Part 10
Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein schönes Mädchen; Mama könnte sich nicht beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist witzig, lebhaft, mit nicht gewöhnlichem Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen, denn sie war ja einmal des Kindes Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein jähzorniges, heimtückisches Temperament die Kleine besass! Erinnerte sich Eduard nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes Kleid von einer Scheere kreuz und quer zerschnitten heimgebracht hatte? Es war Edith's boshafter Racheakt für eine ihr ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, was die Anschaffung eines neuen Kleides damals für mich bedeutete,« setzte Frau Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es und küsste ihr gerührt die Hand. Lili Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? Ja gewiss, aber nur die schwache Copie eines solchen. Mit dem Wesen des ächten Gretchen könnte man es nicht recht in Einklang bringen, dass sie die schwache, kränkliche Mutter sich mit dem Haushalt, den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's weit über ihre Verhältnisse glänzenden Putz abquälen liess und mit einem neuen Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten Nachbarinnen fingen an, die Thränen der Rührung dem Sohne allein zu widmen, der in unverminderter Ehrerbietung die alte Frau am Arme führte, wiewohl sie -- das lag ja klar zu Tage -- ihm das Glück seines Lebens zerstörte. Alle Welt fing an, der besorgten Mutter masslose Herrschsucht unterzuschieben; sie wolle die erste Stelle im Hause um keinen Preis einer Anderen abtreten, sie wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes herrschen. Vielleicht lauerten, ihr unbewusst, derartige Motive in ihrer Seele, aber ihr Hauptgrund war doch nur die geradezu abergläubische Besorgniss, ihr Eduard werde, ebenso wie sie einst, unglücklich in der Ehe sein. Der Spruch vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank ihren trüben Erfahrungen, auf verheirathete Menschenpaare besonders zu passen. Dass Eduard zum Hammer nicht die mindeste Anlage besass, stand fest, folglich hiess es durch Anwendung von sehr viel kaltem Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so lange als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze arbeitete mit vollem Erfolge, so lange es sich bei Eduard nur um leicht vergängliche Eindrücke handelte, aber als sein Stündlein wirklich schlug, da machte Mama betrübende Erfahrungen. Das Schlimmste war, dass sie sich selber nicht von aller Schuld freisprechen konnte, denn sie hatte die allerliebste kleine Zündbüchse in die Nähe der Pulverkammer getragen. Als Hannchen Stubenhofer, mit deren Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst zu wissen, wohin sie den kleinen Kopf sammt der dazu gehörigen reichen blonden Zopfkrone legen solle, lud Frau Hellmer sie zu sich ins Haus; und als nach einigen Wochen das flinke geschickte Ding Arbeit gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm (an der Thüre die verlockende Tafel »Erster Klasse Toiletten« tragend), da bestand die alte Dame darauf, dass sie die Sonntage vom Morgen bis zum Abend bei ihren Landsleuten, mit welchen sie auch noch eine entfernte Verwandtschaft verband, zubringe.
Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges Stück Menschheit; es ging nie, sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne ihn mit einem sehr angenehm klingenden Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. Mama Hellmer musste mehr als einmal den Kopf dabei schütteln. Wenn man es recht bedachte, hatte Fräulein Hannchen nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als sie selber einst gehabt. Auch sie stand in jungen Jahren schutzlos und auf sich selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit und erste Jugend in behaglichen Verhältnissen verbracht. Hannchen war eine elternlose Waise, schon dieses hätte sie nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen müssen, in Sack und Asche einherzugehen, sie musste sich allein durch's Leben schlagen, was sie wie einen ganz hübschen Zeitvertreib zu betrachten schien. Allerdings glückte ihr Alles, sie hatte die Finger einer Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft an die Thatsache erinnerte, dass sie arm sei, warf sie den blonden Kopf zurück, lachte und meinte: »Was thut das? ich werde mir heute oder morgen ein Vermögen erwerben.« -- Und Mama, die es nicht verstand, wie man widrige Verhältnisse mit so vergnügtem, sorglosem Gesicht bekämpfen könne, hiess sie im Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. Sie glaubte es der entfernten Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die Augen über Hannchen »offen hielt«, was sie um so leichter thun konnte, als diese gerade über der Strasse bei einem kinderlosen Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. Frau Hellmer kannte jede Kundin, die drüben aus- und einging, sie führte Buch über die Besuche, die Hannchen in ihrer freien Zeit erhielt und wusste genau anzugeben, wann und mit wem sie das Haus verlassen hatte. Aber zur Erwerbung so nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, viel Zeit, und Mama war genöthigt, ihren Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen ausser Acht zu lassen. Und als ihr endlich die Augen aufgingen, da war es beinahe zu spät. Er fing bereits an, nachzusinnen, ob das Puppenheim für eine junge Frau geräumig genug sei; sein Gesicht war in eitel Glückseligkeit getaucht, wenn der Sonntag kam und Hannchen die Base besuchte; er schritt hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften Weise durch die ganze Wohnung lief, -- einen ziemlich lächerlichen Eindruck gewährend, da er ebenso verliebt wie unbeholfen erschien --; wenn sie sang, dann horchte er begeistert und applaudirte, als gälte es der Patti, und wenn sie etwas Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht bläulich wurde. Und was das Schlimmste war, er schien vollständig mit Taubheit geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, es sei zu arg, dass Hannchen statt für ihre alten Tage, für Krankheit oder andere Unglücksfälle zu sparen, was sie verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen Hut und ging zu Hannchen hinüber, als diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit ihrer sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, am nächsten Sonntag zu Hause blieb. Und von ihrer Sternwarte aus konnte Mama beobachten, wie die zwei drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, Mama und die ganze übrige Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung bedenkend. Da galt es, rasch und entschieden einzugreifen. Nie vorher war Frau Hellmer so überzeugt von der Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, wie diesmal. War nicht auch bei ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, aus dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, ein gedankenloser Leichtsinn, eine Vergnügungssucht, die nach den Mitteln der Befriedigung nicht fragte, gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich an dem Sohne wiederholen? Nicht, solange sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise gab ihr das unbesonnene Hannchen selber die Mittel zur Vernichtung in die Hand. Mama hatte, trotzdem die frühere wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen ziemlich feindseligen Gefühlen Platz gemacht, ihren Beobachtungsposten nicht verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied gegen ehemals zu bemerken. Bisher hatte sie Hannchen überwacht, jetzt -- so ungern wir das Wort gebrauchen, es muss heraus, -- jetzt belauerte sie dieselbe. Natürlich Alles in der besten Absicht, wie sie sich wiederholt versicherte, aus einem Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der Gracchen Achtung abgenöthigt hätte. Bald hatte sie genug erspäht.
»Wer war der junge Mensch, mit dem Du vorgestern Abend ausgingst, und in dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, lachend und schwatzend, dass die ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, heimkamst?« fragte sie, als Hannchen mit einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter zusammen nicht zu schämen gehabt hatten. Das Mädchen machte heute wieder seinen Sonntagsbesuch bei der ersten Freundin, die sie in der Fremde gefunden, vermuthlich durch Eduards Versicherungen überzeugt, dass der eisige Empfang auf irgend welchem häuslichen Aerger beruht und durchaus nichts mit ihr zu schaffen gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung in ihrer eigenen Wärme übersehend, hatte sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe rollte die Frage dazwischen, und vor Schrecken -- Mama erklärte ihrem Sohne nachher aus Schuldbewusstsein -- wurde sie roth und verlegen.
»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« sagte sie bedauernd, nachdem sie sich gefasst. Frau Hellmer hatte zu erwähnen vergessen, dass sie gar nicht geschlafen, sondern beobachtend am Fenster die Zeit verbracht hatte; und so war es begreiflich, dass Hannchen versicherte: »es thut mir aufrichtig leid; aber Karl Sohmer ist solch ein drolliger Kauz, dass man lachen muss, sobald er zu sprechen anfängt, und wenn die Todesstrafe darauf stünde.«
»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen nie gehört.«
»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, vor sechs Tagen. Letzten Dienstag kam er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, wie vom Himmel herabgeweht in's Haus; er lebt in Texas und hält sich nur zu Besuch hier auf.«
»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit um so ausgesprochenerem Entsetzen, als sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes habe sich bedenklich in die Länge gezogen, »nach so kurzer Bekanntschaft gehst Du mit diesem Texaner aus! Ich verstehe die heutige Jugend nicht.«
»Er lud mich in die Oper ein, und ich konnte wohl nicht nein sagen, es hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte Hannchen ziemlich gedrückt, aber während des Sprechens lachte sie wieder und rief eifrig, »ich bin auch übrigens froh, dass ich die Einladung annahm, denn ich habe mich köstlich unterhalten und zehre an der Erinnerung, während ich über meiner Arbeit gebückt sitze.«
»Du hörst es,« sagte Mama's Miene ihrem Abgott, der sehr blass und sehr ärgerlich dasass. Er war verliebt genug und seines Erfolges bei Hannchen nicht sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu sein. Uebrigens hatte Mama noch lange nicht ihr ganzes Pulver verschossen.
»Der junge Mann scheint aus Deiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit die Ueberzeugung geschöpft zu haben, dass seine Gesellschaft Dir sehr angenehm ist, was mich auch gar nicht Wunder nimmt. -- So oft ich an's Fenster trete und zu Dir hinüberblicke, was ich aus Antheil an Dir häufig thue, sehe ich ihn in Deinem Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.«
»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte lachend und erröthend das Hannchen, »er möchte mir weismachen, dass gerade so ein wichtiges Persönchen, wie ich, dem Staate Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.«
»Der junge Mann ist sehr dreist,« brauste Eduard auf.
»O, wer denkt daran, Karl Sohmer ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er ist ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und ich freue mich auf den Ball morgen Abend, zu dem er mich geladen. Ich gehe mit der Hauswirthin.«
Sie kam nicht weiter. Das war Wasser auf Mama Hellmers Mühle; und die würdige Dame übertraf sich selber. Die Posaune des jüngsten Gerichtes kann unmöglich strafender und drohender klingen, als ihre Stimme, während sie über gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht loszog, die ganze Existenzen zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer elend macht. Hannchen, die vor der alten würdigen Frau einen ungeheuren Respekt hatte, war Anfangs zerknirscht wie eine wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte eine Bemerkung Mamas, sie würde nie einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem Dach zu wohnen, dahin aufgefasst, dass sie ihn vor die Wahl zwischen sich und dass Mädchen stelle, und so blieb er stumm, die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend, sitzen, und vermied es, die Missethäterin anzusehen. Zuletzt erwachte auch in ihr der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft abzulegen; sie werde ihr junges Leben geniessen und den Ball morgen Abend erst recht besuchen, erklärte sie. Als man sich an diesem Tage trennte, sah Mama erhitzt, aber sehr befriedigt, ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr niedergeschlagen aus; was Hannchen betrifft, so hatte sie verweinte Augen, aber einen sehr entschiedenen Zug im Gesichte, der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass sie das Haus nie wieder betreten werde. Am nächsten Abend sahen Mutter und Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, und Mama beglückwünschte sich zu ihrer Entschiedenheit. Dann aber verliess sie das Haus nicht mehr; aber als der Monat zu Ende ging, verschwand sie ganz und gar aus der Strasse. Durch Bekannte, für welche sie arbeitete, erfuhr Frau Hellmer, dass der junge Texaner allein abgereist sei und Hannchen eine Wohnung in einer entfernten Strasse gemiethet hatte. Es war klar, sie wollte ihnen nicht mehr begegnen. Mama athmete auf, sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder zum ausschliesslichen Besitz. Aber es war nicht mehr der alte, leichtvergnügte Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen Züge sich täglicher fester ausprägten; ein Mann, der ass und trank und schlief und seinen Geschäften nachging, ohne an etwas Vergnügen zu finden, ging er neben ihr her. Er sah aus, als wäre ihm der Schmelz von den Flügeln gewischt worden. Er wusste, dass Mama dem Mädchen bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er ohne sie nicht glücklich werden konnte. Aber war es möglich, sich mit einer solchen Mutter wegen seines eigenen Glücks zu entzweien? Alle Opfer, die sie für ihn gebracht, standen deutlich vor seinem Geist; und so liess er, ohne einen Versuch zur Versöhnung zu machen, Hannchen aus seinem Gesichtskreis verschwinden.
Mama war Anfangs zornig darüber, dass er den Verlust so schwer empfand. Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung zwischen ihm und den jungen Damen der Nachbarschaft vereitelt, lud selber nun oft Gesellschaft zu sich. Aber so oft Eduard es vermochte, entzog er sich dem Vergnügen durch die Flucht, und liess er sich einmal durch Ueberredung ins Besuchszimmer locken, dann sass er stumm und unbehaglich da und schien aufzuathmen, wenn die Gäste sich entfernten. Frau Hellmer war sehr stolz gewesen, dass sie ihn wieder einmal vor dem Elend seines Lebens bewahrt, aber nachgerade fing sie an der Weisheit und dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. Was half es, wenn sie für die Möglichkeit seines Unglücks, das eine leichtsinnige, vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen hätte, die Gewissheit desselben eintauschte. Er klagte nie und machte ihr keine Vorwürfe, aber dass er unglücklich war, konnte ihr jeder Blick und sein blasses, ernstes Gesicht sagen. Und da fasste sie nach langem hartem Kampf einen heldenmüthigen Entschluss. Der nächste Tag sah sie neben Hannchen Stubenhofer in deren Zimmer sitzen, (auch nicht mehr das Hannchen von ehemals, denn es fing keinen Satz mit Lachen mehr an und endete ihn auch nicht damit). Im Ganzen sah sie wie das richtige Gegenstück zu Herrn Eduard Hellmer aus. Da wurde es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb sie gekommen. Aber Hannchen schüttelte den Kopf:
»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin. Ich bin in Ihrem Hause beleidigt worden, nun setze ich keinen Fuss mehr hinein.«
Mama war enttäuscht; sie hatte sich es schön ausgemalt, wie sie ihrem Sohn mittheilen wolle, es sei ein seltener Gast da; wie sie sodann die Thüre des Besuchszimmers öffnen, ihn allein eintreten lassen und erst nach einer gut gemessenen Viertelstunde mit zum Segnen erhobenen Händen nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn verdarb den feinen Plan.
Da steckte sich Mama denn hinter eine ältliche Landsmännin und Busenfreundin, in deren Hause das Mädchen in der nächsten Zeit beschäftigt war. Hannchen nahm, um alter Freundschaft willen, eine Ausnahmsstellung in dem Hause ein; nach der Arbeit verbrachte sie gewöhnlich den Abend als gleichberechtigtes Glied im Kreise der Familie. Allerdings fiel es ihr auf, dass man nach dem Abendessen sich in die Stube begab, von der sonst der Spruch galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum Zeit gefunden, sich zu verwundern, da klingelte es, und herein rauschte Mama Hellmer, gefolgt von ihrem, durch die feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen veranlassten Sohn. Frau Hellmer, die sehr anregend sprechen konnte, wenn sie sich die Mühe dazu nahm, fesselte nicht nur die Freundin, sondern auch noch deren Töchter und den Hausherrn. Hannchen hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich von früher her, um was es sich handelte. Er stand ziemlich linkisch vor dem jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen Miene gemacht, zu entweichen; doch las sie in seinen Augen eine so herzliche Bitte und hörte aus seinem Munde so viele gute, versöhnende Worte, dass sie den Fluchtplan aufgab. Den ganzen Abend sah man die zwei sehr eifrige Gespräche führen, doch vernahm Niemand etwas davon, denn sie klangen sehr leise und schienen nur für das nachbarliche Ohr berechnet.
Mama Hellmer hat vor Kurzem die Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über die sehr unbotmässige Vasallin, welche die Kochtöpfe zu überwachen und den Besen zu schwingen hat, der jungen Herrin des Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, dass die unerfahrene Frau Hellmer das Regiment zur vollen Zufriedenheit der alten, weisen, unfehlbaren Frau Hellmer führt, so würde man mich beschuldigen, dass ich die Grenzen poetischer Freiheit übersteige und Unwahrscheinliches berichte. Aber Hannchen hat solch einen eingewurzelten Respekt vor Mama, fragt sie so häufig um Rath und, was mehr ist, befolgt denselben auch, dass Schwiegermütterchen, von dem die ganze Nachbarschaft vermuthete, es werde aus langer Herrschergewohnheit den Frieden des jungen Haushalts gefährden, ein viel angenehmeres, zufriedeneres und leichter zu behandelndes Schwiegermütterchen geworden ist, als man es sonst von ihren Schwestern behauptet.
DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.
Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog, nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten. Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück. Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn; mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen, nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und -- was mir zumeist an's Herz griff -- meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und, die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.
Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit, dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte Heimath.
Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an, denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«, Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen, ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt hätte.