Part 9
Es war wie eine Erlösung, die frische, helle, sorglose Kinderstimme in das drückende Schweigen hineinklingen zu hören. Kein Wunder, dass Johanna den kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste und auf den Schooss nahm. Weggewischt war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, das junge bildschöne Kind, das sich so eng an sie schmiegte, dessen warmen Athem sie an ihrer Wange spürte, wusste nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen. Mochte der steife Patron auf dem Sessel drüben mit sich zurechtkommen, wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. Und nun kam sie ins Plaudern. Jedes Wort verrieth das Mädchen von Bildung und Verstand, das sich in gemüthvoller Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen des kleinen Burschen herablässt. Ihr silbernes Fingerhütchen, das sie selbst heute nicht abgelegt, da sie trotz des Sonntags ein Kleid anzufertigen hatte, wurde nun ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen Nadeln, Lanzen und Spiesse, jeder Finger ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's, der vor Spannung und Entzücken den Athem anhielt. Mit grossen Augen sah Franz die Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen, seit sie das Kind auf dem Schooss hielt. Von dem kleinen Medium konnte er ja auch Nutzen ziehen. Und nun entwickelte sich das anmuthige Spiel, das die Grossmama und ihren würdigen Gemahl mit so berechtigtem Unmuth erfüllte. Sobald Ivo von Johanna's Schooss herabgeklettert und irgend eine fabelhafte Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, der Johanna's Hauswirthen gehörte, zu bewundern, hielt sein Papa ihn an und begann ihm die Haare zurecht zu streichen, einmal in die Stirn und dann zur Abwechslung aus der Stirn. Dabei sprach er durch ihn zu der Nachbarin.
»Du darfst das Fräulein nicht so belästigen, Ivo.« Natürlich versicherte sie, er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte ihm sein Papa auf das Nachdrücklichste, sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene so viel Nachsicht und Freundlichkeit nicht. Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um den eiteln kleinen Burschen, der vor Freude hochroth im Gesicht wurde, ein dunkelblaues Band, das ihr von der Näherei übrig geblieben, als Cravatte um den Hals zu knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, da Ivo's Mutter kein grösseres Vergnügen gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen und Bändern herauszuputzen. Das eine seiner Händchen haltend, sprach er von jenen schönen Tagen, sie fasste das andere und war ganz Mitleid für das Kind. Ivo hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, die den Beiden über ihre Verlegenheit hinweghalf. Er liess sich von Johanna die Bilder in der »Gartenlaube« erklären und zeigte dann jedes dem Vater hinüber, eine sehr drollige Erläuterung in seiner Manier dazugebend. Und unvermerkt verstrich die Zeit. Hüben und drüben gab es mit jedem Viertelstündchen mürrischere Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten, trotzdem ihre Essensstunde bereits vorüber war, mit der Sonntagstafel; dasselbe thaten Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften sich dabei nicht gerade in Segenswünschen für die Schuldtragenden.
Endlich als die Hausfrau ihr ältestes Töchterchen mit der Botschaft hereinschickte, die Familie könne nicht länger warten, erhob sich Franz, erstaunt und erschrocken über die ungebührliche Länge seines ersten Besuchs; aber das junge Mädchen war nun in die Freuden und Leiden seines Lebens eingeweiht, sie wusste von seinem kurzen Glück und der langen trostlosen Zeit, die demselben gefolgt. Auch sie hatte mit ihren Mittheilungen nicht gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, einmal zu einem wirklich theilnehmenden Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen, und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre friedliche sorglose Kindheit und die harten Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein alter Freund. Sprechen wir nicht von der Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte sie den Beiden eigentlich durch die missmuthigen Gesichter am Tisch vergällt werden müssen, aber sie bemerkten nichts davon. Beide waren in Gedanken noch immer bei dem angenehmen Stündchen, Beiden schien's, als sei ihnen etwas von ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo vollends war unausstehlich. Wäre dies dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht gar so unmöglich gewesen, die Grosseltern hätten ihm vermuthlich mehr als einmal barsch Schweigen geboten. Er wurde nicht müde, von der Tante zu sprechen; alles, was er drüben gesehen, war viel schöner als daheim, Grossmutter besass nur einen gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, ihr Kuchen hielt keinen Vergleich mit dem aus, den ihm Johanna gegeben, und eine solche Cravatte wie die, welche sie ihm umgebunden, fand sich im ganzen Hause nicht vor.
Auch fiel seine Begeisterung nicht so schnell in todte Asche zusammen, wie es sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn die Grossmama des Morgens angekleidet, wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus ihren Händen, polterte die Treppe hinab und winkte ihr nach einigen Augenblicken, ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster gegenüber lachend zu. Selbst die betrübende Thatsache, dass er bei der neuen Tante artiger sein musste, als daheim, dass die enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth seinem Umhertollen nur ein sehr begrenztes Gebiet gestattete, dass er die Nähereien nicht verwirren und mit der Scheere dem Aufputz und den Stoffen nicht nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend auf seinen Enthusiasmus. Der rauhe Wind mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse verleiden, und ehe er sich bei den Grosseltern langweilte, die in der That in ihrer mürrischen Verbitterung nichts mit dem quecksilbernen Jungen anzufangen wussten, trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben vermochte, die ungewohnten Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer gemacht. Während Johanna flink die Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das enge Stübchen mit all den trauten Gestalten des deutschen Märchen- und Sagenschatzes; er lauschte ihr in athemloser Spannung und verfiel nur selten auf eine seiner kleinen Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich in's Gewissen, dann senkte er bussfertig den Lockenkopf und versprach volle Besserung. Selbst daheim hätten die Grosseltern eine gewisse Milderung seiner wilden Sitten bemerken müssen, wenn sie dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn Johanna sich mit dem Kinde Mühe nahm, so legte sie nur Fallstricke, um dessen verblendeten Vater zu fangen. Grossmama nahm sich kein Blättchen vor den Mund, sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene nicht zurück; freilich erzielte sie mit ihren Anklagen ein gar sonderbares Resultat. Immer häufiger richteten sich Franzens Blicke auf das Fenster gegenüber, immer heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand der Trübsinn aus seinem Blick. Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss erregt, als wenn er Abends beim Nachhausekommen den Knaben nicht vorfand; jetzt schien es ihm ein besonderes Vergnügen zu machen, ihn von drüben abzuholen und dabei eine Viertelstunde mit der Nachbarin zu verplaudern. Grossmama ging den ganzen Tag wie ein drohendes Gewitter herum, und ihr Gemahl glich mehr als je einer grossen grauen Spinne, die auf eine unschuldige Fliege lauert. Zuletzt lief sie ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte sich erkältet und musste das Bett hüten. Mit der Hartnäckigkeit eines kranken Kindes verlangte er seine Tante Johanna. Grossmama schleppte ihm Spielzeug und Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte seine Gedanken abzulenken. Papa war früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen und hörte noch vor der Zimmerthür das Kind nach der Tante verlangen.
»Warum habt Ihr sie nicht gebeten, herüberzukommen?« fragte er arglos, »Fräulein Stirner ist die Gefälligkeit selbst und Ivo ihr besonderer Liebling. Sie wäre ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.«
»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, »an Bedenken scheint die junge Dame überhaupt nicht zu kränken.«
Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch seine bessere Hälfte, »solche berechnende Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung als für sich selbst.«
Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich.
»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht aus Rücksicht für mich, so doch Euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste Freundlichkeit erwiesen? Nein, spottet nicht,« -- kam er, als sie sprechen wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich sonst dadurch zu einen Schritt veranlassen, vor dem Ihr mich bewahren wollt!«
So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe ihre todte Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken, ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig wiederkehrte, theils wegen des Gegenstandes, theils wegen des Sprechers mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen, ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er das Haus verliess, theilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. »Ich brauche Euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will,« sagte er beim Abschied. Die Grossmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor Deinen lächerlichen Drohungen fürchte!« Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Oel in's Feuer. »Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast! Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere glatten, weissen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!«
Sie sahen noch, wie Franz über die Strasse ging, drüben die Klingel zog und in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, er werde das Geschäft versäumen, aber so verhängnissvoll war der Einfluss von »der drüben« doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als weil ihn sein geschäftliches Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die erste freie Minute benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeathmet, als sie erfuhr, seine Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Grossmama auch darin Zeichen von Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd.
Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen Hustenanfall zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen liessen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug, einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Grosseltern in der letzten Zeit ziemlich vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich machte. Unbehaglich wurde ihr nur zu Muthe, als wirklich die bemalten Tassen zum Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu dem an Ivo's Bett gerückten Tisch niedersetzten. O, es entstanden keine solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht! Grossmama sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Athem zu schöpfen, innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und machte irgend eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer todten Tochter, die solch ein Musterbild aller Tugenden gewesen: »ganz anders als die Mädchen, die man jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen sind«, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann wieder Grossmama: »Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die Beiden auch aneinander!« So ging es in einem Zug fort. Die Geschichte von Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen, musste sie nun noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess ihr nichts; sie musste auch die ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet, ihr nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf der tückische Greis höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache werden alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit den nickenden boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's Willen noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob sich. Doch so leichten Kaufes liessen die Alten sie nicht los. Sie musste sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht, sie musste sich noch in kaum nichtzuverstehender Weise andeuten lassen, dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es den Grosseltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde gesagt, dass sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt »der kleine Ivo muss es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an Bändern und Süssigkeiten in's Haus!«
Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm gefielen und die keinen Werth mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen und den andern Leckerbissen liess sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen. Kaum konnte sie ihre Thränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer Hinsicht Recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre dies auch möglich gewesen, da er der Erste war, der dem alleinstehenden, verlassenen Mädchen mit menschlichem Antheil entgegen gekommen! Auch das Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren ihr fremd geblieben. Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum getrocknet, als ihre vierschrötige Hauswirthin an die Thüre klopfte, um sich über die Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben recht. Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, wo sie eine solche Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte.
Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer verlassen, fing sie ihre Sachen zu packen an. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Muthe, als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten irgend eine Miene gegraben. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs überzogen, und in eine Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war. Sie wollte sie in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei Menschen von Herzen lieb gehabt. Da hörte sie Tritte auf der Treppe, die ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein Pochen an der Thür, das ihr »Herein« zittern, kaum vernehmlich klingen liess. Franz trat ein. Mit einem Blick hatte er die Sachlage erfasst.
»Ich habe von drüben recht gesehen,« sagte er traurig, »Sie wollen uns entfliehen, meinem armen Knaben und mir?« -- Sie wollte etwas antworten, aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde förmlich beredsam:
»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen gelehrt. Bleiben Sie bei uns!«
Sie stand fassungslos.
»Ivo's Grosseltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie bitter. Sie wies auf die zusammengerollten Blätter. »Sehen Sie, so ist mein Inneres. Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu Vieles in mir welk und dürr geworden.«
»Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt; sie sind grämlich, durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich Dich kennen lernte, und bin durch Dich verwandelt worden. So wird es, so muss es ihnen auch ergehen.« Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd, dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an seine Brust.
SCHWIEGERMÜTTERCHEN.
Mama Hellmer hatte nur eine Sorge in ihrem sonst recht angenehmen und behaglichen Leben (freilich eine Sorge, so gewaltig und alles verschlingend wie der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser gutmüthiger Junge mit dem Pudelkopf, ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, werde sich die Finger oder auch die ganze Hand verbrennen, wenn er an's Freien ging.
Zu ihrer Entschuldigung sei hier bemerkt, dass sie sehr unglücklich verheirathet gewesen war, dass ihr Mann, ein ganz auserlesener Taugenichts, ihr alles erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte.
Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte manches Jahr vom frühen Morgen bis in die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, genäht, gestrickt, in allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und sich mit ihrem Jungen tapfer durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine Kette unendlicher Opfer hatte sie es sogar vermocht, ihm eine Erziehung geben zu können, wie sie selbst manchem Sohn aus wohlhabendem Hause versagt blieb. Nun hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle Mühe und Plage abgenommen und sie in eine behagliche, sauber und zierlich wie ein Puppenheim ausgestattete Wohnung hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste er genau; er wusste, dass er ohne ihre Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich ein zerlumpter, schmutziger kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht verkommener Bursche geworden wäre, und ein innigeres Verhältniss als zwischen diesem Sohn und dieser Mutter konnte man sich kaum vorstellen. Den weiblichen Nachbarn -- besonders den verheiratheten -- traten Thränen der Rührung in die Augen, wenn sie jeden Nachmittag bei hübschem Wetter Mama Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes spazieren gehen sahen. Die Bank, in welcher Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung einnahm, schloss frühzeitig, aber er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte Stelle aufgegeben, als Mama die ihr vom Arzte verordnete Bewegung in der frischen Luft allein machen lassen. In Papierdüten trug er ihr Blumen und Obst nach Hause, als wäre sie, wie die unverheiratheten Nachbarinnen, den Mund ein wenig verziehend, bemerkten, eine junge Dame, der er sein Herz zu Füssen gelegt. -- Und wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern legte, wenn ein rauhes Lüftchen sie anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem Munde hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm kein Wörtchen, das sie sprach, verloren ging. Ja, Frau Hellmer war eine beneidenswerthe glückliche Mutter, trotz der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich ohne es zu wissen und zu wollen, verursachte. Eduard besass zu seinen übrigen Tugenden leider auch noch ein leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie und da ganz vernehmlich für irgend ein anmuthiges Mädchenbild, das ihm in seinem Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise begegnete, und er wäre vermuthlich blindlings in das Unglück seines ganzen Lebens hineingerannt, wenn Mama nicht die bestconstruirte Dampffeuerspritze in den Schatten zu stellen und die aufflackernde Gluth durch einen mit voller Kraft geschleuderten kalten Wasserstrahl zu dämpfen gewusst hätte.