Arabische Nächte

Part 11

Chapter 113,724 wordsPublic domain

Der Prinz Achmed reiste am folgenden Morgen um die Stunde, welche die Fee Pari Banu ihm bestimmt hatte, ab und vollzog pünktlich, was sie ihm vorgeschrieben hatte. Er kam an dem Tore des Schlosses an, verteilte die Hammelviertel unter die vier Löwen, und nachdem er unerschrocken durch sie hindurchgeritten war, drang er bis zu der Quelle vor und schöpfte das Wasser ein. Sowie er das Gefäß gefüllt hatte, wandte er um und gelangte wohlbehalten und gesund wieder aus dem Schlosse hinaus. Als er etwas davon entfernt war, sah er sich um und erblickte zwei Löwen, die gerade auf ihn losstürzten. Ohne zu erschrecken zog er seinen Säbel und setzte sich zur Wehr. Doch da er unterwegs bemerkte, daß der eine in einiger Entfernung seitwärts ablenkte und mit Kopf und Schweif zu verstehen gab, daß er nicht komme, um ihm etwas zuleide zu tun, sondern bloß, um vor ihm herzulaufen, und daß der andere ihm folgen würde, steckte er seinen Säbel wieder ein und setzte so seinen Weg bis nach der Hauptstadt von Indien fort, wo er in Begleitung der beiden Löwen ankam, die ihn nicht verließen, bis an die Tür des Palastes des Sultans. Dort ließen sie ihn hineingehen und kehrten sodann denselben Weg wieder zurück, den sie gekommen waren, zum großen Entsetzen des Volkes und aller derer, die sie erblickten.

Mehrere Palastbeamte, welche sogleich erschienen, um dem Prinzen Achmed vom Pferde herabzuhelfen, begleiteten ihn bis an das Zimmer des Sultans, wo dieser sich eben mit seinen Günstlingen unterhielt. Hier näherte er sich dem Throne, setzte das Gefäß zu den Füßen des Sultans, küßte den reichen Teppich, welcher die Stufen desselben bedeckte, stand dann wieder auf und sagte:

»Herr, hier ist das heilsame Wasser, welches Euer Majestät in der Sammlung von Kostbarkeiten und Seltenheiten zu besitzen wünschte, die eine Zierde Eurer Schatzkammer sind. Ich wünsche Euch übrigens eine vollkommene Gesundheit, daß Ihr niemals davon Gebrauch zu machen nötig habt.«

Als der Prinz seine Anrede beendet hatte, ließ der Sultan ihn zu seiner Rechten Platz nehmen und sagte dann zu ihm:

»Mein Sohn, ich bin dir für dein Geschenk großen Dank schuldig, da du dich mir zuliebe in so große Gefahr begeben hast. Tue mir jetzt den Gefallen, mir zu sagen, durch welche Geschicklichkeit oder durch welche unglaubliche Kraft du dich dagegen sichergestellt hast?«

Der Prinz erzählte ihm nun alles, und als er geendet hatte, stand der Sultan, der ihn mit den größten Freudenbezeigungen, doch innerlich mit derselben, ja mit noch größerer Eifersucht angehört hatte, von seinem Sitze auf und zog sich in das Innere seines Palastes zurück, wo die Zauberin, nach welcher er sogleich geschickt hatte, vor ihn geführt wurde.

Die Zauberin hatte bereits ein — wie sie meinte — unfehlbares Mittel ausgedacht. Sie teilte dies Mittel dem Sultan mit, und der Sultan zeigte es dem Prinzen Achmed mit folgenden Worten an:

»Mein Sohn, ich habe nur noch eine einzige Bitte an dich, nach dieser will ich dann nichts mehr, weder von deinem Gehorsam, noch von deiner Gemahlin, der Fee, verlangen; diese Bitte besteht darin, daß du mir einen Mann herbeischaffst, der nicht über anderthalb Fuß hoch ist, einen Bart von dreißig Fuß Länge hat, und der auf der Schulter eine fünfhundert Pfund schwere Eisenstange trägt, die ihm als Stab dient, und welcher reden kann.«

Prinz Achmed, welcher nicht glauben konnte, daß es auf der Welt einen Menschen gäbe, der so wäre, wie sein Vater ihn verlangte, wollte sich entschuldigen, doch der Sultan blieb bei seiner Forderung, mit der Begründung, daß die Fee noch weit unglaublichere Dinge vermöge.

Den folgenden Tag, als der Prinz in das unterirdische Reich der Fee zurückgekehrt war, teilte er derselben das neue Begehren seines Vaters mit.

»Mein Prinz,« erwiderte die Fee, »dieser Mann ist mein Bruder Schaïbar, welcher, obwohl er mit mir denselben Vater hat, anstatt mir zu ähneln, von einer sehr heftigen Gemütsart ist, daß nichts imstande ist, ihn zurückzuhalten, daß er nicht sogleich blutige Beweise seines Rachegefühls gibt, wofern man ihm mißfällt oder ihn beleidigt. Übrigens ist er der beste Mensch von der Welt und stets bereit, gefällig zu sein, wo und wie man es irgend wünscht. Er ist ganz so gestaltet, wie der Sultan, Euer Vater, ihn beschrieben hat, und trägt keine anderen Waffen als die fünfhundert Pfund schwere Eisenstange, ohne die er niemals ausgeht. Ich werde ihn gleich kommen lassen, und Ihr mögt dann selbst urteilen, ob ich wahr gesprochen habe. Doch vor allen Dingen bereitet Euch vor, daß Ihr nicht vor seiner seltsamen Figur erschreckt.«

Die Fee ließ sich in die Vorhalle ihres Palastes ein goldenes Räucherpfännchen mit glühenden Kohlen und eine Kapsel von demselben Metall bringen. Aus der Kapsel nahm sie wohlriechendes Räucherwerk, und als sie es in die Räucherpfanne geworfen, stieg ein dicker Rauch daraus empor.

Einige Augenblicke nach diesem Verfahren sagte die Fee zu dem Prinzen Achmed: »Mein Prinz, da kommt mein Bruder, seht Ihr ihn?«

Der Prinz sah hin und erblickte Schaïbar, welcher nicht mehr als anderthalb Fuß hoch war und mit seiner fünfhundert Pfund schweren Eisenstange und seinem stattlichen, dreißig Fuß langen Barte, der sich nach vorn zu aufstützte, feierlich einhergeschritten kam. Sein verhältnismäßig dicker Knebelbart war bis zu den Ohren aufgestülpt und bedeckte ihm fast das ganze Gesicht; seine Schweinsohren steckten tief im Kopfe, der ungeheuer dick und mit einer nach oben spitz zulaufenden Mütze bedeckt war; außerdem war er vorn und hinten bucklig.

Hätte der Prinz es nicht vorher erfahren, daß Schaïbar der Bruder der Fee Pari Banu sei, hätte er ihn nicht ohne das größte Entsetzen ansehen können. Doch durch diese Nachricht beruhigt, erwartete er ihn festen Fußes mit der Fee und empfing ihn, ohne eine Spur von Schwäche blicken zu lassen.

Schaïbar, der beim Näherkommen den Prinzen mit einem Blicke ansah, der ihm das Herz im Leibe hätte in Eis verwandeln können, frug die Fee sofort, wer der Mann da sei?

»Lieber Bruder,« erwiderte sie, »es ist mein Gemahl, sein Name ist Achmed, und er ist der Sohn des Sultans von Indien. Der Grund, warum ich dich nicht zu meiner Hochzeit eingeladen habe, war der, daß ich dich nicht von deinem Kriegszuge abhalten wollte, den du damals vorhattest, und von dem du, wie ich mit vielem Vergnügen höre, jetzt so siegreich zurückgekehrt bist. Bloß um seinetwillen bin ich so frei gewesen, dich rufen zu lassen.«

Bei diesen Worten sagte Schaïbar, indem er den Prinzen Achmed mit einem freundlichen Blicke ansah, der indes sein stolzes und wildes Aussehen nicht im geringsten milderte:

»Liebe Schwester, kann ich ihm mit irgend etwas dienen? Er darf es bloß sagen.«

»Der Sultan, sein Vater,« erwiderte Pari Banu, »ist neugierig, dich zu sehen; ich bitte dich also um die Gefälligkeit, dich von ihm hinführen zu lassen.«

»Er darf bloß vorangehen,« antwortete Schaïbar, »ich bin bereit ihm zu folgen.«

»Lieber Bruder,« erwiderte Pari Banu, »es ist wohl schon zu spät, um noch heute diese Reise zu unternehmen, du wirst sie also wohl gefälligst auf morgen früh verschieben. Indes, da es gut ist, daß du von dem unterrichtet wirst, was zwischen dem Sultan von Indien und dem Prinzen Achmed seit unserer Verheiratung vorgefallen, so werde ich dich diesen Abend davon unterhalten.«

Am folgenden Morgen brach Schaïbar, von allem, was ihm zu wissen nötig war, unterrichtet, sehr zeitig auf, begleitet von dem Prinzen Achmed, der ihn dem Sultan vorstellen sollte. Sie erreichten die Hauptstadt, und sobald Schaïbar sich am Tore zeigte, wurden alle die ihn sahen, beim Anblick eines so scheußlichen Menschen von Entsetzen ergriffen, und versteckten sich teils in Buden und Häusern, deren Türen sie hinter sich zuschließen ließen, teils ergriffen sie die Flucht und teilten allen, denen sie begegneten, dasselbe Entsetzen mit, die dann sogleich umkehrten, ohne sich weiter umzusehen. Je weiter Schaïbar und Prinz Achmed mit abgemessenen Schritten vorwärts kamen, je öder und menschenleerer fanden sie alle Straßen und öffentlichen Plätze bis zum Palaste des Sultans. Dort aber ergriffen die Pförtner, anstatt Vorkehrungen zu treffen, daß Schaïbar nicht hereinkäme, nach allen Seiten hin die Flucht und ließen das Tor offen stehen. Der Prinz und Schaïbar gelangten ohne Hindernis bis an den Saal der Ratsversammlung, wo der Sultan auf seinem Throne sitzend jedem Gehör gab, und da auch die Türsteher beim Erscheinen Schaïbars ihren Posten im Stich ließen, traten sie ungehindert hinein.

Schaïbar näherte sich stolz und mit erhobenem Kopfe dem Throne, und ohne erst zu warten, bis Prinz Achmed ihn vorstellte, redete er den Sultan von Indien mit folgenden Worten an: »Du hast mich zu sehen verlangt; hier bin ich. Was willst du von mir?«

Der Sultan hielt sich, anstatt zu antworten, die Hände vor die Augen, und wandte das Gesicht seitwärts, um eine so fürchterliche Gestalt nicht ansehen zu müssen. Schaïbar, voll Unwillen darüber, daß man ihn erst herbemüht habe, und ihn nun auf eine so unhöfliche und beleidigende Weise empfing, hob seine Eisenstange empor, und mit den Worten: »So rede doch!« ließ er sie ihm auf den Kopf herabfallen, und schlug ihn tot, ehe noch der Prinz Achmed daran denken konnte, für ihn um Gnade zu bitten. Er vermochte nichts weiter zu tun, als zu verhindern, daß er nicht auch den Großwesir totschlug, der nicht weit von der Rechten des Sultans entfernt war, indem er ihm vorstellte, daß er mit den guten Ratschlägen, welche derselbe seinem Vater gegeben, nicht anders als zufrieden sein könne.

»Diese beiden also sind es,« sagte Schaïbar, »die ihm immer so schlechte Anschläge eingegeben.«

Mit diesen Worten schlug er die andern Wesire zur Linken und Rechten tot, die sämtlich Günstlinge und Schmeichler des Sultans und Feinde des Prinzen Achmed waren. So viel Schläge, so viel Leichen gab es, und nur diejenigen entkamen, deren Schrecken nicht so groß war, daß er sie regungslos gemacht und sie gehindert hätte, ihr Heil in der Flucht zu suchen.

Als das schreckliche Gemetzel zu Ende war, ging Schaïbar aus dem Versammlungssaale heraus, und als er mit seiner Eisenstange auf der Schulter mitten in den Hof gekommen war, sah er den Großwesir an, der den Prinzen Achmed, seinen Lebensretter, begleitete und sagte:

»Ich weiß, daß es hier auch noch eine Zauberin gibt, die eine weit ärgere Feindin des Prinzen, meines Schwagers, ist als die unwürdigen Günstlinge, die ich soeben bestraft habe. Ich will, daß man diese Zauberin vor mich führe.«

Der Großwesir ließ sie holen, und man brachte sie geführt. Schaïbar schlug sie mit der Eisenstange und sagte:

»Ich will dich lehren, verderbliche Ratschläge zu geben und die Kranke zu spielen.« Die Zauberin blieb auf der Stelle tot.

»Aber das ist noch nicht genug,« fügte Schaïbar hinzu, »sondern ich werde jetzt auch noch die ganze Stadt totschlagen, wenn sie nicht augenblicklich den Prinzen Achmed, meinen Schwager, für den Sultan von Indien anerkennt.«

Sogleich ließen alle, die zugegen waren und diesen Urteilsspruch vernahmen, die Luft von dem lauten Ausruf ertönen: »Es lebe der Sultan Achmed!«

In kurzer Zeit hallte die ganze Stadt von diesem Ruf und Ausruf wieder. Schaïbar ließ ihm das Kleid des Sultans von Indien anlegen und setzte ihn feierlich auf den Thron, und nachdem er ihm hatte huldigen lassen, ging er und holte seine Schwester Pari Banu, führte sie mit großem Pomp ein und ließ sie ebenfalls für die Sultanin von Indien erklären.

Was den Prinzen Aly und die Prinzessin Nurunnihar betrifft, die an der Verschwörung gegen den Prinzen Achmed, die soeben gesühnt worden, keinen Teil, ja nicht einmal die geringste Kenntnis davon gehabt hatten, wies ihnen der Prinz Achmed ein bedeutendes Jahresgehalt nebst einer Hauptstadt an, um darin ihre Lebenstage zuzubringen. Auch schickte er einen seiner Diener an seinen älteren Bruder, den Prinzen Hussain, ab, um ihm die eingetretene Veränderung anzuzeigen und ihm das Anerbieten zu machen, er möge sich im ganzen Reiche irgendeine Provinz nach Belieben auswählen, um sie als sein Eigentum in Besitz zu nehmen. Doch der Prinz Hussain fühlte sich in seiner Einsamkeit so glücklich, daß er den Abgesandten auftrug, seinem jüngeren Bruder, dem Sultan, in seinem Namen herzlich für die Gefälligkeit zu danken, die er ihm zugedacht, ihn seiner Unterwürfigkeit zu versichern und ihm anzuzeigen, daß er sich die einzige Gnade ausbäte, ihm zu erlauben, daß er hinfort in seiner selbstgewählten Zurückgezogenheit verbleiben könne.

DIE GESCHICHTE VON ALI BABA UND DEN VIERZIG RÄUBERN, DIE DURCH EINE SKLAVIN UMS LEBEN KAMEN

In alten Zeiten lebten in einer Stadt Persiens zwei Brüder; der eine hieß Casim und der andere Ali Baba. Ihr Vater hatte ihnen nur wenig Vermögen hinterlassen, und da sie es zu gleichen Hälften untereinander geteilt hatten, so sollte man meinen, daß ihre äußere Lage ziemlich gleich gewesen sein müßte; aber der Zufall fügte es anders. Casim heiratete die Tochter eines Kaufmanns, die nach dem Tode ihres Vaters einen Laden mit vielen Waren erbte, ein wohlgefülltes Lager und viele seltene Teppiche und Tücher; daher gehörte Casim bald zu den reichsten Leuten in der ganzen Stadt. Ali Baba aber nahm eine Frau, die sehr arm war, so daß er sehr dürftig in einer engen Hütte lebte und seinen Lebensunterhalt damit verdienen mußte, in einem nahen Walde Bäume zu fällen, die er auf drei Esel lud und in der Stadt zum Verkaufe ausbot.

Eines Tages war Ali Baba wieder im Walde und hatte soviele Äste gebrochen, daß er die Esel, sein einziges Besitztum, damit voll laden konnte — da erblickte er auf einmal in der Ferne eine mächtige Staubwolke, die hoch emporwirbelte und sich ihm näherte. Er sah aufmerksam und genau nach ihr hin und entdeckte bald, daß es eine Reiterschar war, die rasch und scharf auf ihn zukam. Da Ali Baba fürchtete, die Reiter könnten etwa Räuber sein, die ihn ermorden wollten, trieb er seine Esel in ein Gebüsch, um sie ihrem Schicksale zu überlassen, und erkletterte darauf einen starken, alten Baum, dessen Äste so dichtes Laub trugen, daß er sich bequem darin zu verstecken vermochte. So sah er alles, was unter ihm vorging, während ihn keiner von unten erspähen konnte. Der Baum aber stand an einem schroffen Felsen, der seine Äste überragte und so groß war, daß man ihn auf keiner Seite zu ersteigen vermochte.

Die Reiter, junge und stattliche Männer, die wohlbewaffnet waren, führten ihre Pferde dicht unter den Felsen und saßen dort ab. Ali Baba zählte, daß es ihrer vierzig waren und erkannte aus ihren Gesichtern und ihrem Gebaren, daß es wirklich Räuber waren, die hier wahrscheinlich ihre Beute in Sicherheit bringen wollten. Jeder von ihnen schirrte sein Roß ab, band es an einen Baum und warf ihm einen Sack voll Gerste vor. Dann nahmen sie ihre Reisetaschen ab, und Ali Baba sah, daß sie schwer von Gold und Silber waren. Der kräftigste und stattlichste von ihnen, der ihr Hauptmann zu sein schien, legte seine Satteltasche auf die Schulter, näherte sich dem Felsen, der dicht an dem Baume stand, auf den Ali Baba hinaufgeklettert war, bahnte sich den Weg durch Sträucher und Dornen und sprach die wundersamen Worte: »Sesam, öffne dich!« Sofort tat sich eine große Türe auf, durch welche alle Räuber in den Felsen hineingingen; der Hauptmann trat zuletzt ein, und das Tor schloß sich hinter ihm von selbst. Lange Zeit blieb die Bande in der Höhle, und Ali Baba mußte notgedrungen oben auf dem Baume hocken und warten; denn er hatte Angst, hinabzuspringen, weil vielleicht gerade einige der Räuber zurückkehren, ihn fangen und töten könnten. Seine Gedanken gingen schließlich so weit, daß er beschloß, sich eines der Pferde zu bemächtigen, seine Esel vor sich her zu treiben und so rasch wie möglich nach Hause zu reiten — da öffnete sich das Tor wieder, der Hauptmann trat heraus, zählte seine Leute, die er an sich vorbeiziehen ließ, und sprach zuletzt die Zauberworte: »Sesam, schließe dich!« worauf sich die Tür wieder von selber zutat. Dann nahm jeder sein Pferd, zäumte es, band die leere Satteltasche darauf, und alsbald ritten sie hastig denselben Weg zurück, auf dem sie gekommen waren.

Ali Baba wagte noch nicht, von seinem Aste herabzusteigen, bis sie alle seinen Blicken entschwunden waren. »Einer von ihnen könnte etwas vergessen haben,« dachte er, »dann wird er zurückkehren, mich hier entdecken, und ich wäre trotzdem verloren.« Dann aber ließ er sich auf den Boden herab, blickte um sich, und als er alles leer fand, sagte er zu sich: »Ich habe mir die Worte wohl gemerkt, die der Räuberhauptmann vorhin gesprochen hat, und will sehen, ob sie bei mir dieselbe Wirkung haben und ob sich auf meinen Befehl ebenfalls das Tor öffnen und schließen wird.« Er kroch also durch das Gebüsch, entdeckte die verborgene Türe, stellte sich davor und rief mit lauter Stimme: »Sesam, öffne dich!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da sprang die Türe angelweit auf, und er konnte eintreten. Wie erstaunte er, als er statt einer finstern und engen Höhle eine weite und geräumige Wölbung fand, die so hoch wie ein Mensch war und von oben durch runde Fenster in der Decke erleuchtet wurde. Da sah er viele Warenballen und köstliche Seidenstoffe, Brokat, bunte Teppiche und viel Mundvorrat. Besonders aber verwunderte er sich über eine unermeßliche Menge von Gold und Silber, das teils auf dem Boden in Haufen aufgeschüttet, teils in ledernen Beuteln und Säcken wohlverwahrt lag. Als er diese unzählbaren Schätze erblickte, erkannte Ali Baba sofort, daß diese Höhle nicht erst seit ein paar Jahren, sondern schon seit Jahrhunderten den Dieben als Zufluchtsort und als Speicher für ihren Raub gedient haben mußte. Er ging mutig vorwärts, und sofort schloß sich die Türe hinter ihm; doch er fürchtete sich nicht, denn er hatte das Zauberwort nicht vergessen und wußte, wie er sich wieder ins Freie retten konnte. Der Teppiche und Silbermünzen achtete er wenig, sondern machte sich sofort an die Beutel, in denen das gemünzte Gold lag. Er nahm so viele, als er tragen und seinen drei Eseln glaubte aufladen zu können. Er trieb sie wieder zusammen, packte ihnen die Säcke auf und legte Holz und Reisig darüber, um seinen Raub gut zu verbergen. Dann stellte er sich vor die Türe, rief: »Sesam, schließe dich!« und alsbald schloß sich der Felsen wieder von selbst; denn jedesmal, wenn einer die Höhle betrat, ging die Türe von selber zu, wenn er aber hinausging, blieb sie so lange offen, bis das Zauberwort gesprochen war.

Ali Baba trieb seine Esel schnell in die Stadt zurück, und als er vor seinem Hause anlangte, führte er sie in den kleinen Hof hinein. Er schloß die Türe sorgfältig hinter sich zu, lud dann das Reisig ab, mit dem er seinen Schatz verdeckt hatte, nahm die Säcke herunter, trug sie ins Haus und legte sie vor seinem Weibe auf den Tisch. Seine Frau betrachtete die Beutel, wog sie in der Hand, und als sie fühlte, daß Münzen darin waren, glaubte sie, Ali Baba habe das Geld geraubt. Sie schalt ihn aus und rief: »Du solltest nicht so gottlos und sündhaft handeln!« Ihr Mann aber unterbrach sie und sagte: »Tadele mich nicht, liebes Weib, und sei außer Sorge; ich bin kein Räuber, aber ich habe dieses Geld Räubern abgenommen. Freue dich über unser Glück, und höre, was mir begegnet ist.« Er schüttete die Säcke aus und legte das Gold auf einen Haufen zusammen, so daß seine Frau von dem Glanze ganz geblendet wurde; dann erzählte er ihr sein Abenteuer von Anfang bis zu Ende und befahl ihr besonders, die Sache wohl geheimzuhalten. Die Frau aber, die vor Freude und Erstaunen wie verwirrt war, begann den ganzen Geldhaufen, Stück für Stück, zu mustern. Ali Baba wurde ungeduldig und rief: »Törichtes Weib, was fällt dir ein? Du kannst ja eine Woche lang diese Münzen wenden und zählen! Ich will lieber hinausgehen und ein Loch graben, damit wir unsern Schatz darin verstecken können; laß uns nicht zaudern und warten.« Antwortete das Weib: »Du hast recht; doch möchte ich gern wissen, wieviel dieser Schatz wert ist. Darum will ich bei einer Nachbarin ein Maß borgen und ihn damit messen.« — »Liebe Frau,« entgegnete Ali Baba, »ich rate dir, davon abzulassen. Tue aber, was du willst, doch achte darauf, daß du das Geheimnis gut bewahrst und verschwiegen hältst.«

Sofort eilte sie zu ihrem Schwager Casim, der in der Nähe wohnte. Er war nicht daheim und darum bat sie sein Weib, ihr auf kurze Zeit ein Maß zu borgen. Die Schwägerin fragte: »Willst du ein großes oder ein kleines?« und sie entgegnete: »Gib mir ein kleines.« Die Schwägerin sagte: »Ich will dir gern den Gefallen erweisen; warte einen Augenblick, damit ich das verlangte holen kann.« Mit diesen Worten ging Casims Frau hinaus, holte das Maß und bestrich den Boden heimlich mit etwas Teig und Wachs, denn sie kannte Ali Babas Armut und war begierig zu erfahren, was seine Frau in dem Gefäße messen wollte. Dann brachte sie das Maß und entschuldigte sich, daß sie solange ausgeblieben wäre, sie habe es aber nicht sogleich finden können. Ali Babas Frau dankte und ging nichtsahnend nach Hause, stellte das Maß auf den Tisch und begann, es mit dem Golde zu füllen und dann auf dem Fußboden auszuleeren. Als sie damit fertig war, freute sie sich sehr über ihren großen Schatz, trug die Münzen hinaus in den Garten und verbarg sie in der Grube, die ihr Mann soeben vollendet hatte. Während er das Geld sorgfältig mit Erde bedeckte, trug seine Frau ihrer Schwägerin das Gefäß zurück, ohne zu merken, daß außen am Boden ein Goldstück kleben geblieben war. »Liebe Schwägerin,« sagte sie, »hier gebe ich dir dein Maß zurück; ich bin dir sehr dankbar dafür und hoffe, daß ich es nicht zu lange behalten habe.« Sofort betrachtete Casims Frau das Maß und untersuchte es genau; wie erstaunte sie, als sie am Boden das Geldstück entdeckte! Neid und Wut erfüllten ihr Herz, und sie sprach zu sich selber: »Wie geht das zu? Ohne Zweifel hat Ali Baba Gold gemessen; aber woher mag er es genommen haben?« Sie konnte kaum die Zeit erwarten, bis Casim zurückkehrte, der tagsüber in seinem Laden war und erst abends wieder nach Hause kam. Kaum war er ins Zimmer getreten, da lief ihm seine Frau entgegen, zog ihn sogleich am Arme herein, stellte sich vor ihn hin und sagte mit zornfunkelnden Augen: »Du glaubst, ein wohlhabender Mann zu sein; aber du irrst dich, denn Ali Baba, dein Bruder, ist tausendmal reicher als du! Er hat eine solche Menge Geldes, daß er es nicht mehr zählen kann, sondern messen muß.« Casim war sehr erstaunt über diese Nachricht und bat um genauern Bescheid; sie erzählte ihm nun, wie sie Ali Babas Frau hintergangen habe und zeigte ihm das Goldstück, das am Boden haften geblieben und so alt war, daß es die Inschrift und das Bild eines Königs trug, der ihnen völlig unbekannt war.