Part 13
Der Räuber zog aus und kam gerade in die Stadt, als der Tag zu dämmern begann. Er begab sich sogleich auf den Marktplatz, wo noch alle Läden geschlossen waren, außer dem des Baba Mustapha. Der Schuster saß auf seinem Schemel, mit dem Pfriemen in der Hand, und wollte eben seine Arbeit beginnen. Der Räuber bot ihm einen Gutenmorgen, trat näher und sagte freundlich zu ihm: »Du bist sehr alt und fängst doch schon so zeitig dein Geschäft an. Unmöglich kannst du gut sehen, da es noch graue Frühdämmerung ist.« Der Schuhflicker antwortete: »Ich merke, daß du nicht aus der Stadt stammst, denn du kennst mich nicht. Zwar bin ich schon sehr betagt, aber meine Augen blicken noch scharf. Was sagst du dazu, daß ich vor nicht langer Zeit eine Leiche zusammengeflickt habe, und zwar in einem Zimmer, das noch dunkler war, als dieser Morgen?« Der Räuber freute sich sehr, als er diese Worte hörte, weil er ahnte, daß er sogleich den richtigen Mann gefunden hatte; deshalb wollte er ihn noch ein wenig ausfragen und sagte: »Du darfst nicht so mit mir scherzen, lieber Freund! Warum solltest du denn eine Leiche zusammennähen? Gewiß hast du dich versprochen und meintest das Leichentuch, in das sie eingewickelt wurde.« Baba Mustapha lachte verschmitzt und sagte obenhin: »Laß mich nur zufrieden; ich weiß sehr gut, was ich meine. Ich sehe, du möchtest mich gern mit Fragen beschwatzen, aber ich werde dir nichts erzählen.« Der Räuber, dem viel darauf ankam, genauere Auskunft zu erhalten, zog ein Goldstück aus der Tasche und drückte es Mustapha in die Hand. »Es liegt mir fern, deine Geheimnisse auszuspüren,« sagte er, »obschon du glauben kannst, daß mein Herz und mein Mund sehr verschwiegen sind, wie es sich für einen Mann geziemt. Nur das eine möchte ich gerne wissen, und du wirst mir die Antwort gewiß nicht verweigern: wo ist das Haus, in welchem du den Leichnam genäht hast? Kannst du es mir zeigen und mich dorthin führen?« Baba Mustapha zauderte und steckte das Goldstück nicht in die Tasche, sondern wollte es dem Räuber wiedergeben; er entgegnete: »Was nützt mir die Belohnung, wenn ich dir keinen Dienst erweisen kann? Es steht gar nicht in meiner Macht, deinen Wunsch zu erfüllen. Eine Sklavin führte mich an eine bestimmte Stelle und verband mir da die Augen; von dort brachte sie mich in jenes Haus und in das dunkle Zimmer; und als ich meine Arbeit vollendet hatte, legte sie mir wieder das Tuch um die Augen und führte mich an denselben Ort zurück, wo sie mich abgeholt hatte. Du siehst also selbst, daß ich dir das Haus nicht weisen kann; darum nimm hier dein Geldstück wieder.« Der Räuber entgegnete: »Wenn du auch das Haus nicht kennst, so erinnerst du dich vielleicht des Weges, den dich die Sklavin geführt hat. Bitte folge mir bis zu der Stelle, wo sie dir die Augen verband; dann werde ich dich dieselben Gassen und Querstraßen leiten, und vielleicht weißt du noch, welche du damals gegangen bist. Damit du aber deine Arbeit im Laden nicht unnütz liegen läßt, gebe ich dir hiermit ein weiteres Goldstück.« Baba Mustapha nahm die zweite Münze, wog sie lange in der Hand, besah sie aufmerksam und überlegte, was er tun sollte. Dann steckte er sie zufrieden in seinen Beutel, erhob sich und folgte dem Räuber, indem er sagte: »Zwar kann ich dir nicht versprechen, deinen Wunsch zu erfüllen; aber ich werde mich anstrengen und mich besinnen.« Er verschloß seinen Laden nicht erst, weil er darin nichts Wertvolles liegen hatte, und führte den erfreuten Räuber an jenen Ort, wo ihm die Sklavin damals die Augen verbunden hatte. Als sie dort angelangt waren, legte ihm der Räuber ein Tuch um die Stirn und ließ sich von dem Schuster führen, indem er ihn an der Hand hielt und allen seinen Schritten folgte. Baba Mustapha ging vorsichtig und berechnend die Straße entlang; plötzlich machte er halt und sagte: »Ich glaube, daß wir hier vor dem richtigen Gebäude stehen.« Der Räuber zog sofort ein Stück weißer Kreide hervor und machte ein Zeichen an die Haustüre, um sie wiederzuerkennen, dann nahm er Baba Mustapha das Tuch von den Augen und fragte, wem das Haus gehöre. Der Schuhflicker entgegnete: »Ich kenne mich in diesem Stadtviertel nicht aus, denn ich wohne nicht hier, darum kann ich dir keine Antwort geben.« Der Räuber sah, daß er nichts weiter in Erfahrung bringen konnte, dankte Baba Mustapha für seine Freundlichkeit und schickte ihn wieder in den Laden. Dann machte er sich eilends auf und kehrte in den Wald zurück, wo seine Kameraden auf ihn warteten.
Nicht lange danach trat Morgiana aus dem Hause, um eine Besorgung zu machen; als sie zurückkam, erblickte sie das Zeichen, das der Räuber mit weißer Kreide an der Türe angemerkt hatte. Sie blieb verwundert stehen und betrachtete es gedankenvoll. »Was bedeutet das?« fragte sie sich selbst. »Gewiß will jemand meinem Herrn einen Streich spielen. Oder sollte ein Mißgünstiger oder Neider irgend etwas im Schilde führen? Auf jeden Fall ist es gut, wenn man vorsichtig ist.« Mit diesen Worten nahm sie ebenfalls ein Stück Kreide und bemalte die Türen der Nachbarhäuser, die fast ebenso aussahen, mit demselben Zeichen und an derselben Stelle; dann ging sie wieder an ihre Arbeit, ohne ihrem Herrn oder ihrer Herrin irgend etwas von dem Vorgefallenen mitzuteilen.
Indessen war der Räuber im Walde angelangt und kehrte vergnügt zu seinen Kameraden zurück. Er erzählte ihnen sein Abenteuer und den guten Verlauf seiner Reise und freute sich über das Glück, daß er sogleich den richtigen Mann gefunden hatte, von dem er das Nötige erfahren konnte. Der Hauptmann war voll Lobes und sagte zu seinen Leuten: »Wir wollen jetzt ohne Säumen und unbemerkt nach der Stadt aufbrechen. Bewaffnet euch gut, und laßt Vorsicht walten! Während ich mit unserm Kameraden, der uns eben jetzt so erfolgreiche Kunde gebracht hat, zu dem Hause gehe, das er ausgekundschaftet hat, sollt ihr von verschiedenen Seiten aus auf dem Marktplatze zusammenkommen, wo ich euch dann alles weitere mitteilen werde.« Diese Worte fanden allgemeinen Anklang. Zwei und zwei zogen die Räuber in die Stadt, ohne irgendwie Verdacht zu erregen, da sie auf der Hut waren und getrennt voneinander gingen. Zuletzt kam der Hauptmann mit seinem Führer und ließ sich sogleich zu Ali Babas Haus geleiten. Hier wies ihm der Räuber das Zeichen am Tore, sie musterten das Haus unauffällig, aber genau, und gingen dann ruhig weiter, als ob sie, wie Fremde, zufällig diese Straße durchwanderten. Da bemerkte der Hauptmann, daß auch die folgenden Türen dasselbe Zeichen an derselben Stelle trugen und sprach entrüstet und barsch zu dem Führer: »Nun sage mir, du Schuft, welches das richtige Haus ist!« Der Räuber geriet in Verwirrung und Verlegenheit und wußte keine Antwort. Er fluchte heftig und rief: »Wahrlich, ich habe nur eine einzige Türe bezeichnet und verstehe nicht, woher die übrigen Kreidestriche stammen. Nun aber kann ich nicht mehr mit Sicherheit angeben, welches Haus ich anmerkte, denn ich habe es nicht genau betrachtet.« Sie gingen also unverrichteter Sache zum Marktplatze zurück, und dort sagte der Hauptmann zu einem seiner Leute: »Sage den übrigen, daß unser Weg erfolglos war, und daß sie alle wieder nach dem Sammelpunkte im Walde zurückkehren sollen.« Er selbst folgte ihnen und ging zu der Felsenhöhle, wo er die Räuberbande beisammen traf. Sie hielten Gericht über den ungeschickten Führer und erkannten ihn einstimmig für des Todes schuldig; ohne Widerrede und Furcht hielt der Unglückliche seinen Hals hin und ließ sich den Kopf abschlagen. Dann trat ein anderer aus der Bande auf und sagte, er würde es besser machen; man solle ihm die Ehre erweisen und ihn das Haus suchen lassen. Man war es zufrieden und schickte ihn ans Werk. Auch er traf Baba Mustapha auf dem Markte, schenkte ihm Goldstücke und ließ sich von ihm zu Casims Hause geleiten, wo er die Türe an einer verborgenen Stelle mit roter Kreide zeichnete, um sie von den anderen weißgezeichneten unterscheiden zu können. Aber wieder sah Morgiana das rote Zeichen, als sie aus dem Hause ging, und bemalte sofort die übrigen Türen ebenfalls mit Rötel, da sie noch stärkern Verdacht hegte.
Der Räuber kehrte fröhlich und zufrieden in den Wald zurück, erzählte, wie schlau er zu Werke gegangen sei und forderte den Hauptmann auf, sogleich mit ihm in die Stadt zu gehen. Vorsichtig und in derselben Ordnung, wie am vorigen Tage, begaben sie sich auf den Weg, und der Hauptmann wanderte mit seinem Führer zu Ali Babas Wohnung. Aber hier bemerkten sie mit Erschrecken und Staunen, daß auch die Nachbartüren mit Rötelstrichen versehen waren, und so mußten sie enttäuscht und bestürzt wieder den Rückweg antreten. Der törichte Spion wurde gleichfalls enthauptet, wie der erste. Der Hauptmann war bekümmert darüber, daß er nun schon zwei seiner tapferen Leute hatte hingeben müssen und fürchtete, daß auch noch andere ihm verloren gehen könnten, denn sie waren mehr für Angriff und Raub geeignet, als zu geschickten und listigen Unternehmungen. Er beschloß daher, selbst auf Kundschaft zu gehen, bestach gleichfalls den Schuster Baba Mustapha und ließ sich von ihm zu Ali Babas Behausung führen. Er vermied es aber, irgendein äußeres Zeichen anzubringen, sondern ging verschiedene Male an dem Hause vorüber und betrachtete es so genau, daß es sich seinem Gedächtnis unverlierbar einprägte. Dann kehrte er wieder in den Wald zurück und sagte, als er in der Felsengrotte war und die Bande um sich versammelt sah: »Jetzt werden wir sicherlich das Haus wiederfinden, denn ich habe es mir genau gemerkt; es wird uns gewiß nicht mehr schwer fallen, den Dieb zu finden. Nun hört, was ich mir überlegt habe! Vor allem darf niemand etwas von unserer Höhle und dem Schatze erfahren, denn sonst würden wir uns ins Verderben stürzen. Gehet hin in die umliegenden Dörfer und kauft dort neunzehn Maulesel, nebst achtunddreißig großen ledernen Ölschläuchen, von denen der eine gefüllt, die anderen aber leer sein müssen, und bringt alles hierher; dann soll jeder von euch, wohl bewaffnet, in einen Schlauch hineinkriechen, und so werde ich euch unbemerkt in die Stadt hineinbringen; das andere überlaßt mir.« In kurzer Zeit hatten die Räuber alles beisammen. Nachdem sie in die Schläuche hineingekrochen waren und sich durch eine kleine Ritze, die sie auftrennten, Luft verschafft hatten, nahm der Hauptmann Öl aus dem vollen Schlauche und befeuchtete die übrigen Schläuche damit, um die Täuschung besser zu vollenden. Dann lud er alle Schläuche, in denen je einer von den Räubern stak, sowie den mit Öl gefüllten auf die Maulesel und zog, als Händler verkleidet, in der Abenddämmerung nach der Stadt. Er nahm sogleich seinen Weg zu Ali Babas Haus, denn er hatte die Absicht, bei ihm anzufragen, ob er ihm und seinen Maultieren ein Nachtquartier gönnen wollte. Ali Baba saß behaglich vor der Türe, denn er hatte soeben sein Abendessen eingenommen und wollte noch ein wenig frische Luft atmen. Der Räuber grüßte ihn, hielt die Maultiere an und sprach: »Herr, ich komme von weit her und möchte morgen mein Öl, das du hier siehst, auf dem Markte zum Verkaufe ausbieten. Ich bin leider etwas zu spät in die Stadt gekommen und weiß nicht, wo ich zur Nacht ein Unterkommen finden kann. Habe Mitleid und nimm mich für diese Nacht in deinem Hause auf; ich will dir nicht lästig fallen.« Ali Baba hatte zwar den Banditen damals im Walde, als er auf dem Baume saß, gesehen und auch seine Stimme gehört, aber infolge der Verkleidung konnte er in dem Ölhändler den Räuberhauptmann nicht wiedererkennen; er sagte also: »Tritt ein, Fremder, und sei mir willkommen; du magst hier nächtigen.« Und er führte den Händler mit seinen Mauleseln in den Hof. Dort ließ er die Tiere von seinem Sklaven anbinden und mit Heu und Gerste füttern; er selbst ging in die Küche zu Morgiana und sagte zu ihr: »Bereite schnell für unsern Gast, der soeben angekommen ist, ein gutes Nachtmahl, und richte in einem der Zimmer ein Bett für ihn her.« Dann begab er sich wieder in den Hof und in den Stall, wo der Hauptmann seine Esel abgeladen hatte. »Du darfst nicht unter freiem Himmel schlafen, Fremder,« sagte er. »Komm mit herein in meinen Saal, damit ich dich würdig als meinen Besuch aufnehmen kann.« Der Räuber weigerte sich, denn er wollte lieber im Hofe bleiben, um sein Vorhaben desto besser und ungestörter ausführen zu können; aber auf die Bitten des Hausherrn, denen er nicht länger widerstehen konnte, folgte er ihm in das Haus. Dort unterhielt ihn Ali Baba aufs beste und ließ ihm ein leckeres Abendessen auftragen; er leistete ihm so lange Gesellschaft, bis er sein Mahl beendet hatte; dann stand er auf und sagte: »Ich muß dich leider jetzt verlassen; wenn du etwas brauchst, so rufe nur, es soll dir alles im Hause zu Diensten sein.« Darauf ging er hinaus zu Morgiana und sprach: »Sorge auch weiterhin für unsern Gast, daß es ihm an nichts fehle. Morgen früh, vergiß es nicht, will ich ins Bad gehen; lege die Tücher zurecht, und gib sie meinem Sklaven Abdallah; ferner bereite mir eine gute, kräftige Fleischbrühe, damit ich sie trinken kann, wenn ich wieder nach Hause komme.« Nach diesen Worten begab sich Ali Baba auf sein Zimmer und legte sich ins Bett.
Der Räuberhauptmann war indessen in den Hof hinausgetreten, um im Stalle nachzusehen, ob seine Maultiere Futter und Wasser erhalten hätten. Er flüsterte seinen Leuten, die in den Schläuchen staken, heimlich und vorsichtig zu: »Wenn ich um Mitternacht aus meinem Zimmer kleine Steine herabwerfe, so schneidet mit euren scharfen Messern den ledernen Schlauch von oben bis unten auseinander, und kriecht sofort heraus. Ich werde dann augenblicklich zu euch kommen.« Leise ging er in das Haus zurück, und als er an der Küche vorüberkam, ergriff Morgiana das Licht, führte ihn in seine Kammer und fragte ihn, ob er noch irgend etwas brauche, dann solle er nur seine Wünsche äußern. Der fremde Händler aber dankte, löschte das Licht und legte sich angekleidet auf das Bett, um ein wenig zu ruhen.
Morgiana ging nun an den Schrank und legte die weißen Badetücher zurecht, die sie dem Sklaven Abdallah übergab; dann stellte sie den Topf aufs Feuer, um die Fleischbrühe zu bereiten. Während sie nun damit beschäftigt war, verlosch plötzlich ihre Lampe, und die Magd bemerkte mit Schrecken, daß keine Lichter mehr bereit standen und auch alles Öl verbraucht war, das sie vorrätig hatte. Sie war ratlos und wußte sich nicht zu helfen; Abdallah bemerkte ihre Verlegenheit und Bestürzung und sagte: »Warum trauerst du? Gehe doch in den Hof und hole dir aus einem der vielen Schläuche etwas Öl; der fremde Händler wird dich gewiß nicht darum schelten, zumal er die Gastfreundschaft unseres Herrn genießt.« Morgiana dankte für den guten Rat, und während Abdallah sich behaglich niederlegte, um zu schlafen, weil er in der Frühe Ali Baba ins Bad begleiten mußte, nahm sie die Ölkanne und ging damit in den Hof. Als sie nun zu dem ersten Schlauche kam, fragte der Mann, der darin verborgen war, mit Flüsterstimme: »Ist es jetzt Zeit, Hauptmann?« Der Räuber hatte sehr leise gesprochen, aber Morgiana hatte trotzdem seine Worte verstanden, stutzte und wunderte sich um so mehr, weil sie sich jetzt erinnerte, daß der Händler vorher alle Schläuche geöffnet hatte, damit seine Leute, welche kaum Atem schöpfen konnten, etwas frische Luft genießen sollten. Die Sklavin war zwar sehr erschrocken, als sie statt des Öls einen Mann in dem Schlauche fand, aber sie bezwang sich und vermied es sorglich, Lärm zu schlagen. Sie war kühn und wußte sogleich, daß eine Gefahr für Ali Baba und seine Familie im Anzuge wäre, und daß sie schnell und sicher handeln müsse. Ohne irgendwie zu zittern oder zu zaudern, antwortete sie mit tiefer Stimme, indem sie die des Räuberhauptmanns nachahmte: »Die Zeit ist noch nicht gekommen; aber bald.« Dann ging sie auch zu den anderen Schläuchen und überall, wo dieselbe Frage erscholl, gab sie dieselbe Antwort, bis sie zu dem letzten Schlauche kam, der mit Öl gefüllt war. Dort goß sie schnell ihren Krug voll und ging damit in die Küche zurück, wo sie die Lampe wieder putzte und entzündete. Sie sprach aber zu sich selbst: »Wahrlich, das ist kein Händler, sondern der Räuberhauptmann mit seinen siebenunddreißig Gesellen, die wir beherbergen; der Himmel schütze und bewahre uns vor Unheil!« Dann nahm sie einen großen Kessel, setzte ihn auf den Herd und füllte ihn mit Öl aus dem Schlauche; sie schürte das Feuer zu einer gewaltigen Flamme auf, indem sie immer neues Holz aufhäufte, bis das Öl kochte und wallte. Rasch ergriff sie den Kessel, ging damit in den Hof hinaus und schüttete das siedende Öl in jeden Schlauch, so daß die Räuber, die nicht entfliehen konnten, verbrüht und erstickt wurden.
Nachdem Morgiana diese Tat geräuschlos vollbracht hatte, kehrte sie in die Küche zurück, verschloß die Türe, löschte das Feuer, bis nur noch eine kleine Flamme brannte, und kochte die Fleischbrühe für Ali Baba. Dann blies sie ihre Lampe aus und setzte sich ans dunkle Fenster, denn sie wollte alles beobachten, was vor sich ging. Nicht lange darauf erwachte der Räuberhauptmann, stand auf und blickte in den Hof hinunter, der nachtschwarz und still vor ihm lag. Kein Licht war zu sehen. Sofort warf er kleine Steine hinab, um das verabredete Zeichen zu geben; an dem Schalle merkte er, daß einige die Schläuche trafen, und er horchte begierig; aber nichts regte sich, kein Ton war zu hören. Zum zweiten und dritten Male schleuderte er die Steinchen auf die Schläuche, doch abermals blieb alles stumm, und kein Laut antwortete ihm. Erstaunt und bestürzt ging er möglichst leise in den Hof hinaus und trat an den ersten Schlauch; ein übler Geruch von kochendem Öl und verbranntem Fleische quoll ihm entgegen, und auch alle übrigen Schläuche waren sehr heiß und in dem gleichen Zustande. Als er aber den vollen Ölschlauch leer fand, wußte er, was geschehen war, verzweifelte, kletterte über die Mauer in einen Garten und entfloh, so schnell er vermochte.
Morgiana hatte alles vom Fenster mitangesehen, und als es still geworden war und der Hauptmann nicht zurückkehrte, wußte sie, daß er über die Mauer gestiegen war und die Flucht ergriffen hatte, denn die Haustüre war doppelt verschlossen. Beruhigt legte sich die wackere Sklavin nieder und schlief sogleich heiter und zufrieden ein. Am nächsten Morgen ging Ali Baba mit seinem Sklaven Abdallah in das Bad, ohne irgendwelche Kenntnis von dem gräßlichen Abenteuer, denn Morgiana hatte weder ihm, noch Abdallah etwas erzählt, weil sie ihren Herrn nicht stören und beunruhigen wollte. Die Sonne stand schon hoch und strahlend am Himmel, als Ali Baba wieder nach Hause kam und die Ölschläuche noch im Stalle stehen sah; er wunderte sich, daß der Händler noch nicht mit seinen Maultieren auf den Markt gegangen war, und fragte Morgiana darum, die nichts im Hofe verändert hatte, damit ihr Herr um so deutlicher sehen könnte, aus welcher Gefahr sie ihn gerettet hatte. Sie sagte: »Der allmächtige Gott erhalte dich und dein Haus noch lange in Frieden und Sicherheit! Was du von mir zu wissen verlangst, wirst du am besten aus eigener Anschauung erfahren; darum folge mir, und gehe mit mir in den Hof hinaus!« Die Sklavin führte ihn an die Ölschläuche, verschloß aber vorher die Türe sorgfältig und sagte dann: »Sieh einmal in diesen Schlauch hinein, gewiß hast du noch niemals derartiges Öl erblickt.« Ali Baba tat, wie sie gebeten hatte, und als er in dem Schlauche einen Mann entdeckte, entsetzte er sich sehr, sprang zurück und schrie laut auf, als ob er auf eine giftige Schlange getreten hätte. Morgiana sprach: »Ängstige dich nicht; dieser Mann wird dir kein Leid zufügen, denn er ist tot; er hat keine Kraft mehr, etwas Böses zu tun.« Rief Ali Baba: »O Morgiana, sage mir, welchem Unheil wir entgangen sind! Beim allmächtigen Gott, ich staune und zittere vor Überraschung!« Morgiana versetzte: »Sprich nicht so laut, Herr, damit die Nachbarn nichts hören und unser Geheimnis nicht etwa erfahren. Jetzt aber betrachte dir auch alle übrigen Schläuche.« Ali Baba prüfte sie der Reihe nach, untersuchte sie und fand in jedem einen toten und verbrühten Mann. Ratlos blieb er vor Morgiana stehen, betrachtete bald sie, bald die Schläuche mit weit geöffneten Augen und wußte nichts zu sagen, so groß war seine Verwunderung. Als er sich ein wenig erholt hatte, fragte er: »Sage mir doch vor allem, wo der Ölhändler geblieben ist.« — »Dieser Händler,« erwiderte Morgiana, »war kein Kaufmann, — ebensowenig wie ich eine Händlerin bin. Ich will dir jetzt alles erzählen, was sich zugetragen hat und wer jener Nichtswürdige war. Vorerst aber geh hinein in dein Zimmer, denn du kommst eben aus dem Bade, und trinke deine Fleischbrühe; so erfordert es deine teuere Gesundheit.«
Ali Baba begab sich hinein, und Morgiana holte die Fleischbrühe und setzte sie ihm vor. Ali Baba war sehr ungeduldig, und während er trank, sagte er: »Erzähle mir nur die wunderbare Begebenheit sehr ausführlich, denn ich bin unruhig, bevor ich nicht alles erfahren habe.« Morgiana begann zu erzählen und sagte: »Wie du befohlen hattest, legte ich gestern die Badetücher zurecht und übergab sie dem Sklaven Abdallah. Dann bereitete ich deine Fleischbrühe, aber die Lampe erlosch plötzlich, weil das Öl zu Ende gegangen war. Abdallah riet mir, neuen Vorrat aus den Schläuchen des Händlers zu holen, und sein Rat dünkte mich gut. Als ich zu dem ersten Schlauche trat, hörte ich eine Stimme darin fragen: ›Ist es jetzt Zeit?‹ Ich durchschaute sofort die List des fremden Kaufmanns und antwortete, indem ich seine Stimme nachahmte: ›Die Zeit ist noch nicht gekommen; aber bald.‹ Und so ging ich von einem Schlauche zum andern, und auf jede Frage gab ich dieselbe Antwort. Als ich meine Lampe aus dem letzten Schlauche wieder gefüllt hatte, kehrte ich rasch in die Küche zurück, nahm den größten Kessel und goß ihn voll Öl. Dann machte ich es kochend und siedend über dem Feuer und schüttete davon in jeden Schlauch, in dem ein Räuber versteckt war, so daß sie alle verbrüht und getötet wurden. Nicht lange danach gab der Hauptmann das verabredete Zeichen; aber als ihm niemand antwortete, ging er selbst hinunter und entdeckte zu seiner Bestürzung, was geschehen war. Er muß über den Gartenzaun gestiegen sein, denn ich habe ihn nicht wiedergesehen, und ganz gewiß ist er vor Verzweifelung entflohen. — Ich will dir nun noch etwas anderes mitteilen; denn ich habe vor einigen Tagen eine sehr seltsame Entdeckung gemacht, die in mir einen Verdacht erregt hat. Ich bemerkte nämlich an der Haustüre ein Zeichen mit weißer Kreide und tags darauf ein rotes. Ich wußte zwar nicht, zu welchem Zwecke sie angebracht waren, aber aus Vorsicht bemalte ich unsere Nachbarhäuser ebenso. Ich glaube, wenn du alles genau überdenkst, wirst du selbst einsehen, daß es sich um die Räuber aus dem Walde handelt, von denen jedoch zwei nicht mehr unter ihnen weilen; warum, weiß ich nicht. Jedenfalls sind höchstens noch drei von ihnen am Leben; du mußt also sehr sorglich und vorsichtig sein, denn du weißt nun, daß sie dir nach dem Leben trachten. Glaube mir, daß ich alles daransetzen werde, um dich vor Unglück und Schaden zu bewahren, wie es einer ergebenen und getreuen Sklavin zukommt. Dies, Herr, ist die Geschichte, nach der du mich gefragt hast.«