Part 5
In voller Fahrt! Der Windhauch des Schiffes, das in Bingen noch viele Reisende aufnahm, fächelt auf dem Oberdeck Kühlung uns zu. Neben uns sitzt eine holländische Familie, dort stehen zwei Engländer, in modefarbene Anzüge gekleidet, und aus einer anderen Gruppe klingen französische Laute an unser Ohr. Ein Stelldichein der Nationen Europas! Vater Rhein kennt sie alle; denn er plaudert eine lange Geschichte. Aber ob ehemals Freund oder Feind, gastlich sind sie alle geladen, und allen lacht des Landes Schönheit. Wir fahren in engem Tale. Als wären wir in einem norwegischen Fjorde, so schauen wir vor uns und hinter uns in eine riesige Schlucht. Aber anders ist das Bild der hochragenden Bergwände. Fast ebenso schroff steigen sie an manchen Stellen empor. Aber überall hat des Menschen Hand sie berührt, überall hat sie die Rebe gepflanzt, war es auch noch so mühsam, die Terrassen zu ebnen und fruchtbares Erdreich auf den nackten Fels zu tragen. Frühere Geschlechter, schon in römischer Zeit, versuchten’s, und die heutigen Winzer wissen nicht anders, als das mühevolle Werk zu erhalten und noch vollendeter zu gestalten. Leisteten doch noch Kühneres die Vorfahren! Dort auf Bergeshöhe gar ein stolzer Bau! Mauern, zinnengekrönte Türme! Eine alte Ritterburg! Faitz-, Vauts- oder Voigtsberg nannte sie die Geschichte, zum erstenmal im Jahre 1279. Wer ihr Erbauer war, meldet sie nicht. „Burg Rheinstein“ (Abb. 58) ist ihr jetziger Name. Der stolze Bau sah den Glanz der Ritterzeit, erprobte seiner Mauern Stärke in manchem Kampfe, bis ihn die Raubscharen der Franzosen 1689 in Schutt und Asche legten. Verschwundene Herrlichkeit! Doch mit dem Gestein, das, von der Fuge getrennt, in Trümmer fällt, stirbt nicht des Menschen Geist. Das glänzende Bild früherer Zeiten lebt in ihm weiter, und nun sucht er es zu gestalten, in altem oder noch schönerem Glanze. So fanden auch viele Burgen am Rhein ihre Wiedererbauer. Burg Rheinstein ließ Prinz Friedrich von Preußen, dessen Grab sich in der Burgkapelle befindet, neu aufführen. In der neuen Gestalt bringt sie die Bauweise und Anlage der mittelalterlichen Burgen vortrefflich zur Anschauung. Aus dem Rittersaal, dem Prachtraum des Herrenhauses oder Pallas, schauten die Ritter und Burgfräulein hinab in das Rheintal. Luftiger noch wohnte der Wächter, der auf dem höchsten Turme, dem mächtigen Bergfried saß, der bei einer Belagerung der Burg im Falle der Gefahr die letzte Verteidigungsstellung bildete. Zu den notwendigen Bestandteilen einer Burg gehörten noch Torburg, Küche und Brunnen. Nach der Angriffsseite ragte die mächtige Schildmauer auf. Nur eine Zugbrücke, die gewöhnlich über einen tiefen Abgrund führte, stellte die Verbindung mit der Außenwelt her. War sie hinaufgezogen, so konnte niemand in die Burgfeste eindringen. Hinter seinen Mauern konnte der Ritter jedem Feinde Trotz bieten. Aus diesem Gefühl der Sicherheit wuchs der kühne Geist des Rittertums hervor.
[Sidenote: Falkenburg. Sooneck. Heimburg.]
Weiter geht die Fahrt. Da ist kein Auge, das nicht die neuen Bilder mit Spannung erwartet und freudig grüßt. Im Reisehandbuch und auf der Karte wird aufmerksam die Fahrt verfolgt. Sollen doch die schönen Bilder weiter leben, zusammen mit ihren berühmten Namen! Längst liegt Aßmannshausen (Abb. 59) hinter uns, und auch Burg Rheinstein auf der anderen, der linken Rheinseite entschwindet jetzt unseren Blicken. Die lange Häuserreihe des Ortes Trechtingshausen, überragt von den Ruinen der Falkenburg (Abb. 60), einer der Raubburgen, die der rheinische Städtebund 1252 zerstören ließ, gleitet vorüber.
Dann steigt, über dem Eingang einer engen Bergschlucht, der schlanke Turm der prächtigen Burg Sooneck (Abb. 61) empor. Auch sie erstand durch Fürstengunst aus ihren Trümmern. Der „Prinz von Preußen“, der spätere Kaiser Wilhelm ~I.~, erwarb sie zusammen mit seinem Bruder Prinz Karl von Preußen und ließ sie von 1834 ab neu herstellen. Ihr erster Erbauer war der Erzbischof Willigis von Mainz, der zu Anfang des elften Jahrhunderts lebte. Aber später wurde sie, gleich der Falkenburg, ein Räubernest, und König Rudolf von Habsburg ließ sie zerstören. Neu erstand sie aus ihrem Schutt, bis spätere Zeiten sie wieder zerstörten. Daß die Burg Sooneck auch in unserer Zeit in neuer Pracht hergestellt wurde, verdankt sie der prächtigen Aussicht, die sie darbietet. „Seeartig erscheint von den Zinnen der Burg aus in ruhiger Majestät der Spiegel des Stromes, grüne Inseln spiegeln sich in seinem Bette, und die üppigen Weingelände von Lorch (Abb. 62) und Trechtingshausen scheinen sich auf den Strommauern fortsetzen zu wollen. Wild starren über den Weinbergen, die rechts den edlen Bodentaler liefern, die Felsklippen empor; ein Bergpfad durchzieht die finstere Schlucht der Burg zu Füßen; er führt auf des Soonwaldes wildreiche Höhen, wo der Eber noch den Boden aufwühlt und der Hirsch mit den gewaltigen Stangen den Buchenwald durchästet“ (Mehlis).
[Sidenote: Lorch.]
Bis südlich von Lorch (Abb. 62), das schmuck auf dem rechten Ufer bald vor uns auftaucht, während links das langgestreckte Dorf Niederheimbach und die Heimburg grüßen, bauen sich die Talwände aus Taunusquarzit auf. Es war ein mühevolles Werk, das der Rheinstrom beim Einsägen in dieses harte Gestein auszuführen hatte. Noch hat er es nicht ganz vollendet, noch lauern überall Quarzriffe unter seinem Wasserspiegel, besonders bei niedrigem Wasserstande die Schiffahrt sehr gefährdend. An vielen Stellen mußten, wie am Binger Loch, umfangreiche Sprengungen vorgenommen werden, um diese überhaupt möglich zu machen. Auf der folgenden Strecke, auf der der Rhein den Hunsrückschiefer zu durchfurchen hatte, war das Werk wohl leichter. Aber manche harte Felsbänke durchsetzen auch dort den Strom und lassen ihn wild aufbrausen, so am Wilden Gefährt bei Bacharach, ferner bei Caub, wo die Pfalz, eine kleine Burg, auf einem Felsen mitten im Strom erbaut ist, sowie besonders auf der Strecke zwischen dem Kammereck und der Lorelei. Mit dem Eintritt in den Hunsrückschiefer geht zugleich eine große Veränderung in dem Gepräge der Landschaft vor sich. Während der Quarzit eine ziemlich gleichmäßig zusammengesetzte Gesteinsmasse bildet, ist der Schiefer in seinen einzelnen Lagen oft sehr verschieden beschaffen und von ungleicher Härte. Infolgedessen sind die Formen, die die Verwitterung und die gewaltsame Zerstörung durch den Strom und der einmündenden Bäche entstehen ließen, mannigfaltiger, und malerischer ist das Bild der Felswände, die ihre wuchtige Gesamterscheinung durch einen reichen Wechsel zwischen beleuchteten kleinen Vorsprüngen und dunkeln Klüften beleben können.
Zwischen trotzigen Schieferwänden geht also die Fahrt weiter. Schon gleich die Ruinen der hinter dem Städtchen Lorch aufragenden Burg Nollich zeigen sich uns auf zackigem Schieferberge. Ein scharfer Felsgrat tritt aus dessen südwestlichem Abhange heraus, die Teufelsleiter genannt. Ein Ritter von Lorch soll einst an dieser Stelle hinaufgeritten sein, um durch diese kühne Tat die Hand eines Edelfräuleins zu erringen. Lorch selbst ist ein sehr alter Ort. Schon 844 wird es als Lorecha erwähnt. Im Mittelalter wohnten daselbst viele Adlige, die, nach dem Wortlaut einer Urkunde, ein „Leben wie im Paradiese“ führten. Auch heute hat Lorch noch manche historisch interessante Gebäude. Die aus dem dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhundert stammende Martinskirche, die sich durch ihr herrliches Geläute auszeichnet, enthält mehrere bemerkenswerte Grabdenkmäler, so das Denkmal des Ritters Johann Hilchen von Lorch, eines Waffengenossen Sickingens, der „in den Zügen gegen den Erbfeind, den Dürcken, und den König zu Francreich in den Jahren 1543 und 1544 oberster Veltmarschalck“ war. Auch das fünfstöckige Wohnhaus dieses Ritters wird in Lorch noch gezeigt.
[Sidenote: Wispertal. Fürstenberg. Bacharach.]
Bei Lorch mündet das Wispertal in das Rheintal. Kalte Winde führt es diesem zu, Bergwinde, die die im Rheintale aufsteigende warme Luft zu ersetzen suchen und dem Weinbau viel Schaden zufügen.
Von Lorch und Burg Nollich wenden wir den Blick ab und schauen nach links auf die gegenüberliegende Bergwand, die den kalten Windhauch des Wispertales empfängt. Von der Höhe grüßen uns die Ruinen der Burg Fürstenberg. Einst fuhr ein neugewählter deutscher Kaiser, Adolf von Nassau war es, hier vorbei, auf dem Wege zur Krönung nach Aachen. Da gebot die pfälzische Besatzung dieser Burg seinem Schifflein Halt und forderte trotzig den Rheinzoll. So geschehen im Jahre 1292. Noch sinnen wir nach über eines solchen Kaisers Herrlichkeit, der seine Kaiserwürde verzollen mußte, da taucht, schimmernd im Lichtglanze des Tages, das alte ehrwürdige Städtchen Bacharach (2000 Einw.) (Abb. 63) aus den Fluten vor uns auf. Malerisch überragen es die roten Sandsteinbogen einer gotischen Kirchenruine und die weitläufigen Mauertrümmer der oft und heiß umstrittenen Burg Stahleck. Das Schiff mäßigt die Fahrt, um an der Landebrücke anzulegen, und in Muße können wir das Bild betrachten, dessen einzelne Züge so viele historische Erinnerungen in uns wecken. Die mittelalterlichen Stadtmauern, die von der Burg herabkommen und noch fast die ganze Stadt umschließen, machen uns schon klar, daß diese eine lange Geschichte zu erzählen weiß. Im Mittelalter wurde kaum ein Ort mehr genannt als Bacharach, und auch in der weiten Welt war es überall bekannt. Kamen doch von dort die herrlichsten Weine, wie Widtmanns musikalisches Kurzweil aus dem Jahre 1632 uns meldet, worin es heißt:
Zu Klingenberg am Main, Zu Würzburg an dem Stein, Zu Bacharach am Rhein, Hab’ ich in meinen Tagen Gar oftmals hören sagen, Soll’n sein die besten Wein’!
[Sidenote: Bacharach. Stahleck.]
Wohl haben Bacharachs Rebengehänge eine günstige Lage; denn unterhalb der Stadt macht der Rhein eine Biegung, so daß auf dieser Strecke die linke Bergwand mehr Sonnenbestrahlung und den warmen Hauch von Süden empfängt. Aber dennoch ist die Lage nicht so hervorragend günstig, und es sind nur mittelmäßige Weine, die bei Bacharach und in der Umgegend, so im Blüchertal, das den beliebten Steeger liefert, wachsen. Der hohe Ruf der Weine von Bacharach in früherer Zeit hatte einen anderen Grund. Im Mittelalter war die Stadt der Stapelplatz für die meisten Weine, die im oberen Rheintal und in dem angrenzenden Rheingau, der besten Weingegend Deutschlands, wuchsen. Die zahlreichen Felsklippen im Rhein machten nämlich die Schiffahrt zwischen Bacharach und Bingen fast unmöglich. Die herrlichen Rheingauer Weine mußten auf Fuhren nach Bacharach gebracht werden und wurden dort erst auf die Schiffe verladen. So galten sie als Bacharacher Weine. Die frühere Bedeutung hat Bacharach mit der Erweiterung der Rheinschiffahrt und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes verlieren müssen. Doch besitzt es noch immer einige Bedeutung auf dem Gebiete des Weinhandels. Denn in den Tälern von Steeg, von Oberdiebach und Manubach wächst eine Fülle von Wein. Im Innern macht Bacharach einen altertümlichen Eindruck. Noch viele alte Fachwerkbauten, Giebelhäuser mit weit vorstehendem und dadurch schwerfällig überhängendem Obergeschoß engen die Straßen ein. Ein altberühmtes Fachwerkhaus mit turmartigem Erker, das aus dem Jahre 1568 stammt, wurde 1897 zum Teil auf Staats- und Provinzialkosten neu hergestellt. Hinter der spätromanischen Peterskirche steigt auf einer kleinen Anhöhe der auch als Mauerruine noch schöne Bau der ehemaligen Wernerskirche vor uns auf. In zierlichem gotischem Stil war diese 1293 in Form eines Kleeblattes erbaut worden; das Maßwerk in den Fensteröffnungen, in denen nun der Wind sein Spiel treibt, veranschaulicht noch die edlen Formen des Baues. Nun hinauf zur Burg Stahleck! An der Einmündung des breiten Steeger- oder Blüchertales, das den Zugang zur Hochfläche des Hunsrück bildet und auch von Blücher als Marschroute auf dem Zuge nach Frankreich gewählt wurde, gelegen, war sie ein strategisch wichtiger Punkt. Nicht weniger als achtmal wurde sie im Dreißigjährigen Krieg, zwischen 1620 und 1640, nebst der Stadt von den Franzosen erobert, die sie auch 1689 zerstörten.
[Sidenote: Die Pfalz. Caub. Oberwesel.]
Von Eindrücken, die frühere oftmalige Einkehr im alten Bacharach zurückgelassen hatte, durfte ich in Kürze erzählen. Nur zu schnell setzt sich unser Schiff „Lohengrin“ wieder in Bewegung, und neue Bilder verdrängen die alten. Die zierliche Pfalz, mitten im Strome gelegen und von dessen Wogen oft wild umbraust, läßt uns vorübergleiten, und rechts begleitet uns die lange Häuserreihe von Caub, überragt von der Burg Gutenfels, die vor kurzem ausgebaut wurde. Am Ufer steht, der Pfalz gegenüber, seit 1894 ein Denkmal Blüchers (Abb. 65). Es ist die Stelle, wo dieser mit einem preußischen und einem russischen Armeekorps in der Neujahrsnacht 1813/14 den Rhein überschritt. Mit Hilfe der Cauber Schiffer wurde die Pontonbrücke geschlagen, für die die Felsklippe der Pfalz einen vortrefflichen Stützpunkt darbot. Bei Caub wird der beste rheinische Dachschiefer gewonnen. In dem schwärzlichen Gestein, dessen Farbe die Sonnenstrahlen stärker auf sich sammelt, gedeiht auch vortrefflich die Rebe.
Mit freudigem Staunen wenden wir uns dann dem prächtigen Bilde zu, das am linken Stromesufer im Rahmen einer der schönsten Landschaften des Rheintales erscheint, dem mit Kirchtürmen, Ringmauern und zinnengekrönten Türmen reich geschmückten Städtchen Oberwesel (2800 Einw.) (Abb. 64). Von der Bergeshöhe schaut ernst die in Trümmern liegende Schönburg hinab auf die freundlichen Gärten im Tale, aus denen schmuck die zahlreichen Landhäuser Oberwesels herauslugen.
[Sidenote: Die Lorelei.]
Bei Oberwesel beginnt die schönste Strecke des Rheintales. Hinter der hochragenden Felsmasse des Roßsteins stürmt der Rhein, in seinem Laufe umbiegend, in die enge Felsenspalte des Kammereck hinein, und bei einer neuen Biegung des Stromes fällt unser Blick auf eine andere trotzige Felsklippe, die unmittelbar aus dem Strome, 132 ~m~ über dessen Spiegel, emporsteigt. Es ist der sagenumwobene Loreleifelsen (Abb. 66). Die zackig auslaufenden Schichten seines schiefrigen Gesteins steigen zum Strome hin an, so daß man das Gefühl bekommt, als ob der Bergkoloß im Begriff wäre, sich aus den Fluten herauszuheben. Wer das Glück hat, beim Sonnenuntergang, wenn die Abendröte die Bergesspitze golden bemalt, oder im Mondenschein, wenn gespensterhafte Schatten den schroffen Berg umspielen, den Anblick des Lurleifelsens zu genießen, der glaubt auf dem hohen Bergesgipfel die schöne Jungfrau, von der die Sage erzählt, zu schauen. Auch den Schiffer kann er sehen. Zum Fischfange fährt er hinaus auf den Strom. In dem kühlen, wenig von der Sonne erwärmten Wasser am Loreleifelsen hält sich mit Vorliebe der Salm, der beste, schmackhafteste und teuerste aller Rheinfische, auf. Dort lockt den Fischer ein guter Gewinn, und mancher mag beim Fischfange die verborgenen Felsklippen nicht genug beachtet haben. Aber die Sage vergoldet, gleich dem Abendrot, das golden die Spitze des Loreleifelsens malt, in einem sinnigen Bilde den ernsten Zug des Fischerlebens. Sie läßt den jungen Fischer lauschen auf das liebliche Singen, das geheimnisvoll, mit gewalt’ger Melodei, von der umgoldeten Bergesspitze hernieder klingt.
Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar, Ihr gold’nes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldenes Haar. Sie kämmt es mit goldenem Kamme Und singt ein Lied dabei, Das hat eine wundersame, Gewalt’ge Melodei.
Dem Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh, Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh’. Ich glaube, am Ende verschlingen Die Wellen noch Schiffer und Kahn, Und das hat mit ihrem Singen Die Lorelei getan.
(¯Heine.¯)
Die Abstammung des Wortes Lorelei ist nicht völlig aufgeklärt. Die einen wollen es, an das schöne Echo, das vom Berge widerklingt, erinnernd, als „lauter Fels“ deuten. In der Bibelübersetzung Luthers wird „lören“ in dem Sinne von „heulen, laut jammern“ gebracht. Die Übersetzung „Totengesangfelsen“ würde zu der mit der Lorelei verknüpften Sage passen.
Von den steilen Bergwänden, die sich bis auf 165 ~m~ einander nähern, während die Breite des Rheines bei Rüdesheim 830 ~m~ beträgt, eingeengt, mußte der gefesselte Strom mit um so größerer Gewalt sich an den Felsen brechen, die in seinem Bette aufragten. Bis zu einer Tiefe von 27 ~m~ hat er dasselbe ausgefurcht. Tiefdunkel sind daher seine Fluten, in die aber früher hier und da einzelne härtere Felsklippen höher, gefahrdrohend für die Schiffahrt, hinaufragten, bis Sprengungen sie beseitigten. Der helle Sonnenschein, der unserer Rheinfahrt lacht, gibt nicht das rechte Stimmungsbild in diesem engsten, schluchtartigen Teile des Rheintals. Wenn Gewitterwolken über dem Strome sich ballen oder die Rheinnebel durch das Tal wallen, wenn aus dem Wolkengrau, dem weißen Nebelschleier wie schwarze Mauern die trotzigen Bergwände mit den Trümmerresten der Burgen herausschauen, dann erst entsteht eine Stimmung, die in diese Landschaft hineinpaßt und uns ein düsteres Fjordbild von Norwegens felsiger Küste vortäuschen könnte.
[Sidenote: St. Goar. Rheinfels. Katz und Maus. Die Brüderburgen.]
Unterhalb des Loreleifelsens wird der Rhein wieder breiter, und bei St. Goarshausen, dem das alte Städtchen St. Goar (Abb. 67) gegenüberliegt, fand sich sogar Raum genug zur Anlage eines Sicherheitshafens, in dem die Schiffe zur Winterzeit vor dem Eisgange oder zu anderen Jahreszeiten vor plötzlich eintretendem Hochwasser Schutz suchen können. Während über St. Goarshausen der hohe Turm der 1393 erbauten Burg Katz (Abb. 68) emporragt, ist St. Goar durch die Ruinen der umfangreichen Burg Rheinfels (Abb. 69), die mehr als 100 Jahre älter ist, malerisch geschmückt. Die Besitzer dieser beiden Burgen waren die Grafen von Katzenelnbogen, die eine Stunde landeinwärts auch die Burg Reichenberg (Abb. 70) besaßen. Spottweise nannten diese eine andere Burg, die wenig unterhalb von der rechten Talwand herniederschaut, die Maus. Dann erscheinen auf derselben Seite, nach einer längeren Strecke, auf wildgerissenen Felsen die Trümmer der beiden „Brüderburgen“ Liebenstein und Sterrenberg. Eine tiefe Schlucht trennt die beiden Burgen voneinander, über die die Geschichte wenig Verbürgtes zu melden weiß. Gesprächiger ist die Sage. Sie erzählt von zwei Brüdern, die, nachdem sie ihre blinde Schwester bei der Erbschaftsteilung betrogen haben, selbst miteinander in heftigen Streit geraten und sich gegenseitig töten. Anders berichtet Horn die Sage. Zwei Brüder liebten eine Maid -- Gräfin Laura nennt Heine sie -- und gerieten darüber in Streit.
„Wehe! Wehe! Blut’ge Brüder! Wehe! Wehe! Blut’ges Tal! Beide Kämpfer stürzen nieder, Einer in des andern Stahl.“
(¯Heine.¯)
[Sidenote: Salzig.]
Gegenüber den beiden Brüderburgen und dem Kloster Bornhofen, einem vielbesuchten Wallfahrtsort, liegt, umschattet von Hunderten von Kirschbäumen, das Dörfchen Salzig. Im Frühling entfalten die Kirschenhaine einen Blütenschmuck, daß das Auge, wie schon Wolfram von Eschenbach sang, „schier trunken wird ob solcher Pracht“. Im Juni aber, wenn die Kirschenernte stattfindet, fließt ein reicher Goldsegen in den berühmten Kirschenort. In kleinen Körbchen wandern die rotbackigen süßen Früchte auf den Kirschenmarkt nach Coblenz, wo zahlreiche Händler aus allen Städten des Niederrheins, sowie aus Holland und England sich einfinden. Bei guter Ernte soll Salzig einen Erlös von 200000 Mark aus seinen Kirschen machen. Auch die Rheinorte, die weiter unterhalb vom baumgeschmückten Strand grüßen, wie Camp, das Städtchen Boppard, ferner Filsen, Osterspay, Ober- und Niederspay, treiben neben dem Weinbau einen bedeutenden Obstbau. Im Frühling sind diese Ortschaften von dem weißen Blütenmeer der Kirschbäume, in dem hier und da, wie ein duftiger Strauß, das liebliche Rosa eines Pfirsichbaumes erscheint, umrahmt.
[Sidenote: Boppard.]
Zwar lacht nicht des Frühlings Blütenpracht bei der Ankunft unseres Schiffes, des stolzen „Lohengrin“, im gastlichen Boppard (6600 Einw.) (Abb. 71). Aber der Schmuck der schönen Gärten, die die zahlreichen Villen umgeben, erfreut unser Auge und lockt mehr noch die, welche mit ihrem Reisebündel bereit stehen, das Schiff zu verlassen. Genußreiche Wanderungen werden sie hinauf führen zur Bergeshöhe, wo der Landschaft Pracht zu ihren Füßen liegt, zum Vierseenplatz, wo sie den sich krümmenden Rheinlauf vierfach zwischen den Bergen aufblitzen sehen, oder in das anmutige Mühltal (Abb. 72). So heiter lacht des Lebens, der Gegenwart frischer Reiz, und fast vergessen wir, den Geist in die lange Geschichte zu versenken, von der Boppard zu erzählen weiß. Von den Kelten wurde das alte Bodobriga gegründet. Die Römer errichteten daselbst ein Wurfmaschinendepot (~balistarii Bodobricae~). Im vierten Jahrhundert n. Chr. wurde der Ort von ihnen von neuem stark befestigt. Bedeutende Reste dieser spätrömischen Festungsanlage sind noch erhalten. Es konnte festgestellt werden, daß dieselbe ein Rechteck von etwa 300 ~m~ Länge und halber Breite bildete und von einer 3 ~m~ dicken und 8 ~m~ hohen Ringmauer, in der sich vier runde Ecktürme und 24 halbrunde Mauertürme befanden, umgeben war. Im dreizehnten Jahrhundert wurde Boppard, das seit dem zwölften Jahrhundert freie Reichsstadt gewesen war, zusammen mit Oberwesel an den Erzbischof von Trier verpfändet. Von mittelalterlichen Gebäuden sind besonders die in der Mitte der Stadt gelegene spätromanische Pfarrkirche, deren alte Malereien 1894 und 1895 sorgfältig erneuert wurden, die gotische Karmeliterkirche und die ehemalige kurtriersche Burg, die jetzt als Amtsgericht dient, zu nennen.
[Sidenote: Die Bopparder Hamm. Marksburg.]