Anspruchslose Geschichten

Part 8

Chapter 83,609 wordsPublic domain

»Sie haben g'wiss viel schöne Damen g'malen?« fragte sie mit einer Regung der Eifersucht.

»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?« versetzte er, sich der eiteln Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt mir ein, wann willst du mir denn in deinem besten Staat sitzen?«

»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«, sprach sie und verschwand im Hause, klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu betreten; aus dem Flur führte die Treppe in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers wären unbequem gewesen. Nach einer Weile kam sie wieder, mit einer Näherei in der Hand.

»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief Teubner, die Künstleraugen voll ehrlicher Bewunderung auf ihr verweilen lassend. »Ich bin sicher, die »Haiderose« wird ebenso viel Erfolg haben, wie -- wie dein früheres Conterfei. Vielleicht verhilft sie mir zu all' den übrigen guten Dingen, die ich mir noch für's Leben wünsche. Dem »Unkraut am Wege« verdanke ich ein schönes Atelier, freundliche Kritiken und dass ich mit etlichen Münzen in der Tasche klimpern kann. Und wenn das Glück mir wohl will, dann«, er brach ab und blickte auf einen einfachen Ring an seinem Finger. »Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend.

»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit völlig veränderter Stimme, die Nadel war ihr bei einer heftigen Bewegung in den Finger gefahren, ein Blutstropfen fiel herunter, sie seufzte tief auf. Fritz Teubner schüttelte den Kopf über das wehleidige Bauernmädchen, das ganz verstört über einen Nadelstich erschien. Da war die kleine zarte Nachbarin, deren Ring er am Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein handhabt sie die Nadel bis zu einem gewissen glücklichen Tage, den Cenz's Bild näher rücken soll. Eifrig führt der Maler den Stift.

Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe im Hofe.

»Madel, was hast?« fragt er erschrocken, »Du wirst doch net krank wer'n. Lass Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer Hitz'n ist's net gut draussen sein.«

Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge, und dankbar sieht sie den ehrlichen hübschen Jungen an.

»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk', i lass, wenn's Ihnen recht is, das Sitzen auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden. Er hat denn auch im Lauf der Tage, während er im Dorfwirthshaus sein Quartier aufgeschlagen, das Bild vollendet. Mit Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie hat die ganz ausführliche Geschichte von der kleinen hübschen Nachbarin, von dem Ring und wie und wann er ihn bekommen, aus seinem Munde gehört. Wie tief sie diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren. Das Unkraut war übrigens ein tapferes Mädchen geworden und wusste seine aussichtslose und ein wenig lächerliche Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr nachher Fritz Teubner mit seiner jungen Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam, ging es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus. Das hübscheste Mädchen im Orte, Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch mit dem jungen Thalhofer. »Man soll si nix verreden«, sagte die Wirthin zum Pfarrer, »jetzt hab' i an dem Unkräutl doch mei Freud erlebt. So brav ist's worden, dass i mir wünsch, meine Madeln sollen ihr nachgerathen.«

HERBSTBLÄTTER.

Ich kann ihn nun selber tragen! bemühen Sie sich nicht weiter! Die alte Frau nahm dem Mädchen den kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken, ja ohne ein Wort des Dankes verabschiedend, ging sie in ihr Haus hinein. Verblüfft blieb die Nachbarin, ein junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem zarten schüchternen Gesicht vor der Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne alle Förmlichkeit entlassen? Das alte, zahnlose Mütterchen hatte es geduldet, dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, ziemlich lange Strecke von der Pferdebahn bis zum Hause mehr trug als führte. Freilich hätte sie den Liebesdienst auch nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn sie Lust dazu gehabt hätte. Der Schrecken war ihr in die alten Glieder gefahren, als das wilde Kerlchen, noch bevor sie das Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug. Und als das junge Mädchen, das an derselben Strassenecke abstieg, den kleinen Unband, ohne ein Wort zu sprechen, auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos gefolgt; aber die Blicke, die sie auf die junge Helferin heftete, zeugten von Allem eher als von Erkenntlichkeit und Wohlwollen, und der Abschied war entschieden unhöflich. Merkwürdigerweise hatte sich das Büblein ohne Widerrede von der Fremden tragen lassen, während es sich oft aus den Armen der alten Frau sträubend loswand, was das Mädchen vom Fenster aus beobachtet. So war es vermuthlich grossmütterliche Eifersucht, was die Greisin so ablehnend erscheinen liess. Eine andere Erklärung konnte Johanna Stirner dem sonderbaren Benehmen nicht geben.

Frau und Kind waren ihr nicht ganz fremd, obschon sie ihre Namen nicht wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie das einfenstrige Gassenzimmerchen dem Hause der Alten gegenüber gemiethet. Sie war eine Kleidermacherin, eine Waise, die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer und ehrlich durch's Leben schlug. Erst hatte sie Stunden gegeben, aber das Schneidern wurde besser bezahlt. Ihre Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den Genuss eines der feineren Vergnügen, an die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus gewöhnt gewesen, den Besuch eines Theaters oder Conzerts oder den eines befreundeten Hauses, das sich nicht von ihr zurückgezogen, als sie den Kampf um's Dasein selbständig aufnehmen musste. Ihre Beschäftigung zwang sie, nahe dem Fenster zu sitzen, und während die flinken Hände in das feine Zeug stachen, hatte ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken.

Unwillkürlich formte sie sich die Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die sie in den Fenstern oder auf der Strasse sah. Das alte Paar ihr gegenüber, das die wärmende Herbstsonne suchte und in ihrem Schein an je einem Fenster im ersten Stockwerk sass, musste schwere Verluste erlitten haben. Sicher war es das verbitternde Unglück, das ihnen die herben Linien in die Gesichter gezogen, wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. Das junge Mädchen glaubte zuerst, sie ständen ganz allein, aber bald sah sie einen wilden kleinen Jungen, der nicht mehr als vier Jahre zählen mochte, in der Stube herumstürmen und das Oberste zu unterst kehren. Die Alten liessen ihm wohl zu viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass sich der Wildfang auf das Fenstersims setzte und die kleinen Beinchen in die Strasse hinabbaumeln lies. Das sah lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm die Grosseltern wehrten, so bemerkte man keine Wirkung davon. Sie sprachen auf ihn ein, und er blieb unbekümmert auf seiner Warte, bis ihm ein anderer Einfall durch das Gehirn schoss, er in die Stube zurückkletterte, um nach ein paar Minuten auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten Rangen aufzutauchen. Sie waren älter als er, aber das hinderte ihn nicht, wie ein kleiner trotziger Kampfhahn auf sie einzudringen. Putzig genug sah er aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die grossen Bengel loshämmerte, unbekümmert darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen trafen. Wenn er hinab kam, war er sauber und trug gute Kleider, aber eine halbe Stunde unter seinen Widersachern sah ihn voll Staub und Schmutz und den Anzug in Fetzen.

Fräulein Johanna konnte sich nicht enthalten, dem prächtigen dunkeläugigen Burschen die zerzausten Locken zu streicheln, oder ihm einen Apfel, ein Stückchen Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm vorbeikam. Das arme Mädchen ahnte wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch ihre harmlose Freundlichkeit aussetzte.

»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte und winkte bedeutungsvoll zu ihrem würdigen Gemahl hinüber.

»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem Kind schmeichelt sie und meint jemand Andern. Nun, wir sind auch noch da!«

Da Johanna Abends vom Fenster abrückte und zufällig die ersten Sonntage bei ihren Freundinnen eingeladen war, wusste sie gar nicht, dass die interessante Familie über der Strasse noch ein Mitglied zähle; um wie viel weniger konnte ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige Pläne auf dasselbe beimesse. Sie wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends an das Fenster trat und drüben einen noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften Gesicht bemerkte. Die leidenschaftliche Innigkeit, mit der er das Kind liebkoste, fiel ihr auf. Dann unterhielt sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten und nicht sonderlich lenksamen Kindern ausgefochten werden muss, der Kampf um das Zubettgehen. Das Kerlchen lief lachend und schreiend vor der Grossmutter davon, diese mochte bitten und drohen, das sah man an ihren Mienen, aber ohne einen Eindruck zu erzielen. Zuletzt machte der junge Mann der Komödie ein Ende, indem er das Kind in den Arm nahm und aus der Stube trug. Ohne sich zu sträuben, liess es der kleine Junge geschehen, ja er drückte vergnügt lachend sein Gesicht an das bärtige; -- das war offenbar sein Papa, der Knabe nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist. Dann hat sie auch den jungen Mann hie und da beobachtet; wenn er das Kind nicht bei sich hatte, wurde sein Gesicht trostlos, abgespannt, das eines Menschen, dem das Leben nicht leicht fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau das beste Theil gestorben, und das Beisammensein mit den alten Leuten, die seine Eltern nicht sind, darauf möchte das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich keinen vollwichtigen Ersatz für das, was er verloren. Allabendlich setzt er sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, aber aus der Entfernung kann sie sehen, dass diese Art Zeitvertreib von ihm als eine einmal übernommene und ohne Widerstand ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen betrachtet wird. Bleierne Langweile, unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet bei Gewinn wie Verlust in seinen Zügen, während es in den alten Gesichtern gierig oder enttäuscht aufzuckt und der volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen spricht. -- Wenn sich das Paar endlich zu Ruhe begeben, dann wandert der Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer herum; Johanna stellt sich vor, dass es einst das Glück seiner jungen Ehe umschlossen, und nun von all den Geistern todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine spuckhafte Gesellschaft! Kein Wunder, dass sich seine Stirn furcht und das Gesicht den Ausdruck müder Resignation trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist.

Seit drei Jahren steht das alte Paar zwischen ihm und jeder erwachenden Regung von Lebenslust. Ihnen ist mit ihrem einzigen Kind Alles gestorben; sie könnten es nicht begreifen, wenn es bei dem jungen Mann anders wäre. Ein eifersüchtiger Liebhaber könnte nicht ängstlicher seine Herzensdame bewachen, als die beiden Greise ihren Schwiegersohn. Es ist eine böse Welt, voller Fallstricke. Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es doch nur Liebe, wenn auch eine verzerrte, missartete, die ihr sonst unverantwortliches Beginnen diktirt; sie können sich nicht darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen zu sehen, die ihr einziges Kind ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr Enkelkind, dem eine Fremde nicht die Zärtlichkeit entgegen trüge, die er bei ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, der kaum ein Jahr zählte, als ihm die Mutter starb, besser aufgehoben sein, als bei den Grosseltern? Die alte Frau hat manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen müssen, die Last und Plage, die solch ein junges Menschenkind verursacht, war für ihre Jahre nichts Geringes. Ivo's Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte und die kleinen Schrullen übersähe. Dass sie in jeder Frauengestalt, die in seinem Gesichtskreis auftauchte, eine gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass sie und ihr Mann nicht müde werden konnten, ihn zu warnen und über die unlauteren Beweggründe für jedes freundliche Wort, an ihn gerichtet, für jede Liebkosung, die der schöne kleine Bursche empfing, aufzuklären, erschien ihm allerdings nicht gerade als ein Beweis von liebenswürdiger Gemüthsart, auch trug es nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben mit ihnen besonders erfreulich zu gestalten. Aber um ihn handelte es sich nicht, ihn hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause fern; wenn er sein Kind treu behütet wusste, so hatte er wohl alles erreicht, was ihm sein armes, verstörtes Leben noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde Sorgfalt, die keine andere Hand dem Knaben widmen würde, war ein Dogma. In der Obhut seiner Grosseltern konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich bei ihrer unausgesetzten Wachsamkeit! Und nun hatte sich der Junge blutig geschlagen, als er mit der Grossmama aus dem Park heimfuhr, und um ihr keinen Tropfen in diesem bittern Kelch zu ersparen, musste eine Fremde ihm zu Hilfe eilen, nein, keine Fremde, eine Harpye, die schon seit Wochen darauf lauerte, über den gedeckten Tisch herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige Zimmer nur um ihrer versteckten Pläne willen gemiethet und mit geübter Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett gethan. Schon sah die Alte ihren leichtgetäuschten Schwiegersohn in den Banden einer berechnenden Frau, Ivo bei Seite geschoben und rauh angefahren, da griff sie denn nach dem ersten Ausweg, der sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen über den Vorfall schweigen. Papa würde sehr böse werden, wenn er erführe, dass Ivo vom Wagen abgesprungen, bevor dieser hielt, schärfte sie ihm ein und blickte höhnisch zu der Nachbarin hinüber, die nun wieder emsig arbeitend beim Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss »ein gutes Bild einzulegen.« Für diesmal war ihr das Spiel verdorben. Die Alte hätte kein schlechteres Mittel ergreifen können; und wäre nicht schon eine so lange Zeit verstrichen, seit sie ihr eigenes Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften, aufgeweckten Kinder kein Grübler; er hätte bis zum Abend den Hautriss sammt dem Pflaster darüber, das zarte Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, das mitleidige »Hast Du Schmerzen, Du armer Schelm?« vollkommen vergessen, wenn das Verbot nicht gewesen wäre. Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in seinem Gedächtniss, und verlieh ihm eine tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend gleich beim Kommen, das Pflaster auf der Stirn bemerkend, auf seine Frage von Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe sich an der Tischkante gestossen, wurden die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama hatte gelogen, ein guter Theil ihrer Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger als sonst wehrte sich der Kleine gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte. Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie heute auf ihrem Willen; es war nicht rathsam, Vater und Kind an diesem Abend sich selber zu überlassen. Aber als sie Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie er: »Lass mich, oder ich sage dem Papa, dass ich vom Wagen gefallen bin!«

Ihr fielen die Hände vor Schreck in den Schooss, und ohne Widerstand duldete sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa emporheben und aus dem Zimmer tragen liess. Erst nach einer Weile folgte sie ihnen, um ihrem Schwiegersohn beim Auskleiden des kleinen Prinzen zu helfen, aber der lag schon im Bett, mit beiden Händchen um den Hals des Vaters, der seinen Kopf auf das Kissen neben den des Kindes gelegt; es war wie gewöhnlich; kein Anzeichen, dass der Range geplaudert und alle Mühe umsonst gewesen. Beruhigt zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was ihr der nächste Morgen bringen würde.

Es war ein Sonntag, ein schöner, milder Frühlingstag. Grossmama sah kein Arges darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem Kinde sein bestes Kleid anzulegen. Vermuthlich führte er ihn, wie er es fast jeden Sonntag that, in den Park spazieren. -- Als der junge Mann und das Kind der Thüre zuschritten, wandte sich der Erstere nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama, wir werden zur rechten Zeit zurück sein, doch sollten wir uns, wider Erwarten, verspäten, dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich beabsichtige, mit Ivo einen Besuch zu machen.«

Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf einmal an, der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies wie eine Beeinträchtigung ihrer todten Tochter.

»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« fragte sie und wischte dem Kinde über das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon.

»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand geleistet. Es war nicht recht, Grossmama, dass Du mir den Vorfall verheimlicht. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür aussprächen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.«

Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Grossmama war wüthend.

»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene behauptend, »gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo ausgestreckt.«

»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, »sich selbst sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel,« er wies auf Ivo, »mit in Kauf nehmen muss.«

»Da stösst man dann in alle Ecken«, wehklagte seine Gemahlin, »ich habe es nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büsst es alles, alles ein.« Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen stehenden Schwiegersohn aus.

»Franz, wenn Du dem Knaben eine Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!«

»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« sagte der junge Mann unwirsch, »ich denke nicht daran, mich wieder zu verheirathen. Mein Sohn ist bei Euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich werden, wie ich es mit Marie gewesen.«

Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen und Prophezeihungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt that es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt, der Nachbarin in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht Unrecht, er that am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben noch Glück und erfüllte Verheissungen erwarteten. Vielleicht hatten sie auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkte.

Ivo hat heute nicht viel Vergnügen von seinem vor sich hingrübelnden Papa. Aber er verlangt von dem traurigen Mann nicht, dass er sich so unausgesetzt mit ihm beschäftige, wie es die Grosseltern thun, die ihn mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung gar oft langweilen. Er ist schon zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, neben ihm hergehen kann, vergebens bemüht, seine Schritte den weitausgreifenden anzupassen. Im Park setzt sich Franz auf eine Bank, der Kleine befriedigt an seine Seite. Nach einer Weile wird er des Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die schönen gelbfarbigen und purpurrothen Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes Geschäft, und wenn man die minder schönen immer wieder gegen besser gefärbte vertauschte, mag es auch für eine geraume Zeit vorhalten.

Der Vater trifft Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben und blickt nach dem Knaben aus. Beide Hände voll mit seiner prächtigen Beute eilt er auf ihn zu. Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, es sei am besten, nach Hause zu gehen und der Fremden einige Zeilen des Dankes zu schreiben, denn er ist des Verkehrs mit Frauen vollkommen entwöhnt, und die Worte der Alten haben, ohne dass er es sich gestehen mag, ihren Einfluss auf ihn nicht verfehlt. Da sagt Ivo:

»Die rothen und gelben Blumen bringe ich alle dem schönen, grossen Mädchen, das mich nach Hause getragen hat. Die wird sich freuen!«

Es war feuchtkalt in den Zimmern. Die Sonne schien plötzlich ihre ganze Macht eingebüsst zu haben. Grossmama sass, in einen dicken Shawl gewickelt, am Fenster und blickte ingrimmig zu der Nachbarin hinüber. Was sie sah, war aber auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht Nahrung zu geben, und ihr am Nebenfenster gleich einer grossen grauen Spinne lauernder Gemahl, ein heimtückischer Greis, der sich freute, für seine geringe Meinung von der Menschheit im Allgemeinen an besondern Fällen eine Bekräftigung zu finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche boshafte Bemerkungen, wie »wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit nur nicht erdrückt!« oder »Franz scheint sich gar nicht von drüben trennen zu können,« das Feuer zu schüren. Franz war ein ungelenker, steifer Geselle, seit er sich in seinem Umgang auf die zwei alten Leute beschränkte. Er hatte sich auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin angeboten, und nachdem er, unbeholfen genug, seinen Dank für die geleistete Hülfe ausgesprochen, versank er in ein bedrückendes Stillschweigen. Das junge Mädchen war zu schüchtern, um es zu unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, mit dem Rückhalt, den ihr deren gesicherte Lebensstellung gewährt, war sie heiter, lebhaft und gewandt gewesen; seit sie sich allein durch's Leben schlagen und und von hochmüthigen Kunden manche Demüthigung hinnehmen musste, war sie gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn sie freundlichem Entgegenkommen begegnete, schaute sie auf, und ihre ehemalige liebenswürdige Gesprächigkeit trat zu Tage. Beide hatten im ersten Augenblick nicht den günstigsten Eindruck von einander empfangen; Johanna hielt ihren Gast für hochmüthig, -- (das arme Kind war seit den trüben Erfahrungen, die sie gemacht, nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren lieben Nächsten vorauszusetzen) -- er dachte, sie wäre eine hübsche geist- und leblose Kaminfigur und blickte sehnsüchtig nach der Thür, im Stillen die Augenblicke zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen die Schicklichkeit wieder empfehlen konnte. Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn würde der Glanz und die Hoheit eines Königshofes vermuthlich auch nicht im Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens kam er nicht mit leeren Händen, das musste ihm jedenfalls einen freundlichen Empfang sichern.

»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit, die gelben und rothen Blätter, die er auf dem Wege durch krampfhaftes Festhalten um ihre natürliche Form gebracht, Johannaen darreichend, »das alles gehört Dir. Freust Du Dich?«