Part 7
Freilich fing sein Elend noch am selben Abend wieder an. Die Hausfrau erzählte, um ihren Liebling vom vorigen Jahre her in das günstigste Licht zu setzen, dass er das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben verstehe. Die Damen versicherten, nichts gewähre ihnen ein solches Vergnügen wie eine Bootfahrt, die Herren kündigten ihm ihre Begleitung für den nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden Augenblick mehr entzückte, sagte nichts, aber sie richtete ihre schönen blauen Augen bittend auf ihn. Ihm brach der Angstschweiss aus allen Poren; war er ausersehen, der Mörder all' dieser braven Leute zu werden? Klaus war kein Salonmatrose, er hatte seine Knabenjahre in der Nähe von Bremerhaven verlebt und ein Boot zu regieren beinahe so früh wie das Abc erlernt. Auch ist das Segeln Alles eher denn eine Kunst -- wenn das Fahrzeug etwas taugt, aber der Flemingsche Krondiamant besass etliche Flecken. Und was hilft alle Geschicklichkeit gegen die Tücke eines Koboldes! Der junge Mann ging nicht mit der Begeisterung, welche die Gesellschaft erwartet haben mochte, auf die vorgeschlagene Segelpartie ein. Vergeblich nannte man ihn von da an nicht anders als »Capitän«; er bestand darauf, dass, wer nicht schwimmen könne, auf dem Festlande bleiben müsse. Die Aengstlichen sahen hierin einen Beweis, dass er sich nicht sicher fühle und standen sogleich ab. Mathilde bekannte seufzend, sie könne seine Bedingung nicht erfüllen und müsse daher verzichten. Es wäre ihm das auserlesenste Vergnügen gewesen, sie über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte seinen Wunsch, indem er sich vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem Morde, sie zu einer Wasserfahrt mit einem Unglücksmenschen zu bewegen.
Nur zwei Herren waren verwegen genug, sich seiner Führung anzuvertrauen. Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt vor. Klaus bestand sein Examen glänzend. Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe auch diesmal vor Frau Fleming's Königreich Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen wuchs; denn als man landete, waren seine zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll für seine nautischen Künste. Da lud er Mathilde zu einer Segelfahrt für den nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger Herr, der erst vor einigen Stunden angekommen war, stand neben ihr; Mathilde machte ihn, ihren Papa, mit dem jungen Manne bekannt, und nun verlebte dieser mit den zwei liebenswürdigen Menschen einen Abend, der ihm unvergesslich bleiben wird. Am nächsten Tage vertrauten sich ausser Vater und Tochter noch einige der Sommergäste seiner Führung an. Auch diesmal verlief die Expedition prächtig. Auf dem Lande war es erstickend heiss gewesen, nun wehte es die Gesellschaft kühl und belebend an, und eine leichte Brise trug das Boot wie auf Schwingen über das Wasser. Alle versicherten, nie angenehmere Stunden verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller erschien, Mathilde drückte ihm dankbar, mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, die Hand. Da versuchte er die Götter und versprach ihr eine Wiederholung.
Es war ein glorreicher, glückverheissender Tag. Da man in Frau Fleming's Herrschergebiet eine einschnürende Etikette nicht kannte, ging das Pärlein allein an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, sollte es ihm freilich nicht werden. Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen Commissäre, die diesmal vermuthlich seine Geduld wie zuvor seine seemännischen Fähigkeiten prüfen wollten, kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil am Vergnügen zu beanspruchen. Da sie ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten sie ihm ein gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, das er jedoch in jenem Augenblicke nicht voll zu schätzen verstand. Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre Bemerkungen, machten sich beim Steuer unnütz oder starrten in's Wasser. Klaus konnte ungehindert mit seiner Herzensdame flüstern. Vielleicht hatte er sich zu tief in die blauen Augen versenkt, vielleicht hatten ihn die zwei Probefahrten übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten jedoch ist, dass sein Kobold dessen überdrüssig war, unbeschäftigt im Winkel zu stehen, und dass er im Augenblicke, wo er den Unglücksmenschen am härtesten treffen konnte, hervorsprang.
Das Boot war nicht so leicht zu regieren, wie sonst, die Brise wehte scharf, mehr als einmal schlug das Wasser, Alle durchnässend, hinein. Und Klaus war zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel gewickelt, und als sie ihm zum Danke die Hand reichte, sie länger als vernünftig in der seinen behalten. Er hielt sie noch, als der Boden unter ihnen wich, die kalte, salzige Flut auf sie einströmte und das Bootkiel oben vor ihnen trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste es getroffen und zum Kentern gebracht haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen die Besinnung nicht, er legte den linken Arm um Mathilde und brachte sie nach oben.
Sie war die Selbstbeherrschung in Person; sie klammerte sich nicht an ihn, seine Bewegungen hemmend, und so gelang es ihm nach einiger Anstrengung, den Kiel seines Bootes zu erreichen und einen Stützpunkt für sich und seinen schönen Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen sah er rüstig und unversehrt zur Küste schwimmen. Sie war nicht fern, aber bei der starken Strömung zum Meere wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im Arme zu erreichen, aussichtslos gewesen. Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser, entweder nahm eines derselben sie auf, oder die beiden Geretteten lösten am Strande, der förmlich auf Rufweite vor ihnen lag, ein Ruderboot und kamen den Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis dahin aushalten konnte, wenn nur sein Arm, der steif wie der eines Todten wurde, das junge Mädchen über dem Wasser erhielt! Blass und mit geschlossenen Augen lag sie an seiner Brust. Eine förmlich wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er nicht voraus, das Alles, was er anfasste, zu Schaden kam? Wie hatte er so verwegen, nein so verrucht sein können, dieses holde Geschöpf, das einzige Kind und das einzige Glück ihres Vaters mit sich in's Unglück zu reissen? Sein Selbstvorwurf machte sich in der wildesten Weise Luft.
So vergingen endlose Minuten. Das Boot trieb in's Meer hinaus, und in muthloser Verzweiflung gab Klaus seinen Schützling und sich verloren. Da hörte er lauten, ermunternden Zuruf, warme Hände streckten sich nach ihm und Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke lagen die wasserdichten Planken einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste von der Stubbenkammer nach Sassnitz heimführte, zwischen ihnen und den heimtückischen Wellen. Das junge Mädchen war ohnmächtig geworden. Als sie, von den Damen, die im Boote waren, umringt, die Augen aufschlug, suchte sie ihren Begleiter mit den Augen; er las Zutrauen, ja Dankbarkeit -- Dankbarkeit für ihn, der sie beinahe getödtet hätte! -- in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen.
Sie fanden Frau Fleming's Königreich in vollem Aufruhre. Die beiden Commissäre waren vor einer Weile angekommen, und wenn sie zu Mathildens Rettung keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich jetzt dafür eifrig beflissen, ihren Vater in die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als sie nun in Hüllen, die ihr die Damen in der Barke aufgedrängt hatten, den Strand betrat, richtete sich, wie begreiflich, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie. Ihr Papa drückte sie stürmisch an sich, dann wollte jede der Hausgenossinnen sie mit einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten sich händeschüttelnd die Herren heran, Niemand eifriger als die zwei Commissäre.
Klaus schlich sich unbeobachtet in sein Zimmer. Die Anderen hatten wohl geahnt, das er ein Unglücksmensch sei, denn sie hatten sich -- so schien es ihm -- ängstlich von ihm fern gehalten. Er wechselte seine nassen Kleider, packte das Köfferchen, und nachdem er die Adresse auf dasselbe befestigt und den Betrag, den er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch gelegt, drückte er sich, sachte wie ein Spitzbube, aus dem Hause und fuhr in die Glühhitze zurück.
Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, ihn ohne äussere Verletzung wiederzusehen. Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte sie nicht. Ein trübseliger Geselle ging er seinem Tagewerke nach, Abends sass er missmuthig unter den paar verstäubten, kläglichen Büschen des Hausgärtchens, ein Buch in der Hand, in dem er nicht las. Da schlug einmal ein Gruss an sein Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger Herr mit gutmüthigem Gesicht. Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt, von der Bank auf, es war Mathildens Vater.
»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es soll Ihnen nicht gelingen, sich meinem Danke zu entziehen. Wenn Sie auch heimlich wie ein flüchtiges Reh entwischten, Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den Lebensretter meiner Tochter zu suchen habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt er dem Sprachlosen die Hand, und seine ehrliche Stimme zittert in unterdrückter Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre aus mir geworden, wenn Sie auch so selbstsüchtig wie die beiden Anderen, nur auf Rettung des eigenen Lebens bedacht, ans Land geschwommen wären? Ohne Sie wäre ich heute ein einsamer, gebrochener Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen Leben!«
Klaus suchte abzuwehren. Er sprach von dem Unrecht, das er begangen, er, ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur Segelfahrt einlud. Aber es kam nicht viel Zusammenhängendes über seine Lippen. Für etwas gepriesen zu werden, für das er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, von Mathildens Vater in die Wolken emporgehoben, ein Held genannt zu werden, das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein getrunken.
»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl Sie veranlasste, sich unserem Danke zu entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, »allein ganz recht war es nicht: Mathilde ist untröstlich, weil Sie verschwanden, ohne zu hören, wie tief sie sich Ihnen für Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und ich glaube beinahe, dass ich sie nicht eher zufrieden sehen werde, als bis ich ihren Lebensretter mit Güte oder Gewalt in mein Haus geführt, damit sie den versäumten Dank nachhole.« Aber es bedurfte keiner Gewalt. Klaus ging gutwillig mit Herrn Hilgendorf. Mathilde kam ihm mit strahlenden Augen entgegen. Es war spät Abend, als er, ein seliger Mensch, das gastliche Haus verliess, nicht ohne versprochen zu haben, bald, sehr bald, schon am nächsten Tage wiederzukommen. Und zuletzt glaubte er gar nicht mehr daran, dass er ein Unglücksmensch sei; nein, er hielt sich für ein richtiges Sonntagskind, denn in der Ecke hinter dem Flügel hat ihm Mathilde gestern auf seine Frage geantwortet, dass sie keinem Menschen auf der Welt so gut sei, wie ihm.
UNKRAUT AM WEGE.
Das Dorf lag in vollster Sonnengluth da. Bäume und Büsche am Wegrande liessen ihre welken, bestaubten Blätter hängen, die Hunde lagen vor den Häusern, die lechzenden Zungen hervorgestreckt, keuchend, aber zu träge, einen schattigen Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde Philosophen, zogen Enten und Gänse ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. Sonst keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. Die Kinder schwitzten noch in der Schule, die Erwachsenen waren beim Heumachen. Nur ein halbwüchsiges Ding mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten schmutzigen Gesicht, in welchem ein paar wilde schwarze Augen flackerten, einem Zigeunermädchen ähnlicher als dem Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, schlich sich geräuschlos wie ein Marder rückwärts längs der Gärten hin, in welchen die Kirschbäume gerade voll saftiger Früchte standen. Manche waren so unvorsichtig, ihre Aeste über die Zäune oder sehr nahe an denselben hängen zu lassen. Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit einer Katze und hielt ihren Schmaus, schonungslos ganze Zweige knickend, aus den schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge bildend, bis sie noch schönere erspähte und den bisherigen Schmuck in den Magen wandern liess. Sehr unparteiisch verfuhr sie bei ihren Beutezügen. Sie brandschatzte ebenso des Pfarrers Stolz, die seltenen spanischen Weichseln, wie des Schullehrers Amarellen, des Küsters schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe bestimmten, weissrothe Herzkirschen. Zuweilen schlug ein Hund an, dann machte sie sich schnell aus dem Staube, und da aus den alten Zäunen mancher Brettnagel hervorstand, wurden in ihren noch guten Rock zahlreiche Kreuz- und Querrisse gezogen. Dies verursachte ihr keinen Kummer. Die Stiefmutter daheim führte eine flinke rastlose Nadel, und nachdem Cenz etliche fruchtlose Rebellionsversuche der guten Frau niedergeschlagen, war es ihr vollständig gelungen, dieselbe nicht nur für die Gastwirthschaft, den Haushalt und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, sondern auch für die Drohne arbeiten zu lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- und Friedenspfand mit erheirathet hatte.
Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter einem schattigen Nussbaume, sass der Herr Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die rundliche, gutmüthig aussehende Wirthin stand neben ihm.
»Man hat halt sei' Kreuz mit denen Kindern«, beantwortete sie soeben eine Frage des alten Herrn, »besunders wann's net einmal die eig'nen san.«
»Die Crescenz hat doch sonst so gute Anlagen«, meinte kopfschüttelnd der Geistliche, »der Schullehrer war immer des Lobes voll über ihren Lerneifer; freilich sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt verwildert sie mit jedem Tage mehr. Ich fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an ihr erleben.«
»Es is halt an recht's Unkräutl am Weg, Hochwürden«, seufzte die Wirthin, »nixnutz und schnappig (schnippisch); thun will's gar nix und is doch schon sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen könnt's doch schon a bisl schauen, wenn i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, alle Arbeit bleibt mir, und sie stravanzt den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen und schlampet, dass i mi schamen muss.«
»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, gute Frau.«
Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber auf die Bank.
»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei Schuld ist's net. Damals wie mi' der Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine Zweite, da hab' i anfangen woll'n, s' Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen mi g'stellt wie a wilde Katz', hat gekratzt und gebissen, und i hab halt zugehauen, kommt mei Mann derzu, krebsroth in' Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand von der Butten, i will ka solche Stiefmutter- und Stiefkindg'schichten im Haus hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di in Ruh; und dass i kane Hetzerei hinüber und herüber hör'!« Na, und da hab' i's dann aufwachsen lassen, wie an Unkräutl', dass es an Fried'n im Haus gibt, und so ist's denn a an Unkräutl worden.«
Cenz war es mittlerweile müde geworden, die Bäume zu plündern und schlenderte längs des kleinen Baches unter den Weiden hin, für die Augen eines gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich fesselnde Erscheinung. Aber Künstler besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen Geschmack. Zwei Maleraugen verfolgten ihre flinken Bewegungen schon seit einer guten Weile, ohne dass sie den jungen Menschen mit dem breitkrämpigen Hute beachtet hätte, der im Schatten der Weiden vor seiner Staffelei sass und den wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, der sich ihm von dem Plätzchen unter den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten suchte. Maler waren keine seltenen Gäste im Dorfe, das sie als erste Haltestelle vor ihrem Aufstieg in's Gebirge zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige Bewohner manches Skizzenbüchlein füllten. Und so sah Cenz auch viel mehr geschmeichelt als befremdet darein, als der junge Künstler, der sich auf der Suche nach so ziemlich Allem, was dieser Titel rechtfertigt, nach Erfolg, einem Namen und einem passenden Vorwurf für sein erstes Ausstellungsbild befand, sie plötzlich anrief.
»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben Stellung, in der du dich befindest, ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.«
Sie wurde feuerroth und murmelte etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass sie in einer Viertelstunde zurück sein könne. Aber davon wollte er nichts wissen. Er fand ihren Schmutz und die Risse im Röckchen malerisch.
»Saubere Dirndln kann ich genug haben,« sagte er, »ich brauche gerade so eine Staubdistel, wie du bist. Was hast du denn vorhin angestellt? Steine nach Sperlingen geworfen; ich habe es wohl gesehen; das ist ein hübscher Zeitvertreib für ein Mädchen.«
Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und das wollte er haben; so passte es für die Skizze des jungen Wildlings.
»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«, vertheidigte sie sich, ohne ihr Gewissen darüber zu beschweren, dass eine sehr grosse Schaar diebischer Vögel keinen solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht hätte, wie sie selber.
»Du hast Dich wohl um Deine schönen Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte sie nur an, die kommen auch in mein Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig zeichnend.
In Crescenz hatte sich bisher sehr wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit geregt. Jetzt aber standen die Risse in dem Kleide, die beschmutzten, zerkratzten Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre Schrecken vor ihr. In die grosse Stadt und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein und Bauernmädchen gern in vortheilhaftester Gestalt, und wie sah sie aus! Sie war mit ihrem Vater einmal in Wien und in der Kunstausstellung gewesen, sie hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder, aber wie schmuck und ordentlich erschienen die! Cenz schwur allerhand theuere Eide, dass kein Malerauge sie jemals wieder in solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am wenigsten das des jungen Künstlers, das es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr so lustig und so freundlich, als kenne er sie schon seit Jahren.
»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?« fragte er, denn ihren Namen hat sie ihm schon gesagt.
»Vierzehn Jahre.«
Er macht grosse Augen; sie ist klein und schwächlich für ihr Alter. Aber was ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der ihm wohlbekannten Ausnutzung der Menschenkraft beim Landvolk, dieses halbwüchsige Ding so ohne jede Beschäftigung herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes Kind aus armseligem Hause, das merkt Crescenz wohl, denn sie ist nicht dumm. Als er nun auf seine Frage erfährt, dass sie das älteste Kind des reichen, ansehnlichen Kreuzwirths ist, schüttelt er den Kopf. Das Mädchen fügt wie beiläufig hinzu, dass sie eine Stiefmutter habe, und dies scheint ihm Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut aber steigt siedendheisse Reue auf. Sie weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört, die Hände zu rühren, damit die Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine Schande mache. Auch sehen die jüngeren Geschwister meist schmuck genug aus, da, wenn Crescenz's Beispiel verführend auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Nur die Stieftochter, des Vaters Liebling, geht bei allen Missethaten straflos aus. Fritz ist fertig und lässt sie die Skizze sehen. Sie schreit auf. So also stellt sie sich den Mitlebenden -- und auch dem jungen, hübschen Künstler -- dar. Man könnte sie für eine Landstreicherin halten. Schier möchte sie weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer hinunter.
»Bleibst, bleiben S' noch länger im Dorf?«
Fritz schüttelt den Kopf.
»Morgen geht's weiter ins Steirische hinein; warum fragst du?«
Wieder kommt etwas Undeutliches von einem Sonntagsgewand über Cenz's Lippen.
Der Maler lacht:
»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch einmal hier vorspreche, kann sein, erst auf's Jahr. Dann male ich dich in grossem Staat. Ich habe eine Ahnung, Cenz, dass du mir Glück bringen wirst.«
Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut am Wege,« das Bild der kleinen Landstreicherin, das er in Oel ausgeführt, wurde in die Ausstellung aufgenommen und trug ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz wartete derweil daheim, dass er wiederkommen und sein Versprechen erfüllen werde. Es war ihr eigentlich weniger um das Bild, als um eine Ehrenerklärung in seinen Augen zu thun. Da sie nicht wissen konnte, wann er sie überraschen werde, trug sie sich der Vorsicht halber so nett und sauber als möglich. Keine Streifzüge über Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern und Herumstreifen in der Sonnengluth mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie dem Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus wird er sie suchen und finden. So hat es sich von selbst gemacht, dass sie sich mehr in der Nähe des Hauses hält und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft an die Hand zu gehen. Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Cenz nach dem Abschied vom Maler heimkam, aber sie hat seitdem keine Veranlassung zu einer Wiederholung dieser Geberde des Entsetzens gefunden, es wäre denn, sie thäte es, um ihr Erstaunen über die Veränderung in dem Wesen ihres Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm längst den Abstieg auf einer anderen Seite und sitzt in Wien eifrig über seinem Ausstellungsbild. Zuweilen erwachen in Cenz die Regungen der alten Ungeberdigkeit, aber nach etlichen leisen Ausbrüchen kämpft sie dieselben nieder. Der Winter ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe für Cenz, aber sie hilft der Mutter beim Nähen und Flicken, und Sonntags bedient sie flink die durstigen Bauern und die paar versprengten Städter, die selbst in Schnee und Frost der Leidenschaft, Berge zu besteigen, fröhnen. Endlich kommt der Sommer, und Cenz blickt voll Zuversicht vorwärts. Sie hat, wie manche lang im Wachsthum zurückgebliebene Pflanze, plötzlich in die Höhe zu schiessen angefangen, sie wird gross und hübsch, und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren Spuren ihrer Kletterkünste müssen für die kleinen Schwestern übernäht werden. Sie selber geht in schmucken neuen Gewändern, und wäre nicht der eine und der andere der Gäste in der Ausstellung gewesen und hätte sie im goldenen Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr alter Spottnamen wäre ganz und gar in Vergessenheit gerathen. Aber wehe dem, der ihn in ihrer Hörweite brauchte, das Zünglein hatte keine Veränderung durchgemacht.
Auch dieser Sommer verging und noch ein Winter, ohne dass Fritz Teubner sein Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes Mädchen geworden, und die jungen Burschen fingen an, sie mit sehr freundlichen Augen anzusehen. Ihr schnippisches Wesen und ihr hübsches Gesicht schien es besonders dem reichen Erben des Thalhofbauern angethan zu haben, er sass so oft und so lange als möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit Cenz' Vater Karten und machte sich der Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen selbst machte er jedoch keine Fortschritte. Wieder waren die Kirschen reif geworden, und Cenz trug einen Korb voll aus dem Garten in's Haus, da sah sie unter dem Nussbaum einen jungen Menschen mit einem breitrandigen Hute sitzen und musste den Korb hinstellen, sonst wäre er ihren Händen entfallen.
»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme. Er sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, der seinen Augen misstraut.
»Ja, bist du das wirklich? Die kleine schwarze Cenz? Aber das ist unmöglich!«
»Ja, aus Kindern werden Leut',« lachte sie.
»Die Augen und die blitzenden Zähne sind es noch, aber sonst muss dich eine gute Fee umgetauscht haben.«
»War ich denn gar so an Schrecken?« fragte sie mit dörflicher Coquetterie.
»Für mich nicht, im Gegentheil, aber für die Sperlinge, die Obstbäume und für deine Mutter musst du so etwas gewesen sein. Für mich warst du alles Gute in Person; dass ich dir begegnet bin, muss ich ein wahres Glück nennen.«
Sie wurde hochroth. Zum Glück rief die Mutter aus dem Hause:
»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?«
Sie lief hinein. Im Verschlag neben der Mutter sass der Thalhofer Franz.
»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,« sprach er.
»Das geht dich gar nix an«, sagte sie, füllte einen Krug mit Bier und eilte, ohne von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen, in den Hof hinaus.
»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil ergangen, Herr Teubner?« fragte sie und setzte sich auf die Bank ihm gegenüber. Er konnte sich von seinem Erstaunen kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen geworden, so ohne jede bäurische Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd.
»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich erzählte dir schon, dass du mir Glück gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt, habe ich alle Hände voll zu thun gehabt.«