine erste Gattin dich durch Eifersucht quälen wird, denn sie ist freundlich und wird dir gewiß mit Zärtlichkeit entgegenkommen. Vor allem aber müssen wir jetzt darauf halten, daß die Leiche meines Bruders verbrannt werde, als ob er eines natürlichen Todes gestorben wäre; überlaß nur alles deiner Sklavin Morgiana, ich werde mit ihr beraten, was zu tun ist.« Casims Witwe war gern bereit, auf Ali Babas Vorschlag einzugehen, denn außer dem Vermögen, das sie von ihrem ersten Mann ererbte, erhielt sie ja noch einen sehr reichen Mann; sie trocknete ihre Augen, tröstete sich rasch und entließ ihren Schwager mit der Versicherung, daß sie sein Anerbieten nicht ausschlagen würde. Der aber setzte sich auf seinen Esel und ritt gemächlich seiner Wohnung zu.
Als Ali Baba das Haus verlassen hatte, eilte Morgiana hinüber in den Laden eines Apothekers; sie klopfte bei ihm an und verlangte eine gewisse Arzenei, die man bei den gefährlichsten Krankheiten anwendete. Er gab ihr, was sie verlangte, und fragte sie: »Wer ist denn im Hause deines Herrn so krank, daß ihr dieses seltenen Heilmittels bedürft?« Sie erwiderte mit betrübter Stimme: »Ach, ach, mein armer Herr Casim selbst liegt danieder! Er ißt und trinkt nichts und spricht seit einigen Tagen kein Wort mehr, so daß wir fürchten, daß es mit ihm zu Ende geht.« Damit nahm sie die Arzenei, die dem toten Casim nichts mehr nützen konnte, und ging. Am nächsten Morgen trat Morgiana wieder bei dem Kräuterhändler ein, weinte und seufzte sehr und verlangte einen noch kräftigem Saft, den man den Kranken nur in der letzten Not einzugeben pflegte, damit der Sterbende schmerzlos entschlafen sollte. »Ach, ach!« rief sie, »mein armer Herr, mein guter Herr! Er wird gewiß nicht mehr die Kraft haben, die Arzenei zu trinken, und ich fürchte, sie wird ebensowenig nützen, wie die gestrige.« Den ganzen Tag über gingen Ali Baba und seine Frau mit betrübten und klagenden Gesichtern umher und warteten schon darauf, daß das Jammern der Schwägerin und ihrer Sklavin ihnen das Zeichen geben sollte, Casims Begräbnis ehrenvoll und feierlich zu begehen.
Am Morgen des zweiten Tages lief Morgiana zu der Bude eines alten Schusters, der seinen Laden stets sehr früh, vor den anderen öffnete, grüßte ihn freundlich und drückte ihm ein Geldstück in die Hand. Der Schuhflicker, der in der ganzen Stadt Baba Mustapha genannt wurde, war ein fröhlicher und lustiger Geselle, wendete die Münze hin und her, weil es noch etwas dämmerig war, und sagte dann: »Schönen Dank, mein Fräulein! Das ist ja ein gutes Handgeld! Was steht zu Diensten?« Morgiana sagte: »Lieber Baba Mustapha, mache dich auf und folge mir; nimm auch alles Handwerkszeug mit, das du zum Flicken brauchst. Du mußt dir aber die Augen verbinden lassen, bis wir an dem Orte angekommen sind, wohin ich dich jetzt führen werde.« — »Ach nein, lieber nicht,« wehrte Baba Mustapha ab, »gewiß forderst du etwas, was gegen das Gesetz oder gegen mein Gewissen verstößt! Laß mich lieber hier in meinem Laden bleiben.« Morgiana gab ihm ein zweites Goldstück, beruhigte ihn und sagte: »Wie kannst du so etwas von mir glauben? Ich werde nichts verlangen, was du nicht in allen Ehren vollbringen dürftest. Hab' keine Angst und folge mir getrost.« Baba Mustapha weigerte sich noch ein wenig, dann aber ließ er sich ein Tuch um die Augen binden, nahm Morgianas Hand und ließ sich von ihr bis zu dem Hause Casims führen; als sie in dem Zimmer angelangt waren, in welchem der Leichnam lag, nahm ihm Morgiana die Binde von der Stirn und sagte: »Baba Mustapha, du sollst die vier Stücke dieses Toten zusammennähen; eile dich mit der Arbeit; wenn du dein Werk getan hast, werde ich dir noch ein Goldstück geben.« Baba Mustapha tat, wie sie ihm gesagt hatte, und als er fertig war, bekam er die versprochene Münze. Dann ließ er sich wieder die Augen verbinden und eine Strecke Weges begleiten. Als ihm Morgiana das Tuch abgenommen hatte, hieß sie ihn nach Hause gehen und verfolgte ihn mit ihren Augen, bis er verschwunden war; denn sie fürchtete, er könnte etwa umwenden und ihr heimlich nachgehen.
Als Morgiana nach Hause zurückkam, bereitete sie warmes Wasser, um den Leichnam zu waschen, und Ali Baba, der zu gleicher Zeit mit ihr eingetreten war, half ihr dabei, salbte und beräucherte ihn und hüllte ihn dann in das Leichentuch. Bald kam auch der Schreiner und brachte den Sarg, den Morgiana an der Türe abnahm; sie legten den Leichnam hinein und stellten ihn feierlich in dem Zimmer auf. Dann gingen sie in die Moschee und meldeten, daß alles zum Begräbnis fertig wäre. Sie sagten, daß die Leiche bereits gewaschen sei und die Dienste der dazu bestimmten Leute also unnötig wären. Kurze Zeit darauf kam der Imam mit seinen Dienern, vier Nachbarn hoben den Sarg auf die Schultern und trugen ihn hinter dem Imam und den übrigen Trauernden, indem sie fortwährend Gebete sprachen, bis sie an den Begräbnisplatz kamen. Morgiana ging barhäuptig, jammernd und weinend vor dem Sarge, schlug sich die Brust und raufte sich die Haare. Ali Baba und die Nachbarn, die von Zeit zu Zeit die Sargträger ablösten, schritten hinter ihr her. Casims Frau war zu Hause geblieben und erhob mit den Nachbarinnen ein großes Wehegeschrei, so daß das ganze Stadtviertel von ihren Klagen widerhallte. So blieb Casims Tod verborgen, und niemand, außer Ali Baba, dessen Frau, Morgiana und Casims Witwe, wußte etwas von dem Geheimnis. — Wenige Tage nach dem Begräbnis brachte Ali Baba seinen Hausrat und das Geld, welches er aus der Räuberhöhle gestohlen hatte, zur Nachtzeit in das Haus von Casims Witwe, wo er fortan zu leben gedachte. Damit vollzog er seine öffentliche Vermählung mit der Witwe seines Bruders, über die niemand irgendwelche Verwunderung oder Argwohn hegte. Casims Laden aber mußte Ali Babas Sohn übernehmen, der bei einem reichen Kaufmann in die Lehre gegangen war und sich ein tüchtiges Wissen angeeignet hatte; er sollte den Handel weiterhin betreiben und später, wenn er seine Geschäfte gut und erfolgreich führte, eine vermögende Frau erhalten. —
Was nun die vierzig Räuber anbetrifft, so kehrten sie nach einer bestimmten Frist wieder in die Höhle zurück und waren höchst verwundert, als sie keine Spur mehr von Casims Leiche fanden und auch bemerkten, daß eine Menge von den schweren Goldsäcken fortgetragen worden war. Sie sagten untereinander: »Wehe, wir sind verraten! Wir müssen jetzt die Sache genau untersuchen und auf der Hut sein, sonst werden wir allmählich den ganzen Schatz verlieren, den unsere Väter und wir selbst in vielen Jahren, unter so großen Gefahren und Beschwerden, hier angesammelt haben.« Der Hauptmann sprach: »Sicherlich wußte der Dieb, den wir in der Höhle erschlugen, das Zauberwort, durch das sich die Türe auftut, aber noch ein anderer muß Kenntnis davon haben, denn wer sollte sonst den Leichnam des Ermordeten weggetragen haben? Auch sind viele Beutel fortgeschleppt worden, so daß unsere Reichtümer sehr zusammengeschmolzen sind. Wir haben den ersten Dieb gefangen und getötet, nun wollen wir überlegen, wie wir auch den andern finden und aus dem Wege räumen können. Sagt mir euere Meinung, Kameraden, und beratet mit mir.« Einer von ihnen sagte: »Du hast recht, Hauptmann; unser erstes Streben muß dahin gehen, den Dieb ausfindig zu machen; laß uns alle Kräfte daran setzen, seiner habhaft zu werden.« — »Klug hast du geredet,« versetzte der Hauptmann, »nun aber höret folgenden Vorschlag, meine wackeren Leute! Einer von euch muß sich verkleiden und in der Tracht eines fremden Reisenden in die Stadt begeben, um in allen Straßen zu forschen, ob nicht kürzlich einer der Städter gestorben ist, und wo er gewohnt hat. Ein tapferer und unternehmungslustiger Mann soll sich sofort dem Wagnis unterziehen, denn es ist wichtig für uns, daß wir nicht in dem Lande verraten werden, in dem wir so lange unsern Unterschlupf hatten. Damit aber derjenige, der die Sendung übernimmt, keine falsche Kunde bringt, die uns etwa Unheil und Verderben zufügen kann, so soll über ihn die Todesstrafe verhängt werden, wenn er unserer Sache untreu wird und Verrat übt.« Sofort meldete sich einer der Räuber und sagte: »Laß mich in die Stadt ziehen und auf Kundschaft ausgehen! Wenn es mir nicht gelingt, etwas zu erforschen, so sei mein Leben verwirkt; aber ihr seht dann doch, daß ich tapfer und guten Willens war.« Der Hauptmann und seine Kameraden lobten ihn sehr und freuten sich über seinen Wagemut; dann halfen sie, ihren Kameraden zu verkleiden, so daß ihn auch sein bester Freund nicht wiedererkennen konnte.