Part 6
Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem altberühmten Rathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken- und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn« und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht (selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den hellsten Sälen des neuen Museums aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete, und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden, angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war, sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die meinen Ruhm nicht anerkannte und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut.
Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren, damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle Episteln an sie zu richten (leider dürften sie dieselbe nicht erreicht haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner Vaterstadt und bei Helene einzutreffen.
Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll Wiedersehensfreude auf sie zueilte.
»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu lassen. Und nun dieser Empfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht verlängerte sich.
»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft.
»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie.
»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so erleichtert das Gestade berührt, wie ich.«
Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus:
»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu kehren und das harte Brot -- den Schiffszwieback -- der Fremde zu essen.«
Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.
»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe, dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.«
»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene; ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile erschlagen, dann wäre vielleicht das Erlöschen der Pest vor 400 Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.«
Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird, entrüstet zu sein.
»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas unerwünschten Ruf der Originalität ein, wenn du, meine Braut, die Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit beimissest.«
Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor.
»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten, unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!«
Ich grollte Helenen nicht länger, ich fand sie bezaubernd und wollte auf sie zueilen, aber sie verschanzte sich hinter einem Stuhl, die Augen blitzend, die Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre -- freilich eine aus Meissener Porzellan.
»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust in die Fremde locken, und ich bin hier geblieben, eine lächerliche Figur, über die alle Freundinnen spotten, eine Braut, deren Bräutigam die Flucht ergriffen!«
»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich schaudernd. »Glücklicherweise glaubst du selber nicht an ihn. Weisst du doch zu genau, dass ich schon als grüner Junge im Gymnasium in dir mein Ideal verehrte und dich mit sehr kunstreichen Strophen im altgriechischen Versmass ansang. Sie haben mich manchen Schweisstropfen gekostet, und du, Kobold, nahmst sie mit schnöder Gleichgültigkeit entgegen.«
»Du hast dich zu entschädigen gewusst: Ich musste geduldig zu Hause warten, bis es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich, den Hohn zu beschreiben, der diesen Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren, nachdem er in der Fremde hinlänglichen Zeitvertreib gefunden.«
»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach und Entbehrungen ich ertragen, welche Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll ein, »du würdest nicht so sprechen.«
»Man sieht dir nichts davon an. Ich hatte im Stillen gehofft, du werdest abgebrannt und zur Mumie ausgetrocknet zurückkommen; leider bleiben die erfüllten Wünsche stets hinter unseren Erwartungen zurück.«
»Ich darf darüber nicht klagen; die meinen wurden weit übertroffen. Dass mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre von einander getrennt gewesen, mit der Klage empfangen werde, ich sähe nicht genug mumienhaft aus, übersteigt selbst meine unwahrscheinlichsten Träume.«
»In diesen zwei Jahren haben Julie Marschall und Karoline Holzwart zehn Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets nach Hause getragen und sich von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren und Referendare gar nicht zu erwähnen, den Hof machen lassen. Und ich habe zu Hause einen langen Aschermittwoch gehalten, denn meine unnatürliche Mutter erklärte, es passe sich nicht für eine Braut, deren Verlobter abwesend sei, Bälle zu besuchen; und meine künftige Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit Wassertropfen an den Wimpern: »Du willst tanzen, während Karl vielleicht in Todesgefahr schwebt!«
»Die beiden Frauen haben ein wenig Zärtlichkeit für mich, während du, kleine Selbstsüchtige, nur an dich und deine banalen Vergnügungen denkst.«
»Du hättest unter die Advokaten gehen sollen,« warf sie schneidend hin, »es ist ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage zuvorzukommen, indem sie dieselbe umkehren. Ich selbstsüchtig? _ich_ habe einem jungen Mädchen nicht die paar Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich sie band und mir die Freiheit sicherte, ich nicht!«
»Helene, höre mich an!«
Aber sie liess sich nicht unterbrechen.
»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen? Hat sich das kleine Mädchen nach dem gnädigen Herrn gesehnt und um seinetwillen abgehärmt?«
Ich stand diesem übernatürlichen Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich blendete mich ein grelles Licht.
»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein eisiger Empfang drängt mir die Frage auf: hat mich ein Anderer aus deiner Neigung verdrängt?«
Sie sah mich nicht an, sondern blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, vielleicht dauerte sie meine verstörte Miene; endlich wandte sie mir ein purpurrothes Gesicht zu.
»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich liebe einen Anderen!«
Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch hätten die Menschenfresser Geschmack an dir finden können.«
Dabei blitzten ihre spitzen, weissen Zähne, als könne sie sich nichts Willkommeneres denken. Die Naturgeschichte hat Recht, unter den Raubthieren ist das Weibchen der grausamere Theil. Mauna Loa war, gegen mich gehalten, zahm wie ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich die Miene überlegener Ironie zu Stande.
»Der Name des Glücklichen ist wohl noch ein Geheimniss?«
»Er heisst, wie mein Ideal heissen muss, Edgar.«
»Edgar? sehr abgeschmackt, und die italienische Oper ist aus der Mode.«
Meine Worte ärgerten sie (und das war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend und -- das Wort muss heraus -- unglücklich fühlte ich mich). Sie holte ein Notenheft, auf welchem ein Strauss knallrother Blumen prangte und hielt es mir triumphirend vor die Augen. »Brennende Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, seiner Schülerin, Fräulein Helene Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet.
»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« sagte ich bitter und griff nach meinem Hut.
Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren Tagen hing meine treulose Braut noch immer an; wenn sie mich genug gequält zu haben glaubte, legte sie ein Pflästerchen auf meine Wunde.
»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst zu haben?«
»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt nach Afrika belegen, denn diesmal ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die Flucht zu ergreifen.« Ich wollte meinen Verlobungsring abziehen, aber er sass zu fest, und so musste ich auf den effectvollen Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: »O, ich vergass; -- meine besten Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.«
»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf,« versetzte Helene in äusserster Betrübniss, »Mama wird von dem armen Künstler nichts wissen wollen.«
Ich bin kein Mann des Gefühls, das sich in Worten äussert. Aus Scham, die Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich eine gute Dosis Weichmüthigkeit in mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen gewisse kleine Narrenschellen an, die ihren Zweck dann auch vortrefflich erreichen, zu vortrefflich, denn nicht nur die lieben gleichgültigen Nebenmenschen, auch meine Braut werden von der Ueberzeugung beherrscht, bei mir gehe keine Empfindung tief genug, um sich nicht mit einem Witzwort abschütteln zu lassen.
Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste Ahnung, dass der Spötter, dem nichts heilig zu sein schien, der seine Gefühle durch das Scheidewasser der Ironie zu zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns genau so schmerzlich -- möglicher Weise noch schmerzlicher -- empfand, als es der sentimentalste aller Edgars, der je in stillen Mitternächten den Mond angeseufzt, vermocht hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht den Zustand meines Innern enthüllte, so schien es sie nicht sonderlich zu rühren -- mit leisem Lächeln sah sie mich meinen Abschied nehmen.
Während ich bei hellklingenden Gläsern zum hervorragendsten jetztlebenden Sohn proclamirt wurde, focht ich einen schweren Kampf mit meinem Ich aus. Ich muss bekennen, dass ich dasselbe bisher gehätschelt und in jeder Weise bevorzugt hatte. Deshalb wehrte es sich nun auf das Heftigste gegen das erste Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das Wesen zu verlieren, mit dem es sich in jeder Faser verwachsen glaubte, das es zum Mittelpunkt seiner Pläne und Luftschlösser gemacht, erschien ihm ganz einfach unmöglich. Zuletzt lag es jedoch besiegt auf der Erde.
Ich trat in das Stubenkammer'sche Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der sich in unser Zeitalter hinübergerettet. Meine Mutter und die Hausfrau waren unzertrennliche Freundinnen; sie waren auch jetzt beisammen, wahrscheinlich beschäftigt, ein modernes Paradies aus decorirtem Tafelgeschirr, Silberbestecken, ungezählten Dutzenden von Bett- und Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. Helene sass am Fenster, ein wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch wie immer. Sie warf mir einen prüfenden Blick zu, aber als sie meine entschlossene Miene sah, die etwas von dem Todesmuth der Legionen zeigte, wandte sie den Kopf ab.
Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, dass ich in einer Woche eine lange, eine _mehrjährige_ Reise, wie ich mit einem Blick auf Helene nachdrücklich hervorhob, antreten werde, in den friedlichen Familienkreis. Die beiden würdigen Damen starrten mich fassungslos an. Helene stand auf und näherte sich ihnen.
»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte die kleine Teufelin lachend, »die Forschungsreise ist nur ein Vorwand.«
Mama, die es ist, und Mama, die es werden sollte, warfen mir wüthende Blicke zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, dass der kategorische Imperativ einen so wenig süssen Kern in sich birgt.
»Das ist nun mein Lohn dafür, dass ich 24 Monate und zwei Wochen lang wie eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort.
Ich bin nur ein Mensch und daher nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben, das durch Musik und süsse Musiker Abwechselung erhielt, muss nicht übermässig hart zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft.
Die beiden Mamas tauschten erschrockene Blicke, ich hörte die künftige etwas vom heissen Klima und dem Aequator murmeln.
Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, schämte ich mich. In Edelmuth und Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die den Zorn ihrer Mutter zu fürchten schien, die Bahn ebnen gewollt, und nun liess ich mich so fortreissen. »Tante Stubenkammer,« sagte ich, »durch meine Entfernung soll ein etwas verwickelter Knoten gelöst werden. Helene liebt mich nicht; sie hat ihr Herz einem Anderen geschenkt. Dass ich tief unglücklich darüber bin und ein einsames trübseliges Leben vor mir sehe, kann ich nicht verhehlen. Aber die Rücksicht auf mich soll Helene nicht hindern, mit ihrem Edgar glücklich zu werden.«
Mama hatte längst ihr Taschentuch an die Augen gedrückt, aber Mama Stubenkammer war aus härterem Stoff gemacht.
»Helene, darf ich dich um eine Erklärung bitten!« sprach sie streng.
»Liebe Mama, für eine Frau von deinem feinen Verständniss bedarf es deren wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das -- wie lächerlich! -- auf meinen alten ehrlichen Klavierlehrer.«
Die Strenge der Mutter kehrte sich gegen mich.
»Karl, das ist beleidigend, der Mann hat Frau und Kind.«
»Und widmet meiner Braut seine ›Brennende Liebe‹.«
»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ sein, aber Karoline Holzwart capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine Braut gleichmüthig, »und die Chrysanthemumpolka war mir zu fade. Herr Nothnagel arbeitet nämlich den Erfurter Blumenkatalog durch; die Titel für seine Kompositionen bereiteten ihm früher grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür widmete er mir eine schöne rothe Sorte Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass die Gärtner sie ›Brennende Liebe‹ getauft haben.«
»Helene,« schrie ich und eilte glückselig auf meine Peinigerin zu. Ein Geräusch wie der Flügelschlag mächtiger Albatrosse machte uns stutzig. Aber es waren nur die Mamas, die -- ihrer Meinung nach: geräuschlos -- aus dem Zimmer huschten.
EIN UNGLÜCKSMENSCH.
Klaus Henning hatte die bestimmte Vorahnung, dass ein Unglück passiren würde; und er hatte sie nicht zum ersten Male. Er unterschied sich ausserdem von anderen, mit einer weissagenden Stimme in der Brust begnadeten Sterblichen dadurch, dass seine Ahnungen immer eintrafen. Das eine Mal, als er eine Prophetenstimme in seinem Inneren vernahm, ging er durch die Friedrichstrasse, stolperte gegen ein Schaufenster und musste, mit zerschnittenem Gesichte und verletzten Händen, Schadenersatz leisten. Das andere Mal wollte er mit einem allerliebsten Fräulein auf der Rousseauinsel Schlittschuh laufen und riss sie mit sich zu Boden. Bei dieser Gelegenheit fuhr ihm ein fremder Schlittschuh über die Finger, sie für mehrere Monate gebrauchsunfähig machend. Und da das neue Kleid seiner Dame etliche klaffende Risse bekam (was sie schwerer zu treffen schien, als seine Verwundung, die ihn anfänglich vier Finger zu kosten drohte), so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab seine Todfeindin. Kurz, es war sehr leicht, seine abergläubische Angst zu verspotten, aber so oft sich das bewusste dunkle Gefühl in seinem Inneren regte (und das geschah fast jedesmal, bevor er sich unter die Menschen mischte), gab es Schaden für die Zeitgenossen und Spott für ihn.
Seine Hauswirthin sah ihn denn auch nur ungern den Reisekoffer packen.
»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« seufzte sie, »denken Sie an mich, Sie kommen nicht mit heiler Haut nach Hause.«
Er wusste, dass sie Recht habe, aber die Hitze war unerträglich, er schmachtete nach einem Wellenbade, und da ihm die Geschäftsstille Ferien vergönnte, wollte er einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. Jeder minder Erfahrene hätte sich eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich nachdem er das Haus verlassen, von oben bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, die ein nachlässiger Anstreicher von seiner Leiter herabträufeln liess, oder als ihm der Eisenbahnzug davonfuhr und er nun mehrere Stunden zu warten hatte. Er aber kannte den Kobold besser, der sein Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. Auch als er unmittelbar nach der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus der Richtung, wo sein Farbenmagazin lag, aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer nicht die beruhigende Ueberzeugung, seinen Zoll entrichtet zu haben, denn bei näherer Ueberlegung erschien es ihm äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft abbrannte, während er nicht dabei war, um sich schwere Verletzungen zu holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich nach seinen bisherigen Erfahrungen vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke an, wo er die Thüre seines Waarenlagers hinter sich zuschloss, konnte die Versicherungsgesellschaft ruhig schlafen.
Er wollte sich in Sassnitz nicht unter die Badegäste mischen, konnte er doch sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, das er zum Munde zu führen gedachte, über das Kleid seiner Nachbarin, oder wenigstens über das Tischtuch auszugiessen, jeden Stuhl mit nervenerschütterndem Gepolter umzuwerfen, seinen Hut vor aller Augen in's Wasser fliegen zu sehen und was solcher kleiner Zwischenfälle mehr sind, die an und für sich sehr geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande des allgemeinen Gelächters machen mussten.
Im vergangenen Spätherbste hatte er einige Tage in einem Gasthause ausserhalb des Curorts verlebt, dessen Wirthin im Sommer eine kleine Colonie von Städtern beherbergte. Damals waren die letzten Fremden, erschreckt durch ein paar rauhe stürmische Tage, geflohen, und so verknüpfte sich ihm mit dem Aufenthalte in dem bescheidenen Häuschen am Strande die Vorstellung von erquickender Ruhe und Geräuschlosigkeit. Auch schien der Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze von Fleming's Herrschaftsbezirk die Waffen zu strecken. Klaus ging mit den Haussöhnen fischen und brachte Beute heim, was ihm nie vorher widerfahren, er kreuzte in einer Nussschale von Segelboot die Küste entlang und sah es nicht einmal den Kiel nach oben wenden, er ruderte stundenlang in einem Nachen und brach kein Ruder. Nach diesem stillen Hafen der Glückseligkeit richtete er nun seine Schritte. Ach, das war nicht mehr das erträumte Paradies!
Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem Grün bedeckt, sich vor dem Hause hinzog, spielte eine Gesellschaft junger Leute Croquet, vom Wasser her erschallten laute Kinderstimmen, auf der Holzbank im Schatten des Hauses sassen behäbige Matronen. Henning hatte die Absicht, bei diesem Anblicke umzukehren und sich ungesehen davonzuschleichen, aber die Wirthin kam mit ausgestreckten Händen auf ihn zu und rief:
»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber für Sie schaffen wir doch noch Raum.«
Er wollte murmeln, dass er nur einen Tag bleiben und dann seinen Stab weiter zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf ein junges Mädchen, die soeben ihren Ball mit dem Hammer so unglücklich getroffen, dass er, statt durch den Draht, gegen seine Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn zu und bat um Entschuldigung. Sie hatte ein Gesicht, wie es die Natur nur in besonders guter Laune zu bilden pflegt, die zartesten Farben, die treuherzigsten blauen Augen und das Haar, das sie, wohl nach einem Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem Blond. Und dann behielt er seine Bemerkungen für sich, liess Frau Fleming für sein Obdach sorgen und schwang den Hammer, ohne zu besorgen, dass seine Bälle einem Mitmenschen das Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei Tische vergass er alle seine Ahnungen, er zitterte nicht vor dem Bratensafte, er reichte Fräulein Mathilde eine Tasse Thee, ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm sich, als wäre er nie ein Unglücksmensch gewesen.